Tontafelkalender vom 1ten Hartung xx20, einem Mittichen

Zum Lorebuch:

Das Reisen und das Vergehen der Zeit sind große Beschäftigungen der Dichtung. Räumliche und zeitliche Bewegungen sind miteinander verbunden, wobei der Reise-Impuls eine kathartische Funktion gegen die Last der vergehenden Zeit hat. Zugleich steht das Wandern aber auch für das permanente Gefühl des Verlustes, die typisch metaphysische Angst. Doch es geht mir um eine metaphysische Ästhetik – diesen vagen Begriff, den Giorgo de Chirico prägte -, und der eine Sensibilität gegenüber jenen privilegierten Momenten der zufälligen Überschneidung von Unheimlichem und Alltäglichem meint. Im Grunde war ich immer der Auffassung, dass man sich alles in der Welt nicht nur als Rätsel vorstellen muss, sondern dass alles auch ein großes Rätsel ist. Dabei geht es nicht nur um die Fragen, die uns seit Anbeginn unseres Denkens beschäftigen, sondern gerade darum, die Rätsel der Dinge zu verstehen, die allgemein als unbedeutend angesehen werden.


Der Berg wurde es gestern nicht; wir verschanzten uns in unserer Kobe, aßen und wollten von der Außenwelt genauso wenig wissen, wie all die Jahre zuvor. Weder fühlten wir uns in der Verfassung, uns der allumfassenden Böller-Idiotie auszuliefern, noch überhaupt dazu bemüßigt, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Dieser Krawall hat etwas Entsetzliches, und die Zeit ist überreif, den Arschlöchern diesen Scheißdreck zu verbieten; der Mensch ist dümmer als zu jeder Zeit seiner Existenz, man muss wieder dahin zurückkehren, ihn zu behandeln wie das zurückgebliebene Kind, das er ist.

Tontafelkalender vom 30ten Julmond xx19, einem Mentag

Der Dichter ist dazu erkoren, das Schweigen zu suchen; der Erzähler, die Geschichten zu erzählen. Der Dichter wird scheitern, sobald er beginnt, den Stift auf das Papier zu senken; der Erzähler scheitert nur dann, wenn er nichts zu erzählen hat. Das Scheitern ist die größte künstlerische Herausforderung, es muss von Anfang an in Kauf genommen werden, wenn es darum geht, sich für die Dichtung zu entscheiden und damit quasi gegen das Leben.


Es ist eine erstaunliche Enge in den Köpfen; der Gebildete ist vom Ungebildeten nicht mehr zu unterscheiden. Das Zeitalter der Einbreiung wird irrtümlich gerne für ein öffnendes gehalten. Wenn da nur nicht die Kleingeisterei, gar die Geistlosigkeit wäre, die alle Stände durchweht, als würde das Maß des Seelenlosen wie ein Vakuum alles in sein fettes Nichts hinein rufen. Liest man etwas vom Mittelalter, liest man auch von heute, und es wird leicht zu erkennen sein, dass wir uns noch immer im Mittelalter befinden. Eine Moderne werden wir vielleicht gar nicht mehr erleben.


Nach den Ephemeriden gesehen: Der Mond hält sich mit seinem Licht bei 16,8% und badet im Wassermann, das hat er heute mit dem Neptun gleich. Im Widder ist nur der Uranus.


… sitzen also den ganzen Tag da und schreiben und Albera schreibt und ich schreibe also und ich lese und schreibe, und das ist das, was wir alldieweil und die ganzen Tage tuen … und da kam ein grosz Gespinst und sagte, dasz ihr noch einkaufen müszt, das sollt ihr wissen, sonst vergehet der Tag wie alle Tage und morgen habt ihr keinen Käs zum fressen …

Chimären (Poetik zur Quantenpoesie)

Neben meinen phantastisch-surrealen Kurzgeschichten, die sich nicht begrenzen und abgrenzen lassen, arbeite ich seit geraumer Zeit an einer Sammlung Chimären, die man der Flash Fiction oder den Microrrelatos zuordnen kann. Dennoch gibt es Unterschiede, die oft in der Sprachgestaltung selbst begründet sind. Oft genug versuche ich, die Regelpoetik zugunsten einer Tiefensprache auszusetzen. Oft genug geht es dabei um Komposition, Rhythmus und Bruch der Konsensrealität. Dass sie in den Labyrinthen der Sandsteinburg auftauchen, macht sie an dieser Stelle zu Streukapiteln.

Quantenpoesie

Nichts entsteht im luftleeren Raum. Meine Ästhetik, völlig auf sich bezogen, steht in der Tradition – und all ihren Brüchen – der romantisch-symbolisch-surrealen Schule des Pfades zur linken Hand (Left Hand Path). Es handelt sich um eine Literatur der Wahrnehmung und meint somit Ästhetik in ihrer Reinform. So also ist meine Prosa keine Prosa, sondern Textur, denn nichts anderes sind wir überhaupt imstande wahrzunehmen. Das hört sich zunächst an, als gäbe es, wie die Vertreter des Nouveau Roman behaupteten, nur Oberfläche. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es überhaupt nirgends eine Oberfläche gibt. Das Erscheinende ist interpolierter Bestandteil unseres Wahrnehmungsapparates. Die Textur, die an die Form eines Leistungsdichtespektrums erinnert, wird in der menschlichen Expression meist zu Text oder Musik oder Bild. Ähnlich aber wie ein Atomkern nicht dargestellt werden kann indem man ihn fixiert, kann eine Szene (Sequenz) nicht dargestellt werden, ohne Partei zu ergreifen für das, was sich in Gattungen widerspiegelt. Die Textur ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist „Ablauf“. Und auch die Quantenpoesie ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist Regelpoetik. Aber hat nicht bereits die “Movens” – Gruppe auf den “Nur-Text” hingewiesen? Gewiss. Aber ähnlich wie der Kahlschlag aus Gründen einer Reduktion auf angeblich Wesentliches. Textur jedoch ist das Gegenteil von Reduktion; man könnte sagen, Textur ist alles – und das schließt das Unbekannte mit ein. “Bekannt” nämlich kann uns nichts sein, was sich nicht in unserem Takte bewegt (in Relation zu absoluter Bewegung). Textur bewegt sich absolut. Unsere Wahrnehmung wäre demnach der Takt, mit dem wir dieser Textur etwas für den Augenblick entnehmen. Das ist Quantenpoesie.

Wissenschaft und Philosophie; neben der Poesie sind sie die beiden anderen “großen Fiktionen”. Sobald man sich daran gemacht hat, ungelöste Fragen zu beantworten, zerstört man das axiomatische Fundament. Die Quantenpoesie fragt nicht, klärt nicht (außer in ihrer immanenten Rhetorik), weil sie schon allein Seelensprache ist, also die Ursprache, die weder Gattungen noch Konventionen kennt.

Ein Kleid spricht, ein Haus fährt nach Amerika.

Das absolute Buch

Mallarmé, der uns eine völlig neue Dichtung brachte, träumte von einem absoluten Buch, das er nie schrieb. Vielleicht aber war der Charakter des Werkes, zu dem er uns hunderte von Zetteln und Motiven hinterließ, das Scheitern. Einerseits das Scheitern am Schweigen, denn er erzählt uns, wie das Buch beschaffen sein sollte: aus losen Blättern, die bei jeder Lektüre so angeordnet werden sollten, dass sich immer ein anderer Text ergibt. Er erzählt uns von seinen Zweifeln; Fragmenten. Er hinterlässt uns Satzfetzen – das Buch aber schreibt er nicht. Er kann es nicht, denn er scheiterte nicht nur am Schweigen sondern ebenfalls am Werk, das er mit dem der Alchemisten vergleicht. Dem Dichter kann es immer nur um den Prozess gehen. Das Ergebnis ist völlig belanglos. Genau dieser Prozess aber, der ein Ergebnis außer Acht lässt, schneidet den Poeten von der Welt ab.

Wie sie einst im “Grenier” miteinander diskutierten, meinte Zola zu Mallarmé, dass in seinen Augen ein Dreck und ein Diamant gleichviel wert seien. — “Kann sein”, antwortete Mallarmé, “aber der Diamant ist — seltener.”

Degas ließ es sich nicht nehmen, Mallarmés Poesie zur Zielscheibe verschiedener boshafter Witze zu machen. So erzählte er zum Beispiel, wie Mallarmé seinen Jüngern einst ein Sonett vorgelesen habe, worauf diese in ihrer Bewunderung das Gehörte in Worte zu fassen versucht und es, jeder auf seine Weise, interpretiert hätten: die einen sahen darin einen Sonnenuntergang, die anderen den Triumph der Morgenröte; Mallarmé erklärte ihnen: “Aber ganz und gar nicht … es ist meine Kommode.”

Käte Hamburger hat in ihrer Logik der Dichtung den dankbaren Begriff des Epischen Präteritum geschaffen, der unter anderem einen Satz wie: Morgen war Weihnachten erklärt. In der Dichtung ist es freilich notwendig, einer anderen Grammatik zu folgen, weil auch diese bereits in der Fiktionalität existiert. Die Zeiten, die ja nur für unser Verständnis eines Ablaufs erfunden wurden, kaum aber etwas mit der Tropik zu tun haben, müssen sich in jedem Fall der Dichtung unterordnen. Ich benutze dieses Epische Präteritum kaum, befürworte im Gegenzug die radikale Lösung, alle Tempora der Tropik unterzuordnen, wie sie Harald Weinrich formulierte. Auch in der Prosa, die für mich im günstigsten Fall ein breitgewalztes Gedicht ist. Gedicht und Kurzgeschichte, um mit Poe zu sprechen, sind die eigentlichen Ausleger der Poesie. Die Gemeinsamkeiten sind ja auch unverkennbar. Ziel ist die Stimmung, die Reflexion, die Musikalität.

Der Dichter

Lesen und schreiben sind ein und das gleiche. Das ist keine besonders neue Erkenntnis, fundamental aber wurde sie bei Borges. Jeder Dichter ist inspiriert von seinem eigenen Leben und von den Beobachtungen, die er durch andere Autoren macht. Vornehmlich durch die toten. Denn jeder andere lebende Dichter ist ihm Ärgernis, abgemildert dadurch, dass der Betreffende vielleicht in einer anderen Sprache schreibt. Warum? Weil, wenn der Dichter schreibt, nur er schreibt. Diese Aussage ist selbstredend völlig vermessen, trifft aber auch auf den Leser zu (und damit ist ganz und gar nicht unser Marktleser gemeint).

Mit wem würden Sie das Buch, das Sie gerade lesen, im selben Augenblick, da Sie es lesen, teilen wollen?, fragte einst eine Journalistin auf einer Lesung. Einzig mit dem geliebten Menschen, wäre für die Fragende die richtige Antwort gewesen, aber der so Gefragte sagte nichts. Die Journalistin wiederholte ihre Frage, aber der Dichter sagte noch immer nichts, bis er in seine Manteltasche griff, ein Buch von Maurice Blanchot herauszog, und damit begann, die Seiten herauszureißen und sie sich in den Mund zu stopfen. Ich will nicht, dass Sie das lesen, wenn wir nachher miteinander im Bett liegen, sagte er dann; denn ich liebe Sie ja nicht. Und damit gab er die einzig mögliche Antwort also doch (abgesehen davon, dass er sich eine Ohrfeige einfing und später mit niemandem im Bett lag, das Buch also nicht hätte aufessen müssen).

Wer, wann, was, und warum, spielen hier keine Rolle, das wäre nur reiner Informationsfluss, folglich: völlig unbedeutend. Warum ist “mit dem geliebten Menschen” die richtige Antwort gewesen (wenn auch nicht die einzig mögliche)? Hier geht es nicht um romantische Beseeltheit, das steht fest. Das ganze Prozedere hat egoistische Gründe, denn auch die Liebe ist egoistisch, sie ist außerdem verschwörerisch, unduldsam, herrschsüchtig, sie ist ein Rausch des Exzesses. Und sie beruht auf Projektion. Wie die Literatur. Im besten Fall denkt man das, was man liest. Und man fühlt das, was man liebt. Fühlt man das, was man liest und denkt das, was man liebt, sind die Unterschiede kaum mehr auszumachen. Sie münden vielleicht in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk, das ist alles.

Im Garten ist was faul

Gut zwanzig Minuten nach Beginn des Films Schloss des Schreckens, basierend auf Henry James’ verstörender Geistergeschichte Das Durchdrehen der Schraube, steht die Gouvernante, die ihr Glück, in diesem großen Landhaus arbeiten zu dürfen, nicht fassen kann, im Garten, ganz in Weiß gekleidet, und schneidet weiße Rosen. Die Kamera ruht in der Nähe ihrer voluminösen Röcke, auf einer kleinen Gartenstatue, die sich in die Sträucher schmiegt. Es ist ein Cherub, aber er sieht irgendwie deformiert aus, und sein Lächeln hat etwas Schreckliches an sich. Das wird spätestens dadurch bestätigt, als ein praller schwarzer Käfer aus seinem Mund krabbelt. Der Käfer baumelt kurz auf der Lippe des Cherub, vibriert mit seinen kleinen Beinchen und fällt aus dem Blickfeld.

© Capelight Pictures

Ein merkwürdiges, krankhaftes Gefühl schleicht sich in die Brust des unbedarften Zuschauers, sowohl schrecklich als auch aufregend. Es ist dieses Insekt, das aus einer scheinbar festen Gipsstatue herauskommt. Es gibt ein Wort dafür: unheimlich. Schlagen Sie es in einem Standardwörterbuch nach, und Sie erhalten eine kurze, wenig hilfreiche Definition:

Ein unbestimmtes Gefühl der Angst, des Grauens hervorrufend.

Gelehrte haben das Wort bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt, wo es sich aus dem „verdunkeln“ heraus entwickelte. Nicht etwa von „unheimisch“ und „ungeheim“ leitet es sich her, sondern von „ungetüm“, „ungeheuer“ – was heute dazu führt, dass es umgangssprachlich „Volumen“ („unheimlich“ groß, viel) meint. Im Grunde ist es ein Schattenwort, das nur darauf gewartet hat, aufzutauchen. Die Grimms führen in ihrem Wörterbuch die Synonyme: nicht vertraut, fremd, entfremdet, unfreundlich, ungnädig; feindlich, schädigend, beunruhigend, unzuträglich, unbequem; unfriedlich, bösartig, unerfreulich, gefährlich, bedenklich u.ä.

James’ Novelle von 1898 „The Turn of the Screw“, ist eine Geschichte, die den Höhepunkt eines Jahrhunderts großer Geistergeschichten darstellt, in denen heimische Räume – Landhäuser, Stadtwohnungen, Privatgärten und gemütliche Bibliotheken – zu Orten werden, an denen die Unterdrückten und Verstoßenen umgehen.

© Veit Schmitt, Illustrationen aus Hoffmanns „Der Sandmann“

Etwas vorher schon entsteht in Deutschland das Kunstmärchen. E. T. A. Hoffmann, Ludwig Tieck, Achim von Arnim und andere schreiben lange Geschichten, in denen sich in einer vertrauten Welt etwas Außergewöhnliches ereignet. Die Schauplätze sind in der Regel urban – Kaffeehäuser und Marktplätze in Universitätsstädten, sie sind reich an bekannten Ortsnamen, bekannten Figuren und einer gewissenhaften Aufmerksamkeit für häusliche Details. Dann passiert dem Protagonisten etwas Seltsames. Etwas scheinbar Übernatürliches. Von diesem Moment an ist seine Wahrnehmung – und unsere – grundlegend zerschmettert. Es ist die Erfahrung, anders zu sehen, isoliert von den ach-so-rationalen Freunden zu sein. Weder er noch der Leser können vollständig klären, ob er sich das alles nur eingebildet hat, oder ob es nicht vielmehr so ist, dass es keinem anderen “bewusst” ist, was da vor sich geht.

Diese fundamentale Zerschlagung der Wahrnehmung steht im Zentrum der unheimlichen Erfahrung, im Alltag und in der Kunst. Genau das ist es, wovon Virginia Woolf in ihrem Essay On the Supernatural in Literature von 1918 spricht, als sie die nervtötende Kraft von James’ Novelle The Turn of the Screw beschreibt. In diesem Aufsatz behauptet sie, dass das Schrecklichste an der Novelle nicht die Erscheinungen selbst sind, sondern das, was mit dem eigenen Geist der Gouvernante geschieht. Sie nennt es “die plötzliche Erweiterung ihres eigenen Wahrnehmungsfeldes”.

Ein Jahr später holte Sigmund Freud einige alte Papiere aus seiner Schreibtischschublade und stückelte sie zu seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ zusammen. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass dieser Essay dafür verantwortlich gemacht werden kann, dass das Unheimliche Einzug in das weite Feld der Forschung fand – und ein Jahrhundert neuen Nachdenkens über moderne Formen der Entfremdung und Verdrängung einleitete. Freud selbst folgte den Aufzeichnungen des Psychologen Ernst Jentsch aus dem Jahr 1906. Aber Freuds Vorsatz, so viele Fälle des Unheimlichen wie möglich zu erfassen, macht seinen Aufsatz zur definitiven Einführung in das Thema.

In seinem Bemühen, die nicht leicht zu fassende Idee des Unheimlichen in den Griff zu bekommen, schuf Freud einen wilden Katalog menschlicher Erfahrungen, der für eine Sensation sorgte. Hier ist nur eine kleine Auslese davon:

Die Verschmelzung von Vertrautem und Fremdem. Die Erfahrung von “einem Fremdkörper in sich selbst oder sich selbst als Fremdkörper”. Die Rückkehr des Primitiven in einen scheinbar modernen und säkularen Kontext. Das, was geheimgehalten werden sollte, macht sich selbständig und gelangt an die Oberfläche. Zweifel daran, ob ein scheinbar nicht lebendes Objekt lebendig ist und umgekehrt, ob ein lebloses Objekt nicht vielleicht auch lebendig sein könnte.

Während jeder dieser Punkte uns an das “scheinbar Übernatürliche” denken lassen könnte, kommt es darauf an, dass diese Umstände in Beziehung zu etwas stehen, das sich Nahe an einem uns vertrauten Ort verbirgt – und dort jederzeit entdeckt werden kann.

Das Gefühl der Unheimlichkeit ist in seinem Kern eine Sorge um die Beständigkeit jener Personen, Orte und Dinge, in die wir unser tiefstes Vertrauen gesetzt haben, unser eigenes Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl. Für die Autoren unheimlicher Literatur ist es äußerst spannend, uns dazu einzuladen, diese Unsicherheit zu erfahren und Zweifel zu säen.
Freuds Essay ist unter anderem ein wehmütiger Liebesbrief an die Kunst des phantastischen Schreibens. Gegen Ende lesen wir:

“Das Unheimliche der Fiktion – der Phantasie, der Dichtung – verdient in der Tat eine gesonderte Betrachtung. Es ist vor allem weit reichhaltiger als das Unheimliche des Erlebens, es umfasst dieses in seiner Gänze und dann noch anderes, was unter den Bedingungen des Erlebens nicht vorkommt.“

Und so überließ er das Thema uns – und viele Historiker, Philosophen, Kulturbeobachter, Architekten und Designer, Künstler aller Couleur – haben es aufgegriffen. Hier stellt sich also eine Frage an die Autoren phantastischer Literatur: Wie kann das Wissen um diese “menschliche Empfindung” und ihrer bizarren Gewohnheiten produktiv auf unsere eigenen Schreibprozesse einwirken? Sich dessen bewusst zu sein, würde jede Hoffnung auf Fremdheit und Überraschung zunichte machen. Denken Sie noch einmal an die Gouvernante, die unschuldig Rosen schnipst, als plötzlich dieser kleine Käfer auftaucht. Was passiert als nächstes? Der Leser will ebenso überrascht werden wie sie.

Als Schriftsteller kann man sich diese Heimsuchung bewahren, indem man sich an den längst vergangenen Eindrücken nährt, die dieses Gefühl umreißen, und dann den Wunsch hegt, dem Leser die gleiche eigentümliche Tiefendynamik zu geben, einen Augenblick, der so beunruhigend, instabil und lebendig ist wie das Bild eines Käfers, der aus einem scheinbar festen Stück Gips hervorkommt.

Sieht man sich diese Sequenz genauer an, macht man gleich ein paar Entdeckungen.

Zum einen ist der Käfer, der aus dem Mund der Statue kriecht, nur der Mittelpunkt einer Sequenz, in der alle Geräusche – einschließlich eines hartnäckigen, stürmischen Vogelstimmenchores – abgeschnitten werden. Und in der Folge wird das Sonnenlicht regelrecht grell – die Gouvernante blinzelt und zwinkert. Wir sehen, wie ihr Blick von der Statue zu einem zinnenbewehrten Turm aufsteigt, wo die Figur eines Mannes verweilt, der mit seinen Händen langsam an den Steinen entlang streicht. Tauben stürzen von der Dachtraufe – in absoluter Stille und Zeitlupe – und erst wenn die Gouvernante ihre Schere in den Gartenteich fallen lässt, sind die Geräusche wieder da. Ein einziger Spritzer des Wassers holt sie aus ihrer Trance, und plötzlich verfällt sie in Hektik. Sie läuft so schnell sie es in ihrem Reifrock und Taft vermag, aus dem Gartentor hinaus bis zum Turm, ihre Rosen und die Gartenschere sind vergessen.

Eine plötzliche Erweiterung ihres eigenen Wahrnehmungsfeldes.

Die Zeit, die natürliche Welt, die Geräusche und das gewohnte Sehen sind alle für einen kurzen Moment ausgesetzt – lange genug aber, um eine Schwelle zu schaffen, durch die wir hindurchgehen, während uns die vertraute Welt in kleinen Schritten entschwindet.

Eigentlich sollte man es vermeiden, durch einen Film über das Schreiben zu sprechen – es ist eine völlig andere Sprache – aber die geschilderte Sequenz sagt etwas Entscheidendes darüber aus, wie wir mit Sprache arbeiten. Vorbereitend, zum Beispiel. Und ein erfrischtes Bewusstsein darüber, wie kleine, scheinbar gewöhnliche Dinge die Fremdheit, die sich um uns herum und in uns verbirgt, enthalten und entlarven können. Wie wichtig es ist, den Leser heimlich auf diesen ersten Moment der Veränderung vorzubereiten: Der Punkt, an dem die Gouvernante die Erscheinung auf dem Turm sieht, wie sie das Platschen ihrer Gartenschere im Vogelbad hört und von Hektik ergriffen wird.

Auf einer praktischeren Ebene könnte das Nachdenken über das Unheimliche, mit seinen seltsamen Gewohnheiten, das Verborgene aufzudecken und das Vertraute fremd zu machen, dem Schriftsteller helfen, neue Werke zu schaffen oder einen anderen Blickwinkel vorschlagen. Es könnte vertraute Denkweisen über dramatische Strukturen, Sichtweisen, Räume und den Umgang mit der Zeit verändern. Und das brauchen wir.

Einführung in das Werk Eric Bassos

Eric Basso (Jahrgang 1947) ist ein amerikanischer Dichter, Romancier, Dramatiker und Kritiker, geboren in Baltimore, Maryland. Sein Roman “The Beak Doctor”, 1977 veröffentlicht in der Chicago Review besitzt seit seinem Erscheinen Kultstatus unter den Avantgarde-Gothic-Autoren. Er hat viele Theaterstücke, Gedichtbände, Romane und Aufsätze veröffentlicht. In Teilen erscheint “The Beak Doctor” (Beak=Schnabel; auch “Plague Doctor” genannt, oder deutsch: Schnabeldoktor, Pestarzt; nach den Schnabelmasken, die zur Zeiten der Epidemie von den Ärzten getragen wurden) so, als hätte James Joyce Alfred Kubins “Die andere Seite” geschrieben, das gibt zumindest die Storyline her: eine namenlose Stadt wird von einer geheimnisvollen Schlafkrankheit heimgesucht.

Man braucht sich nicht einmal wundern, dass Basso in Deutschland völlig unbekannt geblieben ist, denn selbst in Amerika wurde er sträflich übersehen. Man könnte jetzt einwenden, dass es ein völlig sinnloses Unterfangen ist, jemanden vorzustellen, den man nicht kennen lernen kann, da nicht nur jegliche Übersetzung fehlt und – insofern ich es nicht eines Tages selbst übernehme – auf immer fehlen wird, sondern auch das Original schwer und teuer zu beschaffen ist. Eine Möglichkeit wäre, sich Jeff und Ann VanderMeers “The Weird” zu beschaffen, dort ist die Novelle enthalten, aber auch dieses Kompendium kostet ein paar Kröten.

Trotz des Mankos einer wahrscheinlich nie zu erhaltenden deutschen Übersetzung, ist das für das für mich kein Grund, dieses Genie zu ignorieren.

“Ich werde jetzt versuchen, wach zu bleiben. Der Nebel. Sie müssen noch vor dem Morgen gekommen sein, um mich zu holen. Leere Straßen. Gegenüber ein schwach beleuchteter Raum. Sie liegt im Schatten. Die Schritte. Einer nach dem anderen. Nicht, dass ich alt wäre. Es lag an der Maske. Putz, von der Wand geschlagen. Sie lag schlafend auf einer Couch. Ein Netzwerk aus Rissen und sich verzweigender Adern, wie die Oberfläche einer antiken Malerei. Chiaroscuro. Die Figuren unvollständig geformt. Und sie war nackt. Kleine Wasserflecke in der Farbe von Rost. Ein Geruch nach Desinfektionsmitteln strömte vom Treppengeländer herüber. Mottenkugeln. Das war der Geruch an meinen Händen, als ich dorthin zurück kam. Von unterhalb der wackligen Treppe konnte ich den fiebrigen Schein einer Glühbirne ausmachen, die in die entkernte Decke geschraubt worden war und über den Treppenabsatz leuchtete. Schatten verschwanden über die Spitzen meiner Schuhe, als ich mich dem oberen Ende näherte.”

Eric Bassos Roman “The Beak Doctor” von 1976 ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein Schriftsteller die Syntax dazu verwenden kann, um ein Gefühl der Auflösung, Entfremdung oder Verrücktheit zu erzeugen. Jeder Satz in dieser Eingangsszene trägt zu einem Gefühl des unheimlichen, dunklen, desolaten Zustands bei. Hinter dem Wunsch, nicht einzuschlafen, lauert etwas im Nebel, vage mit “sie” bezeichnet. “Sie” sind bereits da, als der Erzähler seine Erzählung beginnt. Dieses undeutliche Geheimnis wird erweitert durch eine “sie”, die auf einer Couch liegt und schläft – wie eine “unvollständig geformte Figur”. Es riecht nach muffigen Mottenkugeln. Das und das “fiebrige Licht” dienen der atmosphärischen Wirkung dieses Rätsels, dem der Erzähler ausgesetzt ist.

Erstaunlich ist, dass Basso in einem einzigen Absatz bereits das gesamte Setting vorführt und selbiges gleichzeitig auf eine Weise handhabt, dass sofort klar wird, wie sehr neben dem Protagonisten die Umgebung ein zentraler Teil des Romans ist.

Im Laufe der Geschichte wandert der Erzähler durch eine Stadt, die von einer seltsamen Schlafkrankheit befallen ist, er begegnet merkwürdigen Erscheinungen, wie zum Beispiel einem “[…] kopflosen Hemd ohne sichtbare Beine. Ein blanker Arm greift langsam nach einem Trinkglas. Plötzlich weicht die Hand zurück, als ob ein Funke aus der rauchigen Helix direkt in seine Fingerkuppen gefahren wäre.

Es gibt noch tieferliegende, merkwürdigere Geheimnisse, denen er auf seinen Spaziergang durch die Stadt begegnet.

“The Beak Doctor” ist ein frühes Beispiel dafür, wie Basso Geräusche, Gerüche und surreale Erscheinungen dazu verwendet, atemberaubende Prosa und Poesie zu erschaffen. Das ist eine Vorgehensweise, die in vielen seiner Schriften zu beobachten ist.

Seine Short Story “Gothick Eschatology” (Eschatologie=Lehre vom Weltende und den “letzten Dingen”) lebt von der aufgetürmten, schweren Atmosphäre, wenn zum Beispiel “das Geräusch eines keuchender Blasebalgs von den Kanten ihres Rückens abprallt: Luft pfeift durch einen Haarriß in der Glockenummantelung.”

Solche Details verstärken die qualvolle Sehnsucht und die schrecklichen Entdeckungen, die diese Schauergeschichte durchzieht. Sie sind bestens dazu geeignet, die dunklen, unbequemen Details der menschlichen Existenz zu erforschen, wie im folgenden Absatz angedeutet:

“Der Regen, zur Hälfte vom Getöse eines großen Ventilators übertönt, knallte in Sturzbächen auf das Wellblechdach herunter. Er wurde von einem großen Stapel verwitterter Taschenbücher durchsiebt. Nur eine kleine Lücke im Regal blieb unberührt. Für das Mädchen, ganz in Weiß gekleidet, das unter der sich biegenden Eiche vor den abkippenden, höhlenartigen Vorhallen der Villa im Mondlicht stand, und dann zurück in die Ferne wankte. Sein Gesicht, von unten von der verbitterten Flamme eines Feuerzeugs angeleuchtet. Ein erhöhter Raum. Geständnisse unter der Lampe des Zeichners. Unerklärliche Verluste. Kreuzworträtsel. Genug, um die Leere, zwischen dem Klang einer kiesbedeckten Morgenstimme gelegen, zu füllen.”

Es kommt nicht selten vor, dass Schriftsteller ihre Bestimmungswörter an der falschen Stelle setzen, oder sie befürchten, dass ihre Benutzung auf eine gestelzte Prosa hinausläuft und sie den Erzählfluss zerstören. Basso verwendet Bestimmungswörter in den meisten Fällen fachmännisch. Lesen Sie den oberen Absatz noch einmal – vielleicht bleiben Sie bei “verwitterter Taschenbücher” oder “höhlenartigen Vorhallen” ein wenig haften. Es ist sicher etwas Beunruhigendes an einer “verbitterten Flamme” in dieser verdrehten, aus dem Lot geratenen Darstellung dessen, was ansonsten einen ganz gewöhnlichen Platz beschreibt. Aber diese Schilderungen, aufgepeitscht wie sie sind, dienen der Vervollständigung eines großen inneren Kampfes, der da ausgefochten wird. “Geständnisse unter der Lampe des Zeichners” scheint auf etwas mit Auswirkungen auf eine menschliche Seele hinzudeuten; dies wird verstärkt durch “Genug, um die Leere, zwischen dem Klang einer kiesbedeckten Morgenstimme gelegen, zu füllen.”

Statt den Schwerpunkt auf Klänge, und wie sie zu menschlichen Beziehungen stehen, zu setzen, wählt Basso in diesem Fall (und auch öfter im gesamten Text) die Hervorhebung jeglichen Fehlens solcher gewöhnlichen Geräusche.

In den Passagen zwischen den beiden hier zitierten wird das Geheimnis der schlafenden Stadt langsam enthüllt. Die Leiber, die überall in der Stadt herumliegen, wurden von einer möglicherweise ruchlosen Entität wie Brotkrumen ausgelegt, um am anderen Ende der heimgesuchten Stadt gefunden zu werden. Je weiter der Erzähler durch diese Kulisse streift, die übersäht ist mit fehlfunktionierenden Maschinen und die unter einem dichten, bedrohlichen Nebel liegt, desto mehr entfernt sich die Erzählung selbst von ihm, als wäre sie dieses Ding, das dafür verantwortlich zeichnet. Alles scheint sich am Rande der Auflösung zu bewegen, wie in einer Passage des letzten Viertels beschrieben:

“Die Temperatur scheint eine entscheidende Rolle bei der Bestimmung des Grades der Entmaterialisierung jedes einzelnen Körperteils zu spielen. Diese Symptomatik ist elementar. Die Spitze der Nase, die Ohren, die Zehen, und oft das Gesäß, liegen um ungefähr zwei Grad niedriger als die normale Körpertemperatur, neigen dazu, ihre Dichte über einen längeren Zeitraum beizubehalten als jene Organe und Gewebe, die normalerweise von der epidermalen Schicht verborgen werden. Eine Möglichkeit, die Krankheit zu hemmen wäre, den Patienten kontinuierlich der Kälte auszusetzen, aber das führt fast immer zu einer Lungenentzündung oder zu anderen Komplikationen. Der Prozess der Entmaterialisierung ist dergestalt, dass, sobald die Hülle der Haut beeinträchtigt wird, die Drüsen, die Muskulatur, das Lymph- und Kreislaufsystem, die zwischen ein und vier Grad wärmer sind, nicht mehr mithalten können, während sich die Haut bereits zersetzt und so die Möglichkeit einer frühen Diagnose unmöglich macht. Die Inkubationszeit ist nicht bekannt. Man hat keine Gewissheit darüber, ob die Entmaterialisation in irgendeiner Weise mit dem endlosen Schlaf zusammenhängt.”

Basso wendet für die schreckliche Auflösung eines Körpers einen kalten, klinischen Ton an, der den Horror abstreift, so dass stattdessen eine freistehende Beschreibung übrig bleibt, die beunruhigt, weil sie gleichzeitig intim und distanziert ist (könnte uns/dem Erzähler das gleiche passieren?), als ob der Erzähler sich nicht nur von seinen Mitmenschen entfremdet hätte, sondern auch gegenüber dem Leben selbst.

Entfremdung ist sicherlich ein wesentlicher Bestandteil von Bassos Arbeit, ob er nun Prosa, Gedichte oder Theaterstücke schreibt. Sie spielt eine wichtige Rolle im Ausgang von “The Beak Doctor” und in einigen seiner Kurzgeschichten (die daramatische Schlußszene in “The Beak Doctor” ähnelt dem Schluss von “Gothick Eschatology”, in dem der Protagonist darum kämpft, den Schleier, der auf dem Gesicht einer geliebten Person liegt, zu entfernen). Alles in allem beinhaltet “The Beak Doctor” und die anderen Erzählungen der gleichnamigen Sammlung eine Vielzahl von Elementen, die stets wiederkehren. “Equestrian Scenes”(etwa: Reitszenen) und “Equus Caballus” (“Hauspferd”) beinhalten eine Intensität der Sprache und Metaphern, die als ein Sinnbild für alle Geschichten, die in der Sammlung enthalten sind, stehen. Diese Qualität findet sich auch in der kürzeren Prosa, die mit kurzen, scharfen Stakkatos aufwarten.

Das Unheimliche in “The Beak Doctor” und in mehreren seiner anderen Werke symbolisiert unseren eigenen sinnlosen Kampf, die elementaren Kräfte, die unser tägliches Leben prägen beschränken, kontrollieren oder begreifen zu wollen.

Bassos Dichtung verunsichert uns, weil uns seine Erzählungen sehr schnell durchbohren, uns zum Betrachten jener Dinge zwingen, die wir ansonsten nicht zu öffnen wagen würden, weil wir ansonsten unsere geistige Gesundheit riskieren könnten. Nur sehr wenige Schriftsteller besitzen diese Fähigkeit, und in “The Beak Doctor” lotet Basso die Tiefen der menschlichen Abneigung und Faszination auf eine gewissenlose, denkwürdige und beunruhigende Weise aus.

Aber wie gesagt, muss sich das deutschsprachige Publikum um diese Dinge keine Sorgen machen. Sollte ich es nicht eines Tages angehen, wird es eine Übersetzung nicht geben.

Übersetzung der Passagen aus dem Roman “The Beak Doctor” von Michael Perkampus

Wir kommen nicht vom Dasein weg

Statt ein vollständiges Buch zu schreiben, von jenem vollkommenen Buch zu träumen, das bisher nur Schlegel und Mallarmé mißlang, und jedes Wort in seiner Verbindung zum nächsten als das anzuerkennen, was es folglich nur sein kann: Etappe, Fragment. Das geträumte Buch ist das vollkommene Buch und es ist ein Buch, in dem alles wandelbar bleibt, ein ewiger Strom gesagter und nichtgesagter Dinge. Alle Gegensätze heben sich folglich darin auf und trennen sich darum um so schärfer und klarer, zeichnen sich kristallklar ab für einen verschwindend kleinen Moment, der nicht zu messen ist.

Nein, wenn wir Bücher schreiben, schreiben wir keine vollständigen Bücher, wir reißen nur ein Stück aus der Ewigkeit heraus. Wir haben bereits erlebt, daß die Avantgarde in Form kleinerer und größerer Feuer die Ordnungshüter und Traditionalisten in helle Aufregung versetzte. Die Feuer verzehrten sich selbst oder wurden von den aufgeschreckten Bürgern erstickt. Vorher hatten sich jedoch manche an diesen Feuern gewärmt und am Spiel der Flammen erfreut, hatten miterlebt, daß verfestigte Strukturen aufgebrochen werden können, und hatten die zurückgebliebene Asche als Nährboden für Schreibweisen entdeckt, die sich immer weniger an literarische Traditionen gebunden fühlten. Künstler sein, das heißt ja nicht erst seit kurzem gegen jede Art von traditioneller Kunst zu Felde zu ziehen, weil es in der Welt, so wie sie ist, nichts Nachahmenswertes gibt.

Die Allmacht des Bewußtseins wird durch die Aufwertung des Traums und des Unbewußten in Frage gestellt, die religiösen, sozialen und sexuellen Tabus werden durch ein von den Instinkten gelenktes spontanes Handeln durchbrochen. Folgt der Schriftsteller dem magischen Diktat des Unterbewußten, so besteht Aussicht, den poetischen Urzustand des Menschen wiederzugewinnen. Der avantgardistische Dichter wird so zum Demiurgen, der aus dem Unbewußten neue Welten schafft. Es geht also weniger um die Übernahme bestimmter Inhalte und Ausdrucksformen als darum, daß der Drang nach völliger Erneuerung ansteckend wird in einer radikalen Abkehr von allem Überkommenen und dem bedingungslosen Einsatz für eine völlig neue Welt, einen völlig neuen Menschen und folglich eine völlig neue Kunst. Autoren und Leser sollen aus Worten neue Welten schaffen, und wer Welten schafft, nimmt dadurch göttliche Züge an. Von Huidobro stammt der Satz: Der Dichter ist ein kleiner Gott.

An die Stelle einer logischen tritt eine magisch-assoziative Verknüpfung, die das Gesetz des Widerspruchs ebenso außer Kraft setzt wie das von Ursache und Wirkung, eine Verknüpfung, die räumlich und zeitlich Getrenntes, Elemente des Mikro- und Makrokosmos, Konkretes und Abstraktes, Natur und Technik in eins setzt. Wenn wir das tun, haben wir in der Vorstellung eines Vogels mit ausgebreiteten Schwingen gleichzeitig ein Flugzeugs und ein Kreuz. Wir können von dem Tier als biologisches Attribut, als Symbol (Amsel, Rabe, Nachtigall) oder als Nachfahre der Flugechsen sprechen, vom Flugzeug als Transportmittel, dem Traum des Menschen, fliegen zu können, vom Kreuz als religiöses Zeichen, als geometrische Figur, und schließlich wieder als Vogelscheuche.

Wenden wir uns vom abstrakten Vogel des Beispiels zum konkreten Raben, können wir gar eine Sprache schaffen, in der die Wörter ihren Status als arbiträre Zeichen zugunsten einer engeren Verbindung zwischen „Bezeichnendem“ und „Bezeichnetem“ aufgeben. Das funktioniert folgendermaßen: Für Morpheme gilt die Semantik der Arbitrarität, der zufälligen, aber konventionalisierten Verbindung von Lautvorstellung und Objektvorstellung. Daß man Hunde Hunde nennt und nicht etwa Globen oder Teppiche, hat keinen anderen Grund als den, daß sich Hund durchgesetzt hat. Das Wort Hund hat nichts Hundiges an sich. Daß man Jagdhunde Jagdhunde nennt, hat dagegen System: Das Wort erweitert die Bedeutung von Hund um die Bedeutung von Jagd. Hier greift das Prinzip der Kompositionalität.

Nehmen wir uns jetzt einmal den Raben vor. Jeder weiß, was ein Rabe ist, zumindest weiß jeder, daß dies irgendein Vogel ist. Wir können nun die jeweils bekannten Schöpfungen nehmen: Rabenschwarz, Rabennacht, Rabenmutter, und gehen über in die Kühnheiten: Rabhalla, Rabhaarig, Rabmystisch; warum nicht sogar Rabelais? Moderne Poesie hat mit dem Irrealen und der Magie in Verbindung zu stehen, mit Reinheit, Lust, Gewalt, Freiheit, Leben und Tod. Die eigentliche Bestimmung des Menschen ist das Unterbewußte, wo die Dichtung die Verbindung zwischen dem Leben und Phänomenen wie Traum, Hellsehen und Wahnsinn aufzeigen soll. Es ist nicht neu, daß sich manche avantgardistische Bewegungen hierzu bestimmter poetischer Mittel, wie des Delirium, des unkontrollierten Sprechens, der Liebe, des Zufalls oder des Verbrechens bedienten – also all dessen, woran juristische, medizinische oder religiöse Normen den Menschen zu hindern suchen. Wir dürfen niemals vergessen: Die Dichtung ist der höchste Ausdruck der Freiheit, da sie allein in der Lage ist, alle sozialen, moralischen und mentalen Fesseln zu sprengen.

Der Dichter kann sich seiner Überlegenheit gegenüber Politik, Philosophie und Geschichte gewiß sein, er repräsentiert die Menschheit, keine anderer ist Mensch wie er. Das Poetische gründet sich auf ein Spannungsgefüge aus Rhythmus, Bild und Analogie, das, im Gegensatz zum segmentierenden, rationalistischen Denken und der teleologischen Auffassung von Geschichte, prinzipiell subversiv ist. In der poetischen Inspiration manifestiert sich die Ontologie der Andersheit. Das erotische Begehren und die Grenzerfahrung werden mit dem Hier und Jetzt der körperlichen Erfahrung verbunden, wodurch sich die Selbstbehauptung des Poetischen gegen die Diskurse der Gesellschaft und der Politik artikulieren soll.

Sprach-Dichtung

denn die Poetik der Sprache, eine Poetik der Sprache, eine Dichtung der Sprache bricht mit den Annahmen der Mainstream-Dichtung. Statt die Poesie als Bühne für Schöpfung und den Ausdruck einer authentischen Stimme und Persönlichkeit zu betrachten, entsteht die Sprach-Dichtung aus einem explodierenden Selbst, verändert und verschiebt Genregrenzen und sucht kollaborative Beziehungen zwischen Leser und Dichter. Kein Obersatz, kein Untersatz darf in erster Linie zu einer Konklusion führen. Wiederholung von Symbolen und Parallelstrukturen, vielfältige Zeitformen (Zeit ist ein Spielplatz), die Kapazität von Leerzeichen sind zu erforschen. Kammern allesamt, umschwebt von Brüchen des Bildmaterials. Das Ich ist eine Konstruktion, Kulturen sind eine Konstruktion, eine Trennung von Subjekt und Objekt ist nicht haltbar, es gibt keine natürliche, sondern ausschließlich eine artifizielle Sprechweise, es gibt

John Ashbery

Zum Tod von John Ashbery

Der Dichter hat seine Pflicht zu tun, mehr noch als jeder andere Künstler repräsentiert er die Menschheit. John Ashbery hat diese Pflicht erfüllt. Er starb im Alter von 90 Jahren und kann in seinem Einfluß nicht überschätzt werden. Seine Sprache ist Mammutgestein, seine Hinterlassenschaft ein immenser Markstein, an dem sich künftige Generationen abarbeiten werden.

Ashbery stand eben nicht tief beeindruckt und als Dichter machtlos vor der Wand des radikalen Expressionismus, sondern nahm die Herausforderung an, die aus dem unaufhaltsamen Fortschritt der Kunst gegenüber der Literatur resultiert. Seine Dichtung hat alle Dichtung befreit.

Nymphentag 31

Und heute habe ich die Coverentwürfe von Michael Liberatore für die Miskatonic Avenue in voller Farbpracht gesehen. Sie sind – wie nicht anders zu erwarten  – grandios. Und natürlich kommen mir Szenen, die sich in seinem Stil bewegen, für die “Sandsteinburg” in den Sinn, leider eine Unmöglichkeit in seinen Auswüchsen, aber in Gedanken redlich.

Lange war Ruhe eingekehrt, aber jetzt habe ich wieder einen Stalker, wenn auch nur per Mail, einer, der der Sprache nicht mächtig ist und sich “Ulrich Weissbach” nennt, ein Allerweltsname. Achten Sie bitte auf die kongeniale Komposition:

Na du kleine……. Dieb wen hast denn jetzt wieder versucht zu betrügen??? Wir beobachten dich…. Denke daran. Wir wissen sogar wenn du wich….. Du kommst nie drauf weil du denkst wir oder ich bin dein Freund. I h bin aufgeklärt über dich. Jetzt geht es anders ruuuuuuu……

Wir kennen keine Zeit und keine Epochen, dem Linearen trauen wir kein Erfassen zu. Und vielleicht applaudieren wir dem zunehmenden Zerfall, der uns im Zeitalter der Analphabeten zeigt, das nie etwas gewonnen, aber auch nie etwas verloren wurde. Was Dichtung ist, das wissen nur jene, die sich ihr verschreiben, und wir tafeln Stund’ um Stund’ mit den toten Ahnen und beleben und neubeleben ihre Wahrnehmungen, weil es in dieser unendlichen Bibliothek kein Altmodisches, kein Modernes gibt, sondern nur das Kriterium des Ästhetischen. Damit sage ich schon recht, dass engagierte Literatur keinen eigentlichen Wert besitzt, dass aber das, was zu einem Engagement vielleicht verleitet, ein Poetikum enthält, das aber versäumt wurde und wird, zu gestalten. Der politische Mensch ist das Gegenteil des ästhetischen. Das Entscheidende aber ist die Wahrnehmung, denn Sprache ist ein Instrument der Wahrnehmung.  Nichts hätte ich dagegen, wenn sich die Massen durch Grunz-, Klick- und Zischlaute verständigen würden – sie sind auf dem Weg dorthin – und wir Dichter verstehen diese armen Teufel : sie sind auf der Suche – nicht nach Nahrung – sondern nach dem geistigen Bankrott, sie sehnen sich nach Körperlosigkeit, ein reines Signal zu sein, abgesondert und geborgen von einer universellen Maschine. Das sind die Stände, die uns die Milch ausschwitzen und klickend ihr Geschäft verrichten.