Turmzimmer zu Karstenfels

Meet me in the alleyway
Minute to midnight dont’ be late
Meet me in the alleyway
Better come runnin’ the spirits won’t wait
(Steve Earle)

Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

Woher stammt der Begriff “Heavy Metal”?

Untersucht man den Begriff Heavy Metal als ein Musigenre auf seine etymologische Herkunft, führt das zu dem überraschenden Ergebnis, dass die konventionellen Meinungen und Darstellungen der Herkunft des Begriffs falsch sind. Recherchiert man in der Fachpresse und in Interviews mit den am Begriff beteiligten Personen, offenbart sich, dass der Begriff teilweise in der kulturellen Atmosphäre der damaligen Zeit lag. Es gab durchaus konkurrierende Begriffe für die Art von Musik, die sich dann als Heavy Metal durchgesetzt hat, aber keiner von ihnen hätte dem Genre die gleiche Strahlkraft und Authentizität vermitteln können.

Wo aber kommt der Begriff Heavy Metal her? Das hat sich mit Sicherheit jeder schon einmal gefragt, um dann auf die gängigen Antworten zu treffen. So weit so gut, wenn man sich damit zufrieden gibt. Heutzutage ist der Heavy Metal in Bezug auf den Sound, die Lyrics und das unterschiedliche Publikum so sehr zersplittert, dass wir im besten Falle von einem Meta-Genre sprechen können. Das einzige Verbindungsglied ist die Reduzierung auf das Stammwort Metal. Hat der Begriff darüber hinaus eine Bedeutung? Eine Antwort kann man finden, wenn man sieht, wann und warum er überhaupt verwendet wurde.

Ein Genre erfüllt immer auch eine “Ordnungsfunktion”, die es erlaubt, eine bestimmte Anzahl von Musikstücken zu gruppieren, zu definieren, zu unterscheiden und mit anderen zu vergleichen. Wenn wir also Metalsongs einem Genre zuordnen, dann weist das darauf hin, dass unter ihnen ein Verhältnis von Homogenität, gleicher Abstammung, und Authentizität bereits etabliert ist.

Die herkömmlichen Antworten auf die Frage: „Woher stammt der Begriff Heavy Metal“?

In einschlägigen Printmedien werden drei verschiedene Quellen genannt. Zwei davon hatten mit diesem Begriff allerdings keinen Musikstil im Sinn. Die erste Quelle besagt, dass die Textzeile “Heavy Metal Thunder” aus dem Song “Born to be Wild” von Steppenwolf dafür verantwortlich ist, dass wir heute mit diesem Begriff hantieren.

Im Juni 1968 erreichte der Song Platz 2 in den US-Charts. Wie jeder zu wissen glaubt, taucht der Begriff hier zum ersten Mal innerhalb eines Musikstücks auf.

Abgesehen davon, dass der Song einer der meist gespielten im Radio ist, hat er seine Bekanntheit nicht zuletzt dem Film Easy Rider von 1969 zu verdanken. Mars Bonfire, der den Song schrieb, erklärt den Begriff folgendermaßen:

Ich benutzte den Ausdruck “Heavy Metal Thunder” in “Born To Be Wild”, um damit zu vermitteln, wie es sich anfühlt, wenn du mit dem Auto oder dem Motorrad auf den Wüstenhighways Kaliforniens unterwegs bist. Als ich das Lied schrieb, erinnerte ich mich an solche Erlebnisse und diese Phrase fiel mir ein, um die Schwere und die Lautstärke der Motoren zu beschreiben. Erst danach wurde mir klar, dass ich den Begriff “Heavy Metal” noch aus der Schule kannte. Die Schwermetalle sind Teil des Periodensystems von Mendelejew, das Elemente mit hohen Atommassen enthält.

Die zweite Quelle, die als Urheber des Begriffs Heavy Metal zitiert wird, hat ebenfalls keinen musikalischen Kontext. Es handelt sich dabei um den Roman “Naked Lunch” von William S. Burroughs. In diesem apokalyptischen Buch verwendet Burroughs den Ausdruck Heavy Metal als Synonym für Folter. Der Journalist des Circus Magazine Philip Bashe schrieb in einem Buch über das Genre, dass “der Begriff Heavy Metal wohl am ehesten aus William S. Burroughs Roman Naked Lunch, 1959 in Paris geschrieben, 1962 in den USA veröffentlicht, stammt.”

Und ein Journalist des Toronto Globe stimmte dem zu:

“Die moderne Musik der Stahlarbeiter, der Rockergangs, und die Hintergrundmusik der südamerikanischen Folterkammern hat ihren Namen von einem Begriff, der von William Burroughs in seinem Roman Naked Lunch geprägt wurde”.

Gefunden werden kann die Figur des Uranus-Willy, the heavy metal kid im zweiten Teil der sogenannten Nova-Trilogie, genannt “Nova-Express”. Da es so viele unterschiedliche Editionen von Burroughs Schriften gibt, wird man sie in der gekürzten deutschen Übersetzung von Naked Lunch wohl eher nicht finden.

Wie auch immer, Willy, the heavy metal kid hat keinerlei Bezug zur Heavy Metal-Musik. Es bleibt also erst einmal unklar, warum gerade dieser Charakter zu einem Namensgeber wurde. Vielleicht war es auch gar nicht diese Figur, Burroughs diente der Begriff nämlich ebenfalls als Bezeichnung einer Droge, oder genauer: für Heroin.

In dem Buch “The Ticket that explodes” heißt es:

“Was wir Opium oder Junk nennen, ist eine stark verdünnte Form der Schwermetallsucht”.

(Hier haben wir die erste mögliche Analogie, die besagt, dass man von der Musik abhängig ist und sie hört, um high zu werden).

Bisher konnte nicht bestätigt werden, ob Steppenwolfs Text sich in irgendeiner Weise auf Burroughs Werk bezieht, obwohl der berühmte Rockkritiker Lester Bangs Burroughs in seinen bahnbrechenden Artikeln im Creem Magazine zitiert, in denen sich der Schriftsteller davon überzeugt zeigt, den Begriff Heavy Metal, bezogen auf eine Musikform, erfunden zu haben.

Creem-Magazine vom Juni 1972. Der besagte Artikel dreht sich um Black Sabbath.

Tatsächlich erwähnen die meisten Quellen, in denen es um die Namensgebung geht, Bangs. Und so haben wir unsere drei Ursprünge beisammen: Steppenwolfs Song, Burroughs‘ Buch, und einen Artikel des Musikkritikers Lester Bangs.

So deutete beispielsweise der Eintrag “Heavy Metal” in der Rolling Stone Encyclopedia of Rock & Roll von 1983 an, dass “der Begriff Heavy Metal ursprünglich von dem Beat-Autor William Burroughs in seinem Roman Naked Lunch geprägt wurde, von Steppenwolf in ihrem Hit “Born to be Wild” (“Heavy Metal Thunder”) wieder in das Pop-Vokabular aufgenommen, und anschließend von Rockkritiker Lester Bangs in der Heavy-Metal-Fanzeitschrift Creem” neu definiert wurde.

Und es gab noch mehr Magazine, die das jahrelang genauso voneinander abschrieben. Kritiker wie Bangs sind fast schon logischerweise Namensgeber von Genres, weil sie diese Konstrukte kontinuierlich als Kurzform verwenden müssen. Das verhielt sich mit der NWOBHM ganz genauso. Das macht die Sache dann besonders glaubhaft. Der Witz an der Sache: Es ist falsch.

Die Soziologie-Professorin Deena Weinstein hat das in ihrem Buch “Heavy Metal: The Music and it‘s Culture” nachgewiesen, indem sie sich durch die zitierte Ausgabe des Creem Magazine von Juni 1972 arbeitete. Natürlich fand sie den oft zitierten Artikel von Bangs, aber davon war kein Wort von Heavy Metal zu lesen. Tatsächlich ging Weinstein die ersten zwei Jahre nach der Gründung des Magazins durch, wurde aber nur ein einziges Mal fündig.

In einer Rezension von Sir Lord Baltimores Debüt Kingdom Come (Mercury) im Mai 1971 schrieb der Creem-Kritiker Mike Saunders:

Dieses Album ist weit entfernt vom derzeit vorherrschenden Grand Funk-Matsch, denn Sir Lord Baltimore scheinen die besten Heavy Metal-Tricks für sich zu verbuchen. Genau genommen klingen sie instrumental wie eine Mischung aus den schnelleren Led Zeppelin-Songs, und gesanglich wie ein endloses Johny Winter-Kreischen. Sie halten alles mit kühlem Kopf beisammen.

Deena Weinstein: Heavy Metal: The Music and it’s Culture

Mike Saunders war also ihr Kandidat, um als Urheber des Genre-Begriffs zu gelten. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurde diese Gewissheit jedoch erschüttert. Sie sprach mit einer Plattenpublizistin und diese erwähnte Bangs mit viel Ehrfurcht. Weinstein wollte den Sachverhalt richtig stellen und erwähnte, dass es nicht Bangs, sondern Saunders gewesen war, der den Begriff Heavy Metal zuerst verwendete, um einen Musikstil zu beschreiben. Die Publizistin kannte Saunders und gab Weinstein die eMail-Adresse. Zur Überraschung der Professorin erklärte ihr Saunders, dass er es garantiert nicht gewesen sei, sondern dass der Begriff definitiv 1971 zum ersten Mal in der Presse benutzt wurde. Er selbst habe zwar keine Erinnerung mehr daran, vermute aber, dass Lester Bangs der erste war, weil er in den Anfangstagen von Creem eine Menge Artikel verfasst habe.

Diese Aussage jedoch blieb unbestätigt. Kein einziger Text wies daraufhin, dass der Begriff vor Saunders‘ Lord Baltimore-Rezension jemals benutzt worden war, bis im Jahre 2006 eine Mail von Saunders an Weinstein den Sachverhalt aufklärte. Darin sagt der Musikkritiker, dass tatsächlich er den Begriff geprägt habe, allerdings schon früher als bisher angenommen, nämlich am 12. November 1970 im Rolling Stone, als er die ersten drei Humble Pie-Alben besprach.

Bei der Beschreibung ihres zweiten Albums Safe as Yesterday sagten Saunders, dass Humble Pie

“eine laute, unmelodische, bleiern-heavy-metal-schwere Shit-Rock-Band sind, deren laute und lärmende Stücke auch schon alles aussagen”.

In dieser Mail erklärte er auch, wie er auf den Begriff Heavy Metal kam:

Mittlerweile ist es mir ganz klar. Ich hatte im Herbst 1969 und im Frühjahr 1970 meine ersten Semester Chemie studiert. Die Phrasen “bleiernes Metall” und “Schwermetall”, zusammen mit dem Periodensystem der Elemente, aus der sie stammten, hatten meinen Alltag zu diesem Zeitpunkt stärker geprägt als jeder alte Steppenwolf-Hit.

Humble Pies Album war steif, schwülstig, das heißt, bleiern in seinem Mangel an Swing, was die Drums betraf. Seit drei Jahren gab es bereits den gebräuchlichen Genrebegriff heavy, nämlich als Heavy Rock. Zum Teufel, warum also nicht den Begriff “bleierner Metal” zwischen das Heavy/Rock-Tandem einfügen? “Metallisch bleiern” muss auf dem Papier besser aussehen, also; “bleierner Heavy-Metal-Rock”. Seitdem sind die beiden Wörter heavy und metal selbst in ein Tandem verwandelt worden, genau wie auf der Periodentafel.“

Saunders’ Ableitung basierte nicht auf Steppenwolfs Song, “und man kann mir glauben, dass ich noch nie etwas von Burroughs gesehen oder gelesen hatte”, betonte er. Er berichtete, dass einige Monate nach dem Schreiben der Humble Pie-Rezension folgendes geschah:

Als ich dem Sir Lord Baltimore-Debüt aufmerksam lauschte, verwertete ich einfach mein eigenes mentales Inventar an Phrasen in einem viel günstigeren Licht, als ich nämlich von den „besten Heavy-Metal-Tricks” sprach.

Das könnte man jetzt einfach mal so stehen lassen. Weinstein tat das nicht und hegte einen gesunden Zweifel daran, dass Saunders sich richtig erinnerte. Schließlich hatte er zuerst behauptet, seine Sir Lord Baltimore-Rezension wäre nicht das erste Mal gewesen, dass der Begriff “Heavy Metal” im Druck verwendet wurde. Also lag er vielleicht auch mit seiner Humble-Pie-Rezension falsch.Vielleicht war es gar nicht Saunders, der den Namen des Genres geprägt hat. Schließlich gab es weitere Kandidaten.

Andere Mitbewerber

Der glaubwürdigste und bekannteste Rivale ist Sandy Pearlman. Er war bereits ein Rockkritiker gewesen, als die Rockkritik noch in ihren Kinderschuhen steckte, Autor und Mitherausgeber von Crawdaddy! Außerdem produzierte und unterstütze er auch sonst Bands, vor allem aber war er der Produzent und Mentor von Blue Oyster Cult. 1991 sagte er in einem Interview:

„Ich habe den Begriff Heavy Metal erfunden. Tatsächlich habe ich ihn aus dem Periodensystem genommen, aber ich habe ihn auf die Musik geklebt.“

In einem Gespräch, das er mit dem Mondo 2000-Autor Jas Morgan führte, erwähnte Pearlman, , dass er den Begriff in seiner Crawdaddy!-Rezension des The Notorious Byrd Brothers-Albums wegen „der unglaublichen Komplexität der Verzerrung“ verwendete.

Tim Connors, Inhaber der Website ByrdWatcher: A Field Guide to the Byrds of Los Angeles, auf der eine Kopie dieses Interviews zu finden war (die Seite ist nicht mehr im Netz), ließ Zweifel an Pearlmans Behauptung aufkommen:

Pearlmans Rezension in Crawdaddy! enthält in Wirklichkeit den Begriff „Heavy Metal“ nicht; vielleicht kann ein hilfreicher Leser eine andere Erwähnung der Byrds in einem Artikel finden, in dem Pearlman den Begriff verwendet. Beachten Sie, dass in der Regel Lester Bangs dafür Anerkennung erhält, den Begriff von William Burroughs aufgenommen und in seinem musikalischen Sinne angewendet zu haben. Dennoch ist Pearlmans Beobachtung interessant, auch wenn sein Gedächtnis ungenau ist.

Weinstein.Deena

Pearlman lässt das Wort “Metal” zwar fallen, allerdings in anderen Rezensionen. “Metal” durchdringt seine Rezension des Live-Albums der Rolling Stones, Got Live if you Want It!, im März 1967 in Crawdaddy! veröffentlicht.

“Auf diesem Album werden die Stones zum Metal. Technisch sitzen sie fest im Sattel.“

Er verwendete den Begriff Metall (oder metallisch) achtmal in den ersten acht Sätzen der Rezension. Allerdings verwendet er nicht die Formulierung “Heavy Metal”. Er verwendet einfach “Metal” als Adjektiv, um einen Sound zu beschreiben, und nicht etwa einen Stil, der über dieses Album oder diese Band hinausgeht – das heißt, nicht als Genre.

Auch Barry Gifford wurde zu einem wichtigen Kandidaten, nachdem er 1968 im Rolling Stone eine Rezension über ein Electric Flag-Album schrieb:

Niemand, der Mike Bloomfield in den letzten Jahren zugehört hat – weder redend noch spielend – hätte das erwarten können. Das ist die New Soul Music, die Synthese aus White Blues und Heavy Metal-Rock.

Lester Bangs

Diese Verwendung kann hier als Beschreibung des Sounds des Albums oder als Genreprägung interpretiert werden, da Soulmusik und White Blues Genres sind. Der Autor verdeutlichte jedoch später seine Absicht. In Bezug auf den Begriff  “Heavy Metal” sagte er:

“Ich habe nur den Sound der Band beschrieben, die natürlich keine Ähnlichkeit mit dem hatte, was später im Volksmund als Heavy Metal bekannt wurde”.

Und noch ein weiteres Gerücht über die erstmalige Nutzung des Begriffs gibt es. In einem BBC-Interview sagte Chas Chandler, der Manager von Jimi Hendrix, dass der Begriff in der New York Times verwendet werde, um Hendrix‘ Musik zu beschreiben. Es wurde jedoch kein solcher Artikel gefunden. Man vermutet deshalb, dass Chandler die Review von Axis: Bold as Love im Rolling Stone im Kopf hatte. Dort schrieb Jim Miller:

Jimi Hendrix klingt wie ein Schrotthaufen, sehr heavy und metallisch laut.

Kritiker Scott Woods, der 2011 zum Chandler-Hendrix-Posting Stellung nahm, schrieb:

Interessant an all diesen frühen Beispielen ist wahrscheinlich, dass die Autoren alle das Wort “Metal” (und seine Ableitungen) als eigentliches Adjektiv verwendeten, um herauszuarbeiten, wie die Musik klingt. Das ist alles, und es war noch kein Genre damit kodifiziert. (“Grunge” hat ähnliche Anfänge und wurde von Kritikern oft als Wort benutzt, um eine bestimmte Art von lautem, dreckigem Gitarrenrock zu beschreiben.)

Bis auf Saunders verschwinden alle anderen Konkurrenten im Diffusen. Doch starke Zweifel gab es auch an seiner Aussage.

Tatsächlich hatte Weinstein bisher nur das Creem-Magazin durchsucht, um fündig zu werden. Was aber war mit dem Offensichtlichsten, dem Rolling StoneIn der Tat wurde hier der Begriff zum ersten Mal verwendet, und zwar von keinem geringeren als Lester Bangs.

In seiner Rezension von The Guess Whos Canned Wheat in der Rolling Stone-Ausgabe vom 7. Februar 1970 schrieb Bangs:

Mit der feinen Hit-Single ‘Undun’ im Gepäck sind sie nach all den Heavy-Metal-Robotern des vergangenen Jahres ziemlich erfrischend.

Hier wird der Begriff Heavy Metal als Adjektiv verwendet. Er bezieht sich auf eine Gruppe von Bands. Diese als Roboter zu beschreiben, ist kein Lob – es erniedrigt ihre Arbeit als mechanisch und nicht als kreativ, als allgemein und nicht als authentisch. Dennoch gilt er hier als der Name für ein Genre. Dass sie als “Schwermetallroboter” bezeichnet werden, scheint überflüssig, da Roboter im Allgemeinen aus Metall bestehen (und nicht aus weichem Material wie Stoff oder nicht formbarem Material wie Beton). Warum nicht den Begriff  “Metallroboter” (Metal Robot) oder einfach nur Roboter verwenden? Man kann spekulieren, dass Bangs sich auf Burroughs’ Blue Heavy Metal People of Uranus mit ihren Metallgesichtern und Antennen bezog, wie Uranus-Willy, the heavy metal kid, ein Charakter aus der Nova-Trilogie.

Bangs kannte sich mit den Beat-Dichtern gut aus. Obwohl Kerouac zu seinem Haupteinfluss wurde, war er sicherlich mit Burroughs’ Werk vertraut.

Ein Genre mit einem anderen Namen ist ein anderes Genre.

Obwohl Bangs und Saunders den Begriff Heavy Metal jeweils aus sehr unterschiedlichen Quellen entlehnt haben, haben beide Kritiker ihn in den ersten Reviews, in denen sie ihn verwendeten, im negativen Sinne eingesetzt. Dennoch war ihre Einstellung zu dieser Art von Musik, zumindest in der ersten Hälfte der 1970er Jahre, etwas anders. Bangs hat vielleicht über einige der Bands geschrieben, die er oder andere als Heavy Metal bezeichnen würden, aber er war kein Fan. Saunders hingegen spielte das, was er für guten Heavy Metal hielt, so oft im Schlafsaal seiner Uni, dass er Ende 1971 den Spitznamen Metal Mike bekam.

Wer das Genre zuerst benannt hat, ist weniger bedeutend als die Gründe, warum sich dieser Name durchsetzte.

Anfangs gab es mehrere alternative Genre-Namen für die Art von Rock, der schließlich als Heavy Metal bekannt wurde. Der früheste war “Heavy Rock”. Er wurde in den späten 1960er Jahren mit CreamBlue Cheer und vor allem Led Zeppelin in Verbindung gebracht und blieb bis Anfang der 1970er Jahre vor allem in Großbritannien im Einsatz. Black Sabbath, die aus der gleichen Birminghamer Szene wie Robert Plant und John Bonham stammten, wurden ebenfalls häufig als Heavy Rock eingestuft. (Für kurze Zeit galt Black Sabbath auch als Prog-Rock. Frühe Konzertplakate für ihre Auftritte auf der Insel im Jahr 1970 benutzten diesen Slogan, und auf ihrer ersten US-Tournee eröffneten sie für Yes, eine Progrockband der Extraklasse.)

“Heavy” referenzierte den Klang der Musik – die lauten E-Gitarren und Bässe, und auch das knackige Schlagzeugspiel. Aber “heavy” war auch ein Wort, das von der Jugend der 60er Jahre stark benutzt wurde. Es bedeutete „tief“, „bedeutungsvoll“ oder einfach nur „gut“.

Hard Rock war ein weiterer Begriff, nicht so sehr für ein Genre, sondern für einen weiten Bereich der Rockmusik, der den Blues-Rock als gemeinsamen Nenner hatte. Wenn eine Band mit E-Gitarren und Bass und einem großen Schlagzeug nicht an ein bestimmtes Genre wie Psychedelic Rock oder Heavy Metal gebunden war, wurde sie in diese breitere Kategorie eingeordnet.

Ein weiterer Genrebegriff, der vor allem in den USA für Sabbath, Grand FunkBloodrock und andere verwendet wurde, war “Downer Rock”. Diese Bezeichnung wurde von Kritikern auf verschiedene Weise verwendet. Zuerst wurden die Texte der unter der Rubrik versammelten Bands als Antipoden des hoffnungsvollen Happy-Hippie-Verhaltens angesehen. Tatsächlich konzentrierten sich diese Bands auf die dunkleren Wahrheiten der Realität, wie Krieg und Tod. Eine zweite Referenz für “Downer” war die Tendenz einiger Fans dieser Bands, Barbiturate wie Seconal und Quaaludes (‘ludes) zu verwenden. Diese sedierenden oder beruhigenden Medikamente waren allgemein als “Downers” bekannt.

Das Rolling Stone Magazine machte den Genrebegriff durch ein Feature vom Oktober 1971 mit dem Titel: “Twelve Homesick Hours with the Princes of Downer Rock: How Black Was My Sabbath” populär.

„Downer“ bezog sich in diesem Fall nicht auf Drogen; das Publikum wurde als Bier trinkend beschrieben und auch

“der Geruch von Drogen und dampfenden Körpern umhüllte jeden mit einer feuchten Wolke, die sich mit der Musik und den Worten vermischte, als Ozzie auf der Bühne schrie und seine Faust in der Luft schüttelte, während er auf und ab sprang”

Der Downer Rock im Titel des Artikels bezog sich auf die Texte der Band. Alle Texte der eisenharten Rock-Songs enthalten Bilder einer zum Scheitern verurteilten Welt, die Frustration des einzelnen Menschen, Atomgezeiten, und durch all das hindurch hört man das Lachen des Teufels. All dies zu schmerzhaft lauter und dreckiger Musik. Das Publikum liebte es.

Es war “Downer Music”, nicht “Heavy Metal”, was Bangs in seinem oft zitierten (aber von allen falsch gelesenen) Artikel über Black Sabbath in Creem 1972 verwendete:

„Das Publikum, das endlos sowohl nach dem knochenrüttelnden Klang als auch nach jemandem suchte, der die gegenwärtigen sozialen und psychischen Traumata ins rechte Licht rückt, fand das alles in Black Sabbath. Sie besaßen eine dunkle Vision der Gesellschaft und der menschlichen Seele, die aus schwarzer Magie und christlichem Mythos entlehnt war; sie schnitten direkt in das jugendliche Herz der Dunkelheit mit obsessiven, erdrückenden Klangblöcken und “Worten, die direkt zu deinem Schmerz führen”, Worte, “bei denen es kein Morgen gibt,” wie Ozzy in “Warning” von ihrem ersten Album sang. Die Kritiker antworteten fast einstimmig, indem sie sie sie als “Downer Music” verurteilten.“

Bangs war hier schüchtern und schien sowohl für als auch gegen den Sabbat zu sein. Doch er erkannte das Vorurteil des kritischen Establishments, dessen zentrale Figur er wurde, und vermittelte ein drittes Verständnis des Wortes “Downer” – ein Versagen.

Was ist der Name Heavy Metal? Die Musik, die mindestens in den ersten zwei Jahrzehnten unter dem Namen “Heavy Metal” zusammengefasst wurde, zeigte eine Reihe von Eigenschaften und Sensibilität. Diese Musik würde zwar unter anderen Namen genauso klingen, aber wäre sie auch ohne diesen Begriff “Heavy Metal” zusammengefasst worden? Genres schließen aus und schließen ein. Wäre die gleiche Musik zusammengetragen worden, wenn der Begriff “Downer Rock” statt “Heavy Metal” gewesen wäre? Oder einfach nur “heavy rock”?

Zunächst einmal besitzt Heavy Metal das Wort “heavy”, mit all den Konnotationen und Erkenntnissen, die dieses Wort im “Heavy Rock” als Genre-Namen hatte. In gewisser Weise ist Heavy Metal so etwas wie Heavy Rock, aber mehr noch. Und dieses mehr ist natürlich der “Metal”.

Das Wort “Metal” selbst hatte in den späten 60er bis mittleren 70er Jahren mehrere Konnotationen. Viele benutzten “Metal” als Beschreibung eines Klangs. Sie bezogen sich wahrscheinlich auf den dichteren, harmonischeren Klang verstärkter E-Gitarren und benutzten das Metall der Gitarrensaiten als Metonym.

Die Verbindung von “heavy” und “metal” kam natürlich nicht aus dem Nichts. Es hatte zu dieser Zeit bereits in anderen Kontexten Geltung, und diese wurden von einigen, einschließlich der Kritiker, in der Rockwelt aufgegriffen.

Bonfire, der Songwriter von “Born to be Wild” und Kritiker Mike Saunders sagten beide, dass sie den Ausdruck aus ihrem Wissen über das Periodensystem der Elemente nahmen. Es ist schwer vorstellbar, dass einer von ihnen an ein bestimmtes Schwermetall dachte (Kobalt, Kupfer, Mangan, Molybdän, Vanadium, Strontium und Zink, Quecksilber, Blei und Cadmium). Wahrscheinlicher war es, dass sie an Stahl oder seinen Rohstoff Eisen dachten. Eisen ist laut Chemikern nicht Teil der Schwermetallfamilie; es gehört zur Gruppe der Übergangsmetalle. Aber für Metalheads, besonders in den 1970er Jahren, war eindeutig Eisen das echte Metall, das ihr Genre darstellte. So viele der Fans der ersten Jahrzehnte kamen aus den metallverarbeitenden Bereichen – Eisenbergbau, Schmelzereien, Schmieden, Kohlebergbau, Automobilproduktion – der britischen Midlands um Birmingham, die unter anderem Black Sabbath und Judas Priest hervorbrachten, und den Industriegebieten Nordbritanniens und in den USA um Detroit.

Betrügerische Sippschaft

Es ist ja durchaus so, dass man heutzutage grundsätzlich nicht mehr von guter alter Qualität ausgehen kann. Qualität ist eines der Dinge, die der Moderne zum Opfer gefallen sind. Das ist beileibe nicht das Einzige, aber das am meisten Vermisste unserer Nullzeit. Damit muss man leben. Dass ich jetzt aber, bei einem Probedruck an eine Druckerei geraten bin, die ihre Kunden abzockt, damit konnte ich nicht rechnen. Das ganze Gewinsel nützt natürlich gar nichts. Ich hätte weniger auf die preislichen Verlockungen setzen sollen als auf das Altbewährte, das ich schon seit Jahren kenne. Und eben dort habe ich jetzt einen weiteren Probedruck in Auftrag gegeben. Mittlerweile bin ich heilfroh, wenn die Miskatonic Avenue durch ist und habe beschlossen, erst einmal nichts mehr in dieser Richtung zu planen. Das ist natürlich der Blues nach einer Menge Arbeit, die vermutlich in keinem Verhältnis steht.

Robert Johnson – Crossroads

Die größte Mythe der Musikgeschichte stammt aus dem Blues. Unter den Delta-Blues-Musikern der 30er und 40er Jahre sind einige der wichtigsten und doch schwer faßbaren Figuren aufzufinden. Unabhängig davon, ob man jemals Robert Johnsons musikalisches Vermächtnis gehört hat, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, daß man zumindest diejenigen kennt, auf die er einen gewaltigen Einfluß ausübte: Led Zeppelin, The Doors, Eric Clapton und unzählige andere.

Er starb mit 27 und begründete damit eine andere Legende: den Club der 27er, dem so illustre Persönlichkeiten wie Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse angehören. Die Ursache seines Todes sowie die Lage seines Grabes sind unbekannt, über sein Leben ist so gut wie nichts bekannt – es gibt allenfalls einige Anekdoten von Musikern, die mit ihm spielten, als er das Land durchstriff – aber es existieren zumindest drei Fotografien von ihm. Es kommt also einem Wunder gleich, daß gerade Robert Johnson den Mittelpunkt des größten Mythos der gesamten musikalischen Landschaft bildet.

Die Legende besagt, daß der junge und verarmte Robert, der auf einer Mississippi-Plantage wohnte, seine eine wahre Sehnsucht entdeckte: ein Meister des Blues zu sein. Leider war er damals ein mittelmäßiger Musiker. Eine dunkle Gestalt, die von seine Notlage hörte, empfahl ihm, mit seiner Gitarre um Mitternacht zu den Dockery Plantation Crossroads zu gehen. Allerdings mußte es eine mondlose Nacht sein. Dort traf Johnson an der Kreuzung den Teufel in Gestalt eines großen schwarzen Mannes, dem er die Gitarre gab und der ihm damit eine wahre Spukmusik um die Ohren blies. Als der Mann die Gitarre an Robert zurückgab, fand dieser heraus, daß er die volle Beherrschung über das Instruments hatte. Natürlich zum allseits bekannten Preis, denn den Teufel bezahlt man stets mit seiner Seele.

Bei solchen Legenden ist es ungemein schwierig, eine Quelle auszumachen, aber es ist wahrscheinlich, daß sich die Geschichte bildete, als Roberts Talent und Musikalität innerhalb kürzester Zeit zu einer Meisterschaft avancierte, die sich niemand erklären konnte. Von seinem plötzlichen und scheinbar unerklärlichen Fortschritt verstört, begannen die Einheimischen zu behaupten, er müsse seine Seele an den Teufel verkauft haben. Es ist aber möglich, daß Robert Johnson von den Einheimischen bereits als eine verdammte Seele mit einer Tendenz zum Makaberen angesehen wurde. Außerdem ist bekannt, dass Johnson und seine Freunde häufig spät in der Nacht auf Friedhöfen spielten, vermutlich weil es dort still war und sie wußten, daß sie dort von niemandem belästigt wurden. Die geheimnisvollen Umstände von Roberts Tod spielen natürlich ebenfalls jenen in die Hände, die an den Crossroads-Mythos glauben.

In der “Sandsteinburg” nehmen die Lines des Textes eines der vielen Grundmotive ein

Dennis Etchison: Metahorror

Dennis Etchison tut gut daran, in seinem erfrischenden Vorwort die herausragende Rolle der kurzen Erzählung für den phantastischen Literaturbereich herauszuheben und merkt an, dass die Tendenz der Leser zum Roman eher plakativ und verlags-, das heißt marktgewollt ist. Tatsächlich sind Romane meist breitgewalzte, vormals gute Ideen – oder es sind mehrere Kurzgeschichten, die aneinandergekettet und hingepuzzelt werden.

Etchison lässt Tennessee Williams zu Wort kommen: Es kommt auf die Konzentration an. Das Furchtbare muss komprimiert dargestellt werden. Das hatte ähnlich bereits Edgar Poe gefordert und erläutert das in seinem hervorragenden Essays “The Poetic Principle” und “The Philosophy of Composition” mit der Einheitlichkeit des Effekts:

“Und es liegt auf der Hand, dass solche Einheitlichkeit nimmermehr durchgehalten werden kann in Werken, welche nicht in einem Zuge zu Ende gelesen werden können.”

Wie man auch immer heutzutage dazu Stellung bezieht, steht es für mich außer Frage, dass eine Kurzgeschichte das wahre Talent nicht verbergen kann, dass sie die Paradedisziplin der ganzen Literatur darstellt, was nicht automatisch bedeutet, dass es keine Romane gibt, die es zu lesen lohnt.

Hier haben wir eine Anthologie vor uns, deren Herausgeber also Dennis Etchison ist, bei uns – wie sollte es anders sein – relativ unbekannt, auffällig geworden höchstens durch Blut & Küsse (1990). Hier hat er also 21 Storys zusammengetragen, die die phantastische Literatur zu diesem Zeitpunkt (1992) repräsentieren.

1. Teil : Etwas ist geschehen

1. The Blues and the Abstract Truth ist ein Jazz-Album von Oliver Nelson aus dem Jahre 1961. Desweiteren ist es der Titel einer Story von Barry N. Malzberg, die er zusammen mit Jack Dann geschrieben hat. Beide Autoren sind mehr im Science-Fiction-Bereich tätig als in der phantastischen Literatur, dort aber sehr erfolgreich.
Von welchem der beiden Autoren nun die Jazz-Verweise in dieser kurzen Geschichte (dt. “Melancholie und die abstrakte Wahrheit“) ausgehen, ist leicht zu entdecken. In einem Interview von 2002 sagte Malzberg:

“Wenn Sie mich fragen, was ich liebe, werde ich antworten: Science Fiction. Ich denke, Science Fiction ist, gemeinsam mit Jazz, Amerikas großer Beitrag zur Weltkultur, genauso groß wie Jazz, genauso verschwenderisch und genauso wunderbar.”

Man könnte sagen, Melancholie gibt es, weil die Zeit vergeht und mit ihr die Dinge, die nur in unserer Erinnerung verbleiben. Wir könnten sagen, die abstrakte Wahrheit ist das, was wir erfahren, wenn wir plötzlich wissen, wo wir im Leben landen werden, der Riss, der uns in die Zukunft wirft. Anders: Malzberg & Dann sprechen Dich an. Sie sprechen natürlich auch Mich an. Zumindest fühle ich mich ertappt. Ein bisschen vielleicht.

*

2. Die folgende Erzählung würde ich als Midlife-Crisis-Horror bezeichnen. Sie  bedient sich (wie die erste Story in Teilen auch) der eigenwilligen Erzählhaltung des “Du” (Zweite Person).
Dreimal nominiert für den Bram Stoker Award in der Kategorie “Short Story” als Autor, und viermal für den Hugo Award als Herausgeber, hat Scott Edelmann mehr als 75 Kurzgeschichten verfasst, die in Magazinen wie “Twilight Zone” erschienen sind und deren Auflistung hier zu nichts führen würde, weil sie bei uns völlig unbekannt sind. Bekannter hingegen sind seine Arbeiten für Marvel Comics wie Captain America oder X-Men.

Die Geschichte, um die es hier geht, heißt “Are you now?” (dt. “Sind Sie oder waren Sie?“), ein starkes, literarisches Stück, das in der McCarthy-Ära positioniert ist und in jedem Satz Anspielungen enthält, die man nicht ohne weiteres versteht, wenn man nicht genau weiß, um was es da ging. Hierzulande dürfte die Kenntnis über diese dunkle amerikanische Zeit, in der sich Freund gegen Freund wendete und viele Künstler zum Schweigen gebracht wurden – alles unter dem Banner der Hetzjagd gegen Kommunisten in den USA – noch viel weniger im Gedächtnis präsent sein als in den Staaten selbst. Scott Edelman vergrub sich in Bücher über jene Zeit und beschäftigte sich mit den Anhörungen, in denen sehr oft die ominöse Frage “Are Yo Now?” auftauchte (was in der deutschen Übersetzung ohne Fußnote kaum einen Sinn ergibt.)

3. Lawrence Watt-Evans ist bekannt für seine Fantasy-Sagas wie die “Die Herren von Dus”. Da ich derartige Literatur kaum lese, kann ich dazu nichts sagen. Für die phantastische Literatur ist möglicherweise “The Nightmare People” interessant, das aber nicht in Übersetzung erhältlich ist.
In der von James Turner herausgegebenen Sammlung “Spur der Schatten. Neue Geschichten aus dem Cthulu-Mythos” (Bastei/Lübbe) taucht Watt-Evans mit der Verwurstelung von Lovecrafts “Pickman’s Modell” unter dem Titel “Pickman’s Modem” auf. In “Metahorror” bleibt “Stab” (dt. “Ein Stich“) eine der schwächeren Geschichten um einen Mörder, der mit seinem in jungen Jahren ausgeführten Todesstich davongekommen ist und ihn nicht vergessen kann.

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4. Auch Richard Matheson hat eine sehr knappe Erzählung beigesteuert, “Mutilator” (dt.”Verstümmler“) genannt. Seine Arbeiten seit “I am Legend” sind mehr oder weniger durchwachsen. Er legte stets mehr Wert darauf, mit dem Strom zu schwimmen, was ihn auf den Science Fiction-Boom der 50er Jahre aufspringen ließ und schließlich auch zum Film brachte (unter anderem schrieb er die Star Trek Folge “The Enemy Within (1966).
Anne Rice konstatierte Mathesons Novelle “A Dress of White Silk” als frühen Einfluss, durch den sie auf phantastische Literatur überhaupt aufmerksam wurde. Und Steven Spielberg steckt ihn in einen Topf mit Bradbury und Asimov.
Wie dem auch sei, “Verstümmler” hätte sich Etchison für diese Anthologie sparen können.

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5. Die hochdotierte Autorin Joyce Carol Oates, die aus irgendeinem Grund den Literaturnobelpreis noch nicht gewonnen hat, hat mit “Martyrdom” eine harte Geschichte geschrieben, die auch von Jack Ketchum stammen könnte, wäre er ein besserer Autor. Die Erzählung trifft hervorragend die Definition von Oates Auffassung einer Horror-Geschichte:

“Sie besitzt immer eine stumpfe Körperlichkeit, die keine erkenntnistheoretische Exegese auzutreiben vermag.”

Und:

“Wir sind gezwungen, sie schnell zu lesen, mit einem steigenden Gefühl des Schreckens.”

Dieser “Schrecken” kommt in Form zweier parallel verlaufender Erzählstränge, die am Ende aufeinander treffen.
Im ersten wird mit dem simulierten, dumpfen Bewusstsein einer Ratte die Jagt auf diese Spezies, die Folter im Labor usw. dargestellt. Im zweiten geht es um eine junge Frau, die von Geburt an nur als Lustmädchen betrachtet wird. Die Begegnung dieser beiden ist nicht nur ein symbolischer Klimax.

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6. Kim Antieau hat mit “Briar Rose” (dt. “Heckenrose“) ein poetisches Stück geschaffen. Einer Parabel gleich wird einer jungen Frau, die ihre Erinnerung verloren hat, diese von einem mysteriösen Tätowierer auf die Haut gestochen. Gleichermaßen zeigt diese Geschichte eine Katharsis auf, als die über und über tätowierte Frau ihre schmerzhaften Erinnerungen an ihr Leben in Form ihrer Haut wieder verliert. Auch sie hat einige Beiträge zu “Twilight Zone” geliefert, ist darüber hinaus mehr für ihre Jugendbücher (Das Leuchten der Sternschnuppen) bekannt.

2. Teil : Noch lange hin bis zum Morgen

7. Höchstwahrscheinlich machte Lisa Tuttle‘s Kolaboration mit George R.R. Martin ihren Namen auch hierzulande bekannt (Sturm über Windhaven), wobei auch noch die Sammlung “A Nest of Nightmares” (dt. “Ein Netz aus Angst” – die Übersetzung zeigt sehr gut, wie unglücklich Verlage diesbezüglich agieren), zu erwähnen ist. Die Geschichte “Replacements” (dt. “Ersatz“) ist in dieser Sammlung allerdings nicht enthalten.
Tuttle, die eine bekannte Feministin und Herausgeberin des Sachbuchs “Encyclopedia of Feminism” ist, arbeitet in ihrem ganzen Werk vornehmlich mit starken Frauenfiguren.
In “Ersatz” geht es vornehmlich um die Unsicherheit eines Ehemanns, als seine Frau ihre Unabhängigkeit durch ein blutsaugendes Haustier stärkt. Tuttle sagte in einem Interview (Fantastic Metropolis):

“Das war meine erste Post-Natal-Story. Meine Tochter war gerade sieben Monate alt und ich musste mich in irgendeiner Weise mit meiner Mutterschaft beschäftigen. Denken Sie jetzt, was Sie wollen.”

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Ich selbst bin stets angetan von merkwürdigen Bildern. Ob es sich nun um “Das ovale Portrait” von Edgar Poe handelt, “Das Bild im Haus” von Lovecraft oder selbstverständlich um “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, bei dem man nur bedauern kann, dass er nur diesen einen Roman geschrieben hat.

8. Donald R. Burleson hat mit “Ziggles” ebenfalls dieses Thema aufgegriffen, zumindest am Rande (und nicht besonders originell). Ziggles ist der Name einer Bleistiftzeichnung, die zunächst zusätzlich auf Bilderrätseln auftaucht, um dann irgendwann – Überraschung! – lebendig zu werden.
Burleson ist Autor einer Lovecraft-Studie, in denen er 13 Geschichten mit Hilfe dekonstruktiver Methoden untersucht, taucht in die faszinierenden ethymologischen Labyrinthe ein, benennt die reichlichen Unklarheiten und die unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Aber das wäre dann ein anderes Kapitel.

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9. Ramsey Campbell fehlt fast in keiner Anthologie. Und deshalb natürlich auch nicht in dieser. Obwohl er als Lovecraft-Epigone anfing, gelang es ihm im Laufe der Zeit, eine eigene Handschrift zu entwickeln.
“End of the Line” (dt.”Am anderen Ende“) soll wohl etwas Humor transportieren, was aber bleibt, ist das recht chaotisches Surrogat einer möglichen Erzählung.

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10. Auch Karl Edward Wagner ließ sich von einem großen der “Weird Tales”- Fraktion inspirieren, nämlich von Robert E. Howard, und das gleich derart präzise, dass er sich Howards Figur Kane einfach aneignete und auch die Finger von Conan nicht lassen konnte. In den 70er und 80er Jahren galt Wagner als eines der herausragenden Talente der Phantastik, bevor er in den Alkoholismus abrutsche und schließlich dieser Sucht zum Opfer fiel. Did They Get You To Trade? (dt. “Tote sind das einzig Wahre“) ist durch diesen Hintergrund nahezu kryptobiographisch zu lesen. Es ist das Portrait eines alternden Punkrockers, der weiß, dass er seine Zeit überlebt hat.

“Jeder Künstler hat etwas in sich – etwas Einmaliges, Erstklassiges -, das er geben kann. Manche haben mehr, manche weniger; aber es ist immer nur eine begrenzte Menge.”

Diese Geschichte bekommt in Anbetracht Wagners späterer Umstände eine gespenstische Note, die dem Geschriebenen erst einmal nicht zu Grunde liegt.

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11. Der als stilistischer Perfektionist bekannte Science-Fiction-Autor M. John Harrison ist mit einer sehr rätselhaften und schier unergründlichen Erzählung vertreten, die “Gifco” überschrieben ist. Was Gifco ist, bleibt genauso im Schatten der Buchstaben hängen wie die ganze Geschichte. Paradox und komplex nennt das die Zeitschrift “Cemetary Dance”. Es gibt wohl wenige Autoren, denen man gerne über dreißig Seiten hinweg folgt ohne hinter den Sinn der ganzen Sache zu kommen. Gifco ist besser aufgehoben in der Sammlung “Things that never happen”, aus der sie entnommen wurde. Die Sammlung hat dabei den Vorteil, dass sie chronologisch aufgebaut ist und man die Herangehensweise und den Stil Harrisons, der aus Fixierungen und Kuriositäten besteht, so besser kennen lernen kann.

12. Als Whitley Striebers “The Wolfen” 1978 erschien, lieferte er einen Bestseller, an dem auch Hollywood nicht vorbei kam, als er in den 80er Jahren behauptete, von Aliens entführt worden zu sein und zwei Bücher darüber schrieb, erntete er selbstverständlich Spott. Man kann vieles sein oder behaupten: nichts davon hindert einen daran, ein guter Schriftsteller zu werden, ganz im Gegenteil ist Normalität eher hinderlich.
“The Properties of the Beast” (dt. “Eins mit dem Tier“) stammt von 1992 und spielt im Reich von Ken und Barbie. Nichts hindert daran, eine gute Geschichte zu erzählen, insofern man es kann. Bei Strieber bin ich mir nicht sicher.

3. Teil : Willkommener Tod

13. Thomas Tessiers “In Praise Of Folly” (dt. “Zum Lob der Narretei“) aus “Ghost Music and Other Tales” ist ein kleines makaberes Stück, das mit einem archaischen Ritus im alten Italien spielt, nur dass sich das Ganze auf amerikanischem Boden befinden, in einem verfallenen Miniaturpark nämlich. Die Geschichte ist außer in Metahorror ebenfalls in “Poe’s Children: The New  Horror” enthalten. Der Herausgeber ist kein geringerer als Peter Straub.

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14. William F. Nolan ist ähnlich wie Ramsey Campbell ein gern gesehener Gast in Anthologien (er soll in rund 200 davon vertreten sein). Er ist ein enger Freund Bradburys und wie dieser häufig mit Science Fiction beschäftigt. Bekannt wurde er durch “Logan’s Run”, der auch als Film adaptiert wurde (Flucht ins 23. Jahrhundert).
“The Visit” (dt. “Der Besuch“) dreht sich um die Befragung eines Serienkillers. Die Geschichte lebt von der Pointe des letzten Satzes.

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15. George Clayton Johnson ist der bekannte Drehbuchautor (unter anderem Co-Autor von “Flucht ins 23. Jahrhundert”) der die erste Star-Trek-Folge überhaupt geschrieben hat. Auch “Ocean’s Eleven” gehört zu seinen Werken. Interessanter sind seine Beiträge zu “Twilight Zone” und die Sammlung “All Of Us Are Dying”
“Phantastik, sagt er, “muss von etwas handeln, sonst ist sie einfach nur dumm. Es muss darin um die Menschen gehen, über die menschliche Art und Weise, muss einen anderen Blick auf die Unendlichkeit zulassen. Phantastik muss ein anderer Weg sein, das Paradoxe an unserer Existenz zu erkennen.
Johnsons Leben indes ist legendär: er wurde 1929 in einem Stall geboren. Vom Schicksal nicht gerade begünstigt, gab er seinem Leben selbst eine Form. Im Alter von 15 begann er als Schuhputzer. Später, in der Armee, war er Zeichner, und daran beteiligt, die komplizierten unterirdischen Leitungssysteme des Panamalkanal zu kartographieren. Ab den 50ern konzentrierte er sich auf die Arbeit als Schriftsteller, und das führte zu der ungeheuerlichen Geschichte eines Casino-Bankraubs in Las Vegas.
Die Erzählung “The Ring Of Truth” (dt. “Der Klang der Wahrheit“) ist in dieser typischen Twilight-Zone-Manier geschrieben, lebt daher natürlich ebenfalls von der Pointe.

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16. David Morrell ist natürlich der Vater von Rambo, von dem wirklich jeder halten darf, was er will.
“Nothing Will Hurt You” (dt. “Keiner wird dir etwas tun“) ist solide Massenkost, vor allem etwas zu dick vorgetragen hat die Story atmosphärisch nichts zu bieten. Der ‘Twist’ ist schnell durchschaut und wird so penetrant angekündigt, dass man der Meinung sein könnte, Morrell dachte wohl, der Leser würde sonst nicht begreifen, was vor sich geht. Im Grunde ein typischer Vielschreiber-Text, mit dem ich nicht viel anzufangen weiß.

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17. Die mehrfach ausgezeichneten Geschichten von Steve Rasnic Tem sind auf deutsch nie erschienen. Auch er ist ein Opfer unserer kruden Verlagslandschaft, obwohl es ihn selbst wahrscheinlich kaum stören wird. Oft wird seine Arbeit mit Ray Bradbury und Shirley Jackson verglichen, ohne jedoch epigonal zu wirken. Ganz im Gegenteil fährt Tem ein Sammelsurium auf, das gerade richtig gelegen kommt für den Kenner der ‘weird fiction’. Empfehlenswert wäre der Roman ‘Deadfall Hotel’, und wer sowieso seine Bücher in Englisch liest (was anderes bleibt ja kaum übrig), wird hier richtig bedient. “Underground” (dt. “Unter der Erde“) ist die Geschichte, in der sich die Erde, dem Meer gleich, eine Stadt zurückholt. Der Geschichte fehlt entschieden etwas an Kraft, um wirklich erstaunlich zu sein, dürfte daher kaum mehr als eine Gelegenheitsarbeit sein, betrachtet man seine anderen Arbeiten.

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18. Robert Devereaux arbeitet in “Bucky Goes To Church” (dt. “Bucky geht zur Kirche“) mit einem gedemütigten Teenager, der die halbe Stadt ausmerzt. Das ist aber nicht der Clou der Geschichte, der vielmehr darin besteht, was geschieht, nachdem er selbst von der Polizei niedergestreckt wurde. Das ist durchaus eine philosophische Überlegung wert.
Devereaux versichert, dass die Phantasie die Pflicht habe, all die bösartigen Orte so gut wie möglich zu beschreiben. Ebenso die Charaktere mit ihren Marotten, Macken und Extremen.

Die schön gemachte Ausgabe, die im Original 1992 von Donald M. Grant als Sonderedition herausgegeben wurde, besticht nicht zuletzt durch die Unterschriften aller darin enthaltener Autoren. 2009 lag der Sammlerwert gerade mal bei 79.99 Pfund Sterling. Das dürfte sich bis heute mehr als verdoppelt haben.