Die Veranda

melius esset ante omnia

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Das rätselhafte Mondgesicht (Alfred E. Neumann)

Der Gründer des MAD-Magazins Harvey Kurtzman erinnerte sich in einem Interview an die Illustration eines grinsenden Jungen, den er Anfang der fünfziger Jahre auf einer Postkarte entdeckt hatte:

“Das Portrait eines Kürbisgesichts. Sein Blick teilweise der eines Besserwissers, teilweise der eines glücklichen Kindes. Darunter stand: “What, Me Worry?”. (Was, ich und besorgt?)

MAD Nr. 30

Aus diesem Kürbisgesicht wurde Alfred E. Neumann, das Maskottchen von MAD. Der schelmische, unveränderliche Rothaarige gab sein offizielles Debüt im Dezember 1956, als er auf dem Cover von MAD Nr. 30 als Einschreibekandidat für das Präsidentenamt erschien. Seitdem ist er auf fast jedem MAD-Cover zu finden. Dort tut er nichts anderes, als in die Maske berühmter Persönlichkeiten zu schlüpfen, sie zu imitieren und mit nichts als einem schläfrigen Grinsen vorzutäuschen. Obwohl MAD ihm seinen Zweck und ein dauerhaftes Zuhause gab, bleibt seine Herkunftsgeschichte schwer fassbar. Es handelt sich bei ihm – neben anderen Dingen – um das Gesicht einer Pflaumenmuswerbung. Neumann ist für immer gleichbedeutend mit dem Magazin und seiner unendlichen Respektlosigkeit, aber das Rätsel seines wahren Alters kann ebenfalls die Trumpfkarte des Tricksters sein. In die Ecken der frühen Ausgaben von MAD setzte Kurtzman das Ich-und-besorgt?-Gesicht als visuelles Miniaturmotiv ein, das am Rande der dicht gepackten Schwarz-Weiß-Seiten der Publikation auftauchen würde. Als Al Feldstein 1956 die redaktionelle Kontrolle von Kurtzman übernahm, machte er den Jungen zum neuen Aushängeschild der Vollfarbzeitschrift. Maskottchen waren inzwischen zu einem Prestigepunkt geworden: Der Playboy hatte sein Häschen, Esquire hatte den großäugigen Mr. Esky.

“Ich entschied mich, dass ich dieses visuelle Logo als Aushängeschild von MAD haben wollte, so wie Unternehmen den Jolly Green Giant und den Hund, der für RCA ins Grammophon bellt”,

sagte Feldstein 2007.

Feldstein gab das erste Titelbild bei Norman Mingo in Auftrag. Als sechzigjähriger Veteran der kommerziellen Illustration war Mingo auf Pin-ups im Vargas-Stil und rockwelleske Darstellungen der amerikanischen Mittelklasse-Kultur spezialisiert. Er befand sich kurz vor dem Ruhestand, als er auf die Anzeige der New York Times reagierte, die ILLUSTRATOR WANTED lautet. Er schreckte zunächst zurück, als er zum ersten Mal den Hauptsitz des Magazins in 485 “MADison Avenue” besuchte, aber sein üppiger Stil passte perfekt zu der aufkeimenden Publikation, und er brauchte die Arbeit. Beginnend mit dem Neumann-Auftrag malte er in den nächsten zwanzig Jahren die meisten Cover von MAD. Feldstein sagte Mingo, dass er nicht wollte, dass der Junge

“wie ein Idiot aussieht – ich will, dass er liebenswert ist und eine Intelligenz hinter seinen Augen leuchtet. Aber ich will, dass er diese Zum-Teufel-Einstellung hat, dass er jemand ist, der seinen Sinn für Humor bewahrt, selbst wenn die Welt um ihn herum zusammenbricht.”

MAD-Insider bezeichneten den Jungen mit verschiedenen Namen – Mel Haney, Melvin Cowsnofsky – aber als das Magazin die Rechte an dem Gesicht gewann, wurde er offiziell Alfred E. Neumann getauft. Ein Pseudonym ohne einen bestimmten Hintergrund, einer von vielen erfundenen Namen, die zum running gag der Zeitschrift wurden. Bis 1965, als das Gesicht an Statur gewann und zu einer vertrauten Pointe der Popkultur wurde, führte die Witwe eines Cartoonisten namens Harry Spencer Stuff eine Klage gegen MAD. Neumann, so behauptete die Klägerin, sei eine Kopie von Stuffs Karikatur “The Original Optimist”, auch bekannt als “Me-sorry?”, die er 1914 urheberrechtlich schützen ließ.

Antikamnia-Kalender von 1908

Um bei der Abweisung der Rechtsverletzungsklage zu helfen, suchte und bat MAD seine Leser um Beweise für die Existenz des Jungen vor 1914. Das Bild, das Kurtzman zuerst auf einer Postkarte entdeckt hatte, entpuppte sich als Portrait eines wandernden Waisenkindes der Low-Budget-Werbung, das man bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurückverfolgen konnte. Das Gesicht war auf einem Streichholzheft von 1942 für ein Autoteilegeschäft in Longhorn, Texas zu finden; auf dem Etikett von Happy Jack, einer 1939 hergestellten Limo; auf der Speisekarte für ein Café in Ashland, Nebraska; auf einem Kalender von 1908 für Antikamnia, einem mit Heroin versetztem Heilmittel; in einer Anzeige von 1905 für “schmerzfreie Zahnheilkunde”, darunter stand: ES TUT GARANTIERT KEIN BISSCHEN WEH!, und in einem Spielplan von 1902 für Maloneys Hochzeitstag, einer Musical-Komödie für einfache Leute. Jede Grafik konzentrierte sich auf ein Porträt eines Kindes mit verfilzten roten Haaren, Untertassenohren und einem Drecksgrinsen, minus einem Zahn. Stuff mag das Bild etwas verändert haben, was dem Jungen das verschlafene Grinsen und die gekippte Haltung gab, aber frühere Versionen deuteten darauf hin, dass seine Karikatur selbst eine modifizierte Kopie war. Das Gericht entschied zu Gunsten von MAD: Neumann war ein vaterloser Mutant des öffentlichen Raumes. In Completely Mad, einer umfassenden Geschichte der Zeitschrift von 1992, berichtete die Schriftstellerin und Forscherin Maria Reidelbach von einer Anzeige für Atmores Hackfleisch und echtem englischen Pflaumenpudding, die sie gefunden hatte, von einem sehr frühen Neumann, der dadurch bis 1895 zurückverfolgt werden konnte. “Die Gesichtszüge des Kindes sind ausgereift und unverwechselbar”, schrieb Reidelbach, “und das Bild wurde sehr wahrscheinlich von einem noch älteren Archetypus aufgenommen, der noch nicht gefunden wurde.” Peter Reitan glaubt nicht an unauffindbaren Archetypen. Reitan ist Patentanwalt mit Sitz in Irvine, Kalifornien, und widmet seine Freizeit der Erforschung arkaner Fäden der Popkultur. Unter dem Pseudonym Peter Jensen Brown sammelt er seine Arbeiten in einer Reihe von persönlichen Blogs. Ende 2012 durchsuchte Reitan die Online-Zeitungsdatenbank Chronicling America nach Informationen über die Cuban Giants, dem ersten afroamerikanischen Profi-Baseballclub. (Frühe Sportgeschichten sind eine weitere Spezialität von Reitan.) Beim Scannen einer Seite aus einem alten Los Angeles Herald bemerkte er, dass ihm ein vertrautes Gesicht aus einer Ecke angrinste. Das zottelige Haar, der fehlende Zahn – Neumann. Eine Bildunterschrift unter dem Gesicht lautet: “Was nützt irgendetwas? Nichts!” Es warb für ein Theaterstück namens The New Boy. Die Anzeige war vom 2. Dezember 1894. Reitan war als Junge ein MAD-Leser gewesen, wusste aber nichts von der anhaltenden Debatte über Neumanns Herkunft.

“Das Bild zu finden, hat mich verwundert”, sagt er, “und dann, als ich nachsah, fand ich in einem Blog einen Eintrag, der zu Maria Reidelbachs Buch und der Pflaumenpuddinganzeige von Atmore führte … Da dachte ich, ich könnte da an etwas dran sein.”

Eine Anzeige von 1894 für “The New Boy”

Reitans fand durch seine Recherche die Geschichte von The New Boy, einer Comic-Farce, die in London und New York ein Hit war, bevor sie Ende 1894 und Anfang 1895 nach Amerika kam. Der grinsende Junge war eine Darstellung des Titelhelden des Stücks. Das dem zugrundliegende Bild, so schloss Reitan, basierte wahrscheinlich entweder auf Bert Coote oder James T. Powers, zwei gummigesichtigen, rothaarigen Bühnenschauspielern, die in den frühen Produktionen mitwirkten. Wie Reitan betont, war die Werbung wahrscheinlich in jeder Stadt zu sehen gewesen, in der die Show während eines Zeitraums von fünf Jahren halt machte, was die Allgegenwart des Jungen erklärt. Bald wurde er für politische Karikaturen und für Werbung genommen, darunter die von Atmores Pflaumenpudding. Jedes neue Auftauchen lud eine weitere Welle von Nachahmern ein: Der Charakter spaltete und vermehrte sich, stärkte seine Potenz als Meme und verdunkelte jede bestimmte Herkunft.

The VVitch – Robert Eggers’ großartiges Debüt

Bildnachweise © Universal Pictures International Germany GmbH

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2015 erschien mit The VVitch das Spielfilmdebüt des US-amerikanischen Filmregisseurs, Drehbuchbuchautors, und Szenenbildners Robert Eggers, das im Englischen A New-England Folktale heißt und im Rahmen des Sundance Film Festivals seine Premiere feierte.

The VVitch zeigt das fromme und gottesfürchtige Leben einer Puritanerfamilie um ca. 1630. Wir sehen William (gespielt von Ralph Ineson), der samt seiner Familie, gerade erst in Neuengland angekommen, aus der puritanischen Gemeinde verstoßen wird. Weshalb? Das erfahren wir nicht. Wir sehen nur, dass ihnen der Prozess gemacht wird. Gemeinsam mit seiner Frau Katherine (gespielt von Kate Dickie) und seinen 5 Kindern (Thomasin, Caleb, Mercy, Jonas und Samuel) lässt er sich mit samt dem Hab und Gut der Familie auf einem Acker nieder, der direkt an einen Wald grenzt. Ein Wald, der ihnen im Verlauf gehörig zusetzt, beginnend damit, dass wir miterleben, dass das jüngste Kind Samuel (ein Säugling) vor den Augen des ältesten Kindes, der Tochter Thomasin (gespielt von Anya Taylor-Joy), von einer Hexe gestohlen wird. Gestohlen in dem Moment, in dem Thomasin mit ihm ein „Versteck-Spiel“ spielt, in dem sie sich immer wieder die Augen zuhält, um ihn erneut zu entdecken, nimmt sie ihre Hände beiseite, ihre Augen zu öffnen.

Thomasin kommen in ihrer Rolle innerhalb der Familie besonders viele Pflichten zu, aufgrund dessen, dass sie das älteste Kind ist. Mutter wie Vater haben vor allem an sie große Erwartungshaltungen. Besonders ihre beiden jüngeren Geschwister Mercy und Jonas, die wie kleine fiese Blagen des Teufels daherkommen, machen ihr das Leben schwer. Auch die Beziehung zu ihrer Mutter steht unter keinem guten Stern. Katherine wirkt gar stiefmütterlich. Hart und ablehnend agiert sie ihrer Tochter gegenüber. Fast so, als wäre sie nicht ihre leibliche Mutter. Allein ihr Vater und Caleb zeigen sich ihr gegenüber als Zugeneigte.

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Wir erleben in diesem Kammerspiel, das wahrlich reduziert ist auf das Spiel dieser Familie, was die Ausrufung der Erbsünde bedeutet. Was es heißt, Siedler zu sein, einen Acker zu bearbeiten / zum Erblühen zu bringen, der sich als kein fruchtbarer erweist. Wir erleben, wie bedroht und ausgeliefert der Mensch in der Wildnis / der Welt ist. Wie rau und hart sich das Leben zeigt, obschon man ein frommes, entbehrungsreiches und gottgefälliges zu leben versucht. William, das Oberhaupt der Familie, erscheint nicht selten als ein Abraham oder gar als der Messias höchstpersönlich, denken wir an das wirkungsvoll von Eggers in Szene gesetzte Abendmahl der Familie. Dennoch ist er ein Oberhaupt, dem es nicht gelingt seine Familie zu versorgen, der nach und nach das Ansehen seiner Liebsten verliert, die ihn und seine Taten infrage stellen.

Auch Caleb, der mit Thomasin (ähnlich wie Hänsel und Gretel), trotz des Verbotes der Familie, heimlich in den Wald geht, um dafür zu sorgen, dass Thomasin von William und Katherine nicht als Dienerin an eine andere Familie verkauft wird, begegnet der im Wald lebenden Hexe, wird von ihr zu sich gelockt. Jung und bezirzend schön erscheint sie ihm vor ihrer Hütte. Ganz anders als jene, die wir sahen, als uns gezeigt wurde, was mit Samuel passiert ist. Die dem Säugling etwas abschnitt, um Flugsalbe für sich und ihren Besen herzustellen. Eine, die dämonischen Charakter hat, die Caleb wieder in seine Familie entlässt. Infiziert und besessen, in des Teufels Bann gezogen wirkt er. Mit Gebeten und Gottesanrufungen versuchen sie ihm zu helfen, ihn vom Bösen zu befreien. Etwas, das scheinbar gelingt, da Caleb sich kurz vor seinem Tod noch einmal aufbäumt, in seinen Sterbeminuten verkündet, Jesu ansichtig geworden zu sein, gar zu ihm spricht (jedoch sind Calebs Worte blasphemisch anmutende). Zuvor lösen sie ihm jedoch noch einen kleinen Apfel aus dem Mund.

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Der Apfel als inszeniertes Motiv wird hier gekonnt eingesetzt. Eine einfache Requisite, die die Erkenntnisfrucht als vom Teufel / der Schlange / der Frau vermaledeite präsentiert. Auch denken wir an den vergifteten Apfel aus Grimms Schneewittchen. Denn: wie schon Thomasin ihrem Bruder Caleb gestand, sie sehne sich nach einem der Äpfel des Baumes, den Caleb als Lüge erfand, um Katherine nicht zu erzürnen. Da er und sein Vater ohne ihr Wissen in den Wald gingen, um nach Beute in den von William aufgestellten Fallen zu schauen, die er nur kaufen konnte, da er, ebenso heimlich, Katherines Silberbecher dafür eintauschte. Ein Becher, den sie geerbt hatte, an dem sie sehr hing. Ein Gegenstand, der den inneren Familienkonflikt weiter auflodern lässt, da Katherine Thomasin verdächtigt, ihn genommen oder gar verloren zu haben. Das Familiengefüge wird zunehmend instabiler, alles gerät mehr und mehr außer Kontrolle. Keiner traut dem anderen über den Weg. Jeder ist von seiner eigenen fixen Idee, hinter den Taten des Anderen das Wirken des Teufels zu vermuten, besessen. Thomasin wird, vor allem von Katherine, zum Sündenbock erklärt, zur vaterverführenden Dirne, die mit dem Teufel im Bunde steht, den Mercy und Jonas im Ziegenbock der Familie erkennen wollen, dem Schwarzen Phillip, mit dem sie sich immer wieder unterhalten.

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Und so erleben wir die Initiierung einer jungen Frau, die zur Hexe wird. Sie selbst, die das puritanische Leben von ihrer Familie am meisten ablehnt, bittet zu Beginn des Films noch Gott sich ihrer Seele anzunehmen, da sie weiß, dass sie im Innern ein nicht in gleicher Weise demütiges Leben führt. Jedoch all die Zweifel und Beschuldigungen ihrer Familie lassen sie diese von ihnen vermutete und somit zugedachte Rolle nach und nach einnehmen. Schon im Streit mit ihren beiden jüngeren Geschwistern Mercy und Jonas bezichtigt sie sich selbst, eine Hexe zu sein, sogar jene, die Samuel gestohlen hat. Sie behauptet es natürlich im Affekt. Jedoch ist es genau das: es sind die Handlungen und Reaktionen der einzelnen Protagonisten im Affekt, die jene Familientragödie ihren Lauf nehmen lassen. Nicht etwa, weil sie nicht gottesfürchtig genug waren, sondern weil solch ein von Angst und Hölle bestimmtes Leben kein selbstbestimmtes ist. Der Acker, der sich als kaum Früchte tragender herausstellt, stellt den Nährboden für ein von Zweifel, Schuld und Sünde geprägtes Leben. Er dient als Metapher für das Leben dieser uns gezeigten puritanischen Familie. Die Verweisung aus der Gemeinde setzt das Leben der Sieben auf einen Zustand Null. Sie werden zu jenen aus dem Paradies Vertriebenen, denen es nur unter größten Anstrengungen möglich ist, ein Leben in der Welt zu führen. Doch da wir auch um die Sage von Kain und Abel wissen, wissen wir, es wird ihnen nicht möglich sein. Erschlagen werden sie sich gegenseitig, im Namen Gottes und seines Sohnes. Von diesen im Stich gelassen, den Teufel in allem sehend, von der Hexe im Wald geholt, bleibt am Ende nur Thomasin übrig, die ihre Mutter mit einem Messer tötet, als diese versucht sie zu erwürgen.

“Die Hexe auf dem Sabbath” von Luis Ricardo Falero, 1880

Am Abend betritt Thomasin den Stall, um den Schwarzen Phillip zu sprechen, der ihren Vater getötet hat. Phillip antwortet und erscheint ihr in menschlicher Gestalt, der Gestalt eines Junkers. Er verspricht ihr ein freies Leben in Lust, wenn sie sich in das nun vor ihr liegende Buch einträgt. Thomasin willigt ein und geht nackt mit ihm (wieder in der Gestalt des Ziegenbocks) in den Wald. Wir sehen: Ein Hexenzirkel nimmt sie in ihrer Mitte auf.

Eggers präsentiert uns eine Hexe, die in ihrem Wesen und Äußeren an dem mit Angst verknüpften Urbild einer Hexe rührt. Keine gute, für das Weibliche stehende wird uns hier geboten. Hässlich, furchteinflößend und alt ist sie, als wäre sie einem Albtraum entsprungen. Ihre Schönheit, mit der sie sich Caleb zeigt, ist nur Blendwerk, Zauberei und teuflische Verführung. Er zeigt uns eine Urform der Angst, die, genährt vom puritanisch gottes- und teufelsfürchtigen Leben, wiederbelebt wurde. So sehr er mit zeitgenössischen Überlieferungen, Prozessakten (besonders die Hexenprozesse von Salem sind hier zu nennen), landwirtschaftlichen Sachbüchern gearbeitet hat, wie auch mit Historikern, um ein von Puritanern besiedeltes Neuengland nachzubilden, so sehr hat er sich bei der Darstellung der Hexe seiner Phantasie überlassen. Er selbst gibt an, er sei seiner eigenen Angst gefolgt, der Phantasie, die er als Kind hatte.

“Die Hexen”, Holzschnitt von Hans Baldung, 1508

Und so gelingt es ihm Wahrhaftes mit Wahrhaftem anzureichern, den Ängsten des Menschen zu jener Zeit Zeuge und später Chronist zu sein. Nicht zuletzt, da er für den Cast, nur englische Schauspieler zuließ, um eine größtmögliche Authentizität zu erreichen. Die schauspielerischen Leistungen, Kostüm und Szenenbild sind herausragend. Die Atmosphäre: gottverlassen.

Wir sind sehr gespannt auf Robert Eggers zweiten Film. Kein geringeres Thema als Nosferatu hat er sich vorgenommen. Murnaus Nosferatu. Und wir trauen es ihm zu, bei so einem Debüt wie diesem. Einem Debüt, von dem wir uns fragen, ob das mit rechten Dingen zuging, oder ob nicht ein Junker sein Buch ins Spiel geworfen hat, bei dem von ihm vorgelegten Niveau.

Neue Besprechungen

Für Rowohlt beginne ich heute damit, David Mitchells Slade House zu lesen und zu besprechen. Es ist der siebten Roman des Briten, der, das darf man sagen, zu den besten Autoren seiner Generation gehört, und damit auch zum Besten, das heute so die Feder in die Hand nimmt (und nicht aus Amerika kommt). Slade House scheint ein Begleiter der Knochenuhren zu sein, die ich ja ebenfalls schon besprochen habe und für die Mitchell den World Fantasy Award bekam.

Einführung in das Werk Eric Bassos

Eric Basso (Jahrgang 1947) ist ein amerikanischer Dichter, Romancier, Dramatiker und Kritiker, geboren in Baltimore, Maryland. Sein Roman “The Beak Doctor”, 1977 veröffentlicht in der Chicago Review besitzt seit seinem Erscheinen Kultstatus unter den Avantgarde-Gothic-Autoren. Er hat viele Theaterstücke, Gedichtbände, Romane und Aufsätze veröffentlicht. In Teilen erscheint “The Beak Doctor” (Beak=Schnabel; auch “Plague Doctor” genannt, oder deutsch: Schnabeldoktor, Pestarzt; nach den Schnabelmasken, die zur Zeiten der Epidemie von den Ärzten getragen wurden) so, als hätte James Joyce Alfred Kubins “Die andere Seite” geschrieben, das gibt zumindest die Storyline her: eine namenlose Stadt wird von einer geheimnisvollen Schlafkrankheit heimgesucht.

Man braucht sich nicht einmal wundern, dass Basso in Deutschland völlig unbekannt geblieben ist, denn selbst in Amerika wurde er sträflich übersehen. Man könnte jetzt einwenden, dass es ein völlig sinnloses Unterfangen ist, jemanden vorzustellen, den man nicht kennen lernen kann, da nicht nur jegliche Übersetzung fehlt und – insofern ich es nicht eines Tages selbst übernehme – auf immer fehlen wird, sondern auch das Original schwer und teuer zu beschaffen ist. Eine Möglichkeit wäre, sich Jeff und Ann VanderMeers “The Weird” zu beschaffen, dort ist die Novelle enthalten, aber auch dieses Kompendium kostet ein paar Kröten.

Trotz des Mankos einer wahrscheinlich nie zu erhaltenden deutschen Übersetzung, ist das für das für mich kein Grund, dieses Genie zu ignorieren.

“Ich werde jetzt versuchen, wach zu bleiben. Der Nebel. Sie müssen noch vor dem Morgen gekommen sein, um mich zu holen. Leere Straßen. Gegenüber ein schwach beleuchteter Raum. Sie liegt im Schatten. Die Schritte. Einer nach dem anderen. Nicht, dass ich alt wäre. Es lag an der Maske. Putz, von der Wand geschlagen. Sie lag schlafend auf einer Couch. Ein Netzwerk aus Rissen und sich verzweigender Adern, wie die Oberfläche einer antiken Malerei. Chiaroscuro. Die Figuren unvollständig geformt. Und sie war nackt. Kleine Wasserflecke in der Farbe von Rost. Ein Geruch nach Desinfektionsmitteln strömte vom Treppengeländer herüber. Mottenkugeln. Das war der Geruch an meinen Händen, als ich dorthin zurück kam. Von unterhalb der wackligen Treppe konnte ich den fiebrigen Schein einer Glühbirne ausmachen, die in die entkernte Decke geschraubt worden war und über den Treppenabsatz leuchtete. Schatten verschwanden über die Spitzen meiner Schuhe, als ich mich dem oberen Ende näherte.”

Eric Bassos Roman “The Beak Doctor” von 1976 ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein Schriftsteller die Syntax dazu verwenden kann, um ein Gefühl der Auflösung, Entfremdung oder Verrücktheit zu erzeugen. Jeder Satz in dieser Eingangsszene trägt zu einem Gefühl des unheimlichen, dunklen, desolaten Zustands bei. Hinter dem Wunsch, nicht einzuschlafen, lauert etwas im Nebel, vage mit “sie” bezeichnet. “Sie” sind bereits da, als der Erzähler seine Erzählung beginnt. Dieses undeutliche Geheimnis wird erweitert durch eine “sie”, die auf einer Couch liegt und schläft – wie eine “unvollständig geformte Figur”. Es riecht nach muffigen Mottenkugeln. Das und das “fiebrige Licht” dienen der atmosphärischen Wirkung dieses Rätsels, dem der Erzähler ausgesetzt ist.

Erstaunlich ist, dass Basso in einem einzigen Absatz bereits das gesamte Setting vorführt und selbiges gleichzeitig auf eine Weise handhabt, dass sofort klar wird, wie sehr neben dem Protagonisten die Umgebung ein zentraler Teil des Romans ist.

Im Laufe der Geschichte wandert der Erzähler durch eine Stadt, die von einer seltsamen Schlafkrankheit befallen ist, er begegnet merkwürdigen Erscheinungen, wie zum Beispiel einem “[…] kopflosen Hemd ohne sichtbare Beine. Ein blanker Arm greift langsam nach einem Trinkglas. Plötzlich weicht die Hand zurück, als ob ein Funke aus der rauchigen Helix direkt in seine Fingerkuppen gefahren wäre.

Es gibt noch tieferliegende, merkwürdigere Geheimnisse, denen er auf seinen Spaziergang durch die Stadt begegnet.

“The Beak Doctor” ist ein frühes Beispiel dafür, wie Basso Geräusche, Gerüche und surreale Erscheinungen dazu verwendet, atemberaubende Prosa und Poesie zu erschaffen. Das ist eine Vorgehensweise, die in vielen seiner Schriften zu beobachten ist.

Seine Short Story “Gothick Eschatology” (Eschatologie=Lehre vom Weltende und den “letzten Dingen”) lebt von der aufgetürmten, schweren Atmosphäre, wenn zum Beispiel “das Geräusch eines keuchender Blasebalgs von den Kanten ihres Rückens abprallt: Luft pfeift durch einen Haarriß in der Glockenummantelung.”

Solche Details verstärken die qualvolle Sehnsucht und die schrecklichen Entdeckungen, die diese Schauergeschichte durchzieht. Sie sind bestens dazu geeignet, die dunklen, unbequemen Details der menschlichen Existenz zu erforschen, wie im folgenden Absatz angedeutet:

“Der Regen, zur Hälfte vom Getöse eines großen Ventilators übertönt, knallte in Sturzbächen auf das Wellblechdach herunter. Er wurde von einem großen Stapel verwitterter Taschenbücher durchsiebt. Nur eine kleine Lücke im Regal blieb unberührt. Für das Mädchen, ganz in Weiß gekleidet, das unter der sich biegenden Eiche vor den abkippenden, höhlenartigen Vorhallen der Villa im Mondlicht stand, und dann zurück in die Ferne wankte. Sein Gesicht, von unten von der verbitterten Flamme eines Feuerzeugs angeleuchtet. Ein erhöhter Raum. Geständnisse unter der Lampe des Zeichners. Unerklärliche Verluste. Kreuzworträtsel. Genug, um die Leere, zwischen dem Klang einer kiesbedeckten Morgenstimme gelegen, zu füllen.”

Es kommt nicht selten vor, dass Schriftsteller ihre Bestimmungswörter an der falschen Stelle setzen, oder sie befürchten, dass ihre Benutzung auf eine gestelzte Prosa hinausläuft und sie den Erzählfluss zerstören. Basso verwendet Bestimmungswörter in den meisten Fällen fachmännisch. Lesen Sie den oberen Absatz noch einmal – vielleicht bleiben Sie bei “verwitterter Taschenbücher” oder “höhlenartigen Vorhallen” ein wenig haften. Es ist sicher etwas Beunruhigendes an einer “verbitterten Flamme” in dieser verdrehten, aus dem Lot geratenen Darstellung dessen, was ansonsten einen ganz gewöhnlichen Platz beschreibt. Aber diese Schilderungen, aufgepeitscht wie sie sind, dienen der Vervollständigung eines großen inneren Kampfes, der da ausgefochten wird. “Geständnisse unter der Lampe des Zeichners” scheint auf etwas mit Auswirkungen auf eine menschliche Seele hinzudeuten; dies wird verstärkt durch “Genug, um die Leere, zwischen dem Klang einer kiesbedeckten Morgenstimme gelegen, zu füllen.”

Statt den Schwerpunkt auf Klänge, und wie sie zu menschlichen Beziehungen stehen, zu setzen, wählt Basso in diesem Fall (und auch öfter im gesamten Text) die Hervorhebung jeglichen Fehlens solcher gewöhnlichen Geräusche.

In den Passagen zwischen den beiden hier zitierten wird das Geheimnis der schlafenden Stadt langsam enthüllt. Die Leiber, die überall in der Stadt herumliegen, wurden von einer möglicherweise ruchlosen Entität wie Brotkrumen ausgelegt, um am anderen Ende der heimgesuchten Stadt gefunden zu werden. Je weiter der Erzähler durch diese Kulisse streift, die übersäht ist mit fehlfunktionierenden Maschinen und die unter einem dichten, bedrohlichen Nebel liegt, desto mehr entfernt sich die Erzählung selbst von ihm, als wäre sie dieses Ding, das dafür verantwortlich zeichnet. Alles scheint sich am Rande der Auflösung zu bewegen, wie in einer Passage des letzten Viertels beschrieben:

“Die Temperatur scheint eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung des Grades der Entmaterialisierung jedes einzelnen Körperteils zu spielen. Diese Symptomatik ist elementar. Die Spitze der Nase, die Ohren, die Zehen, und oft das Gesäß, liegen um ungefähr zwei Grad niedriger als die normale Körpertemperatur, neigen dazu, ihre Dichte über einen längeren Zeitraum beizubehalten als jene Organe und Gewebe, die normalerweise von der epidermalen Schicht verborgen werden. Eine Möglichkeit, die Krankheit zu hemmen wäre, den Patienten kontinuierlich der Kälte auszusetzen, aber das führt fast immer zu einer Lungenentzündung oder zu anderen Komplikationen. Der Prozess der Entmaterialisierung ist dergestalt, dass, sobald die Hülle der Haut beeinträchtigt wird, die Drüsen, die Muskulatur, das Lymph- und Kreislaufsystem, die zwischen ein und vier Grad wärmer sind, nicht mehr mithalten können, während sich die Haut bereits zersetzt und so die Möglichkeit einer frühen Diagnose unmöglich macht. Die Inkubationszeit ist nicht bekannt. Man hat keine Gewissheit darüber, ob die Entmaterialisation in irgendeiner Weise mit dem endlosen Schlaf zusammenhängt.”

Basso wendet für die schreckliche Auflösung eines Körpers einen kalten, klinischen Ton an, der den Horror abstreift, so dass stattdessen eine freistehende Beschreibung übrig bleibt, die beunruhigt, weil sie gleichzeitig intim und distanziert ist (könnte uns/dem Erzähler das gleiche passieren?), als ob der Erzähler sich nicht nur von seinen Mitmenschen entfremdet hätte, sondern auch gegenüber dem Leben selbst.

Entfremdung ist sicherlich ein wesentlicher Bestandteil von Bassos Arbeit, ob er nun Prosa, Gedichte oder Theaterstücke schreibt. Sie spielt eine wichtige Rolle im Ausgang von “The Beak Doctor” und in einigen seiner Kurzgeschichten (die daramatische Schlußszene in “The Beak Doctor” ähnelt dem Schluss von “Gothick Eschatology”, in dem der Protagonist darum kämpft, den Schleier, der auf dem Gesicht einer geliebten Person liegt, zu entfernen). Alles in allem beinhaltet “The Beak Doctor” und die anderen Erzählungen der gleichnamigen Sammlung eine Vielzahl von Elementen, die stets wiederkehren. “Equestrian Scenes”(etwa: Reitszenen) und “Equus Caballus” (“Hauspferd”) beinhalten eine Intensität der Sprache und Metaphern, die als ein Sinnbild für alle Geschichten, die in der Sammlung enthalten sind, stehen. Diese Qualität findet sich auch in der kürzeren Prosa, die mit kurzen, scharfen Stakkatos aufwarten.

Das Unheimliche in “The Beak Doctor” und in mehreren seiner anderen Werke symbolisiert unseren eigenen sinnlosen Kampf, die elementaren Kräfte, die unser tägliches Leben prägen beschränken, kontrollieren oder begreifen zu wollen.

Bassos Dichtung verunsichert uns, weil uns seine Erzählungen sehr schnell durchbohren, uns zum Betrachten jener Dinge zwingen, die wir ansonsten nicht zu öffnen wagen würden, weil wir ansonsten unsere geistige Gesundheit riskieren könnten. Nur sehr wenige Schriftsteller besitzen diese Fähigkeit, und in “The Beak Doctor” lotet Basso die Tiefen der menschlichen Abneigung und Faszination auf eine gewissenlose, denkwürdige und beunruhigende Weise aus.

Aber wie gesagt, muss sich das deutschsprachige Publikum um diese Dinge keine Sorgen machen. Sollte ich es nicht eines Tages angehen, wird es eine Übersetzung nicht geben.

Übersetzung der Passagen aus dem Roman “The Beak Doctor” von Michael Perkampus

Grab in Baltimore

Zwei amerikanische Städte reißen sich um das Poe’sche Erbe. Da ist zum einen natürlich Richmond, das Poe als seine Heimat bezeichnete. Allerdings ist es Baltimore, wo sein Leben begann und endete. Geboren wurde er, während seine Eltern, die beide Schauspieler waren, in Boston unterwegs waren, seine Familienwurzeln sind jedoch fest mit Baltimore verwachsen – und hier ruhen seine sterblichen Überreste.

Es war Baltimore, in dem er Zuflucht suchte, als er mit seinem Pflegevater John Allan im Clinch lag und sich genötigt sah, dessen Haus zu verlassen.

Hier traf er auf seine künftige Frau, Virginia Eliza Clemm. Hier machte er seine ersten Schritte in Richtung desssen, was man als seine Karriere für die nächsten 17 Jahre bezeichnen kann. Vielleicht ist es ganz aufschlussreich, dass er, nach seinem Geburtsort befragt, Boston verleugnete und stattdessen Baltimore beanspruchte.

Sein Grab liegt in lot 27 im Westminster Burying Ground (Fayette und Green Streets).

Die Anthologie – Start der Subskription

Gestern wurde dann der Probedruck geliefert, mit dem wir nun in die Subskription gehen können. Viele meiner amerikanischen Freunde sind darin vertreten (darunter der große Thomas Ligotti und W. H. Pugmire, der, wie er mir sagte, deutsche Vorfahren habe). Klassiker habe ich aufgenommen und natürlich auch in der deutschen Phantastik-Szene gegrast. Abgesehen davon ist Alberas erste und großartige Short Story darin enthalten und meine eigene – in Gedenken an Gerard de Nerval.)

Über ein halbes Jahr haben wir für diesen Privatdruck nun investiert, begonnen mit meinen Übersetzungen und dem absolut von Michael Liberatore auf den Punkt gebrachtem Cover.

Bestellt wird seit gestern ebenfalls bereits prächtig. Wir haben nichts zu meckern.

Jedediah Berry / Das Handbuch für Detektive

Borges lobte an der Detektivgeschichte dass sie „in einer Epoche der Unordnung eine gewisse Ordnung aufrechterhalten kann“. Dieser Gedanke wird im Handbuch für Detektive von Jedediah Berry spielerisch und surrealistisch umgesetzt. Berry ist bei uns ein Unbekannter, in Amerika kennt man ihn als stellvertretenden Redakteur eines kleinen Verlags, der sich mit Phantastik sehr gut auskennt. Seine Kurzgeschichten fanden nicht selten den stürmischen Beifall der Kritiker. Das Handbuch allerdings ist sein Debüt. 2009 geschrieben, erschien es erstaunlicher Weise 2010 bereits bei uns. In diesem Roman ist die Detektivarbeit mehr als ein Job, sie verkörpert einen geordneten Zugang zum Leben. Rätsel müssen gelöst werden, um Wahrheit und Illusion voneinander zu trennen. Sogar die Verbrecher scheinen sich hauptsächlich für das Verbrechen als Mission, als Kunstform, als Mittel zur Beeinflussung der Welt zu interessieren. Ihre Anführer sind Magier, Meister der Verkleidung, Illusionisten. Der Konflikt zwischen Detektiven und Kriminellen ist ein Aufeinanderprallen philosophischer Positionen, ein metaphysischer Kampf um die Vorherrschaft.

Unser Held ist Charles Unwin, freundlicher Aktenschreiber von Detective Travis Sivart. Er arbeitet bei der Agentur, einem Monolith der Seriosität, der seine Stadt schützt, indem er fest gegen das kriminelle Element steht. Unwin ist ein sanfter, bescheidener Kerl und nie ohne Regenschirm (es regnet immer in der Stadt). Er zeichnet sich vor allem durch die Organisation und Katalogisierung von Akten aus, die er in seiner Funktion komfortabel und zufriedenstellend erledigt. Aber als Detective Sivart verschwindet, wird Unwin unerwartet zum Detektiv befördert und als Agent ins Feld geworfen. Da er völlig ungeeignet für den Job ist, protestiert er gegen seine Beförderung, aber als er wegen Mordes verdächtigt wird, muss er den Hinweisen folgen, um herauszufinden, was vor sich geht. Als er widerwillig anfängt, Fragen zu stellen, stellt er fest, dass viele Fakten in Detective Sivarts Akten falsch dargestellt sind. Bald taucht er aus seinem Schlummer auf und versinkt in Rätseln. In der sich verdichtenden Handlung findet er Beweise, die sich nicht nur auf den vorliegenden Fall beziehen, sondern auch auf Geheimnisse, die alles untergraben könnten, was er für wahr hält.

Unwins anfänglicher Ansatz bei seinen Ermittlugen ist der eines Sekretärs: Er versucht mechanisch, das zu tun, was er denkt, was von ihm erwartet wird, sortiert die Fakten und blufft sich durch eine Reihe merkwürdiger Entdeckungen. Seine Verwandlung in einen Agenten beginnt, als er ein Exemplar des Handbuchs für Detektive – die Bibel der Agentur über Theorie und Praxis der Detektivarbeit – öffnet und seinen ersten Ratschlag liest (unter der Überschrift “Kriminalfall, Erste Schritte”):

Der unerfahrende Agent, der auf ein paar erste vielversprechende Spuren stößt, wird wahrscheinlich den Drang verspüren, ihnen so direkt zu folgen wie möglich. Doch ein Kriminalfall ist wie ein dunkles Zimmer, in dem ihn alles erwarten könnte. In diesem Stadium des Falles wissen Ihre Gegner mehr als Sie – genau das macht sie erst zu ihren Gegnern. Deshalb ist es von höchster Bedeutng, dass Sie mit Vorsicht und Raffinesse vorgehen, besonders zu Beginn Ihrer Arbeit. Jede andere Vorgehensweise wäre gleichbedeutend mit einer Kapitulation; dann könnten Sie auch gleich Ihre Taschen ausleeren, eine Lampe über Ihrem Kopf anschalten und sich eine große Zielscheibe auf die Brust malen.

Auch für die Leser dieses Romans ist es ein guter Ratschlag, anders vorzugehen. Die Erzählung treibt uns nicht vorwärts, der Eroberung entgegen, sondern zieht uns langsam tiefer in eine geheimnisvolle Welt. Die Grenzen zwischen Realismus und Traumbildern sind verschwommen. Die Zeit, in der die Ereignisse stattfinden, wird nie genau festgelegt, obwohl die Geschichte durchweg eine vage Atmosphäre des frühen zwanzigsten Jahrhunderts aufrechterhält. Und doch fühlt sich das Buch frisch und modern, ja sogar experimentell an. Es ist ein Roman, der Vergleiche mit anderen Romanen provoziert, weil es so schwierig ist, ohne einen einzigen Bezugspunkt auszukommen, was aber auch einfach daranliegt, dass das Handbuch für Detektive eine einzigartige Schöpfung ist, die selbstbewusst in ihrer genre-synthetisierenden Originalität konstruiert wurde.

Trotz dieser interessanten Eigenschaften muss man sich an die Erzählweise erst einmal gewöhnen. Die Handlung wird schnell unüberschaubar und halluzinatorisch, so dass es alles andere als leicht ist, ihr zu folgen. Die manierierte, schwach altertümelnde Prosa erscheint zunächst übermäßig raffiniert; Leichen türmen sich auf, und doch fühlt sich ein großer Teil der Handlung seltsam blutleer an, dem Traum näher als einer greifbaren Form.

Im Jahr 1924 schrieb André Breton im ersten Manifest des Surrealismus von seinem Versuch, das Bewusstsein zu erweitern und eine Überrealität zu finden, indem er die Assoziationsmöglichkeiten des unbewussten Geistes erforschte.

In Berrys Roman wird ein ähnlicher Begriff zu praktischen Zwecken von Detektiven der Agentur verwendet, indem sie in der Lage sind, verdächtige Personen in ihren Träumen auszuspionieren und dadurch Hinweise zu entdecken, die das Unbewusste über ihre Verbrechen preisgeben kann. Während Unwin diese Überwachungsmethode benutzt, um Hinweisen zu folgen, driftet die Geschichte mehr und mehr ins Surreale ab. Merkwürdigerweise taucht Unwin immer mehr in die Traumwelt ein und wird dadurch lebendiger und wacher als jemals zuvor in seinem Leben. Als wir ihm zum ersten Mal begegnen ist Unwin weit vom Modell eines hartgesottenen Detektivs entfernt, ist sanftmütig und bescheiden, so zugeknöpft und vorsichtig, dass es schwierig ist, ihn zu fassen. Während er sich jedoch bemüht, seine Gegner zu verstehen, beginnt er damit, seine eigenen Instinkte zu entwickeln. Von diesem Augenblick an fließt Leben in die Geschichte ein.

In ähnlicher Weise wird die Überlagerung von präziser, schicker Prosa in einem bizarren Kontext hypnotisch. Die Präzision von Unwins Perspektive verleiht jeder Szene einen Realismus, der ständig untergraben wird. Die Geschichte geht nie in blosse Merkwürdigkeiten über, sondern bleibt in der unerbittlichen Traumlogik ihrer Welt verankert. Sie erreicht und verunsichert den Leser auf unbewusster Ebene. Science-Fiction-Fans sprechen gerne über den “Sense of Wonder“, der sich aus der Begegnung mit neuen Konzepten und Kreationen ergibt, hier aber wird das heikle Gefühl dargestellt, das entsteht, wenn etwas Vertrautes völlig fremd erscheint: ein Gefühl des Mysteriums. Nehmen wir zum Beispiel diese Szene, als Unwin bemerkt, dass man ihn ausspioniert:

“Er versucht sich zu konzentrieren”, sagte der Mann am Telefon.
Unwin legte das Handbuch weg und erhob sich von seinem Stuhl. Er hatte sich nicht verhört. Der Mann mit dem blonden Bart sprach Unwins Gedanken laut aus. Seine Hände zitterten bei dem Gedanken; er hatte angefangen zu schwitzen. Die Männer am Tresen fuhren erneut herum und sahen dabei zu, wie Unwin in den hinteren Teil des Raumes ging und dem Mann auf die Schuter tippte.
Der Mann mit dem blonden Spitzbart blickte auf. In seinen hervorquellenden Augen war zu lesen, dass er zu Handgreiflichkeiten bereit war. “Such dir ein anderes Telefon”, zischte er. “Ich war zuerst hier.”
“Haben Sie gerade über mich geredet?”, fragte Unwin.
Der Mann sagte in den Hörer: “Er will wissen, ob ich gerade über ihn geredet habe.” Er lauschte, nickte, nickte noch einmal und sagte dann zu Unwin: “Nein, ich habe nicht über Sie geredet.”
Unwin wurde von einer schrecklichen Panik ergriffen.

The Tin Can Forest, © 50 Watt

Kurz gesagt, Berry hat einen Roman mit der sinnlich herausfordernden Wirkung eines Magritte-Gemäldes zusammengestellt, und jedes Element der Geschichte arbeitet zusammen, um diesen Effekt zu erzeugen. Es ist Unwins empfängliche, ungeformte Eigenschaft, die es ihm erlaubt, die Landschaft als eine Art luzider Träumer zu durchqueren und Informationen vorurteilsfrei so zu sichten, wie sie ihm zufliegen, ohne sich zu sehr in dem zu verzetteln, was er weiß, und vielleicht fälschlicherweise für wahr hält. Er setzt seinen klaren, methodischen Ansatz fort, auch wenn die Realität um ihn herum dekonstruiert wird. Damit ist es folgerichtig, dass die Geschichte in dem Tempo voranschreitet, in dem sie das tut, denn es liegt in der Natur dieses Buches, dass es den Leser nicht mit Gefühlen, Aktionen oder schillernden Bildern bombardiert. Hier ist das Geschichtenerzählen das Gegenteil von Bombast, es lädt in eine stilvolle Welt ein, und es gibt hier nur spärlich Hinweise. Es ist eher ein stimmungsvolles Buch, in dessen Atmosphäre man versinken und sich fortspüen lassen kann. Und es dringt in das Gemüt.

Das Handbuch für Detektive ist glänzende surreale Kunst und zweifellos auch ein gutes Stück altmodischer Detektiverzählung, wo alles miteinder verbunden ist und dem Leser die Befriedigung eines zu entziffernden Rätsels geboten wird, in dem ineinander greifende Teile zu einem logischen Ganzen zusammengefügt werden. Doch etwas Größeres verweilt hinter den einzelnen Rätseln, die Unwin erforscht: Ein Mysterium, fremd und unbekannt.
Unwin wird an einer Stelle als “akribischer Träumer” beschrieben, und dieses elegante, komplizierte, ehrgeizige Buch hinterlässt das Gefühl, dass es eine wunderbare Sache ist, ein akribischer Träumer zu sein.

Angela Carter / Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes „Reue“ nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.
Sie seufzt.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original.

Es wäre nicht genüge, diese acht Perlen einfach nur Geschichten zu nennen. Wären sie das, könnten wir uns leicht über das Abrupte in ihnen beklagen, geschrieben von einer Virtuosin, die ihr Instrument einfach nur hinlegt, ihr Können längst bewiesen, als ob der Nachhall ihrer Legende ausreichen würde, sie als Autorin in Szene zu setzen. Es gibt in dieser Sammlung Sätze, die sich als poetische Fragmente betrachten lassen. Ihre Erzählungen haben mehr mit der Struktur von Märchen zu tun, hier wirkt eine autoritative Stimme im Hintergrund, die Dialoge vermeidet, scheinbar undruchsichtige Ereignisse werden in einen Prolog und ein Nachspiel gekleidet, so dass sie aus dem Text heraustreten. Hier ist eine Phantasie am Werk, die unter dem Deckmantel historischer Meditationen waltet.

Die Eröffnungsgeschichte „Schwarze Venus“ ist Carters Interpretation der Muse und Geliebten von Charles Baudelaire, Jeanne Duval, die er seine „Vénus Noire“ nannte, die Inspiration für insgesamt sieben Gedichte aus den „Blumen des Bösen“ war, von der man tatsächlich sehr wenig weiß und die wohl ihren Namen als Tänzerin und Objekt der Begierde sehr häufig geändert haben dürfte. Geheimnisvoll erscheint sie nicht zuletzt deshalb, weil sie die Geliebte eines perversen, „bösen“ Dichters war. Uns wird erzählt, wie er eines Nachts von ihr in Erregung versetzt wird, als er sie ohne einen Hinweis oder jedwedes Schamgefühl auf die Straße urinieren sieht.

Die subtile Andeutung, dass sie eine gefallene Frau ist, wie in dem obigen Auszug angedeutet, wird durch die letzte Beobachtung des Fotografen Nadar verstärkt, der eine syphilitische, zahnlose und auf Krücken stehende Frau sieht. Durch Carter wird sie transformiert, ihre Sexualität wird zu einer Ermächtigung, als sie Baudelaire für den Sex bezahlen läßt, weil sie ihn respektiert und weil sie es wert ist. Außerdem wird sie als die Intelligentere von beiden dargestellt; obwohl sie seine Kunst zu schätzen weiß, erkennt sie die Dummheit seines Vergleichs ihres Tanzes mit dem einer Schlange. Hätte er – wie sie – je eine gesehen, wüsste er, wie lächerlich der Vergleich war.

Baudelaire selbst zeigt sich als sehr gesprächig und ein wenig als Poseur, während er in ihren Armen nach dem Koitus zu weinen beginnt. Am Ende der Erzählung überlebt sie den Dichter und kehrt nach Martinique zurück.

Angela Carter

Die zweite Geschichte, “Der Kuss“, ist die kürzeste Geschichte in der Sammlung und handelt von einem Zwischenfall zwischen Timurs schöner und klugen Frau und einem Baumeister. Die Ehefrau will ihrem siegreich von einem Feldzug zurückkehrenden Mann eine Moschee bauen und pocht darauf, dass sie rechtzeitig fertig wird. Aber ein Torbogen bleibt noch unvollendet. Sie ruft den Bauherrn herbei, aber er wird den Torbogen nur unter der Gegenleistung eines Kusses vollenden. Die Ehefrau will nicht untreu sein, und deshalb entwirft sie einen Plan, um ihn zu täuschen, indem sie ihm Eier mit verschiedenfarbiger Schalen zum Essen gibt. Als er sie gegessen hat und unbeeindruckt ist, weil sie alle gleich schmeckten, benutzt sie das gegen ihn, indem sie sagt, dass die gleiche Logik für Küsse gilt, unabhängig von der Ästhetik, deshalb wird sie ihm erlauben, stattdessen irgendeine ihrer Mägde zu küssen.

Sein Gegenvorschlag umfasst drei Schüsseln mit klarer Flüssigkeit, zwei mit Wasser und einen Wodka, mit dem Argument, dass, obwohl sie gleich aussehen, jede Flüssigkeit anders schmeckt und so sei es auch mit Liebe. Danach küsst sie ihn und als Tamur nach Hause zurückkehrt, wird sie nicht in den Harem zurückkehren, weil sie Wodka probiert hat und ihm gesteht, dass sie den Architekten geküsst hat. Sie wird geschlagen, und er schickt seine Wachen, um den Architekten hinzurichten, der auf dem fertiggestellten Torbogen steht, sich Flügel wachsen lässt und davon fliegt.

Unsere Liebe Frau vom Großen Massaker“ erzählt die Geschichte eines Mädchens aus Lancashire, das nach London zieht, wo sie einen Laib Brot stehlen muss, um nicht zu verhungern, und von einem Gentleman erwischt wird, der sie dazu überredet, mit ihm in ein Zimmer zu gehen, um Sex zu haben. Als er merkt, dass sie noch Jungfrau ist, schämt er sich und gibt ihr etwas Geld. Die Folge davon ist, dass ihr das recht gut gefällt und sie damit beginnt, sich zu prostituieren. Nebenbei beginnt sie aus Spaß auch noch zu stehlen, wird erwischt und in die Neue Welt verfrachtet, um dort auf einer Plantage zu arbeiten. Dort muss sie fliehen, als sie einem Vorarbeiter, der sie vergewaltigen will, die Ohren abschneidet. In der Wildnis begegnet sie einer Indianerin, die sie als Tochter aufnimmt und so wird sie Teil des Stammes. Dort lebt sie ein einfaches Leben, glücklich, weil sie keine Wünsche und Bedürfnisse hat und zu einer Gemeinschaft gehört. Sie heiratet sogar einen der Stammesangehörigen und hat einen kleinen Jungen. Ihr Glück ist jedoch nicht von Dauer, denn die Engländer kommen und schlachten alle ab. Sie selbst wird von den Engländern mitgenommen, wo sie von einem Priester gekauft wird, der ihre und die Seele ihres Kindes retten will. Die Geschichte würde in der Hand einer weniger begabten Schriftstellerin leicht platzen, denn die Gegenüberstellung der ekelerregenden „Zivilisation“, wo sie ihren Körper verkaufen muss, um zu überleben, und den respektvollen „Wilden“, in deren Gemeinschaft sie sich sinnhafte einfügt ist schon vielen mißlungen. Tatsächlich könnte man einen Makel darin sehen, dass die Geschichte an sich nicht phantastisch ist. Aber wie bereits bei Schwarze Venus selbst ist sie spekulativ-abenteuerlich, und das rückt sie in die Nähe der Literatur, die wir meinen.

Die nächste Geschichte stellt den Höhepunkt der an sich schon sehr starken Sammlung dar: „Das Kabinett des Edgar Allan Poe“. Diese Erzählung beschäftigt sich mit den Effekten, die seine Kindheit und seine Mutter auf Poes pathologischen Probleme im Mannesalter hatten. Bekanntermaßen war Poes Mutter eine Schauspielerin, die für ihr Können und ihre Vielseitigkeit in den Rollen von Shakespeares tragischen Heldinnen Ophelia und Juliet Capulet bis hin zu Chor-, Tanz- und Komödienrollen gelobt wurde. Die Sache, die Edgar am meisten genießt, ist, sie in ihrem Schrankspiegel zu sehen und dabei zuzusehen, wie sie sich komplett von einer Person in eine andere verwandelt. Nachdem der Vater verschwunden ist (er löst sich einfach auf), versucht sie weiterhin unter Selbstaufgabe sich um ihn und um seine zwei Geschwister zu kümmern. Bis zu ihrem Tod, den Carter so beschreibt:

Der feuchte, mürrische Winter des Südens unterzeichnete ihr Ende. Sie legte das Hemd der irren Ophelia zum Abschied an.
Als sie ihn rief, kam der fahle Reiter. Edgar schaute aus dem Fenster und sah ihn. Die lautlosen Hufe von Pferden, die schwarze Federbüsche trugen, schlugen Funken aus den Pflastersteinen der Straße drunten. „Vater!“, sagte Edgar; er dachte, ihr Vater müsse sich in dieser verzweifelten Lage wieder zusammengefügt haben, um sie alle zu einem besseren Ort zu fahren, doch als er genauer hinsah, beim Licht des schwelenden Mondes, erkannte er, daß die Augenhöhlen des Kutschers voller Würmer waren.

Der Tod seiner Mutter hat tiefgreifende Auswirkungen auf Poe, da er seine Mutter schon unzählige Male auf der Bühne sterben und sie nach dem gefallenen Vorhang wieder aufstehen sah, aber diesmal kehrt sie nicht zurück. Drei Wochen nach ihrem Tod wird er von den Allens aufgenommen und bekommt ein gutes Zuhause und eine gute Ausbildung, er wächst auf und heiratet seine dreizehnjährige Cousine Virginia Clemm. Elf Jahre lang werden sie verheiratet sein, bis das bleiche, sanfte Mädchen an Tuberkulose stirbt. In dieser Ezählung zeigt Carter virtuos auf, wie sehr Poe durch den tragischen Tod der beiden Frauen, die er liebte, geprägt wurde. Wir kennen das stets wiederkehrende Thema der sterbenden oder toten Frauen in seiner Arbeit natürlich sehr genau und ich selbst habe schon eine Menge darüber geschrieben, was aber hier nichts zur Sache tut.

In den nächsten beiden Erzählungen kehrt Angela Carter auf das ihr vertraute Gebiet der Volkserzählungen zurück. Einmal, um Shakespeares „Sommernachstraum“ neu zu erfinden, in dem sie einen goldenen Hermaphroditen einführt, und ein anderes Mal, um sich in „Peter und der Wolf“ erneut dem Motiv der Wolfskinder anzunehmen, wo sie unter anderem ja ihre stärksten Momente auch in „Blaubarts Zimmer“ hat.

Sommernachstraum; Titania & Bottom

In „Capriccio-Ouvertüre zu ‚Ein Sommernachstraum‘“ stellt sich Carter einen sehr englischen Wald als Schauplatz vor, in dem sie besagten goldenen Hermaphroditen namens Herm in die Geschichte einfügt, der unter der Obhut von Titania steht, die entschlossen ist, sie vor den verliebten Annäherungsversuchen ihres Mannes Oberon zu schützen. Während sich der Wald zu verändern beginnt, um Oberons sexueller Frustration anzupassen, benutzt Titania den Herm für sich selbst. Darüber hinaus ist Herm auch das Objekt der Begierde von Puck, der ihr/ihm in den Wald folgt, wo Herm Yoga praktiziert, den Hermaphrodieten aber nicht zu nahe treten kann, weil eine Barriere um ihn geschaffen wurde, um ihn zu schützen. Deshalb sieht er ihm nur zu und masturbiert. Puck schafft es sogar, seine Genitalien so umzustellen, dass er sich in einen Zwitter verwandelt, aber auch das nützt ihm nichts.

Selbst für Carters Maßstäbe ist die hier genutzte Sprache üppig, das eigentlich Interessante jedoch ist die Symbolik, der sie jedem Charakter zuweist. Titania ist eine Fruchtbarkeitsgöttin, während ihr Mann, der König, frustrierte männliche Dominanz darstellt und Puck reine, ungehemmte animalische Sexualität ist. Der goldene Herm, obwohl er beide Geschlechtsteile besitzt und von Männern und Frauen gleichermaßen begehrt wird, scheint die ganze Idee des Geschlechts langweilig zu finden, als ob er durch einen höheren Zustand erleuchtet wäre, wie sein Yoga dann auch zeigt. Bei der Adaption der Geschichte behält Carter die Unzucht von Shakespeares Stück zwar bei, macht es aber uneingeschränkt zu ihrer eigenen Geschichte.

In „Peter und der Wolf“ entdeckt Peter während der Jagd ein junges Mädchen unter den Wölfen. Es handelt sich um seine Cousine, die verwilderte, als ihre Eltern, die abgeschieden auf einem Berg lebten, von Wölfen getötet wurden, als sie selbst noch ein Baby war. Gemeinsam mit anderen Jägern wird sie eingefangen und „nach Hause“ gebracht. Peter und seine Großmutter sind fest entschlossen, ihr zu helfen. Sie allerdings fängt laut zu heulen an und es dauert nicht lange, da kommen die Wölfe vom Berg herunter und befreien das Mädchen.

Nach diesem Ereignis wird Peter religiös. Als er volljährig ist, empfiehlt es sich von daher für ihn, ins Priesterseminar zu gehen und dort zu studieren. Als er das Dorf verlässt, kommt er an einen Fluss und sieht seine Cousine mit zwei Wolfsjungen, die von ihr gesäugt werden (hier haben wir die dunkle Symbolik der Sodomie). Als er sie dort sieht, wird er an seine Sehnsucht erinnert, die ihn überkam, als er zum ersten Mal von ihrem Geschlecht angezogen wurde als er sie nackt und wild im Haus sah, bevor die Wölfe sie befreiten. Er versucht über den Fluss zu ihr zu gelangen, aber er verschreckt sie nur. Wie Puck in der vorigen Geschichte, steht das wilde Mädchen für die animalische Sexualität, aber sie repräsentiert auch eine Art Freiheit, die Peter nicht weniger begehrt, aber nicht haben kann. Auf seinem weiteren Weg bemerkt Peter, dass ihm die Berge seiner Jugend wie auf einer Postkarte geworden sind und blickt nicht zurück aus Angst, das gleiche Schicksal wie Lots Frau zu teilen.

In der nächsten Erzählung, „Das Küchenkind“, wird die Geschichte eines kleinen Jungen erzählt, der aus einer zufälligen Begegnung zwischen seiner Mutter und einem mysteriösen Mann in der Küche eines Landhauses, in dem sie arbeitet, geboren wurde. In der Küche aufgewachsen, lernt der Junge von klein auf eine Reihe von kulinarischen Fertigkeiten unter der Obhut seiner Mutter, einer begnadeten Köchin. Doch sie fühlt sich unterschätzt, denn wenn der Hausherr zu Besuch kommt, fragt er nie nach ihrer Spezialität, dem Hummersoufflé. Eines Tages geht der Junge auf den Herzog zu, um näheres über seinen Vater in Erfahrung zu bringen. Von ihm erfährt er, dass es sich dabei um den Kammerdiener des Herzogs handelte und dieser traurigerweise verstorben sei, aber auch, dass die Haushälterin – und Gegenspielerin der Köchin – diese Nachricht absichtlich nicht weitergegeben hatte, was seine Mutter fälschlicherweise glauben ließ, er interessiere sich nicht für das Hummersoufflé. Als Zeichen seiner freundlichen Geste geht er in die Küche, um der Mutter des Jungen eine kleine Aufmerksamkeit zu machen, aber sie lehnt seine Annäherung ab, denn als sie bei der letzten Gelegenheit belästigt wurde (der Zeugung des Jungen), gab sie zu viel Cayenne in die Schüssel. Der Herzog ist bewegt von der Hingabe der Mutter an ihre Arbeit und bittet sie, Chefköchin in seiner Residenz zu werden. Der Junge wird sein Ziehsohn und der jüngste Koch in ganz England.

Auch diese Geschichte ist weniger phantastisch als einfach nur ein sprachliches Meisterwerk.

Die letzte Geschichte in der Sammlung ist „Die Morde von Fall River“, die Geschichte von Lizzy Borden, die in der allgemein bekannten Legende ihren Vater als auch ihre Mutter mit einer Axt ermordet haben soll. Tatsächlich bestehen noch immer Zweifel, ob sie es wirklich getan hat, vor Gericht wurde sie jedenfalls freigesprochen.

Carters Lizzy lebt in einem bedrückenden Haus, in dem aufgrund eines kürzlichen Einbruchs alle Türen zu jeder Zeit verschlossen bleiben. Ihr Vater ist recht wohlhabend, aber er ist ein Geizhals, so dass selbst die Form des Hauses bedrückend, sehr eng ist, und Carter nutzt dies, um eine Atmosphäre zu schaffen, die höchst klaustrophobisch ist. Ihre Stiefmutter wird als ziemlich gefräßig dargestellt, und die Beziehung zwischen ihr und Lizzy ist nicht gerade gut. Lizzy’s Schwester ist weggegangen, um bei Freunden in einer anderen Stadt zu leben, aber Lizzy fühlt sich aus Gründen, die nur mit einer inneren Stimme erklärt werden, gezwungen, in Massachusetts zu bleiben.

Während die Hitze unerträglich wird und jeden im Haus krank macht, ereignet sich das, was schließlich Lizzys Verbrechen auslöst (und Carter geht von ihrer naheliegenden Schuld aus).

Obwohl ihr Vater ein Geizhals ist (der als Bestatter den Leute die Füße abschneidet, damit sie in einen kleinen, billigen Sarg passen), gewährt er seiner Tochter jeden (finanziellen) Wunsch. Eines Tages tötet er aber Lizzys Tauben, um sie seiner Gemahlin wortwörtlich zum Fraß vorzuwerfen.

Lizzys Verbrechen wird beinahe zu einem Akt radikaler Befreiung. Sie greift auf Gewalt zurück, um sich einer grausamen und bedrückenden Situation zu entledigen.

Angela Carters Schreibstil wird oft dem Magischen Realismus zugeordnet, obwohl nach ihrer eigenen Aussage dieses Etikett nicht ganz stimmig ist. Sie selbst plädiert für ein “literarisches Spiel” im Geiste lateinamerikanischer Schriftstseller wie Garca Marquez und Borges. Borges war bei weitem ihr wichtigster Einfluss – und darin liegt vielleicht das Problem mit dem Etikett. In Europa geht man allgemein davon aus, Borges sei eben der Prototyp des magsichen Realisten gewesen – und auch Marquez bekam ja dieses Schild verpasst, wobei aber nicht vergessen werden darf, dass die Erfindung des Magischen Realismus nur ein Marketingkonzept der Verlage gewesen ist.

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