Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu “Echos aus dem Hades”

Die Frage, ob ich den Horror gefunden habe oder ob der Horror mich gefunden hat, ist eine sehr langlebige, und trotz vieler Überlegungen bin ich einer endgültigen Antwort nicht näher gekommen. Vielleicht gibt es keine. So oder so hat sich der Horror zweifellos schon früh und mit unauslöschlicher Macht in meine Welt eingeschlichen.

Mein Name ist Richard Gavin. Ich bin ein kanadischer Autor von Horrorromanen mit übersinnlichem Gehalt, und obwohl dies seit fast zwei Jahrzehnten meine Berufung ist, reicht meine Beziehung zum Horror noch weiter zurück, bis in meine prägenden Jahre. Ich hielt es für das Beste, diese ersten Ausgabe von “Echos aus dem Hades” erst einmal als eine Art Einführung vor diesem Hintergrund und einen Ausblick auf solche Themen zu verwenden.

Eine meiner ersten Erinnerungen an Filme ist Tod Brownings Version von Dracula aus dem Jahre 1931. Ich habe ihn damals im Nachmittagsfernsehen gesehen. Der Film hat mich unmittelbar und stark beeinflusst. Monster und das Makabere wurden schnell zu einer Konstante in meinem Leben. Und im Gegensatz zu so vielen Leidenschaften, die in der Kindheit zum Vorschein kommen, verlor der Horror für mich nie seinen Glanz. “Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu “Echos aus dem Hades”” weiterlesen

Die verhängnisvolle Leinwand

Die Dame von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür des berüchtigten Mansardenzimmers, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

“Es ist seltsam, Monsieur. Ich fühle mich jedes Mal … ich mag es nicht, die Ruhe dieses Raums zu stören. Es ist albern, ich weiß, aber ich erwarte ständig, dass er bewohnt ist … von ihm. Man würde meinen, dass sein Selbstmord eine Aura des Todes und der Finsternis in diesem Raum hinterlassen hätte, aber man fühlt stattdessen … seine Jugendlichkeit. Sie porträtierten ihn abscheulich in diesem lächerlichen Film. Ich stamme ursprünglich aus England und hatte keine Vorstellung von der Legende des Mannes, als ich meinen französischen Ehemann heiratete, möge er in Frieden ruhen … Die Legende dieses Mannes begann in Ihrem Heimatland Gestalt anzunehmen, als Hollywood beschloss, die erfundene Geschichte über Honoré Radin zu verfilmen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie eine Biographie über den Maler schreiben.“ “Die verhängnisvolle Leinwand” weiterlesen

Guy de Maupassant

Maupassant kümmerte sich nicht um die Ansprüche der Bourgeoisie oder um ein ordentlich geführtes Leben, das für ihn voller Fäulnis war. Ganz bewusst hat er den Schein und den Trug bürgerlicher Etikette aufgezeigt, durch seine Prosa wie durch seine Persönlichkeit. Allerdings hat ihn das auch sein Leben gekostet. 1893 starb er geistig umnachtet in seinem 43. Lebensjahr. Zu Lebzeiten genoss er den zweifelhaften Ruf, ein rücksichtsloser Verführer von Frauen zu sein, der jeden zu seinem Vorteil manipulieren konnte. War Maupassants Haltung ironisch, pessimistisch oder nur schockierend?

1850 wurde er geboren und hatte zeitlebens eine Abneigung gegen jede moralische Etikette. 1857 wurden Flaubert und Baudelaire vor Gericht gestellt, weil sie den öffentlichen Anstand durch Bücher wie “Madame Bovary” und “Die Blumen des Bösen”  beschädigt hatten. Flaubert nahm den jungen Maupassant später unter seine Fittiche und ermutigte ihn in der sanften Kunst des bürgerlichen Betragens. Sie besuchten ein Bordell, und der junge Guy, völlig sexbesessen, brauchte keine weiteren Zusprüche. Flaubert – der sich für alle Gedanken züchtigte, die ihn von der Muse ablenken könnten – versuchte, seinen Freund zurückzuhalten, aber endlose Ratschläge über die klösterliche Rolle des Künstlers stießen bei  Maupassant auf taube Ohren. “Guy de Maupassant” weiterlesen

Sterntaler

Der Knecht auf dem Boden : schraubt mit der rechten Hand am Traktor herum, seine linke hält den klobigen Becher zu ihr hoch, würdigt sie keines Blickes, wie sie die Kanne schwenkt, um die Butter wieder unter die frische Milch hüpfen zu lassen. Keines Blickes, bis sie die Milch über den Rand der Kanne, am hingehaltenen Becher vorbei zwischen seine Hosenbeine schwappen läßt. Ssch. Und er dann hochschaut, den Becher senkt, dann hochschaut, überrascht, ihr völlig dämliches Gesicht ganz rot. Sie schielt und ihre Zähne stehen vor wie ein Schwellenreißer, den eine Zunge anhebt, die im Saft geschlafen hat. Unverändert steht sie da, die Kanne zum nächsten Guss bereit, leicht schief, und leckt sich die Werkzeuge : »Kannst’u nicht aufpassen!«

Da hockt er sich hin und streift mit der Hand die Flüssigkeit, die sich nicht mehr wegstreifen läßt, und es sieht aus, als wäre der Fleck nicht von außen, sondern von innen entstanden. Sie ist ganz in der Ruhe, überlegt, ob sie noch einen Schwenk dazu nutzen soll, ihm begreiflich zu machen, daß es kein Versehen war. Sie hätte einen Topf auch von einem Dach aus treffen können, bei diesem ständigen Umgang mit den Dingen, die ihr aufgetragen, eingeschrieben waren.

»Du mußt die Hose ausziehen.«, nuschelt sie.

»Ich kann nicht, wir müssen fort von hier und der Fendt ist unsere einzige Mö-Möglichkeit. Ich muß ihn reparieren, die Bauersleut’ verwesen schon, die Fliegen kommen!«

Das Dorf unter der Totendecke der Rabentiere.

Der Wanderer wäre gerne noch einmal zum Hof zurückgegangen, die nun aufgehängte Magda anschauen, ihre Füße, die in der dreckigen Milch baumeln, die Milch voller Fliegenlarven, das Zweifeuerhaus aus Holz, Lehm und Roggenstroh, die Erde öffnet den Mund für die Kälberspeise, die neben den Eimer leert, dem Euter mit einem Schmatzen entwunden von Händen, die sich nachts selbst betitten oder den Knecht im Stroh, schnaufend die Fliegen aus der Schweißpfütze im Gesicht wedeln. Eine platzt an ihrer Stirn. Auf den Wiesen reiten sie mit Rindviechern, tanzen den Hummeltanz.

»Leck die Milch aus meiner Dose!«

Und Brann fällt auf die Knie.

»Du mußt die da erst reinschütten, du Dummbartel!«

Brann glotzt sie kurz an, erhebt sich dann wieder und hastet zum Bottich mit der Milch. Magda legt sich derweil Stroh unter den Hintern, hebt Schürze und Rock und probiert mit zwei Fingern ihre Spannweite. Brann läßt den ersten Eimer, den er aus der Milch zieht, fallen, und flucht, den zweiten hat er sicher. Vor ihrem hochgelupften Unterleib bleibt er stehen und grunzt, starrt ihr aufgerissenes, haariges Loch an und schüttet ihr dann den ganzen Eimer darüber. Magdas Beine fahren im Reflex zusammen, sie springt auf, keucht Worte hervor, die er nicht kennt. Die Idylle endet abrupt, als die Fänger den Hof erreichen. Die Stadt wuchert am anderen Ufer entlang, zieht sich in die Länge wie ein Lindwurm. Dort verstecken sich die apokalyptischen Fänger, die Flure bereinigen, Blut trinken vor den toten Augen der Entleibten. Sie braten sich Lebern und johlen, daß nun alles ihnen gehöre. Sie mußten einst in den U-Bahn-Schächten hausen: vorbei. Sie mußten sich unter die Erde stehlen, aber jetzt, jetzt sind sie zurückgekehrt an die Oberfläche. Die Bomben der Sieger zerfetzen das Fleisch.

»Es ist wie im Krieg!«

»Es ist Krieg!«, sagt der Wanderer. Also nicht die Treppe.

»Wir sollten gehen!« Sie wie ein Flageolett.

»Wir können die Treppe nicht betreten, ohne durch den Einschusskorridor gesehen zu werden. Wenn sie uns erwischen, trinken sie uns aus!«

Das ist Dunkelheit, Nachtwüste oder Ruinenlicht. Die nächste Detonation, aber nicht hier. Beim Einfall der Dänen schnitten sich die Töchter der Engländer die Nasen ab, um durch diese Entstellung ihre Keuschheit vor dem Ungestüm der Soldateska zu retten. Aber das will sie nicht. Sie sieht auf ihre zerschlagene Uhr, überlegt, wie sie überleben soll, aber sie wird, sonst gäbe es den Wanderer nicht. Ihr Gesicht ist die Erde, als sie noch Scheibe war, Vulkannüstern, Augenozean. Schon müde, der erste Fisch kriecht an Land, denkt : Ich bin, also bin ich.

Es gibt Menschen in Hülle und Fülle, aber keine Nahrungsmittel. Die Fänger vor der Fabrik pressen plärrende Trauben aus, Maische in den Gassen zahnskulpturener Bauwerke, Trester in Gruben, die Hitze nimmt zu, es ist Nacht. Das ist bereits der Wahn in ihr. Wer erben will, muß den Leichnam aufessen. Von der Herde, die du verfolgst, bist Du ein Teil. Die Straßen tragen Regenschirme, die Dunkelheit bedeckt ihr Gesicht. Die Häuser sind des Wanderers eigene Organe, die Gassen wachsen wie sein Haar aus ihm heraus, verschwinden in perlenden Knoten. Hinter den Türen lauern die Verheißungen des Unbekannten, diese einzigen Sehnsüchte. Öffnet man sie unbedacht, bekommt das Düster eine Gestalt wie im Märchen, dem schönen Alptraum. Der Herd, die Sterntaler, ein erfrorener Hund. Mit Zauberhänden. Der Atem duftet nach Orangenpastillen. Nachtfahrt durch die Katakomben-Haut; stillgelegte Gleise begleiten das unstete Flackern der Lider, biegen sich hin zu verräterischen Horizonten, verschwinden im somnambulen Getümmel aus Stahl, Glas, erschrecklichen Gebärden, die Uhren ohne Takt, digitale Lieder ohne Seele kakophonieren in die Ferne, langsamer als das schwache Licht der reglementierenden Ampeln. Nachtstaub. Augen ein willkommener Gruß, das mutierte Erzeugnis des blinden Flecks. Dreidimensionale Augen, hintendran ein Batzen grauer Verbindungen, ein Knäuel, das fettig schmeckt.

Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert : Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.

Das Dorf der Aussätzigen und Leprakranken, die alle Fragen beantworten können und die jedes Geheimnis wissen. Sie sind unheimlich anzuschauen und schwanken wie Bojen in Kapuzen auf dem Meer. Sie wissen alles, doch sie sind krank und verrückt und verlangen ein Opfer als Bezahlung.

Ein ellenlanger Korridor 1

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schloßanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüßte … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer daß ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloß aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Aus Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach : »Ich lege mich hin, ich habe nichts an!« Man wird den Succubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloß. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäuerin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre Schwiegermutter gegen sie hatte.

Carlos hatte ihr erzählt : »Eine Bäuerin?, hat sie etwa pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte : »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäuerin. Ihr Name ist Carisma.«

Die Familie des Vampirs

Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten ist eine Schauerromantische Erzählung des russischen Schriftstellers Alexei Konstantinowitsch Tolstoi, die von ihm 1840 in Französisch unter dem Titel La Famille du Vourdalak. Fragment inédit des mémoires d’un inconnu verfasst und erst 1884, nach seinem Tode, in der Zeitschrift Russki Westnik (Russischer Bote) in seiner Muttersprache veröffentlicht wurde. 1950 erschien sie dann in ihrer Originalversion.

Wieder haben wir es mit einem in unseren Breitengraden weniger bekannten Werk zu tun, das doch zu einem der stärksten und einflussreichsten unter den Vampirgeschichten zu zählen ist. Das Hörspiel erzählt die Geschichte, wie auch im Original, aus der Sicht der Hauptfigur, des jungen Franzosen Serge d’Urfé, der sich aus Liebeskummer auf eine Reise als Diplomat nach Moldawien begibt und durch den plötzlichen Einbruch des Winters in einem kleinen Dörfchen Halt machen muss. Hier trifft er auf Zdenka und ihre Familie, die ihn bei sich aufnimmt und ins schreckliche Familiengeschehen einweiht. Ein Geschehen, das sich später aufs ganze Dorf ausbreitet.

Einiges in diesem Hörspiel weicht vom Original ab. Zusätzlich wird der Erzählung eine Rahmenhandlung gegeben, die uns eine Abendgesellschaft vorstellt, die soeben vom Wiener Kongress geflohen ist, um sich, fernab der Politik, gegenseitig mit Schauergeschichten zu unterhalten. Auch Zdenka schafft es sich in diesem zu verewigen, wie wir am Ende hören können, und darüber hinaus …

für alle Zeit …

Wir können davon ausgehen, dass Alexei Tolstoi von der Vampirhysterie, die damals zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausbrach, wusste. Bekannteste Beispiele sind Arnold Paole aus Medvedga und Peter Plogojowitz aus Kisolova. Auch mag er Goethes Die Braut von Korinth gekannt haben, oder Heinrich August Ossenfelders Der Vampir. Ebenso Gottfried August Bürgers Lenore, wie auch John William Polidoris Der Vampyr. Allesamt Werke, die von Protagonisten erzählen, die an das Wesen des Wurdalaks erinnern.

Wurdalak (oder: Wurdelak)

Nichts Normales verheißt diese Aneinanderreihung der 8 Buchstaben. Jedes Kind verstünde sofort, auch ohne dass ihm seine Eltern jemals erklärt haben, was das ist, ein Wurdalak. Es wüsste, solch einem Wesen begegnet man besser nicht. Diese Bezeichnung, dieses Wort, das, spricht man es aus, es in seiner Physiognomie und Erscheinung sogleich entäußert: Ein Wesen wie aus einem Alptraum geboren, an dessen Existenz man keinen Zweifel zu haben braucht. Und dass es dich aufsucht. Auch daran nicht! Ein Wesen, das dir selbst in der Nacht, der Dunkelheit noch die Pupille aufzureißen vermag, erblickst du es im Mondenschein am Horizont. Das dich vor Angst riesige Wurzeln in den Boden schlagen lässt. Weil du es lange, lang geahnt hast, dass es irgendwann kommen wird. Zu dir. Ganz nah. So nah, dass du fast aufhörst zu atmen, dass du dir wünschst, nicht in der eigenen verfluchten Haut zu stecken. Weil es kein Entkommen gibt. Keine Verwünschungen wie in Märchen, die sie dir vielleicht doch retten könnten. Kein Versteck. Keine Ruhe. Auf dem ganzen Erdball nicht. Das Unvermeidliche, dass sich vollzieht: weil Blut dicker als Wasser ist und auch die Liebe nicht entbinden kann. Im Gegenteil. Sie bindet erst:

Das Blut. Die Familie. Die Bande. Das Mehrgenerationenhaus. Der Stamm. Die Sippe. Das Dorf. Und das, was sich darin niederlässt …

… und die Nacht: in der es passiert, in der alle im Haus voll Furcht beisammen sind. Unter ihnen der Fremde: ein Städter, der längst durch seine Aufmerksamkeit für eine der beiden Töchter des Hausherrn in das Haus, die Familie einverleibt wurde, der dem Geschehen nun ebenso ausgesetzt ist, obwohl er zunächst mit der Ratio eines modernen Städters reagiert, das ‘Böse’ zu verharmlosen versucht, indem er es dem Aberglauben zuordnet. Den Gespinsten also, die nichts weiter sind als nichts. Aber das, was hier seinen Weg Heim sucht, was einen wirklich heimsucht, ist nicht nichts.

Heilige Maria, Mutter Gottes!

flehen die beiden Frauen immer wieder, sprechen sie vom Wurdalak. Und stellen somit dem ‘Fluch’ den Segen gegenüber. Eine Heilige-Mutter-Hilf-Anrufung inmitten der unabwendbaren Verdammnis, so scheint mir. Eine sich vielleicht schon seit der Vertreibung aus dem Paradies immer wieder vollführende? Das zumindest frage ich mich. Denn ich kenne diese Urangst, vermag sofort zu begreifen, was das ist: ein Wurdalak, obgleich ich doch nicht aus dem Balkan stamme. Woher weiß ich das? Und so bin ich, nur was den Titel dieses Hörspiels betrifft, ein wenig enttäuscht, dass man sich entschieden hat, den Wurdalak der allgemein bekannten Überordnung Vampir weichen zu lassen. Sicher wird er darunter subsumiert, jedoch zu stark empfinde ich ihn in seiner Existenz, in seiner Art, die sich schon im Namen, in seiner Benennung offenbart. Der Wurdalak: ein blasses kaltes Wesen, das sich von Blut ernährt, das Nachts am aktivsten ist, mit dem Tag jedoch auch hinkommt (wie auch Carmilla), ein Wesen, das friert, das seine Bande, seine Familie aufsucht, die Menschen, die es liebte, von denen es gewärmt und über die Türschwelle des eigenen Hauses gebeten werden will, da es dieses sonst nicht mehr betreten kann. Das imstande ist, seine Opfer zu paralysieren. Der Wurdalak: der sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Der nichts Betörendes hat. Zumindest nicht, was sein sein Erscheinungsbild betrifft. Aber doch in seinen Worten (die weiblichen Wurdalaks umgibt eine erotische Aura), die den geliebten Menschen aus Liebe handeln lassen, die ihn locken, sich seiner anzunehmen. Ihn wieder aufzunehmen innerhalb der Familie. Damit er sie zu seiner machen kann. Was auch immer das bedeuten mag. Das überlasse ich Ihnen, liebe Hörer, liebe Leser, denn ich werde Ihnen keine Psychokomplettanalyse liefern, die es im Allgemeinen und auch Im Einzelfall nicht gibt, Sie sollten diese Erzählung unbedingt lesen oder dieses Hörspiel hören, um mit irgendeinem Ihrer Sinne zu erfahren: Ja,

die Toten reiten schnell.

Das hat schon Bürgers Lenore herausfinden müssen, als ihr ersehnter Wilhelm doch noch aus dem Siebenjährigen Krieg zurückkehrte und sie, zu Ross durch den Wind galoppierend, mit ins Hochzeitsbett, ins Grab nahm. In ihr gemeinsames. Bram Stoker wusste das auch und verwendete dieses Zitat in seinem Roman Dracula, wie auch in seiner postum veröffentlichten Geschichte Draculas Gast. So schnell wie wir Leben ausgelöscht sehen, sei es durch Kriege oder unsere Umwelt. Oder gar dem Terror in der eigenen Familie begegnen. Das, was uns passiert, zu passieren droht, sobald wir geboren werden. Als einer unserer Art. Der Spezies Mensch zugehörig. Und so erinnert mich, neben allen oben genannten Werken, die mit diesem korrespondieren, die Szene, in der Gortscha der Wurdalak mit seinem Enkel Sascha in die Nacht davon reitet, an Goethes Erlkönig oder an Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter.

Wie ist einem Wurdalak nun beizukommen? Ich würde ja sagen: Überhaupt nicht. Doch aber erfahren wir, dass er, wie wir es von Vampiren wissen, Knoblauch und alles Sakrale verabscheut. Auch kann er ebenso gepfählt bzw. gepflöckt werden. Jedoch nicht durch einen xbeliebigen Pfahl, der ihm ins Herz getrieben wird, sondern nur durch einen der aus dem Holz des Hagedorns gefertigt wurde.

Der Hagedorn: auch Weißdorn genannt, ist eine Heckenpflanze, die zur Abgrenzung von Grundstücken genutzt wurde und wird, um ‘böse’ Geister und Dämonen fernzuhalten. Eine Pflanze, die dem Janus heilig war. Dem Gott mit den zwei Gesichtern. Wen wundert’s, denke ich an den Wurdalak, der einst das Familienoberhaupt Gortscha war, und auch an alle, die folgten. Des Weiteren half der Hagedorn vor den sog. Strigen, stellte man einen Zweig nächtlich ins Fenster des Kinderzimmers. Ebenso sollten Wiegen, die aus diesem Holz gefertigt sind, ‘böse’ Feen abhalten die Kinder auszutauschen.

Die Strigae, die Ähnlichkeit mit den Lamien und der Gello haben, oder mit den Lillim (den Kindern der Lilith), die als blutsaugende, vogelartige Dämonen verschrien sind. Harpyen: Wesen mit Flügeln, wie wir wissen. Und da wundert es doch nicht, dass eine der etymologischen Bedeutungen des Wortes Vampir oder auch Vampyr geflügeltes Wesen sein könnte, da die Herkunft dieses Begriffs strittig ist. In Teilen Serbiens jedoch spricht man von einem “wukodalak”, “vurkulaka” oder “vrykolaka”, was aus dem Griechischen abgeleitet “wolfhaarig” bedeutet. Passt! Denn Eingangs begleiten den Erzähler heulende Wölfe in das Dorf, vor denen er in diesem Zuflucht sucht. Kinder der Nacht, nennt sie eine Dorfbewohnerin, die dem Neuling den Zutritt zu ihrem Hause verwehrt und ihn zur Familie des Gortschas schickt. Wo er Einlass findet, weil es Zdenka ist, die ihm die Tür öffnet. Eine wunderschöne junge Frau, in die er sich verliebt. Liebe, die bindet. Wie also einem Wurdalak beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten?

Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen es zu werden. Nur mit dem Unterschied, dass wir dann von vornherein so geartet wären. Wir würden uns auf unser Dasein als Vampir verstehen, weil wir nichts anderes kennengelernt hätten. Erbsünde, oder die Sünde als solches, unser Nächster, so etwas interessierte uns dann nicht.

Und so sind und bleiben wir auch in der Dunkelheit, in welcher Erscheinungsform auch immer wir nach dem Anderen rufen:

Sirenen.

Titania Medien ist hier ein Hörspiel gelungen, das mir die Geschichte dieser Familie leibhaftig vor Augen führt. Die Sprecher sind grandios gewählt. Sie entfalten keine Figuren, sie lassen mich mit den Ohren sehen. Innerhalb einer Atmosphäre, die atem(be)raubend ist. Mit diesem Werk von Alexei Konstantinowitsch Tolstoi hat man sich ein weit Herausragendes vorgenommen, dem ebenso herausragend nachgespürt wurde. Jedes Wort, jeder Ton sitzt dermaßen, dass ich mich beim Hören tatsächlich mit einer Gänsehaut in einem Dorf, einem Haus wiederfand, das weder durch seine räumliche Entfernung, noch durch die vergangene Zeit für mich erreichbar sein dürfte. Eigentlich.

Die Notwendigkeit des Horrors

Obwohl meine Eltern vielleicht leugnen würden, dass ihre kleine Tochter sich Filme wie Der Exorist, Omen und viele von Stephen Kings adaptierten Büchern (Cujo, Carrie, Christine) überhaupt ansehen durfte, wurden Bilder und Szenen aus diesen Filmen wie die schlimmsten Alpträume unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Und ich bekam sofort Alpträume, nachdem ich diese und andere Horrorfilme gesehen hatte: den tollwütiger-Hund-Alptraum, den Dämonenkind-Alptraum, den Vögel-greifen-an-Alptraum, den Mädchen-läuft-Blut-das-Gesicht-hinunter-Alptraum. Man sollte meinen, dass solche Erfahrungen mich schon früh vom Horror abgehalten hätten, denn wer hat schon gerne so viel Angst, dass sie einen in Träumen verfolgt wie Freddy Krueger?

Aber als ich meine Einflüsse als Schriftstellerin zurückverfolgte, war ich ein wenig überrascht, zu entdecken, dass Schrecken ein dauerhaftes Grundnahrungsmittel meines kreativen Lebens darstellte. Obwohl ich hauptsächlich Science Fiction und Fantasy veröffentlichte (dank einer frühen Liebe zu Star Wars und den Chroniken von Narnia, die bis heute andauert), waren die Bücher meiner Kindheit und meiner Jugend im Suspense- und Horrorgenre, als auch in der Romantik zu verorten. Ich wuchs aus der Romantik heraus, genoss aber den Schrecken als Erwachsene noch immer. Außerdem hat sich mein Fokus auf das Genre nicht stark verändert. Ich war nie den Slasherfilmen oder irgendeiner Art von Gore verfallen, aber Geistergeschichten und psychologischer Horror im Hitchcock-Stil? Das liebe ich noch immer, und ich vermute, einer der Schlüssel dazu liegt in der Vorstellung, dass Horror teile des Gehirns stimuliert, die für Problemlösung verantwortlich sind. 2010 führte Dr. Thomas Straube eine Hirnscan-Forschung durch, bei der vierzig Probanden bedrohliche und neutrale Szenen aus Gruselfilmen betrachteten, und die Ergebnisse zeigten Aktivitäten in den weniger offensichtlichen Regionen des Gehirns: dem visuellen Kortex, dem insularen Kortex (wo die Selbstwahrnehmung liegt), dem Thalamus und dem dorsalen medialen präkontinentalen Kortex. Letzterer ist mit Lebensplanung und Problemlösung verbunden. “Die Notwendigkeit des Horrors” weiterlesen

Cthulhu (Der Tentakel-Horror erobert die Welt)

Cthulhu muss an dieser Stelle als stellvertretendes Symbol für Lovecrafts Einfluss gelten. Nicht nur, weil er der Namensgeber des von August Darleth im Nachhinein so bezeichneten Mythos ist, sondern weil die mit ihm in Verbindung gebrachten Tentakel mittlerweile nahezu allgegenwärtig sind.

Im Sommer 1926 schrieb ein damals wenig bekannter Schriftsteller, Howard Phillips Lovecraft, sein bekanntestes Werk, “The Call of Cthulhu”. Diese Geschichte sollte 1928 in Weird Tales veröffentlicht werden und dann einen immensen kulturellen Einfluss haben – einen, der bis heute anhält. Unzählige Kurzgeschichten, Romane, Videospiele, Filme, Lieder und mehr wurden inspiriert, die alle von Schriftstellern und Künstlern verfasst wurden, die das Kernthema des Cthulhu übernahmen und ihre eigene Vorstellung in den Kanon des Mythos setzten. Die verschiedenen Iterationen und Wendungen auf Cthulhu haben von tief beunruhigenden Darstellungen des Großen Alten als dunklen, außerirdischen Zerstörer bis hin zu einem Plüschtier geführt. Vielleicht war gerade dieses Plüschtier unvermeidlich, sobald Cthulhu zu einer Meme wurden, die Millionen Male in vielen Sprachen repliziert wurde.

Der Mythos beginnt

Howard Phillips Lovecraft ist im Laufe der Jahre posthum zu einer Berühmtheit der Popkultur geworden. Es ist nicht leicht, ein Medium auszumachen, das nicht zumindest eine Prise Lovecraft enthält. Während der Meister des kosmischen Horrors unzählige furchterregende Geschichten geschrieben hat, ist er vor allem für die Entstehung des berüchtigten Cthulhu-Mythos bekannt, einem literarischen Universum, das einige seiner schrecklichsten Werke miteinander verbindet. “Cthulhu (Der Tentakel-Horror erobert die Welt)” weiterlesen

Hinter den Reihen

Vor zwei Jahren zog ich in eine kleine Stadt mit 8.000 Einwohnern, zwanzig Meilen von der Grenze zwischen Kansas und Missouri entfernt. Hier kommen die meisten Menschen nur vorbei, weil sie woanders hin wollen. Wenn man nicht hier wohnt, ist einem vermutlich nur der Truck Stop an der Autobahn bekannt, wo man anhält, um das Auto aufzutanken oder um einen Imbiss zu nehmen. Für eine ganze Weile ist das der letzte Vorposten der Zivilisation, den man sehen wird.

Etwa zwanzig Minuten vor der Stadt gibt es eine lange Strecke auf der Autobahn, auf der Mobiltelefone nicht funktionieren. Wir fahren oft dort entlang, und ich habe das Konzept dieser toten Zone noch immer nicht ganz akzeptiert, ein Ort, an den die mächtige und manchmal überwältigende Verflechtung des modernen Lebens nicht heranreichen kann.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis ich mir den offensichtlichen Alptraum vorstellte. Wir haben eine Panne, genau hier. Wir können keine Hife anfordern. Wir sind der Gnade vorbeifahrender Autos ausgeliefert und stehen in der beißenden Kälte. (Natürlich geschähe das alles in einem typischen eisigen Winter des mittleren Westens mit Winden unter Null, die über die Felder in unsere Richtung blasen.) Bis endlich jemand anhält. Er wirkt freundlich. Er bietet eine Mitfahrgelegenheit an. Was ist diese Bewegung und das Geräusch unter der Decke im Kofferraum? Nichts, sagt er, mach dir deshalb keine Sorgen.

Ich denke, ihr wisst, wohin die Geschichte führt.

Es fühlt sich so konstruiert an. Eine endlose Strecke im Nichts, in der es keine Kommunikation gibt. Die typische Schreckensgeschichte des 21. Jahrhunderts erfordert in der Regel eine ausführlichere Erklärung; Protagonisten müssen auf bewaldeten Berggipfeln gestrandet sein oder eine schockierende Fahrlässigkeit gegenüber ihren Telefonakkus an den Tag legen. Aber hier in der Prärie, in diesem leeren Raum, der so aussieht, als ob er nur dazu da wäre, die Lücken zwischen allem anderen zu schließen, ist Isolation eine schlichte Tatsache des Lebens.

Eine Isolation, die tödlich sein kann.

Horror ist oft untrennbar mit der Atmosphäre eines Ortes verbunden. Seine Heimsuchungen sind ortsspezifisch, seine Alpträume, die durch die einzigartige Zusammensetzung von historischem Trauma, Grausamkeit und Trauer hervorgerufen werden, die sich in der Architektur und auf der Erde ansammeln.

Wenn ich im Nordosten des Landes an ein Gefühl des Horrors denke, denke ich an zugige, weitläufige viktorianische Herrenhäuser, in denen sich die Geister seit Jahrhunderten aufhalten und zunehmend bitter und wahnsinnig werden; ich denke an sehr alte Friedhöfe und längst schon ausgetrocknete Brunnen und den Schorf auf den Hügeln, auf denen Hexen verbrannt wurden. Ich denke an einen Ort, der auf puritanischer Grausamkeit basiert und von Kolonisten erbaut wurde, die ihre Ängste, ihren Aberglauben und die Geister der alten Welt importiert haben.

Wenn ich an den Horror denke, der nur im amerikanischen Süden existieren könnte, denke ich an Plantagen, bröckelnde Denkmäler für Vorkriegsmonster, die unermessliche Verschuldung und die permanente Schuld einer Gesellschaft, die durch das Trauma eines entführten und versklavten Volkes aufgebaut wurde. Ich denke an das Sumpfgebiet, an Monster, die in der Finsternis und im Dunkeln gedeihen, dem Tageslicht ausweichend ihre Opfer missbrauchen.

Aber der Mittlere Westen: Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir die Schrecken vorzustellen vermochte, die er birgt. Vielleicht wegen der Fassade einer heilsamen Banalität. Vielleicht, weil ich mich an diesem Ort immer noch wie ein faszinierter Fremder fühle. Vielleicht, weil die Gräueltaten, die in seiner Geschichte lauern, nicht so gründlich dokumentiert worden sind.

Aber dann, so dachte ich, trifft das hier zu: Eine Isolation, die tödlich sein kann.

Als die ersten weißen Siedler in diesem Teil des Landes ankamen, litten sie an einer bisher unbekannten Krankheit, die sie Präriewahnsinn nannten, einer Depression oder einem Unwohlsein oder Wahnsinn, der lähmend werden konnte. Wurde er durch das unaufhörliche Heulen der Winde über die weiten Ebenen, die erstickende Einsamkeit fern von Familie und Freunden im Osten, die flache Formlosigkeit der Landschaft, die plötzliche Bedeutungslosigkeit, die sie unter dem grenzenlosen Himmel verspürten, verursacht? Vielleicht der ungewohnte Horror – nach einem Leben in verkrampften, turbulenten Städten – , zu wissen, dass sie so laut wie möglich rufen konnten und niemand kommen würde? Dieser Ort war wie die Leere zwischen den Sternen, und niemand hört dich schreien.

Amerika hat es absichtlich so gehandhabt. Der Homestead Act von 1862 bewilligte jedem Siedler, der das Land bestellen konnte, 160 Hektar. Ihre Bauernhöfe waren Miniatur-Lehen, die meilenweit voneinander entfernt waren. Wer weiß, was an diesen Orten vor sich ging; unsichtbar, nicht dokumentiert? Wer weiß, was Ehemänner mit ihren Frauen machen und Eltern mit ihren Kindern, wenn sie wissen, dass die Nachbarn nie etwas davon hören werden?

Mittelwestler haben die Kunst, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, perfektioniert. Auch jetzt noch mögen sie diese Leere, sie ziehen es vor, ihre Meinungen für sich zu behalten, ihre tiefsten Gefühle bleiben unausgesprochen. Sie scheinen ihre eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten beschämender zu finden, als sie es wirklich sind. Sind sie alle so eindringlich einsam wie ich selbst hier bin? Fühlen sich alle anderen, umringt von diesen freundlichen Gesichtern, die nie zeigen, was sie tatsächlich denken, ebenfalls so extrem isoliert? Ich weiß es nicht. Keiner sagt es mir.

Das Kernsymbol des Horrors im Mittleren Westen ist keine Villa oder ein Friedhof, sondern ein Getreidefeld. Das plätschernde Meer aus Smaragden im Sommer, die trostlosen, blassen Stoppeln im Winter. Wenn der Mittlere Westen der Raum ist, der alles andere voneinander trennt, ist das Getreidefeld derjenige, der den Mittleren Westen von sich selbst trennt.

Das Getreidefeld ist der Schlüssel zu dem bekanntesten Werk des mittelwestlichen Schreckens: Stephen Kings „Kinder des Mais“. Seine rätselhaften Ackerflächen verbergen ein Monster („Der hinter den Reihen geht“). Die Weite erlaubt es dem religiösen Fanatismus und der hektischen Gewalt, ungehindert und unbemerkt weiterzumachen. Die nächste Stadt kümmert sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten. Sie spüren dort, dass in Gatlin irgendeine seltsame Scheiße vor sich geht, aber das ist nicht ihr Problem; schau dir nur die ganze Leere zwischen hier und da an.
Dieselben Schrecken vereinen sich in Jerome Bixbys klassischer Kurzgeschichte „It’s a Good Life“ über ein Kind, das die Welt mit seinem Verstand kontrollieren und mit seinen Gedanken foltern kann. Es gibt eine abgelegene Stadt, die entweder in die permanente Isolation eines Taschenuniversums verbannt ist, oder der einzige Ort ist, den es überhaupt noch gibt. Den Anwohnern ist es auf jeden Fall egal. „Peaksville war einfach nur ein Ort. Irgend ein Ort, weit weg von der Welt.“ Ein Ort, an dem Kommunikation unmöglich ist, weil das Falsche zu sprechen, das Falsche zu denken, zu einer abscheulichen Bestrafung führen kann. Der einzige Weg, in dieser Gemeinschaft zu überleben ist es, lächelnd seinen Schmerz zu verbergen und die Dinge als „gut“ zu bezeichnen. Und natürlich gibt es ein Getreidefeld, in dem ein gereizter Kindergott die unglücklichen Kreaturen schickt, mit denen er unzufrieden ist. Er denkt sie in tiefe, tiefe, tiefe Gräber hinein.

John Darnielles jüngster Roman „Universal Harvester“, ist untrennbar mit der Umgebung im Mittleren Westen verbunden; eine kleine Stadt wie meine, mitten im Nirgendwo, Illinois. Das Buch ist genau genommen nicht gerade Horror (wenn es das ist, dann von der leisesten, langsamsten Sorte). Es ist eher ein merkwürdiger Roman, der tatsächlich entsetzlich sein könnte, wenn er irgendwo in der Mitte eine andere Wendung nehmen würde. Und natürlich gibt es auch hier Getreidefelder:

„Es gibt auch andere Zeiten, in denen die Menschen auf die Felder gehen und verschiedene Dinge schreien: „Hilfe!“, zum Beispiel. Sie wiederholen das andauernd mit zunehmender Lautstärke, oder „Wohin bringen Sie mich?“ Aber normalerweise hört sie niemand. Ein paar Reihen Mais dämpfen die menschliche Stimme so wirkungsvoll, dass selbst nur ein wenig entfernt alles still bleibt. Nur davon kann man am Rand der Straße sprechen: den ganzen Weg dorthin, der schon jetzt in der Erinnerung verschwindet.“

Das Getreidefeld wirft seine Stille auf uns alle. Es ist ein guter Ort zum Verstecken und ein ausgezeichneter Ort für ein unmarkiertes Grab. Wer weiß, wie viel Blut diese Felder durchtränkt?

Das Getreidefeld ist eine Mauer, ein Burggraben, ein Irrgarten. Es schützt uns nicht voreinander, es schützt uns nur davor, dem Bösen angesichtig zu werden, das wir lieber nicht sehen würden. Aber dieses Böse lauert hier so mächtig wie eh und je, genährt in der Stille, gezüchtet von einer Isolation, die tödlich sein kann.

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal. “Thomas Ligotti” weiterlesen