Baumdaimon

Im Traum sah er alle toten Menschen aufgestapelt über den Horizont der Erdscheibe schwappen und wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssalen Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zerfiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tänzer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dürrer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete (Richard) die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. Sofort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.
»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermessliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worin die Pupillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.
Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weiblicher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedanken!«
Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abgehackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Rachen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geisterstunde war vorbei.
»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte (Richard) und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

(Dieses Fragment  befand sich im Original in “Seelen am Ufer des Acheron”, wurde dann für die Sandsteinburg umgeschrieben und jetzt wieder herausgenommen. Das liegt hauptsächlich daran, dass trotz Umgestaltung immer merklich blieb, dass hier eine andere Zutat Gültigkeit hatte, die sich nicht einfügen wollte. Zudem glaube ich, dass es mir möglich ist, den “Acheron” eines Tages selbst in ein – für mich – ordentliches Maß zu bringen, was für ein Werk, das ich im Kindesalter schrieb, eine gehörige Willenskraft bedeutet.)

Gelächter hinter den Schächten

Dort flattern Engel aufgeregt ums Licht, stürzen mit versengten Flügeln in den Urgrund (Bäche Flüsse), bleiben zuckend liegen, schreien den Menschen um Hilfe an.
Wir sind von der Schlange unterbrochen worden; weißt du es noch, mein Ebenstern, mein simmerndes, einsames Lied, das ich dir von den Lippen stahl? Flogen oft hinunter zum Urgrund, der ätherischen Kraft entlang, Kundalini-Schübe zitterten mit uns, für andere war es nur ein Tanz. Wir kannten kein Ich, all unsere Instinkte markierten den Weg zur ungelenkten, chaotischen Kraft, getrennt durch flächige Membrane, silberschön. So atmeten wir die letzten Tabus, kannten kein Wesen, das uns an Kraft überlegen gewesen wäre, doch erobern wollten wir nur die Entdeckungen in uns, fanden wir dort doch die Welt in ihrem Keim, feindispers in einer fluiden Phase. In der Morgendämmerung des menschlichen Weltgefühls driftet, von Goldschatten eingekreist, der Drachenwurm in seiner perfekten Kreisform durch Himmel und Erde vor ihrer Trennung, ‘flos sapientum’ auf dem unendlich ausgebreiteten Rücken, schön wie ein Diamant, der in seine Einzelteile zerfällt, Geburts- und Zeugungsakt in einem. Wir, der wir der große Er/Sie sind, vereinigen uns mit unserem eigenen Schatten, kriechen aus unseren eigenen Höhlen und brüten aus Götter.
Schatten warfen sich neben sie, Kleinvieh flüchtete, den Berg, der zum Propheten kommt, ignorant auf sie herab scheinen sehend. Hand an Hand klebend warfen sie einen Blick nach oben zur Fassade, die sehr schön war, beinahe so schön wie ihre ineinander verschränkten Hände.
Die Stadt blinkt, Spielhölle, die sie ist; der menschgeschaffene Urwald blökt seine künstlichen Töne, Paarungsrufe oder Warnungen, unter das Dach der Smokglocke. Der Wind täuscht, es ist nicht frisch – bringt Erzählungen, die auf der Brise reiten, von Geschehnissen, diesem flüchtigen Gas. Von Lebensfetzen angestoßen wird er sich in einen Orkan verwandeln, der die Zwillingserde erreicht. Morgen vielleicht.
Ach, wenn ich Tal wäre, auch mal Berg (und Sonnenschein), eine Lache Regenfläche, Pferdehälfte (gut abgehangen)! So ein Wunsch nach Ornamenten, kyrillischer Weberei; an den Borden entlang holpern, ganz der Teppich, der sich unter Sohlen schmiegt (die auch auf glühenden Kohlen gehen könnten).

Im Mundrot der morgendlichen Brise

Auf dem aus der Wand gewölbten Spiegel stand die Rechtfertigung gegenüber meines Verdachts, den ich vielleicht erst etwas später hätte äußern sollen.

»Ich habe nie …« Dabei war dieser Gedanke nie ausgesprochen worden, meine hängende Mundpartie hätte sich gar nicht um die vorgesehenen Worte wölben können. Also schwieg ich.

Ich hatte sie im Raubvogelgehege stehen lassen, konnte mich nicht dazu entschließen, auf sie zuzugehen, beobachtete sie dabei, wie sie einen verbrannten Engel küsste. Aber das war es nicht, was mich veranlasste, ihr zuzusehen und mich dabei hinter einem gefiederten Baum zu verstecken. Meine Augen wären ihr dabei vielleicht nicht willkommen, und wenn nicht meine Augen, dann vielleicht ihr Blick.

Es waren ihre bandagierten Arme, die mich neugierig machten (den Engel erkannte ich, um die Wahrheit zu sagen, auch erst viel später), und nicht zuletzt ihr Atemgerät, das ihr aus dem Gesicht ragte wie eine Radarfalle. Da kannte ich sie noch nicht.

Später traf ich sie noch einmal, sie fiel mir durch ihr verräterisches Kleid auf. Ihre Maske hatte sie nicht mehr bei sich und auch ihre Arme waren ohne Wunden, die eine Verhüllung erforderlich gemacht hätten. Nur ihr Kleid und die Brandflecken darauf. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Teller mit in Öl zerlassenen, kleinen Fischen – Sprotten, um es genau zu sagen. Der Ausgang war nicht weit entfernt, aber man wurde stets durch ein Schnellrestaurant geschleust, bevor man nach draußen kam. Die Tür öffnete sich erst, wenn man etwas verzehrt hatte (oder wenn man etwas zu Verzehrendes gekauft hatte; ob man es dann liegen ließ oder in den Papierkorb warf – es war pures Kalkül, dass es nur einen Papierkorb gab, so wurde an das moralische Empfinden appelliert – blieb der eigenen Strategie überlassen).

Ich sprach sie natürlich nicht an, aber ich schlenderte hinüber zu ihrem Tisch und grapschte nach jener Brust, die auf meiner Seite lag. Hätte sie die Maske noch getragen, hätte ich es nicht gewagt.

Ihr Teller zerbarst auf dem kargen Boden und die Fische schlitterten über die Fließen, als hätten sie es eilig, wieder zurück ins Meer zu finden. Aber sie fanden nicht, verteilten nur das Öl und blieben liegen, wo sie waren.

Ich kann nicht genau sagen, was dann geschah. Erst jetzt erinnere ich mich an die krümeligen Reste ihrer Wimpern, die sie im Waschbecken hinterließ, an eine gesalzene Seezunge im Kühlschrank. Ich schaue mir ihre Handschrift auf dem Spiegel noch einmal an: »Ich habe nie …»

Was wollte ich sie fragen?

Die Entase der Engel

Im Traum sah Sebastian alle toten Menschen, aufgestapelt, über den Horizont der Erdscheibe schwappend wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssalen Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zerfiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tänzer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dürrer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete Sebastian die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. Sofort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.

»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermeßliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worinnen die Pupillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.

Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weiblicher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedanken!« Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abgehackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Rachen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geisterstunde war vorbei.

»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte Sebastian und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

Der große Gott Pan

Arthur Machen veröffentlichte eine erste Version von Der große Gott Pan im Jahre 1890 im Magazin The Whirlwind; später schrieb er die Geschichte um und erweiterte sie, bis sie 1894 dann, zusammen mit der thematisch sehr ähnlich gelagerten Geschichte, Das innerste Licht,  als Buch erschien. Es ist eine faszinierende Arbeit, die ihre beängstigende Stimmung hauptsächlich durch indirekte Hinweise speist. Von heute aus gesehen, entdeckt man eine sehr “viktorianische” Einstellung gegenüber Frauen. Zur Zeit ihres Erscheinens löste die Geschichte durch die angedeutete Sexualität einen regelrechten Skandal aus.

Machen wurde 1863 in Wales als Arthur Llwellyn Jones-Machen geboren; ‘Machen’ war der Mädchenname seiner Mutter, den er später zu seinem Künstlernamen machte. Weil die Familie zu arm war, um Machen auf eine Universität zu schicken, entzündete sich sein Interesse für das Verborgene und Unheimliche, das ein Leben lang anhalten sollte, durch seinen schon früh vorhandenen Lesehunger, den er in der Bibliothek seines Vaters, der ein Geistlicher war, befriedigte. Später lebte Machen dann in London als Übersetzer und Journalist. Er heiratete 1887 und lernte durch seine Frau den Okkultisten A.E. Waite kennen (den Urheber eines der berühmtesten Tarotdecks). Seine Frau starb 1897; im Jahre 1900 trat Machen Waites Order of the Golden Dawn bei. 1901 wurde er Schauspieler und heiratete 1903 noch einmal. Aber er schrieb auch weiter, und 1914 erschien eine seiner Kurzgeschichten, “The Bowmen”, die die urbane Legende der Engel von Mons verbreitete. Er starb 1947.

Machens literarischer Ruf schwankte während seiner Lebenszeit erheblich. Die Kontroversen um Der große Gott Pan hatten seinem Namen nicht gerade gut getan, allerdings änderte sich das in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. H.P. Lovecraft bezeichnete ihn als Meister der Übernatürlichen in der Literatur, nicht zuletzt, weil Lovecraft erheblich von Machens Arbeiten beeinflusst wurde.

Die Geschichte beginnt in Wales, im Haus des Wissenschaftlers Dr. Raymond, der seinem nervösen Freund Clarke sein nächstes Experiment erklärt. Raymond ist ein Hirnspezialist, ein Student der “transzendentalen Medizin”, der eine Operation an der an einem sieben Jahre alten Mädchen namens Mary vornehmen will; seine Absicht ist es, einige Teile des Hirngewebes zu durchtrennen, so dass sich für sie “der Schleier hebt” und sie eine tiefgreifendere, spirituelle Welt wahrzunehmen vermag. Möglicherweise gibt es Risiken, aber Raymond sagt: “Ich rettete Mary aus der Gosse und vor dem sicheren Hungertod, als sie ein Kind war; ich denke, ihr Leben gehört mir, und ich kann damit verfahren, wie es mir beliebt.” Er vollzieht die Operation, Mary jedoch bleibt dadurch geistig erheblich geschädigt.

Einige Jahre später, Clarke lebt, mitgenommen von Raymonds Experiment, in London; er meidet das Übernatürliche und alles, was nicht alltäglich ist – außer das, was ihm dabei behilflich ist, ein Buch aus Erinnerungen zusammenzustellen, um die “Existenz des Teufels” zu beweisen. Und so trägt er Daten über ein Mädchen namens Helen V. zusammen.  Im Laufe einiger Jahre wurde sie dabei beobachtet, merkwürdigen Kontakt mit seltsamen kleinen Menschen in einem Waldstück an der Grenze zu Wales zu unterhalten. Später nahm sie auch ein anderes Mädchen dorthin mit, eines Tages verschwand sie auf mysteriöse Weise. Die Erzählung wechselt zu einem Mann namens Villiers, der einen alten Freund namens Charles Herbert besucht. Herbert ist gewissermaßen ruiniert oder von seiner Frau halb in den Wahnsinn getrieben worden, bevor sie ihn verließ. Villiers untersucht Herberts Fall, findet einiges über dessen eigentümliche Frau heraus und bespricht die Ergebnisse mit Clarke; der erkennt auf einem Bild von Herberts noch-Ehefrau eine starke Ähnlichkeit mit Raymonds Mary.  Im nächsten Kapitel diskutiert Villiers die äußerst seltsame Geschichte mit seinem Freund Austin, und entdeckt, dass Mrs. Herbert in irgendeiner Weise an dem mysteriösen Tod eines talentierten Malers in Südamerika beteiligt war.

Das nächste Kapitel beginnt mit einem allwissenden Erzähler, der von einer sonderbaren Selbstmordserie unter reichen Männern der modischen Londoner Gesellschaft berichtet. Über die nächsten Kapitel gelangen Villiers und Austin zu der Erkenntnis, dass hierfür die Gastgeberin von Gesellschaften, Mrs. Beaumont verantwortlich ist – und dass Mrs. Beaumont niemand anderes ist als die ehemalige Mrs. Herbert. Villiers verkündet Austin seine Entscheidung, der Dame einen Besuch abzustatten, und sie vor die Wahl zu stellen: Selbstmord oder eine Erklärung.

Der Abschluss der Geschichte präsentiert Fragmente von Texten unterschiedlicher Prägung: da wären erstens die persönlichen Erinnerungen eines Arztes, der eine eigentümliche Leiche untersucht. Es folgen Auszüge aus zwei Briefen. Der erste ist von Clarke an Raymond und spielt auf die Endgültige Begegnung mit Mrs. Beaumont an, Helen, beschreibt seinen Besuch in Wales, wo er eine römische Ruine sah, in der eine Inschrift, dem Gott Nodens gewidmet, auffiel: “dem Gott der Gr0ßen Tiefe, des Abgrunds”. Der zweite Brief ist von Raymond an Clarke, der ihm erzählt, dass Mary Helens Mutter war, und andeutet, dass Pan ihr Vater war.

Alles in allem ist das eine wirklich absonderliche Geschichte. Die zusammenfassende Wiedergabe hebt die wacklige Struktur der Handlung hervor. Die einzelnen Figuren heben sich nicht groß voneinander ab; wir bekommen nur einige Fakten über den ein oder anderen an die Hand (Clarkes Abkehr vom Übernatürlichen, als Beispiel), aber diese scheinen nur selten ihre Taten zu beeinflussen. Außerdem scheinen sich alle untereinander zu kennen, so als wäre London nur ein kleines Nest. Die schließliche Konfrontation bleibt nebulös. Helen begeht ohne ersichtlichen Grund Selbstmord – was hat sie von einer “Erklärung” zu befürchten? Und wie kann ihr Tod unangezeigt bleiben?

Die Konstruktion der Erzählung ist ebenfalls ungewohnt. In ihrer Mitte befindet sich eine Art Vakuum: Helen sagt nicht ein einziges Wort, sie scheint ohne Motivation zu agieren, ihr fehlt sämtliche Persönlichkeit. Hier haben wir eine Horrorstory ohne Horror in seinem Kern. Nur Tod, Selbstmord und den grundlosen Ruin. Es gibt auch keine wirkliche Aktivität, die aus der Handlung hervorgeht; nach der ersten Szene, reihen sich nur die Zwischenfälle aneinander, die eine (männliche) Figur der anderen (männlichen) Figur erzählt. Wie kommt es, dass dennoch alles zusammenläuft?

Und zusammenhalten tut es. So merkwürdig alles ist, es ist effektiv. Der erste Grund ist die Sachlichkeit, die in Machens Prosa grundsätzlich vorhanden ist. Die Figuren sprechen direkt und einfach, normale Menschen versuchen, die abnormalen Vorgänge um sie herum zu verstehen. Es steckt eine gewisse Klarheit in der Ausdrucksweise, die sich modern anhört, was im Widerspruch zum altertümlichen Horror der Geschichte steht. Und diese Klarheit hat die Fähigkeit, unmerklich Schatten in die kraftvolle Anrufung der Emotionen zu entlassen.

Der größte Teil der Darbietung von Der große Gott Pan, hat viel von einer Club-Story: einer erzählt seine Erlebnisse oder Erinnerungen einer anderen Person oder einer Gruppe. Der Schrecken der Geschichte dient dazu, den traditionell geschützten Raum (für eine Erzählung) in einem Club zu untergraben. Trotz dieses Form finden wir hier eine dialoglastige Struktur vor; die Art wie einige der Figuren den anderen Informationen vorenthalten – Erzählpassagen, Texte, überlappende Sequenzen: all das wirkt wie ein Puzzle, das bis zum Ende hin nicht klar sichtbar ist.

Machen nutzt diese Struktur geschickt, um einige wirksame und gelegentlich widersprüchliche Effekte zu erzeugen. Bemerkenswert ist, dass trotzdem die Geschichte durch das gegenseitige Berichten vorangetrieben wird, die Schlüsselpunkte des eigentlichen Horrors ausgespart bleiben. Es fehlen Puzzleteile. Das Bild als Ganzes ist nur zu erraten. Inmitten der geradlinigen, nüchtern erzählten Geschichte, klaffen Lücken.

Da wir ins späte viktorianische Zeitalter blicken, und da einer der Männer, die Helen zerstörte, ihr Ehemann war, dem sie in der Hochzeitsnacht schreckliche Geheimnisse offenbarte, ist die herkömmliche Annahme, zu erklären, dass all das, was nicht gesagt wurde, mit Sexualität zusammenhängt. Der Gebrauch des Pan, dem Gott des Sexus und der Fruchtbarkeit als Sinnbild für Marys spirituelle Erfahrung, stützt diese Annahme. Von einem bestimmten Punkt aus gesehen, könnte man sagen, die Geschichte handelt davon, was geschieht, wenn Sex zu Horror wird, oder Pan zur Panik. Nicht über Sex zu sprechen, den Trieb sozusagen zu verdrängen, weckt destruktive Kräfte. Von diesem Punkt aus, ergibt das Ende einen symbolischen Sinn: das Wagnis, den Schrecken bloßzustellen, offen darüber zu sprechen, vertreibt ihn.

Innerhalb der Phantastischen Literatur belegt Der große Gott Pan einen interessanten Platz. Selbst vielleicht inspiriert von Mary Shellys Frankenstein – Raymond kommt der modernen Vorstellung eines verrückten Wissenschaftlers vielleicht sogar näher als Frankenstein – hat die Erzählung einen enormen Eindruck auf künftige Schriftsteller gemacht. Lovecraft und Stephen King haben lautstark für sie geworben – und das PHANTASTIKON tut es auch.

Machens Erzählung hat nie den Ruhm von Frankenstein oder Dracula erreicht, weil ihr vermutlich ein repräsentatives Monster fehlte. Wo die anderen beiden Erzählungen eine echte und charismatische Bedrohung darstellen, ist Helen weniger eindeutig, distanzierter. Schwieriger auch zu verstehen. Obwohl das nicht notwendigerweise eine Schwäche bedeutet. Es ist das Testament von Machens Kunstferigkeit. Er verstand sich auf das Indirekte und Subtile. Er wusste, was er tat, wenn er den direkten Horror vermied und wenn er uns ein Spiegelbild unserer eigenen Abgründe vor Augen führte. Der große Gott Pan ist eine faszinierende, beunruhigende Geschichte mit großen Einfluss. Mehr kann man sich nicht vorstellen. Sie ist effektiv und in ihrer Wirkungsweise nicht einfach zu erklären.

Hallo Lulu,

ich bin wieder da. Und bei Kräften. Ich weiß, du hast mich vermisst, meine Saugfischin, und immer wieder rumgekruscht.

Und ja, ich habe sie ausprobiert: Die Aigaverschwundenheitsmaschine, wie du sie nennst. Das gefällt mir. Sie funzt. Steig’ ein und verschwinde! Nur bei dir offenbar nicht. ‘s babbt, sagt J. immer und wedelt mit einem ihrer Stofftiere. Ein weiterer, recht häufiger Ausspruch von ihr ist: Freund Freund Freund! Muss ich jetzt immer an dich denken, du Stofftier. Auf jeden Fall bin ich wieder auf einem aufsteigenden Ast (als Astreiterin). War über eine Woche lang in einem viralen Cocon aus Schleim gefangen, in dem ich mich durch die Weltgeschichte geschleppt habe. J. ist in meinem Alter und lebt in einem Kuckucksnest, in dem ich nun seit einem Monat arbeite. Nahe an einem See gelegen, an dem tatsächlich ein Kuckuck wohnt. Man hört ihn ständig rufen, egal zu welcher Tageszeit:

Kuckuck!
((((Hai))))! -fischfrau

Bin wirklich happy damit und frisch verknallt in 15 ‘Kuckuckskinder’ unterschiedlichen Alters, die in jeweils sehr eigenen Welten leben. Teilweise schwer zugänglich. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl einem Beruf nachzugehen, der mir durchweg Freude bereitet. Das war vorher nicht so. Jetzt weiß ich wenigstens, warum ich müde ins Bett falle. Ach ja, und ich habe etwas Kurioses geträumt: Ich drang in ein Haus ein, um den ‘Hirschjungen’ zu befreien. Ein Mongole, stellte ich fest. Er sprach nicht, sah dem Treiben eher mit Argwohn zu. Heißt: Ich habe ungefähr 10 Menschen, die ihn gefangen hielten, mit einem Draht den Kopf vom Körper getrennt. Einfach so. Ohne mit der Wimper zu zucken (was mich allerdings im Wachzustand durchaus zucken lässt, denn auch im Traum nahm ich mich nicht als kalten Menschen wahr: also nicht anders als sonst). Als wäre ich eine Art alleinige SWAT-Einheit (irgendwie peinlich). Special weapons and tactics. Lach! Ehrlich gesagt, ich weiß nicht so genau, was die Action soll (woher sie kommt, ist was anderes), warum mein Unterbewusstsein meine Kampfmieze lädt. Naja, der Traum ging noch weiter: Ich wollte gerade mit dem Jungen das Haus verlassen, da sah ich einen vorauslaufenden Schatten über die Türschwelle gleiten. Ich versteckte mich wieder ums Eck, der Hirschjunge hinter mir. Ich hoffte, dass er ruhig bleiben würde, uns beide nicht zu verraten. Das blieb er auch. Ich kann gar nicht genau sagen, was da auf uns zukam, ich wusste nur, es war uralt und ich hörte, dass es lahmte. Wachte aber auf, bevor ich es zu Gesicht bekam. Das Interessante jedoch ist, mir war sofort klar, das würde nicht so einfach werden. Empfand es als etwas Kraftvolles, Wendiges (trotz dessen, dass es lahmte). Etwas, das zigfach mehr Kraft hatte als ich. In jeglicher Weise.

Schade bei solchen Träumen ist nur, diesen Urweltwesen oder -kräften nie gegenüberzustehen. Stets aufzuwachen, bevor sie mich sehen oder ich sie. Es ist immer nur eine gegenseitige Wahrnahme der Anwesenheit. Ein Ablauf von Zeit. Hin auf etwas Unvermeidliches. Ein Kurz-Bevor. Andererseits, ich habe den Hirschjungen gesehen. So hat ihn mein Unterbewusstsein benannt. Im Gameplay wäre er wohl die Prinzessin, die vom Endgegner gefangen gehalten wird. Oh Diane, ich hab’s weiter pervertiert.

Wer weiß, vielleicht war es der von den Hunden, die ich getötet habe, gehetzte und gerissene Hirsch. In Menschengestalt. Genommen vom Schatten.

Träumst du, Lu?

(P.S. Überlege dir doch schon einmal, warum die Kombi: obenrum Schwein, untenrum Engel nicht sehr lebenskonstituierend ist. Die umgekehte Variante, das verrate ich dir schon mal, ist auch nix. Um losen Cock-&-Muschi-Konsum geht es dabei nicht. Rauch’ deine Puppstrings und versuche alles als ein Loft wahrzunehmen. Bewusstsein an vorderster Front natürlich. Klar! Dein Schiffchen, deinen Körper solltest du allerdings mitbedenken und was er fürs Bewusstsein bedeutet. Körper ist Seele. Jedenfalls behaupte ich das. Aber du kannst natürlich auch Margie befragen. yer best. yer black pearl.

Es ist und bleibt doch dein derzeitiges (ein Jahrzehnt) Überlebenskonzept, das sich als Konsequenz aus deiner bisherigen Biographie ergibt, es so zu halten, wie du es schaffst dich eben durchzubringen. Für mich in Ordnung. Nur vergesse nicht, es ist deines. Offenheit, Francis, sie vor allem mal durch- und aushalten. Auch in deinem Korsett (nette Vorstellung). Und ich schau dir dabei zu.

Schaffst du das?

Erklär’ mir dein ‘Kranksein’. Und ja, ich weiß, dass du der Meinung bist, alles ist krank, der Mensch ist krank. Auch ich empfinde Ekel vor Verhaltensweisen, verstehe also durchaus, was du meinst. Dennoch ist das eine arg faule Aussage von dir.)