Ich bin die Nacht – 6 –

Ein aberwitziger Gestank lag in der Luft. Das laute Surren der Fliegen, die alle Farben, alle Größen angenommen hatten, kam direkt aus dem Fegefeuer. Lucki öffnete seinen Lippenring, um zu kreischen, wie es alle Kinder tun, die ihren älteren Bruder ohne Innereien an einen Baum gefesselt zu sehen bekommen. Eine von Rolands Krallen zuckte reflexartig nach oben, traf Luckis rotes O, und brachte das hohe Gilven abrupt zum Verstummen. Ein launiges Echo trat aus dem Wald, verzog sich aber schnell wieder ins Gebüsch. Lucki wollte gerne seinem Fluchtinstinkt folgen, aber er würde für alle Zeiten hier angewurzelt stehen bleiben, zu einem Baum werden, dem man nach einigen Monaten nicht mehr ansah, dass er vor kurzem noch ein fünfjähriges Kind gewesen war. Im Wald der Monumente, Sagen und Legenden. Das sieht doch aus wie … also, mit etwas Phantasie …

»Gehen wir näher ran!«, sagte Roland, fasziniert vom Keim seiner eigenen Panik, die sich, noch nicht richtig erwacht, irgendwo in der Nähe seiner Knie räkelte. Lucki schüttelte den hellblonden Kopf, so schnell wie es einem jungen Baum überhaupt möglich war. Es stank wirklich erbärmlich.

Die Nacht ist ein Zauberer, gleichzeitig ist sie der Theatervorhang, der sich hebt und die Scheinwerfer auf das fallen lässt, was sie auf der Bühne schon vorbereitet hat. Wegen ihr kommen die Zuschauer in Scharen, wegen ihr zahlen sie jeden Preis. Die Nacht spricht durch Symbole, nie benutzt sie ihre eigene Stimme. Sie imitiert Ängste und verdrängt Gelüste.

Roland packte Luckis Arm und zog ihn mit sich, drei Schritte legte er stolpernd zurück, bevor seine Motorik wieder einrastete. Er leckte sich hektisch über die Lippen, schmeckte das Blut, das aus einer kleinen Wunde floss.

Früher Morgen. Gegen Mittag würde der Gestank die ersten Häuser erreichen, vorausgesetzt, der Wind stand günstig. Niemand würde sich wundern, weil es hier doch ständig nach verbranntem Fell roch. Zum einen wegen der Schlotauswürfe des nahen Böhmerlandes, zum anderen, weil die Nasen von der Katzenscheißefabrik in Beschlag genommen wurden, die Kunststoffbottiche und Schiffsteile herstellte. Netzsch Kunststoff GmbH. Der Geruch nach süßem Blut wurde stärker. Das Gekröse glitzerte auf dem Boden, begleitet von einem wilden Fliegenbrausen. Helmut hing schief im Seil, das seinen Körper mit der Esche verband. Der Kopf war nach vorne gefallen. Ein halb geronnener Blutfaden hing aus seinem geöffneten Mund, seine Augen waren weiße Murmeln. Noch näher wollte Roland nicht zu dieser bizarren Installation aufrücken.

»Das waren Wölfe!«, flüsterte er und folgte damit den Gerüchten, die von der Witwe Gräf im ganzen Sechsämterland gestreut wurden. Doch welche Art Wolf hatte ihm die Zunge mit einem Messer abgetrennt und den Bauch mit einer Säge aufgerissen? Die rostigen Partikel schimmerten so zahlreich, dass man von einem wahren Eisenschauer sprechen konnte. Wegen des vielen Blutes fiel das nicht sofort auf. Roland beugte sich hinab, um in das sich ihm durch diese Bewegung erschließende Ohr zu flüstern: »Du rennst jetzt so schnell wie möglich nach Hause und sagst, dass Helmut von den Wölfen gefressen wurde. Ich bleibe hier und warte auf euch.«

Lucki nickte wieder heftig und war dann so schnell verschwunden wie ein Hundertmeterläufer nach dem Startschuss. Roland sah ihm eine Weile nach, wie er über die Lichtung wetzte und dann auf einem Trampelpfad im Grünen verschwand. Sofort setzte die Bestürzung wieder ein, die jetzt schon in die Nähe seiner Hoden gekrochen war, verengte seine Augen zu Schlitzen, weil sie zu Tränen begannen, und blickte sich um. Er hatte es auf Helmuts Kleider abgesehen, die er fein säuberlich zusammengelegt etwas abseits entdeckte. Er hoffte, dass er die Münze dort finden würde. Du musst dich jetzt zusammenreißen! Nichts tut dir etwas, alles ist bereits getan.

Sterntaler

Der Knecht auf dem Boden : schraubt mit der rechten Hand am Traktor herum, seine linke hält den klobigen Becher zu ihr hoch, würdigt sie keines Blickes, wie sie die Kanne schwenkt, um die Butter wieder unter die frische Milch hüpfen zu lassen. Keines Blickes, bis sie die Milch über den Rand der Kanne, am hingehaltenen Becher vorbei zwischen seine Hosenbeine schwappen läßt. Ssch. Und er dann hochschaut, den Becher senkt, dann hochschaut, überrascht, ihr völlig dämliches Gesicht ganz rot. Sie schielt und ihre Zähne stehen vor wie ein Schwellenreißer, den eine Zunge anhebt, die im Saft geschlafen hat. Unverändert steht sie da, die Kanne zum nächsten Guss bereit, leicht schief, und leckt sich die Werkzeuge : »Kannst’u nicht aufpassen!«

Da hockt er sich hin und streift mit der Hand die Flüssigkeit, die sich nicht mehr wegstreifen läßt, und es sieht aus, als wäre der Fleck nicht von außen, sondern von innen entstanden. Sie ist ganz in der Ruhe, überlegt, ob sie noch einen Schwenk dazu nutzen soll, ihm begreiflich zu machen, daß es kein Versehen war. Sie hätte einen Topf auch von einem Dach aus treffen können, bei diesem ständigen Umgang mit den Dingen, die ihr aufgetragen, eingeschrieben waren.

»Du mußt die Hose ausziehen.«, nuschelt sie.

»Ich kann nicht, wir müssen fort von hier und der Fendt ist unsere einzige Mö-Möglichkeit. Ich muß ihn reparieren, die Bauersleut’ verwesen schon, die Fliegen kommen!«

Das Dorf unter der Totendecke der Rabentiere.

Der Wanderer wäre gerne noch einmal zum Hof zurückgegangen, die nun aufgehängte Magda anschauen, ihre Füße, die in der dreckigen Milch baumeln, die Milch voller Fliegenlarven, das Zweifeuerhaus aus Holz, Lehm und Roggenstroh, die Erde öffnet den Mund für die Kälberspeise, die neben den Eimer leert, dem Euter mit einem Schmatzen entwunden von Händen, die sich nachts selbst betitten oder den Knecht im Stroh, schnaufend die Fliegen aus der Schweißpfütze im Gesicht wedeln. Eine platzt an ihrer Stirn. Auf den Wiesen reiten sie mit Rindviechern, tanzen den Hummeltanz.

»Leck die Milch aus meiner Dose!«

Und Brann fällt auf die Knie.

»Du mußt die da erst reinschütten, du Dummbartel!«

Brann glotzt sie kurz an, erhebt sich dann wieder und hastet zum Bottich mit der Milch. Magda legt sich derweil Stroh unter den Hintern, hebt Schürze und Rock und probiert mit zwei Fingern ihre Spannweite. Brann läßt den ersten Eimer, den er aus der Milch zieht, fallen, und flucht, den zweiten hat er sicher. Vor ihrem hochgelupften Unterleib bleibt er stehen und grunzt, starrt ihr aufgerissenes, haariges Loch an und schüttet ihr dann den ganzen Eimer darüber. Magdas Beine fahren im Reflex zusammen, sie springt auf, keucht Worte hervor, die er nicht kennt. Die Idylle endet abrupt, als die Fänger den Hof erreichen. Die Stadt wuchert am anderen Ufer entlang, zieht sich in die Länge wie ein Lindwurm. Dort verstecken sich die apokalyptischen Fänger, die Flure bereinigen, Blut trinken vor den toten Augen der Entleibten. Sie braten sich Lebern und johlen, daß nun alles ihnen gehöre. Sie mußten einst in den U-Bahn-Schächten hausen: vorbei. Sie mußten sich unter die Erde stehlen, aber jetzt, jetzt sind sie zurückgekehrt an die Oberfläche. Die Bomben der Sieger zerfetzen das Fleisch.

»Es ist wie im Krieg!«

»Es ist Krieg!«, sagt der Wanderer. Also nicht die Treppe.

»Wir sollten gehen!« Sie wie ein Flageolett.

»Wir können die Treppe nicht betreten, ohne durch den Einschusskorridor gesehen zu werden. Wenn sie uns erwischen, trinken sie uns aus!«

Das ist Dunkelheit, Nachtwüste oder Ruinenlicht. Die nächste Detonation, aber nicht hier. Beim Einfall der Dänen schnitten sich die Töchter der Engländer die Nasen ab, um durch diese Entstellung ihre Keuschheit vor dem Ungestüm der Soldateska zu retten. Aber das will sie nicht. Sie sieht auf ihre zerschlagene Uhr, überlegt, wie sie überleben soll, aber sie wird, sonst gäbe es den Wanderer nicht. Ihr Gesicht ist die Erde, als sie noch Scheibe war, Vulkannüstern, Augenozean. Schon müde, der erste Fisch kriecht an Land, denkt : Ich bin, also bin ich.

Es gibt Menschen in Hülle und Fülle, aber keine Nahrungsmittel. Die Fänger vor der Fabrik pressen plärrende Trauben aus, Maische in den Gassen zahnskulpturener Bauwerke, Trester in Gruben, die Hitze nimmt zu, es ist Nacht. Das ist bereits der Wahn in ihr. Wer erben will, muß den Leichnam aufessen. Von der Herde, die du verfolgst, bist Du ein Teil. Die Straßen tragen Regenschirme, die Dunkelheit bedeckt ihr Gesicht. Die Häuser sind des Wanderers eigene Organe, die Gassen wachsen wie sein Haar aus ihm heraus, verschwinden in perlenden Knoten. Hinter den Türen lauern die Verheißungen des Unbekannten, diese einzigen Sehnsüchte. Öffnet man sie unbedacht, bekommt das Düster eine Gestalt wie im Märchen, dem schönen Alptraum. Der Herd, die Sterntaler, ein erfrorener Hund. Mit Zauberhänden. Der Atem duftet nach Orangenpastillen. Nachtfahrt durch die Katakomben-Haut; stillgelegte Gleise begleiten das unstete Flackern der Lider, biegen sich hin zu verräterischen Horizonten, verschwinden im somnambulen Getümmel aus Stahl, Glas, erschrecklichen Gebärden, die Uhren ohne Takt, digitale Lieder ohne Seele kakophonieren in die Ferne, langsamer als das schwache Licht der reglementierenden Ampeln. Nachtstaub. Augen ein willkommener Gruß, das mutierte Erzeugnis des blinden Flecks. Dreidimensionale Augen, hintendran ein Batzen grauer Verbindungen, ein Knäuel, das fettig schmeckt.

Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert : Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.

Das Dorf der Aussätzigen und Leprakranken, die alle Fragen beantworten können und die jedes Geheimnis wissen. Sie sind unheimlich anzuschauen und schwanken wie Bojen in Kapuzen auf dem Meer. Sie wissen alles, doch sie sind krank und verrückt und verlangen ein Opfer als Bezahlung.

Ödmarken der Dunkelheit

Die Städte sind Wunden, eine ist so gut wie die andere. Sie bluten nicht, sie verwesen. Niemand ist imstande, sich vor den Fängern zu schützen. Der Geruch ist unbeschreiblich.

Aus den Trümmern herauslugen : rechts eine Anhäufung aus Staub, sieht aus wie Vogelsand, darin winden sich noch Mauerreste, die Straße ist nur eine zerhackte, schwärende Schlange, vor langem schon gestorben. Sie stutzt, verzögert den Schritt, sieht ihn aber nicht im Schatten des Mauerwerks stehen.

Der Wanderer versucht, leise zu sein. In dieser Welt ist alles still, wenn es nicht gleich tost. Er kommt einen Schritt aus der zerfetzten Häuserecke heraus, hellblau ihr Kleid, ihre Schürze vielleicht weiß, alt, wie gefunden, von den Toten gespendet, ihre honigblonden Haare drängeln sich in ihr Gesicht. Sie entledigen sich von selbst dem Zopfband (nicht zuverlässig gebunden, die Eile …)

Sie stutzt erneut, bleibt vorsichtig aus gutem Grund.

Von Ferne : Rufen. Ein weiteres Haus stürzt ein.

Sie tauchen nebeneinander in die Gasse, der Himmel ein grässlicher Ozean, aufgesperrter Schlund mit Zähnen, Schilder quietschen, rostige Rinnsale öden aus geplatzten Leitungen, Reste.

Wir sehen die Gespenster nicht, weil unser Überleben nicht davon abhängt, sie zu sehen. Außerhalb unserer Subjektivität spielt die Welt ihr eigenes Spiel, wahrgenommen nur von wenigen, die es sich leisten können, die Welt zu erfahren, wie sie unabhängig von unserer Naivität existiert.

Er hilft ihr mit dem Kleid, die Strümpfe schön dreckig, um sie herum weitläufiges Dunkel. Wir träumen die Welt, sie ist so flüssig; denken uns Schulen im Schlick. Das Land erkriechen, vor Räubern fliehen, sich paaren, Nahrung suchen. Nichts hat sich verändert, nur der Ozean will uns nicht zurück. Wir tun uns zusammen zu Familien, die eigene Urzellenbrut.

Dort, wo er sie verließ, wie die Blumen das Meer nicht berühren, schob er sich während des Schlafes über die nachtgrünen Wiesen, eine sanftblaue Stille verdeckte den Rand des Waldes. Er schwebte über die Telefonmasten hinweg, sah das Hängemanöver der Leitungen, die Drähte randvoll mit Stimmen, Bescheidsagungen, manchmaligem Schweigen, nur Atmen. Er geht ihr nach durch eine Sonnenscharte. Hier ist alles eingerissen, ein wimmernder Mund unter Fäulnis begraben. Er breitet aus, was er hat, eingewickelt in ein windiges Tuch : Margarine, etwas ranzig an den Seiten, aber auf einem Butterbrotpapier, Kipf Brot; wenn man die Rinde wegschneidet, eßbar; ohne Schimmel, aber hart, in Kornkaffee eingelegt : lecker; paar Gläser Jagdwurst und Schweinskopfsülze, eingemacht für die Ewigkeit, die sie ja jetzt gerade zu erdulden haben. Die Nacht zittert, die Metallblanken werfen Mond.

Der Wanderer sah sich immer gern die alten Filme an : Tarantula, Westworld. Diese Frisuren und Farben und alle rauchen. Gemessen an den Sternen sind wir nichts, aber Sterne sind wir ja selbst. Unsere Umlaufbahn ist das Verderben. Er träumte die Seele über die Dächer, über die Masten der Telefonleitungen, ein Glaspalast der schlafende Körper, der weiß, daß sein Erbauer schläft. Sie schluckt einen schweren Brocken Sulz, wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab.

Das ist nur ein Spiel, eine Theateraufführung. Leben bedeutet, in eine fremdartige Geisteskammer einzudringen, deren Fußboden das Spielbrett ist, auf dem wir ein unvermeidliches, unbekanntes Spiel gegen einen wechselnden und bisweilen grauenerregenden Gegner spielen. Von einem schlimmen Regen in einen schlimmen Sonnenschein, in der Wüste der Durst, im Bett die Wanzen, in der Stadt der Beton, alles, was wir einäschern, neu bauen.

Es gibt sie, diese merkwürdigen Orte, Ödmarken der Dunkelheit und der Kälte, die wie ein fauliges Geschwür unvermittelt in einer Landschaft auftauchen, dieser alles von ihrer Schönheit rauben. Starke Bilder, das sind wiederkehrende Bilder, Wiederholung liegt in der Natur, ohne daß sich das Wiederholte jemals gleicht.

In der Symbolik der Mythen ist die Einheit sowie die Wiederholung enthalten. Wir müssen also alles durchspielen können, aber das gelingt uns nicht, uns fehlt die Zeit. Nach dem Hunger, dem Durst, dem Dach über dem Kopf: die Suche nach dem Tod.

Die Luft tobt, Schall bricht sich. Sie beleckt das Butterbrotpapier unbeeindruckt.

Ich habe dich gesehen, auf dem Bauernhof heute morgen. Du bist gegangen, als ich ankam. Wo wärst du hingegangen, wenn ich dich nicht aufgehalten hätte?

Ich wäre gelaufen, soweit es eben geht. Blut schmeckt manchmal besser als Wasser, es schmeckt besser als Milch. Es fühlt sich an, nun … als könne man die Welt wirklich in sieben Tagen erbauen.

Jemand schreit um sein Leben, aber dann erstirbt die Stimme schon blubbernd, das Licht senkt sich herab. O Fortuna! Es zieht sie zu einem großen Spalt im Mauerwerk, um die Fänger von oben zu betrachten.

Grummetschober

Es detonieren Bomben, aber nicht hier. Mächtige Rauchwolken treten aus dem Tal, von oben schön zu sehen. Tinte trifft auf Wasser, nur umgekehrt. Das Cydonia-Gesicht wühlt sich aus dem Dunst heraus, bläht die Flügel, verendet in einem Golfschläger.

Die Milch : frisch und fett, euterwarm. Beinahe hätte der Wanderer sich erbrochen, beugte sich schon, die linke Hand in der Nähe des Magens tastend, in seiner Kehle schon Luft und Gas und Speichel, sowie ein wohliges Rülpsen. Dabei dachte er an den Turm, der zum Himmel stank, dachte an Raha.

»Raha«, wiederholt sie. »Nie davon gehört.« Schöpft die Milch aus einem hölzernen Bottich, den ein Fliegenvolk umkreist. »Und da willste hin?«

Ihre Wangen flüstern, fallen straff nach unten wie ihre kaum unter der Tracht verbarrikadierten Euter. Ist das etwa deine Milch? Wo um alles in der Welt sind die Kühe?

»Es gibt nicht mehr viel Orte, an die man noch gehen kann.«

18 Kühe hat sie noch zu betreuen und einen Knecht, der nicht ganz richtig im Kopf ist, sagt sie (aber wo sind die Kühe? Ist das etwa ihre Milch?). Ich beobachte sie, wie sie mich anstiert, die Augen zu treffen versucht, aber ihr Blick entschwindet, als ich nach Konserven frage.

»Sinn teuer, gibt nich mehr viel, aber was wird’s wohl noch geben. Soll ich nachschau’n?« Wischt sich die milchnassen Hände an ihrer Lendenschürze ab, die keine Flüssigkeit mehr aufnehmen kann. Ihre Hände bleiben naß, der Wanderer nickt und folgt ihr aus dem stinkenden Bau.

»Wo hast’n du die Grenze überschritten, wenn’s dich nich’ stört, daß ich so frage?«

»Ich weiß nicht, wohl im Schlaf; ich bin davon überzeugt, recht tief geraten zu sein.«

»Na wenn’d jetzt schlafen würd’st, wärst’d ja nich hier, also schläfst’d wohl nich!«

»Warum gehst du nicht fort von hier?«

»Hab ich versucht, bin wiedergekomm’n – und jetzt sinn alle annern fort, oder tot, nur die Kühe sinn mir geblieben, also melke ich se, mir fällt sonst nichts ein.«

»Aber wo sind denn diese Kühe?«

»Welche Kühe?«

»Die Kühe, ich sehe keine Kühe!«

»Die sinn nich’ immer da, aber’s sinn 18.«

Die Nasen blutiger Häuser. Das dem Mückenschwarm immanente Rätsel, ein ständiges Wogen und Anbranden der im Spiel Gezeichneten. Die Stärke der Unsichtbarkeit, die unfaßbar ist, nicht auf dem Verschwinden beruht. Der Schwarm teilt sich in Puls und Impuls, keine Choreographie ist mächtiger, entstellt die Sage von einem Frieden mehr. Dann steigt der Mond aus einer Wanne voll Blut, die abgeschliffene Heiterkeit verendet behend an der Acrylwand des einstigen Himmels. Hinter der Glasglocke leuchtet eine bräunliche Substanz, ein Türstock erscheint ohne Tür (der Winkel ist zu steil, als daß man etwas sehen könnte). Hinaus ins stille Weltenall.

Der Wanderer wäre gerne geblieben in diesem Schmuckstück, das seine Gäste in einem Fliegensaal beherbergt; Bett-Attrappen, ölige Maschinen, die gemolken werden wollen, um zu dieseln, der Erde Nutzen aufzuzwingen abseits des Gartens, der einst war.

Magda deutet auf ein Stirnrunzeln dort bei der Hecke, umzüngelt von stürmischem Gras und loser Wäsche : Zauber einer plötzlichen Erscheinung als ein Weg, sich an alle Geburtstage zu erinnern, von der Welt ist nurmehr Alkoholdampf übrig, ein Pferdehalfter an das Scheunentor genagelt. »Hier spielte ich mein erstes Blumenpflücken; dort«, ihre Finger flogen wie Würmer durch die Luft, »mein erstes Schuhebinden! Dorothea hat Kissenzeuch mit Federn gefüllt, die einem in die Wange piksten, meist günstig, weil man dann aufwachen gemußt hat, was man im Traum ja nich’ so einfach kann.«

Der Wanderer hört sich die Geschichte von den treulosen Träumen an. Er hat eine Vorstellung davon, was alles hier nicht geschehen ist.

»Dort sollten mir nichʼ rein sehʼn, hängen doch die Bauersleut’! Dabei wärʼ die Scheune voller Futter. Falls auf den Äckern nichts mehr wächst!«

Die Romantische Zeit : Ich möchte sie mir gerne vorstellen als den sensiblen Aufbruch des Geistes, der sich seiner Fesseln entledigt. Mir selbst ist das Licht der Gegenwart zu grell. Man geht bekleidet vor die Tür und kehrt völlig nackt zurück, weil die Umgebung mächtig gefräßig die Plünnen abreißt. Wenn man dann in ein Gemälde hineingehen könnte, Farb-Äste beiseite beugen (ein wenig ducken muß man sich schon, ein wenig in die Farbe tauchen). Rascheln alter Pinsel, die niemand mehr führt. Die Bewegung nur eine mathematische Gleichung. Ich bin eingeplant, ein X, eine Rune, Klamotten, die im Bild ich trage. Oder ich denke mir : Wenn ich so einen Garten hätte, in dem die Blumen zur Erdmitte hin wachsen, müßte ich niemanden absorbieren, um dieses Dorf zu konservieren.

Lacus mortis

Die Stunde vierteilt sich, der Mann mit der Axt, nackter Teint, die Warzen : übergroß das Instrument, der Richter.

Nicht in den Mantelsack der Nymphen fällt der Kopf, nicht aus dem Blute entspringt der Pegasus, der dünne Ölfilm einer Pfütze wirft das Bildnis einer Laterne zurück, immer wieder die Axt, auch die Laterne.

Er hatte keinen Schlüssel, er klingelte, er klopfte; doch der Torso öffnete nicht.

Wie der Traum die Eingeweide des Tages verwurstet (so sagt man, aber das ist natürlich nicht wahr).

Die Tische haben ihre eigene Unterhaltung, er betrachtet die Stuckverzierungen an der Wand, den orientalischen Teppich in der Mitte, die gedämpften Stimmen begleiten einen immer leiser werdenden Rhythmus, nichts darf sich bewegen, das Ocker der Wände. Das Höhlengleichnis spielt sich ab in diesem Raum, die Figuren, die Schatten spielen ein Theater der Formen, entwickeln Rebusse, versuchen, formloses Dasein zu beschreiben und die Welt als eine Litanei der Schatten wiederzugeben. Gesichter werden mit dem beschmiert, was an die Wand zu malen nicht möglich ist.

Er stürzt in die Dunkelheit mit einem Gefühl des Schwindels, der Schatten, die Nacht von lunarer Schönheit, das Gesicht hinter dem Schleier, geschlossene Augen voller absurder Schönheit, goldener Regen läuft durch eine Rinne (er) löst sich aus dem Brei des Anzugs; da müßte der Kopf noch liegen, der abgeräumte Lampenschirm (den seine Eltern schon in zweiter Ware erworben) mit dem teuren Purpur an der Borte, müßte die Enthauptete (oder die Gespaltene) wie ein Kleid, gefüllt mit Runkelrüben, über der Bettkante hängen, die Hände nach außen gestülpt, das Blut ein Sicker, kein Quell mehr, der sich durch die luftige Wiese formt, dann wieder eine quarkige Stille, dann wieder eine Zusammenkunft geringer Leute auf freiem Feld.

Gefällt dir nicht, das Bild, was?

Die zersplitterte Tür, vor allem die Spreißel zur Divination, oder wie man bei den Pfadfindern sagt : den Zunder.

Aber die Bettdecke hebt und senkt sich und er will sie fragen, warum sie sich hebt und senkt, ob das denn atmen sein, ob das denn (wieder) einmal nur geträumt.

Aber da liegt das Buch wie ein Hüttendach ohne Hütte, in das er seine vielen Namen schreibt (wie alle Suchenden ist er auf jedem Weg ein anderer).

Die Kleider dem Huhn

Wie zu Zeiten der pestilenzischen Seuche oder der Post-Klondike-Stille hatte die Umgebung die Ereignisse gespeichert, abgedeckt, vor neugierigen Blicken verborgen. Ein qualmender Schlot täuschte Weiterleben vor. Der Wanderer war in der Lage, die Verstecke im Gehöft zu erahnen, denn die Trostlosigkeit war jetzt ein Teil von ihm.

In der schwarzen Küche fand er Federn und einen Kübel mit Blut auf dem Boden stehen, eine Menge Brennholz, aufgeschichtet zu einer Pyramide neben einem Herd aus Bruchstein, auf dem oben eine dünne Steinplatte zur Abdeckung lag. Auf dieser stand ein Dreifuß mit einer noch sanft baumelnden Pfanne. Eine leere Hutschachtel lag auf einem Tisch mit kräftigen barocken Beinen. Unter der Hutschachtel ein Brief: …. nichts Anderes hat man gehört als Rauben, Stehlen, Morden, Sengen und Brennen. Die armen Leut’ wurden niedergehauen, gestochen, gestoßen und geraidelt; vielen die Augen ausgestochen, Arm und Bein entzwei geschlagen, etliche beim Feuer gebraten, teils im Rauchschlot aufgehenkt und Feuer unter sie geschüret, etliche in die Backöfen gestoßen, Stroh fürgemacht und angezündet, Kein und Schwefel über die Nägel gesteckt und angezündet, spitzige Knebel ins Maul gesteckt, daß das Blut haufenweise herausgeloffen … in Summa die große Pein, davon auch der Teufel in der Hell nicht Wissenschaft haben mochte. Dorothea und ich, wir haben beschlossen, aufzubrechen, nirgendwohin.

Der Ruß klebte zentimeterdick und ölig glänzend an den Wänden und an der Decke, von der sich Kohlentropfsteine nach unten reckten. Bei leichter Erschütterung blätterte etwas davon ab und fiel in den Staub, der den festgestampften Erdboden bedeckte. Sie saß auf einem kleinen krustigen Schemel und rupfte ein Huhn, als gälte es, durch dieses Ritual das schleichende Chaos fern zu halten. Neben ihrem rechten Bein, das in dicke braune Bandagen gewickelt war, stand ein Blecheimer voll Blut; man glaubt gar nicht, wie viel davon in einem kleinen Tier vorhanden ist; der Kopf und der lange Hals schwammen darin herum. Den dicken Fliegen waren sie eine Insel, die mit der klebrigen Leckerei überzogen deren Herrschaft anerkannte. Hinter ihr öffnete sich zaghaft die einflüglige Tür unter dem Oberlicht, die zu den Ställen führte, und ein junges Mädchen von neunzehn Jahren trat ein. Es trug ein Kleid mit Schlupfärmeln aus walnußgefärbtem Wollstoff, ein Unterkleid aus wenig gebleichtem Leinen, ein eingehängtes Schürztuch, Haarsack, nadelgebundene Strümpfe aus handgesponnener Wolle, und darüber einfache Holzklepper. Ihre angstvollen Blicke wanderten unstet umher. Hinter der ähnlich gekleideten älteren Frau, die das Rupfen nicht unterbrach, blieb sie unsicher stehen.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Es ist so still, seit…«

»Wäre es nicht still, könnten wir den Donner aus der Ferne nicht gut hören.«

Die Erschütterungen trieben Wellen durch das Blut, die sich an Kopf und Hals des geschlachteten Tiers festhielten, aber nur Blasen in den Federn hinterließen. Merkwürdig leuchtende Nebelzonen waren die toten Augen, in denen sich eigenartige Lichterscheinungen brachen wie große, strahlende Kugeln, die sich manchmal unterhalb der Wasseroberfläche zeigen.

»Man hat uns doch nicht wirklich hier zurückgelassen?«, versuchte es das Mädchen erneut. Ohne zu antworten erhob sich die Ältere mit einem Ächzen, klopfte sich die Federn von der Schürze und legte das Huhn auf eine speckige Anrichte, auf der zerbrochene Krüge und dunkle Mehlreste lagen. Das Mädchen trat hinzu, befummelte das nackte Huhn. »Das ist unser letztes Fleisch, wir sollten ebenfalls fortgehen!«

Sie hüllten sich in dicke Mäntel.

»Wo wollen wir hin?« fragte die Alte.

»Erst einmal zur Straße!«

Die junge Magd war sichtlich erleichtert, den Hof jetzt verlassen zu können. Gemeinsam zogen sie eine Schublade auf, holten eine der Hutschachteln heraus, die Puppenkleider enthielt. Sie kleideten das Huhn in hübsche bunte Sachen, bevor sie ihre Koffer in die behandschuhten Hände nahmen und hinaus auf die Straße traten. Aus der Ferne hörten sie die Detonationen die Erde erschüttern, die ihre Füße kitzelten.

Aus Adams Notizbuch:

Einmal fanden wir am Bach Dinge und steckten sie uns in den Mund, um die Dinge der Welt, die zufälligen, zu schmecken; es gab auch Anderes zu finden, aber wir fanden es nie.

Fantômas (Der Herr des Schreckens)

(Hierzu bieten wir einen Podcast an)

(c) Sotheby’s

Wenn es um Bösewichte geht, ist Fantômas selbst in diesem Zirkel noch der Böse. Er wurde 1911 eingeführt und ist das, was man einen Gentleman-Ganoven nennen könnte, der grausame, aufwendig geplante Verbrechen ohne klare Motivation begeht. Er hängt sein Opfer schon mal in eine Kirchenglocke hinein, so dass, wenn sie läutet, das Blut auf die Gemeinde darunter spritzt. Er versucht Jove, den Detektiv, der ihm auf der Spur ist, zu töten, indem er den Mann in einem Raum gefangen hält, der sich langsam mit Sand füllt. Er häutet ein Opfer und macht Handschuhe aus den Händen des Toten, um die Fingerabdrücke der Leiche am Tatort zu hinterlassen.

Seine Schöpfer nannten ihn das „Genie des Bösen“ und den „Herrn des Schreckens“, aber er blieb ein Rätsel mit so vielen Identitäten, dass ihn oft nur Jove erkennen hätte können. Das Buch, das ihn vorstellt, beginnt mit einer Stimme, die fragt: Wer ist Fantômas?

Und es gibt keine echte Antwort:

„Niemand… Und dennoch, natürlich, ist er jemand.“
„Und was tut dieser Jemand?“
„Er verbreitet Angst und Schrecken!“

Von Fantômas über Hitchcock zu den X-Men

Fantômas war zu seiner Zeit unglaublich populär. Inzwischen ist er ein vergessener fiktiver Schurke, der allerdings dazu beitrug, das 20. Jahrhundert zu definieren. Sein Einfluss ist überall sichtbar, von surrealistischen Gemälden über Hitchcock-Filme bis hin zu den X-Men-Comics. Fantômas war so geheimnisvoll, dass er viele Male neu erfunden werden konnte. Aber in all diesen Iterationen gelang es niemandem, den reinen, chaotisch-bösen und ursprünglichen Charakter einzufangen, der er im Original war.

Ersonnen wurde Fantômas von den beiden Pariser Schriftstellern Pierre Souvestre und Marcel Allain, die zunächst als Journalisten zusammenarbeiteten. Den übriggebliebenen Raum, den sie bei ihren Artikeln noch zur Verfügung hatten, füllten sie manchmal mit fragmentarischen Detektivgeschichten, die die Aufmerksamkeit eines Verlegers auf sich zogen. Er beauftragte Souvestre und Allain, eine Reihe packender Romane zu schreiben; ihr Vertrag verlangte von ihnen, einen pro Monat zu produzieren. Sie erfanden Fantômas auf dem Weg zu ihrem Treffen mit dem Verleger und verbrachten die nächsten drei Jahre damit, fantastische Geschichten über ihren Erzbösewicht zu erzählen.

Fantômas war am leichtesten durch seine Verbrechen zu erkennen, die aggressiv und asozial waren. Er hat gestohlen; er hat betrogen; er hat häufig und fast wahllos getötet. In einer Geschichte beginnt eine zerbröckelnde Wand das Blut von den vielen Opfern zu spucken, die dahinter versteckt sind. Seine Motivation scheint die Freude am Verbrechen selbst zu sein.

Als Charakter hat er nur wenige Erkennungsmerkmale. Schon in den Originalbüchern ist die Identität von Fantômas formbar. Er wechselt mehrmals die Aliase und oft erkennt ihn nur Jove, der von ihm besessene Detektiv, in seiner neuen Gestalt. Er ist so geheimnisvoll, dass es manchmal den Anschein hat, dass Jove ihn selbst erfunden haben könnte und die Verbrechen vieler Männer einem von ihm ausgedachten Phantom zuschreibt. Wenn Fantômas „als er selbst“ erscheint, ist er in Schwarz gehüllt und eine Maske verdeckt sein Gesicht. „Am Ende eines 32-teiligen Buchzyklus‘ bleibt Fantômas genauso ein Geheimnis wie zu Beginn“, schrieb der Filmwissenschaftler David Kalat.

Fantômas ist überall

Dieser schattenhafte Bösewicht eroberte in den frühen 1910er Jahren die Herzen und Köpfe der französischen Öffentlichkeit. Die Buchreihe war ein sofortiger Erfolg, denn das Publikum verschlang die Krimis vielleicht gerade, weil sie so übertrieben waren. Filmgesellschaften kämpften um die Produktionsrechte, und innerhalb weniger Jahre war Fantômas der Gegenstand einer Stummfilmreihe. Die Bücher wurden mit großem Erfolg in Italien und Spanien veröffentlicht, wo der Schurke 1915 sogar Gegenstand eines Musicals wurde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg gab es ihn überall.

Von Anfang an zog Fantômas Fans in ihren Bann, die ihn für ihre eigenen Zwecke benutzten. Guillaume Apollinaire, der große Dichter, liebte die Serie: Er nannte sie „eines der reichsten Werke, die es gibt“. Er und der Dichter Max Jacob gründeten einen Fanclub, La Société des Amis de Fantômas, die Gesellschaft der Freunde Fantômas‘. Die surrealistische Bewegung, die etwas späte aufkam, war von Fantômas besessen, und René Magritte stellte einmal das Cover des ersten Romans als Gemälde nach.

Die Surrealisten fühlten sich von Fantômas auch deshalb so angezogen, weil seine Welt derjenigen entsprach, die sie in ihrer Kunst erschufen. Diese folgte ihrer eigenen Logik und hatte nichts mit den rationalen und zugeknöpften Regeln der gemeinen Gesellschaft zu tun. In einem Film verhaftet Jove Fantômas in einem Restaurant, nur um ein paar gefälschte Arme in den Händen zu halten – der Schurke war entkommen!

„Aber wie kommt es, dass Fantômas ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt gefälschte Arme bei sich hatte? Wenn Sie sich Fragen wie diese stellen müssen, wird Ihnen die Magie des Fantômas entgehen“,

schrieb Kalat. Die Surrealisten liebten das.

Weil die ursprüngliche Fantômas-Serie so beliebt war, verbreitete sie sich schnell in ganz Europa, nach Italien, Spanien, England, Deutschland und Russland, wie der Filmwissenschaftler Federico Pagello dokumentierte. Er war einer der ersten Erzschurken, die es zum Film brachten, und die Reihe wurde von Louis Feuillade geleitet, dem Pionier des Thriller-Genre. Die Fantômas-Serie war eines seiner ersten großen Projekte, und darin experimentierte er mit Erzähltechniken, die er später dann in seinem berühmten Klassiker „Die Vampire“ anwenden würde. Hier wurde eine ganze Reihe Fantômasähnlicher Schurken in schwarzer Kleidung gezeigt. Die von Feuillade erfundenen Techniken beeinflussten wiederum Fritz Lang und Alfred Hitchcock.

Szene aus „Les Vampires“ (c) Gaumont DVD

Der bereinigte Charakter

Mit dem Aufkommen des Thrillers als Genre verbreiteten sich Fantômas und seine Nachahmer auf der ganzen Welt. Nach den wirklichen Übeln des Zweiten Weltkriegs war Fantômas‘ extravagante Schurkerei jedoch nicht mehr attraktiv und er verschwand bis in die 60er Jahre, als er in einer französischen Filmreihe, einem türkischen Film und einem italienischen Comic als Diabolik seine Rennaissance erfuhr. 1975 befasste sich sogar der grandiose phantastische Schriftstseller Julio Córtazar in „Fantômas gegen die multinationalen Vampire“ mit dem Stoff, der auch verfilmt wurde.

Jedoch weichte man den Charakter schon vor seiner ersten Neuinterpretation an auf.

„Auf dem Filmplakat war die kindliche rechte Hand des Bösewichts nur eine geballte Faust, während sie auf dem Cover des Romans einen tödlichen Dolch hielt“,

schrieb eine Filmkritikerin. Auch die Handlung änderte sich: In der ursprünglichen Geschichte entkommt Fantômas der Hinrichtung, indem er sich von einem Schauspieler spielen lässt; der Schauspieler wird enthauptet, bevor jemand den Fehler bemerkt. Im Film findet Jove die Charade heraus, bevor der Schauspieler getötet wird und rettet sein Leben.

Noch häufiger wird Fantômas jedoch als tapfer dargestellt. Man wollte ihn als eine Robin-Hood-Figur mit edlen Motiven sehen. Als Fantômas die USA erreichte, wurde er eher als Gentleman-Dieb denn als schwarzherziger Nihilist dargestellt. Als er in den 1970er Jahren als Star einer Reihe mexikanischer Comics wiederbelebt wurde, war Fantômas mehr ein Held als ein Bösewicht; in den X-Men-Comics, in denen eine Figur namens Fantomex 2002 zum ersten Mal auftauchte, versucht er, als gutherziger Dieb zu fungieren. Es wird aber schnell enthüllt, dass er als Teil eines staatlichen Waffenprogramms geschaffen wurde.

Obwohl Fantômas Anfang des 20. Jahrhunderts ein legendärer Schurke war, war er zu dunkel, um in seiner ursprünglichen Form überleben zu können. Schriftsteller zogen es vor, ihre Schurken ein wenig besser erkennbar zu machen, ein wenig rationeller und letztendlich weniger dunkel.

Tatsächlich ist der Mythos um Fantômas in der heutigen Popkultur überall spürbar, aber die reine Essenz des Bösen wurde eben auf mehrere Figuren verteilt und erheblich abgeschwächt. Es scheint, als hätte jeder Angst vor – Fantômas.

Turmzimmer zu Karstenfels

Meet me in the alleyway
Minute to midnight dont’ be late
Meet me in the alleyway
Better come runnin’ the spirits won’t wait
(Steve Earle)

Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.