Der Geburtstag der Friederike 1

Elisabeth Friederike Sophie von Brandenburg-Bayreuth geistert in den frühen Morgenstunden ihres 25. Geburtstages in der Waldmulde an den Ufern der Eger herum wie ein Firmamentgespenst auf Erden, tastet verschlafen den noch gar nicht fertigen, kühlen Triumphbogen, den man ihr zu Ehren hastig vor das Schloss gezimmert hat. Ein finsterer Schatten flaniert über die Weiden, hat sich in den zahlreichen Zimmern verschanzt und kriecht über die Uferwände des Flusses. Immer wieder schallte ein körperloses Rufen aus den offenstehenden Türen, versteckte sich unter Flechtenmänteln.

Sie befindet sich nun seit einem Jahr im Walditalien des Bayreuther Kreises. Vergessen ist, dass sie je nach Wirtenberg zurückkehren soll, wo sie ihr einziges Kind verloren, ein Totenhemdchen nach dem anderen genäht, die Segel in den Tod gestellt hat, den schwarzen, heimlichen Wind.

Der Stuck, der kühl unter ihrer Berührung keine Anstalten macht, ihr Trost zu spenden, ihre entweichende Klarheit aufzuhalten, verlottert bereits unter ihren Augen. Stummer Zeuge Mörtelkranz. Nur ein temporäres Sandsteinhäufchen, in Model gebracht.

Dass sie bereits so früh in der stillen Kühle, dem Niemandsland des Tages, herumstromerte, hatte mit den rappelnden Geräuschen in den Wänden ihrer Kobe zu tun. Schlaflosigkeit verstärkt, wie ein Brennglas jeden Luftzug, der ohne eine Öffnung keine Stimme hätte. Vom Schlüsselloch kommen kaum Weisheiten gesagt, wie denn in einen seligen Schlaf zu finden ist, also vermischen sich die Gedanken mit dem unheimlichen Klang und vergrotten. Vielleicht ist es schon der letzte Atemzug der ›Pirkerin‹, die in Hohenasperg ihre Kerkerrunde dreht, begleitet von den Ratten und ihrem Gesang, der sich den Lüften offenbart und von ihnen davongetragen wird, einst lieblich, jetzt schmerzvoll und ohne Takt, sinnlos; wie im Hildebrandslied: ›sunufatarungo!‹ Wie wohl hätte sie sich jetzt hier umgesehen, die Gedanken geschnürter Wind, der in ihrer Kehle Klänge schuf? Vor allem hätte ihr die mütterliche Freundin wohl angeraten, nicht so unbekleidet vor den Zinnen herumzugeistern.

Fünfundzwanzig Sommer mischten ihren Teint (ihr Gesicht war um diese Zeit noch gar nicht aufgetragen!); kein Satz wie dieser : »Ach Keuschelchen! Jetzt sei doch wieder schnuck!«

Ihr Vater nannte das hier die Wildkammer seines Landes – und vornehmlich waren das der Selber Forst, das Egertal mitsamt der Zuflüsse, die Moorgebiete der Häuseloher Verebnung, die Weiherketten am nördlichen und südlichen Rand des Wellertales, das Hengstberggebiet und die Schneeheide-Kiefernwälder; während ihre Mutter ständig unzufrieden über den popeligen, primitiven Landadel schnaubte, der sich hier fand.

Hier waren sie nicht nach der französischen Mode gekleidet, sprachen kein Französisch, und die Läuse in den Perücken dieser Leute hatten wohl einen älteren Stammbaum als die Adeligen selbst. Außerdem lebten sie wie die Phäaken.

Seit einem Jahr stand dieses neue Jagdschloss nun im lernäischen Gebiet des großen Hercynischen Waldes. Der Geruch orgiastischer Riten hing über dem Ort. Selbst die Mägde torkelten trunken-zerrauft einher. Casanova, der Sophie ›das bezauberndste und hübscheste Mädchen der deutschen Lande‹ genannt hatte, als sie noch ein Mädchen war, hätte dies hier nicht besser ersinnen können für seine Liebesmahlzeiten mit Grog und freiem Unterkörper, Schwert und Gewürzwein. Freilich war er nur ein Claquer, wenn auch ein Galan, der dem Hühnerstall nie entwachsen konnte, dem das Leben ein Abenteuer mit höchstem Einsatz blieb.

Doch was geschah mit dem bei der Jagd erlegten Wildbret? Nur ein geringer Teil davon wanderte in die Kaiserhammerer Schloßküche. Bei einem Aufenthalt Markgraf Friedrichs mit seinem Hofstatt vom 19. – 25. Oktober 1760 waren es gerade einmal 159 Pfund Hirsch und 22 Pfund Reh und 13 Hasen gewesen, während in derselben Zeit 1118 Pfund Hammel- und Lammfleisch, 657 ½ Rindfleisch, 426 ½ Kalbfleisch und 18 Pfund Forellen verzehrt wurden. Serviert wurde damals an 11 Tafeln. Das meiste Wildbret wurde an die Untertanen verkauft.

Die Mondmacher

Da war diese Erscheinungen im Wald. Das konnte man vielleicht abtun. Man mußte nicht alles glauben, solange man nicht selbst davon betroffen war. Aber es sprach sich herum. Ein Jux, sagte man, ein geschmackloser obendrein, aber nicht gar so geschmacklos, wie uns verkaufen zu wollen, daß da jemand auf dem Mond gelandet wäre, sagte man. Da kann man gar nicht hin, das kann man technisch gar nicht bewältigen, sagte man. Wo doch gar nicht einmal feststeht, ob es den Mond überhaupt gibt. Natürlich gibt es den Mond, was ist denn in dich gefahren? Man sieht ihn doch da oben! Ja, aber vielleicht ist das nur eine Täuschung, eine Luftspiegelung. Wie in einem Kabinett auf dem Wiesenfest; du denkst, du weißt, woʼs langgeht, du hast doch Augen im Kopf, und dann knallst du gegen die Scheibe! Du hast recht, ich knalle auch immer gegen die Scheibe, aber die Russen waren doch auch schon oben! Also, ich glaube an die Russen. Ach ja? Du kannst ja mal rüber gehen, wirst schon sehen, wie sie dich empfangen! Und der Mond ist mal groß, mal klein, ist euch das noch nicht aufgefallen? Groß und dann wieder klein. Man hat doch, ich schwörʼs, diese runden Türme entdeckt, in welchen der Vollmond jeden Monat gegossen wird, um dann mit einem großen Katapult in den Himmel geworfen zu werden. Der Mond erkaltet unter der Erde, wird fest in den Tiefen, wird zu Basalt und Eisen.

»Ihr mit euren blödsinnigen Geschichten«, sagt Konrad, an dessen Oberlippe stets ein Tropfen darauf wartet, im Gewirr seines Schnurrbarts unterzutauchen. »Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, es liegt am Bier, vielleicht war im Felsenkeller der Scherdels was nicht in Ordnung.«

»Es liegt höchstens an zu wenig davon!« Trinklein hantiert mit der Fliegenklatsche, obwohl es gar keine Fliegen gibt, um damit anzudeuten, er benötigt mehr von diesem goldenen Saft, oder die Langeweile wird ihn augenblicklich auffressen.

»Was! Hat der schon wieder zehn! Joe, du bist ein Loch!«, sagt Ludwig und mischt das Kartenspiel neu. Das letzte Spiel hatte er mit Schneider gewonnen.

»Ich bin also ein Loch, ja? Und was ist mit Carlos?«

»Carlos ist der Weißenstädter See!«, sagt der Postler, den alle nur unter diesem Namen kennen, weil er nach dem Krieg die erste Poststelle in Schwarzenhammer betrieben hatte. Sein Bauch, der aussieht wie ein Medizinball im Pullunder, wippt bei jedem Wort auf und nieder. Was sieht er, der Mond? Den alten und vor allem runden Postler, der nachts, wenn er sich alleine wähnt, mit seiner Kirschtorte spricht, die er sich wie ein Haustier hält, das er mit Sahne, so denkt er, mästet, und dabei einen unförmigen Batzen Schmand hinterläßt, unter dem die Kuvertüre ihre makellose Oberfläche einbüßt, abstrus, abstrus, aber deshalb nicht weniger wahr. Seine Tochter kommt ihn jeden Tag pflegen, die Wäsche waschen, das Essen kochen, das Schnäuzchen abwischen … aber nachts – da hält er Zwiegespräch mit Tortenguß und Sahnesteif.

Ludwig eröffnet das Spiel : Grün. Zehn tiefgrüne Blätter ranken sich aus einem rotweißgelben Mittelstrunk. Fünflinks. Fünfrechts. Oh ja, Carlos hält im Gasthof zum Egertal den Rekord über 30 Seidel Bier. Der Rekord reicht in die Zeit zurück, als nichts als Flüssigkeit in der Luft lag, allen Willen durchweichte, und doch das ganze Goldblut der Welt war.

Carlos kam gerade von einer seiner sehr langen Wanderungen, bei denen er Vogelgesänge studierte (wenn auf der Waldblöße die Heidelerche wonniglichsüß lülüdüdüte, verwandelte er sich fast selbst in einen Turmfalken, der das Land überspechtete) und ansonsten ordentlich Strecke machte, von Zuhause abgeholt. Diese Wanderung hatte ihn wie folgt des Weges geführt : Vom Bahnhof Schwarzenhammer aus begleitete er die Straße nach Selb, bog dann nach einem halben Kilometer links ein und ging den Weg nach Heidelheim, um dann nach rechts zur Steinselb, die am Großen Kornberg der Tiefe entsprang, das Steinbächlein, Hirtenbächlein und Gemeindebächlein aufnahm, abzuzweigen. Am ›Ewigen Rauschen‹ kam er vorbei, am Hohenstein und den dortigen Dachshöhlen, an der Ruine ›Schlößlein‹ auf dem Tannenberg. Er schritt durch Hochwald nach Norden aus, folgte der Steinselb aufwärts und gelangte über den Breiten Berg nach Oberweißenbach, ging zum Basaltkegel Weißenhöhe und betrachtete lange von dort aus den Kornberg, bevor er wieder zurücklief, durstig, lechzend, ahnungslos, und zu einem legendären Gelage ansetze. Fünfzehn Liter sind eine Menge, die einem Pferd zur Ehre gereicht hätte. Aber Carlos hatte das Glück oder das Fatum, auf einem Platz zu sitzen, der an Außergewöhnlichkeit keine Wünsche offen ließ, zumindest was die geomantischen Daten betraf. Der Stuhl, auf dem er saß, stand exakt auf dem Omphalos, dem Mittelpunkt der Welt. Betrachtet man den Kiesgarten, in dem vereinzelt Löwenzahngewächse und Disteln sprießen, den Bretterschupfen am anderen Ende der zwergenhaft niedrigen Eingangstür der Gaststätte, kann man verstehen, warum nie jemand auf den Gedanken kam, das Weltzentrum genau hier zu vermuten. Weder Carlos, wenn er es noch einmal wissen wollte, noch ein anderer Zecher, fanden sich je in der Lage, sich auch nur in die Nähe dieser Masse zu süffeln, was daran lag, daß der unscheinbare, ächzende Gartenstuhl mit seiner abgeplautzten Farbe nie wieder an genau dieser Stelle stand, oder, wenn doch, der darauf sitzende Gast gar nicht auf die Idee kam, sich mit einem Scherdel-Faß zu messen.

»Warum nimmt eigentlich niemand die Wäsche von diesem Strauch da oben fort?« Joe Trinklein ist ein aufmerksamer Bewunderer dieser Installation, die direkt neben einem Waldweg, der hoch zum Rondell führt, bestaunt werden kann.

»Warum tust du es nicht?« Der Postler spielt Eichel und sticht seine Mitspieler damit aus.

»Wer immer auch die Wäsche abnimmt, könnte Gefahr laufen, für den Täter gehalten zu werden, das ist doch klar«, sagt Ludwig.

»Für welchen Täter denn? Es ist nicht verboten, Damenwäsche an einen Vogelbeerstrauch zu hängen, vorausgesetzt natürlich, die Wäsche hat nichts dagegen.«

»Meine Güte, Joe«, sagt Konrad, »der Wäsche ist das völlig wurscht, aber dem Mädel vielleicht nicht, dem die Garderobe gehört.«

»Oder dem Scherzbold«, sagt Ludwig.

Die Tischrunde sieht ihn fragend an.

»Na, irgendwer hat die Wäsche dort zum Spaß hingehängt, damit Kerle, wie Joe einer ist, sich den Kopf darüber zerbrechen«, erläutert er, schon ganz glasig von der schlechten Luft im Schankraum. »Mach doch mal ein Fenster auf, Konny!«

»Ich weiß nicht«, sagt Joe in Richtung seines Bierglases, »die hängt jetzt schon sehr lange da. Jeder weiß davon.«

»Und? Hast du sie dir schon genauer angeschaut?« Der Postler spielt die Schellen-Sau, wirft dabei sein Glas um, alles über die Karten, in den Aschenbecher hinein. Das Gespräch wendet sich wieder dem Mond zu, aber Joe – Joe nimmt sich in diesem Augenblick vor, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zum Wäschebusch zu gehen, nimmt sich vor, zu tun, was er bisher nie getan hatte : nach Spuren zu fahnden. Der Mond ist ihm völlig egal.

Aus den Moosen dringen Rufe

Die Art, wie ein Haus sich den Raum nimmt, durch seine Architektur die Witterung einlädt oder ablehnt, ist eines der großen Wunder der Gestaltung. Die Eger drang hinauf bis in die Wände und lieferte sich dort eine Schlacht mit den wenigen Sonnenstrahlen. Die andere Seite lag im Dunkeln gegen den abgetragenen Hang gelümmelt (oder ließ lehnen, was sich gegenüber des Egertales empörte und bis zum Hubertushause zog), von Stufen unterbrochen, schwarzweiß, ein Schacht, durch den man durch ein Fenster unter die Röcke anbrandender Mägde sehen konnte. Viele Unterleiber standen dort auf einem Gitter vor der Tür und betätigten das Glockenspiel, dessen Ton durch die Katakomben schellte, schallte und loff, während Adam unter ihnen einem Maulwurf ähnelte, der seine Blindheit eingebüßt hatte. Erst dann, wenn ihm die Farbe gefiel, sprang er davon, um beim nächsten Mal in einem Warenhaus nach eben jenen Buxen Ausschau zu halten. So war all das ein Spiel der Wahrnehmung, so schärfte er sich, um dem Riss in der Zeit zu begegnen, der genau im gegenüberliegenden Bereich des Hufeisens aufzuspüren sein musste, wo sich der Kohlwald buckelt, und der nur deshalb lange nicht untersucht werden konnte, weil er erstens nur angenommen war, und zweitens hinter der böhmischen Grenze in der Karlsbader Region lag. Aus den Moosen drangen Rufe. Das Land gehorcht dem Stein. Der Riss aber entstand durch die Umgestaltung mancher Häuser, die doch besser sie selbst geblieben wären.