Komposita über das Sterben im Gemäuer

Die möglicherweise bekannteste Daguerreotypie von Edgar Poe ist die Ultima Thule genannte vom 9. November 1848, entstanden vier Tage nach seinem Selbstmordversuch. Dieses Portrait wurde nach einem Zitat aus Poe’s Gedicht Traumland (orig. ›Dream-Land‹) so bezeichnet, weil man in ihm einen Ausdruck trotziger Verzweiflung am Rande des Todes gesehen haben will. Für die meisten Poe-Liebhaber ist dies das Bildnis, das am ehesten zum Charakter seines Werkes zu passen scheint.

Baudelaire bescheinigt dem Bildnis, dass Poe dort ein recht französisches Aussehen an den Tag lege, in Wahrheit war der Dichter vom Alkohol gezeichnet. Das ursprünglich recht feminine Gesicht weißt tiefe Furchen auf, die Augenpartien zeichnen sich unsymmetrisch ab.

Doch nun geschieht etwas Merkwürdiges in einem Leben voller Merkwürdigkeiten. Am 13. November, also vier Tage später, sieht Poe bereits wesentlich erholter aus. Zu sehen auf dem Whitman-Daguerreotypie bezeichneten Portrait. “Komposita über das Sterben im Gemäuer” weiterlesen

Die verhängnisvolle Leinwand

Die Dame von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür des berüchtigten Mansardenzimmers, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

“Es ist seltsam, Monsieur. Ich fühle mich jedes Mal … ich mag es nicht, die Ruhe dieses Raums zu stören. Es ist albern, ich weiß, aber ich erwarte ständig, dass er bewohnt ist … von ihm. Man würde meinen, dass sein Selbstmord eine Aura des Todes und der Finsternis in diesem Raum hinterlassen hätte, aber man fühlt stattdessen … seine Jugendlichkeit. Sie porträtierten ihn abscheulich in diesem lächerlichen Film. Ich stamme ursprünglich aus England und hatte keine Vorstellung von der Legende des Mannes, als ich meinen französischen Ehemann heiratete, möge er in Frieden ruhen … Die Legende dieses Mannes begann in Ihrem Heimatland Gestalt anzunehmen, als Hollywood beschloss, die erfundene Geschichte über Honoré Radin zu verfilmen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie eine Biographie über den Maler schreiben.“ “Die verhängnisvolle Leinwand” weiterlesen

Gertrude Atherton: Der Strid

Anmerkung des Übersetzers: The Strid ist ein echter Ort in Yorkshire und der Namensgeber der Geschichte von 1896. In der Nähe von Bolton Abbey bezeichnet er eine der Kreuzungspunkte des Flusses Wharfe. Athertons Inspiration für die Geschichte stammt von den zahlreichen Todesfällen, die sich am Strid ereignet haben, einem schmalen Abschnitt des Flusses, der aus Stromschnellen, Wasserfällen, Unterwasserfelsen, tiefen Wasserfällen im Flussbett und plötzlichen Untertrömungen besteht. Es ist einer der tödlichsten Flussabschnitte der Welt, mit einer fast 100%igen Todesrate für diejenigen, die hineinfallen.

 

Weigall, ein provinzieller und distanzierter Zeitgenosse, war früh schon der Moorhuhnjagd überdrüssig. Es kam ihm vor wie eine Parodie auf die Vorfahren, die in den Mooren und Wäldern des West Riding of Yorkshire auf der eifrigen Jagd nach Wild, das es sich zu erlegen lohnte, umhergestreift waren, wenn man sich hinter einen Lattenzaun zu stellen hatte, während die Männer seines Gastgebers die Vögel mit langen Stangen in Richtung der Gewehre trieben. Doch wenn er sich im August in England aufhielt, akzeptierte er gerne, was für die Saison geboten war und schlug seinem Gastgeber vor, doch einmal Fasane in seinen Ländereien im Süden zu schießen. Er war der Auffassung, dass die Vergnügungen des Lebens mit der gleichen Philosophie akzeptiert werden sollten wie seine Übel. “Gertrude Atherton: Der Strid” weiterlesen

Zur Feier des Abartigen

Zur Feier des Abartigen

Polemik und Messe

I

Erinnerung an den Untergang (I)

In einem Kellerraum liegen die Leichen dreier Frauen auf Holztischen aufgebahrt. Sie sind nackt. Es stinkt bestialisch, das Zeitalter von Kühlsystemen und künstlicher Beleuchtung ist vorbei. Ein einzelner Faustschlag hat es beendet, vor zweihundert Jahren kollidierte der Asteroid »(1866) Sisyphus« mit der Erde. Gestank und Finsternis herrschen allerorten.

Ein Fettsack steigt in den Keller hinab. Er hält eine Fackel in der einen Hand, mit der anderen führt er eine Schale glimmender Tannennadeln an die Nase. Der würzige Dunst macht das Atmen erträglich.

»Schattenmann? Bist du hier?«

Keine Antwort, nur ein Rascheln in den Winkeln. Ein Schwarm bepelzter Fliegen steigt auf. Bissige Drecksbiester. “Zur Feier des Abartigen” weiterlesen

Ich verstehe zumindest so viel

Ich verstehe zumindest so viel, das ich zwei Leben habe. Eines, in dem ich mir regelmäßig Blut abnehmen lasse; und eines, in dem ich nur über Bedeutungen, Wahrnehmungen und Symbole nachdenke. Das “blutig” genannte Leben ist auch eines der Ernährung. Sind die Königsberger Klopse etwas anderes als Ricardo Piglias Kurzformen? Ist der Milchkefir, den ich seit präterpropter zwei Monaten anrichte etwas anderes als die Carl Barks-Sammlung? Und was hat das mit meinem Blut zu tun? — Die Suche nach Ursächlichkeit auf der einen Seite, die Lust am Widersinn auf der anderen. Chaos und Ordnung. Ich hätte schon Medizin studieren müssen, um mich zumindest ein wenig zu verstehen. Aber ich halte mir lieber einen Arzt. Früher waren es Hunde, Katzen …

Die falsche Glocke

Der alte DeLorean, der ihr hügelauf hügelab folgte, als sie sich in den vor ihr liegenden Ort, der wie ein erst kürzlich von Archäologen verworfener wirkte, flüchten wollte, bestand, bis auf sein metallenes Grundgerüst, das bereits rostete, aus nassen braunen Blättern. Der schmale blasse Mann, der ihn fuhr, ließ sie nicht aus seinen schwarzen Augen. Das wusste sie. Und obwohl sie zu Fuß unterwegs war, blieb der Abstand zu ihrem seltsamen Verfolger immer der gleiche. Immer stand sie kurz vor dem kleinen menschenleeren Weiler, dessen halb verfallene Häuser sie nur widerwillig zu erreichen versuchte. Es hatte geregnet, die Wiesen der weiten hügeligen Landschaft schwammen vor Nässe. “Die falsche Glocke” weiterlesen

Der Vampir im Laufe der Geschichte

Vampire haben eine umstrittene Geschichte. Einige behaupten, dass diese Kreaturen “so alt wie die Welt” seien. Aber neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass unser Glaube an Vampire und Untote im 18. Jahrhundert geboren wurde, als die ersten europäischen Berichte über dieses Phänomen erschienen.

Wir wissen, dass 1732 das Annus Mirabilis des Vampirs war. In diesem Jahr wurden 12 Bücher und vier Dissertationen zu diesem Thema veröffentlicht. Der Begriff “Vampir” taucht laut dem Gothic-Experten Roger Luckhurst ebenfalls in diesem Jahr zum ersten Mal auf. Aber archäologische Entdeckungen von ungewöhnlichen Bestattungen in Europa in den letzten Jahren legen nahe, dass der Glaube an Vampirismus und an Wiedergänger bereits vor 1500 die Menschen beschäftigte.

So ist beispielsweise die Leiche eines 500 Jahre alten “Vampirs” auf einem alten Friedhof in der Stadt Kamien Pomorski in Polen ausgestellt. Die 2015 entdeckte Vampirleiche wurde in der Weltpresse ausführlich beschrieben. Archäologen haben bestätigt, dass sie einen Pfahl durch ihr Bein (vermutlich um zu verhindern, dass sie ihren Sarg verlässt) und einen Stein in ihrem Mund hatte (um das Blutsaugen zu verhindern). In den Dörfern Bulgariens wurden noch ältere dieser abweichenden Bestattungen entdeckt. “Der Vampir im Laufe der Geschichte” weiterlesen

Tontafelkalender vom 17ten Hartung xx20, einem Fridach

Den frühen Morgen mit Dexter Gordon begonnen, der von meinen bewunderten Tenorsaxophonisten das vollste Organ besitzt.

Noch in der Nacht konnte ich den Volker Kutscher beiseite legen, durch seine Gereon Rath-Romane der Impulsgeber zur hervorragenden Produktion “Babylon Berlin”. Kutscher selbst kann Ideen haben, aber er hat eindeutig kein Erzähltalent, das liegt tatsächlich den wenigsten deutschen Autoren im Blut. Ganz anders der erste Highsmith-Band; die Dame bricht mit einer erschreckend einfachen Sprache ins Bewusstsein, die Finesse liegt in ihrer psychologischen Führung der Figuren.


Die Inselsprüche und was denn mitzunehmen wäre: Auffällig sind es bei mir vermehrt Kurzgeschichten und weniger Romane. Natürlich Cortázar (mitsamt Rayuela eben als einer der wenigen Romane); Poe, Bruno Schulz, Borges, Ligotti, Aickman. Gegen Romane entscheide ich mich nicht wegen der Form, sondern wegen der Fülle auf engstem Raum bei leichtem Gewicht.


Piglia: Man erzählt nicht, um sich zu erinnern, sondern um etwas Verborgenes zu zeigen.


Also bin ich ein Hybrid, ein Zwitterwesen zwischen Federhalter / Maschine und der elendigen digitalen Textur, die immer eine Umkehrung ist, eine Vernichtung, die täuschend echt mit Symbolen umgeht, aber am Ende nur von der reinen Vergeblichkeit kündet.


Es gibt wichtige Bücher und eine größere Masse unbedeutender, denen man in einem Leseleben begegnet. Die Verteilung scheint zunächst willkürlich. Die Zufälle, mit denen man seine persönliche Bibliothek füllt, sind, wie die Zufälle aller Begegnungen: es erschließt sich erst in einem Zwiegespräch die Tragweite.

Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand: “Die Herberge” weiterlesen