Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original. “Angela Carter: Schwarze Venus” weiterlesen

William Hjortsberg: Angel Heart

Zwei Dinge werden für immer rätselhaft bleiben: 1, was geht in Gehirnen vor, die einen englischen Titel (Fallen Angel) mit einem anderen englischen Titel (Angel Heart) übersetzen. 2, Wie kommt es, dass Hjortsberg nie wieder etwas Vergleichbares geschrieben hat?

Die Antwort zu 1 (es scheint also doch nicht so rätselhaft zu sein): Die deutsche Verlagslandschaft hatte den sensationellen Roman bis zum Erscheinen des Films (1987) überhaupt nicht auf der Rechnung und schob dann schnell noch nach. Allerdings, das sei zugegeben, mit mäßigem Erfolg. Auch heute noch kennen jene, die überhaupt je davon gehört haben, in der Hauptsache nur den Film mit Mickey Rourke in der Hauptrolle. Zu 2: wir werden es nie erfahren.

1979 startete die Horrorliteratur so richtig durch. Die Autoren konnten plötzlich von ihrem Beruf leben. Stephen King hatte gerade Carrie, Brennen muss Salem, Shining und Nachtschicht veröffentlicht; The Stand kam gleichzeitig mit Fallen Angel (Angel Heart) heraus, Peter Straub legte mit Geisterstunde nach, Robert McCammon mit Baal. Charles L. Grant, Ramsey Campbell begannen ihre Karriere, Dean Koontz legte mit Phantoms seine beste Arbeit hin. Definitiv war das eine gute Zeit, ein Leser und Autor von Horrorliteratur zu sein.

1978 erschient William Hjortsbergs Falling Angel als Hardcover, was allerdings zunächst niemanden interessierte, bis das Taschenbuch erschien. Schnell war das Buch dann in aller Munde und Hjortsberg wurde überall mit den kommenden Größen genannt. Die Fanbasis erwartete bereits einen zweiten Horror-Roman, der kam allerdings nie. Falling Angel war der Einzelfall in einer Zeit, in der es nie besser um das Genre stand. Niemand hatte bis dahin etwas Vergleichbares geschrieben.

Die hervorragende Balance zwischen Mystery, Spannung, Horror, Action und Erotik verströmt selbst heute noch ein ganz besonderes Flair, dem man kaum entkommt.

Wir befinden uns in New York im Jahre 1959. Ein völlig heruntergekommenen Privatdetektiv, Harry Angel, wird von einem seltsamen, elegant gekleideten Gentleman namens Louis Cypher angeheuert, der die Rechtsanwaltskanzlei Herman Winesap vertritt. Cypher will, dass Angel den verschollenen Schnulzensänger Johnny Favorite findet, der während des 2. Weltkriegs spurlos verschwand, nachdem er schwer verwundet, im Koma liegend, nach Amerika zurückgebracht wurde. Davor war Johnny ziemlich erfolgreich und galt als großer Sänger der Zeit vor Sinatra. Cypher und Favorite hatten einen Vertrag miteinander abgeschlossen, und Cypher will sicher gehen, dass dieser auch eingehalten wird.

Angel nimmt den Fall an, und der Horror beginnt. Straff und ohne Umschweife folgen wir dem Ich-Erzähler durch die schäbige Schattenseite der New Yorker Jazz-Welt der 50er Jahre, in das Reich des Voodoo, der verrückten Vergnügungsparks und Zaubershows, in die erotische Hitze der Leidenschaft und der Liebe, und vor allem in die dunklen Tiefen des Satanismus. Während der ganzen Zeit hält Hjortsberg die Faszination der Handlung hoch durch Harrys Erste-Person-Erleben, durch das, was er sieht und fühlt. Es ist ein fremdartiges Gemisch aus Film-Noir und einer Geschichte, die jemand in einer schummrigen Bar erzählt. Hjortsberg zeigt sein Talent als Erzähler vor allem darin, dass es ihm gelingt, einerseits die vielen Teile des Puzzles vor dem Leser zu verbergen, und andererseits ihm durch Harrys freundlichen Ton das Gefühl zu geben, Teil der Handlung zu sein. Als würde man neben ihm herlaufen und lauschen, während man all die Dinge selbst sieht. Hjortsberg macht den Leser mit Harry bekannt und vertraut, bevor die Enthüllungen über ihn beginnen, von denen Harry selbst nichts ahnt. Das ist ungeheuer raffiniert.

Aber Hjortsberg bleibt nicht dabei, eine gleichförmige Linie einzuhalten; jede Figur auf diesem Höllentrip besticht durch einen eigenen Rhythmus des Stils. Es ist interessant, wenn Harry seine Hinweise sichtet und genau weiß, wann jemand lügt, aber es ist geradezu faszinierend, wenn es einem der Charaktere gelingt, ihn hinters Licht zu führen, und es gibt zahlreiche Figuren, die Harry entweder weiterhelfen oder behindern. Und dann sind da noch einige, die herausstechen. Mit zu den interessantesten Charakteren gehört Epiphany Proudfoot, eine Mulattin, der ein eigenes Geschäft gehört und die außerdem Voodoo-Priesterin ist. Sie ist auf eine Weise in den Johnny-Favorite-Fall verwickelt, der sie nicht mehr entkommen lässt. Hier sei jetzt dann doch auf den Film hingewiesen, denn obwohl der Roman 1978 geschrieben wurde, hat man das Gefühl, dass diese Rolle Lisa Bonet, die die Epiphany spielt, auf den Leib geschrieben wurde.

Louis Cypher bleibt bis zum schockierenden Finale ein Rätsel. Es wird wenig von im Preis gegeben, aber im Hintergrund ist er stets präsent. Bis sich das Puzzle fügt bleibt diese Figur verwirrend. Und selbst wenn man erkannt hat, was der Name bedeutet, bleibt der Charakter voller Überraschungen.

Falling Angel ist ein beängstigender Roman; die intensiven Rituale werden detailliert dargestellt, nie aber zum Selbstzweck. Der geschlachtete menschliche Körper ist ein Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht. Schwache Gemüter sollten darauf vorbereitet sein, denn das in Kombination mit einer schleichenden Unheimlichkeit, verfehlt seine Wirkung kaum. Hjortsberg hat für die Beschreibung der Voodoo-Rituale und Satanischen Messen sehr gut recherchiert und liefert einige Informationen, die nur ein echter Insider haben kann, dennoch nimmt er sich einige Freiheiten heraus. Alles in allem kann man als Laie ohnehin das eine nicht vom anderen trennen in diesem faszinierenden, dunklen Roman.

Sowohl das Buch als auch der Film seien an dieser Stelle empfohlen, obwohl – das liegt in der Natur der Sache – sich beide Medien selbstverständlich in ihrem Vortrag unterscheiden. Man sollte zwar nie, aber ganz besonders hier nicht von einer Ver-Filmung sprechen. Für jeden Connoisseur ist dies das Unwort schlechthin. Der Roman kann das, was eben ausnahmslos nur die Literatur vermag, aber in diesem Fall darf man sich danach auch gerne den Film ansehen.

Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)

Wie viele herausragenden Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagten vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Buch allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar. “Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)” weiterlesen

H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens: Xulhu (Blitz)

Wenn man sich etwas im Netz umsieht, dann gibt es eine unüberbrückbare Kluft zwischen den Anhängern von Festas “Lovecrafts Bibliothek des Schreckens” und “H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens” aus dem Blitz-Verlag, obwohl beide Titelreihen eigentlich bei Blitz entstanden sind. über diese Querelen möchte ich mich an dieser Stelle nicht auslassen, aber während Festa mit seiner Reihe einen Schlussstrich gezogen hat, konnte Blitz keinen Geringeren als Jörg Kleudgen für die Redaktion gewinnen.

Die Anthologie “Xulhu” ist eine der neueren Veröffentlichungen dieser Reihe, allesamt schön aufgemachte Taschenbücher. In vorliegendem Fall wurde das Cover von Ernst Wurdack gezeichnet, und ich gehe wirklich selten auf Cover ein, aber wenn man sich die meisten Cover heutzutage anschaut – vor allem bei den Publikumsverlagen – wird einem schlecht. Da ragt der Blitz-Verlag wie ein gewaltiges Felsmassiv hervor.

Sechs Geschichten erwarten uns nach einem kryptischen Vorwort von Jörg Kleudgen, in dem er erklärt, dass er in sen 70er jahren in einem Reiseführer auf eine merkwürdige Karte stieß, die terra cthulhiana, die uns auf den ersten Seiten auch gezeigt wird. Es handelt sich dabei um eine Weltkarte, auf der sechs Icons zu sehen sind, von Venedig bis zur Südsee. Es versteht sich von selbst, dass es sich hier um Schauplätze der folgenden Geschichten handelt. “H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens: Xulhu (Blitz)” weiterlesen

Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, dass sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewusstsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermessliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, dass es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen.

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, dass die Welt dem reinen Zufall unterliegt, dass sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muss. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewusstseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müsste das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Chimären (Poetik zur Quantenpoesie)

Neben meinen phantastisch-surrealen Kurzgeschichten, die sich nicht begrenzen und abgrenzen lassen, arbeite ich seit geraumer Zeit an einer Sammlung Chimären, die man der Flash Fiction oder den Microrrelatos zuordnen kann. Dennoch gibt es Unterschiede, die oft in der Sprachgestaltung selbst begründet sind. Oft genug versuche ich, die Regelpoetik zugunsten einer Tiefensprache auszusetzen. Oft genug geht es dabei um Komposition, Rhythmus und Bruch der Konsensrealität. Dass sie in den Labyrinthen der Sandsteinburg auftauchen, macht sie an dieser Stelle zu Streukapiteln.

Quantenpoesie

Nichts entsteht im luftleeren Raum. Meine Ästhetik, völlig auf sich bezogen, steht in der Tradition – und all ihren Brüchen – der romantisch-symbolisch-surrealen Schule des Pfades zur linken Hand (Left Hand Path). Es handelt sich um eine Literatur der Wahrnehmung und meint somit Ästhetik in ihrer Reinform. So also ist meine Prosa keine Prosa, sondern Textur, denn nichts anderes sind wir überhaupt imstande wahrzunehmen. Das hört sich zunächst an, als gäbe es, wie die Vertreter des Nouveau Roman behaupteten, nur Oberfläche. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es überhaupt nirgends eine Oberfläche gibt. Das Erscheinende ist interpolierter Bestandteil unseres Wahrnehmungsapparates. Die Textur, die an die Form eines Leistungsdichtespektrums erinnert, wird in der menschlichen Expression meist zu Text oder Musik oder Bild. Ähnlich aber wie ein Atomkern nicht dargestellt werden kann indem man ihn fixiert, kann eine Szene (Sequenz) nicht dargestellt werden, ohne Partei zu ergreifen für das, was sich in Gattungen widerspiegelt. Die Textur ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist „Ablauf“. Und auch die Quantenpoesie ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist Regelpoetik. Aber hat nicht bereits die “Movens” – Gruppe auf den “Nur-Text” hingewiesen? Gewiss. Aber ähnlich wie der Kahlschlag aus Gründen einer Reduktion auf angeblich Wesentliches. Textur jedoch ist das Gegenteil von Reduktion; man könnte sagen, Textur ist alles – und das schließt das Unbekannte mit ein. “Bekannt” nämlich kann uns nichts sein, was sich nicht in unserem Takte bewegt (in Relation zu absoluter Bewegung). Textur bewegt sich absolut. Unsere Wahrnehmung wäre demnach der Takt, mit dem wir dieser Textur etwas für den Augenblick entnehmen. Das ist Quantenpoesie.

Wissenschaft und Philosophie; neben der Poesie sind sie die beiden anderen “großen Fiktionen”. Sobald man sich daran gemacht hat, ungelöste Fragen zu beantworten, zerstört man das axiomatische Fundament. Die Quantenpoesie fragt nicht, klärt nicht (außer in ihrer immanenten Rhetorik), weil sie schon allein Seelensprache ist, also die Ursprache, die weder Gattungen noch Konventionen kennt.

Ein Kleid spricht, ein Haus fährt nach Amerika.

Das absolute Buch

Mallarmé, der uns eine völlig neue Dichtung brachte, träumte von einem absoluten Buch, das er nie schrieb. Vielleicht aber war der Charakter des Werkes, zu dem er uns hunderte von Zetteln und Motiven hinterließ, das Scheitern. Einerseits das Scheitern am Schweigen, denn er erzählt uns, wie das Buch beschaffen sein sollte: aus losen Blättern, die bei jeder Lektüre so angeordnet werden sollten, dass sich immer ein anderer Text ergibt. Er erzählt uns von seinen Zweifeln; Fragmenten. Er hinterlässt uns Satzfetzen – das Buch aber schreibt er nicht. Er kann es nicht, denn er scheiterte nicht nur am Schweigen sondern ebenfalls am Werk, das er mit dem der Alchemisten vergleicht. Dem Dichter kann es immer nur um den Prozess gehen. Das Ergebnis ist völlig belanglos. Genau dieser Prozess aber, der ein Ergebnis außer Acht lässt, schneidet den Poeten von der Welt ab.

Wie sie einst im “Grenier” miteinander diskutierten, meinte Zola zu Mallarmé, dass in seinen Augen ein Dreck und ein Diamant gleichviel wert seien. — “Kann sein”, antwortete Mallarmé, “aber der Diamant ist — seltener.”

Degas ließ es sich nicht nehmen, Mallarmés Poesie zur Zielscheibe verschiedener boshafter Witze zu machen. So erzählte er zum Beispiel, wie Mallarmé seinen Jüngern einst ein Sonett vorgelesen habe, worauf diese in ihrer Bewunderung das Gehörte in Worte zu fassen versucht und es, jeder auf seine Weise, interpretiert hätten: die einen sahen darin einen Sonnenuntergang, die anderen den Triumph der Morgenröte; Mallarmé erklärte ihnen: “Aber ganz und gar nicht … es ist meine Kommode.”

Käte Hamburger hat in ihrer Logik der Dichtung den dankbaren Begriff des Epischen Präteritum geschaffen, der unter anderem einen Satz wie: Morgen war Weihnachten erklärt. In der Dichtung ist es freilich notwendig, einer anderen Grammatik zu folgen, weil auch diese bereits in der Fiktionalität existiert. Die Zeiten, die ja nur für unser Verständnis eines Ablaufs erfunden wurden, kaum aber etwas mit der Tropik zu tun haben, müssen sich in jedem Fall der Dichtung unterordnen. Ich benutze dieses Epische Präteritum kaum, befürworte im Gegenzug die radikale Lösung, alle Tempora der Tropik unterzuordnen, wie sie Harald Weinrich formulierte. Auch in der Prosa, die für mich im günstigsten Fall ein breitgewalztes Gedicht ist. Gedicht und Kurzgeschichte, um mit Poe zu sprechen, sind die eigentlichen Ausleger der Poesie. Die Gemeinsamkeiten sind ja auch unverkennbar. Ziel ist die Stimmung, die Reflexion, die Musikalität.

Der Dichter

Lesen und schreiben sind ein und das gleiche. Das ist keine besonders neue Erkenntnis, fundamental aber wurde sie bei Borges. Jeder Dichter ist inspiriert von seinem eigenen Leben und von den Beobachtungen, die er durch andere Autoren macht. Vornehmlich durch die toten. Denn jeder andere lebende Dichter ist ihm Ärgernis, abgemildert dadurch, dass der Betreffende vielleicht in einer anderen Sprache schreibt. Warum? Weil, wenn der Dichter schreibt, nur er schreibt. Diese Aussage ist selbstredend völlig vermessen, trifft aber auch auf den Leser zu (und damit ist ganz und gar nicht unser Marktleser gemeint).

Mit wem würden Sie das Buch, das Sie gerade lesen, im selben Augenblick, da Sie es lesen, teilen wollen?, fragte einst eine Journalistin auf einer Lesung. Einzig mit dem geliebten Menschen, wäre für die Fragende die richtige Antwort gewesen, aber der so Gefragte sagte nichts. Die Journalistin wiederholte ihre Frage, aber der Dichter sagte noch immer nichts, bis er in seine Manteltasche griff, ein Buch von Maurice Blanchot herauszog, und damit begann, die Seiten herauszureißen und sie sich in den Mund zu stopfen. Ich will nicht, dass Sie das lesen, wenn wir nachher miteinander im Bett liegen, sagte er dann; denn ich liebe Sie ja nicht. Und damit gab er die einzig mögliche Antwort also doch (abgesehen davon, dass er sich eine Ohrfeige einfing und später mit niemandem im Bett lag, das Buch also nicht hätte aufessen müssen).

Wer, wann, was, und warum, spielen hier keine Rolle, das wäre nur reiner Informationsfluss, folglich: völlig unbedeutend. Warum ist “mit dem geliebten Menschen” die richtige Antwort gewesen (wenn auch nicht die einzig mögliche)? Hier geht es nicht um romantische Beseeltheit, das steht fest. Das ganze Prozedere hat egoistische Gründe, denn auch die Liebe ist egoistisch, sie ist außerdem verschwörerisch, unduldsam, herrschsüchtig, sie ist ein Rausch des Exzesses. Und sie beruht auf Projektion. Wie die Literatur. Im besten Fall denkt man das, was man liest. Und man fühlt das, was man liebt. Fühlt man das, was man liest und denkt das, was man liebt, sind die Unterschiede kaum mehr auszumachen. Sie münden vielleicht in die Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk, das ist alles.

Arno Schmidt: Brand’s Haide

Mit Arno Schmidt ist es so eine Sache. Über ihn zu sprechen fällt wahrscheinlich für die meisten in einen leeren Raum, und andererseits sind da jene, die sich wie die Jünger zu einem Messias verhalten. Beides ist ein Ärgernis. Kaum zu benennen, was das größere ist. Ich sage das vor dem Hintergrund, selbst schon in den Verdacht geraten zu sein, allzusehr mit seinen Neuerungen zu liebäugeln. Das stimmt natürlich so nicht, wie jeder im Grunde gleich sehen könnte, wenn er denn wollte. Vieles von dem, was Schmidt so hervorragend vorführte, ist ein Kombinat aus Techniken und Schreibweisen, die es bereits vor ihm gab, und nicht zuletzt hat Schmidt ja seinerseits nicht gerade wenig von Freud und Joyce gelernt. Das zu vertiefen, steht mir nicht der Sinn, wohl aber mich anzuschließen, wenn es um den wohl letzten großen literarischen Künstler deutscher Zunge geht.

Schmidts frühe Phase, die mit “Leviathan” eingeleitet wird, auch wenn es eine noch frühere gibt, die allerdings noch kaum eine größere Relevanz besitzt, “Enthymesis”, “Gadir”, sowie “Brand’s Haide” sind für mich unabdingliche Beispiele eines grandiosen Erzählers; aber letztgenannter Roman soll mir hier als persönliches Zünglein an der übervollen Waage gelten. Das Netz ist überladen mit Analysen, Nacherzählungen und Kuriositäten, dass es mir kaum ansteht, dem noch etwas Sinnvolles hinzuzustellen. Was mir allerdings immer wieder ins Auge springt: ich lege vollkommen andere Schwerpunkte, mir erzählen Autoren und Dichter immer etwas anderes als dem gemeinen Publikum. Eine schulmeisterliche Synopse ist mir dabei stets herzlich egal. Bedenkt man, dass man das ganze Sujet auf einen “Flüchtlingsroman” herunterbrechen kann, wäre ich eigentlich schon derjenige, der sich aus dem Staub machen würde, und das, obwohl mir die Flucht aus der Realität die Pflicht eines empfindsamen Menschen bedeutet. Der Witz liegt hier in “aus dem Staub” machen. Physisch ist das jederzeit möglich, sogar bis hin zur Entleibung, aber geistig müsste man sich – gäbe es keine Bücher – wohl dem Wahnsinn anheim geben.

“Brand’s Haide” ist natürlich kein “Flüchtlingsroman”, aber er zeigt, wie sich eine beinharte Realität ins Phantastische schraubt, denn dass da drei Umsiedler nach dem Krieg in existentieller Armut stecken, ist unbenommen. Die Oberflächenstruktur ist, wie so oft bei bedeutenden Werken, fast schon vernachlässigbar. Dass es sich dabei um einen phantastischen Roman handelt, wird wahrscheinlich sogar den wenigsten bewusst sein; je nachdem, wie man Phantastik definiert. Mindestens aber ist es ein naturmystischer. War Schmidt gar ein Naturmystiker? Sein rationelles Gehabe scheint das oft zu widerlegen, aber nehmen wir Poe mit ins Boot, dann wird vielleicht auch klar, was Schmidt an ihm so unwiderstehlich fand, dass ich sogar von einer Seelenverwandtschaft spreche. Denn Poe war nicht minder ein Repräsentant seines Verstandes, der Logik und all diesen Augenwischereien, die sich bei Tageslicht nur als Blendwerk herausstellen, mit dem sich kleinere Geister irreführen lassen. Beide – Schmidt und Poe – waren Gehirntiere, das ist fraglos. Aber reine Verstandesmenschen? Nein. Sie waren Phantasten ersten Ranges. (Bei Poe ist das etwas leichter zu akzeptieren, dafür hat schon der andauernde Trend gesorgt, ihn die Ecke der Horrorliteratur zu drängen, obwohl er doch eigentlich ein herausragender Lyriker, Kritiker, Romantiker und Psychologe war. Dass man sich als Künstler für die Nachtseite zu interessieren hat, halte ich für ausgemacht.) Arno Schmidt war natürlich kein Mystiker, er war Romantiker und Pessimist, ein Vermessungsgenie und ein Landschaftsdichter.

Man entfernt sich immer weiter von den Möglichkeiten der Sprache, und so wird es auch immer schwieriger, einem gewöhnlichen Leser Arno Schmidt schmackhaft zu machen. Mitdenken ist eine Unart geworden, und die Verlage können nichts anderes tun, als darauf zu reagieren, wollen sie überleben. Deshalb wird es für Schmidt wohl keine Rettung geben, man wird ihn nicht aus den Kreisen der Jünger entführen können. Dass er in Frankreich – und mittlerweile auch in Amerika dank der genialen Übersetzung John Woods’ – hoch geschätzt wird, ist eigentlich eine Errungenschaft. In den Übersetzungen wird vorgeführt, zu was die deutsche Sprache fähig ist; das funktioniert eigentlich gar nicht in einer anderen Grammatik. Nicht in diesem extremen Ausmaß. Und bei uns hat man es längst vergessen. Man hat nicht angeschlossen an die Experimentierfreudigkeit der 60er und 70er Jahre, sondern sich zurückfallen lassen, um alles zu vereinfachen. Seilschaften bestimmen über Erfolg und Misserfolg, und Innovation ist nicht erwünscht. Bei Lesern nicht, bei Verlegern nicht. Wir Armen.

Felisberto Hernández: Die Frau, die mir gleicht

Ich beginne diese Rubrik, in der ich meine großen Leseabenteuer präsentieren werde, mit einem Ausflug nach Südamerika, genauer : nach Uruguay. Es ist dieser Kontinent, der hier immer wieder eine große Rolle spielen wird. Das verbindende Glied zu meiner persönlichen Neoromantik ist hierbei die unvergleichliche Fabulierlust der Autoren, die in Europa kaum mehr zu finden ist. Allenfalls hat sie auch hier in den südlichen Gefilden, zum Beispiel in Portugal (oder Italien, wenn wir Umberto Eco nicht vergessen wollen) einen ähnlichen Drang, der Realität mit Worten unter die Arme zu greifen, um sie so zu zeigen, wie sie wirklich ist: phantastisch.

Jeder, der sich mit phantastischer Literatur beschäftigt, kennt die großen Borges und Cortázar, weil die beiden Argentinier die Phantastik in die höchsten Höhen der Weltliteratur geführt haben. Wie erwähnt ist die hispanische Welt überhaupt geprägt von der magischen Realität, von der die Europäer seit dem Niedergang des kontinentalen Surrealismus kaum mehr etwas wissen. Doch auch diese einstige Bewegung wurde erst in Lateinamerika transformiert. “Felisberto Hernández: Die Frau, die mir gleicht” weiterlesen

Okkult-Rock

„Wenn man sich Fernsehfilme der 1960er oder frühen 70er Jahre ansieht, kommt es einen so vor, als wäre der Besuch eines Zirkels so normal und gewöhnlich wie eine Strickstunde oder der Besuch eines Buchclubs“, erklärt Lee Dorrian. Er ist Frontmann der Doom-Metal-Legende Cathedral und jemand, der ebenfalls ein Interesse daran hat, regelmäßig einen magischen Zirkel zu besuchen, und so gründete er Rise Above Records, ein Label mit langjährigen Verbindungen zur okkulten Rockszene. „Die Leute hatten damals weder Internet noch Computerspiele, und die Jugendlichen lasen Tolkien- und Dennis Wheatley-Bücher und sahen sich Hammer-Gruselfilme an. Es lag einfach in der Luft, nehme ich an.“

Es war eine Zeit, in der das Okkulte mit überraschender Häufigkeit in der Rockmusik auftauchte. Die Anhänger arkaner Klänge erinnern sich gerne an Alben wie das Debüt der US-Acid-Rocker Coven von 1969, „Witchcraft Destroys Minds & Reaps Souls“, die italienischen Jacula mit „In Cauda Semper Stat Venenum“ (ebenfalls 1969) und die „First Utterance“ (1971) der britischen Acid-Folk-Gruppe Comus, die alle ein Gefühl von spektralem Terror und satanischer Subversion hervorrufen wollten und die Alarmglocken in den Büros dieser selbsternannten Hüter der westlichen Moral zum schrillen brachten. Die Rolling Stones, die mit okkulten Ideen auf „Their Satanic Majesties Request“ spielten, haben vielleicht einen leichten Alarm im Mainstream ausgelöst, aber der wahre okkulte Rock strebte danach, über die oberflächliche Bildsprache hinauszugehen, um die Scharniere der Tore der Hölle zu ölen, einen authentischen Hauch von Gefahr für die junge Heavy-Rock-Welt zu erzeugen und ihre Ikonographie und dieses Thema für die nächsten 40 Jahre zu implementieren.

Der echte okkulte Rock ist im Gegensatz zu den Bands, die zum Vergnügen mit Pentagrammen wedeln, während sie Stadien ausverkaufen, nur eine kleine Subkultur. Und wie jede andere kleine Subkultur existiert sie natürlich vor allem für diejenigen, die bereit sind, an der Oberfläche zu kratzen und ein wenig tiefer zu gehen.

„Black Widow war offensichtlich die Band, von der jeder wusste, aber ihr Interesse am Okkultismus dauerte nur ein Album lang“, sagt Dorrian und bezieht sich auf die Leicester-Band, deren Debüt, „Sacrifice“ von 1970 Platz 32 der Charts erreichte.“ Aber es gab Tonnen von anderen, wie Zior. Ziors Sänger Keith Bonsor war anscheinend ein offizieller Okkultist aus dem Colchester-Zirkel, und es geht das Gerücht, dass er bei einer schwarzen Messe hingerichtet wurde und seitdem nie wieder gesehen wurde. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Man spricht auch immer von Coven, und von italienischen Bands wie Jacula und Antonius Rex, die die Sache mit dem Okkultismus noch ernster nahmen. Sogar Mick Ronson gehört dazu. Eine seiner Solo-Singles hat eine B-Seite namens „Powers of Darkness“, und das ist ein mega okkulter Rock-Track.“

Black Widow haben sich 2007 nach einer 34-jährigen Pause wieder zusammengefunden und werben für ein neues Studioalbum, das fröhlich absurde „Sleeping with Demons“. Sie sind nach wie vor die Paten des okkulten Rock, und ihre Hymne „Come to the Sabbat“ ist das einzige Lied aus dieser ersten Ära, das einen spürbaren Einfluss auf den Rock-Mainstream hatte. Ihr äußerst fröhlicher Frontmann Clive Jones gibt gerne seinen eigenen spirituellen Glauben und seine Faszination für Hexerei zu, räumt aber auch ein, dass Black Widow den Weg der Dunkelheit ziemlich schnell verlassen haben, nachdem ihr Debüt 1970 einen Schatten der Negativität über ihre Ambitionen zu werfen schien.

„Nach „Sacrifice“ mussten wir die Richtung ändern, was ich eigentlich nicht wollte, aber wir hatten viel Pech gehabt“, erinnert er sich. „Wir wurden von der BBC verbannt und sie wollten die Platten nicht spielen. Wir wollten in Amerika touren, aber Charles Manson veranstaltete seine „Black Magic Morde“, und plötzlich durften wir nicht mehr rein. Unser Management kümmerte sich damals auch um Black Sabbath und schickte sie an unsere Stelle. Jetzt sind wir wieder bei der schwarzen Magie, aber diesmal wollten wir zeigen, dass schwarze Magie Spaß machen kann. Es geht nicht nur darum, den Teufel anzubeten und Schafe zu opfern.“

In Wahrheit ist okkulter Rock nie wirklich gestorben, aber erst in den letzten Jahren wurde er zu einer sichtbaren Kraft. Eine neue Welle von Bands, die viele der musikalischen und philosophischen Eigenschaften der ursprünglichen okkulten Bands teilen – angeführt von Ghost aus Schweden und The Devil’s Blood aus Holland – haben begonnen, eine neue Generation von Fans anzulocken, überwiegend aus der Metal-Szene. Ihre Namen allein – Ancient VVisdomHexvesselBlood CeremonyDevil – deuten auf einen fokussierten Schritt zurück in das Zeitalter von Wheatley und Hammer hin. Metal steht natürlich seit Jahrzehnten hüfthoch im Satanismus und ist mit Themen des übernatürlichen Horrors verwurzelt, angefangen von der fast unbeabsichtigten Unheimlichkeit von Black Sabbath über die höllische Aggression von Slayer bis hin zu Norwegens kirchenbrennendem Black Metal-Kult der frühen 90er Jahre. Was diese neuen Bands jedoch zu bieten scheinen, ist eine abgerundete Ablehnung der Moderne, mit Musik, die technologischen Überfluss zugunsten warmer, analoger Töne und ungezwungener Psychedelik vermeidet.

Nick Cutter: Das Böse (Heyne)

Der Kanadier Craig Davidson hat bereits vier Bücher als Nick Cutter geschrieben, die auch alle in Übersetzung vorliegen. An einem fünften Cutter-Buch arbeitet der Autor gerade. Während Davidson unter seinem echten Namen mit Chuck Palahniuk verglichen wird, geht sein Horror-Alter Ego gerne mit Stephen King spazieren, zumindest wenn es nach der internationalen Presse geht. Das liegt wahrscheinlich daran, dass Davidson ihn oft genug als wichtigen Einfluss in Interviews erwähnt. King ist zwar nicht der einzige, dem sich der Autor verbunden fühlt, aber man weiß ja, wie das funktioniert: Nick Cutter schreibt Horror. “Nick Cutter: Das Böse (Heyne)” weiterlesen