Neu in der Sammlung (11)

Bildrechte der Cover von links nach rechts: Unionsverlag; Diogenes; Diogenes; Propyläen. Hinten: Anaconda.

Trotz meines Unmuts über ihren Werkstattbericht bleibe ich an Patricia Highsmith dran, weil die Geschichten im Schneckenforscher doch so außerordentlich waren. Der Podcast ist schon produziert, wird aber noch etwas auf sich warten lassen, die Schleife ist doch etwas länger. “Nixen auf dem Golfplatz” bietet also weitere 10 Geschichten, “Das Zittern des Fälschers” ist ein Roman, und es wird sich nach und nach auch der Rest einfinden, weil es in einer Bibliothek immer möglichst um Komplettierung geht. Pablo de Santis gehört einerseits zur Kriminalliteratur, andererseits zu meiner Lateinamerika-Abteilung. Da man in Argentinien die Kriminalliteratur seit Borges ohnehin anders betrachtet – und damit wieder einmal seine Überlegenheit demonstriert, ist das kaum einer Erwähnung wert, denn dieser Sachverhalt dürfte hinlänglich bekannt sein, auch wenn man – und das ist typisch für unseren Sprachraum, auf den einschlägigen Plattformen nichts davon mitbekommt und nur müde über den Listen brütet, die dort gepflegt werden. Was Poe betrifft, spricht rein alles für meine älteste Liebe, die entfacht wurde, als ich im Alter von acht Jahren den “Goldkäfer” las. Im Hintergrund ist eine Edition, die ich bisher noch nicht hatte und ich frage mich immer wieder, ob es denn wirklich notwendig ist, ein Sammelsurium schlechter Übersetzungen aneinanderzureihen, vor allem, weil man kaum etwas besseres finden wird als die zehnbändige Ausgabe, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Doch darum geht es im Grunde nicht, auch wenn Anaconda ein Schmarotzerverlag ist, der keinesfalls Unterstützung verdient. Was mich also – neben dem Fetischgedanken – dazu veranlasste, diese billigen Hardcover zu kaufen, waren die Übersetzungen von Wolf Durian, Gisela Etzel, Marie Ewers, Emmy Keller und Karl Lerbs. Die älteste Ausgabe, die ich habe, ist der dreibändige Heyne-Schuber von 1969 in rosa und schwarz, mit Zeichnungen von Alfred Kubin, im Grunde ein Nachdruck der bei Nymphenburg 1965 erschienenen Hardcover, übersetzt von Hedda Eulenberg (was aus den Büchern allerdings nicht hervorgeht). Bleibt noch, vom “Schwarzen Duft der Schwermut” zu sprechen, das erst meine vierte Poe-Biographie ist. Da liegt noch viel Arbeit voraus.

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen.

Meiner Ansicht nach wäre es dennoch besser gewesen, Schweblins eigenen Ton herauszustellen, ihre Eigenheit, ihr Können, tatsächlich ihre Meisterschaft. Ihren Charakteren passieren Dinge, gegen die sie nichts tun können. Sie verstehen nicht, was um sie herum vor sich geht oder wie sie aus dieser Situation herauskommen, in der sie sich befinden, denn es gelingt ihnen fast nie. Schweblin zeigt in der Tat einen gewissen Pessimismus auf, was unsere Fähigkeit betrifft, unser eigenes Leben zu kontrollieren. Vielleicht ist das gemeint. Das und die präzise und klare Struktur ihrer Texte, die völlig ohne Verzierungen daherkommen. Was Schweblin wirklich tut, ist, das Seltsame und Unheimliche an menschlichen Beziehungen herauszuarbeiten.

Ich denke, eine Geschichte beginnt immer mit etwas wirklich Ungewöhnlichem. Normalität ist eine große Lüge, eine der schmerzhaftesten Lügen, mit denen wir konfrontiert werden. Wir versuchen Tag für Tag, normal zu sein, aber Normalität ist eine Illusion. Es gibt eine Kluft zwischen zwei Menschen, aber niemanden, der diesen Raum einnimmt. Er ist leer. Wenn man eine Beziehung zu den Menschen um sich herum aufnimmt, dann entsteht diese Verbindung nicht aufgrund der guten Momente. Man baut diese Verbindung über Trauer und Vergebung auf, über die Akzeptanz, dass der andere wirklich anders ist als man selbst. Die Idee der Normalität trennt uns. (Schweblin im Pen Transmissions Magazine)

Sieben leere Häuser

In den Geschichten ihres dritten Buches gibt es hinter der angespannten und leicht melancholischen Atmosphäre, den Charakteren, die durch Räume wandern (in Vororten, Städten, Hintergärten von Häusern, Wohnungen, U-Bahnen, Krankenhäusern, Aufzügen), ein größeres Narrativ, das langsam konfiguriert, was einst als Kosmovision bezeichnet wurde und was wir heute etwas zurückhaltender als Ahnung oder Impuls identifizieren können: In Schweblins Geschichten kann alles passieren.

Samanta Schweblin hat eine klassische Vorstellung des Geschichtenerzählens. Sie hat in mehreren Interviews gesagt, dass sie bei ihrem Ausgangspunkt an Intensität oder gar Angst und Unerbittlichkeit denkt. Es gäbe eine Art Zaubertrick in der Gattung der Kurzgeschichte. Diese Vorstellung korrespondiert nicht nur mit den kanonischen Traditionen der Meister des phantastischen Genres, sondern auch mit der Theorie über die literarische Form, die Edgar Allan Poe mit seinem Urteil über den Effekt der Kurzgeschichte mit fast mathematischer Präzision aufgezeigt hat. Schweblin hat auf ihre Einflüsse hingewiesen: Franz Kafka, Ray Bradbury, Cortázar. Sie nimmt den narrativen Ton Kafkas, der mit völliger Natürlichkeit etwas erzählt, das schmutzig, schrecklich, oder einfach nur traurig sein mag; sie bewundert den unbändigen Optimismus Bradburys; und wie Cortázar betont sie die unaufhörliche Suche nach neuen Wegen des Erzählens.

Das krönende Beispiel für diese Einstellung zur Kurzgeschichte in dieser Sammlung ist “Ein Mann ohne Glück”. Die Erzählung wurde 2012 mit dem Juan-Rulfo-Preis ausgezeichnet und ist ein kristallklares Modell seiner Art. In ihr findet man Spannung und Geheimnis, spielerischen Geist und strukturelle Strenge, Wahrhaftigkeit, Seltsamkeit und ein vollendetes Ende, mit einem kleinen Mädchen, das ein Stück Papier schluckt, auf das ihr mysteriöser Begleiter seinen geheimen Namen geschrieben hat, den sie schweigend wiederholt, damit “sie ihn nie vergessen würde”.

In der Geschichte dieses kleinen Mädchens und eines Mannes, die sich zufällig in einem Wartezimmer eines Krankenhauses treffen, und er ihr am Ende ein neues Paar Unterhosen kauft, weil sie Geburtstag hat – und aus vielerlei anderen Gründen – steckt all das, was Schweblin als Schriftstellerin interessiert: Missverständnisse, unterschiedlich einsame Menschen, die sich in ihrer Entfremdung begegnen, Familiengeschichten und Hysterien, kleine Übertretungen, etwas exzentrische Charaktere, die Liebe zum Detail in Bezug auf die schwarzen Unterhosen, die sie stehlen. Die Geschichte ist in ihrer Zirkularität fast zu perfekt und wurde in die Originalfassung des Buches nicht aufgenommen, weil es keine Geschichte mit einem Haus ist. Allerdings wurde Schweblin gebeten, sie aufzunehmen, weil sie damit zwei Preise gewonnen hatte.

Die zweite Geschichte des Bandes, “Meine Eltern und meine Kinder” behandelt ein ziemlich merkwürdiges Ereignis. Erzähler und Protagonist ist hier Javier, der die Ereignisse so wiedergibt, als ob er sie selbst nicht ganz verstanden hätte. Diese Perspektive bringt die Dichotomie zwischen Kindern und Erwachsenen zur Geltung. Javiers Eltern, etwas senil, haben sich ausgezogen und springen wie spielerische Kinder nackt im Garten umher. Seine Ex-Frau Marga stellt ihm Charly, ihren neuen Freund, vor; die Spannung wächst. Und etwas passiert: Die Kinder verschwinden. Das Trio sucht nach Kindern und Großeltern. Marga verliert die Kontrolle und greift Javier an; Charly trennt sie voneinander, und wir Leser wissen, dass wir eigentlich vom Haupträtsel abgelenkt werden: Ist das ein Spiel oder ein schrecklicher Unfall? Die Polizei kommt und während sie mit dem Auto nach den vermissten Personen entlang der Straße suchen, entdeckt Javier die Wahrheit.  Auch die dritte Geschichte,”Es passiert immer wieder in diesem Haus”, ist von seltsamen Ritualen geprägt. Die Erzählerin spürt das Klopfen an der Tür wie Hammerschläge gegen ihren Kopf. Die Zutaten sind: das Paar nebenan, ein totes Kind, er traurig und resigniert, sie scheinbar gewalttätig wirft die Kleider ihres toten Sohnes immer wieder in den Garten der Erzählerin, die sich fragt, ob nun der Mann oder die Frau hinter dieser Tat steckt. Das andere Paar besteht aus der Erzählerin und ihrem Sohn, dem Vernünftigen, der sagt: “Die sind komplett durchgeknallt”, der damit droht, die Kleider zu verbrennen, wenn sie das nächste Mal in den Garten geworfen werden. In diesem Buch ist Gewalt immer als vager Schimmer präsent, eine Finte, die manchmal zu einer tieferen Verbindung führt.

In “Die Höhlenatmung” ist die Protagonistin wieder Teil eines älteren Paares. Hier finden wir alle Zutaten von Schweblins literarischem System: Geister (ein toter Junge, der der kranken Lola erscheint, ersetzt metaphorisch ihren eigenen Sohn, tot wie in “Es passiert immer wieder in diesem Haus”), Räume, die andere Dimensionen zu enthalten scheinen (das Haus nebenan, in das die ärmlichen neuen Nachbarn ziehen, Lolas Garten, in dem sich der Nachbarsjunge immer mit ihrem Mann traf, der Graben, in dem sie den toten Körper des Jungen finden), rätselhafte und bedeutsame Details (das Kakaopulver, das zur Besessenheit Lolas wird, ihre kontinuierliche Zusammenstellung von Kisten, Lolas Listen:  “Sich auf den Tod konzentrieren. Er ist tot. Die Frau von nebenan ist gefährlich. Wenn du dich nicht erinnerst, warte, warte ab”).

Wir sehen alles durch die Augen der alten Frau, die ihr Unwohlsein hinauszieht, damit sich ihr Mann schuldig fühlt, bis er vor ihr stirbt: “Er hatte sie mit dem Haus und den Kisten allein gelassen. Er war für immer gegangen, nach allem, was sie für ihn getan hatte.” Hier liegt das Herz der Geschichte, getragen von ihrer höhlenartigen Atmung.

Die Geschichten aus diesem und anderen Büchern Schweblins scheinen oft Alpträume im Text zu materialisieren, das ist auch der Fall in den abschließenden Geschichte “Weggehen”. Fast wie ein Kurzfilm erzählt, sehen wir in der ersten Einstellung ein Paar mit der weiblichen Erzählerin, die ihre Wohnung mit nassen Haaren und Pantoffeln verlässt. “Ich habe keine Schlüssel, sage ich zu mir, und ich bin mir nicht sicher, ob mich das beunruhigt. Ich bin nackt unter dem Bademantel.” Jeder, der in einem Mehrfamilienhaus wohnt, weiß, dass der Aufzug ein unvermeidlicher Treffpunkt ist. Die Frau trifft dort einen Mann, der ein Teil des Gebäudes zu sein scheint, jemanden, der dort etwas tut. Was folgt, ist eine Komplizenschaft, die durch den rätselhaften Satz des Mannes – “meine Frau wird mich umbringen” – und eine Reise im Auto in Buenos Aires auf der Calle Corrientes mit langsamer Geschwindigkeit gekennzeichnet ist. Wie in den Fällen von “Es geschieht immer wieder in diesem Haus” und “Ein Mann ohne Glück” wird die Verbindung zwischen zwei seltsamen, aber nicht voneinander entfremdeten Wesen in konspirativen Dialogen subtil umrissen, um sich dann aufzulösen. Es ist kein Zufall – nichts ist es jemals bei Schweblin -, dass der Mann behauptet, ein “Eskapist” in einer Geschichte zu sein, deren Protagonistin das Ziel, das sie selbst verfolgt, nicht erreicht.

Die erste Geschichte des Bandes, “Nichts von all dem” beginnt gleich bedeutungsvoll:

“Wir haben uns verfahren”, sagt meine Mutter.”

Dieser Verlust ist wörtlich und metaphorisch zu verstehen, denn die richtungslose Mutter gehört keinem Ort an und zieht deshalb ihre Tochter in die Invasion (das Leitmotiv des Bandes) fremder Räume hinein, zuerst im Auto, indem sie “einen doppelten Halbkreis aus Schlamm” zeichnet, und dann außerhalb davon zu Fuß in jene teuren Häuser eindringt, die nicht wie ihre sind, die von Bäumen umgeben sind, die weißen Marmor und luxuriöse Räume haben.

Wie in “Die Höhlenatmung” ist der Unterschied in der sozialen Schicht spürbar: “Wo bekommt man all diese Dinge her? . . Es macht mich so traurig, dass ich sterben möchte.”

Aber in diesem Fall ist der Kontrast mit dem Humor der Verwechslung und des Absurden überzogen, gekrönt durch das Bild der Mutter, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich des fremden Hauptschlafzimmers liegt. Die Tochter-Erzählerin, ihre verärgerte Komplizin, tritt an die Stelle des verantwortlichen und vernünftigen Erwachsenen: “Was zum Teufel machen wir in den Häusern anderer Leute?” fragt sie, und dann ein wenig später, “Was zum Teufel hast du in diesen Häusern verloren?” Das Ende erinnert in seiner Konfrontation an das von “Die Höhlenatmung”, aber was in Erinnerung bleibt, ist das Bild der Mutter, die die Zuckerdose, die sie gestohlen hat, im Garten ihres eigenen Hauses begräbt.

“Vierzig Quadratzentimeter” wiederum inszeniert ein komplexes Schema von kleinen Geschichten, die sich kaum miteinander verbinden: die Geschichte der Schwiegermutter der Protagonistin, Marianos Frau, und den Verkauf ihres Eherings; die Geschichte der Abreise nach Spanien und der Rückkehr der Jüngsten nach Buenos Aires, die Geschichte der Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter, die Geschichte der Begegnung mit dem mysteriösen Bettler in der U-Bahnstation und die Geschichte der Aspirinpackung. Die Geschichte ist eine Reise und ein Abenteuer von jemandem, der, wie alle Charaktere des Buches, verloren ist und sich an etwas klammert: in diesem Fall, wie Lola, an einer Reihe von Kisten, die eine bereits veraltete Identität enthalten. Die Offenbarung kommt nicht durch die Anekdote, sondern durch Nachdenken: Die Schwiegermutter erklärt, dass sie, nachdem sie ihren Ring verkauft hat, an einer Bushaltestelle auf einer Bank saß und nichts tat. Sie verstand, dass sie auf vierzig Quadratzentimetern saß “und dass das der einzige Raum war, den ihr Körper auf dieser Welt einnahm”. Und so kann die Protagonistin auf der Karte, die sie dem Bettler zeigt, ihre eigene Adresse nicht finden.

Auf den ersten Blick sind die Häuser dieses Buches nicht leer. Vielmehr sind sie voller Objekte. Die Leere von “Sieben leere Häuser” ist eine andere: Das langsam und unvermeidlich zusammenbrechende Haus ist die innere Wohnstätte. Es ist die Welt der Erwachsenen, die uns konditioniert und antreibt, und angesichts dieser Welt leisten wir eine Art Widerstand, um nicht in resignierte Häuslichkeit zu fallen. Zwar ist das Samanta Schweblins am wenigsten phantastisches Buch, aber wir müssen Wege finden, um aus den einfachen und platten Kategorien zu entkommen. Anders können wir ihr Werk nicht beschreiben. Wichtiger ist es, von einer eigenen Syntax zu sprechen, die von der Wirkung des Exils und vielleicht einem gewissen Wunder vor der Existenz besessen ist.

Julio Cortázar

“Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?”

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer faßbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: “Dieses Buch besteht aus vielen Büchern”, schreibt Cortázar, “aber vor allem aus zwei Büchern.” Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: “Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.” Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Die verbindende Durchgangslinie im Werk Cortázars ist das Beharren  auf der Elastizität der literarischen Kunst, um damit das einzufangen, was er als flüchtige, umstrittene und immer fließende Realität sah. Irgendwann sagte Cortázar:

Ich hatte ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber dem Phantastischen, weil es mir so akzeptabel und echt erschien, wie die Tatsache, um acht Uhr abends Suppe zu essen”.

Das Phantastische ist also ein Mittel, um die Flachheit des weithin Akzeptierten oder nur Prosaischen zu verlassen. Das Gefühl wird so zu einem Refrain. Für Cortázar, wie für seine Schöpfung Horacio, war die freudlose Verengung der gelebten Möglichkeit eine Verschwörung der großeren Falschheit, die er “die vorgefertigte, vorfabrizierte Welt” nannte.

Während Cortázar nicht explizit erklärte, was er damit meinte, suggeriert seine Arbeit ein tiefes Mißtrauen gegenüber der Alltäglichkeit des Lebens, einen Verdacht, daß es sich um eine Lähmung handelt, die sich als beruhigende Routine ausgibt. “Es kam mir vor wie eine Art mentaler Rülpser”, sagt Horacio in einem der langen inneren Monologe von Rayuela, “dass dieses ganze A B C meines Lebens ein schmerzhaftes Stück Dummheit war, weil es allein auf der Wahl dessen basierte, was man Nicht-Verhalten nennen könnte, anstatt Verhalten”. Anderswo schreibt Cortázar mit ähnlichen Bedenken: “Wie es weh tut, einen Löffel abzulehnen, nein zu einer Tür zu sagen, alles zu leugnen, was die Gewohnheit zu einer angemessenen Geschmeidigkeit geschleckt hat”.

Für den Ableger der literarischen Moderne, den so genannten lateinamerikanischen Boom, in dem Cortázar in seiner Blütezeit der 1960er Jahre eine entscheidende Rolle spielte, kam eine radikale Neubewertung der Wirklichkeit auf. Der Boom, der unter anderem die überragenden Werke von Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und José Lezama Lima umfaßte, half, die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Phantastischen zu durchbrechen. Cortázar selbst brachte eine Art kosmopolitischen Kubismus in den Roman, in dem Zeit, Ort, Sprache, ja sogar der wörtliche Text selbst zu Orten der Auseinandersetzung, Teilnahme und des Spiels wurden. Die Read-as-you-like-Anweisungen von Rayuela (“Der Leser darf das, was folgt, mit reinem Gewissen ignorieren”) sollten nicht als bloße Spielkunst oder avantgardistische Haltung verstanden werden, sondern sie stellten sich aktiv gegen einen literarischen Realismus, der nicht mehr den fragmentierten Texturen des modernen Lebens entsprach.

“Wenn man an die Grenzen des Ausdrucks stößt”, sagt er in einem Vortrag, “beginnt ein Gebiet, in dem alles möglich und alles ungewiss ist.” In Cortázars Worten haben wir dann Eden erreicht: den ultimativen Zustand der Gnade.

Julio Cortázar (1914—1984) war einer der Begründer dessen, was als Lateinamerikanischer Boom bekannt wurde. Ein Romanschriftsteller, Dichter, Dramatiker und Essayist war er, aber – und das ist das Wesentliche seiner Arbeit – vor allem ein fleißiger Erzähler von Kurzgeschichten. Er begann seine Arbeit unter dem Einfluss des Surrealismus. Seine phantastischen Erzählungen beginnen meistens mit einem gewöhnlichen Setting, in das unerwartet das Fremde, Seltsame einbricht. Seine Tätigkeit als Übersetzer, inklusive der Erzählungen Poes, beeinflussten sein Schaffen ebenfalls.

Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es scheint oft so, als stünden sie in Beziehung zueinander, wären verbrüdert und verbunden durch eine Röhre. Viele solcher Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H. P. Lovecraft, während andere die unheimliche Elemente benutzen, um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offenkundig, in anderen Fällen braucht es mehrmaliges Lesen, bevor sie verstanden werden. Das ist bei Julio Cortázar stets der Fall.

Nehmen wir das Beispiel ‘Axolotl’ und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:

“Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden in ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl.”

Der Schlüssel an dieser Stelle ist nicht die ausgesprochene Transformation, sondern die Beobachtung und das andächtige  Schauen. Man kann die Geschichte als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische “uns” (Axolotl) mit dem menschlichen “ihn” (der Mensch) vertauscht.

Am Anfang der Geschichte geht der Erzähler angefangen von der Faszination dieser Amphibien im Larvenstadium dazu über, mehr und mehr Informationen über sie zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.

“Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte.”

Hinter dem Gefühl der Obsession lauert etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremden. Im Laufe der Geschichte beginnt sie mit wiederholten Verweisen auf ihr Ursprungsland Mexiko, zurück zu den Azteken, die über das Land herrschten, bevor die Spanier kamen, Formen anzunehmen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Erzählung so deuten. Und doch könnte das alles auch eine Metapher sein für die Faszination für eine fremde Kultur, die soweit geht, komplett in sie eintauchen zu wollen, und zwar soweit, dass sie mit der ursprünglich eigenen Kultur getauscht wird. Dieses Gefühl fremder Akkulturation taucht in vielen Geschichten und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistsichen Geschichten, wie in seinem brillanten und epochemachenden Roman “Rayuela“.

In seinen Geschichten verwendet Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu erforschen. In “Das besetzte Haus” die alternden Geschwister, die in Abgeschiedenheit im Haus ihrer Großeltern leben, spüren, dass etwas in ihren abgeschlossenen Lebensraum eindringt und sie dazu zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das durch die Erzählung sickert.

“Südliche Autobahn” ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen Stau im kafkaesken Stil. Die im Stau steckenden versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich soweit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln “Axolotl”, indem sie von eindeutiger Realität in seltsame, surreale Landschaften hineinrutschen. Was real ist und was Ausgeburt der Phantasie, verschmilzt unentwirrbar miteinander, wird zu einer halluzinatorischen Einheit.

In den “Hüpf- und Sprungszenen” seines grandiosen Anti-Romans “Rayuela” zeichnet Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner einstigen Geliebten Maga. Auch hier kommt es zum Zusammenprall der Kulturen, zu einer verschwommenen Linie zwischen Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus “Axolotl”. Sein Taumel durch Paris und Buenos Aires, auf der Suche nach Maga, kann ebenso für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Da gibt es Momente der stillen Bedrohung, ähnlich der des “besetzten Hauses”; und dann sind da die Momente, in denen Oliveiras Suche Quixotische Züge annimmt.

Im Laufe seiner 35 Jahre währenden Karriere als Schriftsteller hinterließ Cortázar eines der mächtigsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts unter Verwendung des Surrealismus, des Kulturkrachs, Selbstidentität und der Frage, wo Realität endet und Halluzination beginnt. Seine instabilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlaubten ihm, durch das Unerklärliche Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie es ein ‘Realismus’ niemals zu Wege bringen kann. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten und offenbart dadurch beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal wird das durch den Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit ausgedrückt wie in “Axolotl” oder “Das besetzte Haus”.

Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist beinahe unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit bei einem ersten Lesedurchgang zu erfassen und er ist einer jener wenigen Autoren, die man wieder und wieder mit Genuss lesen wird.

Julio Cortázar: Rayuela

Pablo Neruda drückte es so aus: “Wer Cortázar nicht liest, ist verloren. Ihn nicht zu lesen, ist eine schwere, schleichende Krankheit, die mit der Zeit schreckliche Folgen haben kann. Ähnlich wie jemand, der nie einen Pfirsich gekostet hat. Er würde langsam melancholisch werden und immer blasser, vielleicht würden ihm nach und nach die Haare ausfallen.”

Wer will dem widersprechen.

Julio

Sich seinem gewaltigen Werk – nicht etwa im Umfang, sondern im Rang – zu nähern, verlangt nicht viel außer der Hingabe an die phantastische Realität. Sein Schreiben resultiert aus einer frühen Begegnung mit den Büchern von Jules Verne und Edgar Poe. Mit Verne teilt er sich sogar den Vornamen, da seine Mutter eine Bewunderin des französischen Phantasten war. Poe selbst las er unter der Bettdecke, eine Umgebung, die perfekt zum amerikanischen Meister passte. Poe in so jungen Jahren zu lesen, machte ihn drei Monate lang krank, weil:

“Ich glaubte all diese Geschichten … für mich war das Fantastische ganz natürlich. Ich verbrachte meine Kindheit in einem Urwald voller Goblins und Elfen, mit einem Gefühl für Raum und Zeit, das sich von dem aller anderen unterschied.”

In Cortázars Fantasie müssen hunderte von Geschichten geprasselt und gebraust haben, die er aufgrund seiner schwachen Gesundheit aufgesogen hatte – wahrscheinlich weit mehr als jeder andere Schriftsteller. Doch sein Schreiben lässt sich durch die Werke von nur zwei Autoren durchdringen: Poe und Cortázars argentinischer Mentor, Jorge Luis Borges. Beide Schriftsteller dienen als Magnetpole der inneren Landschaft Cortázars.

Über Borges, sagte er:

“… sein Einfluss war kein inhaltlicher oder sprachlicher, sondern ein moralischer. Er lehrte mich und andere, in unserem Schreiben rigoros und unerbittlich zu sein, nur vollendete Literatur zu veröffentlichen.”

Trotz dieser Behauptung glauben viele, dass Borges einen großen thematischen Einfluss auf den jungen Cortázar ausübte. Borges’ Schreiben markierte eine Abkehr vom Barockstil, der in der lateinamerikanischen Literatur zu dieser Zeit so weit verbreitet war. Cortázar erbte Borges’ Abneigung gegen den Barock. Er erbte auch Borges’ verspielten intellektuellen Stil, der intellektuelles Paradoxon und Fantasie in sich vereinte. Diese Themen bilden das Rückgrat vieler früher Geschichten Cortázars und verbinden sie fast untrennbar mit Borges’ eigenen Arbeiten. Borges selbst war ein großer Bewunderer der Kurzgeschichten Cortázars:

“… niemand kann die Handlung einer Cortázar-Geschichte nacherzählen, jede einzelne besteht aus bestimmten Wörtern in einer bestimmten Reihenfolge. Wenn wir versuchen, sie zusammenzufassen, stellen wir fest, dass etwas Kostbares verloren gegangen ist.”

Mittlerweile glauben einige Literaturkritiker, dass Cortázars Umzug nach Paris ein Versuch gewesen sei, dem Einfluss der allumfassenden Borges-Labyrinthe zu entgehen. Erst als Cortázar in Paris ankam und mit der Arbeit an seinem bahnbrechenden Roman “Rayuela” begann, fand er endlich seine eigene Stimme, wenn auch mit den Akzenten seiner Vorläufer und den experimentellen Tönen des Jazz. Es war dieser Roman mit seinen nummerierten Kapiteln, die in einer Vielzahl von Möglichkeiten gelesen werden konnten, der seinen Status als einer der einflussreichsten lateinamerikanischen Autoren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts festigte.

Es ist verlockend, Cortázar unter die magischen Realisten zu stellen, und viele haben es auch getan, aber es gibt subtile Unterschiede zwischen den Boom-Autoren und Cortázar. In der Mehrzahl der magisch-realistischen Werke ist die Magie wohlwollend, bei Cortázar hingegen ist sie häufig bösartig. Seltsame Dinge geschehen mit seinen Figuren.

Viele Cortázar-Geschichten spielen an europäischen Orten, im Gegensatz zu den südamerikanischen Schauplätzen, die von den magischen Realisten bevorzugt werden, und er zeigt häufig kosmopolitische Charaktere, die von überall her kommen könnten, und nicht die bunten und ausgesprochen lateinischen Charaktere, die in den Werken von Gabriel Garcia Marquez vorkommen.

Wenn wir Cortázars Werk aus der Perspektive von Poe und Borges betrachten, wird der scheinbar magische realistische Glanz seiner Geschichten widerlegt – stattdessen verschmilzt die unheimliche Atmosphäre Poes mit den geistigen Spielen von Borges. Für einen Autor, der die Selbstreflexion liebte, ist Cortázars literarische Abstammung dann auch angemessen reflexiv: Borges hat oft den Einfluss von Poe auf seine eigenen Schriften betont. Cortázar ist also von  dem Schriftsteller Poe beeinflusst, und wiederum von einem Poe, der von Borges neu interpretiert wurde. Eine Möglichkeit, sein Schreiben zu beschreiben, wäre, sich vorzustellen, dass Poe seine Geschichten als ein Argentinier schreibt, der im zwanzigsten Jahrhundert in Belgien geboren wurde. Oder um es einfacher zu machen, Poe mit Gauloises und Kaffee und den schwachen Klängen des Jazz, die von irgendwo in der Nähe kommen.

Der Höhenkamm

Die 60er Jahre waren für ihre literarische Experimentierfreude bekannt. Thomas Pynchon legte mit V. sein beeindruckendes Debüt vor, die Quelle der Beat-Generation mit ihren ausgefallenen Romanen und Gedichten war noch nicht versiegt, John Barth stieß die Tore zur Metafiktion mit “Ambrose im Juxhaus” weit auf, Donald Berthelme schrieb Kurzgeschichten, wie sie noch niemand zuvor gesehen hatte. Aber Julio Cortázars epochemachender Roman “Rayuela” ragt aus all diesen Höhenflügen noch einmal heraus, und ist bis heute der unumstößliche Obelisk meiner Privatbibliothek.

Dabei bewegt sich der Roman genau in der Mitte zwischen einer gut lesbaren “Geschichte” und einem Chaos losgelöster Szenen und Gedanken. Das Problem aber ist, dass dem heutigen Leser kaum mehr ein Instrument an die Hand gegeben wird, wie er sich dieser Literatur gegenüber verhalten soll, die im Zuge des “Neuen Romans”, der bereits Ende der 40er Jahre in Frankreich entstand. Es war nicht allein das Begehen neuer Wege, das heute vollkommen vergessen scheint, es war eine substantielle und nicht nur thematisch-inhaltliche Erneuerung. Dass wir heute nicht einmal mehr Reste dieses Aufbruchs vorfinden, zeigt, wie sehr der kulturelle Verfall und der Niedergang der Literatur Seite an Seite mit dem allgemeinen Ende der Geschichte selbst verknüpft ist. Eine Umkehr ist nicht möglich, eine sinnstiftende Welt – wie wir heute wissen – ganz und gar ausgeschlossen.

Rayuela

Dieses Vorgeplänkel hat noch nicht einmal was mit dem Buch selbst zu tun, in dem im Grunde die Geschichte von Horacio Oliveira dargestellt wird, einem argentinischen Boheme, der im ersten Teil durch Paris streift. Sein Interesse lässt sich sehr gut in drei Bereiche aufteilen. Den ersten verkörpert La Maga, eine Frau, die, wie ihr Name besagt, mit magischen Kräften begabt ist und das Geheimnis der unreflektierten Einheit in sich birgt.

Der zweite Bereich ist der des Künstlerischen und Intellektuellen, wie ihn eine Art Surrealistenclub konkretisiert; im Grunde zeugt aber auch Oliveiras Zusammensein mit La Maga von diesem Geist.

Seine dritte, in beiden genannten Bereichen mitbeteiligte Leidenschaft ist die Suche nach dem Absoluten, eine Unruhe, auf die selbst der Körper La Magas keine Antwort zu geben vermag. Oliveira ist davon überzeugt, im Leben einen falschen Weg gewählt zu haben, besessen von der Erinnerung, denn das Einzige, was ihn am Leben hält, ist die Frage, ob ein Weg, den er hätte wählen können, ihn an den gleichen Ort geführt hätte oder nicht.

Aber auch wenn Oliveira sich für einen Versager hält, kann er sich nicht mit diesem Schicksal abfinden. Er steckt in der vielleicht schmerzhaftesten aller Positionen fest, im Bewusstsein der Unzulänglichkeit seiner Welt, aber nicht in der Lage, sich daran zu beteiligen.

Sei Verhältnis zu La Maga trübt sich und zerreißt eines Tages völlig. Dieses Zerreißen des Verhältnisses wird sprachlich überhaupt nicht erwähnt, sondern in die Sprache des Formalen übertragen. Es zerreißen nämlich jetzt buchstäblich die Dämme der episodischen Kanalisierung dieses Geschehens, und es bricht eine Flut von zweiundzwanzig “absoluten” (unendlichen) Kapiteln herein und wird so adäquater Ausdruck einer auf inhaltlicher Basis unsagbaren Offenheit, die sich im wesentlichen mit dem inhaltlich nicht fassbaren Phänomen der Abwesenheit deckt.

Erst als diese formale Sprache des Verlusts verklungen ist, erfahren wir, dass La Maga gegangen ist, dass sie Oliveira ihr Zimmer hinterlassen hat und möglicherweise nach Montevideo zurückgekehrt ist, vielleicht aber auch Selbstmord begangen hat. Nur stockend mischt sich diese artikulierte Sprache wieder unter die “absolute”, bis in Kapitel 34 der Höhepunkt formaler Schizophrenie erreicht ist, das Nebeneinander zweier Romane. Es ist die formale Sprache eines Gespaltenseins, das Oliveira bald dazu führen wird, Paris zu verlassen und das ihn in den Wahnsinn treiben wird.

Der zweite Teil versetzt uns dann nach Buenos Aires, zu Traveler, einem Jugendfreund Oliveiras. Dieser Freund, der seinem Namen allerdings keine Ehre macht, wartet mit seiner Frau auf Oliveira, der sich zu Besuch angemeldet hat. Die Dinge nehmen nun einen fantastischen, zwischen Burleske und Tragik spielenden Lauf. Oliveira identifiziert nach und nach Travellers Frau Talita mit La Maga, wird schließlich in eine Klinik eingeliefert, deren Insassen mit Vorliebe im Hof Rayuela spielen.

Mit zunehmendem Wahnsinn stellt sich bei Oliveira dann ein sich steigernder Verfolgungswahn ein. Er baut sich schließlich in seinem Zimmer ein kompliziertes Verteidigungssystem aus Dosen und Fäden, so dass ihn niemand mehr erreichen kann. Während Traveler und Talita, je in einem Rayuela-Feld stehend, ihn vom Hof aus beruhigen und zur Vernunft überreden wollen, lässt er sich aus dem Fenster fallen.

Man mag sich fragen, wo der Sinn dieses Romans liege, und die Antwort ist einfach; er liegt nirgends und überall zugleich. Konkreter gesagt: er ist weder ausschließlich in Paris noch in Buenos Aires zu suchen; er liegt weder allein in der Unendlichkeit von La Magas Körper noch im dunklen Heraklit (dessen Philosophie im Buch eine prominente Stellung hat), sondern liegt in der Abstraktion ebenso wie in der Offenheit, im Tode wie im Leben.

Die Form

Der bemerkenswerteste Aspekt von Rayuela liegt freilich in seiner Form: Das Buch ist in 56 reguläre und 99 “überflüssige” Kapitel unterteilt. Wer daher nur eine unterhaltsame Geschichte lesen will, der kann sich mit der ersten Hälfte begnügen, aber er bringt sich um wesentliche Aspekte des Gesamtwerks. Cortázar vermerkt das auch ausdrücklich, indem er Kapitel 57 bis 123 “abstreichbare Kapitel” nennt. In diesen Kapiteln begegnen wir einer Gestalt, die trotz seiner Wichtigkeit schattenhaft und rätselhaft an den Rändern des Romans verbleibt: Morelli, ein Schriftsteller, der im Buch bestimmte literaturphilosophische Zweifel aufwirft, die in direktem Zusammenhang mit Cortázars Anliegen selbst stehen. Es reicht hier nicht aus, diesen fiktiven Schriftsteller als ein Zahnrad der Textmaschine, unerlässlich für das Verständnis des Romans, zu betrachten. Durch Morelli spricht der Autor ganz direkt zu uns, auch wenn er eine Maske trägt.

Wer Rayuela den Intentionen Cortázars gemäß lesen will, der sollte gar nicht die Kapitel 1 – 56 der Reihe nach lesen, sondern sie nach einer vorausgeschickten Reihenfolge mit jenen Kapitel des dritten Teils mischen. Als Hilfe steht unter jedem Kapitel eine eingeklammerte Zahl, die auf das als nächste zu lesende Kapitel verweist. Diese innige Verwobenheit des linearen und des “absoluten” Buches verweist auf eine zentrale und konkrete Bedeutung und suggeriert bereits dieses erforderliche sprunghafte Sichbewegen durch den Roman, dieses Hineinspringen in die Kapitel, das dem Rayuela-Spiel bis zu einem gewissen Grade gleicht. “Himmel und Hölle” ist ein in Südamerika beliebtes Geschicklichkeitsspiel, wie es in anderer Form früher auch Kinder gerne auf Bürgersteigen gespielt haben, und bei dem es darauf ankommt, von einem mit Kreide gezogenen Feld, das als “Erde” bezeichnet wird, einen Stein jeweils in das nächste Feld zu werfen, deren letztes als “Himmel” bezeichnet wird. Es lässt sich denken, dass es besonders viel Geschick verlangt, wenn man das Ziel erreichen will; und wer ein Feld auslässt oder einen sonstigen Fehler macht, scheidet sofort aus.

Ricardo Piglia: Munk

Ricardo Piglia war ein fleißiger Leser, der gegen das Lesen als Freizeitaktivität eingestellt war. In seinem Buch “Der letzte Leser” feiert er nicht die Geschwindigkeit des Lesens, die sogar in manchen Schulen für gut befunden wird, sondern die Langsamkeit. Im Epilog zitiert er eine Zeile Wittgensteins: “In der Philosophie ist der Gewinner des Rennens derjenige, der am langsamsten laufen kann. Oder: derjenige, der zuletzt dort ankommt.” Piglia nannte scharfsichtige Leser ” Privatdetektive “, zu Ehren seiner Besessenheit von Detektivgeschichten, dem Stil also, den er für die meisten seiner Werke selbst anwandt. Er berief sich oft auf ein Foto von Borges, der mit dreißig Jahren erblindete. Als Direktor der argentinischen Nationalbibliothek hielt er auf diesem Foto ein Buch ein paar Zentimeter vor seine Nase und kommentierte das Bild so: “Ich bin jetzt ein Leser von Seiten, die meine Augen nicht sehen können.” Piglia schreibt: “Ein Leser ist auch einer, der die Dinge falsch liest, sie verzerrt, und irritierend wahrnimmt.” Für ihn war es entscheidend, idiosynkratisch gegen den Strom zu lesen.

Wie jeder ehrgeizige Schriftsteller, der in den siebziger und achtziger Jahren schrieb, verstand er die besondere Last und Gabe, im Schatten von Jorge Luis Borges zu arbeiten – dem Meister, der, wie ein argentinischer Kritiker sagte, “größer als die argentinische Literatur” ist. In einer vier Jahrzehnte andauernden Karriere, in der er zu einer der markantesten literarischen Stimmen Lateinamerikas wurde, schrieb er oft über vertriebene Einzelgänger, gescheiterte Genies, überzeugende Paranoiker und Verschwörer.

Der Name seines Alter Egos Emilio Renzi, den er in einer Reihe seiner Bücher auftreten lässt, ist nicht beliebig gewählt. Piglias Geburtsname nämlich lautete Ricardo Emilio Piglia Renzi. Noch sein erstes Buch erschien unter diesem Namen. Und natürlich taucht er auch in diesem hier auf: Munk.

“Sie wissen, dass sich dort draußen kein Mensch für Literatur interessiert und sie die letzten Verbliebenen Hüter einer glorreichen, in die Krise geratenen Tradition sind.”

Ricardo Piglia

Man liest Bücher, um etwas über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Ein Buch, in dem das nicht zur Disposition steht, taugt nicht wirklich viel. Nun ist es die Lateinamerikanische Literatur ganz allgemein, in der man vor allem etwas über Zerrissenheit lernen kann. Die Europäer – allen voran die Französische und Englische Literatur waren dem Kontinent literarischer Kulturbringer. Heute, da es in Europa keine nennenswerte Kultur mehr gibt, wendet man sich – wie auch hierzulande – Amerika zu. Die beiden Amerikas sind von oben bis unten mit Zerrissenheit und Kunst voll, Europa ist nur noch ein Relikt der Vergangenheit. Das Interessante ist, dass die Hispanistik zur Romanistik gehört, wie das Französische auch. Borges bevorzugte die Englische Literatur als Lesequelle, und die USA sind hauptsächlich ein Literaturvolk geworden, weil sich Autoren wie Poe, Mark Twain und Whitman emanzipieren wollten und mussten. Von Poe stammt der Symbolismus, der in Frankreich vor dem Surrealismus Großes bewirkte, und der literarische Surrealismus wiederum fand in Lateinamerika seine Blüte. Das alles hat erst einmal gar nichts mit Ricardo Piglias Roman zu tun, der im Original “El camino de Ida”, also etwa: Idas Weg lautet.

Es war sein letzter Roman, Piglia starb im Januar 2017 in Buenos Aires, nachdem er über zwanzig Jahre in den USA gelebt hatte. Es bleibt nicht aus, das dieser Aufenthalt ebenso abfärbte wie bei den früheren Autoren, die bevorzugt in Frankreich lebten (bei Borges waren es die Schweiz und Spanien). In der Post-Borges-Ära war Piglia der berühmteste Argentinier. In MUNK erfahren wir viel über die Literatur selbst, was nicht verwundert, denn der Autor lehrte, wie sein Protagonist auch, als Professor Literatur. Wie schon Borges, Cortázar und Roberto Bolaño liebte auch Piglia seinen literarischen Fundus und schrieb ihn hier Emilio Renzi auf den Leib, der von Buenos Aires nach New York geht, um an der elitären Taylor Universität ein Seminar über W.H. Hudson zu leiten, einem englischen Schriftsteller, den seinerzeit Joseph Conrad sehr bewundert hatte, und der einige Zeit in Argentinien lebte. Eingeladen worden war Renzi von der schönen und hochintelligenten Professorin Ida Brown.

ist gerade geschieden und denkt, dass die Distanz und der Aufenthalt an einem seltsamen Ort, an dem ihn kaum jemand kennt, ihm helfen kann, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Aber sein Plan fällt sofort auseinander: In seiner ersten Nacht wird er durch einen seltsamen Anruf verunsichert. Dann, angetrieben von einem Anfall von Leidenschaft, beginnt er mit Ida eine heimliche, unvergessliche Romanze. Kleine, verdächtige Vorfälle und seltsame Missverständnisse gipfeln mit dem tragischen Tod der Professorin durch einen unerklärlichen Autounfall, der ein beunruhigendes Detail offenbart: Idas Hand ist verbrannt und das scheint sie mit einer Reihe Leuten der akademischen Welt gemeinsam zu haben.

Das FBI ermittelt und zunächst wird der Fall zu den Akten gelegt, weil er wie ein Unfall aussieht. War es wirklich ein Unfall? Das FBI vermutet, dass sie durchaus auch eine Komplizin des Briefbombers gewesen sein könnte. Und hier kommt eigentlich der Titel ins Spiel (sic!), denn “Ida” bedeutet “Weg ohne Wiederkehr”. Piglia lässt Renzi hier in den Keller der Paranoia hinab, denn freilich ist er zunächst einmal verdächtig und lernt die Gemeinsamkeiten der Argentinischen Junta und der Amerikanischen Ermittler kennen. Viele der herausragenden Lateinamerikanischen Bücher bieten diesen doppelten Boden einer ungewissen Realität. Damit spiele ich natürlich auf den Magischen Realismus an. Tatsächlich aber ist das Kafkaeske allgegenwärtig. Hier in Form  des Dekans D’Amato, dem ausgesprochenen Melville-Kenner, der sich einen lebenden weißen Hai im Keller hält. Oder die Vorstellung, dass Finnegans Wake gerne von Philosophen und Mathematikern gelesen wird. Mathematiker seien affektierte, gelangweilte Menschen, deren Kreativität meist vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr versiegt. Die meiste Zeit vertreiben sie sich mit der Lektüre von Joyce.

Der Unabomber

Es ist etwas merkwürdig, dass die teuerste und aufwendigste Verbrecherjagd in der Geschichte der USA heute etwas in Vergessenheit geraten ist. Gemeint ist der Fall Ted Kaczynski, einem der genialsten Mathematiker seiner Zeit. Verwiesen sei hier auf die Dokumentation von Lutz Dammbeck.

Das Besondere an Piglias Buch (bei ihm heißt der Bomber “Munk”) ist jedoch nicht das Umweben dieser Geschichte, sondern die explosive Sprengkraft der Literatur, die wohl nur deshalb unterschätzt wird, weil sie die meisten Menschen entweder als Mainstream-Unterhaltung oder als intellektuelles Konstrukt vergangener Tage interpretieren, wohl gerade, weil kaum mehr ersichtlich ist, dass Sprache das einzige ist, was uns wirklich vom Tier unterscheidet. Im Guten wie im Schlechten, der Mensch und seine Umwelt sind nur das Konstrukt seiner Sprache; wo seine Sprache endet, endet sein Horizont.