Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, dass sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewusstsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermessliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, dass es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen.

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, dass die Welt dem reinen Zufall unterliegt, dass sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muss. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewusstseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müsste das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Steve Erickson: Das Meer kam um Mitternacht

Obwohl wir die Zeit als linearen Fluss nach vorne erleben, in dem eine unerbittliche Sekunde nach der anderen von der Uhr läuft, kennt unser Gedächtnis keine derartigen Einschränkungen. Die Literatur von Steve Erickson auch nicht. Vielleicht dringen seine Bücher deshalb derart in die Psyche ein, als ob sie sich von unten nach oben graben würden, anstatt vom Leser aus der Vogelperspektive gesehen zu werden. Das Lesen selbst ist ein Akt, der der Erfahrung des Erinnerns sehr nahe kommt, und wenn man einen Roman von Erickson liest, wird die Unterscheidung zwischen beidem vernachlässigbar. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen und führen durch eine Art Prosa-Wurmlöcher zueinander. Charaktere gleiten vor dem Leser her, verfolgen ihn, werden gar zu ihm selbst. Identität ist eine Sache des Augenblicks, und in der Erinnerung können Geschehnisse kunstvoll neu arrangiert werden. Und selten wurden sie so kunstvoll arrangiert wie in Steve Ericksons Das Meer kam um Mitternacht. Ericksons Labyrinth einer Geschichte ist zugleich schwungvoll, bewegend, und extrem suggestiv. Die eleganten Schleifen und Spiralen fesseln den Leser durch Erinnerungen, die so klar sind, dass sie aus einen unbelebten Teils des Lebens des Lesers selbst zu kommen scheinen.

Wie im Leben, so wird auch dieser Roman weniger gelesen als miterlebt. Kristin, die zuerst aus einem kleinen Inselstädtchen im Sacramento River Delta geflohen ist, begegnet auf ihrer Flucht einem Kult, der nur noch eine weitere Frau braucht, um am 31. Dezember 1999 um Mitternacht mit ganzen 2000 Personen von einer Klippe in den Tod zu springen. Sie entkommt jedoch und löst damit eine Kettenbreaktion aus, die den Roman über vierzig Jahre hinweg in der Zeit hin- und herbewegen lässt. In der muschalartigen Architektur des Romans findet der Leser Kristin versklavt von einem von der Apokalypse besessenen, aber ansonsten anonym bleibenden Mann, der sich in einem Vorort in Südkalifornien aufhält, einem Traum-Kartographen, einem Porno-Filmemacher und einem Arbeiter in einem rotierenden Erinnerungshotel in Tokio … wer nicht weiß, was das ist, wird Überraschendes hierüber und auch über Traumkapseln in Erfahrung bringen.

Erickson zieht den Leser gekonnt mit einer trotz der Komplexität des Themas verständlichen, transparenter Prosa in das Geschehen hinein, indem er mühelos Figuren erschafft, die lebendig sind: Kristin, Der Bewohner, Lulu Blue, Carl der Kartograph, um nur einige zu nennen – multiplizieren sich, verwischen die Grenzen, verschmelzen und dämmern aus einer rekursiven Chronologie herauf. Kristins Geschichte entfaltet sich Seite für Seite, überlagert und verzahnt sich mit anderen Figuren und anderen Geschichten. Ericksons mehrschichtige Herangehensweise an die Charakterbildung stellt sicher, dass der Leser eindrückliche Offenbarungen erlebt, während sich die komplexen Beziehungen langsam entfalten, um in einem Moment klar aufzuleuchten. Hat man den Roman beendet, bleiben diese Figuren mit ihren Details genauso in der Erinnerung haften wie jene Menschen, die man einst kannte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Ericksons komplexe Handlung selbst eine Figur in diesem Roman ist. Er verbindet die intensiven und persönlichen Momente mit gewaltigen Bewegungen, die aus einer Leinwand aus Raum und Zeit besteht.

Von Paris bis Japan, von den 1960er Jahren bis ins Kalifornien nach der Jahrtausendwende springt die Handlung großartig und mühelos von einem Höhepunkt zum anderen. Die wahre Freude an diesem Roman besteht dann auch darin, jedem einzelnen dieser Gipfel zu folgen, um herauszufinden, wo und wann Erickson seinen Fokus verlagern wird. Erickson operiert mit seinen Bruchstücken und Sprüngen auf der unangreifbaren Basis der Intuition, wodurch der Roman zwar einen improvisatorischen Charakter bekommt, aber eben von jener Art, die das Ergebnis zu einer perfekten Kunstform machen.

Bei aller Intensität und Improvisation, seiner Handlung und seiner eigenwilligen Chronologie ist Ericksons eigentliche Prosa trotzdem leichtfüßig und angenehm zu lesen. Er zeigt einen schön zurückhaltenden Sinn für Humor und eine Liebe zur Sprache, die sich in denkwürdigen Witzen und Phrasen äußert. Wenn der Leser sich dem Chaos hingibt und auf der Welle der Worte reitet, dann ist “Das Meer kam um Mitternacht”, das bei uns schon seit 2002 vorliegt, ein wilder und eindrucksvoller Ritt, ein Rausch von der ersten Seite an. Das Buch verdient es, in einem einzigen Zug gelesen zu werden.

Stephen King: Das letzte Gefecht

Das letzte Gefecht (The Stand) war ein Meilenstein für Stephen King, und das nicht nur, weil die Größe und das Gewicht des Buches einem tatsächlichen Meilenstein in nichts nachsteht. Es war das letzte Buch für den Verlag Doubleday und brachte ihm seinen ersten Agenten ein, der Stephen King von einem reichen Autor zu einem sehr, sehr reichen Autor machte. In schreibspezifischer Hinsicht gibt es jedoch einen anderen Punkt, der Das letzte Gefecht über alles stellt, was der Autor bis zu diesem Zeitpunkt geschrieben hat: Es ist lang. Sehr lang. Und das ist wichtiger als man zunächst annehmen mag.

Nachdem King seinen Roman Shining beendet hatte, dauerte es einen Monat, bis er mit seinem nächsten Buch begann, The House on Value Street. Darin sollte es um die Entführung der Verleger-Tochter Patty Hearst gehen. King war der Meinung, dass diese Entführung nur für einen Romancier Sinn ergeben könnte. Doch nach sechs Wochen Arbeit schaffte er nur ein paar Zeilen. Was aber noch schlimmer ins Gewicht fiel für einen charakterbasierten Schriftsteller wie King: seine Figuren fühlten sich leblos an und aus anderen Büchern entlehnt. So saß er vor seiner toten Schreibmaschine, umgeben von Recherchematerial und dachte an den Dugway-Vorfall von 1968. In diesem Dugway-Areal kam es zu einem Unfall: die Army hatte bei einem Nervengas-Test zufällig 3000 Schafe getötet. Er dachte auch über George R. Stewards Buch Leben ohne Ende nach, in dem eine Pandemie fast die ganze Menschheit auslöscht. Hinzu erinnerte er sich an etwas, das er vor kurzem bei einem christlichen Radiosender gehört hatte: “Einmal in jeder Generation wird die Plage über sie kommen.”

Diese drei Ideen wirbelten durch seinen Kopf und manifestierten sich in dem Konzept des “Dunklen Mannes” Randall Flagg. Die Figur basierte auf dem Symbionese Liberation Army-Anführer Donald DeFreeze. King begann mit dem, was er selbst Automatisches Schreiben nennt – und zwei Jahre später war The Stand geboren.

King beschrieb Das letzte Gefecht als sein sehr persönliches Vietnam, einen endlosen Konflikt, den er manchmal regelrecht hasste, den er aber – wie es aussah – nie beenden würde können. In der Zwischenzeit galt es noch, seinen hungrigen Verleger bei Doubleday mit der Sammlung Nachtschicht zufriedenzustellen, die aber einen neuen Roman von ihm forderten. Als King mit The Stand fertig war, war er außerordentlich stolz darauf. “Das Buch scheint alles zusammenzufassen, was ich zu diesem Zeitpunkt zu sagen hatte”, erklärte er in einem Interview. Es war genau das, was er wollte: ein Epos von epischer Ewigkeit.

“Ich wollte den Herr der Ringe mit einem amerikanischen Hintergrund machen!”

behauptete er später, und er fügte hinzu, dass er sich zu dieser Aussage vorher nicht hatte hinreißen lassen, falls das Buch nämlich zu einem Desaster werden würde. Denn zu Beginn sah alles danach aus.

Das ursprüngliche Buch war nahe an 1200 Seiten, aber die Doubleday Druckwerke konnten nur 800 Seiten drucken. Also stellte ihm der Verleger ein Ultimatum: Doubleday würde das Buch nicht akzeptieren, es sei denn, es würde um ein Drittel gekürzt. Entweder er nähme selbst 400 Seiten raus oder sie würden es machen. King entschloss sich dazu, die Kürzung selbst vorzunehmen, aber das war der sprichwörtliche Tropfen zu viel. The Stand war das letzte Buch, das bei Doubleday erscheinen würde, denn Kings Vertrag lief damit aus. Sofort heuerte King den Agenten Kirby McCauley an und forderte einen Vertrag über 3 Bücher und 3,5 Millionen USD. Doubleday weigerte sich, über 3 Millionen zu gehen, und das war genau das, was King sich erhofft hatte. Er hatte sich schon längst darüber beklagt, dass ihn der Verlag nicht genügend respektierte, obwohl er dessen Taschen füllte. Von McCauley wurde nun Kings “Umzug” zu New American Library, Kings Taschenbuch-Verlag in die Wege geleitet, die die Hardcover-Lizenz an Viking übergaben. In der Folge feuerte Doubleday den King-Entdecker und Verleger Bill Thompson.

Auf den ersten Blick ist Das letzte Gefecht kein allzu vielversprechendes Buch. Es ist ein Lobgesang auf ein ländliches Amerika und hat eine fast kindisch-schematische Handlung. Versehentlich entfesselt das Militär eine biologische Waffe (mit dem Spitznamen “Captain Trips”) und räumt damit Amerika ab. Der Rest der Welt wird in einem kurzen Kapitel entsorgt. Ein paar tausend Amerikaner sind natürlich immun gegen die Seuche, und das Buch folgt einigen von ihnen, wie sie sich aus den Trümmern graben. Geleitet von prophetischen Träumen versammeln sich die “Guten” auf einer Farm in Boulder, wohin sie von Mutter Abigail, einer heiligen 108-jährigen Afroamerikanerin, geführt werden. In der Zwischenzeit werden die “Bösen” von Randall Flagg angezogen und haben ihr Lager in Las Vegas eingerichtet.

Der Rest des Buches folgt den glaubensbasierten “Guten” der freien Zone Boulder, die zu ihrer mystischen Reise aufbrechen, um das technokratische Las Vegas und deren Gruppe um Randall Flagg zu zerstören. Die hat sich mit Kampfjets und Nuklearwaffen eingedeckt. Am Ende berührt die Hand Gottes eines dieser nuklearen Geräte und jeder vor Ort stirbt. Die letzten 60 Seiten haben wirklich etwas von Tolkiens “Rückkehr des Königs”. Drei der Helden (zwei Männer und ein Hund) kehren nach ihrem Abenteuer nach Boulder zurück. Allerdings finden sie ihr Zuhause so verändert vor (oder sie selbst haben sich durch ihre Erlebnisse so verändert), dass sie dort nicht bleiben können. Um wirklich ihren Frieden zu finden, schlagen sie sich in die Wildnis.

“Ich litt unter einem regelrechten Karriere-Jetlag”, sagte King über die zwei Jahre, in denen er an dem Buch schrieb.

“Vier Jahre zuvor hatte ich noch in einer Wäscherei für 1 Dollar 60 die Stunde Laken zusammengelegt und Carrie im Hinterzimmer eines Wohnwagens geschrieben. Plötzlich dachten all meine Freunde, ich sei reich. Das war schlimm genug, beängstigend genug; das Schlimmste an der Sache war, dass es vielleicht sogar stimmte. Die Leute begannen mit mir über Investitionen zu sprechen, über Steueroasen, über den Umzug nach Kalifornien. Das wären genug Veränderungen gewesen, die ich zu meistern hatte, aber ganz zuoberst gab es das Problem eines Amerikas, in dem ich aufgewachsen war und das nun unter meinen Füßen zu zerbröckeln schien.”

Bedrängt von finanziellen und lebenstechnischen Komplikationen, von denen er noch nicht einmal zu träumen wagte – angefangen damit, dass er sich überlegen musste, was er mit dem ganzen Geld anfangen wollte, bis zu der Frage, wie er mit den Legionen neuer “Nummer-eins-Fans” umzugehen gedachte – lebte King ja auch in einer Welt mit wachsender Inflation und steigenden Ölpreisen, willkürlichen Terrorakten, dem Aufkommen der Legionärskrankheit, Plünderungen, die es in New York während eines Stromausfalls gab. Es war ein kompliziertes Leben für einen Mann, der vor 5 Jahren noch in einem Wohnwagen hauste. Ein kompliziertes Leben in einer immer komplizierter werdenden Welt. Aber er konnte diese verworrene Welt und ihre Probleme nicht lösen. Also hat er das Nächstbeste getan: Er blendete alles aus und begann von vorne. Man kann den Spaß, den King dabei hatte, alles auszulöschen, förmlich spüren. Die schiere Freude an der ungezügelten Zerstörung zieht sich durch die erste Hälfte des Buches, vor allem in einem langen Kapitel über den pyromanischen “Müllmann”, der darin einige Öltanks abfackelt und eine ganze Stadt in Brand setzt.

Aber es gab da ein Problem mit der Handlung: wenn die ganze Welt endet, wird es noch genügend Ressourcen für die Überlebenden geben? Wie konnte er seine Figuren dazu bringen, etwas Sinnvolles zu tun? Es würde natürlich postapokalyptische Plagen geben, die Bevölkerung wäre völlig verstreut und würde sich möglicherweise mit ein paar kriminellen Mutanten herumärgern müssen. Aber was sollte der große Aufhänger für die Menschen sein, sich zusammenzufinden, um sich an diesem Konflikt zu beteiligen? Das Problem war, dass King nicht wollte, dass alles aussichtslos erschien. Seine Apokalypse sollte eine epische über einen Krieg der Seelen sein. Und die Lösung die er fand, war wohl eine der gebräuchlichsten in der gesamten Literatur: Träume.

Das organisierende Prinzip in der zweiten Hälfte des Buches sind also nicht die Plagen, sondern die Träume, die die “Guten” nach Boulder leiten und die “Bösen” nach Las Vegas. Schließlich musste er seine Figuren in Bewegung setzen, wo sie doch hätten bleiben können, wo sie gerade sind. Immer wenn King Gefahr lief, in dieses Fahrwasser zu geraten, streute er ein quasi-mystisches Erlebnis ein. Ob es sich um das Verschwinden Mutter Abigails handelt, den “Müllmann”, der eine nukleare Waffe entdeckt, Mutter Abigail, die ihre Gefolgschaft auf die Reise schickt, Nadine, die sich dazu entschließt, Boulder zu verlassen, um mit Randall Flagg ein Kind zu haben, Harold, der eine Bombe einsetzt – stets hat man das Gefühl, dass die Hand Gottes die Figuren in Bewegung hält. Sogar das Ende ist ein klassisches Deus ex machina, denn da taucht die Hand Gottes ja tatsächlich auf und greift in das Geschehen ein.

Die unaufhörliche Einmischung “von oben” ist eine der generellen Schwächen des Buches. Eine andere ist die stereotype Einteilung in gut und böse, schwarz und weiß, nett und gemein. Es gibt die guten Jungs in Boulder und die bösen Jungs in Las Vegas. Es gibt Menschen, die an das Gebet glauben und Menschen, die an Technik glauben. Und es hilft auch nicht gerade, dass die Figuren zu Beginn des Buches zweidimensional sind. Fran ist ein nettes, schwangeres Mädchen. Stu Redman denkt, er sei das Salz der Erde. Larry Underwood ist ein egoistischer Rockstar. King gerät hier in Gefahr, die Fehler aus Salem’s Lot zu wiederholen – er scheint sie nur auszuweiten. Aber das täuscht. Je länger das Buch andauert, desto tiefer wird die Charakterzeichnung, die King ja ohnehin wie kein anderer beherrscht. King gibt seinen Figuren den Raum, den sie brauchen, um ihn selbst zu überraschen. Und damit überraschen sie natürlich auch den Leser. Am Ende ist nichts mehr übrig von den Gestalten, die sie zu Beginn noch waren. Selbst Mutter Abigail verliert ihre Gnade aufgrund ihres Stolzes. Und Larry Underwood wird zum Helden.

Das letzte Gefecht ist schließlich ein Buch, das durch seine epische Länge King in die Hände spielt, und der nutzt diese Länge nicht so sehr für eine eigentliche Handlung, sondern um seine Charaktere altern und reifen zu lassen. Wer das Buch zu früh abbricht, wird kaum in den Genuss kommen, diesen extremen Wandel und diese hervorragende Figurenzeichnung zu erleben. Für den ist das Buch bereits in seinen Anfängen viel zu lang. Doch King benötigt jede Seite seines Romans, um seine Figuren überzeugend in eine dritte Dimension hineinwachsen zu lassen, und um seine Leser von seinem genreübergreifenden Konzept zu überzeugen.