Die Kleider dem Huhn

Wie zu Zeiten der pestilenzischen Seuche oder der Post-Klondike-Stille hatte die Umgebung die Ereignisse gespeichert, abgedeckt, vor neugierigen Blicken verborgen. Ein qualmender Schlot täuschte Weiterleben vor. Der Wanderer war in der Lage, die Verstecke im Gehöft zu erahnen, denn die Trostlosigkeit war jetzt ein Teil von ihm.

In der schwarzen Küche fand er Federn und einen Kübel mit Blut auf dem Boden stehen, eine Menge Brennholz, aufgeschichtet zu einer Pyramide neben einem Herd aus Bruchstein, auf dem oben eine dünne Steinplatte zur Abdeckung lag. Auf dieser stand ein Dreifuß mit einer noch sanft baumelnden Pfanne. Eine leere Hutschachtel lag auf einem Tisch mit kräftigen barocken Beinen. Unter der Hutschachtel ein Brief: …. nichts Anderes hat man gehört als Rauben, Stehlen, Morden, Sengen und Brennen. Die armen Leut’ wurden niedergehauen, gestochen, gestoßen und geraidelt; vielen die Augen ausgestochen, Arm und Bein entzwei geschlagen, etliche beim Feuer gebraten, teils im Rauchschlot aufgehenkt und Feuer unter sie geschüret, etliche in die Backöfen gestoßen, Stroh fürgemacht und angezündet, Kein und Schwefel über die Nägel gesteckt und angezündet, spitzige Knebel ins Maul gesteckt, daß das Blut haufenweise herausgeloffen … in Summa die große Pein, davon auch der Teufel in der Hell nicht Wissenschaft haben mochte. Dorothea und ich, wir haben beschlossen, aufzubrechen, nirgendwohin.

Der Ruß klebte zentimeterdick und ölig glänzend an den Wänden und an der Decke, von der sich Kohlentropfsteine nach unten reckten. Bei leichter Erschütterung blätterte etwas davon ab und fiel in den Staub, der den festgestampften Erdboden bedeckte. Sie saß auf einem kleinen krustigen Schemel und rupfte ein Huhn, als gälte es, durch dieses Ritual das schleichende Chaos fern zu halten. Neben ihrem rechten Bein, das in dicke braune Bandagen gewickelt war, stand ein Blecheimer voll Blut; man glaubt gar nicht, wie viel davon in einem kleinen Tier vorhanden ist; der Kopf und der lange Hals schwammen darin herum. Den dicken Fliegen waren sie eine Insel, die mit der klebrigen Leckerei überzogen deren Herrschaft anerkannte. Hinter ihr öffnete sich zaghaft die einflüglige Tür unter dem Oberlicht, die zu den Ställen führte, und ein junges Mädchen von neunzehn Jahren trat ein. Es trug ein Kleid mit Schlupfärmeln aus walnußgefärbtem Wollstoff, ein Unterkleid aus wenig gebleichtem Leinen, ein eingehängtes Schürztuch, Haarsack, nadelgebundene Strümpfe aus handgesponnener Wolle, und darüber einfache Holzklepper. Ihre angstvollen Blicke wanderten unstet umher. Hinter der ähnlich gekleideten älteren Frau, die das Rupfen nicht unterbrach, blieb sie unsicher stehen.

»Ich weiß nicht«, sagte sie. »Es ist so still, seit…«

»Wäre es nicht still, könnten wir den Donner aus der Ferne nicht gut hören.«

Die Erschütterungen trieben Wellen durch das Blut, die sich an Kopf und Hals des geschlachteten Tiers festhielten, aber nur Blasen in den Federn hinterließen. Merkwürdig leuchtende Nebelzonen waren die toten Augen, in denen sich eigenartige Lichterscheinungen brachen wie große, strahlende Kugeln, die sich manchmal unterhalb der Wasseroberfläche zeigen.

»Man hat uns doch nicht wirklich hier zurückgelassen?«, versuchte es das Mädchen erneut. Ohne zu antworten erhob sich die Ältere mit einem Ächzen, klopfte sich die Federn von der Schürze und legte das Huhn auf eine speckige Anrichte, auf der zerbrochene Krüge und dunkle Mehlreste lagen. Das Mädchen trat hinzu, befummelte das nackte Huhn. »Das ist unser letztes Fleisch, wir sollten ebenfalls fortgehen!«

Sie hüllten sich in dicke Mäntel.

»Wo wollen wir hin?« fragte die Alte.

»Erst einmal zur Straße!«

Die junge Magd war sichtlich erleichtert, den Hof jetzt verlassen zu können. Gemeinsam zogen sie eine Schublade auf, holten eine der Hutschachteln heraus, die Puppenkleider enthielt. Sie kleideten das Huhn in hübsche bunte Sachen, bevor sie ihre Koffer in die behandschuhten Hände nahmen und hinaus auf die Straße traten. Aus der Ferne hörten sie die Detonationen die Erde erschüttern, die ihre Füße kitzelten.

Aus Adams Notizbuch:

Einmal fanden wir am Bach Dinge und steckten sie uns in den Mund, um die Dinge der Welt, die zufälligen, zu schmecken; es gab auch Anderes zu finden, aber wir fanden es nie.

Ein Hungerleider am Straßenrand

Er kam über die pittoreske, aber unnütze Steinbrücke, die mit zinnenähnlichen und auskragenden Absätzen verziert war und die sich seit vielen Jahrzehnten nur noch über Gneisbrocken, Schiefer und Unkraut beugte. Sein angestrebtes Ziel war der Hof, der aus dem wolkigen Dickicht reckte, und der von seinem Standort aus gesehen ganz genauso verlassen wie alle anderen Höfe in dieser sinnlosen Zeit wirkte. Die abgestorbenen Brisen fanden keine intakte Höhlung mehr vor, die den windigen, feuchten und veränderlichen Tönen als Tanzplatz diente.

Der Farbton eines vergangenen Lebens, an seiner Naivität zugrunde gegangen, umfirnte ihn, verkarstet an einer plakativ zur Schau gestellten gesunden oder sonst wie gut gearteten Welt, die der Wanderer nicht nur aufgrund seines Alters von Natur aus floh, sondern auch deshalb, weil er in einem unablässigen Hokuspokus stakste, der noch weniger fasslich zu machen war als die Traumblase so konkreter Erfindungen wie Plakatwände, Transistoren, Ionensphärenhöhenmesser, Radarzielgeräte, Tauchkugeln oder Spezialröhren für das Farbfernsehen.

Ein Palolwurm durchbrach in der Ferne das Ackergelände, an dessen Rändern der Wanderer entlang gegangen war, um sich zumindest notdürftig zu orientieren, nachdem das Himmelsgewölbe weder Mond noch Sonne durchscheinen ließ. Die Mutation überließ es augenscheinlich dem Zufall, was in seinem Verdauungstrakt landete, er kannte kein anderes Ziel als die Transformation des Bestehenden, war am Tage des Chaos nicht etwa erwacht, sondern aus einem einfachen Ringelwurm erwachsen. Die ›zahnlose Minka‹ tauchte unter dem Donnern eines leichten Erdbebenstoßes auf und die Saugpumpe des Mundes arbeitete dem Muskelmagen zu, dessen harte Körnigkeit alles zerrieb und zu einer klebrigen Erdpaste werden ließ. In seiner negativen Phototaxis wendete er sich gegen das Licht und reagierte damit wie eine Pflanze, die ihre Blätter vom Licht abwendet.

Der Wanderer blieb stehen, hörte nach dem Verschwinden des Wurms nur noch seinen domestizierten Atem in Form einer weiße Kalkschalenluft, die noch nicht ganz Nebel war, und – Schritte, die seine eigenen imitierten. Da er fest an einem Ort stand, vornehmlich, um sich den Gebäudekomplex, auf den er zumarschierte, etwas genauer zu betrachten und weit und breit kein Menschenwesen zu sehen war, ahnte er von dieser neuen Umgebung das erste Gesetz : die Verzögerung; das waren also seine eigenen Schritte, nur noch nicht dort angekommen, wo er jetzt stand. Das Phänomen der Verfolgung durch sich selbst. Er lauschte und blickte sich um, aber er verstand die Semiologie einer toten Landschaft noch nicht.

Sein Magen rührte sich, brachte alles durcheinander. Ein Hungerleider am Straßenrand.

Ein kräftiger Vorkragen des oberen Dachdreiecks im Giebel stand von einem breitgelagerten Hauskörper ab; Stall und Scheune waren hintereinander unter einem Dachfirst vereint. So kannte er’s von dort wo er her kam. Geht eine Welt zugrunde, wachsen zwanzig neue wie auf dem Fenchelstab des Dionysos nach (oder waren’s gar dreißig?).

Wie überhaupt das Feuer in uns allen tobt und braust; wie es Wunderlande so an sich haben, stand hier die Zeit still, zumindest dehnte sie sich durch intensives Einwirken des Irrationalen ins Unermeßliche, hörte nicht einfach auf zu existieren, sondern verging in der Tiefe. Wie gerne würde er dieses Phänomen Intensivqualität nennen, doch dann müßte er den Begriff beschreiben, und dann, mit Verlaub, würde alles ganz und gar unverständlich herauskommen, nähme eine Menge absonderlichen Raum ein.

Zwei große Tentakel peitschen aufeinander zu, vereinen sich zu einem finalen Stoß gegen die Bootswand. Es ist Charon, der die Rettungskähne überprüft.

Er marschiert weiter, vielleicht gibt’s da vorne Milch.

Lars von Triers Antichrist

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Von der Ökumenischen Jury, die von den internationalen Filmorganisationen der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird, mit einem Anti-Preis versehen, und auch sonst nicht zu kurz gekommen, was Buhrufe, Gelächter und negative Kritiken wie diese >>> des Tagesspiegels betrifft.

Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Das zentrale Thema von Lars von Trier ist, wie zumeist, die Angst des Menschen. Der Mensch, das Individuum, das – obgleich wir längst nicht mehr im Mittelalter leben und uns selbstüberschätzend als endgültig aufgeklärt begreifen – sich scheinbar sicher in den Händen eines Humanismus wähnen darf, der sich mit dem Wissens- und Erkenntnisfortschritt dekoriert, ihn auch postuliert, aber nicht anwendet, also nur behauptet: und somit in keiner Weise als ein solcher Humanismus zu begreifen ist.

Die kapitalistische Diktatur, die sich das demokratische System zur absolutistischen Funktionalen auf allen Feldern zu eigen gemacht hat, entzieht dem Humanismus das Wasser, das menschliche Element, das dieser Idee innewohnt. Eine Idee, die dem Leben und den Individuen Achtung entgegenbringt, indem sie Würde und Caritas voraussetzt. Das Schutzbefohlene wird zum Wild, das den Märkten schutzlos ausgesetzt ist. In Häufung und Ausprägung von Erscheinungsformen zunehmende psychische Erkrankungen deuten darauf hin. Besonders die häufig einwegige Anwendung von therapeutischen Maßnahmen im medizinischen Sektor ist hier als begünstigender Faktor zu nennen. Ein Beispiel hierfür wäre, dass bei diversen psychischen Erkrankungen und Zuständen oft nur verhaltenstherapeutisch gearbeitet wird, ganz gleich, ob es angebracht ist oder nicht. Weitere Maßnahmen wie die der Psychoanalyse werden entweder gar nicht oder nur selten angewandt. Zu zeitaufwendig ist der Patient heute geworden, verursacht zu schnell kosten, anstatt seine Kraft den Arbeits- / den Kapitalmärkten zu Verfügung zu stellen. Jene Märkte, die sein Nichtmehrkönnen zumeist verursachen, seinen Gesundheitszustand überhaupt erst gefährden. Gewinnbringend soll er sein, in kürzester Zeit für den Arbeitsmarkt wieder “fit gemacht” werden. Wie die uns umgebenden systemisch operierenden “Apparate” funktionieren, die nichts anderes zum Ziel haben als den Menschen stets und erneut anzuschließen, da sie gar bis ins Private eines Einzelnen / von Familien greifen, zeigt dieses Meisterwerk auch demzufolge konsequent auf eine höchst private und intime Weise: der eigene Ehepartner als ausführende Instanz in den eigenen “vier Wänden”.

Die drei Bettler

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Er (gespielt von Willem Dafoe) verkörpert den zur Gänze ans Systemische Angeschlossenen. Kalt, emotionslos und rational tritt er in Erscheinung. Weder der Tod seines Sohnes Nic, der, gerade erst das Laufen gelernt, eines Nachts aus dem Fenster stürzte, als die beiden miteinander schliefen, noch die Trauer, der Schmerz, die Verzweiflung seiner Frau über den Verlust ihres Kindes, entlocken ihm Emotionen und Handlungen, die wir erwarten und als adäquat begreifen würden. Er, von Berufswegen Therapeut, versucht Sie (gespielt von Charlotte Gainsbourg) zu therapieren. Rät ihr ab, vom Arzt, der sie zu Beginn betreut. Niemandem außer sich selbst traut er Können zu. Er missachtet damit, dass er ein Patienten-Therapeuten-Verhältnis eingeht, das unter keinem guten Stern stehen kann, da er ihr Mann (also co-abhängig) ist, und zugleich auch Vater des Kindes, das starb. Angesichts des traumatischen Ereignisses bräuchte er selbst einen Therapeuten. Sie hingegen, die Trauer, Schmerz und Verzweiflung empfindet und durchleidet, lässt ihn gewähren, obwohl sie ihm Arroganz und Selbstüberschätzung vorwirft, gar Ignoranz und Nichtwahrnahme.

Wir erfahren, dass sie an einer Dissertation schrieb, die sich mit dem Gynozid beschäftigt, mit der Hexen- und Frauenverfolgung im Mittelalter, für die sie sich gemeinsam mit ihrem Sohn Nic in eine in einem Wald stehenden Hütte zurückgezogen hat. Eden nennt sie diesen Ort, der ihr, so können wir spekulieren, sicher einmal ein Idyll war, der nun aber mit Angst besetzt ist, wie der Wald selbst, der uns im Film gezeigt wird. Sie erfährt ihn als bedrohlich.

Die Natur ist Satans Kirche

: eröffnet sie ihrem Mann in der Hütte des Waldes, nachdem er auf dem Dachboden die Ausbeute ihrer Nachforschungen entdeckt hat. Er, der sie in den Wald brachte, um sie in diesem zu therapieren, da sie ihn / Eden als das, was ihr Angst macht, zunächst angab.

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Der Boden brennt, äußert sie ihrem Mann gegenüber, als sie durch den Wald laufen. Der Boden brennt nicht, entgegnet er und zeigt damit, dass er auf sie und ihre Wahrnehmung kein bisschen eingeht. Nicht einmal als sie daraufhin einen ihrer Schuhe auszieht und ihm zeigt, dass ihre Fußsohle an mehreren Stellen wund und offen ist. Dieser kurze Dialog ist ein exemplarisches Beispiel für die vielen Dialoge, die die beiden miteinander führen. Sie versucht ihm etwas zu sagen, er aber geht über sie hinweg. Er erscheint als der Dominantere. Sie als die Sich-Fügende. Unter Trance, als sie noch in der Bahn, auf dem Weg nach Eden sind, erzählt sie ihm unter anderem von einem großem Baumstumpf, neben dem ein schmalerer, toter, nicht mehr blühender Baum steht. Eine Metapher, die für sie und ihn stehen kann. Den Einfluss, den er auf sie hat.

Jedoch erfahren wir auch sie nicht als adäquat reagierende und handelnde Person. Einzig in ihren Wut- und Verzweiflungsausbrüchen ihm gegenüber können wir sie verstehen, in jenen, in denen sie ihm einen Spiegel seiner Verhaltensweisen vorsetzt. Ansonsten wirkt sie depressiv und psychotisch. Ihr Sexus scheint das einzige zu sein, was ihren Mann in seiner rationalen Stoik außer Gefecht zu setzen vermag. In ihrer Verzweiflung, in der sie ihn sich gegen seinen Willen nimmt, erleben wir ihn als Unterlegenen, den es stante pede reut, schwach gewesen zu sein, da er sich von ihr als Patientin verführen ließ.

Das Kammerspiel der beiden wird zunehmend psychotischer. Die große Eiche, die, sobald es stürmisch wird, ihre unzähligen Eicheln auf das Dach der Hütte prasseln lässt, dient ihr als weitere Metapher für das Leben und das Bedrohliche der Natur. Es zeigt den Aufwand, den die Natur betreibt, um Leben weiterhin zu ermöglichen. Das viele Sterben, das dazu vonnöten ist. Das Schreien der fallenden Eicheln. Das Schreien und Weinen eines Kindes, dass sie hörte, als sie mit Nic einmal allein dort war. Ein Weinen, von dem sie dachte, es wäre das ihres Sohnes.

Wasserprobe einer Hexe

Neben dem Fund ihres Dissertationsgegenstandes (den vielen Bildern von Hexenverfolgung, -verbrennung und -folter), findet ihr Mann auch Fotos, die sie und Nic allein in Eden zeigen. Auf allen hat sie ihm seine Schuhe falsch herum angezogen, was der Autopsiebericht ihres Kindes bestätigt, in dem es heißt, dass die Knochen der beiden Füße anormale Verformungen aufweisen.

Sie gesteht ihrem Mann, dass sie durch ihre Arbeit an der Dissertation zu der Erkenntnis kommt, dass, wenn die Natur böse ist, wie sie sie wahrnimmt, die Frau, die sie als ein Wesen der Natur begreift, ebenso böse sein muss. Folglich ist auch sie, ihre eigene Natur böse (Was wir später in einer ihrer Handlungen, in der sie sich ihre Klitoris mit einer Schere abschneidet, bestätigt finden.). Eine Erkenntnis, die er (zurecht) rigoros ablehnt.

Wir ahnen, dass wir es hier mit einer Frau zu tun haben, die nicht erst seit Kurzem medizinisch-psychologische Hilfe nötig hat, deren Krankheit zwar im Verlauf durch die nicht intakte Beziehung, durch das Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Mann befeuert wird, jedoch darin nicht zwangsläufig ihren Ursprung hat. Wir erleben nur, wie sie mit ihrer Angst, ihren Zuständen allein gelassen wird. Doch auch für ihn gilt Gleiches. Denn auch er (der für die rationale Kälte der Gesellschaft steht) ist, wie schon erwähnt, nicht nur nicht angemessen in seinen Reaktionen und Handlungen, er ist auch abhängig von ihr. Beide, wie in einer Symbiose, brauchen sich, um sich mehr und mehr ins totale Off zu schrauben.

All ihre bisherigen Ausbrüche, die Selbstverletzung auf der Toilette, der depressive (teils auch manisch anmutende) Zustand, wie auch die ans Licht tretenden “Wahrheiten” über sie und Nic, wie auch ihre “Erkenntnisse” (die Sicht der Natur / ihre Selbstsicht) lassen ihn mehr oder weniger kalt. Selbst als sie nach dem gemeinsamen Akt mit einem Holzblock auf sein Genital einschlägt und ihm einen Schleifstein ans Bein schraubt, den sie mit Hilfe einer Eisenstange befestigt, die sie ihm zuvor durch sein Bein bohrt, bleibt er nüchtern und ohne jede Emotion. Allenfalls Angst können wir als Zuschauer aufgrund dessen ausmachen, dass er sich durch den Wald schleppt, um vor ihr zu fliehen. Denn kurz zuvor hatte er sie ja sogar noch in den Arm genommen, als sie es verlangte, und das obwohl er bereits massiv von ihr in beschriebener Weise malträtiert worden war. Erst als er es schafft, das Schleifrad loszuwerden, erwürgt er sie und verbrennt sie vor der Hütte auf einem Scheiterhaufen.

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Den Wald verlassend sehen wir wieder schwarz-weiß, wie zu Beginn, als wir verfolgen konnten, wie Nic durch die Wohnung lief, während die beiden miteinander schliefen, auf den Tisch, das Fensterbrett krabbelte, 3 Zinnfiguren hinunterwarf und zum Fenster hinausfiel. 3 Figuren, die Pain, Grief und Despair heißen, die für die 3 Bettler stehen, von denen sie uns später berichtet, denen er in der Gestalt dreier Tiere im Wald nacheinander begegnet: die Ricke, mit dem totgeborenen Kitz (Grief), dem Fuchs, der sich selbst zerfleischt, der sagt: Chaos regiert. (Pain), die Krähe, die von ihm getötet wird, da sie ihn im Fuchsbau durch ihre Schreie verrät (Despair), die sich ihm nach dem Tod seiner Frau als Sternbilder am Nachthimmel zeigen.

Wir erfahren, dass sie Nic sehen konnte. Erinnern uns, dass auch das Babyphon zu Beginn des Film stumm geschalten war. Wir sehen ihn durch den Wald laufen, einen Hang hinunterschauen, den unzählig viele Frauen hinaufsteigen, als wären sie von ihm befreite. All jene Frauen, denen man im Laufe der Menschheitsgeschichte Gewalt antat, Frauen, die der Hexerei bezichtigt, gefoltert und getötet wurden. Denn: wir erinnern uns, er, der seine Frau dem Feuer übergab, war nicht wie sie davon überzeugt, die Natur der Frau sei böse. Wir sehen ihn, sein zufriedenes Lächeln am Ende bestätigt es, sich als Erlöser wahrnehmend. Als einen, der diesen Wald vom vermeintlich “Bösen” entbunden hat. Als wäre er der Widersacher des Teufels. Wir sehen die Perversion unserer heutigen Zeit, das kalte, nüchterne Maß der Dinge, das den Menschen sterben lässt.

Lars von Triers Antichrist ist sicher keine leichte Kost, zugegeben, aber es ist falsch, diesen Film mit Hohn und Spott zu überziehen, ihn als frauenfeindlichen, nur die Sündenmythologie wieder auflodern lassenden zu brandmarken. Lese ich all die Diskussionen und Artikel, die sich mit ihm beschäftigen, darf ich mich nur wundern. Ich halte ihn für ein Meisterwerk.

Steve Erickson: Das Meer kam um Mitternacht

Obwohl wir die Zeit als linearen Fluss nach vorne erleben, in dem eine unerbittliche Sekunde nach der anderen von der Uhr läuft, kennt unser Gedächtnis keine derartigen Einschränkungen. Die Literatur von Steve Erickson auch nicht. Vielleicht dringen seine Bücher deshalb derart in die Psyche ein, als ob sie sich von unten nach oben graben würden, anstatt vom Leser aus der Vogelperspektive gesehen zu werden. Das Lesen selbst ist ein Akt, der der Erfahrung des Erinnerns sehr nahe kommt, und wenn man einen Roman von Erickson liest, wird die Unterscheidung zwischen beidem vernachlässigbar. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen und führen durch eine Art Prosa-Wurmlöcher zueinander. Charaktere gleiten vor dem Leser her, verfolgen ihn, werden gar zu ihm selbst. Identität ist eine Sache des Augenblicks, und in der Erinnerung können Geschehnisse kunstvoll neu arrangiert werden. Und selten wurden sie so kunstvoll arrangiert wie in Steve Ericksons Das Meer kam um Mitternacht. Ericksons Labyrinth einer Geschichte ist zugleich schwungvoll, bewegend, und extrem suggestiv. Die eleganten Schleifen und Spiralen fesseln den Leser durch Erinnerungen, die so klar sind, dass sie aus einen unbelebten Teils des Lebens des Lesers selbst zu kommen scheinen.

Wie im Leben, so wird auch dieser Roman weniger gelesen als miterlebt. Kristin, die zuerst aus einem kleinen Inselstädtchen im Sacramento River Delta geflohen ist, begegnet auf ihrer Flucht einem Kult, der nur noch eine weitere Frau braucht, um am 31. Dezember 1999 um Mitternacht mit ganzen 2000 Personen von einer Klippe in den Tod zu springen. Sie entkommt jedoch und löst damit eine Kettenbreaktion aus, die den Roman über vierzig Jahre hinweg in der Zeit hin- und herbewegen lässt. In der muschalartigen Architektur des Romans findet der Leser Kristin versklavt von einem von der Apokalypse besessenen, aber ansonsten anonym bleibenden Mann, der sich in einem Vorort in Südkalifornien aufhält, einem Traum-Kartographen, einem Porno-Filmemacher und einem Arbeiter in einem rotierenden Erinnerungshotel in Tokio … wer nicht weiß, was das ist, wird Überraschendes hierüber und auch über Traumkapseln in Erfahrung bringen.

Erickson zieht den Leser gekonnt mit einer trotz der Komplexität des Themas verständlichen, transparenter Prosa in das Geschehen hinein, indem er mühelos Figuren erschafft, die lebendig sind: Kristin, Der Bewohner, Lulu Blue, Carl der Kartograph, um nur einige zu nennen – multiplizieren sich, verwischen die Grenzen, verschmelzen und dämmern aus einer rekursiven Chronologie herauf. Kristins Geschichte entfaltet sich Seite für Seite, überlagert und verzahnt sich mit anderen Figuren und anderen Geschichten. Ericksons mehrschichtige Herangehensweise an die Charakterbildung stellt sicher, dass der Leser eindrückliche Offenbarungen erlebt, während sich die komplexen Beziehungen langsam entfalten, um in einem Moment klar aufzuleuchten. Hat man den Roman beendet, bleiben diese Figuren mit ihren Details genauso in der Erinnerung haften wie jene Menschen, die man einst kannte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Ericksons komplexe Handlung selbst eine Figur in diesem Roman ist. Er verbindet die intensiven und persönlichen Momente mit gewaltigen Bewegungen, die aus einer Leinwand aus Raum und Zeit besteht.

Von Paris bis Japan, von den 1960er Jahren bis ins Kalifornien nach der Jahrtausendwende springt die Handlung großartig und mühelos von einem Höhepunkt zum anderen. Die wahre Freude an diesem Roman besteht dann auch darin, jedem einzelnen dieser Gipfel zu folgen, um herauszufinden, wo und wann Erickson seinen Fokus verlagern wird. Erickson operiert mit seinen Bruchstücken und Sprüngen auf der unangreifbaren Basis der Intuition, wodurch der Roman zwar einen improvisatorischen Charakter bekommt, aber eben von jener Art, die das Ergebnis zu einer perfekten Kunstform machen.

Bei aller Intensität und Improvisation, seiner Handlung und seiner eigenwilligen Chronologie ist Ericksons eigentliche Prosa trotzdem leichtfüßig und angenehm zu lesen. Er zeigt einen schön zurückhaltenden Sinn für Humor und eine Liebe zur Sprache, die sich in denkwürdigen Witzen und Phrasen äußert. Wenn der Leser sich dem Chaos hingibt und auf der Welle der Worte reitet, dann ist “Das Meer kam um Mitternacht”, das bei uns schon seit 2002 vorliegt, ein wilder und eindrucksvoller Ritt, ein Rausch von der ersten Seite an. Das Buch verdient es, in einem einzigen Zug gelesen zu werden.

Julio Cortázar: Rayuela

Pablo Neruda drückte es so aus: “Wer Cortázar nicht liest, ist verloren. Ihn nicht zu lesen, ist eine schwere, schleichende Krankheit, die mit der Zeit schreckliche Folgen haben kann. Ähnlich wie jemand, der nie einen Pfirsich gekostet hat. Er würde langsam melancholisch werden und immer blasser, vielleicht würden ihm nach und nach die Haare ausfallen.”

Wer will dem widersprechen.

Julio

Sich seinem gewaltigen Werk – nicht etwa im Umfang, sondern im Rang – zu nähern, verlangt nicht viel außer der Hingabe an die phantastische Realität. Sein Schreiben resultiert aus einer frühen Begegnung mit den Büchern von Jules Verne und Edgar Poe. Mit Verne teilt er sich sogar den Vornamen, da seine Mutter eine Bewunderin des französischen Phantasten war. Poe selbst las er unter der Bettdecke, eine Umgebung, die perfekt zum amerikanischen Meister passte. Poe in so jungen Jahren zu lesen, machte ihn drei Monate lang krank, weil:

“Ich glaubte all diese Geschichten … für mich war das Fantastische ganz natürlich. Ich verbrachte meine Kindheit in einem Urwald voller Goblins und Elfen, mit einem Gefühl für Raum und Zeit, das sich von dem aller anderen unterschied.”

In Cortázars Fantasie müssen hunderte von Geschichten geprasselt und gebraust haben, die er aufgrund seiner schwachen Gesundheit aufgesogen hatte – wahrscheinlich weit mehr als jeder andere Schriftsteller. Doch sein Schreiben lässt sich durch die Werke von nur zwei Autoren durchdringen: Poe und Cortázars argentinischer Mentor, Jorge Luis Borges. Beide Schriftsteller dienen als Magnetpole der inneren Landschaft Cortázars.

Über Borges, sagte er:

“… sein Einfluss war kein inhaltlicher oder sprachlicher, sondern ein moralischer. Er lehrte mich und andere, in unserem Schreiben rigoros und unerbittlich zu sein, nur vollendete Literatur zu veröffentlichen.”

Trotz dieser Behauptung glauben viele, dass Borges einen großen thematischen Einfluss auf den jungen Cortázar ausübte. Borges’ Schreiben markierte eine Abkehr vom Barockstil, der in der lateinamerikanischen Literatur zu dieser Zeit so weit verbreitet war. Cortázar erbte Borges’ Abneigung gegen den Barock. Er erbte auch Borges’ verspielten intellektuellen Stil, der intellektuelles Paradoxon und Fantasie in sich vereinte. Diese Themen bilden das Rückgrat vieler früher Geschichten Cortázars und verbinden sie fast untrennbar mit Borges’ eigenen Arbeiten. Borges selbst war ein großer Bewunderer der Kurzgeschichten Cortázars:

“… niemand kann die Handlung einer Cortázar-Geschichte nacherzählen, jede einzelne besteht aus bestimmten Wörtern in einer bestimmten Reihenfolge. Wenn wir versuchen, sie zusammenzufassen, stellen wir fest, dass etwas Kostbares verloren gegangen ist.”

Mittlerweile glauben einige Literaturkritiker, dass Cortázars Umzug nach Paris ein Versuch gewesen sei, dem Einfluss der allumfassenden Borges-Labyrinthe zu entgehen. Erst als Cortázar in Paris ankam und mit der Arbeit an seinem bahnbrechenden Roman “Rayuela” begann, fand er endlich seine eigene Stimme, wenn auch mit den Akzenten seiner Vorläufer und den experimentellen Tönen des Jazz. Es war dieser Roman mit seinen nummerierten Kapiteln, die in einer Vielzahl von Möglichkeiten gelesen werden konnten, der seinen Status als einer der einflussreichsten lateinamerikanischen Autoren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts festigte.

Es ist verlockend, Cortázar unter die magischen Realisten zu stellen, und viele haben es auch getan, aber es gibt subtile Unterschiede zwischen den Boom-Autoren und Cortázar. In der Mehrzahl der magisch-realistischen Werke ist die Magie wohlwollend, bei Cortázar hingegen ist sie häufig bösartig. Seltsame Dinge geschehen mit seinen Figuren.

Viele Cortázar-Geschichten spielen an europäischen Orten, im Gegensatz zu den südamerikanischen Schauplätzen, die von den magischen Realisten bevorzugt werden, und er zeigt häufig kosmopolitische Charaktere, die von überall her kommen könnten, und nicht die bunten und ausgesprochen lateinischen Charaktere, die in den Werken von Gabriel Garcia Marquez vorkommen.

Wenn wir Cortázars Werk aus der Perspektive von Poe und Borges betrachten, wird der scheinbar magische realistische Glanz seiner Geschichten widerlegt – stattdessen verschmilzt die unheimliche Atmosphäre Poes mit den geistigen Spielen von Borges. Für einen Autor, der die Selbstreflexion liebte, ist Cortázars literarische Abstammung dann auch angemessen reflexiv: Borges hat oft den Einfluss von Poe auf seine eigenen Schriften betont. Cortázar ist also von  dem Schriftsteller Poe beeinflusst, und wiederum von einem Poe, der von Borges neu interpretiert wurde. Eine Möglichkeit, sein Schreiben zu beschreiben, wäre, sich vorzustellen, dass Poe seine Geschichten als ein Argentinier schreibt, der im zwanzigsten Jahrhundert in Belgien geboren wurde. Oder um es einfacher zu machen, Poe mit Gauloises und Kaffee und den schwachen Klängen des Jazz, die von irgendwo in der Nähe kommen.

Der Höhenkamm

Die 60er Jahre waren für ihre literarische Experimentierfreude bekannt. Thomas Pynchon legte mit V. sein beeindruckendes Debüt vor, die Quelle der Beat-Generation mit ihren ausgefallenen Romanen und Gedichten war noch nicht versiegt, John Barth stieß die Tore zur Metafiktion mit “Ambrose im Juxhaus” weit auf, Donald Berthelme schrieb Kurzgeschichten, wie sie noch niemand zuvor gesehen hatte. Aber Julio Cortázars epochemachender Roman “Rayuela” ragt aus all diesen Höhenflügen noch einmal heraus, und ist bis heute der unumstößliche Obelisk meiner Privatbibliothek.

Dabei bewegt sich der Roman genau in der Mitte zwischen einer gut lesbaren “Geschichte” und einem Chaos losgelöster Szenen und Gedanken. Das Problem aber ist, dass dem heutigen Leser kaum mehr ein Instrument an die Hand gegeben wird, wie er sich dieser Literatur gegenüber verhalten soll, die im Zuge des “Neuen Romans”, der bereits Ende der 40er Jahre in Frankreich entstand. Es war nicht allein das Begehen neuer Wege, das heute vollkommen vergessen scheint, es war eine substantielle und nicht nur thematisch-inhaltliche Erneuerung. Dass wir heute nicht einmal mehr Reste dieses Aufbruchs vorfinden, zeigt, wie sehr der kulturelle Verfall und der Niedergang der Literatur Seite an Seite mit dem allgemeinen Ende der Geschichte selbst verknüpft ist. Eine Umkehr ist nicht möglich, eine sinnstiftende Welt – wie wir heute wissen – ganz und gar ausgeschlossen.

Rayuela

Dieses Vorgeplänkel hat noch nicht einmal was mit dem Buch selbst zu tun, in dem im Grunde die Geschichte von Horacio Oliveira dargestellt wird, einem argentinischen Boheme, der im ersten Teil durch Paris streift. Sein Interesse lässt sich sehr gut in drei Bereiche aufteilen. Den ersten verkörpert La Maga, eine Frau, die, wie ihr Name besagt, mit magischen Kräften begabt ist und das Geheimnis der unreflektierten Einheit in sich birgt.

Der zweite Bereich ist der des Künstlerischen und Intellektuellen, wie ihn eine Art Surrealistenclub konkretisiert; im Grunde zeugt aber auch Oliveiras Zusammensein mit La Maga von diesem Geist.

Seine dritte, in beiden genannten Bereichen mitbeteiligte Leidenschaft ist die Suche nach dem Absoluten, eine Unruhe, auf die selbst der Körper La Magas keine Antwort zu geben vermag. Oliveira ist davon überzeugt, im Leben einen falschen Weg gewählt zu haben, besessen von der Erinnerung, denn das Einzige, was ihn am Leben hält, ist die Frage, ob ein Weg, den er hätte wählen können, ihn an den gleichen Ort geführt hätte oder nicht.

Aber auch wenn Oliveira sich für einen Versager hält, kann er sich nicht mit diesem Schicksal abfinden. Er steckt in der vielleicht schmerzhaftesten aller Positionen fest, im Bewusstsein der Unzulänglichkeit seiner Welt, aber nicht in der Lage, sich daran zu beteiligen.

Sei Verhältnis zu La Maga trübt sich und zerreißt eines Tages völlig. Dieses Zerreißen des Verhältnisses wird sprachlich überhaupt nicht erwähnt, sondern in die Sprache des Formalen übertragen. Es zerreißen nämlich jetzt buchstäblich die Dämme der episodischen Kanalisierung dieses Geschehens, und es bricht eine Flut von zweiundzwanzig “absoluten” (unendlichen) Kapiteln herein und wird so adäquater Ausdruck einer auf inhaltlicher Basis unsagbaren Offenheit, die sich im wesentlichen mit dem inhaltlich nicht fassbaren Phänomen der Abwesenheit deckt.

Erst als diese formale Sprache des Verlusts verklungen ist, erfahren wir, dass La Maga gegangen ist, dass sie Oliveira ihr Zimmer hinterlassen hat und möglicherweise nach Montevideo zurückgekehrt ist, vielleicht aber auch Selbstmord begangen hat. Nur stockend mischt sich diese artikulierte Sprache wieder unter die “absolute”, bis in Kapitel 34 der Höhepunkt formaler Schizophrenie erreicht ist, das Nebeneinander zweier Romane. Es ist die formale Sprache eines Gespaltenseins, das Oliveira bald dazu führen wird, Paris zu verlassen und das ihn in den Wahnsinn treiben wird.

Der zweite Teil versetzt uns dann nach Buenos Aires, zu Traveler, einem Jugendfreund Oliveiras. Dieser Freund, der seinem Namen allerdings keine Ehre macht, wartet mit seiner Frau auf Oliveira, der sich zu Besuch angemeldet hat. Die Dinge nehmen nun einen fantastischen, zwischen Burleske und Tragik spielenden Lauf. Oliveira identifiziert nach und nach Travellers Frau Talita mit La Maga, wird schließlich in eine Klinik eingeliefert, deren Insassen mit Vorliebe im Hof Rayuela spielen.

Mit zunehmendem Wahnsinn stellt sich bei Oliveira dann ein sich steigernder Verfolgungswahn ein. Er baut sich schließlich in seinem Zimmer ein kompliziertes Verteidigungssystem aus Dosen und Fäden, so dass ihn niemand mehr erreichen kann. Während Traveler und Talita, je in einem Rayuela-Feld stehend, ihn vom Hof aus beruhigen und zur Vernunft überreden wollen, lässt er sich aus dem Fenster fallen.

Man mag sich fragen, wo der Sinn dieses Romans liege, und die Antwort ist einfach; er liegt nirgends und überall zugleich. Konkreter gesagt: er ist weder ausschließlich in Paris noch in Buenos Aires zu suchen; er liegt weder allein in der Unendlichkeit von La Magas Körper noch im dunklen Heraklit (dessen Philosophie im Buch eine prominente Stellung hat), sondern liegt in der Abstraktion ebenso wie in der Offenheit, im Tode wie im Leben.

Die Form

Der bemerkenswerteste Aspekt von Rayuela liegt freilich in seiner Form: Das Buch ist in 56 reguläre und 99 “überflüssige” Kapitel unterteilt. Wer daher nur eine unterhaltsame Geschichte lesen will, der kann sich mit der ersten Hälfte begnügen, aber er bringt sich um wesentliche Aspekte des Gesamtwerks. Cortázar vermerkt das auch ausdrücklich, indem er Kapitel 57 bis 123 “abstreichbare Kapitel” nennt. In diesen Kapiteln begegnen wir einer Gestalt, die trotz seiner Wichtigkeit schattenhaft und rätselhaft an den Rändern des Romans verbleibt: Morelli, ein Schriftsteller, der im Buch bestimmte literaturphilosophische Zweifel aufwirft, die in direktem Zusammenhang mit Cortázars Anliegen selbst stehen. Es reicht hier nicht aus, diesen fiktiven Schriftsteller als ein Zahnrad der Textmaschine, unerlässlich für das Verständnis des Romans, zu betrachten. Durch Morelli spricht der Autor ganz direkt zu uns, auch wenn er eine Maske trägt.

Wer Rayuela den Intentionen Cortázars gemäß lesen will, der sollte gar nicht die Kapitel 1 – 56 der Reihe nach lesen, sondern sie nach einer vorausgeschickten Reihenfolge mit jenen Kapitel des dritten Teils mischen. Als Hilfe steht unter jedem Kapitel eine eingeklammerte Zahl, die auf das als nächste zu lesende Kapitel verweist. Diese innige Verwobenheit des linearen und des “absoluten” Buches verweist auf eine zentrale und konkrete Bedeutung und suggeriert bereits dieses erforderliche sprunghafte Sichbewegen durch den Roman, dieses Hineinspringen in die Kapitel, das dem Rayuela-Spiel bis zu einem gewissen Grade gleicht. “Himmel und Hölle” ist ein in Südamerika beliebtes Geschicklichkeitsspiel, wie es in anderer Form früher auch Kinder gerne auf Bürgersteigen gespielt haben, und bei dem es darauf ankommt, von einem mit Kreide gezogenen Feld, das als “Erde” bezeichnet wird, einen Stein jeweils in das nächste Feld zu werfen, deren letztes als “Himmel” bezeichnet wird. Es lässt sich denken, dass es besonders viel Geschick verlangt, wenn man das Ziel erreichen will; und wer ein Feld auslässt oder einen sonstigen Fehler macht, scheidet sofort aus.

H. P. Lovecrafts “Die Ratten im Gemäuer”

“The Rats in the Walls” von M. Fresner

Zwischen Ende August und Anfang September 1923 soll Lovecraft diese Erzählung geschrieben haben, denn schon am vierten September vermerkt er, laut Joshi, in einem Brief die Fertigstellung dieser. Die Erzählung selbst beginnt mit einem ähnlichen Datum, nämlich dem 16. Juli des Jahres 1923. Der Gegenwartsbezug, ein, wie sich später herausstellte, Markenzeichen des Autors. Es sei “[…] das historisch komplexeste und zugleich aktuellste erzählerische Werk […]; das Lovecraft zu diesem Zeitpunkt zu Papier gebracht hatte.”, schreibt sein treuester Experte in “H. P. Lovecraft – Leben und Werk” des Weiteren, sie sei eine seiner “[…] Erzählungen, in der er am erfolgreichsten an die überlieferten Muster des Schauerromans anknüpft, wobei er allerdings dessen Standardmotive – das alte Schloss mit der verborgenen Kammer, die Spuklegende, die sich als wahr erweist – weiterentwickelt und modernisiert. Auf die grundlegende Prämisse der Erzählung – dass es möglich ist, den Gang der Evolution rückwärts zu durchschreiten – konnte letztlich nur jemand verfallen, dem die darwinsche Theorie in Fleisch und Blut übergegangen war.”

Exham Priory

Delapore lautet der Familienname des Ich-Erzählers, dessen Vornamen wir nicht erfahren. Ein in die Jahre gekommener Amerikaner britischer Abstammung, der sich zu genanntem Datum entschließt, das alte Anwesen seiner Vorfahren, eine Ruine namens Exham Priory, das er viele Jahre hatte aufwendig restaurieren lassen, zu beziehen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen.

Architekten und Altertumsforscher waren vernarrt in dieses sonderbare Relikt vergessener Jahrhunderte, doch die Bauern der Gegend verabscheuten es. Sie hatten es vor vielen Hundert Jahren verabscheut, […], und sie verabscheuten es noch heute, da das Moos und der Moder der Einsamkeit es bedeckten.

Im Süden Englands ist dieses an einem Abgrund stehende Relikt gelegen, in der Nähe der (fiktiven) Stadt Anchester. Die mit dem Hause verbundene Familiengeschichte reicht bis in die Zeit vor der römischen Eroberung Britanniens zurück. Die Sagen um seine Vorfahren und das Anwesen sind ihm durchaus bekannt. Als verflucht gilt es, Mord und Hexerei und anderes wird seinen Ahnen vorgeworfen. Explizite Geschichten und Legenden werden von den lokalen Einwohnern zum Besten gegeben und am Leben erhalten, wie die der Ratten, die, nach einer Tragödie, die sich einst im Hause Exham Priory abgespielt hatte, aus dem Gemäuer wie Ungeziefer hervorgequollen sein sollen, mager und gierig soll diese Armee alles, was ihr in den Weg kam, gefressen haben: Schweine, Schafe, Hunde, Katzen, Hühner und sogar zwei Menschen. Trotz all dieser düsteren Legenden, die sich um seine Vorfahren ranken, nimmt Delapore die Schreibweise seines alten Familiennamens de la Poer wieder an. Er selbst, der sich durchaus für die Geschichte seiner Familie interessiert und dem einige Anekdoten über einzelne Verwandte, die sich schuldig gemacht haben sollen, bekannt sind, schenkt der schaurigen Folklore keine größere Beachtung. So gab es zwar die in die Zeit vor dem Sezessionskrieg zurückreichende Tradition, bei der der Gutsherr dem Sohn bei seinem Tode einen versiegelten Umschlag hinterließ, um ihn mit den näheren Vorgängen innerhalb der Familie vetraut zu machen, jedoch kam de la Poers Großvater bei einem Feuer um, bei dem auch der Umschlag verschwand. Familiengeheimnisse wurden nicht einfach offen von Generation zu Generation weitergegeben. Lange unbewohnt, gelangte das Anwesen in den Besitz der Familie Norrys. De la Poers Sohn, der sich 1917 im Krieg als Offizier der Luftstreitkräfte in England aufhielt, berichtet seinem Vater von den Legenden um Exham Priory, da er einen Sprössling der Familie Norrys, Captain Edward Norrys, von der Königlichen Luftwaffe kennengelernt hatte, der ihm die abergläubischen Geschichten der Bauern erzählte. Woraufhin die Eigentümer Delapore anbieten das Anwesen zurückkaufen zu können, Pläne und Anekdoten über das Bauwerk inklusive.

[…] seine Architektur bestand aus gotischen Türmen, die auf einem Unterbau aus angelsächsischer oder romanischer Zeit errichtet waren. Das Fundament des Unterbaus wiederum ließ sich einem noch älteren Stil oder Stilvermischungen zuordnen – römisch und sogar druidisch oder kymrisch, so die Legenden denn wahr sind.

“The Rats in the Walls” von ridureyu1

Die ersten Tage verbringt de la Poer in seinem neuen Zuhause mit der Recherche über seine Ahnen. Er lebt dort mit neun Katzen, unter ihnen “Nigger-Man”, sein ältestes Tier, und sieben Bediensteten. Doch schon bald ereignen sich sonderbare Dinge, die vor allem die Katzen in Aufruhr versetzen, die wild im Haus umherlaufen und an den Wänden und Vorhängen kratzen und schnuppern. Und auch del la Poer bemerkt, dass sich in den Wänden etwas tut. Es scharrt in ihnen, Teppiche heben sich von den Wänden ab als würden sie durch die sich dahinter tummelnden Scharen lebendig. Aufgeschreckt von diesem Umstand beschließt er gemeinsam mit seinem Nachbarn Norrys eine Nacht im Keller des Hauses zu verbringen, da er dort den Ursprung der Plage vermutet. Schon Im Keller finden sie alte Inschriften wie diese: DIV … OPS … MAGNAMAT … P. GETAE. PROP … TEMP … DONA … […] … ATYS. Anders als de la Poer und sein Kater aber, vernimmt Norrys keinerlei Geräusche, wie auch schon die Bediensteten nicht. Unter einem Altar entdecken die beiden jedoch eine Pforte bzw. einen Abstieg in ein tieferes, unter dem Keller liegendes Gefilde. Beide beraten sich und vereinbaren für diese Expedition ein Team aus Experten hinzuzuziehen, das sie bei ihrer Erkundung unterstützen soll. Zwischenzeitlich wird de la Poer immer wieder von einem Albtraum geplagt:

Ich schien von einer immensen Höhe auf eine Grotte im Dämmerlicht hinabzublicken, die kniehoch mit Dreck gefüllt war und wo ein dämonischer Schweinehirt mit weißem Bart mit seinem Stock eine Herde schimmelüberwucherter, aufgedunsener Biester um sich scharte, deren Erscheinung mich mit unaussprechlichem Ekel erfüllte. Dann, als der Schweinehirt innehielt und über seiner Aufgabe einnickte, ergoss sich ein gewaltiger Schwarm Ratten in den stinkenden Abgrund und machte sich über die Schweine und den Mann her.

Bereits die stark abgenutzten Treppen, die ins Ungewisse hinabführen, sind mit menschlichen oder halb menschlichen Knochen übersät. Erhaltene Skelette zeigen sich in ihrer Haltung vor entsetzlicher Furcht erstarrt. Primitiv und affenmenschähnlich erscheinen sie del la Poer. Alle Knochen weisen Abschabungen von Nagetierzähnen auf. Auf dem Weg weiter hinab, stellt einer der Forscher fest, dass der Durchgang, durch den sie gehen, gemäß der Richtung der Meißelschläge von unten nach oben gehauen worden war. Gefiltertes Tagesslicht dringt durch die Felsspalten zu ihnen hindurch. Was sie finden, ist eine enorm weite und hohe Grotte, die sich wie eine eigene Welt vor ihnen erstreckt:

[…] eine unterirdische Welt grenzenloser Rätsel und entsetzlicher Andeutungen. Da standen Gebäude und andere architektonische Überreste – mit einem entsetzten Blick sah ich eine sonderbare Reihe von Hügelgräbern, einenwilden Kreis von Monolithen, eine römische Ruine mit niedrigem Kuppeldach, einen großen angelsächsischen Bauernhof und eine frühenglische Holzhütte -, doch all das verblasste neben der ghoulischen Szene, die uns die Oberfläche des Bodens darbot. Vor den Stufen erstreckte sich Meter um Meter hinweg ein wahnsinniges Gewirr menschlicher Knochen – oder besser gesagt, Knochen, die zumindest so weit menschlich waren wie jene auf der Treppe. Wie ein schäumendes Meer dehnte sich diese Knochenhalde vor uns aus, manche Gebeine zerfallen, andere ganz oder teilweise als Skelette erhalten; Letztere lagen meist in Verrenkungen höllischer Panik, als hätten sie etwas abgewehrt, manche grapschten in kannibalischer Absicht nach den anderen.

Die gestandenen Männer straucheln, halten den Anblick, der sich ihnen darbietet, kaum aus. Einer der Forscher, ein Anthropologe, datiert einige der Schädel noch vor dem Piltdown-Menschen, eine entartete Mischung seien sie, andere wiederum stammten von hoch und vernünftig entwickelten Arten. Des Weiteren gibt der Menschenforscher an, dass sich einige von ihnen wohl auf allen Vieren fortbewegt haben müssen. Zwischen all diesen Gebeinen Rattengerippe.

Ein Entsetzen löste das nächste ab, als wir anfingen, die architektonischen Überreste zu erforschen. Die vierbeinigen Wesen waren – gelegentlich fanden wir auch Zweibeiner – in steinernen Pferchen gehalten worden, aus denen sie in ihrem letzten Hungerwahn oder aus Furcht vor den Ratten ausgebrochen sein mussten. Es hatte große Horden von ihnen gegeben, die man offenbar mit dem derben Gemüse gemästet hatte, dessen Überreste man als giftige Silage am Boden der gewaltigen Steinsilos finden konnte, die älter als Rom waren. Nun wusste ich, warum meine Ahnen so ausgedehnte Gärten angelegt hatten – ich bete, ich könnte es vergessen – und nach dem Sinn und Zweck der Horden will ich lieber nicht fragen.

Nyarlathotep in “The Dweller in Darkness” von August Derleth

Sie erforschen die verschiedenen Hütten, Gräber und Ruinen. Finden eine Fleischerei, Geschirr und Gekritzel an den Wänden, das bis ins Jahr 1610 zurückreicht, ebenso Gebeine, die in verschiedenen Sprachen bekritzelt worden waren: Latein, Griechisch und der Sprache Phrygiens. Auch de la Poer wagt es in eines der Häuser zu gehen und entdeckt dort in einer der steinernen Zellen ein Skelett der höher entwickelten Klasse, an dessen Zeigefinger ein Siegelring mit seinem Familienwappen blinkt. Einer der Forscher übersetzt den anderen Anwesenden ein altes Ritual und berichtet über den vorsintflutlichen Kult, den die Priester der Kybele mit dem ihren vermengt hatten, und über die Art ihrer Ernährung.

De la Poer beobachtet wie sein Kater “Nigger-Man” durch all das Grauen unbeirrt hindurchschleicht, er wundert sich über seine Seelenruhe, sieht ihn einmal auf einem Berg von Knochen thronen, und fragt sich, welches Geheimnis sich hinter seinen gelben Augen verbirgt. Beinahe in einen Abgrund gestürzt, verfällt er dem Wahnsinn, er sieht seinen alten schwarzen Kater wie einen geflügelten ägyptischen Gott an sich vorbeischießen, geradewegs in den unendlichen Abgrund hinab ins Unbekannte. Er vermeint, die Ratten kommen, um ihn in einen der Schächte zu stoßen: wo der verrückte, gesichtslose Gott Nyarlathotep blind in der Finsternis zur Musik von zwei idiotischen Flötenspielern vor sich hinheult. Seine Lampe erlischt, de la Poer fällt dem Wahnsinn anheim:

Ich hörte Stimmen … Gejohle … hörte Echos … doch vor allem dieses gottlose, heimtückische Trippeln, es erhob sich langsam, langsam, wie eine steife, aufgeblähte Leiche aus einem öligen Fluss, der unter endlosen Onyxbrücken hindurch in ein schwarzes, fauliges Meer strömt. Etwas berührte mich – etwas Weiches und Fleischiges. Es müssen die Ratten gewesen sein; dieses bösartige, schwabbelige, gierige Heer, das die Toten und die Lebenden frisst … Weshalb sollten Ratten nicht einen de la Poer fressen, so wie ein de la Poer Verbotenes frisst? […] Nein, nein, ich schwöre euch, ich bin nicht der dämonische Schweinehirt aus der Zwielichtgrotte! Es war nicht Edward Norrys’ fettes Gesicht auf jenem pilzigen, schwammigen Ding! Wer sagt, ich sei ein de la Poer? Er hat überlebt, aber mein armer Junge ist tot! … Soll denn ein Norrys die Ländereien eines de la Poer bekommen? … Es ist Voodoo, sage ich euch … die gestreifte Schlange … Sei verflucht, Thornton, ich werde dich lehren, in Ohnmacht zu fallen, bei dem, was meine Familie tut! … Beim Blut, du Stinktier, ich will dir zeigen, dass es dir schmeckt … […] Magna Mater! Magna Mater! … Atys … Dia ad aghaids ‘s ad aodaun … agus bas dunach ort! Dhonas’s dholas ort, agus leat-sa! … Ungl … ungl … rrlh … chchch …

Drei Stunden später finden sie de la Poer kauernd in der Dunkelheit über dem halb aufgefressenen Körper von Captain Norrys. Er wird in eine Zelle in Hanwell gesperrt, Exham Priory wird gesprengt, seine Katzen werden ihm genommen. Man tuschelt über seine Erbanlagen, will, seiner Meinung nach, die Wahrheit über die Geschichte dieses Anwesens vertuschen.

Sie müssen erfahren, dass es die Ratten waren, diese wuselnden, scharrenden Ratten, deren Huschen mich nie wieder schlafen lassen wird; diese dämonischen Ratten, sie flitzen hinter den gepolsterten Wänden dieses Raumes hin und her, sie rufen mich hinab ins größte Grauen, die Ratten, die sie einfach nicht hören, die Ratten, die Ratten im Gemäuer.

Bezüge zu anderen Werken

Weder Hoffmann noch Huysmans hätten eine solch unglaubliche, abstoßende Szenerie ersinnen können oder eine schaurigere Groteske als die, durch die wir sieben taumelten […], schreibt Lovecraft selbst in seine Geschichte hinein, lässt de la Poer als belesenen Kenner der Horrorliteratur erscheinen und lobt zugleich sich selbst, eine solche entworfen zu haben. Insbesondere mit Huysmans nimmt er Bezug auf dessen Roman “Tief unten”, in dem ein dekadenter und lebensmüder Literat zur Zeit des Fin de Siècle sich mit dem Satanismus beschäft, um dem vorherrschenden Zeitgeist, den er ablehnt, zu entfliehen.

Aber auch von anderen Werken, schreibt Joshi, ist diese Erzählung möglicherweise befruchtet. So könnte die “Legende von den Ratten” wohl aus S. Baring-Goulds “Curious Myths of the Middle Ages” (1869) entsprungen sein, ein Buch, das Lovecraft in seinem Werk “Das übernatürliche Grauen in der Literatur” erwähnt und würdigt. Sicher ist sich Joshi allerdings hierbei: “Die gälischen Satzfetzen, die de la Poer am Ende der Erzählung ausstößt, sind wörtlich aus Fiona Macleods “The Sin-Eater” entnommen, einer Erzählung, die Lovecraft in der von Joseph Lewis French herausgegebenen Anthologie “Best Psychic Stories” gelesen hatte.” Jedoch auch Irvin S. Cobbs Erzählung “The Unbroken Chain”, die in COSMOPOLITAN im September 1923 erschien, lässt er nicht außer Acht, da er sie ebenso in seinem Großessay erwähnt und auch in einem Brief berichtet, sie gelesen zu haben. Sie erzählt von einem Franzosen, der sich einem seiner Ahnen erinnert, ein Negersklave, der 1819 aus Afrika in die USA gebracht worden ist und von einem Zug überfahren wird. Der Franzose durchlebt seine durchschlagenden Ängste, irgendein Atavismus, ein Trieb, ein Primitivismus: wie z.B. die afrikanische Sprache, könne bei ihm durchbrechen und seine Blutlinie verraten. Eine durchaus rassistische Erzählung, geprägt von Angst, Abscheu und Ignoranz.

Darüber hinaus soll Lovecraft in einem seiner Briefe aus dem Jahre 1936 erwähnt haben, dass er zu “The Rats in the Walls” von “einem äußerst alltäglichen Ereignis angeregt wurde – dem nächtlichen Rascheln einer Tapete und der daraus resultierenden Kette von Phantasiebildern”. Und auch ein Eintrag im  “Commonplace Book” lässt an Exham Priory denken: “Schreckliches Geheimnis in der Gruft eines alten Schlosses – entdeckt von Bewohner.” Vielleicht beeinflusst von seiner Lektüre “The Lair of the White Worm” von Bram Stoker.

Alte, noch ältere und äußere Götter

Kybele, römisch, um 50 n. Chr., J. Paul Getty Museum, Malibu

Neben Nyarlathotep werden hier mit dem Kybele- und Attiskult auch irdische Gottheiten von Lovecraft mit ins Boot genommen. Kybele, die Göttermutter vom Berg (kurz: Magna Mater), die bis in die Spätantike im gesamten Römischen Reich gemeinsam mit Attis verehrt wurde, dient hier mit ihrem Geliebten einem geheimen und besonders pervertierten Kult, der mit der Ausübung des ursprünglichen kaum mehr etwas zu tun haben dürfte. Interessant, dass Lovecraft sich gerade für diesen entschieden hat, ihn funktionalisert, um einem Zirkel, dessen Blutlinie Jahrhunderte überdauerte, ein religiöses Motiv zu geben. Inwiefern mit diesem Kult die Mitglieder ihr Handeln jedoch als legitimiert betrachten, bleibt unklar. Fraglich ist auch, wie weit dieser von de la Poer vorgefundene Kult in die Zeit zurückreicht, wann er seinen Ursprung hat, denn es werden auch Schädel von Menschen gefunden, die aufgrund ihres Aussehens noch vor den Piltdown-Menschen von einem der Forscher datiert werden. Wie wir aber seit 1953 wissen, ist der Schädel des sog. Piltdown-Menschen als Fälschung entlarvt worden. Eine Tatsache, von der Lovecraft nichts wissen konnte, starb er doch etliche Jahre zuvor. All das kulminiert für de la Poer in Nyarlathotep, auch bekannt als das “kriechende Chaos” oder das “personifizierte Böse” (da er auch physische Gestalten annehmen kann). Älter als die Zeit selbst sei er, hungrig unter den Menschen Wissen zu verbreiten (häufig als Gelehrter). Unseren alten Göttern noch ältere und mächtigere voranzustellen, ist ein allgemein bekannter aber sehr interessanter Kniff Lovecrafts, bei dem er zeigt, wie verderbt und entartet die unsrigen durch sie sind. Wie zwischengeschaltete Medien erscheinen sie, durch die die älteren Gottheiten wirken. “Nigger-Man”, der wie eine geflügelte ägyptische Gottheit in den Abgrund schießt, scheint Zugang zu dieser dem Menschen fremden Welt zu haben. Dafür spricht zum einen, dass er und die anderen Katzen, zuerst auf die Ratten reagierten, wie auch de la Poer recht bald (aufgrund seiner Blutlinie), während die Bediensteten nichts hörten und ausmachen konnten. Und zum anderen, das Verhalten des Katers während der Expedition der Forscher: seelenruhig thront er auf den Knochen, unberührt von all dem Grauen. Katzen wurden im alten Ägypten verehrt, als Haus- und Nutztier gehalten, mumifiziert, und als Gottheit (Bastet) angebetet. Und auch heute noch spricht man ihnen zu, Verbindung mit jenseitigen Welten zu haben. Lovecraft, der tatsächlich mit einem Kater namens “Nigger-Man” zusammenlebte, wird um diese Sensibilität seines Samtpfoters gewusst haben und widmet ihm und seiner Art, nebst einem Essay, die Kurzgeschichte “Die Katzen von Ulthar”.

Die anthropologische Geschichte einer epochenüberdauernden Enklave und der Fluch eines genetischen Codes

Nyarlathotep als “Black Man” in H. P. Lovecrafts Story “The Dreams in the Witch House”

Mit dem Fund des Forschersteams um de la Poer gelingt es Lovecraft seine Protagonisten enorm weit in die vergangene Zeit blicken zu lassen. Doch auch schon die Legenden der Bauern, wie auch der weit zurückreichende Stammbaum der Familie de la Poer und die teilweise bekannten Details ihrer Geschichte, reichern die Atmosphäre derartig an, dass wir früh spüren, wie es unter den Geschichten und der vermeintlichen Bauernfolklore schwelt. Die Architektur und Anatomie Exham Priorys trägt zudem wesentlich dazu bei, handelt es sich bei diesem Anwesen doch selbst um ein Relikt diverser, längst vergangener Zeiten. Die Geschichte dieser geheimgehaltenen Enklave wird an der Blutlinie der de la Poers und ihrem grausigen Erbe nachvollzogen. Entartung und Primitivismus sind die Schreckensbilder, mit denen Lovecraft arbeit. Er beschreibt nicht nur einfach die Angst des Ich-Erzählers: durch seine genetischen Anlagen zu diesen Vorfahren zu gehören, die diesen brutalen Kult zelebriert haben, er lässt ihn dieses Erbe antreten, da de la Poer am Ende kauernd vor dem halb aufgressenen Körper Captain Norrys’ gefunden wird. Er räumt damit, neben den Großen Alten, auch dem genetischen “Programm” des Menschen eine große Wirkmacht ein, er versteht es in diesem erzählerischen Kontext gar erst als ein – sobald es durch etwas aktiviert wurde – unwillkürlich ablaufendes. Ein absolut fataler Gedanke, denn das heißt nichts anderes, als dass Moral, Ethik und Vernunft nichts als Seifenblasen in einem solchen Kosmos sind. Als Fluch wird dieses Erbe von den Bauern gesehen. Ein Fluch, der auf die solche Gottheiten wie Nyarlathotep zurückgehen mag. Der Fluch des genetischen Codes wird stark von Bildern des Ekels begleitet, wofür zunächst einmal die Ratten und ihre Darstellungsweise sprechen, die seit Menschengedenken als Plagegeister und Todbringer (fälschlicherweise hielt man sie im Mittelalter für die Überträger der Pest) gelten. Ihre Kulturgeschichte ist eine lange und grausame. Und so dienen sie auch Lovecraft als symbolkräftige Tiere, die sich dort aufhalten, wo Grausames passiert, oder: sie fungieren selbst als Boten des Grauens, angelockt von Nyarlathotep und seinen zwei Flötenspielern. Wer denkt da nicht auch an den “Rattenfänger von Hameln”. Jedoch besonders das Bild vom Schweinehirt in der Grotte, das de la Poer als immer wiederkehrender Albtraum plagt, birgt den Ekel par excellence in sich. Schimmelüberwuchert und aufgedunsen sind die Schweine, die samt ihrem Hirten von einem Rattenheer gefressen werden. Der Hirte und seine Schweine stehen dabei für die de la Poers und alle, ebenso die Opfer, an dem Kult Beteiligten. Das Motiv des “Guten Hirten” als nicht minder pervertiertes, das zeigt, zu was für einem Pfuhl diese Kultstätte verkommen ist. Lovecraft misst dem Traum damit eine große Bedeutung bei, versteht ihn als einen weissagenden Translator, und belegt damit die Existenz der Großen Alten.

Primo & Secondo

Ich verstehe zumindest so viel, das ich zwei Leben habe. Eines, in dem ich mir regelmäßig Blut abnehmen lasse; und eines, in dem ich nur über Bedeutungen, Wahrnehmungen und Symbole nachdenke. Das “blutig” genannte Leben ist auch eines der Ernährung. Sind die Königsberger Klopse etwas anderes als Ricardo Piglias Kurzformen? Ist der Milchkefir, den ich seit präterpropter zwei Monaten anrichte etwas anderes als die Carl Barks-Sammlung? Und was hat das mit meinem Blut zu tun? — Die Suche nach Ursächlichkeit auf der einen Seite, die Lust am Widersinn auf der anderen. Chaos und Ordnung. Ich hätte schon Medizin studieren müssen, um mich zumindest ein wenig zu verstehen. Aber ich halte mir lieber einen Arzt. Früher waren es Hunde, Katzen …

Die Tat rettet vor der Resignation

Wir hatten dich herausgeholt aus dem Nichts, dem steinernen Garten, die Dunkelheit zwischen zwei Schatten, trügerische Schönheit, die man erblicken will, dorthin sich retten mit letzter beeindruckender Kraft, liegenbleiben, außen herum versinkt die Welt im Chaos, aber dieses Idyll ist das Brandmal auf schwarzem, wissendem Papier, in Hügelketten wellend – eine Sekunde des persönlichen Empfindens, hier spricht die Erde, nichts ist erschaffen, alles entwachsen aus dem Spiel der Gewalten; das Leben kein Spiel – was dann?

Man will seinen Körper schützen, man lässt nicht ab davon, ihn zu erhalten, aber man geht stumm ins Verderben, weil man aus irgendeinem Grunde annimmt, der Stärkere zu sein, jeder Makel muss erst bewiesen werden, in seinem eigenen Körper vermutet man nur sich selbst, die Gedanken hält man für unhörbar, für ein solides Geheimnis, wer immer weiter läuft, bekämpft die eiserne Hand in der Brust, sie wird sich nicht um das rasende Herz schließen können, die Tat rettet vor der Resignation.

Anna Kavans Bazooka

Anna Kavans unverkennbarer, markanter Stil wurde von so unterschiedlichen Autoren wie Brian Aldiss, J.G. Ballard, Doris Lessing und Anais Nin bewundert.

Sie wurde als “Helen Woods” in Cannes, Frankreich am 10 April, 1901 als Tochter wohlhabender Britischer Auswanderer geboren. Anna verbrachte ihre Kindheit in verschiedenen Europäischen Ländern, in Kalifornien und England. Sie heiratete Donald Ferguson und lebte eine geraume Zeit in Burma. Die Ehe scheiterte, aber es war dies die Zeit, in der sie mit dem Schreiben begann.

Anna Kavan heiratete noch einmal. Aufzeichnungen über diese zweite Ehe existieren nicht. Erneut lebte sie in verschiedenen Europäischen Ländern, bevor sie sich in England niederließ. Es erschienen in dieser Zeit einige Bücher von ihr, die sie unter dem Namen Helen Ferguson veröffentlichte. Zunächst waren das noch traditionelle Erzählwerke. Erst später entwickelte sie ihren einzigartigen und anspruchsvollen Stil.

Um 1926 nahm sie immer öfter Heroin zu sich, um die zeit ihres Lebens auftretenden, teils schweren Depressionen in Schach zu halten. Ihre anhaltende psychische Erkrankung, wie auch die Veränderung ihres Schreibstils, waren das Ergebnis eines Zusammenbruchs. Nach diesem änderte sie ebenfalls ihr Äußeres und ihren Lebenswandel radikal. Das führte schließlich zum Namen Anna Kavan, einer Figur aus ihrem Roman “Let Me Alone”, mit der sie sich identifizierte. Mehrer Male versuchte sie den Entzug, wurde aber wieder und wieder rückfällig. Sie nannte die Heroinspritze ihre “Bazooka”. Selbst während ihrer depressiven Episoden hielt sie am Schreiben fest. Die Zeiten ihrer akuten Phasen verbrachte sie in Kliniken in der Schweiz oder in England. Dort sammelte sie auch Material für ein Werk, das in einer Klinik spielen sollte. Neben ihrer Schriftstellerei brachte sie es in London zu einigen Ausstellungen ihrer Gemälde.

Zeit ihres Lebens blieb sie eine schwierige Person. Je näher ihr Ende rückte, desto mehr zog sie sich zurück. Dennoch besaß sie einen kleinen Freundeskreis, der ihre Probleme und ihr exzentrisches Verhalten wohlwollend übersah. Sie starb, nachdem sie mehreren Selbstmordversuche überlebt hatte am 5. Dezember 1968 an Herzversagen. Ihr bekanntest Roman ist “Ice”.

Auszüge aus: Anna Kavan, Jlia & the Bazooka, 1970 (Julia und die Bazooka. Novellen und Erzählungen)
Übersetzt von Michael Perkampus

Der Verkehr brüllt, bellt, schleudert sich selbst in einer reißenden Woge in die Schlacht – Autos schlagen wie urzeitliche Monster um sich. Manche haben das Grinsen teuflischer Lust in ihren bösartigen, rudimentären Gesichtern stehen, Schadenfreude über zukünftige Opfer. Sie ahnen den Moment voraus, in dem ihr mörderisches Gewicht, bestehend aus hartem Schwermetall, weiches, verletzliches, schutzloses Fleisch zerreißt, es zu einem Brei anrührt, in dünnen Schichten über die Fahrbahn verteilt, eine tückische, rutschige Fläche anrichtet, auf der andere Autos im Kreis schleudern, ihre Reifen mit den Wurstpellen aus Gedärm verheddert, das aus dem ganzen Schlamassel platzt. Plötzlich merke ich, dass ein Auto mich als Beute ausgewählt hat und auf direktem Wege durch das Chaos auf mich zusteuert. (p.5)

Da das Universum nur in meinem Kopf existiert, muss ich selbst diesen Ort erschaffen haben, abscheulich und verdorben, wie er ist. (p.8)

Während ich ihn beobachtete, atmete ich die ganze Zeit über seinen natürlichen Geruch ein, den wilden urzeitlichen Duft von Sonnenschein, Freiheit, Mond und zerkleinerten Blättern, kombiniert mit der kühlen Frische fleckiger Tierhaut, noch klamm von der mitternächtlichen Feuchtigkeit der Dschungelpflanzen. (p.11)

Der Vorfall wurde übermäßig verlängert. Das merkwürdiges Katzengeschrei hörte nicht mehr auf, und undeutliche Formen brachen daraus hervor. Als es endlich vorbei war, fuhr ich weiter, als wäre nichts geschehen. Es war ja auch nichts geschehen, wirklich nicht. (p.22)

Alles ging weiter und weiter: der Nebel, der Scheibenwischer, meine Fahrt. Es war so, als wüsste ich nicht, wie man das Auto anhielt, und als müsste ich so lange weiter fahren, bis der Tank leer wäre, oder bis alle Wege zu ihrem Ende kommen würden.(p.22)

Alles, was ich wollte, war, dass alles so weiterging wie bisher, so dass ich in tiefem Schlaf verbleiben konnte, und nicht mehr wäre als ein Loch im Raum, weder hier noch sonstwo, so lange wie möglich, am liebsten für immer. (p.29)

Weiß, still, heiter und kühl, um mich an die unnahbaren, makellosen, schneebedeckten Berge zu erinnern; Rot für den Kontrast, für Liebe und Rosen, für Gefahr, Gewalt, Blut. (p.30)

Unglück türmt sich über ihnen auf wie ein Kreis vereister Berge, die unerbittlich näher rücken. (p.49)

Ich wusste, dass sie es getan hatten, also muss ich sie gehört und gefühlt haben, aber es war in einem anderen Raum geschehen und betraf mich nicht. Ich würde nicht zurück kommen, und es gab nichts, was sie dagegen tun konnten. (p.76)

“Eine Person ist entweder hier oder sie ist nicht hier, stimmts? Und wenn sie nicht hier ist, dann muss sie woanders sein, was bedeutet, sie ist verschwunden…” (p.77)

Schneebedeckte Gipfel ragen überall in den Himmel, bleich wie Phantome in der Nacht, breite, körperlose Geisterschatten, größer als das Leben. Sie fließen in leuchtender Blässe, die Sichel des Mondes gleitet zwischen sie. Fahre ich oder träume ich? Traumhaft sind diese kolossalen, fantastischen Berge, unnahbar wie Götter. Traumhaft dieser aus dem Himmel fallende Mond. Eine endlose Traumstraße, stets spiralförmig nach oben. Alptraumstraße, stets am Rande schwindelnder Abgründe, eines Messers Schneide, die sich immer steiler und schärfer nach oben dreht. Soll ich überhaupt zur nächsten Biegung gelangen? (p.100)

Die Scheinwerfer werfen erneut ihr Streulicht von sich, stechen vorwärts, verwandeln sich in einen Gegenstand, der etwas aufspießt, etwas ausweidet. Vier Gestalten werden festgenagelt, vier weiße Gesichter, erschreckend nahe. Sie heben sich ab vor dem Hintergrund der taumelnden Berge, weiße Fischgesichter, erstarrt, mit offenen Mündern. Die Luft wird kälter und dunkler, Donnergrollen im Eis; eiskalt von den Anhöhen ausgeatmet wie ein Befehl. Die Vormachtstellung des Hochgebirges macht sich geltend. (p.100-101)

Eine raumlose Zeit

Die Erkenntnis wurde erfunden = sie ist kein Bestandteil der menschlichen Natur, nicht der älteste Trieb des Menschen; sie ist nicht keimhaft in ihrem Verhalten, ihrem Streben und Trieb. Die Erkenntnis ist das Ergebnis der Konfrontation und der Verbindung des Kampfes und des Kompromisses zwischen den Trieben. Weil die Triebe aufeinander stoßen, miteinander kämpfen und schließlich zu einem Kompromiß gelangen, entsteht etwas. Und dieses Etwas ist die Erkenntnis. Sie gleicht dem Funken zwischen zwei Schwertern, der ja auch selbst nicht aus Eisen ist. Es gibt keine vorgängige Übereinstimmung oder Affinität zwischen der Erkenntnis und den zu erkennenden Dingen. Das ist der große Bruch mit der Tradition der abendländischen Philosophie. Der Gesamtcharakter der Welt ist Chaos, nicht im Sinne einer fehlenden Notwendigkeit, sondern der fehlenden Ordnung, Gliederung, Form, Schönheit, Weisheit. Die Welt versucht keineswegs, den Menschen nachzuahmen; sie kennt keinerlei Gesetz. Die Erkenntnis hat mit dieser Welt zu kämpfen. Für die Natur ist es keineswegs natürlich, erkannt zu werden. Erkenntnis kann den zu erkennenden Dingen nur Gewalt antun.

Zeit ist der Träger der Qualität eines Ereignisses im Raum. Raum entsteht erst durch Zeit, und wenn man eines Tages ihre Dimensionen anerkennt, wird das Modell eines Raums nicht mehr benötigt. Synchronizität ist nicht durch Dimensionsausweichung des Raumes zu erklären, zumindest nicht befriedigend. Die Koexistenz von Raum und Zeit, ihre gegenseitige Bedingung (etwa durch eine Raumzeit) ist eine weitere Illusion. Ein zeitloser Raum ist undenkbar. Eine raumlose Zeit nicht.