Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

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Krabat

Wie viele der klassischen (und guten) Kinderbücher hat auch Krabat von Ottfried Preußler das Potenzial, Leserinnen und Leser unterschiedlichen Alters anzusprechen.

Der in der Tschechoslowakei geborene Preußler war einer der beliebtesten und bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Noch als Jugendlicher wurde er zur Armee eingezogen und mußte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fünf Jahre als Kriegsgefangener in der Sowjetisch- Tatarischen Republik überstehen. Danach wurde er Schullehrer, ein Beruf, dem er trotz seines Erfolges als Schriftsteller viele Jahre lang treu blieb. Sein Debüt im Jahre 1951, Das kleine Spiel vom Wettermachen, verkaufte sich weltweit 7,5 Millionen Mal. Seine Geschichten, die in 55 Sprachen übersetzt wurden, beschwören magische Welten herauf, die von übernatürlichen Wesen bevölkert sind; seine Lebensaufgabe, so erklärte er einmal, war es, “Nahrung für die Phantasie” zu liefern. Für Krabat zeichnete er die Volksmärchen nach, die er als Kind liebte, und gründete das Buch auf einer wendischen Legende. Aber es ist Preußlers eigene Erzählkunst und Atmosphäre, die diesen Bildungsroman, der auf gotischen Horror trifft, zeitlos und prächtig zu einem unheimlichen Original machen.

Nach dem Ende der Welt im späten siebzehnten Jahrhundert, wandert ein vierzehnjähriger Waisenjunge namens Krabat bettelnd von Stadt zu Stadt. Er ist nicht etwa verbittert aufgrund seines Loses. Schließlich kennt er nur dieses Leben am Rande eines Krieges, der später der Dreißigjährige Krieg genannt werden wird.

Als Krabat vom weltlichen Lehrling zum Schüler in der schwarzen Meisterschule übergeht und mehr über seine Situation erfährt, beginnt er zu erkennen, dass die Macht, die die Lehrlinge ausüben, und die relative Sicherheit ihres Lebens in der Mühle einen schrecklichen Preis haben. Niemand kann der Mühle wirklich entkommen, und jedes neue Jahr stirbt einer der Männer des Meisters unter mysteriösen Umständen. Dunkle Magie, zunächst nur in heimlichen Schimmern sichtbar, unterstützt das isolierte Unternehmen der Flucht.

Man kann Krabat auch als postapokalyptische Fiktion lesen. Der Dreißigjährige Krieg, geboren aus unzähligen verscheierten Gründen, führte zu tiefgreifenden Verwüstungen in der Mitte Europas. Die Sterblichkeitsrate im Heiligen Römischen Reich belief sich auf bis zu achtzig Millionen Menschen. Ausländische Söldnerarmeen sollten vom Land leben (bellum se ipsum a let – der Krieg wird sich selbst ernähren), und die Armeen schändeten es bis auf die blanken Knochen. Kämpfe, Hungersnöte, unmögliche Steuern, Staatsbankrott und Krankheiten zerstörten ganze Stadtteile. Kannibalismus (vor allem fraßen Erwachsene Kinder) wurde 1638 in der belagerten Stadt Breisach dokumentiert. Zeugnisse sprechen von ganzen entleerten Dörfern, von Wölfen, die in riesigen Rudeln durch die Straßen der Stadt streiften und Vieh, Haustiere und Menschen ohne Furcht töteten. Das Ausmaß der Zerstörung war erschütternd, entsetzlich, schwer zu ergründen.

Allerdings ist Krabat eine sanftmütige Geschichte. Die Katastrophen des Krieges sind nur gedämpft vorhanden. Die Eltern von Krabat sind an der Pest gestorben, und die Armee ist bestrebt, sich den kostbaren Ressourcen der Mühle zu versichern und ihre Burschen in ihre Reihen zu zwingen. Der Meister der Mühle hat als junger Mann vor einer Generation selbst im Krieg gekämpft, und er benutzt seine schwarzen Künste, um noch immer mitzumischen. Der Schrecken ist zu einem festen Bestandteil des Lebens geworden.

Anstatt sich auf eine harte, moralisierte Konfrontation zu konzentrieren, beschäftigt sich Krabat mit den subtilen Nexuspunkten, an denen sich Macht, Wissen und Schuld treffen. Die Magie, die der Meister ausübt, hält ihn am Leben und verewigt die Arbeit der Mühle, aber diese Arbeit ist beunruhigend zwecklos. Einmal im Mondzyklus kommt der Mann mit der Hahnenfeder, der scheinbare Chef des Meisters, der nie explizit als der Teufel bezeichnet wird und der nur einmal im Roman überhaupt spricht, um Säcke mit einer mysteriösen Substanz abzuholen. Krabat erblickt auch nur ein einziges Mal, was in diesen Säcken ist – Knochensplitter und Zähne – bevor er auf magische Weise gezwungen wird, zu vergessen.

Abgesehen von der Aufgabe, die von einem Gefühl der Dringlichkeit umgeben ist, scheint die ganze andere Arbeit, um die Mühle am Laufen zu halten, eine Art grausame Farce zu sein. Die Männer mahlen Getreide, aber es ist nie die Rede davon, es auch zu verkaufen, und es gibt keinen regelmäßigen Kontakt zu den Dorfbewohnern oder zu anderen Mühlen, um dies zu tun. Die Mühle existiert ausdrücklich, um die Unsterblichkeit des Meisters zu sichern. In dieser sinnlosen, schweren Arbeit liegen die Echos von faschistischen und kommunistischen Arbeitsprojekten, von Stalins kilometerlangen Kanälen, die letztendlich nur dazu gedacht waren, die Gefangenen in den Gulags, die diese Kanäle gegraben hatten, ihre Wertlosigkeit vor Augen zu führen. Die unmarkierten Gräber der Männer, die in der Mühle gestorben sind, um den Meister zu erhalten, und der Konsens der Gruppe, dass die Toten vergessen werden müssen, scheinen unheimlich aktuell zu sein.

Die Männer lernen Magie, aber nur so viel, wie sie wollen – es gibt keinen Anhaltspunkt für klare Ziele, und der Meister kümmert sich nicht darum, wie sie vorankommen. Sie hecken unschuldige Streiche aus, aber ihre Wesen sind eher individuell als kollektiv bösartig. Der verdrießliche Spion, der das Verhalten der Männer dem Meister meldet, ist nicht wie der anständige Vorarbeiter der Mühle, der auf die Probleme anderer mit Empathie reagiert. Es gibt keine faustische Selbstherrlichkeit, die mit diesem Teufelsgeschäft verbunden ist, und in der Tat gibt es wenig Beweise für einen konkreten Pakt.

In der Welt von Krabat ist Anstand letztlich das Einzige, worauf man sich verlassen kann. Irgendjemand wird immer klüger sein, und es wird immer Dinge geben, die man nicht versteht – alles, was man tun kann, ist, einen persönlichen Gerechtigkeitssinn zu entwickeln und zu hoffen, dass das ausreicht, um größere Veränderungen zu bewirken. Einfache menschliche Verbindungen, die den deformierenden Auswirkungen situativer Unterdrückung unterliegen, können erlösend sein und sind es wert, kultiviert zu werden.

Vielleicht ist das Nützlichste für einen erwachsenen Leser von Krabat der traurige und düstere Trost, der sich in der Inszenierung nach dem Ende der Welt verbirgt. Die Welt ist schon mal untergegangen. Wir selbst leben mit und in einer Geschichte, die von vergangenen Apokalypsen geprägt ist. Alle von ihnen waren schrecklich. Als Genre-Leser und Bürger in schlechten, unruhigen Zeiten sind unsere Gedanken voller katastrophaler Möglichkeiten. Es ist vielleicht nützlich, sich vor Augen zu halten, was bereits geschehen ist, und die arrogante Unmittelbarkeit unserer Probleme mit einem vernünftigen Maß an historischem Relativismus in Einklang zu bringen.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (7)

Sandsteinburg #42

1813 empfing August Wilhelm Schlegel, der ruhmreiche Übersetzer Dantes und Shakespeares, eine Münze von Germaine, der Madame von Staël, als er sie von Göteborg nach London begleitete, weil er sich, zunächst ohne Erfolg, einige Hoffnungen auf den rustikalen Leib der Baronesse gemacht hatte. Es hätte ja durchaus sein können, dass Germaine, die nicht wenige ihrer Kinder im Lotterbett empfangen hatte, mit ihm, der sonst wohl kaum je eine Gelegenheit bekommen würde, etwas anderes als schattige Zeichnungen eines Boudoir zu betrachten, ein Schäferstündchen abzuhalten.

Die Herrin des Jahrhunderts, wie sie von ihren Bewunderern genannt wurde, hätte ihm doch ganz gut für eine Liaison gestanden. Er wusste nicht, dass Madame de Staël ihn tatsächlich gerne in ihrer Nähe hatte, allerdings weil sie ihn für ihr Buch brauchte, das sie über Deutschland schreiben wollte. Sie hielt Schlegel für einen typischen deutschen Professor, als Liebhaber eher für unattraktiv, pedantisch, empfindlich, aber für bieder und treu. Er durfte ihren Roman ›Corinne ou l’italie‹ rezensieren und mit ihren Freunden und ihrer Familie in einem rosaroten Schlösschen im schweizerischen Coppet ihren Sekretär geben. Zu seiner Ausstattung gehörte ein großzügiges Salär, mit dem er seine frühromantischen Freunde unterstützte. Die kleinen Luftküsse, die der etwas schwerfällige August hier und da parat hielt, wurden von der Baronesse jedoch geflissentlich ignoriert. Dann aber geschah etwas bis dahin Unverhofftes. Obwohl Madame de Staël ihrer Libertinage ausgiebig frönte und gleichzeitig Augusts Avancen stets freundlich, aber nicht ohne kleinste Schmähungen, zurückwies, bekam sie eines Abends einen Korb von einem ihrer Liebhaber. Außer sich vor Zorn rauschte sie durch sämtliche ihrer üppig bestückten Schlafzimmer und brachte die Betten, die von den Mägden hübsch zugerichtet waren, voller Wut in Unordnung. Ob nun die Kränkung ihr an sich robustes Wesen oder ihre Libido betraf, spielte dabei keine wirkliche Rolle. Ihr fehlte schlicht die Anerkennung und Bewunderung für einen Tag, nämlich für den gegenwärtigen. Freilich hatte sie solche Tage schon erlebt und nicht selten aus Mangel den Pferdeknecht ins Heu gezwungen, der dann – selbstverständlich in lyrischer Sprache – ihre Brüste zu besingen hatte. Allerdings lag das Problem auf der Hand: Pferdeknechte und Lyrik waren selten befreundet, vielmehr hätte diesem Berufsbild angestanden, ein Gedicht zu fluchen statt zu singen. Trotzdem hatte besagter Knecht die Stirn besessen, ihr ins Gesicht zu sagen, sie gäbe die Milch der Heilgen Johanna. Und mit religiöser Kopulation wollte sie nichts zu tun haben. Sie kannte des Teufels Küche nur zu genau.

Als sie mit dem Schnauben ihrer Wut plötzlich in Augusts Kammer stand und ihn anstarrte, als hätte sie ihn noch nie gesehen, war der Schriftsteller wohl derart beeindruckt von ihrer Erscheinung, dass er durch Zufall das richtige Gesicht aufsetzte. Wie das nämlich mit Gesichtern so ist, erblicken wir sie zuerst. Die Madame war heißblütig genug (sie wollte ja eigentlich nur das Bett auch in diesem Zimmer zerwühlen), um das erstarrte Staunen fälschlich für Ehrfurcht zu halten, genau das, wonach sie sich jetzt sehnte. Schon einige Tage später befanden sie sich auf Hoher See.

»Denk dir, mein lieber August, diese Münze beherbergt nicht nur das feinste Gold, darin schwelgt auch noch das Blut des Prägers, der sich bei der Fertigung an der Rändelmaschine verletzte, unachtsam, weil ihm sein Liebchen davongelaufen war, um sich in die Arme eines weniger angesehenen Bürgers – eines Bänkelsängers mit einer riesigen Laute – zu werfen. Ein romantischer Stoff wie dieser steht keinem anderen so zu Gesicht wie dir. Und weil du mich in dieser unschicklichen Situation so schicklich behandelt hast, sei dir dein Salär, das du so stattlich von mir empfängst, mit diesem Louis dʼOr noch einmal aufgewertet. Allerdings unter der Bedingung, dass du diese Geschichte im Trüben lässt!«

»Blut?«

»Nun, es ist ein Gerücht. Aber auch wenn es keines wäre: solange die Geschichte erzählt wird, existiert auch deren Wahrheit. In unseren Salinen von Salins-les-Bains fließt übrigens mehr Blut in die Sole als irgendwo in eine Münze, falls dich das beruhigt. Aber ich meinte keineswegs das Blut in der Dublone, das du für immer verschweigen sollst, sondern unsere Bettgeschichte!«

In Schlegels sofort einsatzbereiter Vision stand der Balancier, bei dem der Oberstempel durch einen Gewindespindel auf- und abgeführt wurde, mit seinem doppelarmigen Hebeln, mitten im dampfigen Raum, gleich neben dem der Kesselflicker und den Goldschmieden, ein stinkendes Allerlei aus Metall ringsherum. Als ob der Teufel gleich sichtbar werden würde, verschanzte sich ein mickriges Männlein, das offenbar keine Pause haben wollte. Es hielt den Unterstempel in der Spindelpresse fest und das Gold nagte an seinem Finger, zog ihm die Rillen ab.

»Vielleicht istʼs aber deshalb geschehen, weil die Toten und deshalb tote Dinge sich mit dem Blute stärken wollen«, sagte August zu sich. »Was hat denn so ein Flan davon, sich das Blut eines Knechtes zu erstanzen? Die Münze wirkt als spiritus antiepilepticus, viel wichtiger aber bei ihm als antipodacricus, und wenn erʼs versuchen will, dann reibe er sich die entflammten Stellen!

Was verwandelt sich in einer rechten Alchimistenküche nicht alles in Gold: Getreide, Spreu, Hobelspäne, Pferdemist, grünes Laub, Flachs, Lilien, Steine, Scherben, Kirschensteine, Eierschalen, Klicker, Schnaken, Schafmistkügelchen …«

Die Münze, die Germaine ihm gab, geriet kurz danach in die Hände von August Wilhelms nicht minder berühmten Bruder Friedrich, der sie unbedingt für einen Katalog, den er herausgab, zeichnen wollte. Statt sie jedoch seinem Bruder zurückzugeben, gelangte sie zu Ludwig Tieck – die Gründe sind mehr als verschleiert – dem genialen Übersetzer des Don Quixote und Verfasser des erschreckenden blonden Eckbert, einer der ersten Horrorgeschichten überhaupt. Ob das bereits mit dem eingesperrten Blut in der Dublone zusammenhing?

Kurz vor seinem Tod reiste Tieck zum letzten Mal nach Schwarzenhammer, wollte das Leuchtmoos und das berühmte Felsenlabyrinth bei Alexandersbad wiedersehen, wo er in seinen jungen Jahren gemeinsam mit Wilhelm Heinrich Wackenroder die ›Mondbeglänzte Zaubernacht‹ und andere Merkwürdigkeiten erlebt hatte und die geheimnisvolle Landschaft bestaunte. Er nächtigte erneut im Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, das der Familie Hardenberg gehörte und das sein Freund Novalis nur ein einziges Mal besucht hatte, bevor er seiner jungen Braut in den Tod folgte. Diese wertvolle Dublone blieb, als Tieck abreiste, auf dem Nachttisch liegen. Ob sie dort vergessen oder absichtlich zurückgelassen wurde, wird für immer im dichten Nebel der Geschichte verbleiben müssen. Wir sehen sie nicht, die Person, die sich aus eben diesem Nebel schält, sie erscheint uns wie ein Schatten, und auch unsere Phantasie wird kaum ausreichen, ihr ein Antlitz zu verpassen. Wir erkennen lediglich an ihrer Kleidung die zu dieser Zeit übliche Tracht eines Hausmädchens.

Neuheiß

nun es also so ist, dass mich die hitze in den raum zwingt, diesen nicht zu verlassen zwingt. Ich kann also das haus nicht verlassen und selbst innen ist es gefährlich, nur minimal bewegen, nur ein buch von hier nach dort tragen, ein luftschrauber im käfig ist an; lese von der hitze 1904 und lese von der hitze im 16ten jahrhundert: aber hat es den sommer über wenig getawet und ist sonsten auch an wasser grosser mangel furgefallen; und jetzt tawet es genausowenig und es gibt auch solche durre und fewersbrunst.

Sandsteinburg, Ende Buch Eins

Heute ist der letzte Audioteil des ersten Buches der Sandsteinburg von mir veröffentlicht worden. Das habe ich mit Mühe hinbekommen. Ob und wann ich an das zweite Buch gehen werde, ist gegenwärtig nicht zu erkennen. Hier noch einmal die Übersicht:

Buch 1: Der Elvegust

Die bisherige Gesamtlesung ist hier einzusehen. Andere Lesungen finden sich unter GrammaTau oder in der Audioveranda.

Ausgekugelte Ohren

Wie Macedonio Fernández an einem Buch schreiben, dass dazu gedacht ist, unbeachtet zu bleiben. Eine reizvolle Idee. Der Idiolekt, die chiffrierte, persönliche Sprache. Daran ändert auch Die Veranda nichts, es ist bequem so, wie ein Schuh, der sich durch Nässe erst aneicht. Früher musste man seinen avantgardistischen Sinn noch mit Flaschen voller Wein und dreckig wie ein Gossenhund in die bürgerliche Welt hineintragen, mitten in ihren Sonntagsstaat. Das hat sich sehr verändert; heute bedeutet alles Rückzug. Man kann alles von oben betrachten. Die Schmierfinken veröffentlichen ein Buch nach dem anderen, das Buch selbst ist das Ziel (oder schlimmer gar: das digitale Nichtvorhandensein – hinfortgedachtes Papier), nicht der Text, schon gar nicht die Sprache. Mit der aber allein ist alles möglich. So beharre ich darauf, manches “falsch” zu betonen, damit – wenn schon nicht die Wörter – der Klang zum Hyperbaton wird, über das man unweigerlich stolpert. Ich liebe stolpernde Zungen, noch mehr aber ausgekugelte Ohren.

Die Gefilde Roms

Sandsteinburg #19

Numa Pompilius, der sich mit der Nymphe Egeria verbuhlt hatte, studierte nicht wenig die Weisheiten der Assyrer. Er besaß von ihnen nun die Kunst der Erzeugung und Lenkung des Blitzes. Aber bereits sein Nachfolger im alten Rom, Tulius, lenkte den Blitz so schlecht, dass er von ihm erschlagen wurde und somit das Geheimnis verlorenging. Wenn es heute über mich hinweg donnert, dann zögere ich nun nicht mehr, der Karte zu folgen, die sich durch das Blitzgewitter erkennen lassen wird. Dahin habe ich mich gebracht, und all die angehäuften Schriften waren nur mehr Klatsch gegen die echten Grimoiren, Bücher, die so unscheinbar waren, dass man sich nicht einmal ihres Autors versicherte, sie nicht einmal in die Hand nahm; in so einem schlech­ten Zustand fanden sie sich. Um als Zauberbücher auch wirklich erkannt werden zu können, müssten sie jedoch auch mit ihrer Fertigung prahlen, man muss ihnen gleich ansehen, dass einen der Geist darin völlig erschlägt, man muss dem Buch ansehen, dass man es nicht begreifen wird, die aus­schwitzende Aura muss das Gelüst nach Jahrhunderten entfachen, in die hin­ein wir uns dann breitbeinig zu stellen wagen, um zu rufen: »Kommet, ihr Weltgeschichtler! Streunt an mir vorbei! zwickt mich in mein fettes Hinter­teil, ich will denn auch meinen Arsch aus der Träumerei erwachen sehen! – hier wird jetzt in die Geschichte hinein geschissen, geradewegs hinein in Na­poleons Schlachten kacken wir! – in die Gefilde Roms hinein!«

Der polnische Boxer (Eduardo Halfon)

Der polnische Boxer ist eine kleine Sammlung miteinander verbundener Geschichten des guatemaltekischen Schriftstellers Eduardo Halfon. Diese Offenbarung erschien im Jahre 2014 fast unbemerkt im Hanser Verlag. Überraschend daran mag vor allem sein, dass es bereits Halfons zehntes Buch ist, aber das erste, das übersetzt wurde (ich schreibe das, während ich bereits das zweite, “Signor Hoffman”, vorliegen habe). Man kann das zeitlich berücksichtigen – das Original erschien 2008 – muss das aber nicht.

Eduardo Halfon (c) E. Halfon

In diesem kleinen Puzzle bewegen sich Halfons Fragmente mühelos von Antigua, Guatemala, einem kulturellen Transitpunkt Mittelamerikas, nach Durham, North Carolina, Belgrad und Póvoa do Varzim, Portugal. Erzählt wird das alles von dem Protagonisten “Eduardo Halfon”, einem jüdisch-guatemaltekischen Schriftsteller und Literaturprofessor (ein Zufall, diese Ähnlichkeit mit dem Autor). Die Geschichten ringen unter anderem um Themen wie Kunst und Schrift, Identität, Auschwitz, sexuelle Ekstase und Zigeunermusik. Und sie trumpfen mit dieser ganz bestimmten Art erdiger lateinamerikanischer Intelligenz; beschäftigen sich mit der Suche nach Antworten und geheimen Schlüsseln zu den Rätseln von Leben und Familie, Geschichte und Heimat, Wahrheit und Leidenschaft.

Halfons Neugier auf die Erfahrungen seines Großvaters in einem Konzentrationslager zieht sich durch jedes Kapitel, von der subtilsten Ebene bis zur tiefsten Erkundung. Halfon weiß nur, dass es ein polnischer Boxer war, der seinen Großvater Oitze in Auschwitz gerettet hat, aber die Details bleiben ein Rätsel. Oitze zeigt Halfon selbst nur die grausigsten, aber verschwommensten mentalen Dias von Auschwitz. Dieses klaustrophobische Bild der dunklen, feuchten, mit flüstern gefüllten Zelle gibt den Ton für den Großteil des Romans vor. Für Halfon (den Protagonisten) ist die Idee eines Boxers, der Oitze rettet, ein Symbol, an dem er festhält, die Hoffnung, dass etwas oder jemand ihn retten wird.

Im dritten Teil “Epistrophy”, in dem der Erzähler Milan Rakic, einem Halbzigeuner und serbischen Pianisten, der auf einem Kunstfestival in Antigua auftritt, begegnet, beginnt das Buch wirklich zu schweben. Es ist Rakic, “ein moderner Nomade, ein allegorischer Nomade”, der dieses Buch in zwei atemberaubende Kapitel führen wird. Die erste, “Postkarten”, ist eine Serie von rätselhaften Schnappschüssen über Jazz und obskure Zigeunerkünstler, die Rakic von seinen Tourneen rund um den Globus zu Halfon schickt, während der klassisch ausgebildete Musiker als wandernder Akkordeonist immer tiefer in das Geheimnis der Wurzeln seines Vaters hineingezogen wird. Und die zweite, “Die Pirouette”, beinhaltet Halfons außergewöhnliche Suche nach dem verlorenen Rakic, der in “seinem eigenen verdammten Mythos” irgendwo in der rauchigen Zigeunerunterwelt des postkommunistischen Belgrads verschwunden ist.

Indem er sich selbst als Protagonist darstellt, vermischt Halfon die Fiktion mit der Realität. Er spielt explizit allwissender Erzähler und den im Dunkel Tastenden. Er vermischt auffallend diese beiden Ebenen und sagt uns: “Literatur ist nicht mehr als ein guter Trick, den ein Magier oder eine Hexe ausführen kann, um die Realität als Ganzes erscheinen zu lassen und die Illusion zu schaffen, dass die Realität eine einzige Einheit ist”. Er wird selbst dieser Zauberer, wenn er nach Milan sucht und versucht, eine Postkarte zu rekonstruieren, die er von ihm bekommen hat: “Es gibt immer mehr als eine Wahrheit in allem”.

Die Geschichten sind geschickt und kunstvoll miteinander verbunden – eine amerikanische akademische Konferenz über Mark Twain (der zufällig 1866 durch Nicaragua reiste); ein literarisches Symposium in Portugal, wo Halfon über die leidige Beziehung zwischen Literatur und Realität nachdenkt; Nächte am Strand mit seiner Freundin Lía verbringt, die danach versucht, Ebbe und Flut ihrer Orgasmen auf Papier festzuhalten, als ob sie Wellen oder Träume skizzieren würde. Die Geschichte von Halfons Großvater, der von seinem Zellengenossen, einem Boxer aus der polnischen Stadt Lodz, vor Auschwitz gerettet wurde, weil er  ihn in einer lange Nacht auf eine Untersuchung durch die Nazis vorbereitet.

Im weiteren Verlauf des Romans wird sein metafiktionaler Farbton stärker und heller. Sein unergründlicher Wunsch, Milan zu finden und Oitzes Vergangenheit aufzudecken, wird als surreales Verlangen dargestellt. Seine Fantasie überschlägt sich, und in dem Versuch, ihre Geheimnisse zu lösen, umarmt er deren Geschichten als seine eigenen. Er vergleicht seine Besessenheit, mehr über ihr Leben zu erfahren, mit der Art und Weise, wie ein neugieriges, krankhaftes, leicht ängstliches Kind unter dem Bett nach Geistern sucht.

Tatsächlich ist es die begrabene Vergangenheit des Großvaters, die schließlich enthüllt wird, die das kraftvolle zentrale Bild des Buches liefert: die “fünf mysteriösen grünen Ziffern, die mir viel mehr auf einen Teil seiner Seele als auf seinen Unterarm  tätowiert zu sein schienen”. Als Junge wurde Halfon gesagt, das Tattoo sei gemacht worden, damit sein Großvater seine Telefonnummer nicht vergessen würde. Nach dem Tod seines Großvaters im letzten Akt des Buches “Sonnenuntergänge” schwingt sich Halfon von den in sein Fleisch eingebrannten Figuren über Lias Zeichnungen und Visionen zu Maya-Tempeln in der Abenddämmerung und sucht atemlos nach einem verbindenden Faden im Gewirr der Elemente des Buches: “Ich dachte an die fünf  blassgrünen Zahlen, die jetzt auf dem Unterarm meines Großvaters, unter der dicken schwarz und dunkelviolett karierten Decke, dabei waren, zu sterben. Ich dachte an Auschwitz. Ich dachte an Tätowierungen, Nummern, Zeichnungen, Tempel, Sonnenuntergänge.”

Der polnische Boxer ist ein Buch der kleinen Wunder. Dabei erinnert Halfons Werk in gewisser Weise an andere Autoren, etwa an die Würzigkeit des Kubaners Pedro Juan Gutierrez oder auch Henry Millers (von dem ein Zitat das Buch eröffnet) bis zu den eindringlichen Stimmen von John Berger und dem Argentinier Edgardo Cozarinsky. Auch für die schiere erzählerische Dynamik und Faszination der Mischung aus Leben und Büchern, Sex und Kunst gibt es Echos des chilenischen Meisters Roberto Bolaño.

Der guatemaltekische Autor glaubt wie Platon, dass “die Literatur eine Täuschung ist, in der der Betrüger ehrlicher ist als der, der nicht betrügt; und der, der betrogen wird, ist weiser als der, der sich nicht betrügen lässt”.

Die Phantome des Franz Hellens

Von Franz Hellens ist heute kaum noch mehr als dieses traurige Gemälde zu finden, das Modigliani gemalt hat, der als Künstler bekannter ist als sein Modell. 1881 in Brüssel geboren, und für den Dienst an der Waffe für untauglich befunden, ließ er den ersten Weltkrieg in Nizza vorbeiziehen, wo er auch Modigliani begegnete, und seiner zukünftigen Frau Maria Marcovna. In einem späteren Buch voller Aufsätze und Erinnerungen mit dem Titel Geheime Dokumente, erzählt Hellens, wie Modiglini das Portrait in ein paar wenigen Stunden aufs Papier geschleudert hatte, während, unterbrochen von gelegentlichen Spaziergängen an der frischen Luft, drei Liter Wein durch seine Kehle rannen. Hellens und Maria waren von dem Portrait nicht begeistert. Er beschreibt seinen Eindruck in einer seiner besten Geschichten, Der Hellseher:

„… es war lebendig, lebhaft; ‘es sprach’, wie manche Kenner sagen würden. Aber es hatte wirklich keine Ähnlichkeit.
Es muss gesagt werden, dass der Maler nicht für einen einzigen Augenblick daran dachte, dem Gesicht, das er vor sich hatte, zu schmeicheln. Es war seltsam in die Länge gezogen; das Oval des Gesichts derart zu strecken hebt ohne Zweifel eine charaktervolle Schlankheit hervor, einen Charakter aber, der nicht dem meinen entspricht. Außerdem hatte er die Schultern völlig weggelassen, so dass das wenige, das auf dem Portrait vom Körper zu sehen ist, noch weiter zum Fehlen des Volumens beiträgt, wie es nicht von dem, der ihm saß, stammen konnte. Letztlich sind die wenigen Falten, die damals bereits mein Gesicht zierten, übertrieben dargestellt worden. Das Portrait atmet eine geistige und körperliche Erschöpfung, gerechtfertigt durch das schwierige Leben, das ich bis dahin gelebt hatte. Trotz allem war ich am meisten von diesem jugendlichen, sogar kindlichen Ausdruck beeindruckt, genauso unverhältnismäßig und paradox wie der Rest, der sich aus der absichtlichen Fragilität der Konstruktion ergibt. Da war auch noch etwas anderes, das ich allerdings nicht erklären konnte.“

Hellens war ein großer, knochiger Mann mit großen, redseligen Augen, der etwas an Jeremy Irons erinnert, die Ebenen seines Gesichts waren Hager. Jahre später fand Hellens, dass das Portrait seinem jüngsten Sohn Serge wie aus dem Gesicht geschnitten war, und das war die Grundlage seiner Erzählung aus der Sammlung von 1941, Nouvelles réalités fantastiques [Neue Fantastische Realitäten].

Franz Hellens ist neben Jean Ray und Thomas Owen einer der drei Namen der (un)heiligen Dreifaltigkeit der Belgischen Phantastik. Vervollständigt wird das Pantheon durch zwei Schriftsteller, die sich ihren Ruhm in anderen literarischen Gefilden erwarben, die aber jeweils einen beachtlichen Beitrag zum Genre lieferten: der Symbolist und Dramatiker Michel de Ghelderode mit Sortilèges [Verwünschungen], und der Dichter Marcel Thiry mit Les nouvelles du grand possible [Größtmögliche Geschichten].

Im Gegensatz zu Ray und Owen führte Hellens das Phantastische weg vom Horror, hin in Richtung des Magischen Realismus. Seine frühen Arbeiten wurden als leuchtende Beispiele der „echten Phantastik“ gefeiert, und sie entschieden seine ästhetische Richtung: zunächst in der erzählenden Literatur, und später in seinem Leben durch Essays, in denen er, mit wenig Erfolg, versuchte, eine Theorie der Phantastik zu entwickeln. Die „echte Phantastik“ ist ein unsicheres Konzept und hat nicht zuletzt teilweise ihre klassischen Momente verloren. Sie kann sich noch nach einer klassischen phantastischen Erzählung anhören, die den Rahmen einer Realität nimmt, in die dann das Unerklärliche hereinbricht und somit Verunsicherung auslöst. Für Hellens aber war die Phantastik ein spezifischeres Konzept, eine „ungewöhnlich Brechung alltäglicher Realität“, die Realität wurde desorientiert und verschoben zurückgelassen. Statt eines weit hergeholten Ansatzes ging es ihm darum, die Realität bis an die Grenzen des Bekannten und Glaubhaften zu treiben, um die „Erweiterung der Realität bis hin zum noch Vorstellbaren.“

Zu dieser Zeit waren Träume und Vorstellungskraft der neueste psychologisch Stand innerer Grenzen. Hellens Streben nach einer „inneren Phantastik“, die das „Ergebnis einer lyrischen Seele … essentielle Poesie“ sein sollte, zeichnete den Kult des Ästhetischen der Surrealisten bereits vor, ihre Erkundung des Geheimnisvollen, Verborgenen, und ihre Verehrung für die befreienden Kraft der Fantasie. Er bevorzugte sanftere Emotionen als den Schrecken, bevorzugte das Eindringliche gegenüber dem Eingedrungenen, und auf diese Weise bereitete er den Weg für spätere Autoren, die das Phantastische dazu nutzten, vergessenen Reichen nachzutrauern, wie Georges-Olivier Châteaureynaud und André Hardellet. Wenn der Tod durch Hellens fiktionale Landschaft streift, dann ist das weniger beängstigend als vielmehr „ein besserer Ort“, oder zumindest ein weit entfernter und ironischer Tod. Hellens ist am grundsätzlichen Charakter des Unheimlichen, an seinem etymologischen Sinn interessiert: an den Wendungen und Launen des Schicksals.

Wenn man Hellens heute liest, dann blickt man in eine sehr frühe Phase des Genres. Seine Themen sind ziemlich klassisch: Doppelgänger, Wiedergeburt, das verfluchte Objekt, Gedankenlesen, Totenbeschwörung. Wenn phantastische Erzählungen zu Beginn die Musen anrufen, dann ist es immer eine Sache des Glaubens, und wie in Geschichten aus alter Zeit, scheut sich Hellens nicht, die seinen mit ermahnenden Sätzen zu beginnen:

„Es gibt Zeiten im Leben eines Menschen oder einer Nation, in denen das Wundersame – oder das Außergewöhnliche, wenn Sie so wollen – für eine Weile zum Gesetz wird, das erstaunlicherweise auch die meisten empirisch Denkenden annehmen.“

„Wir finden im einfachsten und gewöhnlichsten Leben eines Menschen, wenn wir diesen beobachten wollten, von einem Augenblick zum anderen, sehr außergewöhnliche Umstände vor, wo seine Sinne überfordert sind und sein Bewusstsein eine befremdliche Richtungsänderung erfährt, sich in unentwirrbaren Fantasien verliert.“

1964 gewann Hellens den Grand Prix for French Literature für nichtfranzösische Schriftsteller. In einem Interview von 1971 sagte kein geringerer als Vladimir Nabokov, der bekannt war für seine ausgeprägten Meinungen (und der Robbe-Grillet für den besten Schriftsteller seiner Zeit hielt):

„Es ist eine Schande, dass Franz Hellens weniger gelesen wird als der grauenhafte Monsieur Camus und der sogar noch schrecklichere Sartre.“

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