Sterntaler

Der Knecht auf dem Boden : schraubt mit der rechten Hand am Traktor herum, seine linke hält den klobigen Becher zu ihr hoch, würdigt sie keines Blickes, wie sie die Kanne schwenkt, um die Butter wieder unter die frische Milch hüpfen zu lassen. Keines Blickes, bis sie die Milch über den Rand der Kanne, am hingehaltenen Becher vorbei zwischen seine Hosenbeine schwappen läßt. Ssch. Und er dann hochschaut, den Becher senkt, dann hochschaut, überrascht, ihr völlig dämliches Gesicht ganz rot. Sie schielt und ihre Zähne stehen vor wie ein Schwellenreißer, den eine Zunge anhebt, die im Saft geschlafen hat. Unverändert steht sie da, die Kanne zum nächsten Guss bereit, leicht schief, und leckt sich die Werkzeuge : »Kannst’u nicht aufpassen!«

Da hockt er sich hin und streift mit der Hand die Flüssigkeit, die sich nicht mehr wegstreifen läßt, und es sieht aus, als wäre der Fleck nicht von außen, sondern von innen entstanden. Sie ist ganz in der Ruhe, überlegt, ob sie noch einen Schwenk dazu nutzen soll, ihm begreiflich zu machen, daß es kein Versehen war. Sie hätte einen Topf auch von einem Dach aus treffen können, bei diesem ständigen Umgang mit den Dingen, die ihr aufgetragen, eingeschrieben waren.

»Du mußt die Hose ausziehen.«, nuschelt sie.

»Ich kann nicht, wir müssen fort von hier und der Fendt ist unsere einzige Mö-Möglichkeit. Ich muß ihn reparieren, die Bauersleut’ verwesen schon, die Fliegen kommen!«

Das Dorf unter der Totendecke der Rabentiere.

Der Wanderer wäre gerne noch einmal zum Hof zurückgegangen, die nun aufgehängte Magda anschauen, ihre Füße, die in der dreckigen Milch baumeln, die Milch voller Fliegenlarven, das Zweifeuerhaus aus Holz, Lehm und Roggenstroh, die Erde öffnet den Mund für die Kälberspeise, die neben den Eimer leert, dem Euter mit einem Schmatzen entwunden von Händen, die sich nachts selbst betitten oder den Knecht im Stroh, schnaufend die Fliegen aus der Schweißpfütze im Gesicht wedeln. Eine platzt an ihrer Stirn. Auf den Wiesen reiten sie mit Rindviechern, tanzen den Hummeltanz.

»Leck die Milch aus meiner Dose!«

Und Brann fällt auf die Knie.

»Du mußt die da erst reinschütten, du Dummbartel!«

Brann glotzt sie kurz an, erhebt sich dann wieder und hastet zum Bottich mit der Milch. Magda legt sich derweil Stroh unter den Hintern, hebt Schürze und Rock und probiert mit zwei Fingern ihre Spannweite. Brann läßt den ersten Eimer, den er aus der Milch zieht, fallen, und flucht, den zweiten hat er sicher. Vor ihrem hochgelupften Unterleib bleibt er stehen und grunzt, starrt ihr aufgerissenes, haariges Loch an und schüttet ihr dann den ganzen Eimer darüber. Magdas Beine fahren im Reflex zusammen, sie springt auf, keucht Worte hervor, die er nicht kennt. Die Idylle endet abrupt, als die Fänger den Hof erreichen. Die Stadt wuchert am anderen Ufer entlang, zieht sich in die Länge wie ein Lindwurm. Dort verstecken sich die apokalyptischen Fänger, die Flure bereinigen, Blut trinken vor den toten Augen der Entleibten. Sie braten sich Lebern und johlen, daß nun alles ihnen gehöre. Sie mußten einst in den U-Bahn-Schächten hausen: vorbei. Sie mußten sich unter die Erde stehlen, aber jetzt, jetzt sind sie zurückgekehrt an die Oberfläche. Die Bomben der Sieger zerfetzen das Fleisch.

»Es ist wie im Krieg!«

»Es ist Krieg!«, sagt der Wanderer. Also nicht die Treppe.

»Wir sollten gehen!« Sie wie ein Flageolett.

»Wir können die Treppe nicht betreten, ohne durch den Einschusskorridor gesehen zu werden. Wenn sie uns erwischen, trinken sie uns aus!«

Das ist Dunkelheit, Nachtwüste oder Ruinenlicht. Die nächste Detonation, aber nicht hier. Beim Einfall der Dänen schnitten sich die Töchter der Engländer die Nasen ab, um durch diese Entstellung ihre Keuschheit vor dem Ungestüm der Soldateska zu retten. Aber das will sie nicht. Sie sieht auf ihre zerschlagene Uhr, überlegt, wie sie überleben soll, aber sie wird, sonst gäbe es den Wanderer nicht. Ihr Gesicht ist die Erde, als sie noch Scheibe war, Vulkannüstern, Augenozean. Schon müde, der erste Fisch kriecht an Land, denkt : Ich bin, also bin ich.

Es gibt Menschen in Hülle und Fülle, aber keine Nahrungsmittel. Die Fänger vor der Fabrik pressen plärrende Trauben aus, Maische in den Gassen zahnskulpturener Bauwerke, Trester in Gruben, die Hitze nimmt zu, es ist Nacht. Das ist bereits der Wahn in ihr. Wer erben will, muß den Leichnam aufessen. Von der Herde, die du verfolgst, bist Du ein Teil. Die Straßen tragen Regenschirme, die Dunkelheit bedeckt ihr Gesicht. Die Häuser sind des Wanderers eigene Organe, die Gassen wachsen wie sein Haar aus ihm heraus, verschwinden in perlenden Knoten. Hinter den Türen lauern die Verheißungen des Unbekannten, diese einzigen Sehnsüchte. Öffnet man sie unbedacht, bekommt das Düster eine Gestalt wie im Märchen, dem schönen Alptraum. Der Herd, die Sterntaler, ein erfrorener Hund. Mit Zauberhänden. Der Atem duftet nach Orangenpastillen. Nachtfahrt durch die Katakomben-Haut; stillgelegte Gleise begleiten das unstete Flackern der Lider, biegen sich hin zu verräterischen Horizonten, verschwinden im somnambulen Getümmel aus Stahl, Glas, erschrecklichen Gebärden, die Uhren ohne Takt, digitale Lieder ohne Seele kakophonieren in die Ferne, langsamer als das schwache Licht der reglementierenden Ampeln. Nachtstaub. Augen ein willkommener Gruß, das mutierte Erzeugnis des blinden Flecks. Dreidimensionale Augen, hintendran ein Batzen grauer Verbindungen, ein Knäuel, das fettig schmeckt.

Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert : Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.

Das Dorf der Aussätzigen und Leprakranken, die alle Fragen beantworten können und die jedes Geheimnis wissen. Sie sind unheimlich anzuschauen und schwanken wie Bojen in Kapuzen auf dem Meer. Sie wissen alles, doch sie sind krank und verrückt und verlangen ein Opfer als Bezahlung.

Ein ellenlanger Korridor 1

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schloßanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüßte … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer daß ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloß aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Aus Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach : »Ich lege mich hin, ich habe nichts an!« Man wird den Succubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloß. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäuerin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre Schwiegermutter gegen sie hatte.

Carlos hatte ihr erzählt : »Eine Bäuerin?, hat sie etwa pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte : »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäuerin. Ihr Name ist Carisma.«

Die Familie des Vampirs

Die Familie des Vampirs;
Titania Medien

Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten ist eine Schauerromantische Erzählung des russischen Schriftstellers Alexei Konstantinowitsch Tolstoi, die von ihm 1840 in Französisch unter dem Titel La Famille du Vourdalak. Fragment inédit des mémoires d’un inconnu verfasst und erst 1884, nach seinem Tode, in der Zeitschrift Russki Westnik (Russischer Bote) in seiner Muttersprache veröffentlicht wurde. 1950 erschien sie dann in ihrer Originalversion.

Wieder haben wir es mit einem in unseren Breitengraden weniger bekannten Werk zu tun, das doch zu einem der stärksten und einflussreichsten unter den Vampirgeschichten zu zählen ist. Das Hörspiel erzählt die Geschichte, wie auch im Original, aus der Sicht der Hauptfigur, des jungen Franzosen Serge d’Urfé, der sich aus Liebeskummer auf eine Reise als Diplomat nach Moldawien begibt und durch den plötzlichen Einbruch des Winters in einem kleinen Dörfchen Halt machen muss. Hier trifft er auf Zdenka und ihre Familie, die ihn bei sich aufnimmt und ins schreckliche Familiengeschehen einweiht. Ein Geschehen, das sich später aufs ganze Dorf ausbreitet.

The Vampire
von Philip Burne-Jones (1896)

Einiges in diesem Hörspiel weicht vom Original ab. Zusätzlich wird der Erzählung eine Rahmenhandlung gegeben, die uns eine Abendgesellschaft vorstellt, die soeben vom Wiener Kongress geflohen ist, um sich, fernab der Politik, gegenseitig mit Schauergeschichten zu unterhalten. Auch Zdenka schafft es sich in diesem zu verewigen, wie wir am Ende hören können, und darüber hinaus …

für alle Zeit …

Wir können davon ausgehen, dass Alexei Tolstoi von der Vampirhysterie, die damals zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausbrach, wusste. Bekannteste Beispiele sind Arnold Paole aus Medvedga und Peter Plogojowitz aus Kisolova. Auch mag er Goethes Die Braut von Korinth gekannt haben, oder Heinrich August Ossenfelders Der Vampir. Ebenso Gottfried August Bürgers Lenore, wie auch John William Polidoris Der Vampyr. Allesamt Werke, die von Protagonisten erzählen, die an das Wesen des Wurdalaks erinnern.

Wurdalak (oder: Wurdelak)

Nichts Normales verheißt diese Aneinanderreihung der 8 Buchstaben. Jedes Kind verstünde sofort, auch ohne dass ihm seine Eltern jemals erklärt haben, was das ist, ein Wurdalak. Es wüsste, solch einem Wesen begegnet man besser nicht. Diese Bezeichnung, dieses Wort, das, spricht man es aus, es in seiner Physiognomie und Erscheinung sogleich entäußert: Ein Wesen wie aus einem Alptraum geboren, an dessen Existenz man keinen Zweifel zu haben braucht. Und dass es dich aufsucht. Auch daran nicht! Ein Wesen, das dir selbst in der Nacht, der Dunkelheit noch die Pupille aufzureißen vermag, erblickst du es im Mondenschein am Horizont. Das dich vor Angst riesige Wurzeln in den Boden schlagen lässt. Weil du es lange, lang geahnt hast, dass es irgendwann kommen wird. Zu dir. Ganz nah. So nah, dass du fast aufhörst zu atmen, dass du dir wünschst, nicht in der eigenen verfluchten Haut zu stecken. Weil es kein Entkommen gibt. Keine Verwünschungen wie in Märchen, die sie dir vielleicht doch retten könnten. Kein Versteck. Keine Ruhe. Auf dem ganzen Erdball nicht. Das Unvermeidliche, dass sich vollzieht: weil Blut dicker als Wasser ist und auch die Liebe nicht entbinden kann. Im Gegenteil. Sie bindet erst:

Das Blut. Die Familie. Die Bande. Das Mehrgenerationenhaus. Der Stamm. Die Sippe. Das Dorf. Und das, was sich darin niederlässt …

… und die Nacht: in der es passiert, in der alle im Haus voll Furcht beisammen sind. Unter ihnen der Fremde: ein Städter, der längst durch seine Aufmerksamkeit für eine der beiden Töchter des Hausherrn in das Haus, die Familie einverleibt wurde, der dem Geschehen nun ebenso ausgesetzt ist, obwohl er zunächst mit der Ratio eines modernen Städters reagiert, das ‘Böse’ zu verharmlosen versucht, indem er es dem Aberglauben zuordnet. Den Gespinsten also, die nichts weiter sind als nichts. Aber das, was hier seinen Weg Heim sucht, was einen wirklich heimsucht, ist nicht nichts.

Heilige Maria, Mutter Gottes!

flehen die beiden Frauen immer wieder, sprechen sie vom Wurdalak. Und stellen somit dem ‘Fluch’ den Segen gegenüber. Eine Heilige-Mutter-Hilf-Anrufung inmitten der unabwendbaren Verdammnis, so scheint mir. Eine sich vielleicht schon seit der Vertreibung aus dem Paradies immer wieder vollführende? Das zumindest frage ich mich. Denn ich kenne diese Urangst, vermag sofort zu begreifen, was das ist: ein Wurdalak, obgleich ich doch nicht aus dem Balkan stamme. Woher weiß ich das? Und so bin ich, nur was den Titel dieses Hörspiels betrifft, ein wenig enttäuscht, dass man sich entschieden hat, den Wurdalak der allgemein bekannten Überordnung Vampir weichen zu lassen. Sicher wird er darunter subsumiert, jedoch zu stark empfinde ich ihn in seiner Existenz, in seiner Art, die sich schon im Namen, in seiner Benennung offenbart. Der Wurdalak: ein blasses kaltes Wesen, das sich von Blut ernährt, das Nachts am aktivsten ist, mit dem Tag jedoch auch hinkommt (wie auch Carmilla), ein Wesen, das friert, das seine Bande, seine Familie aufsucht, die Menschen, die es liebte, von denen es gewärmt und über die Türschwelle des eigenen Hauses gebeten werden will, da es dieses sonst nicht mehr betreten kann. Das imstande ist, seine Opfer zu paralysieren. Der Wurdalak: der sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Der nichts Betörendes hat. Zumindest nicht, was sein sein Erscheinungsbild betrifft. Aber doch in seinen Worten (die weiblichen Wurdalaks umgibt eine erotische Aura), die den geliebten Menschen aus Liebe handeln lassen, die ihn locken, sich seiner anzunehmen. Ihn wieder aufzunehmen innerhalb der Familie. Damit er sie zu seiner machen kann. Was auch immer das bedeuten mag. Das überlasse ich Ihnen, liebe Hörer, liebe Leser, denn ich werde Ihnen keine Psychokomplettanalyse liefern, die es im Allgemeinen und auch Im Einzelfall nicht gibt, Sie sollten diese Erzählung unbedingt lesen oder dieses Hörspiel hören, um mit irgendeinem Ihrer Sinne zu erfahren: Ja,

die Toten reiten schnell. 

Lenore von Frank Kirchbach (1895)

Das hat schon Bürgers Lenore herausfinden müssen, als ihr ersehnter Wilhelm doch noch aus dem Siebenjährigen Krieg zurückkehrte und sie, zu Ross durch den Wind galoppierend, mit ins Hochzeitsbett, ins Grab nahm. In ihr gemeinsames. Bram Stoker wusste das auch und verwendete dieses Zitat in seinem Roman Dracula, wie auch in seiner postum veröffentlichten Geschichte Draculas Gast. So schnell wie wir Leben ausgelöscht sehen, sei es durch Kriege oder unsere Umwelt. Oder gar dem Terror in der eigenen Familie begegnen. Das, was uns passiert, zu passieren droht, sobald wir geboren werden. Als einer unserer Art. Der Spezies Mensch zugehörig. Und so erinnert mich, neben allen oben genannten Werken, die mit diesem korrespondieren, die Szene, in der Gortscha der Wurdalak mit seinem Enkel Sascha in die Nacht davon reitet, an Goethes Erlkönig oder an Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter.

Wie ist einem Wurdalak nun beizukommen? Ich würde ja sagen: Überhaupt nicht. Doch aber erfahren wir, dass er, wie wir es von Vampiren wissen, Knoblauch und alles Sakrale verabscheut. Auch kann er ebenso gepfählt bzw. gepflöckt werden. Jedoch nicht durch einen xbeliebigen Pfahl, der ihm ins Herz getrieben wird, sondern nur durch einen der aus dem Holz des Hagedorns gefertigt wurde.

Janus

Der Hagedorn: auch Weißdorn genannt, ist eine Heckenpflanze, die zur Abgrenzung von Grundstücken genutzt wurde und wird, um ‘böse’ Geister und Dämonen fernzuhalten. Eine Pflanze, die dem Janus heilig war. Dem Gott mit den zwei Gesichtern. Wen wundert’s, denke ich an den Wurdalak, der einst das Familienoberhaupt Gortscha war, und auch an alle, die folgten. Des Weiteren half der Hagedorn vor den sog. Strigen, stellte man einen Zweig nächtlich ins Fenster des Kinderzimmers. Ebenso sollten Wiegen, die aus diesem Holz gefertigt sind, ‘böse’ Feen abhalten die Kinder auszutauschen.

Die Strigae, die Ähnlichkeit mit den Lamien und der Gello haben, oder mit den Lillim (den Kindern der Lilith), die als blutsaugende, vogelartige Dämonen verschrien sind. Harpyen: Wesen mit Flügeln, wie wir wissen. Und da wundert es doch nicht, dass eine der etymologischen Bedeutungen des Wortes Vampir oder auch Vampyr geflügeltes Wesen sein könnte, da die Herkunft dieses Begriffs strittig ist. In Teilen Serbiens jedoch spricht man von einem “wukodalak”, “vurkulaka” oder “vrykolaka”, was aus dem Griechischen abgeleitet “wolfhaarig” bedeutet. Passt! Denn Eingangs begleiten den Erzähler heulende Wölfe in das Dorf, vor denen er in diesem Zuflucht sucht. Kinder der Nacht, nennt sie eine Dorfbewohnerin, die dem Neuling den Zutritt zu ihrem Hause verwehrt und ihn zur Familie des Gortschas schickt. Wo er Einlass findet, weil es Zdenka ist, die ihm die Tür öffnet. Eine wunderschöne junge Frau, in die er sich verliebt. Liebe, die bindet. Wie also einem Wurdalak beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten?

Crataegus oxyacantha L.

Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen es zu werden. Nur mit dem Unterschied, dass wir dann von vornherein so geartet wären. Wir würden uns auf unser Dasein als Vampir verstehen, weil wir nichts anderes kennengelernt hätten. Erbsünde, oder die Sünde als solches, unser Nächster, so etwas interessierte uns dann nicht. Und so sind und bleiben wir auch in der Dunkelheit, in welcher Erscheinungsform auch immer wir nach dem Anderen rufen:

Sirenen.

Titania Medien ist hier ein Hörspiel gelungen, das mir die Geschichte dieser Familie leibhaftig vor Augen führt. Die Sprecher sind grandios gewählt. Sie entfalten keine Figuren, sie lassen mich mit den Ohren sehen. Innerhalb einer Atmosphäre, die atem(be)raubend ist. Mit diesem Werk von Alexei Konstantinowitsch Tolstoi hat man sich ein weit Herausragendes vorgenommen, dem ebenso herausragend nachgespürt wurde. Jedes Wort, jeder Ton sitzt dermaßen, dass ich mich beim Hören tatsächlich mit einer Gänsehaut in einem Dorf, einem Haus wiederfand, das weder durch seine räumliche Entfernung, noch durch die vergangene Zeit für mich erreichbar sein dürfte. Eigentlich.

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

homas Ligotti, von einem Fan fotographiert. Per Mail erzählte mir Thomas, dass er selbst keine Kamera besitze. Ab und zu kämen jedoch Fans, um ihn zu besuchen. So käme er zu den weinigen Bildern, die es von ihm gibt.

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

Ligotti benötigt noch nicht einmal Blut oder Leichen, um die Schraube durchdrehen zu lassen (um die weltberühmte Novelle von Henry James zu bemühen), ihm gelingt es, von Anfang an eine bizarre und zutiefst beängstigende Atmosphäre zu erzeugen, indem er mit philosophischen und psychologischen Versatzstücken arbeitet, die sich tief in die Seele zu bohren wissen.

Ligotti wurde einmal gefragt, ob er einen Unterschied zwischen Unheimlicher Literatur und Horror-Literatur mache. Er antwortete, dass ohne Lovecrafts “The Supernatural Horror in Literature” überhaupt niemand von “Weird Fiction” sprechen würde. Das sagt uns in erster Linie eines: Kategorien sind das, was sie schon immer waren: ein eingeschränktes Sichtfeld. Mit Sicherheit reagieren Kritiker, die etwas auf ihre Bildung halten, erbost, wenn jemand daher käme und behauptete, Kafka sei ein Horror-Schriftsteller. Für mich ist er das aber, und für viele andere auch, nur tut man sich schwer, den Horror-Begriff bei ihm allgemeingebräuchlich anzuwenden.

Man hat gesagt, Ligotti schriebe eine Mischung aus Kafka und Lovecraft. Man kann, liest man Ligottis Storys, leicht erkennen, warum man das sagt, und wie oberflächlich diese Aussage dennoch ist. Ligotti selbst sagt von sich, dass er gerne den Ton von Bruno Schulz oder Thomas Bernhard annimmt.

Man könnte verzweifeln, denn das, mit Verlaub, findet man nun gar nicht vor. Ich würde darauf wetten, dass jeden Leser Bernhards, dem man ungerührt Ligotti empfehlen würde, der Schlag treffen müsste. Schlüssiger wird diese Aussage, wenn man Ligottis eigene Vorlieben kennt. Den Horror nämlich sieht er im Leben, in der gesamten Existenz, und nicht allein als literarisches Fach. Dazu mag sein früher geistiger Zusammenbruch, im Alter von 17 Jahren nämlich, nicht ganz unschuldig gewesen sein, ob er allerdings Ligottis komplexen Nihilismus und seine Hingezogenheit zu den Werken Ciorans erklärt, sei dahingestellt.

Es sieht so aus, als sei es Ligottis Schicksal, als unterbewerteter Autor ins Grab zu gehen. Der Thron, so scheint es, bleibt jenen vorbehalten, die nicht im Ansatz so gut oder so besonders sind wie er. Liest man seine Erzählungen, spürt man sofort, dass hier einer keinen Pfifferling auf kommerziellen Erfolg gibt. Ligotti schreibt gerade so, als sperre er sich gegen den Zugriff “uneingeweihter”, als wolle er dort gefunden werden, wo er oft genug seine Geschichten ansiedelt, wo der Schrecken seine maximale Effizienz erreicht. Ligotti lesen nur wenige, das ist von vielen Dingen abhängig zu machen. Wer ihn aber nicht gelesen hat, der hat keine Vorstellung von dem, was an Innovation möglich ist in einem Genre, das man (hilflos genug) dunkle Phantastik genannt hat.

Für jemanden, der mit Ligottis Werk noch nicht vertraut ist, ist der Zugang über Das Alptraum-Netzwerk zu empfehlen. Das hat unterschiedliche Gründe, vor allem aber den: in allen anderen Sammlungen ist der Effekt immer der gleiche, ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer einer Hoffnung auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewusstsein herumtreiben.

Viele der Geschichten Ligottis konzentrieren sich auf die Zerrüttung der Realität entweder durch übernatürlichen Einfluss, den bröckelnden Verstand des Erzählers oder beides. Mehr als einmal haben wir es hier mit einem Hauptprodukt Ligott’scher Schreibkunst zu tun: dem unzuverlässigen Erzähler.

Jener tritt besonders gut in Der rote Turm hervor, der Geschichte, mit der Ligotti den Bram Stoker Award gewann. (Ich habe sie schließlich mit freundlicher Genehmigung Frank Festas in die Anthologie “Miskatonic Avenue” aufgenommen). Bemerkenswert an dieser Erzählung ist das vollkommene Fehlen von menschlichen Charakteren. Es gibt einen Ich-Erzähler, der im Laufe seiner Bechreibung nichts von sich preisgibt und auch keine andere Rolle spielt. Der Protagonist der ganzen Story ist ausschließlich der rote Turm, eine kaputte Fabrik . Aber es gibt durchaus auch einen Antagonisten: Die Landschaft rings um den Turm herum. Der Eröffnungssatz führt beide ein: “Die Fabrikruine erhob sich dreigeschossig in einer sonst gesichtslosen Landschaft.”

In dieser Geschichte stehen Kreativität, Produktion und Neuheiten für das Kranke, Bizarre. Es folgen detailreiche Schilderungen dieser surrealen, oft grauenhaften Produkte, die der rote Turm herstellt. Diese Produktneuheiten sind noch nie dagewesen, verfolgen keinen Zweck, für ihre Produktion scheint nur der Turm als Ganzes verantwortlich zu sein und ihre Perversion nur dazu da, die graue Einsamkeit der Nichtexistenz zu stören, die sich um den Turm herum befindet. Die Grenze zwischen Natur und Künstlichkeit ist völlig irrelevant, die Artefakte verändern und erweitern sich grundlos und spontan, selbst die Maschinen scheinen mehr gewachsen als gemacht worden zu sein. Und mögen diese fürchterlichen Produkte auch schrecklich sein, die graue Landschaft, diese weite, seelenlose Ödnis um den Turm herum, ist weitaus schlimmer.

Der rote Turm ist eines dieser Stücke, um die keine Genregrenze gezogen werden kann, weil es nur sich selbst als Beispiel hat, und das auf eine unvergessliche Art und Weise.

“Aus den frühesten Tagen der Menschheit hat die Überzeugung überdauert, daß es eine Seinsordnung gibt, die uns völlig fremd ist. Es scheint in der Tat so zu sein, daß die strikte Ordnung der sichtbaren Welt nur ein Schein ist, der gewisse grobe Materialien bereitstellt, die zur Basis für subtile ‘Improvisationen’ unsichtbarer Kräfte werden. Aus diesem Grund mag es einem so erscheinen, als sei ein blattloser Baum nicht ein Baum, sondern ein Wegweiser zu einem anderen Bereich; als sei ein altes Haus nicht ein Haus, sondern ein Ding, das einen eigenen Willen besitzt! als würfen die Toten jenes schwere Laken aus Erde ab, damit sie umherwandeln können in ihrem Schlaf – und in unserem.
Und dies sind nur wenige der unendlichen Variationen über die Themen der natürlichen Ordnung, wie sie üblicherweise begriffen wird.
Aber gibt es ‘wirklich’ eine fremde Welt? Natürlich. Gibt es also zwei Welten? Keineswegs. Es existiert nur unsere Welt, und sie allein ist uns fremd: eigentlich bloß wegen ihres Mangels an Geheimnissen.” (TG, S. 28; Das Tagebuch des J.P. Drapneau, Übers.: Michael Siefener)

Diese Äußerung vermittelt kurz und bündig Ligottis eigene Sache: Am Ende ist das Unwirkliche nicht der Ersatz für das Wirkliche, sondern es geschieht das Umstülpen der Wirklichkeit von innen nach außen, um zu zeigen, daß die wirkliche Welt schon die ganze Zeit über Unwirklich war. Das Instrument für diese Transformation ist Sprache.

Ligotti hat scheinbar mühelos einen sehr markanten und eigenwilligen Stil entwickelt, um Existenz in einen Alptraum zu verwandeln.

Viele von Ligottis Arbeiten könnten diese Bezeichnung tragen: stilistisch verschlungene, mataphernreiche Prosagedichte, die gleichzeitig eine alptraumhafte oder halluzinatorische Atmosphäre voller Seltsamkeiten binden. Handlung ist allenfalls nebensächlich, alles ist der Stimmung untergeordnet. Desweiteren steckt in Ligotti ein beträchtlicher Teil von Blackwoods Erforschung des präzisen psychologischen Effekts hinsichtlich der Wirkung des Unheimlichen auf das menschliche Bewusstsein.

Ligotti spricht in Essays, Interviews und in den Geschichten selbst viel über Stil und Sprache, und jede einzelne seiner Arbeiten ist mit einer makellosen Akribie verfasst.

Der verführerische Fremde in dunklen Gassen: H. P. Lovecrafts “Er”

Heute sehen wir uns die Story “ER” etwas genauer an. Sie wurde im August 1925 geschrieben und im September 1926 im Weird Tales Magazine veröffentlicht.

“Statt der Gedichte, die ich mir erhofft hatte, kam nur schauderhafte Leere und unbeschreibliche Einsamkeit; letztendlich erkannte ich eine furchtbare Wahrheit, von der noch nie jemand gewagt hatte, sie auszusprechen – das nicht flüsterbare Geheimnis der Geheimnisse – die Tatsache, dass diese Stadt aus Stein und Atemrasseln keine empfindungsfähige Fortführung des alten New York ist, so wie London diejenige des alten London und Paris die des alten Paris, sondern dass sie in der Tat ganz tot ist, ihr weitläufiger Leichnam unvollkommen einbalsamiert und infiziert mit sonderbar belebten Dingen, die nichts mit ihm zu tun haben, wie er einst im Leben war. Nach dieser Entdeckung konnte ich nicht mehr ruhig schlafen.” (Übers. Michael Perkampus)

Zusammenfassung: Unser Erzähler, ein aufstrebender Dichter, wandert durch die nächtlichen Straßen New Yorks, um “seine Seele und seine Träume” zu retten. Der Anblick des ersten Sonnenuntergangs, den er dort erlebt, begeistert ihn, denn die Stadt scheint “majestätisch über den Gewässern der Stadt aufzuragen, seine unglaublichen Erhebungen und Pyramiden stiegen blumengleich und zart aus einem Verbund violetten Nebels.” (Übers. Perkampus).

Doch bei Tageslicht trifft ihn das ernüchternde Elend. Die Menschenmassen erscheinen ihm als gedrungene und dunkelhäutige Fremde. Die fürchterliche Wahrheit, das nicht einmal geflüsterte Geheimnis:  New York ist tot, ein Leichnam, infiziert mit “sonderbar belebten Dingen”. Nichts blieb von seinem ehemaligen Ruhm zurück.

Von nun an wagt sich der Erzähler nur noch nach Einbruch der Dunkelheit heraus, wenn “die Vergangenheit noch wie eine Geistererscheinung über allem schwebt”. Er besucht hauptsächlich die Greenwich-Bereiche, worüber er Gerüchte hörte, dass die Höfe dort einst ein weitverzweigtes Netzwerk aus Gassen verband. Hier existieren noch Reste aus der Georgianischen Ära: an den Türen finden sich Türklopfer, Stufen sind mit Eisen versehen und sanft glühen die Oberlichter. An einem bewölkten Morgen im August, um 2 Uhr, nähert sich ihm ein Mann. Der ältere Fremde trägt einen Hut mit einer breiten Krempe und einen aus der Mode gekommenen Mantel. Seine Stimme ist dumpf – immer ein schlechtes Zeichen – sein Gesicht erschreckend weiß und ausdruckslos. Trotzdem vermittelt er einen vornehmen Eindruck. Der Erzähler akzeptiert sein Angebot, sich von ihm in Regionen von noch wesentlich höherem Alter einführen zu lassen.

Sie durchqueren Korridore, klettern über Backsteinmauern, kriechen sogar durch einen langen, gewundenen Steintunnel. Immer älter wird die Umgebung, es ist sowohl eine räumliche- als auch eine Zeitreise. Ein steiler Hügel, ungewöhnlich für diesen Teil New Yorks, führt zu einem ummauerten Anwesen, offenbar das Heim des Fremden.

Unbeeindruckt vom Muff der Jahrhunderte folgt der Erzähler dem Fremden nach oben zu einer gut ausgestatteten Bibliothek. Von Mantel und Hut befreit, zeigt sich der Fremde in einem Georgianischen Kostüm, und seine Ausdrucksweise fällt in den passenden archaischen Dialekt. Er erzählt die Geschichte seines Vorfahren, eines Gutsherren mit eigenartigen Vorstellungen über die Macht des menschlichen Willens und über die Veränderlichkeit von Zeit und Raum. Er entdeckt den Platz, wo er sein Haus erbauen möchte – mitten in einem Zentrum indianischer Riten; die Wände hielten die Indianer nicht davon ab, ihre Zeremonien weiterhin auszuführen, immer, wenn der Vollmond zu sehen war. Schließlich trifft er ein Abkommen – die Indianer bekommen Zugang zum Hügel, wenn sie ihn in ihre Magie einführten. Sobald er jedoch eingewiht war, muss er seinen Gästen “schlechten Rum” verabreicht haben, denn er war plötzlich die einzige lebende Person, die das Geheimnis kannte.

Es ist das erste Mal, dass der Fremde einem Außenstehenden von diesen Riten erzählt, weil er den Erzähler für “verrückt nach vergangenen Dingen” hält. Die Welt, fährt er fort, ist nur der Rauch, den unser Verstand erschafft, und er will dem Erzähler einen Blick auf längst vergangene Jahre gewähren, solange er seine Angst zurückhalten kann. Mit eisigen Fingern zieht der Fremde den Erzähler zu einem Fenster. Eine Handbewegung zaubert New York zurück in ein Zeitalter, als die Stadt noch Wildnis war. Dann beschwört er das koloniale New York. Der Erzähler fragt den Fremden, ob er es wagen würde, noch weiter zu gehen, und der Fremde zaubert den Anblick einer künftigen Stadt, in der seltsame Flugobjekte umher schwirren, gottlose Pyramiden und “gelbe, schielende Menschen” in orangenen oder auch roten Roben, die im Wahnsinn zu Trommeln, Hörnern und Krotalons tanzen.

Zu viel für den Erzähler: er beginnt zu schreien. Als nächstes hört man Schritte auf der Treppe, als ob sich eine Horde barfuß nähere. Es wird an der Tür gerüttelt. Erschrocken und wütend nennt der Fremde sie “die Toten”, die “Roten Teufel”. Er klammert sich an die Vorhänge des Fensters, reißt sie herunter und lässt das Mondlicht ins Zimmer fluten. Zerfall erstreckt sich über die Bibliothek und den Fremden gleichermaßen. Er schrumpft zusammen, während er noch versucht, mit seinen Klauen nach dem Erzähler zu greifen. Bis ein Tomahawk die Tür in Stücke reißt, ist von dem Fremden nicht mehr übrig als ein knisternder Kopf mit Augen.

Was da durch die Tür kommt, ist eine amorphe Masse, in der leuchtende Augen zu erkennen sind. Sie schluckt den Kopf des fremden und zieht sich zurück, ohne den Erzähler zu behelligen. Unter ihm gibt der Fußboden nach und er stürzt in Richtung Keller. Irgendwie gelingt es ihm, nach draußen zu gelangen, er wird aber verletzt, als er versucht, die Mauer, die um das Anwesen führt, zu überwinden.

Der Mann, der ihn findet, sagt aus, der Erzähler muss trotz seiner gebrochenen Knochen einen langen Weg gekrochen sein, aber der Regen hat seine Blutspur verwischt, so dass man nicht mehr sagen kann, wie weit. Niemals wieder versucht der Erzähler, den Weg zurück in dieses dunkle, von der Vergangenheit heimgesuchte Labyrinth zu finden. Er kehr nach New England zurück, zu unverfälschten Wegen, über die am Abend der duftende Meerwind fegt.

Notizen: Lovecraft benutzt die Traum-Metapher in vielen seiner Erzählungen, andere wiederum muten selbst wie ein Traum an. ER ist eine von ihnen, scheint aber das Produkt eines Wachtraumes gewesen zu sein. Im August 1925 unternahm Lovecraft einen Spaziergang durch die Nacht der New Yorker Straßen, um das, was von der Vergangenheit noch “gespenstergleich” vorhanden zu sein schien, auszukosten. Es endete damit, dass er eine Fähre nach Elizabeth, New Jersey nahm, sich ein Notizbuch kaufte und die Geschichte niederschrieb.

Der erste Absatz liest sich wie eine überreizte Autobiographie, ein Aufschrei des Herzens aus Einsamkeit, Enttäuschung und Entfremdung. Die Romanze des Erzählers mit New York währte nur kurz.

Hier war Lovecraft ein Fremder in einem fremden Land. Als frisch gebackener Ehemann befindet er sich ebenfalls auf unbekanntem Gebiet. Außerdem gelingt es ihm nicht, seine Finanzen so zu organisieren, dass er ein vernünftiges Auskommen hat. All das, was er sich vorgenommen hatte und wovon er träumte, fand keine Umsetzung. Er ist nicht in der Lage, die verschiedenen Dialekte zu verstehen. Deshalb schrieb er “ER”, deshalb schrieb er “RED HOOK”, deshalb schrieb er “KÜHLE LUFT”. Lärm! Menschenmassen! Gestank! Ausländer, die in fremden Zungen sprechen! Und sie haben keine blauen Augen! Aber das trifft ebenso auf viele Angelsachsen zu. Selbst in New England. Aber zumindest sprechen sie Englisch.

Lovecraft war ein klassischer Angst-Patient, die Zeit in der er lebte, war nicht die seine. Aber er wusste, dass es noch immer Bereiche gab, die das Flair des Alten an sich hatten. Unzuammenhängende Innenhöfe, ein Labyrint der Straßen, die in eine andere Zeit hinein führen, wie in PICKMAN’S MODEL. Ein unglaublich steiler Hügel, der zu überwinden ist, wie in DIE MUSIK DES ERICH ZANN. Ein Führer, der einen archaischen Dialekt spricht – es ist immer noch Englisch und somit vertraut. Die geisterhafte Stadt und selbst das Herrenhaus beruhigen durch ihr fest in der eigenen Kultur verwurzeltes Gewese. Es ist egal, dass es dort ein wenig – verrottet müffelt.

Und dennoch – Vertrautheit ist nicht alles. Die Realität selbst ist sinnentleert und schrecklich, oder etwa nicht? Wunder und Geheimnisse sind kraftvolle Verlockungen für den poetischen Geist. Es ist gar nicht so übel, ein unbewohntes New York der Vergangenheit zu imaginieren. Es ist sogar wundervoll, einen Blick auf die koloniale Vergangenheit zu werfen. Wenn der Erzähler nur damit zufrieden gewesen wäre! Doch der wünscht sich eine Vorschau auf die ferne Zukunft, die sich als sein schlimmster Alptraum entpuppt: New York wurde von gelben, schielenden Menschen übernommen, die zu einer seltsamen Musik tanzen. Wie die Männer von Leng! Wie die geistlosen Äußeren Götter! Lovecraft, so scheint es, hatte nicht viel für den Tanz übrig.

Thomas Ligottis Tankstellen-Jahrmärkte (Gas Station Carnivals)

Ungewöhnlich innerhalb einer seiner Erzählungen zweimal lachen zu müssen. Das hatte ich nicht erwartet. Doch so erging es mir mit der Kurzgeschichte Tankstellen-Jahrmärkte (im Englischen: Gas Station Carnivals), die aus der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ (1996) stammt. Und so konnte ich mich recht schnell entscheiden, mit welcher phantastischen Schauderphantasie Ligottis ich hier zuerst ins Feld ziehen würde.

‘Prince of Dark Fantasy’

Thomas Ligotti, der 1953 in Detroit, Michigan, USA, geboren wurde, gilt längst als Meister der ‘Dunklen Phantastik’ oder des ‘Pure Horror’. Mehrfach ausgezeichnet, ist es unmöglich, sein Werk einem einzelnen Genre zuzuweisen. Zu groß ist seine stilistische Bandbreite, zu artifiziell sein Schreiben, zu dräuend die Philosophie, die eine Psyche formt und hervorbringt, die seinen Erzählungen den Nährboden bereitet, was in dem 2010 erschienenem Sachbuch The Conspiracy Against the Human Race kulminierte.

Von Poe und Lovecraft beeinflusst, zählen auch Autoren wie Vladimir Nabokov, Franz Kafka, Thomas Bernhard und Bruno Schulz u.a. zu den von ihm hoch geschätzten. Nicht massentauglich, ging Ligotti eigene Wege, dem Horror eine Wiege zu erschreiben, die tief in einer conditio (in-)humana wurzelt, die wir in dieser Gewaltigkeit schon bei Lovecraft finden, und doch, anders als jener, ohne ein kosmisches Götterpantheon auskommt, das den Horror erst implementiert. Bei ihm ist es das Übernatürliche als solches, sind es kosmische Kräfte, die ins Bewusstsein des Individuums, des Protagonisten strömen, die ihm das ihn Umgebende instandsetzen. Die innere Welt wird nach außen gestülpt. Während die äußere wiederum mächtig auf die innere einwirkt: eine hoch psychosomatische sich gegenseitig durchdringende und gestaltende Verstoffwechslung von Individuum und seiner Umwelt. Äußere Zustände inkarnieren die seelischen und wieder umkehrt uswusf.. Dabei sind es Puppen, Marionetten und Harlequins, die als Unheilsbringer bei Ligotti fungieren.

Nightmare Factory

‘Hyper Organism’ von Aeron Alfrey, inspiriert von ‘The Red Tower’

Nichts hat Bestand, verwunschen sind die Städte und Häuser. Alles sich Darbietende scheint sich in eine dunkle Groteske zu verwandeln, die ihr eigenes Schauspiel aufwirft. Als würde ein Schleier gehoben, der doch nichts lüftet, der die dunkle Schöpfung all dessen, was existiert, nicht preisgibt, sie nur immer mehr in Nacht taucht, obgleich sie doch durch das Schauspiel verheißungsvoll beschworen wird. Als Marionette erfährt sich das Ich, an dessen Fäden gezogen wird. Völlig unklar jedoch bleibt, ob es die den Protagonisten umgebende Welt ist, die sich, aus den Angeln des Rationalen gehoben, im Nichts des Grotesken / Sinnlosen verliert, oder: ob er es ist, der sie sich, mit zunehmenden Wahnsinn seines Verstandes, als eine solche erstehen lässt. Was es auch sei, ob Henne oder Ei, das Ergebnis bzw. die Wirkung ist die gleiche: es ist absolut wirklich. Und so verwendet er recht häufig den sog. ‘Unzuverlässigen Erzähler’, von dem wir kaum etwas bis gar nichts erfahren, der sich selbst seiner Eindrücke unsicher ist, der sich auf die Erzählungen von Anderen stützt (siehe Der Rote Turm). All das ist nicht sehr verwunderlich, bedenkt man, dass Ligotti, der sehr zurückgezogen lebt, unter anderem unter Agoraphobie und immer wiederkehrenden schweren depressiven Zuständen leidet. Er selbst bezeichnete sich in dem von Matt Cardin geführten Interview als Anhedoniker.

Gas Station Carnivals

Flau im Magen ist dem Ich-Erzähler, der sich, während sich die Welt draußen in eine stürmische See verwandelt, in das ‘Kabarett in Karmesin’ (ein Künstlerclub) geflüchtet hat, um sich ein wenig isoliert in Gedanken bei Tee und nikotinarmen Zigaretten zu laben. Hinter seinem Notizbuch seiner von ihm angenommenen Virusinfektion oder Lebensmittelvergiftung harrend, die bald ausbrechen werde. Es ist ihm, als wäre er auf einem alten Schiff, oder als befände er sich im Salonwagen eines luxuriösen Eisenbahnzuges, der vom Wind gepeitscht wird. Er fühlt sich an diesem Ort sicherer, denn würde er zusammenbrechen, wären ja Menschen um ihn herum, ihn in ein Krankenhaus zu bringen. Menschen mit denen er, solange es nicht soweit ist, nicht eigentlich näher in Kontakt kommen möchte. Jedoch betritt Stuart Quisser den Club, ein Kunstkritiker, von dem er überrascht ist, dass er sich in diesem blicken lässt. Er wolle mit der Karmesinfrau ins Reine kommen, antwortet dieser. Er hätte sie auf einer Party gedemütigt, sie eine von Selbsttäuschung geblendete Unbegabte genannt. Sie sei eine, die man sich besser nicht zur Feindin macht, da sie über Verbindungen verfüge, von denen Quisser keine Ahnung habe. Auch die sie bedienende Kellnerin sei ihr sehr ergeben.

Der Ich-Erzähler fordert Quisser auf, die sie umgebenden Wände zu betrachten. Woraufhin dieser bemerkt: Die Lage ist ernster als gedacht. Ihm scheint, als habe sie ihre alten Gemälde abgenommen, an deren Stelle nun neue hängen. Auch scheint sie die Bühne in der gegenüberliegende Ecke des Clubs neu gestaltet zu haben, auf der diverse Veranstaltungen wie: Dichterlesungen, Puppenspiele, Diashows, musikalische Darbietungen u.a. dargeboten werden. Vier Stellwände umgeben die Bühne, deren jede mit schwarzen und goldenen Geheimzeichen vor einem schimmernden roten Hintergrund bemalt war. Während Quisser die Schriftzeichen als veränderte wahrnimmt, die ihn an eine chinesische Speisekarte erinnern, kann der Ich-Erzähler nichts Neues an ihnen entdecken. Doch er erinnert sich, dass Quisser diese Bemerkung in einer Besprechung schon einmal von sich gegeben hat, in einer im letzten Monat stattgefundenen Ausstellung. Der Kritiker gibt an, sich daran nicht zu erinnern, jedoch als der Ich-Erzähler nachhakt, antwortet er:

Ich erinnere mich, kapiert? Was mich darauf bringt, daß es etwas gibt, worüber ich mit dir reden möchte. […] Ich kann nicht glauben, daß es vorher nie aufgefallen ist. Du solltest besser als alle anderen über sie Bescheid wissen. Kein anderer scheint eine Ahnung zu haben. Es ist Jahre her, aber du bist alt genug, um dich an sie zu erinnern. Du mußt dich an sie erinnern.

‘Abandoned Carnival’ von crego

Quisser spricht von den Tankstellen-Jahrmärkten. Seine Erinnerungen an sie reichen bis in seine frühe Kindheit zurück. Er erzählt wie er mit seinen Eltern in den Ferien mit dem Auto häufig weite Strecken zurücklegte, und sie deswegen immer wieder an einer Vielzahl von Tankstellen halten mussten. Besonders die ländlich / provinziell gelegenen waren es, die dem Kunden und Besucher innerhalb der kargen Landschaft ein Kuriosum offenbarten, obwohl es sich dabei um ganz normale Tankstellen handelte. Oft waren es einfache, mit vielen Werbeplakaten versehene Häuser, die zwei bis vier Zapfsäulen hatten. Hinter diesen Häusern jedoch befanden sich die Gebeine eines alten, nicht mehr vollständigen Jahrmarkts. Hatte man den großen Torbogen mit den bunt leuchtenden Glühbirnen passiert (das geschah immer in der Abenddämmerung), fand man Miniaturkarusselle und -riesenräder, Miniaturschiffschaukeln, kleine Berg-und-Tal-Bahnen, wie auch andere Gerätschaften, die häufig nicht mehr intakt und offenbar niemals repariert worden waren. Doch gab es immer eine sich unterscheidende Darbietung, eine Show, die stets in einem kleinen Zelt aus zerschlissener und verdreckter Leinwand stattfand.

Quisser erinnert sich z.B. an eine, die er ‘Die menschliche Spinne’ nannte. Hierbei handelte es sich um eine sehr kurze Darbietung, in deren Verlauf jemand in einer plumpen Verkleidung von einer Seite der Bühne zur anderen und wieder zurück flitzte, woraufhin er durch einen Schlitz am hinteren Ende des Zeltes entschwand. Eine andere Erinnerung ist ‘Der Hypnotiseur’, eine Showeinlage ohne stattfindende Hypnose: Der Akteur war einfach in einen langen, weiten Mantel gekleidet und trug eine Plastikmaske, welche die simple, sehr blasse Nachbildung eines menschlichen Gesichtes vorstellte, wenn man davon absah, daß sie statt Augen (oder Augenhöhlen) zwei große Scheiben mit aufgemalten Spiralstrudeln aufwies. Der ‘Hypnotiseur’ kasperte einige Augenblicke lang ungelenk vor dem Publikum herum, zweifellos weil seine Sicht von den Spiralmuster-Scheiben vor den Augenschlitzen seiner Maske behindert wurde, und stolperte anschließend von der Bühne. Weitere Darbietungen wie die der ‘Tanzenden Puppe’, des ‘Wurms’, des ‘Buckligen’ und die des ‘Doktor Finger’ gab es. Und jedesmal konnte Quisser unter dem Bühnengewand des Akteurs die Uniform des Tankstellenwärters erkennen.

Zur Obsession aber wird dem Kunstkritiker der Auftritt des ‘Showmann’, wie er ihn nennt. Eine ihm, über die Tankstellen-Jahrmärkte hinaus, immer wieder erscheinende Gestalt, dessen Faszination und Schrecken sich für ihn nicht lösen lassen, von dem er nie mehr zu sehen bekommt als seine Rückansicht: Dort stand der Showmann, […], mit dem Rücken zum Publikum, und trug einen alten Zylinderhut und einen langen Umhang, der den schmutzigen Boden der winzigen Bühne berührte, auf der man ihn sah. Unter der Zylinderkrempe ragte in dichten und langen Büscheln das drahtige rote Haar des Showmanns hervor, […] wie das Nest irgendeines ekelerregenden Ungeziefers.

Eine groteske Gestalt, die sich niemals rührte, obwohl sie für Quisser stets den Eindruck erweckte. […], eine alptraumhafte Gliederpuppe, die durch die bloße Andeutung irgendeiner Bewegung zu allen möglichen Phantasievorstellungen einlud. Eine Gestalt, die er – so glaubt er sich zu erinnern – schon an anderen Orten gesehen zu haben, bevor sie ihm das erste Mal auf einem der Tankstellen-Jahrmärkte begegnete.

Der Ich-Erzähler bedeutet Quisser, dass es keine Tankstellen-Jahrmärkte gibt, und es niemals welche gegeben hat. Dass solch eine Vorstellung absurd, er nur einer Täuschung erlegen sei. Eine rückwirkende Täuschung, wie er meint, in diesem Fall ein Kunst-Zauber der Karmesinfrau. Quisser lässt endlich den Blick von der Bühne ab und verschwindet auf der Toilette. Der Ich-Erzähler schaut sich die Gesichter der Künstler im Club an, er mutmaßt, dass auch sie etwas spüren, von einem Schrecken befallen sind, nur dass sie nicht ahnen, daß keinerlei spezielle Regeln im Spiel waren; […], daß die ganze Angelegenheit einfach ein Spiel des Zufalls war, ein zielloser Schrecken, der über einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit hereinbrach, aber aus keinem bestimmten Grund. Dass sie sich diesen Schrecken, das Böse vielleicht sogar unwissentlich selbst herbeigewünscht hatten. Als die Kellnerin wiederkommt, um den Ich-Erzähler zu fragen, ob er noch einen Tee haben wolle, lehnt er ab, da er nun befürchtet, dass auch er mit einem Kunst-Zauber belegt wurde, und der Tee sein Magenleiden nur befördern würde, deutet jedoch an, dass sein Freund vielleicht noch ein Glas Wein trinken wolle, indem er auf das leere Glas am anderen Tischende zeigt. Doch dort steht keines. Er beschuldigt die Kellnerin, es weggenommen zu haben. Sie bestreitet es. Auch kann sich keiner der anderen Künstler im Club an Quisser erinnern. Ebensowenig der Kunstkritiker selbst, den er am nächsten Tag in einer Galerie trifft, der angibt, besagten Abend, unter einem Bazillus leidend, bei sich zu Hause verbracht zu haben. Der Ich-Erzähler schimpft ihn einen Lügner. Quisser tritt flüsternd an ihn heran. Aufpassen solle er, was er sagte und zu wem er es sagte. Gerade er als Künstler müsse doch Kenntnis von diesen Dingen haben. … jemanden eine von Selbsttäuschung verblendete Unbegabte zu nennen. Es gäbe gewisse Personen, […], die machtvolle Verbündete hätten … ermahnt ihn Quisser und fügt hinzu: “Nicht, daß ich dem, was du über du-weißt-schon-wen gesagt hast, widersprechen wollte … aber ich hätte es nicht so offen geäußert. Du hast sie gedemütigt. Und in diesen Tagen kann so etwas sehr gefährlich sein, wenn du weißt, was ich meine.”

Wilde Gerüchte kursieren bald unter den Künstlern und Kennern, wer sich denn nun auf der besagten Party der beleidigenden Äußerung schuldig gemacht hatte, und wer überhaupt das Opfer der Beleidigung war. Der Ich-Erzähler versucht sich bei der Karmesinfrau zu entschuldigen. Diese antwortet ihm: “Ich weiß kaum, wer Sie sind. Ich habe genug eigene Probleme. Dieses Luder von Kellnerin hier im Club hat alle meine Gemälde von den Wänden genommen und dafür ihre eigenen aufgehängt.”

Immer häufiger ertappt sich der Ich-Erzähler, wie er, auf der Suche nach einer Antwort, zu den Erinnerungen an die Tankstellen-Jahrmärkte zurückkehrt: Aber es ist niemand hier, […]. Und jeder Raum, den ich betrete, kann zu einem Showzelt werden, wo ich auf einer wackeligen alten Bank Platz nehmen muss, die kurz vor dem Zusammenbruch steht.
Sogar jetzt habe ich den Showmann vor Augen. Sein drahtiges rotes Haar bewegt sich leicht in Richtung einer seiner beiden Schultern, so als sei er im Begriff, mir seinen Blick zuzuwenden, und bewegt sich wieder zurück; dann bewegt sich sein Kopf ein wenig in Richtung der gegenüberliegenden Schulter in diesem endlosen, grauenhaften Versteckspiel. Ich kann nur sitzen und warten, im Wissen, daß er sich eines Tages ganz umdrehen, von seiner Bühne herabsteigen und mich in den Abgrund rufen wird, den ich immer gefürchtet habe. Vielleicht werde ich dann erfahren, was ich tat – was jeder von uns getan hat – um dieses Schicksal zu verdienen.

Kunst vs. Wirtschaftshorror

Edition Metzengerstein; 2. Auflage 2001; Festa-Verlag

Unverkennbar, dass diese Erzählung vor allem an die Erzählung Teatro Grottesco erinnert, die ebenso der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ entstammt. Denn auch hier sind – wie zumeist in Ligottis Texten – vor allem Künstler / Intellektuelle (ganz allg. Wissende) und deren Kreise betroffen. Betroffen von übermächtigen Kräften. Denn wie sich der Ich-Erzähler unserer Geschichte überlegt, ob es nicht die Künstler selbst waren, die sich den Schrecken, das widernatürlich Böse herbeiwünschten, heißt es in der Teatro Grottesco-Erzählung: Ob ein Künstler von dem Teatro kontaktiert wurde oder seinerseits die Initiative ergriff und selbst an das Teatro herantrat, führte anscheinend zum gleichen Ergebnis: es beendete das Schaffen des betreffenden Künstlers. In beiden Geschichten wissen die Protagonisten nie, wie ihnen geschieht, sie spüren nur etwas, ahnen allenfalls, was mit ihnen vielleicht geschehen könnte, zumindest sind sie sich sicher, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, dass eine Kraft oder Magie im Spiel ist. Beidesmal steht es um die Gesundheit des Ich-Erzählers nicht zum besten. Beidesmal ist es ein mehr oder weniger unbestimmtes Magenleiden. Krankheit und äußere Gegebenheiten werden miteinander in Verbindung gebracht. Das hypochondrisch anmutende Ich hat sprichwörtlich einiges zu verdauen. Der abgerufene körperliche Zustand wird zum einzigen Fakten liefernden Scan für den Protagonisten. Zwar ist die Ursache der gesundheitlichen Beschwerden unklar, wie es auch keine Diagnose gibt – das Ich vermutet nur – , der gefühlte Befund jedoch, die Verstimmung bzw. das Leiden, wird als wirklich begriffen und in seiner Präsenz als gegeben angenommen. Es ist dem Ich-Erzähler als wäre die Verschlechterung seiner Gesundheit eine Auswirkung der bösen irrealen Kräfte, die als ebenso gegeben angenommen werden aber doch unbestimmt und unfassbar bleiben. Es wundert ihn nicht, dass sich die Dinge verschlechtern, begreift er das dunkle Treiben auch als einen Virus, der sich unaufhaltsam ausbreitet und seinen eigenen unhintergehbaren absurden und bösartig erschreckenden Schabernack treibt. Doch was ist das Bösartige?

Ligotti zeigt es uns nicht, er lässt es uns spüren. Dunkel ist die Kindheitsanekdote, die von Quisser erzählt wird, dunkel ist dem Ich-Erzähler ohnehin, auch ohne diese. Grotesk und albern sind die Auftritte auf den kleinen Bühnen der Tankstellen-Jahrmärkte, von denen wir nicht genau wissen, ob es sie nicht tatsächlich gegeben hat. Skurril und unheimlich bis zum Bersten sind die geschilderten Atmosphären, schrecklich faszinierend, wie der ‘Showmann’ selbst es ist. Eine Figur, die Figur bleibt. Wir haben nur seine Rückansicht. Wissen nichts von ihm. Wir kennen seine Gedanken nicht, wissen nichts über seine Motivation, seinen Gesichtsausdruck, wissen nichts über den Grund seines Erscheinens. Er ist ein immer wiederkehrendes Standbild des Schreckens. Ein Schrecken, der so ultimativ ist, da er sich nicht offenbart. Nur immer wiederkehrt. Das Interessante aber ist, dass wir sein Stillstehen als eine abnorme Handlung deuten, die nicht unbedingt unseren Verhaltensweisen entspricht. Dabei wären es wir, die potenziell in eine Schockstarre fallen könnten, würde sich die alptraumhafte Gliederpuppe rühren, sich abrupt zu uns umdrehen, um uns mit all dem zu konfrontieren, das wir schon immer be- und gefürchtet haben. Im Grunde kann man sich überlegen, ob er nicht auch eine Dopplungsfigur unserer Selbst ist. Ein Beiwohner wie wir, ein Zuschauer all der grotesken Spektakel, die sich in dieser Welt aufführen. Jedoch einer, der demnach längst in eine Starre verfallen ist. Stellvertretend für uns, für jene, die so sensibel sind, zu bemerken, dass etwas in dieser Welt nicht in Ordnung ist. Kein Wunder, wissen wir doch, dass sich das Ich in Ligottis Texten alsbald als Marionette im Treiben dunkler Mächte erfährt. Und als würde all das nicht schon reichen, sieht sich der Ich-Erzähler am Ende der Erzählung selbst mit ihm konfrontiert. Er selbst ist nun in Quissers Position. Aber nicht nur das. Er findet auch heraus, dass Quissers Anwesenheit am Abend, an dem er seine Kindheitsanekdote erzählte, von allen Anwesenden verneint wird. Quisser selbst bestätigt dies. Nun ist er es vielleicht gewesen, der die Karmesinfrau gedemüdigt hatte, der auf der Hut sein sollte. Aber auch das ist keine still- und feststehende Entwicklung der Geschehnisse, da bald niemand mehr weiß, die Karmesinfrau eingeschlossen, wer wem überhaupt zum Opfer fiel. Es wird vermutet, spekuliert und gemunkelt. Alles verliert sich im immer Dunkleren. Ein Horror, der purer nicht sein könnte. Denn wenn es nichts mehr gibt, an das wir uns halten können, wenn selbst unsere Umwelt nicht mehr als widerspiegelndes Korrektiv fungiert, als eines, das uns eine Antwort darauf gibt, wie es mit unserem Verstand bestellt sein könnte, haben wir nicht einmal uns selbst. Unsere Handlungen laufen ins Leere. Jeglicher Entscheidungswille schwindet, müsste erheblich neu motiviert werden. Doch durch was? Diese Antwort steht auf einem anderen Blatt …

Bereits in dieser Erzählung ist Ligottis Wirtschaftshorror – wie wir ihn besonders aus der Novelle My Work Is Not Yet Done kennen – spürbar. Die Tankstellen-Jahrmärkte, ob es sie gegeben hat oder nicht, sind ein Zeugnis und Erzeugnis der damals stark voranschreitenden Wirtschaftsmaschinerie. Die Auswirkungen dürften heute längst noch die letzte Provinz erreicht haben, ganz gleich, ob sie hinter sieben Bergen schlummerte. Tankstellen als solches repräsentieren, trotz ihres ganz eigenen Charms, den sie manchmal in manchen Gegenden haben, die großen Ölkonzerne. Der per Auto Reisende ist genötigt, bei der nächsten sich anbietenden Halt zu machen, geht das Benzin in seinem Tank gegen Null. Das Kuriosum des einstigen Jahrmarkts mit seinen Freaks wird zum dürftigen Ein-Mann-Entertainmentunternehmen in Kooperation, indem der angestellte Tankstellenbetreiber von einer Rolle in die nächste schlüpft. Der Zauber ist längst vorbei. Heute gibt es, wie wir wissen, den Rummel der Kirmes: absolut unskurril, magielos und nur profitorientiert. So sind die Tankstellen-Jahrmärkte ein letztes Indiz für das Verschwinden einer alten Welt, die immer eine eigene bizarre in unserer darstellte. Und in ihrem Auslaufmodell so witzig in der Bühnenaufführung, dass mich Ligotti zweimal laut zum Lachen brachte, weil ich die Darbietungen ‘Die menschliche Spinne’ und ‘Der Hypnotiseur’ so herzlich albern fand, und noch immer finde, denke ich daran und lache wieder. Grotesk!, kann man da meinen, aber das ist die Welt ja auch. Heute mehr denn je …

‘Dancer’ von reddoor, inspiriert von ‘The Consolations of Horror’

Und wem dürfte das weniger entgangen sein als Thomas Ligotti, der aufgrund seines psychosomatischen Leidens ein besonderes Gespür und Empfinden für die Dinge und Vorgänge in dieser Welt hat.

Zumindest in seinen Texten haben Künstler und Intellektuelle dem Wirken der dunklen Kräfte nichts entgegenzusetzen. Es sind den Verstand absorbierende dunkle Welten, in die nach und nach die Produktneuheiten des Roten Turmes ziehen, ihr Unwesen zu treiben, denn, um es mit den Worten des Ich-Erzählers aus der Erzählung Teatro Grottesco zu formulieren:

“Man weiß nie, mit was man in Berührung kommt, oder was mit einem in Berührung kommt. Schon bald werden all meine Gedanken jede Klarheit verlieren, und ich werde nicht einmal mehr wissen, daß ich jemals eine Entscheidung zu treffen hatte. Die weichen schwarzen Sterne beginnen bereits, den Himmel anzufüllen.”

Gegen Klärung und Reinheit

Das Bewusstsein um die Aspekte des Nächtlichen, Abseitigen und Unheimlichen reicht weit ins 18. und 19. Jahrhundert hinein und wurde in der Epoche der Romantik, man möchte fast sagen, geboren als eine antiaufklärerische und schwärmerische Suche. Soweit die Klischees. In Wahrheit formulierte diese literarische Bewegung aber keinen radikalen Bruch mit der Aufklärung, sondern bereicherte diese noch um den Zusatz produktiver Zweifel an einer vollständig rationalen-diskursiven Durchdringung der Welt.

Der Allwissenheitsanspruch der Aufklärung verwandelte sich in der Romantik in eine fragmentierte Realität gegenüber des sinnvollen Ganzen. Mit einer umfassenden Ästhetisierung der porös gewordenen Welt begegnet das romantische Ich der so entstandenen Kluft zwischen Wirklichkeit und Subjekt, das im Kunstwerk nicht zu einer bruchlosen Einheit zurückfindet, sondern in der Sehnsucht nach Einswerdung von den nicht rückgängig zu machenden Rissen im fragil gewordenen Gesellschaftsgefüge kündet. Die Ironie zwischen dem zugleich Ganzheits-Streben und der Erfahrung eines fortschreitenden Auseinanderfallens von Welt und Ich unterstreicht den Charakter einer Epoche, die den Übergang zur Moderne markiert. Dieser in sich gebrochene Blick auf das eigene Selbst und die als Entfremdung empfundene Realität generiert als Subtext des Romantischen eine Atmosphäre latenter Bedrohung und Abgründigkeit. Das Romantische verbindet sich mit dem Unheimlichen durch das Moment der Widersprüchlichkeit.

Sigmund Freud, dem wir den Aufsatz „Das Unheimliche“ verdanken, führt dazu aus:

„Heimlich ist ein Wort, das seiner Bedeutung nach einer Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt.“

Freud hatte in seiner psychologische Ausdeutung E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“ Regression, Ich-Spaltung, Narzissmus und den Kastrationskomplex als Triebfedern für das Unheimliche ausgemacht und dieses dezidiert auf das Ästhetische bezogen. Selten wurde dieser Zusammenhang in der Kunst konsequenter diskutiert, und das, obwohl sich allein im 20. Jahrhundert eine Fülle von Beispielen einer solchen Lesart anbietet: Max Ernst, Salvadore Dali, Hans Bellmer, Edward Hopper bis hin zu Cindy Sherman, Jeff Wall oder Robert Gober, um nur einige wenige zu nennen. Die eindrucksvolle Traditionslinie des Abgründigen und Alptraumhaften zieht sich durch unser vermeintlich so aufgeklärtes und rationales Zeitalter wie ein roter Faden. Daß diese bislang eher marginalisiert wurde, liegt nicht zuletzt am Kunstbetrieb, welcher die Moderne gerne als einen Prozess der Purifizierung begreift, an dessen Ende das autonome, rein selbstreferenzielle Kunstwerk steht. Erst mit dem Surrealismus geraten Strömungen in den Blick, die emotionale Affekte, Traumhaftes, Unbewußtes, Metaphorik und suggestive Narration zum Ausgangspunkt einer komplexen künstlerischen Strategie machen, die nicht auf Klärung und Reinheit, sondern auf Verwirrung und Widersprüchlichkeit zielt. Von besonderer Bedeutung ist dabei eine künstlerische Haltung, die ein somatisches Wahrnehmen gegenüber der intellektuellen Rezeption Raum gibt.

Dieser körperlich erfahrbare Raum, der Suggestion und Irritation verbindet, erfüllte sich in beispielhafter Weise in der vierten Pariser Surrealistenausstellung, die am 17. Februar 1938 in der Galerie Beaux Arts eröffnet wurde. Die Einladungskarte ist voller Hinweise auf phantastische Ereignisse und ungewöhnliche Orte. Das auf 22 Uhr eingeladene Publikum erlebte einen ebenso bizarren wie verführerischen Raum-Traum, der radikal mit allen bisherigen Prinzipien von Ausstellung brach, bereits eingestimmt durch das Versprechen auf Androiden, die während der Geisterstunde, aus falschem Fleisch und falschen Knochen zusammengesetzt, die Ausstellung besuchen würden. Empfangen von einem alten, efeuumrankten „Regentaxi“ und danach durch einen von künstlichen Mannequins flankierten Korridor geführt, gelangte man in den Hauptraum. Hier schwamm das Wunderbare sozusagen auf der Oberfläche des Humors, war der Raum verfremdet, in den der Besucher, ob er es wollte oder nicht, hineingezogen wurde: eine riesige gewölbte Grotte aus zwölfhundert aufgehängter Kohlesäcke; der sanft gewellte Boden war mit einem dicken Teppich welker Blätter bedeckt, und in einer Bodenfalte schimmerte ein Teich mit Seerosen und Schilf. Inmitten dieser unterirdischen Lichtung, einer Synthese der inneren und äußeren Welt, thronte auf einem kleinen Podest als Zeichen der Freundschaft ein Brasero, eines dieser eisernen Glutbecken vor den Terrassen der Pariser Cafés. Als synästhetisches Gesamtkunstwerk zielte diese Inszenierung darauf, das klassische Verhältnis von Betrachter und Kunstwerk aufzulösen und so gewissermaßen die Werke zu Akteuren zu machen, die, unterstützt durch eine von Man Ray verantwortete raffinierte Lichtregie, Eigenmächtigkeit gegenüber ihrer Betrachter entwickeln. Die Überzeugungskraft der Szenerie wurde am Eröffnungsabend noch durch den Einsatz von Taschenlampen gesteigert, mit denen sich die Besucher durch die Ausstellung tasteten.

Thomas Ligotti: Dunkelheit als literarische Kunst

Es gibt in unserer heutigen Zeit viele, die glauben, sie verstünden sich auf den echten “Horror”, aber ob sie unter dieser Flagge schreiben oder lesen: sie täuschen sich. Täuschen sich dann, wenn sie Ligotti entweder gar nicht kennen, oder keinen Zugang zu ihm finden. In der von “Handlung” ausgehenden Welt der modernen Veröffentlichungsfabriken hat Spannung den Schrecken als primäre Komponente des modernen Horrors abgelöst. Poe und Lovecraft zeigen in ihren besten Arbeiten, was Schrecken, was wirklicher Horror bedeutet. Thomas Ligotti und sein “pure horror” ist der dritte im Bunde, der einzige Autor, der neben den beiden anderen Giganten Platz nehmen darf. In “Grimscribe – Sein Leben und Werk” dürfen wir den Nervenkitzel des reinen, unverdünnten Schreckens noch einmal erleben. Allerdings ist es oft die literarische und philosophische Unkenntnis einiger Rezensenten, die Ligotti nach wie vor mit dem Lovecraft-Kosmos verbinden. Ligottis stilistische Bandbreite ist bemerkenswert und übertrifft bei weitem den limitierten Klang Lovecrafts (ohne dessen Einfluss schmälern zu wollen, der gerade in Ligottis Anfängen exorbitant vorhanden war). Was beide Autoren tatsächlich miteinander verbindet, sind die Weltanschauungen. Dazu gehört die Überzeugung vom Untergang der abendländischen Kultur (und in dieser Phase befinden wir uns gegenwärtig, wie leicht zu erkennen ist). Lovecraft als auch Ligotti sehen die Menschheit in einem sinnlosen Universum treiben, manipuliert von Mächten, die weder zu begreifen noch in irgendeiner Form zu nutzen sind. Wo Lovecraft jedoch trivial wird, unterstreicht Ligotti seinen intellektuellen Rang, was nicht zuletzt seiner gewaltigen philosophischen und literarischen Bildung zu verdanken ist (man denke nur, dass etwa “Cioran” zu seinen gedanklichen Haupteinflüssen zählt).

Robert M. Price (u.a. Herausgeber von “The New Lovecraft Circle”) nennt Ligotti gar einen Gnostiker, was die intellektuell-philosophische Linie sogar noch unterstreicht.

Wieder einmal ist es Frank Festa zu verdanken, dass wir eines der wichtigsten Werke der modernen Horror-Literatur nun auch indeutscher Sprache vorliegen haben. All jene, die des Englischen nicht mächtig sind, sollten ihm auf Knien danken.

“Grimscribe” ist der Name, den Ligotti seiner Stimme gibt, die Quelle seiner wunderbaren Prosa. Es handelt sich dabei nicht notwenigerweise um eine einzelne Person, sondern um eine bestimmte Art des Sehens, um eine Verbindung zwischen den dunklen, süßen Orten der Seele und der gedruckten Seite.

“Ich erkenne seine Stimme, wenn ich sie höre, denn stets spricht sie von schrecklichen Geheimnissen. Sie spricht von den bizarrsten Mysterien und Erlebnissen, manchmal mit Verzweiflung, manchmal mit Freude, und manchmal mit einer Laune, die sich jeder Beschreibung entzieht”,

erklärt er uns in der Einleitung; und zum Schluss: “Unser Name lautet GRIMSCRIBE. Das ist unsere Stimme.”

Das macht Grimscribe mehr zu einer Reihe von unheimlichen Chören als zu einer Sammlung miteinander verbundener Geschichten.
Es sind dies subtile Variationen über Finsternis, Verfall, Tod, und den Schrecken des Unbekannten.

Anders als die meisten der heutigen Horror-Autoren, die einen anatomischen Ansatz verwenden, hebt Ligotti seine Vorstellungen über Tod und Verfall auf die Ebene des Abstrakten, Akademischen und hüllt sie in eine delikate, elegante Sprache. Im Einklang mit dem hohen literarischen Ton seiner Prosa führt er die Grundideen der Stories in Richtung des leicht Anekdotischen, aber Ligottis Talent für den Wechsel des Ausdrucks sorgt dafür, dass diese Wechsel ebenso fesselnd wie elegisch sind.
In “Nethescurial” erhält der Erzähler einen Brief von einem Freund, der auf ein beunruhigendes Manuskript gestoßen ist.

“Stellen Sie sich die gesamte Schöpfung als eine bloße Maske für das größtmögliche Böse vor, ein absolut Böses, dessen Realität allein durch unsere Blindheit ihm gegenüber gemildert wird, ein Übel im Herzen der Dinge … natürlich … wir müssen Distanz wahren zu solchen Gespenstern wie Nethesurical, aber das ist in der Regel durch das Medium der Worte schon gewährleistet … und doch scheint das Manuskript in dieser Hinsicht nur eine schwache Barriere zu bilden.”

Der Erzähler träumt sich in einen kafkaesken Bibliotheks-Alptraum, in dem er zu folgender Erkenntnis gelangt:

“Ich konnte auch sehen, was sich unter jeder Oberfläche windet, mein Blick durchdringt die übliche Rüstung der Objekte und erkennt in ihnen allen das gleiche heraussprudelnde Zeug, wo immer ich auch hinsehe …”

Ligotti erreicht seine Größe als Horror-Schriftsteller nicht zuletzt dadurch, wie er mit Bedacht auswählt, was er dem Leser zeigen möchte. Seine Prosa erreicht nahezu Perfektion und stärkste emotionale Kraft, wenn er ein Bild des Schreckens zeichnet, den Leser darauf hindeutet, dass es da etwas gibt, das er vielleicht nicht vollständig wahrgenommen hat.

Zu Grimscribe sagte der Meister selbst folgendes:

“Ich muss anmerken, dass ich mit Grimscribe begann, mich weiter und tiefer in symbolische Erzählungen und Landschaften zu wagen, während ich mich trotzdem an die für einen Horrorgeschichte typische “Realität” halte. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich Das letzte Fest des Harlekin und Träumen in Nortown bereits geschrieben hatte, bevor meine erste Sammlung erschien.”

Das war 2011, als Grimscribe bei Subterranean Press erneut erschien, überarbeitet und mit Variationen versehen im Gegensatz zur 1991 bei Carroll & Graf erschienenen Urform.

Trotz der kultischen Verehrung, die Ligotti genießt, wird es noch dreißig oder vierzig Jahre dauern, bis man vollumfänglich zu schätzen weiß, wie Ligotti die Horrorliteratur um eine neuartige Dimension bereichert hat.

Unbestritten jetzt schon die konkurrenzlose Veröffentlichung des Jahres 2015!

Matt Cardin: Interview mit Thomas Ligotti

Interview geführt von Matt Cardin, Juli 2006, Erschienen in The Teeming Brain und in The New York Review of Science Fiction, Issue 218, Vol. 19, No. 2 (October 2006). Gedruckt erschienen in Matt Cardin: Born to Fear (Interviews mit Thomas Ligotti)

Übersetzt von Michael Perkampus, mit freundlicher Genehmigung von Matt Cardin

MS: Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, Tom. Fangen wir doch mit ein paar Fragen zu deinen Schreibgewohnheiten an. Das ist ein Thema, das mich schon immer interessiert hat.

Du bist nun seit drei Jahrzehnten als Schriftsteller tätig. Ich weiß, dass der Schreibprozess für dich stets nervtötend, qualvoll oder beides war. Du hast mehrfach gesagt, dass du einer jener Schriftsteller bist, die das Ergebnis mehr schätzen als das Schreiben selbst. Mehr als einmal wolltest du damit aufhören, nur um etwas zu haben, zu dem du zurückkehren kannst. Was genau geht da vor sich? Was ist es, dem du dich nicht entziehen kannst, wenn sich ein neues Projekt ankündigt? Mich interessiert natürlich auch, wie sich dein Schreibprozess im Laufe der Jahre verändert hat.

TL: Das wird eine langweilige Antwort, weil ich nichts Literarisches darüber zu sagen habe. Es ist alles eine Frage des persönlichen Krankheitszustands. Das Schreiben war in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren nicht schwer für mich. Es gab eine Zeit, von 1975 bis 1979, in der ich zu meiner Panik- und Angststörung auch noch schwer depressiv war. Jeder Tag war grau. Jeder einzelne Tag. Ich dachte, mein Leben wäre vorbei. Aber ich war jung, also begann ich in dieser Phase, ernsthaft zu schreiben. Die Jahre vergingen und ich schrieb eine schlechte Geschichte nach der anderen. Dann schrieb ich “The Last Feast of Herlequin”. Der Protagonist dieser Erzählung ist depressiv. Sie war wirklich sehr schlecht, aber auch nicht so schlecht, dass ich sie vernichten wollte. Ich legte sie in eine alte Bierkiste, die ich dazu nutze, meine Schreibereien zu archivieren. Jedesmal, wenn ich sie wieder überflog, dachte ich darüber nach, wie ich die guten Parts von den schlechten befreien könnte.

In der Zwischenzeit begann ich Geschichten zu schreiben, die in Zeitschriften mit geringer Auflage erschienen. Es dauerte mehr als zehn Jahre, nachdem ich “Last Feast” geschrieben hatte, bis ich endlich dazu fähig war, diese eine Geschichte zu überarbeiten. Etwa zu dieser Zeit entwickelte ich wegen des Stresses, den ich hatte, ein Reizdarm-Syndrom. Ich rollte mich unter Darmkrämpfen auf dem Boden der Notaufnahme. Wer das witzig findet, der soll mal seinen Arzt fragen.

Das und meine fortschreitende Panik-Angststörung, kombiniert mit dem Älterwerden, machte meine Arbeit zu einem echt harten Kampf. Das wurde dann auch die Grundlage für den “Teatro Grottesco”- Zyklus. Ich hatte noch weitere Geschichten, die ich schreiben wollte, also schrieb ich sie. Aber immer wenn ich schrieb, endete das in einem Zustand äußerster Erregung und mein Gedärm war drauf und dran, mich umzubringen. 1991 beschloss ich, das Schreiben an den Nagel zu hängen. Irgendwas musste ich jedoch tun, also habe ich angefangen, Gitarre zu spielen: Sachen aus meiner Jugend, Sachen aus den 70ern. Ich dachte, das wäre wesentlich weniger anstrengend.

Ich wurde ein richtiger Streber, stellte aber fest, dass es eben doch nicht leichter war als zu schreiben.

Es war so um 1993 herum, als die Firma, für die ich arbeitete, eine Umstrukturierung durchlief; nicht die erste. Ich denke an diese Jahre als eine Zeit, in der die Leute, die in Büros arbeiteten, ihr Potential, Arschlöcher zu sein, entdeckten. Diese Umstrukturierung mit ihren eklatanten Dummheiten und ihrer “Körperfresser-Mentalität” (hier im Original: Pod-People-Mentality, zurückgehend auf “Invasion of the Body Snatchers”) störte mich so sehr, dass ich die Geschichte “The Nightmare Network” schrieb. Nun schrieb ich also wieder und spielte obendrein noch Gitarre.

Die Situation während der Arbeit blieb aber weiterhin angespannt. Ich schrieb also eine weitere Wirtschafts-Horrorstory: “I Have A Special Plan For This World”. Meine Mitarbeiter fürchteten bereits, ich würde überschnappen und Amoklaufen. Aber in diesem Stadium war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, zumindest nicht vor dem Jahr 2000. Dann aber wurde ich von Gewaltphantasien beherrscht. Das war der Anstoß zu “My Work Is Not Yet Done”. Ich habe versucht, den Geschichten etwas mehr Bedeutung zu geben als einfach nur Rache, über die es sich eigentlich nicht zu schreiben lohnt. Ich schrieb dann noch zwei weitere Wirtschafts-Horrorgeschichten. Meine Geschichten als solche zu bezeichnen, ist meine Art, die Wahrnehmung meiner Leser auf einen Punkt zu fixieren, wobei ich hoffte, dass sie mehr sind, als einfache Horror-Storys aus dem Arbeitsleben.

“I Have A Special Plan For This World” handelt zwar im Wirtschafts-Millieu, aber wie bei meinen anderen Wirtschafts-Horrorgeschichten schwebte mir eine breitere Perspektive vor, gerade in Bezug auf Dinge, die mir wichtig sind: Hauptsächlich das Fiasko und der Alptraum der menschlichen Existenz. Das Gefühl, dass die Menschen Marionetten von Kräften sind, die sie nicht verstehen können usw. Diese Themen treten naturgemäß dann in den Vordergrund, wenn ich selbst intensive und unangenehme Episoden erlebe. Schmerz ist meine Muse, so kann man das sagen.

Bis zum Jahre 2001 war mein psychischer Zustand der einer bipolaren Depression. 2002 wurde sie einen Monat lang von einer hypomanischen Phase unterbrochen. Während dieser Zeit schrieb ich zwei weitere Geschichten: “Purity” und “The Town Manager”, die durch meine Wut auf die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Amerika zu dieser Zeit ausgelöst wurde. Die wenigen Sachen, die ich seitdem geschrieben habe, wurden in so einer hypomanischen Phase geschrieben, gegen die ich im Moment Medikamente nehme, zusätzlich zu dem anderen Zeug, das ich ohnehin schon schlucke. Ich denke also, es gibt ein nachvollziehbares Muster, das mich zum Schreiben drängt, nämlich Hass und Schmerz. Beide wirken als Sprungbrett für die Themen meiner Geschichten. Ich hoffe, dass es mir auf diese Weise gelingt, meine momentane Existenz zu transzendieren und meine Einstellung darüber mitzuteilen. Das mag den Leser interessieren oder nicht, aber es ist der eigentliche Grund, warum ich schreibe.

MC: Hat dir das Schreiben überhaupt jemals Freude bereitet? Du sagtest mal, als du damit angefangen hast, machte es dich High wie die Drogen, die du nimmst, allerdings ohne deren negativen Auswirkungen. Ist das noch der Fall? Oder handelt es sich dabei heute mehr um ein Ablassventil für negativen inneren Druck? Oder womöglich um beides?

TL: Das Schreiben hat mir schon immer mehr Befriedigung als Freude bereitet. Ich habe das Planen einer Geschichte immer mehr genossen als die Niederschrift selbst. Ungeschrieben stecken in einer Story noch unbegrenzte Möglichkeiten. Ich versuche, die Elemente nicht allzu schnell auszuarbeiten, weil jede feststehende Idee, jeder Charakter, jede Einstellung usw. Stück für Stück diese Möglichkeiten vernichten. Weil es diesen Effekt nun einmal gibt, skizzierte ich die Charaktere in “My Work Is Not Yet Done” zunächst anders als sie dann in der Geschichte agieren.

MC: Eine Menge moderne Pop-Autoren bemühen immer wieder die alte Leier, dass zuerst die Geschichte kommt. Ich glaube, Stephen King hat das sehr oft gesagt. Auch sind viele Literaten mit dieser Aussage einverstanden. “Für mich” sagte Bernard Malamud einmal “zählt die Story, Story, Story.”

Ich erinnere mich, dass du in der Vergangenheit, auf das fast völlige Fehlen von Handlung in deinen Geschichten angesprochen, antwortetest, du hätten nie verstanden, wovon deine Leser da reden; du dachtest stets, in deinen Geschichten stecke genau soviel Handlung drin wie in jeder anderen auch. Wenn ich an deine vielen kurzen impressionistischen – oder auch an deine offen experimentellen Stücke – denke, wie zb. “Notes on the Writing of Horror”, aber auch “Ghost Stories For The Dead”, in welchen eine beängstigende philosophische Spekulation im Vordergrund steht, und die eigentliche Geschichte – oder der Plot – auf eine fast unterschwellige Art und Weise daherkommt, dann verstehe ich persönlich schon, was sich deine vielen Leser für Fragen stellen. Und ich bin sicher nicht der Meinung, das Zweitrangige der Handlung sei ein Nachteil. Ich denke, all diese Schriftsteller, die eine Universallösung auf Grundlage des “die Geschichte zuerst” anbieten, sprechen da von ihren persönlichen Vorlieben. Sie sind wahrscheinlich selbst diese Art von Leser, die in Geschichten schwelgen, und wenn sie dann ihre eigenen schreiben, ist das ihre Herangehensweise. Was hältst du von alldem?

TL: Dem stimme ich zu. Es scheint mir natürlich, dass Leute, die Geschichten mögen, wenn sie denn Schriftsteller sind, auch Geschichten schreiben. Was mich betrifft, interessieren mich Geschichten, die nur Geschichten sind, nicht. Ihnen fehlt etwas. Was mir dabei fehlt, ist die Anwesenheit des Autors, oder, genauer: das Bewusstsein des Autors. In den meisten Romanen befindet sich der Autor in einem Raum zwischen den Charakteren und der Szenerie, aber ich möchte den Autor im Vordergrund wissen und den Rest im Hintergrund.

Abgesehen von den Stories, die du erwähnt hast, glaube ich, dass meine Erzählungen Geschichten in Hülle und Fülle enthalten. Aber das sind nur Vorwände, Garderoben, an die ich das hänge, was wirklich wichtig für mich ist, und das ist meine eigene Sensibilität. Das ist alles.

Die meisten Autoren lieben es, andere Menschen zu beobachten und sind mit dem Leben, das sie vorfinden, zufrieden. Darüber machen sie dann eine Geschichte. Sie achten wirklich auf die Welt um sich herum. Das alles kann ich aber nicht. Ich interessiere mich nicht dafür, wie die Leute ticken, oder, wie Sherlock Holmes sagte:Ich sehe es, aber ich beachte es nicht.
Es scheint mir trivial und nutzlos, die Aufmerksamkeit auf solche Dinge zu lenken. Ich bin am physikalischen Universum nicht mehr interessiert. Die rhetorische Verzückung der Wissenschaftler beeindruckt mich nicht im geringsten. Ich kann nicht verstehen, warum sich jemand dafür interessieren sollte, wie das Universum begann, wie es funktioniert und wie es enden wird. Äußerst trivial und nutzlos. Im Gegensatz dazu habe ich Ehrfurcht vor Schriftstellern, die ihre Geschichten geschickt zu erzählen wissen, oder vor Leuten, die eine Fremdsprache beherrschen oder ein Instrument wirklich virtuos spielen. Aber das bedeutet nicht, dass ich ihre Geschichten lesen will, ihnen zuhören oder Musik machen möchte. Wie sagt Morrissey in dem Smiths Song “Panic”: “Weil die Musik, die sie die ganze Zeit laufen lassen, mir nichts über mein Leben sagt.”

Die Arbeit von Schriftstellern wie Malamud, Wiliam Styron, Saul Below sagt mir nicht nur nichts über mein Leben, sie sagt mir auch nichts über das, was ich selbst erlebt habe oder über meine Gedanken über das Leben. Im Gegensatz dazu sagen Schriftsteller wie Jorge Luis Borges, H.P. Lovecraft und Thomas Bernhard eine Menge über mich und das Leben ganz allgemein, wie ich es ebenfalls erfahren habe. Ich kann an ihrem Werk teilhaben, weil sie genauso gedacht und gefühlt haben müssen, wie ich es tue. William Burroughs sagte einmal, der Job eines Schriftstellers sei es, den Lesern zu zeigen, was sie wissen, aber nicht wissen, dass sie es wissen. Aber dazu müssen sie schon sehr dicht am Wissen dran sein, weil sie es sonst nicht wissen wollen, wenn sie es sehen.

MC: Wie viel Augenmerk richtest du auf die poetische Qualität deiner Prosa? Ich spreche von Satzrhythmus, von Klang und all dem. Ich erinnere mich dabei an Raymond Carver, der sich an die Zeit zurückerinnerte, als er noch der Student von John Gardner war. Gardner hatte seine Prosa in mühevoller Kleinarbeit analysiert, Zeile für Zeile – und legte Wert darauf, sie ao skandieren zu können, wie es bei Gedichten üblich ist. Hast du für das Schaffen solcher Effekte ebenfalls ein Auge/Ohr durch den Einsatz kunstvoller Sprachtechniken? Oder geht es dir eher um die Grundstimmung?

TL: Sofern ich nicht den Stil eines Schriftstellers wie Bruno Schulz oder Thomas Bernard nachahme, folge ich dem Ton, den ich im Kopf habe. Der gibt mir den Rhythmus und die Geschwindigkeit vor, die ich haben will, macht die Geschichte für die Aufnahme aller Bauteile bereit, die ich verwenden möchte, hauptsächlich sind das Metaphern.

Ich kann mir nicht vorstellen, einen anderen Schriftsteller derart zu untersuchen, aber Gardner war ein Gelehrter der Mittelenglischen Literatur. Für Carver, der eine Art Blankvers schrieb, war diese Betreuung wohl sinnvoll. Das Problem, zu sehr darauf zu achten, wie die Arbeit im Englischen klingt, ist, dass man keinen Einfluss darauf hat, wie es sich in der Übersetzung anhört. Es mag sich sehr exzentrisch anhören, aber in einer frühen Phase meiner schriftstellerischen Tätigkeit wurde mir bewusst, dass bestimmte Wortspiele in einer anderen Sprache nicht funktionieren würden. Das lernte ich aus meiner Begeisterung für Vladimir Nabokov. Also hörte ich auf, zu viel von diesen Wortspielen zu verwenden. Das ist schwierig, weil Wortspiele mir ganz natürlich in den Sinn kommen.

Das Problem ist: wenn ein Wortspiel nicht beim Leser ankommt, ist es Zeitverschwendung. Ich habe die Doppeldeutigkeiten und mehrsprachigen Wortspiele in vielen Büchern Nabokovs analysiert, und es ist nicht das, was ihn als Schriftsteller auszeichnet. Was ihn interessant macht, ist seine eigenwillige Persönlichkeit, seine Besessenheit von Tod, von Schaden, von Verlust und all den üblen Dingen, die den Kern der Literatur ausmachen, die allerdings bei Nabokov besonders ausgeprägt sind.

MC: Ich erinnere mich aus früheren Interviews, dass deine Einführung in die Horror-Literatur durch Shirley Jackson, Edgar Allan Poe, Arthur Machen und H.P. Lovecraft stattfand. Glaubst du, dass dich diese ersten Leseerfahrungen bei dem, was du dann schreiben wolltest, beeinflusst haben? Ich meine nicht so sehr den Inhalt als vielmehr den auktorialen Ansatz. Ich weiß, dass dein Zusammenbruch im Alter von 17 das emotionale und philosophische Fundament für dein Erzählen bildet. Aber in Verbindung mit der Frage nach Plot und Handlung weiter oben, frage ich mich, ob du der Meinung bist, dass dein stilistischer Ansatz von deinen Leseerfahrungen mitbestimmt wurde.

TL: Shirley Jackson gehört nicht zu dieser Aufzählung. Ich las “The Haunting Of Hill House”, weil mir der Film gefiel. Das war zu einer Zeit, als man sich Filme nicht immer anschauen konnte, wann man wollte. Also las ich den Roman, als ich zufällig auf ihn stieß und nicht besseres zu tun hatte. Das brachte mich nicht dazu, über ähnliche Dinge zu schreiben wie sie, aber es löste in mir den Wunsch aus, andere Werke der Horror-Literatur kennenzulernen, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht wusste, ob es solche überhaupt gab. Das einzige, was ich damals las, waren die Sherlock-Holmes-Geschichten. Ich genoss sie, weil ich mich mit Holmes’ Neurosen identifizieren konnte, natürlich auch, weil er Drogen nahm. Der nächste Horror-Autor, den ich las, war Arthur Machen, der über ein sehr ähnliches Milieu schrieb, in dem auch die Holmes-Geschichten angesiedelt sind: neblige Londoner Straßen, gruselige Landschaften. Dann las ich Poe und Lovecraft zum ersten Mal und fand in ihren Texten etwas, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es überhaupt suchte: Autoren, die sich auf jeder einzelnen Seite ihres Werkes offenbaren, die einerseits wie persönliche Essayisten und andererseits wie lyrische Dichter schreiben. Jeder Schriftsteller, den ich je bewunderte, schrieb auf diese Art und Weise. Ich sage “schrieb”, weil sie heute alle tot sind. Eine andere Art von Schriftstellern gibt es für mich nicht.

MC: Bist du beim Schreiben schon einmal in einer Geschichte stecken geblieben? So dass du nicht mehr wusstest, wie es weitergehen soll?

TL: Nein, ich blieb noch niemals ‘stecken’. Ich weiß immer genug über die Geschichte, die ich gerade schreiben möchte und besitze die nötige Begeisterung, die es überhaupt erst ermöglicht, mit dem Schreiben zu beginnen. Ich denke darüber nach und mache mir eine Menge Notizen, frage mich, ob etwas fehlt oder ob etwas zu viel ist. Ich zermartere mir das Gehirn, um die Idee der Geschichte so weit zu treiben, wie es nur möglich ist. Während der Niederschrift kommen mir meist bessere Ideen als ursprünglich geplant. Wäre das nicht so, wären die Geschichten wohl gerade mal mittelmäßig, wie es einige meiner Geschichten dann ja auch sind. Es ist nicht möglich, jeden Aspekt im Voraus zu planen. Ich vertraue diesbezüglich auf meine Fähigkeiten, und es hat bislang ja immer geklappt.

MC: Das führt mich zu einer anderen, aber verwandten Frage: Hast du jemals unter einer Schreibblockade gelitten? Ich meine damit nicht einfach ‘in der Mitte stecken zu bleiben’. Was ich meine, wird am Besten von Thom Gunn beschrieben: “Es gibt Zeiten, in denen bist du steril, das heißt, Worte bedeuten gar nichts. Die Worte sind da, die Dinge der Welt sind da, du bist an den Dingen in der gleichen Weise interessiert wie immer und theoretisch könntest du sie zu Themen deiner Gedichte machen, aber du kannst einfach nicht schreiben. Du kannst dich hinsetzen, eine gute Idee für ein Gedicht haben, aber nichts kommt dabei raus. Als ob der Welt ein gewisses Licht vermissen ließe. Es ist eine wortlose Welt und irgendwie eine leere und ziemlich sterile Welt. Ich weiß nicht, was es verursacht, aber es ist sehr schmerzhaft.”

TL: Wann immer ich etwas schreiben wollte, habe ich das auch getan. Das Problem für mich ist nicht die Fähigkeit, zu schreiben, sondern dass ich mich um das Schreiben nicht schere … oder um überhaupt etwas. Im Zustand der Anhedonie (Zustand der Depression) enthüllt alles seine “wahre” Zwecklosigkeit und Nichtigkeit. Wir könnten über das Wörtchen “wahr” streiten, aber dann könnten wir auch über spirituelle Traditionen streiten, wie etwa den Buddhismus, der ebenfalls keinerlei Verwendung für irgendetwas hat, am wenigsten dafür, Kurzgeschichten zu verfassen. Der Buddhismus ist nicht mein Ausgangspunkt, aber ich befinde mich an einem ähnlichen Ort. Ich bin von allem um mich herum losgelöst. Überhaupt etwas zu tun, erscheint einfach nur dumm, was es meiner Meinung nach letztlich auch ist. Das ist die Lehre der Anhedonie, ein Zustand äußerster Rationalität. In dem Moment, wo du dich dazu entschließt, irgendetwas zu tun, befindest du dich in einem Stadium des Irrationalen. Ohne dieser Irrationalität besteht dein Leben nur aus Zahlen: wie lang, wie viel, wie weit. Emotionen geben unserem Leben eine illusorische Bedeutung. Diese Bedeutung ist ein Motivator und lässt dich denken, dass etwas wichtig ist, obwohl das letztenendes nicht stimmt. Emotionen sind der Motor, um das sinnlose Leben überhaupt leben zu können.

Aber ich habe nicht den Eindruck, Anhedonia sei ähnlich schmerzhaft wie Thom Gunn das über eine Schreibblockade sagt. Das heißt, ich werde nicht dadurch gequält, dass ich schreiben will und nicht kann. Anhedonia ist auch als “melancholische Depression” bekannt und als solche durchaus schmerzhaft, aber dieser Schmerz hat nichts mit der Unfähigkeit zu tun, auf etwas Emotionales zu reagieren. Der Anhedoniker kann nicht einmal begreifen, dass er seine Gefühle wiederhaben möchte, denn auch das scheint dumm und leer und nutzlos zu sein. Alles, was er will, ist, den Schmerz aufzuhalten. Aber auch Selbstmord scheint sinnlos zu sein. Dazu müsste man jene emotionale Energie aufwenden, die auf der anderen Seite zu finden ist. Nur dann könnte man sich den Selbstmord als Erlösung vorstellen. Ich weiß, dass das alles für Nicht-Anhedoniker schwer zu begreifen ist. Ich kann nur sagen, dass es ist, als wäre man blind, taub, stumm und völlig gelähmt, aber diese Vergleiche führen zu nichts, wenn man sie nicht erfahren kann. So übel Anhedonia auch sein mag, ist sie nichts im Vergleich zu einer Panik-Angststörung. Okay, genug gejammert über meine Krankheiten. Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen.

MC: Dann wenden wir uns einigen anderen Fragen zu. Lass mich zu diesem Thema nur noch anmerken, dass du das Thema Angststörung in deinen Arbeiten großartig umgesetzt hast, in dem es dir gelang, diesen schrecklichen Zustand, diesen erschreckenden Blick auf die Realität zu charakterisieren.

Aber weiter: Seit gut einem Jahr arbeitest du an deinem Opus Magnum “The Conspiracy against the Human Race”.

Ich erinnere mich an einige Ideen daraus, die du in dem ausgezeichneten Interview, das Neddal Ayad für “Fantastic Metroloplis” im letzten Jahr mit dir führte, erläuterst. Du wurden von einigen Leuten auf Internet-Plattformen für das Auswalzen deiner persönlichen Ansichten kritisiert, die angeblich Pauschalurteilen gleichkommen.

Um es genauer zu formulieren: da wurde dein Vergleich zwischen Lovecraft und Shakespeare – und dass du Lovecraft für den besseren der beiden hältst – kritisiert. Du sagtest nämlich, dass “für Lovecraft, im Gegensatz zu Shakespeare, die Offenbarung des Lebens darin besteht, dass es die Erzählung eines Idioten ist. Es sind nicht nur Lippenbekenntnisse, wenn er das als offensichtliche Tatsache des Lebens darstellt. Es ist der Kern seiner Arbeit.”

Du hast mir außerdem erzählt, dass ein Bekannter von dir, der den Entwurf von “The Conspiracy” gelesen hat, mit der dunklen und verzweifelten Diagnose, die da über das Leben gestellt wird, nicht klar kam. Darüber, wie du über die Welt sprichst, wie sie sich darstellt, wie sie sich darzustellen hat, so als wäre das die objektive Wahrheit.

Würdest du etwas darüber sagen, vielleicht um das Bild gerade zu rücken?

TL: Nun, ich habe nie behauptet, Lovecraft sei ein besserer Schriftsteller als der “honigzungige” Shakespeare, wie ein Zeitgenosse ihn nannte. Aber Shakespeare war Dramatiker. Heute wäre er einer jener Autoren, von denen ich vorhin bereits sprach. Seine Figuren sagen Dinge, die mir gefallen und sie drücken sich gut aus, aber es ist nicht Shakespeares Stimme. Hamlets düsteres Geschwafel wurde von Girolamo Cardanos “De Consolatione” abgeschaut, das man auch als “Hamlets Buch” kennt. Ich weiß nicht, wer Shakespeare war und kann über seine Arbeit nichts sagen. Bei Lovecraft aber kann man anhand seiner Ideen erkennen, wer er war, deshalb fühle ich mich ihm eher verbunden. Das wird den meisten Lesern egal sein, die nur aus ihrer eigenen Welt flüchten wollen und sich gleichzeitig wünschen, diese Romanwelt möge ihre eigene sein. Sie möchten über Dinge lesen, die sie verstehen. Shakespeare schrieb nichts, was nicht auch der Fantasieloseste verstehen kann. Das sind Seifenopern und romantische Komödien. Das gleiche Zeug genießen die Leute auch heute. Lovecraft schrieb nicht für dieses Publikum. Er schrieb für die wenigen empfänglichen Menschen, nicht für die fröhliche Masse.

Was mein im Unabomber-Stil verfasstes Essay “The Conspiracy” betrifft, ist es weder ein philosophisches Werk noch mein Opus Magnum.

(Anmerkung des Übersetzers: Der ‘Unabomber-Stil’ bezieht sich auf das Unabomber Manifsto von Ted Kaczynski, einem amerikanischen Mathematiker, der mehrere Menschen anhand von Briefbomben tötete. Das FBI nutze den Begriff UNAMBOMB als Kürzel für UNiversity & Airline BOMBer. Der Text des Manifests richtet sich hauptsächlich gegen die Industrialisierung und Technisierung der Welt und wurde in einer philosophischen Sprache verfasst. Es gibt hierzu einen hervorragenden Bericht von Lutz Dammbeck.)

Vielmehr ist das Buch ein Zusammenspiel von Ideen, denen ich ein Leben lang nachging, mit jenen, die andere Leute hatten und die zu meinen passten. Den Widerspruch, den jemand darin erkennen will, zwischen dem, was ich denke, und der Art, wie ich es ausdrücke, rührt daher, weil sie nichts darüber wissen können. Für mich gibt es diesen Widerspruch nicht. Ich könnte wahrscheinlich gar nicht über etwas schreiben, das nicht meine tiefe Abneigung gegen alles, was existiert, widerspiegelt, das lege ich meinen Figuren in den Mund. Als ob das, was für mich wahr ist, tatsächlich wahr wäre. Das ist ein in privaten Essays häufig verwendetes Mittel. Würde ich nicht daran glauben, dass meine Gedankengänge richtig sind, würde ich solange suchen, bis ich von deren Richtigkeit überzeugt wäre. Sogar einigen Wissenschaftlern, denen man schlüssig nachweisen kann, dass sie sich geirrt haben, halten an ihrer fehlerhaften Sichtweise fest. Das ist eines der Hauptthemen von “The Conspiracy”. Die Wahrheit funktioniert in einem sehr kleingesteckten, immer wieder selbstfeflexiven Rahmen. Drei Dinge von etwas sind immer mehr als zwei Dinge von etwas. Jemand glaubt, dass Gott existiert, weil ein Buch es ihnen sagt. Sie glauben, das Buch spricht die Wahrheit, weil eine Menge Leute der Auffassung sind, es sei Gottes Wort. Außerdem mögen sie das, was in dem Buch steht. Das ist das Wichtigste überhaupt. Würden sie es nicht mögen, würden sie nicht daran glauben. Ich denke, das ist das Problem mit “The Conspiracy”. Die Leser mochten nicht alles, was da drin stand. Außerdem mochten sie die Vorstellung nicht, dass jemand, den sie eigentlich mögen, so ein Buch schreibt. Das ist in etwa so beunruhigend, als wenn du herausfindest, dass dein bester Freund ein Serienmörder ist, dem es Spaß macht, die Gehirne von Kleinkindern zu verspeisen.

Der Essay handelt hauptsächlich davon, wie wenig Menschen mit unangenehmen Wahrheiten umgehen können – und was das für Wahrheiten sind. Wir sind geneigt, nicht darüber nachzudenken, wie diese Dinge unser Leben beeinflussen. Aber das ist genau das, was mich ausmacht. Wäre das nicht so, befände ich mich in einem noch schlechteren Zustand als sowieso schon. Zweifellos würde ich dieses Interview nicht geben. Ich würde auch nicht “The Conspiracy” geschrieben haben. Wenn mir jemand sagt, ich sei dämlich und auf dem Irrweg, kann ich darauf nichts antworten, außer vielleicht: “Bin ich nicht”. Es ist wirklich eine Qual, in einer Welt mit Leuten zu leben, mich eingeschlossen, die nicht aufhören können, zu denken.

MC: Dann vielleicht etwas leichtere Kost, wenn das in Ordnung geht. Vor Kurzem kamen Gerüchte auf über eine geplante Serie von Comics auf der Basis von “Nightmare Factory”. Das war eine angenehme Überraschung. Kannst du da Details verraten?

TL: Nein, kann ich nicht. Ich weiß nicht mehr als alle anderen auch, die die Werbeanzeigen gelesen haben. Fox Atomic, das Filmstudio, das diese Comics in Zusammenarbeit mit Harper-Collins macht, hat mich zu dem Projekt, das von “The Nightmare Factory” abgeleitet ist, nicht hinzugezogen.

MC: Während wir hier sprechen, befindet sich der Kurzfilm zu deiner Geschichte “The Frolic” in der Postproduktion. Angeblich bist du recht glücklich mit dem, was du gesehen hast. Kannst du darüber mehr sagen?

TL: Der letzte Stand, den mir die Produzentin Jane Kosek mitgeteilt hat, ist der, dass sie den Hauptverantwortlichen von Fox Atomic kontaktierte. Er will den Kurzfilm zusammen mit der Gliederung für einen Spielfilm von mir und Brandon Trenz (Anm.: Brandon Trenz arbeitet als Drehbuchautor) sehen. In einem Monat sowas dürften wir soweit sein.

(Anmerkung: “The Frolic” erschien 2007, produziert von Jane Kosek, die unter anderem bei “A Beautiful Mind” mitarbeitete. Der Film läuft 24 Minuten und wurde zusammen mit dem Buch (enthält die Kurzgeschichte) in einer auf 1000 Exemplare limitierten Special Edition herausgegeben, die teilweise signiert war.)

MC: Kannst du etwas zur Entwicklung des Drehbuchs zu “Last Feast Of Herlequin” sagen?

TL: Das Drehbuch wurde an viele Produzenten geschickt, und einige Companies zeigten auch Interesse. Brandon Trenz ging sogar extra nach Hollywood, aber bei den Treffen kam nichts heraus. Offiziell ist das Projekt gestorben.

MC: Diese Neuigkeiten sind natürlich enttäuschend. Was ist mit deinen gegenwärtigen Schreibprojekten? Arbeitest du an etwas? Und wenn ja, wann können wir mit einer Veröffentlichung rechnen?

TL: Ich weiß ja nicht mal, wann “The Conspiracy” erscheint.

MC: Welche Bücher und Autoren liest du im Augenblick? Du hast vor einiger Zeit mal gesagt, du seist mit dem Lesen an sich zum größten Teil durch, weil du das meiste von dem, was dich interessiert, schon gelesen hast. Wie sieht das im Moment aus?

TL: Wenn ich irgendetwas lese, dann sind das Sachbücher. Ich lese auch regelmäßig alles von M.E. Cioran wieder. Das braucht dann eine Weile. Einige Arbeiten über Bewusstseinsstudien und, natürlich, geistige Erkrankungen. Das ist ziemlich fachspezifisch, also suche ich nach Videos, Hörbüchern oder Interviews mit den jeweiligen Autoren im Netz. Im vergangenen Jahr las ich “On Suicide: A Discourse on Voluntary Death” von Jean Améry und “Persuationand Rhetoric” von Carlo Michelstaedter. Beide Autoren brachten sich um, aber ihre Bücher wären auch dann interessant, wenn sie das nicht getan hätten. Ich lese auch immer noch Bücher über Buddhismus.

MC: Mir erscheint dein Wechsel Richtung Sachbuch aus persönlichen Gründen faszinierend, da ich mich selbst vor Jahren darauf zubewegte, wenn auch nicht freiwillig. Ich begann einfach zu merken, dass ich die meiste Zeit nicht mehr dazu in der Lage war, der Erzählliteratur zu folgen. Es kam mir vor, als ob etwas in mir meine Empfänglichkeit dafür abgeschaltet hätte. Ich traf da auf einen mentalen Nebel, eine Art kognitiver Leere, wenn ich versuchte, denn Sinn der Erzählung auszumachen. Für mich schien diese Art der Literatur bedeutungslos. Kommt dir das bekannt vor?

TL: Na, das kommt mir sicher bekannt vor. Ich kann mich gefühlsmäßig nicht mehr auf Erzählungen oder Dichtung einlassen. Das ist der Grund, warum ich Sachbücher lese, und vor allem intellektuell herausfordernde Sachbücher.

Man reagiert auf diese Literatur ganz anders, weil sie hauptsächlich für den Kopf da ist und nicht die Gefühlsebene anspricht oder die Imagination. Komischerweise ist das die gleiche Erfahrung, die ich mit Filmen oder Fernsehsendungen mache. Sie fordern keine Einfühlung oder Vorstellungskraft, um unterhaltsam zu sein. Mein Zustand kann sich ja buchstäblich in einer Sekunde ändern, und ich möchte diese Lektion nicht noch einmal machen. Das hat in den letzten fünf Jahren nachgelassen. Zu den Zeiten, die ich schon erwähnt habe, geriet ich in hypomanische Zustände, in denen ich alles Mögliche machen wollte und auch den Schwung dazu hatte. Aber das dauerte nur einige Wochen oder vielleicht einen Monat lang an. Danach kam dann die Depression heftiger zurück als zuvor. Ich nehme ein Medikament names Lamictal (Anm.: Lamotrigin). Das ist ein Antiepileptika, das Psychiater anstelle von Lithium gegen bipolare Störungen oder bei behandlunsgresistenten Depressionen anwenden. Idealerweise wirkt das Medikament so, dass du nicht ins Bodenlose fallen kannst, aber dich eben auch nicht unendlich gut fühlst. In dieser Mitte bewege ich mich jetzt. Der einzige Grund, warum ich so ins Detail gehe ist der, damit jemand, der das liest, weiß, wovon ich spreche, und sich vielleicht dafür interessiert. Bei allen anderen muss ich mich entschuldigen.

MC: Was ist mit Filmen? Fandest du in letzter Zeit welche gut? Oder hast du welche gehasst?

TL: Einige erwähnenswerte Filme, die ich in letzter Zeit grauenhaft fand, waren Spielbergs “München” und Woody Allens “Match Point”. Ebenso “Mission Impossible 3”. Zu dieser Liste kannst du noch den französischen Film “Caché” hinzufügen, das ist der schlechteste Film, den ich jemals gesehen habe. “Das Mädchen aus dem Wasser” habe ich nicht gesehen, aber ich weiß, dass er scheiße ist, weil die Macher einfach nicht gut sind. Das beste Beispiel ist “The Sixth Sense” – ein Schwindel von Anfang bis Ende.

Üblicherweise sind die Filme, die ich mag, Schund oder werden ignoriert wie “Mann unter Feuer” mit Denzel Washington oder “Sag kein Wort” mit Michael Douglas. Kürzlich lieh ich mir Filme aus, die ich schon tausendmal gesehen habe.

Horror Filme: “Wolf Creek”, scheiße; “Hostel”, scheiße; “The Devil’s Reject”, sehr lustig und clever; das Remake von “The Hills Have Eyes”, scheiße. Es mag sich für manche Horrorfilm-Freaks idiotisch anhören, aber ich habe wirklich eine gute Meinung von den beiden “Final Destination” – Filmen. Ich lieh mir also den dritten Teil aus, und was soll ich sagen: echt mies. Ich bevorzuge Filme, in denen es um verlorene Existenzen geht. Das ist der Grund, warum ich Romeros Zombie-Filme so reizvoll finde. Von Anfang an ist dort alles hoffnungslos.