Dorothy Gale (Wir sind nicht länger in Kansas)

Ob man nun durch das originale Kinderbuch von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900 oder durch die Verfilmung mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 zur Geschichte kam, Der Zauberer von Oz ist Teil eines gemeinsamen emotionalen Eigentums geworden, das sich tief in der kollektiven persönlichen und kulturellen Psyche verankert hat. Jüngst haben Filmwissenschaftler aus einer groß angelegten Studie die Erkenntnis gewonnen, dass besagter Film der einflussreichste aller Zeiten ist. Das mag das deutsche Publikum etwas staunen lassen, denn hierzulande kennt man Dorothy Gale zwar auch, hält das Phänomen aber wohl für ein rein amerikanisches. Und das stimmt eben nicht. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben unvergessliche Verbindungen zu dieser Erzählung voller Wunder, Gefahren, Freundschaft und Gegenspieler. Natürlich sind das Erfahrungen, die oft durch die nostalgische Linse der Kindheit verstärkt werden, aber nur wenige Geschichten wurden mythologisiert wie Oz. Nein, selbst Mittelerde nicht.

Natürlich konnte Baum nicht vorhersehen, wie die Massenmedien eines Tages den Einfluss von „The Wonderful Wizard of Oz“, so der Originaltitel, vervielfachen würden. Und wie auch? Als das Buch erschien, steckten bewegte Bilder noch in den Kinderschuhen. Aber unabhängig davon, welches Phänomen daraus noch entstehen sollte, war Baums unmittelbarer Einfluss auf die amerikanische Imagination bereits damals von Bedeutung.

Von Anfang an schien Baum zu spüren, dass er hier etwas Besonderes in den Händen hielt. “Dorothy Gale (Wir sind nicht länger in Kansas)” weiterlesen

Tontafelkalender vom 23ten Hartung xx20, einem Durnstag

Ich befinde mich in einem Alter, in dem ich so wohlgeformt durch die Jahrzehnte des ausschließlich-schreibens und ausschließlich-anders-seins sehr weit weg bin von jedem literarischen Diskurs, und das vor allem, weil ich in meiner Abgeschiedenheit viel mehr internationale Impulse aufgenommen habe als die meines direkten Kulturkreises, natürlich immer nur selektiv. Die Führung, die im alltäglichen Zufall genannt wird, das waren mir die literarischen Abenteuer von oben nach unten und bald wollte ich das Gedicht, bald wollte ich Prosa, bis ich bemerkte, dass es keine Rolle spielt, dass jede Genrezuweisung nur ein Kunstprodukt für sich selbst ist, man das aber nur begreift, wenn man nicht ununterbrochen darauf aufmerksam gemacht wird. Erst dann liegen einem auch die Sprachepochen zu Füßen und man bindet seinen Geist an den rundgefüllten Eimer wie ein Ohr, das man abnehmen und überall hinlegen kann.

Ich stünd’ nicht gern an finstren Lauben
Ohn’ an die wilde Pflicht zu glauben
Es käm’ auf die Sekunde an
Das Tor könnt’ sich zum Nichtse biegen
Und alte Trauer dort versiegen
Wo ich einst meinen Wahn begann

In Großgaloschen trampelt hier
Das eine um das andre Tier
Und will mich aus dem Loch vetreiben
In dem ich warte, sitze, speie
Mit aller Freude dem verzeihe
Der’s schafft mich durch das Holz zu reiben

Denn bin ich drin will ich gleich wähnen
Die Tür zu öffnen mit den Zähnen
Damit man mich besuchen kann
Ich tischte Kuchenklänge auf
Und andren Schmaus für einen Bauch
Der Luft ablässt so dann und wann

Alte Fotografien sind mir oft mehr als zweidimensionale Übrigkeiten einer vergangenen Spanne. Ich achte oft hinter einer Lupe, die mich etwas spöttisch näher kommen heißt, auf eine flüchtige Geste, die möglicherweise im dort festgehaltenen Faltenwurf oder einem Sonnenstrahl, der eine Schulter etwas mehr aus dem Grau hebt, ein Spiel des Lesens von Augenblicken mit mir beginnen will. Ich verstehe nur halb, wie es kommt, dass es alles, was zu erkennen bleibt, nicht mehr gibt, verstehe es also als finstere Vertrautheit mit meinen eigenen Gedanken, die schon nachher verschwunden sein werden, wenn ich sie nicht irgendwohin notiere. Ich verstehe als nur halb, denn die andere Hälfte wehrt sich entschieden gegen eine Aufklärung, aus der Gewissheit heraus, dass es sich um eine Täuschung handelt, sobald man erklärt.


Nach dem Gequassel aus P. Highsmiths Werkstattbericht, mit dem ich sehr wenig anfangen konnte, weil ich eine gänzlich andere Arbeitsauffassung habe, bin ich schnell in die 20er Jahre verschwunden und vom “Josty ins Romanische Cafè” gegangen. Es ist die Kunst solcher Bücher, eine Lebendigkeit quasi aus der Retorte entstehen zu lassen, was dann, obwohl es sich m eine Illusion handelt, jene Gehirnhälfte temperiert, die bereits schlafen will – es ist halbzwei – und deshalb leichtes Spiel hat, denn der Schlaf und die eingefangene Vergänglichkeit verstehen sich recht gut.

Irgendetwas scheint komisch zu sein an meinen Zeitreisen. Man weiß ja erst, was uns an Geist verloren gegangen ist, wenn man sich in die Ferne nach hinten begibt.

Neu in der Sammlung (10)

Bildrechte der Cover von links nach rechts: Diogenes; Heyne; Insel; Dreoemer

Jaques Bonnet plaudert in seinen “vielseitigen Geliebten” über das Büchersammeln, wie man 20 000 Bücher sortiert und was es bedeutet, biblioman zu sein. Patricia Highsmith ist mit ihrem Werkstattbericht “Suspense” eingetroffen, Diane Setterfield bereichert die New Gothic Novel-Abteilung und  Jürgen Scheberas “Vom Josty ins Romanische Café” ist gerade erst erschienen und bietet Streifzüge durch die Berliner Künstlerlokale der Goldenen Zwanziger.

Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«

Eine Frage stellt sich nicht mehr: Wo ist Carlos Montúfar? Jener historisch verbürgte Begleiter Humboldts fehlte einst in Daniel Kehlmanns Bestseller »Die Vermessung der Welt«. Gestrichen. Für die Geschichte. Für die Dramatik. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen steht mit »Tyll« der nächste vermeintlich historische Roman des österreichischen Autors an. Die Frage lautet jetzt: Warum Till Eulenspiegel? Denn Kehlmann versetzt den Narren für seinen aktuellen Roman aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Die Antwort lautet damals wie heute, »daß ein Erzähler niemand anderem verpflichtet ist als seiner Geschichte und daß auch diese ihm nicht gehört, selbst wenn er das glaubt. Daß die Kunst zwar zweitklassig ist gegenüber der Natur, daß sie ihr aber manchmal dennoch etwas hinzufügen muß, denn das Wirkliche ist nicht immer, nicht allen Fällen, das Wahre«. So schrieb es Kehlmann damals in einem Essay. Um das Wahre zu finden, braucht die Erzählung von »Tyll« seinen Schelm, seine Drachen, seine Anleihen an Märchen und an den klassischen historischen Roman. Denn es geht in diesem Buch vor allem darum: Entkomme dem Tod. Ein Glück ist hier der Schelm dem Schnitter stets einen Schritt voraus. »Sterben ist nichts, das begreift er.« Eine Erkenntnis, die Tyll bereits nach ein paar Seiten trifft. “Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«” weiterlesen

Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher

Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstückchen (und natürlich auch innerhalb des kriminalistischen Dramas, das hier keine allzu große Rolle spielt), und obwohl ihre Sprache präzise ist, ist sie nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und sie kommt fast ohne Metaphorik auf Satzebene aus. Würden ihre Figuren nicht in einem konstanten psychologischen Extrem agieren, könnte man sie als flach bezeichnen.

Und diese Figuren sind wahrlich schwer, wenn nicht unmöglich zu mögen. Graham Greene nennt die Autorin in seinem Vorwort “die Schriftstellerin der Beklemmung”; studiert man diese Geschichten näher, erkennt man sie als ein Beispiel dafür, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist zwar keine tiefgründige Beobachtung, aber ihre unsicheren, beleidigenden, affektierten, unbequemen, elenden, ängstlichen, grausamen Charaktere kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder auch nicht, meist beim Töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich durch ihre Erlebnisse nicht. Highsmiths Kurzgeschichten trotzen James Joyces Erwartung an die Erleuchtung:  Die Menschen verhalten sich schlecht und es kommt nicht zu einer Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebungen in der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Erhöhung der eingefassten Fähigkeit hinausläuft. So wie etwa ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung führt als zu einer Rehabilitation. “Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher” weiterlesen

John Crowley und das Geheimnis der Frauen

1. Und das Nachtragende …

“Mein Schreibmodell ist Shakespeare: nicht jeder Leser wird ein Buch von mir unmittelbar verstehen, aber es wird mit jedem Wiederlesen durchschaubarer.”1

Allein dieser Ausspruch dürfte ausreichen, eine Vielzahl von Lesern abzuschrecken. Das hört sich nach harter Arbeit und nicht gerade nach entspannender Lektüre an. Und doch liegt der entscheidende Vorteil dieses Schreibmodells auf der Hand: Ein Buch, das sich immer wieder lesen lässt, ist für die Ewigkeit gemacht. Was ist dagegen das kurze Vergnügen eines Reißers, den man kein zweites Mal lesen will?
John Crowley ist seit vielen Jahren so etwas wie eine graue Eminenz in der Literatur. Seine Bücher verleiten inzwischen insbesondere Schriftstellerkollegen zu euphorischen bis ehrfürchtigen Äußerungen. So ließ Peter Straub sich mit den Worten zitieren: “Crowley ist so gut, dass er jeden anderen im Staub zurückgelassen hat.”2
Hervorgegangen aus dem Science-Fiction-Umfeld, wird er heute auch vom Literatur-Adel akzeptiert. Inzwischen wird er als Mainstream-Autor, nicht mehr als Fantasy-Autor, promoted. Einen “Wechsel” von der Science-Fiction-Literatur zur Literatur-Literatur sieht Crowley lediglich nach verkaufstechnischen Gesichtspunkten:

“Es ist ja nicht so, dass du dein ursprüngliches Publikum verlassen willst. Du willst nur, dass so viele Leute wie möglich dein Buch lesen, und du willst, dass es so ernst wie nur möglich genommen wird.”3

Genau das ist inzwischen verstärkt der Fall. Sein bislang jüngster Roman Love & Sleep erzielte eine sehr gute Presse, und ein amerikanischer Rezensent sagte ihm eine ähnlich steile Karriere voraus wie Cormac McCarthy. Mit der Begründung, er sei “ein außergewöhnlicher Stilist und bezwingender Geschichtenerzähler”, wurde Crowley mit dem American Academy of Arts and Letters Award ausgezeichnet. Der prominente amerikanische Literaturwissenschaftler Harold Bloom listete Crowleys Romane Little, Big, Ægypt und Love & Sleep unter den Standardwerken der amerikanischen Moderne auf — Büchrücken an Buchrücken mit Namen wie Salinger und Hemingway. In seinem Essayband The Western Canon bezeichnet Bloom Crowley als einen “Meister in Sprache, Plot und Charakterisierung”. Irgend etwas muss an John Crowley dran sein. “John Crowley und das Geheimnis der Frauen” weiterlesen

Tontafelkalender vom 17ten Hartung xx20, einem Fridach

Den frühen Morgen mit Dexter Gordon begonnen, der von meinen bewunderten Tenorsaxophonisten das vollste Organ besitzt.

Noch in der Nacht konnte ich den Volker Kutscher beiseite legen, durch seine Gereon Rath-Romane der Impulsgeber zur hervorragenden Produktion “Babylon Berlin”. Kutscher selbst kann Ideen haben, aber er hat eindeutig kein Erzähltalent, das liegt tatsächlich den wenigsten deutschen Autoren im Blut. Ganz anders der erste Highsmith-Band; die Dame bricht mit einer erschreckend einfachen Sprache ins Bewusstsein, die Finesse liegt in ihrer psychologischen Führung der Figuren.


Die Inselsprüche und was denn mitzunehmen wäre: Auffällig sind es bei mir vermehrt Kurzgeschichten und weniger Romane. Natürlich Cortázar (mitsamt Rayuela eben als einer der wenigen Romane); Poe, Bruno Schulz, Borges, Ligotti, Aickman. Gegen Romane entscheide ich mich nicht wegen der Form, sondern wegen der Fülle auf engstem Raum bei leichtem Gewicht.


Piglia: Man erzählt nicht, um sich zu erinnern, sondern um etwas Verborgenes zu zeigen.


Also bin ich ein Hybrid, ein Zwitterwesen zwischen Federhalter / Maschine und der elendigen digitalen Textur, die immer eine Umkehrung ist, eine Vernichtung, die täuschend echt mit Symbolen umgeht, aber am Ende nur von der reinen Vergeblichkeit kündet.


Es gibt wichtige Bücher und eine größere Masse unbedeutender, denen man in einem Leseleben begegnet. Die Verteilung scheint zunächst willkürlich. Die Zufälle, mit denen man seine persönliche Bibliothek füllt, sind, wie die Zufälle aller Begegnungen: es erschließt sich erst in einem Zwiegespräch die Tragweite.

Tontafelkalender vom 15ten Hartung xx20, einem Mittichen

Eine neue Vernunft ist keine, die in die Welt hinausblickt, sie zieht sich vielmehr in die Subjektivität zurück. Eine neue Vernunft ist einsam, weil sie mit der alten nichts zu tun hat, und doch von ihr abhängig ist, aber nicht mehr von der Welt.


Wenn ich etwas lese wie Kafkas “Das Urteil”, von dem bekannt ist, dass er es in einem Zug heruntergeschrieben hat, dann ist mir noch nachträglich so, dass ich hoffe, man möge ihn bloß nicht dabei stören, denn von dauernden Unterbrechungen war er schließlich geplagt. Die Zeitpunkte eines Geschehens in der Vergangenheit stehen nämlich gar nicht so gusseisern fest, als dass man ihnen Vertrauen schenken könnte. Meine eigenen Unterbrechungen waren stets anderer Natur als die Kafkas, aber auch mein Werk zeichnet sich dadurch als Fragment aus (und nur darin bin ich Kafka nahe); ich selbst aber begehre das Fragment, für mich drückt es all das aus, was wir wahrzunehmen im Stande sind im Angesicht einer willkürlich angenommenen großen Einheit der Masse. Kafka ist also diesmal nicht unterbrochen worden, und ich kann jeden Tag nachsehen, ob das auch so geblieben ist.


Seit gestern nun plagt mich ein grippaler und dumpfer Kopf, der aber die Rutschbahn des Rotzes nicht nutzen will, die Nase kann also weiter Winde atmen. Es sind wahre Wetterkapriolen zwischen Januarkälte und dem Willen zum verfrühten Frühling. Auch kam das Probeexemplar “Mummenschanz in großen Hallen” an und macht sich dem ersten Eindruck nach gut; allerdings sind am Ende 5 Leerseiten eingefügt, die äußerst störend wirken. Auf meine Nachfrage antwortet epubli, dass die Seitenzahl nicht mehr durch 4 sondern durch 12 teilbar sein muss. Zwar wäre es möglich, den Satz dahingehend anzupassen, aber das erscheint mir nicht wünschenswert. Ich werde wohl zu einem anderen Anbieter wechseln müssen und bereite das Skript dementsprechend heute vor.


Neue Bücher kamen.

Tontafelkalender vom 14ten Hartung xx20, einem Zistag (mit Piglias ‘Letztem Leser’)

So erstaunlich es sich anhört, habe ich eine irrationale Angst davor, Bücher könnte es eines Tages nicht mehr geben und diese Möglichkeit käme noch zu meinen Lebzeiten zum Tragen. Das mag vielleicht ein Grund für meine Besessenheit sein: kaum habe ich ein Buch in meine Sammlung integriert, fehlt mir ein anderes schmerzlich. Und das geht immer so fort. Als Leser hat man immer zu wenig Bücher, auch wenn man eines Tages so viel hat, sie nie und nimmer alle lesen zu können. Doch das spielt keine Rolle und kann nur der Einwand eines Nichtlesers sein, denn manchmal besteht die Aufgabe eines Lesers gerade darin, nur zwischen den Büchern zu verweilen und nicht zu lesen. Es gibt keine andere Möglichkeit, das Universum zu uns einzuladen; sobald wir in den Nachthimmel sehen, zieht es sich zurück. Nur in einer Bibliothek offenbart es sich, wie das Leben, das man sucht, aber nur noch in der Erinnerung findet, einer Erinnerung, die sich nicht zuletzt aus Gelesenem speist.

Die interessante Frage ist die nach den Büchern, die gerade nicht da sind. So wenig wie man alles lesen kann, das je geschrieben wurde, so wenig kann man alle Bücher besitzen. Sollte man es überhaupt versuchen? Welche Bücher fehlen wirklich? Und welche Beziehung hat ein Leser zu eben jenen Büchern, die er nicht liest? Obwohl sich diese Fragen nach einer Willkür erkundigen wollen, ist eine Lektüre niemals beliebig. Als Leser folgt man Verweisen innerhalb der Unendlichkeit, und wieder sind wir bei der Metapher des Lebens angelangt, das so individuell ist wie der Weg durch dieses Labyrinth. Nur ist das Leben tatsächlich eine Metapher, die Lektüre ist es nicht, sie ist ein unerschließbares Rätsel, größer als das Rätsel unserer selbst. Bücher nämlich, die nicht da sind, die zerstört wurden, nie besessen wurden, sind in jenen mitenthalten, die man gelesen hat oder lesen wird.

Piglia schreibt: “In diesem von Büchern gesättigten Universum, wo alles schon geschrieben wurde, kann man nur wiederlesen, das Alte auf neue Weise lesen.”

Und das bedeutet schließlich die Freiheit im Umgang mit dem Text, bedeutet, dass jede Leseerfahrung alleine gemacht wird, angepasst an die eigenen Bedürfnisse. Der Minotaurus, den wir finden, ist ein persönlicher; indem sich alles wiederholt, wiederholt sich nichts. Es ist ein völlig eigenes Genre, Bücher über Bücher oder das Lesen zu schreiben. In der argentinischen Literatur ist diese Reflexion sehr ausgeprägt und alle diesbezüglichen Spuren führen zu Borges und von ihm wieder sternförmig (oder arachnoid) weg.


Gestern ging es dann doch nicht mehr zum Copy-Shop. Ich musste noch auf die Antwort des Anwalts warten, den Albera in Sachen des Phantastikons kontaktierte (was kein offizielles Mandat bedeutete, aber dennoch einiges zur Klärung beitrug). Heute aber ist einmal das zu erledigen, zum anderen aber will ich mir Papierformen ansehen und die Broschur besprechen, die aus Alberas Gedichtband Hexenwerch gemacht werden soll. Das ist immer die Frage, die mich selbst umtreibt: Zwar habe ich mein “Mummenschanz in großen Hallen” bei epubli drucken lassen (und heute erst kam die Bestätigung über die Versendung), aber das soll und kann nicht zur Regel werden. Eine Selbstherausgabe ist unter allen Umständen abzulehnen und nur in Ausnahmefällen eine Option, Texte in geringer Zahl zugänglich zu machen. Da empfiehlt sich gerade die Broschur, die ohne jeglichen Markt auskommt, damit dreivier Leute damit versorgt werden können. Und es versteht sich von selbst, dass die meisten Texte, die hier auf der Veranda aufschlagen, weder für den Markt noch für die Masse gedacht sind. Auch der “Mummenschanz” ist es eigentlich nicht, aber es ist primär eine Frage der Ordnung. Im Buch gesammelt habe ich eine bessere Übersicht als im steten Durcheinander meiner Manuskripte – und Fließtexte auf der Maschine (für mich käme nur eine solche Broschur infrage, die einem Faksimile gleicht), sind mir gegenwärtig nicht wünschenswert, weil ich dann das Format und das Volumen ändern müsste.

T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

“T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik” weiterlesen