Leonardo Padura: Adios, Hemingway

Früher oder später im Leben eines Lesers, der dann Schriftsteller wird – meist geschieht das in der Jugend – kommt man an der tragikkomischen Gestalt Hemingway nicht vorbei. Meist wird man durch sein abenteuerliches Leben auf seine Bücher aufmerksam und sieht sich dann einer schnörkellosen, aber auch ziemlich geistlosen Prosa gegenüber. Warum ausgerechnet dieser Mann den Literaturnobelpreis bekam und nicht der ihm literarisch haushoch überlegene Scott Fitzgerald, war mir persönlich so lange ein Rätsel, bis ich begriff, dass Nobelpreise der Literatur nicht unmittelbar mit der Qualität der Literatur zusammenhängen, sondern in erster Linie ein Politikum darstellen. Die Literatur wimmelt von zweifelhaften Gestalten, aber Hemingway ein Arschloch zu nennen, ist das Mindeste, das man für ihn tun kann. Nicht er, sondern sein Image hat 1954 den Nobelpreis bekommen. Legt man seine Außendarstellung neben den Zeitgeist der 50er Jahre, wird der Grund offensichtlich. Seine Lust am Töten, sein übersteigerter Männlichkeitswahn, zur Schau gestellter Mut und Tapferkeit bei gleichzeitiger künstlerischer Feigheit haben schon Faulkner zu sarkastischen Äußerungen getrieben.

Leonardo Padura hält in seiner kleinen Novelle die Schwebe zwischen dem bewunderten Schriftsteller und den Leichen im Keller (oder dem Garten) der Finca Vigia auf Kuba, wo Hemingway sich die meiste Zeit seines Lebens aufhielt, auch wenn er seine allerletzten Jahre in Ketchum, Idaho verbrachte. Tatsächlich nutzt Padura seinen Ermittler Mario Conde, der den Polizeidienst längst quittiert hat, um herauszufinden, ob Hemingway für den Mord an einen FBI-Agenten, den man im Garten der Finca unter dem ehemaligen Hahnenkampfplatz samt Polizeimarke fand, verantwortlich sein könnte. Das ist nach 40 Jahren natürlich so gut wie unmöglich, aber es geht in dieser Geschichte nicht so sehr um einen Kriminalfall – das ist bei Padura nie der Fall. Da Hemingway mittlerweile ein fester Bestandteil der Kubanischen Folklore ist, kann Padura hier über sein Verhältnis zu diesem in dunklen und hellen Kreisen schillernden Schriftsteller resümieren und gleichzeitig eine Menge Lokalkolorit einbinden. Natürlich bleibt die Frage, wie Padura den kleinen Roman geschrieben hätte, wenn er nicht vorsichtig sein müßte, was er schreibt, um auf Kuba keine Schwierigkeiten zu bekommen. Andererseits hat man zu keiner Zeit das Gefühl, es werde etwas zurückgehalten. Mit ihrer sehr angenehmen Sprache wechselt die Erzählung zwischen Conde im Jetzt und Hemingway, kurz bevor er Kuba für immer verließ. Was wirklich geschah, läßt Padura konsequenterweise offen.

David Mitchell: Slade House

Slade House besteht aus fünf miteinander verflochtenen Geschichten, die jeweils neun Jahre auseinanderliegen. Von 1979 bis 2015. Die Protagonisten sind ganz unterschiedliche Charaktere – ein 13jähriger Junge, ein Polizist, eine Studentin, die neugierig auf Geister ist, eine Journalistin (und Schwester der Studentin) – werden in ein Haus gelockt, wo sie es mit gestaltwandlerischen dunklen Mächten zu tun bekommen.

Mitchell ist ein Autor, der seine Geschichten gerne faltet, für den die Wirklichkeit nicht von Zeiten und Räumen dominiert wird. Aber diese „Faltungen“ sind immer auch Erlebnisfragmente der Protagonisten, die hier verdichtet werden.

Für die Mitchell-Kenner gibt es gleich zu Beginn eine Begegnung mit der „mondgrauen“ Katze, die bisher in jedem Buch auftaucht, aber diesmal ist sie tot, die Augen von dicken Fliegen besiedelt. Die Nachricht ist klar: Hier gibt es keine Hilfe, niemand wird kommen, um den Tag zu retten.

Für Mitchell gibt es nie die eine große Erzählung. Seine Arbeit besteht aus unzählig vielen kleinen Details, aus einer Fülle von Geschichten, denen der sinnhafte Zufall als Kitt gilt. Damit kommt er der Wirklichkeit so nahe wie andere Autoren eben nicht. Tatsächlich ist es an der Zeit, den Begriff „mitchellesk“ einzuführen, und das bedeutet bei vorliegendem Werk, dass es einen ästhetisch-erhabenen Horror präsentiert, der seinen Schrecken ausbalanciert und literarisch ohnehin genuin geschildert ist. Deshalb ist Mitchell auch weit weg vom Genre-Kitsch und seinen Gewaltexzessen, aber auch von der klassischen Atmosphäre. Wenn es aus einer Spukgeschichte noch etwas Originelles herauszuholen gab, dann ist es hiermit geschehen. Wenn man, wie Mitchell, eine Geschichte alles sein lässt, dann wird sie einzigartig sein.

Abgesehen davon wird hier die traditionelle Art, Horrorgeschichten zu erzählen, umgangen. Es scheint so, als wäre die erste Geschichte das Original und alle anderen Kapitel die Fortsetzungen davon.

Diese fünf Teile sind eine Zusammenstellung möglicher Geistergeschichten. Die erste ist eine „pharmazeutische“ Geistergeschichte. Nathan hat seiner Mutter die Valium-Tabletten geklaut und denkt, dass alles, was er erlebt, von dieser Droge stammt. Der Protagonist in der zweiten Geschichte ist ein Ungläubiger, ein Polizist, der an die Ordnung glaubt. Das ist die „psychiatrische“ Geistergeschichte: was passiert steckt in den Köpfen und nicht außerhalb. In der dritten Geschichte ist die Protagonistin ziemlich passiv, sie ist ein Opfer der Erzählung. Diese Geschichten sind Variationen, drei Geistergeschichten, die die Wiederholung als Stilmittel nutzen, um den Leser zu verwirren. Die vierte ist eine Meta-Geistergeschichte – der historische Hintergrund des Ganzen wird hier enthüllt. Und dann gibt es die Coda, die schließende Geschichte, erzählt aus der Sicht des Geistes. Hier wird man als Leser fast dazu verleitet, zu vergessen, dass diese Wesen Monster sind.

Diese fünf Akte sind nicht willkürlich gewählt. Mitchell entnimmt sie dem elisabethanischen Drama. Durch diese Zahl entsteht ein Muster, das in längeren Stücken die Unausweichlichkeit aufbaut. Etwas geschieht erneut. Und das spiegelt genau die Haltung des Lesers weider. Er kennt diese Geschichten, er hat schon ein paar Variationen davon gelesen, vielleicht sogar sehr viele. Er weiss, wie es endet, und es wird schrecklich sein. Er weiss, was er bekommt. Und er will es wieder. Warum?

Mitchell selbst sagt, es sei die Idee der Bühne. Wir flirten mit der Vorstellung, dass die vierte unsichtbare Wand nicht da ist, und das Genre tut sein bestes, uns davon zu überzeugen, dass diese vierte Wand nicht da ist, und dass der Schrecken sich auf macht, uns zu erreichen. Wir mögen diese Angst, sie gibt einer Geschichte Textur und Geschmack. Geschichten über das Übernatürliche überzeugen uns sehr gut davon, dass es nicht nur Geschichten sind. Und wir spielen mit, mehr als in allen anderen dramatischen Formaten.

Oft basieren Geistergeschichten auf der merkwürdigen Prämisse, dass die Geister an einen bestimmten Ort gebunden sind. Mitchell geht hier anders vor, er liefert (in Kapitel 4: „Du stilles Wasser du“) die Begründung, warum das im Fall der beiden Entitäten Norah und Jonah so ist. In Bezug auf die Motive lässt er unausgesprochene Tropen nicht gelten. Mitchell geht sogar so weit, zu sagen, dass die Toten in den meisten Geschichten ihren Ort nicht verlassen, weil sie nicht wissen, dass sie tot sind. Sie bleiben, weil sie denken, ein Recht darauf zu haben, hier zu sein, und diese verdammten Menschen dringen in ihre Räume ein und ignorieren sie einfach. Oder sie wurden durch Schuldgefühle, Missbrauch oder unerledigte Geschäfte aus der Normalität verbannt.

Slade House ist eine schnelle Lektüre, eine willkommene Abwechslung, aber man tut sich keinen Gefallen, wenn man durch die Seiten rast, man bringt sich um den Genuss. Das letzte, das wir von Mitchell erwarten konnten, ist Einfachheit. Hier aber schillert sie in jedem Satz, poliert zu einer höllischen Bronze.

 

Mit Dank für das Rezensionsexemplar an Rowohlt.