Jeder Spuk

Jeder Spuk ist, für sich genommen, ein Manifest der Aufzeichnung gewaltiger Gefühlsregungen, die im Augenblick des äußersten Schreckens eine unauslöschliche Spur hinterlassen. Aber auch die Zeugnisse, die nicht der Tragödie oder dem Grauen entspringen, sind noch vorhanden. Sie sind nur nicht dazu gedacht, wahrgenommen zu werden, damit die schwarzen Blüten selbst besser zur Geltung kommen. Doch diese Spielart der Ewigkeit ist nichts im Vergleich zu jenen Vorkommnissen, die keine andere Neigung zu haben scheinen, als die Tore ins Chaos zu bilden – hinaus und hinein. Diese Tore haben eine ähnliche Funktion wie das Filtersystem, das unser Bewusstsein vom Unterbewusstsein trennt. Es ist eine Sache, über die Möglichkeiten der Materie zu sprechen, aber es ist etwas völlig anderes, über die Möglichkeiten des ganzen Universums zu sinnieren.

Die verhängnisvolle Leinwand

Die Dame von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür des berüchtigten Mansardenzimmers, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

“Es ist seltsam, Monsieur. Ich fühle mich jedes Mal … ich mag es nicht, die Ruhe dieses Raums zu stören. Es ist albern, ich weiß, aber ich erwarte ständig, dass er bewohnt ist … von ihm. Man würde meinen, dass sein Selbstmord eine Aura des Todes und der Finsternis in diesem Raum hinterlassen hätte, aber man fühlt stattdessen … seine Jugendlichkeit. Sie porträtierten ihn abscheulich in diesem lächerlichen Film. Ich stamme ursprünglich aus England und hatte keine Vorstellung von der Legende des Mannes, als ich meinen französischen Ehemann heiratete, möge er in Frieden ruhen … Die Legende dieses Mannes begann in Ihrem Heimatland Gestalt anzunehmen, als Hollywood beschloss, die erfundene Geschichte über Honoré Radin zu verfilmen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie eine Biographie über den Maler schreiben.“ “Die verhängnisvolle Leinwand” weiterlesen

Ich verstehe zumindest so viel

Ich verstehe zumindest so viel, das ich zwei Leben habe. Eines, in dem ich mir regelmäßig Blut abnehmen lasse; und eines, in dem ich nur über Bedeutungen, Wahrnehmungen und Symbole nachdenke. Das “blutig” genannte Leben ist auch eines der Ernährung. Sind die Königsberger Klopse etwas anderes als Ricardo Piglias Kurzformen? Ist der Milchkefir, den ich seit präterpropter zwei Monaten anrichte etwas anderes als die Carl Barks-Sammlung? Und was hat das mit meinem Blut zu tun? — Die Suche nach Ursächlichkeit auf der einen Seite, die Lust am Widersinn auf der anderen. Chaos und Ordnung. Ich hätte schon Medizin studieren müssen, um mich zumindest ein wenig zu verstehen. Aber ich halte mir lieber einen Arzt. Früher waren es Hunde, Katzen …

Die Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman

Wenn man sich nicht ausschließlich mit deutscher Literatur beschäftigt, bietet es sich an, die hierzulande gebräuchlichen Genreumschreibungen nahezu allesamt zu verwerfen. Das Englische ist die literaturwissenschaftliche Leitsprache, daran ändern auch die länderspezifischen Eigenheiten nichts. Eines von vielen Beispielen ist die Mystery Fiction, also die “Rätselgeschichte”, die bei uns kaum als Begriff verwendet wird. Stattdessen wird der englische Begriff “Mystery” behalten und für eine Form der phantastischen Erzählung verwendet, die eigentlich der Weird Fiction nahe steht, während “Mystery Fiction” zur Krimnalliteratur wird. Das wäre in Wahrheit die Crime Fiction, die sich aber von der Mystery Fiction wiederum unterscheidet. “Die Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman” weiterlesen

Drachen

Diese seit menschengedenken in allen Kulturkreisen bekannten Wesen, die die Länder und Lüfte spielend eroberten wie kein anderes, sind in den Köpfen der Menschen, besonders in Literatur und Film, bis heute existent. Faszinierende Mischwesen mit einem großen langen Schwanz, die manchmal ihren Gegnern sogar vielköpfig Feuer unter’m Hintern machten. Manchmal mit einem Löwenkopf, manchmal mit einem Krokodils-, Panther- oder Wolfskopf. Einem Vogel gleich seien sie, da sie Flügel (häufig Flughäute) hätten, mit denen sie fliegen könnten. Schuppige Reptilien seien sie, die einer Schlange sehr ähnlich sähen. Ebenso aber seien sie Raubtiere mit riesigen greifartigen Klauen oder Tatzen an den Vorder- und Hinterbeinen, die verspeisen würden, was sie fassen könnten. In Klassen unterteilt wurden sie. Und so gab es auch jene, die man zu den Wyvern zählte, die vor allem in der Heraldik Einzug hielten, die nur zwei Vorderbeine, Flügel und einen schlangenartigen Unterleib hatten. Als auch jene, die man den Kriechdrachen zuordnete, die ganz ohne Füße auskommen mussten.

Im Lateinischen draco genannt, im Altgriechischen δράκων, was häufig mit “Schlange” übersetzt wird, jedoch streng genommen “der starr Blickende” bedeutet. Also dem Blick einer Schlange verwandt. So will man uns weismachen. Jedoch ist bedenkenswert, dass das, was uns den Blick einer Schlange als “starren” erscheinen lässt, auch von einer anderen Tatsache herrühren könnte, der Tatsache nämlich, dass sie über keine Augenlider verfügt, die sie vor ihrer Umwelt schützen. Weshalb wir uns überlegen können, ob dem so ist oder war. Oder ob es nicht durch viele Zeiten hindurch unserem Blick zuzuschreiben ist, der starr erblickte, was er, mindestens seit den Babyloniern, erblicken wollte. “Drachen” weiterlesen

Tontafelkalender vom 28ten Julmond xx19, einem Sonnabend

Wie weit müssen sich Gedanken mit der Umgebung decken, die ein Produkt dieser Gedanken ist? Im Historischen zu leben bedeutet, in einem Narrativ zu leben, das man selbst wählt, obwohl es schon da ist. Es ist nicht ausgeschlossen, in die Zukunft zu blicken, nur gilt es zuvörderst, die Symbole zu betrachten und zu entwirren. (Nein, wirr sind diese Symbole nicht, jedoch kann nur eine Verdichtung dafür sorgen, dass Chaos und Nichts überhaupt dargestellt werden können – innerhalb eines Symbols, das dann zurück in den Urzustand gleitet, wenn hier von “entwirren” die Rede ist).


Es ist nicht möglich, ein Letztes zu denken, so wenig wie einen Anbeginn. Also denke ich nicht an einen Anfang, sondern an eine Folge. Welche das heute ist, darüber rätsele ich mehr als über das, wie es ausgeht. Ich könnte mich noch als wandelndes Paradoxon erkennen, hätte ich einen angemessenen Spiegel vor mir. Meistens schaue ich nur in die Mitternacht hinein, sie aber zeigt immer nur mich, als gäbe es keine weiteren Gesellen, die sich die Epochen abstreifen, um heute zwar gegenwärtig zu sein, aber auch in jedem Damals fischen gehen zu können. Wir haben noch nicht genug herausgefunden, um uns bereits um einen Zeitgeist scheren zu müssen. Ich picke mir aus den Zeiten das Malz heraus – Weichen, Keimen, Darren -; so viel unvergessliche Masse für den Faszikel-Baukasten!

W. H. Pugmire: Der dunkle Fremde (Blitz)

Vor einigen Jahren fragte ich Wilum “Hopfrog” Pugmire per Mail, ob ich einige seiner Geschichten übersetzen dürfe und er antwortete, dass ich gerne alles von ihm übersetzen dürfe, was ich wolle. Gerne hätte er ein Büchlein seiner Geschichten in deutscher Sprache, von der er schwärmte, weil seine Vorfahren aus Deutschland gekommen waren. Allerdings, teilte er mir mit, seien bereits Freunde von ihm damit beschäftigt, ein Buch mit Übersetzungen auf den Weg zu bringen. Heute weiß ich, dass zumindest einer dieser Freunde Eric Hantsch war. Trotzdem gehörte ich zu Pugmires ersten Übersetzern, lange bevor “Der dunkle Fremde” im Blitz-Verlag erschien, ein schön aufgemachtes klassisches Taschenbuch mit einem Titelbild von Björn Craig, übersetzt von Dr. Frank Roßnagel.

Natürlich weiß auch hierzulande jeder, der sich mit Lovecraftian Horror oder dem kosmischen Schrecken beschäftigt, wer Pugmire war. Viele lasen ihn bereits im Original, denn oftmals bleibt einem ja nichts anderes übrig. Übersetzungen der besten Horrorautoren sind kaum zu finden.

Bevor wir uns die versammelten Geschichten in diesem Büchlein anschauen, müssen wir noch einmal zu Wilum zurück kommen, denn es gibt ja auch noch jene, die ihn nicht kennen und nie etwas von ihm gehört haben, oder vielleicht auch jene, die zögern, ihn zu lesen. Man mag vielleicht der Meinung sein, dass die Werke Lovecrafts völlig ausreichen (inklusive jener Erzählungen, die er im Verbund mit anderen Autoren geschrieben hat), da bräuchte man keine “Nachahmer”, von denen es ja viele zu geben scheint. Der wichtige Unterschied besteht jedoch darin, dass es zwischen Nachahmung und einer Tradition eine gewaltige Kluft gibt. Pugmire ist nämlich niemand, der imitiert, er ist nach August Darleth und Ramsey Campbell wohl derjenige, der das Schreiben in der Tradition Lovecrafts entscheidend mitbegründet hat. “W. H. Pugmire: Der dunkle Fremde (Blitz)” weiterlesen

Die Kleider dem Huhn

Wie zu Zeiten der pestilenzischen Seuche oder der Post-Klondike-Stille hatte die Umgebung die Ereignisse gespeichert, abgedeckt, vor neugierigen Blicken verborgen. Ein qualmender Schlot täuschte Weiterleben vor. Der Wanderer war in der Lage, die Verstecke im Gehöft zu erahnen, denn die Trostlosigkeit war jetzt ein Teil von ihm.

In der schwarzen Küche fand er Federn und einen Kübel mit Blut auf dem Boden stehen, eine Menge Brennholz, aufgeschichtet zu einer Pyramide neben einem Herd aus Bruchstein, auf dem oben eine dünne Steinplatte zur Abdeckung lag. Auf dieser stand ein Dreifuß mit einer noch sanft baumelnden Pfanne. Eine leere Hutschachtel lag auf einem Tisch mit kräftigen barocken Beinen. Unter der Hutschachtel ein Brief: …. nichts Anderes hat man gehört als Rauben, Stehlen, Morden, Sengen und Brennen. Die armen Leut’ wurden niedergehauen, gestochen, gestoßen und geraidelt; vielen die Augen ausgestochen, Arm und Bein entzwei geschlagen, etliche beim Feuer gebraten, teils im Rauchschlot aufgehenkt und Feuer unter sie geschüret, etliche in die Backöfen gestoßen, Stroh fürgemacht und angezündet, Kein und Schwefel über die Nägel gesteckt und angezündet, spitzige Knebel ins Maul gesteckt, daß das Blut haufenweise herausgeloffen … in Summa die große Pein, davon auch der Teufel in der Hell nicht Wissenschaft haben mochte. Dorothea und ich, wir haben beschlossen, aufzubrechen, nirgendwohin.

Der Ruß klebte zentimeterdick und ölig glänzend an den Wänden und an der Decke, von der sich Kohlentropfsteine nach unten reckten. Bei leichter Erschütterung blätterte etwas davon ab und fiel in den Staub, der den festgestampften Erdboden bedeckte. Sie saß auf einem kleinen krustigen Schemel und rupfte ein Huhn, als gälte es, durch dieses Ritual das schleichende Chaos fern zu halten. Neben ihrem rechten Bein, das in dicke braune Bandagen gewickelt war, stand ein Blecheimer voll Blut; man glaubt gar nicht, wie viel davon in einem kleinen Tier vorhanden ist; der Kopf und der lange Hals schwammen darin herum. Den dicken Fliegen waren sie eine Insel, die mit der klebrigen Leckerei überzogen deren Herrschaft anerkannte. Hinter ihr öffnete sich zaghaft die einflüglige Tür unter dem Oberlicht, die zu den Ställen führte, und ein junges Mädchen von neunzehn Jahren trat ein. Es trug ein Kleid mit Schlupfärmeln aus walnußgefärbtem Wollstoff, ein Unterkleid aus wenig gebleichtem Leinen, ein eingehängtes Schürztuch, Haarsack, nadelgebundene Strümpfe aus handgesponnener Wolle, und darüber einfache Holzklepper. Ihre angstvollen Blicke wanderten unstet umher. Hinter der ähnlich gekleideten älteren Frau, die das Rupfen nicht unterbrach, blieb sie unsicher stehen.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Es ist so still, seit…«

»Wäre es nicht still, könnten wir den Donner aus der Ferne nicht gut hören.«

Die Erschütterungen trieben Wellen durch das Blut, die sich an Kopf und Hals des geschlachteten Tiers festhielten, aber nur Blasen in den Federn hinterließen. Merkwürdig leuchtende Nebelzonen waren die toten Augen, in denen sich eigenartige Lichterscheinungen brachen wie große, strahlende Kugeln, die sich manchmal unterhalb der Wasseroberfläche zeigen.

»Man hat uns doch nicht wirklich hier zurückgelassen?«, versuchte es das Mädchen erneut. Ohne zu antworten erhob sich die Ältere mit einem Ächzen, klopfte sich die Federn von der Schürze und legte das Huhn auf eine speckige Anrichte, auf der zerbrochene Krüge und dunkle Mehlreste lagen. Das Mädchen trat hinzu, befummelte das nackte Huhn. »Das ist unser letztes Fleisch, wir sollten ebenfalls fortgehen!«

Sie hüllten sich in dicke Mäntel.

»Wo wollen wir hin?« fragte die Alte.

»Erst einmal zur Straße!«

Die junge Magd war sichtlich erleichtert, den Hof jetzt verlassen zu können. Gemeinsam zogen sie eine Schublade auf, holten eine der Hutschachteln heraus, die Puppenkleider enthielt. Sie kleideten das Huhn in hübsche bunte Sachen, bevor sie ihre Koffer in die behandschuhten Hände nahmen und hinaus auf die Straße traten. Aus der Ferne hörten sie die Detonationen die Erde erschüttern, die ihre Füße kitzelten.

Aus Adams Notizbuch:

Einmal fanden wir am Bach Dinge und steckten sie uns in den Mund, um die Dinge der Welt, die zufälligen, zu schmecken; es gab auch Anderes zu finden, aber wir fanden es nie.

Ein Hungerleider am Straßenrand

Er kam über die pittoreske, aber unnütze Steinbrücke, die mit zinnenähnlichen und auskragenden Absätzen verziert war und die sich seit vielen Jahrzehnten nur noch über Gneisbrocken, Schiefer und Unkraut beugte. Sein angestrebtes Ziel war der Hof, der aus dem wolkigen Dickicht reckte, und der von seinem Standort aus gesehen ganz genauso verlassen wie alle anderen Höfe in dieser sinnlosen Zeit wirkte. Die abgestorbenen Brisen fanden keine intakte Höhlung mehr vor, die den windigen, feuchten und veränderlichen Tönen als Tanzplatz diente.

Der Farbton eines vergangenen Lebens, an seiner Naivität zugrunde gegangen, umfirnte ihn, verkarstet an einer plakativ zur Schau gestellten gesunden oder sonst wie gut gearteten Welt, die der Wanderer nicht nur aufgrund seines Alters von Natur aus floh, sondern auch deshalb, weil er in einem unablässigen Hokuspokus stakste, der noch weniger fasslich zu machen war als die Traumblase so konkreter Erfindungen wie Plakatwände, Transistoren, Ionensphärenhöhenmesser, Radarzielgeräte, Tauchkugeln oder Spezialröhren für das Farbfernsehen.

Ein Palolwurm durchbrach in der Ferne das Ackergelände, an dessen Rändern der Wanderer entlang gegangen war, um sich zumindest notdürftig zu orientieren, nachdem das Himmelsgewölbe weder Mond noch Sonne durchscheinen ließ. Die Mutation überließ es augenscheinlich dem Zufall, was in seinem Verdauungstrakt landete, er kannte kein anderes Ziel als die Transformation des Bestehenden, war am Tage des Chaos nicht etwa erwacht, sondern aus einem einfachen Ringelwurm erwachsen. Die ›zahnlose Minka‹ tauchte unter dem Donnern eines leichten Erdbebenstoßes auf und die Saugpumpe des Mundes arbeitete dem Muskelmagen zu, dessen harte Körnigkeit alles zerrieb und zu einer klebrigen Erdpaste werden ließ. In seiner negativen Phototaxis wendete er sich gegen das Licht und reagierte damit wie eine Pflanze, die ihre Blätter vom Licht abwendet.

Der Wanderer blieb stehen, hörte nach dem Verschwinden des Wurms nur noch seinen domestizierten Atem in Form einer weiße Kalkschalenluft, die noch nicht ganz Nebel war, und – Schritte, die seine eigenen imitierten. Da er fest an einem Ort stand, vornehmlich, um sich den Gebäudekomplex, auf den er zumarschierte, etwas genauer zu betrachten und weit und breit kein Menschenwesen zu sehen war, ahnte er von dieser neuen Umgebung das erste Gesetz : die Verzögerung; das waren also seine eigenen Schritte, nur noch nicht dort angekommen, wo er jetzt stand. Das Phänomen der Verfolgung durch sich selbst. Er lauschte und blickte sich um, aber er verstand die Semiologie einer toten Landschaft noch nicht.

Sein Magen rührte sich, brachte alles durcheinander. Ein Hungerleider am Straßenrand.

Ein kräftiger Vorkragen des oberen Dachdreiecks im Giebel stand von einem breitgelagerten Hauskörper ab; Stall und Scheune waren hintereinander unter einem Dachfirst vereint. So kannte er’s von dort wo er her kam. Geht eine Welt zugrunde, wachsen zwanzig neue wie auf dem Fenchelstab des Dionysos nach (oder waren’s gar dreißig?).

Wie überhaupt das Feuer in uns allen tobt und braust; wie es Wunderlande so an sich haben, stand hier die Zeit still, zumindest dehnte sie sich durch intensives Einwirken des Irrationalen ins Unermeßliche, hörte nicht einfach auf zu existieren, sondern verging in der Tiefe. Wie gerne würde er dieses Phänomen Intensivqualität nennen, doch dann müßte er den Begriff beschreiben, und dann, mit Verlaub, würde alles ganz und gar unverständlich herauskommen, nähme eine Menge absonderlichen Raum ein.

Zwei große Tentakel peitschen aufeinander zu, vereinen sich zu einem finalen Stoß gegen die Bootswand. Es ist Charon, der die Rettungskähne überprüft.

Er marschiert weiter, vielleicht gibt’s da vorne Milch.

Lars von Triers Antichrist

Von der Ökumenischen Jury, die von den internationalen Filmorganisationen der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird, mit einem Anti-Preis versehen, und auch sonst nicht zu kurz gekommen, was Buhrufe, Gelächter und negative Kritiken wie diese >>> des Tagesspiegels betrifft.

Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Das zentrale Thema von Lars von Trier ist, wie zumeist, die Angst des Menschen. Der Mensch, das Individuum, das – obgleich wir längst nicht mehr im Mittelalter leben und uns selbstüberschätzend als endgültig aufgeklärt begreifen – sich scheinbar sicher in den Händen eines Humanismus wähnen darf, der sich mit dem Wissens- und Erkenntnisfortschritt dekoriert, ihn auch postuliert, aber nicht anwendet, also nur behauptet: und somit in keiner Weise als ein solcher Humanismus zu begreifen ist. “Lars von Triers Antichrist” weiterlesen