Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

(Zu diesem Artikel bieten wir einen Podcast an.)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur daß sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern daß sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, daß sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewußtsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermeßliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, daß es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen. 

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, daß die Welt dem reinen Zufall unterliegt, daß sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muß. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewußtseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müßte das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Turmzimmer zu Karstenfels

Meet me in the alleyway
Minute to midnight dont’ be late
Meet me in the alleyway
Better come runnin’ the spirits won’t wait
(Steve Earle)

Ich muß erneut eingeschlafen sein. So viele Schlafe, da mag ein Schlaf getrost kein Schlaf sein. Schlaff natürlich wird der Körper, daher kommt’s; aufstehen, erschlaffen und so fort. Ich stecke im Hotelzimmer meiner Chimären fest, das vorzeitige Erwachen betrifft nur meine doppelte Existenz. Jede der beiden will die Oberhand gewinnen. Das könnte sich als wichtig erweisen, wenn es einmal darum geht, wer ich bin, wer ich heute bin, wer ich gestern war. Der Ausschluß anderer Existenzen ist der konsequente Wegfall vieler alternativer Möglichkeiten, aber die Existenz selbst ist so schwammig, daß jedes Philosophieren darüber nur ein weiteres Spiel bleibt, ein Zeitvertreib; jeder Gedanke an ein anderes Leben ein Schatten, der nie wirklich da ist, aber auch niemals ganz verschwunden; mauvaise foi.

Unter verklebten Lidern befindet sich noch ein Rest der wirklichen Umgebung, eine dampfende Laterne, von Faltern umschwärmt. Da ist keine Erinnerung, nur eine trockene Kehle. Körperfunktionen halten inne, der Puls ist ein kleinwüchsiges Klopfen, die Säfte sind erstarrt, tief ins Gewebe zurückgezogen; die letzten Inseln lauernder Funktionslosigkeit. Bilder kehren mit dem Blut zurück zum Herzen, reisen mit Transferrin im Eisenbahnwaggon, Schubtore geschlossen, damit während der Langsamfahrt niemand aufspringen kann, Rucksack in die Ecke, Guitarre raus (ein Hobo!). Nichts gegen den King Of The Delta Blues Singers oder Steve Earle, wir aber reden hier von Gedanken, von Geschehnissen. Das ist kein Swamp-Soundtrack, das ist eine Geige, die sich Ritzen sucht. Da fällt durch, was sie ausscheidet, klagende, kratzende Diarrhoe.

Das Licht spielt, wie es von jeher mit der Welt spielte. Planetenstaub, angebumst von koronalen Massenauswürfen, Tiktaalik rosea, der dann Affe wurde. Bettzeug, das nach barocken Liebeslagern muffelt. Die Zunge der Zeit hat hier mit fetten Zotten den frischen Geschmack in den Rachen befördert. Der Eindruck ist nur noch ein finsteres, oxidierendes Relief. Wo bin ich? Ich will nur meine Stimme hören, die mir der Katzenjammer zugesteht. Es gibt Märchen, da antwortet der Teekessel überschwappend der magischen Brühe : »Rauss mitt diiir, bevor man die Prinsesssin skalpiert!«

Und ein Pferd tritt ein (Ah! es ist ein Friesenhengst, mit Hafer in den Ganaschen!), der junge Held von burlesker, ganymed’scher Schönheit tränkt seinen Körper im jetzt golden dahinfunkelnden Sonnenschein, der durch die Risse der garstigen Schwiegermutterscheiben taumelt. Dann ein recht merkwürdiger Name, sagen wir, Behrokh, sagen wir, Behrokh Espenlauba, die zitternd mit noch blonder Mähne im Turmzimmer zu Karstenfels ganz oben unterm Dach dem Einen harrt, der eine sehr, sehr durstige Kehle hat. Das Märchen beschreibt das runde, zugige, und von außen abgeriegelte Zimmer mit ein, zwei romantischen Paradesätzen, verschweigt die Bettpfanne, den stinkenden Essenstrog, erwähnt allerdings die Unmöglichkeit, das Gemäuer zu erklimmen. Viele haben’s schon versucht, hört man da, alle sind sie schauerlich deformiert und zerbreit an ihrem Leib ins Geisterreich gefahren.

Pißstand

Ach Du liebes Pißchen!, hier sah ich einst, die Schuhe wollten bei jedem Schritt kleben bleiben, zerbröckeltes Glas knirschte unter den Sohlen, bröselte weiter und nistete sich sogar tief in den Gummibelag oder das Leder ein, die Frischluft wollte gar nicht dazu kommen, den Qualm abzuwedeln, wenn sich die Türe öffnete, um einen neuen Gast in den Schankraum zu spülen, einen betrunkenen hinaus oder ins Pissoir, wo man den Kopf einziehen musste, um durch die Zarge – immer der Nase nach – zu treten, wo früher einmal hochhoheitliche Ponys ihre Äpfel fallen ließen – Jauchäpfel fallen nicht weit vom Stall, die Rinne von heute nimmt’s mit Segen -, eine Alte, die, obwohl in der Hocke befindlich, redlich schwankte, dabei sich abmühte, ihre Brunze in die Rinne zu schleudern und gleichzeitig nicht ihren dicken Moltonrock zu besudeln. Das Schauspiel, ganz und gar nicht stumm begleitet von ächzendem Kläffen, kam mir derart merkwürdig vor, dass jegliches Blasen-Völlegefühl keinen Bedarf mehr hatte, auf sich aufmerksam zu machen, und ich, erstarrt wie ein Porzellanmännchen, ein verhexter Voyeur, der Entleerung bis zum Ende beiwohnte, ohne wahrgenommen zu werden. Nun wusste ich in jener Zeit nur von Sagen und Legenden, dass sich die Frauenschaft immer und ausschließlich auf die Schüssel hockte, nämlich um beiderlei Notwendigkeiten von sich zu lassen, aber diese hier schien sich vielleicht nicht daran zu erinnern, oder in ihr kochte der reine Trotz ein Feuer, das doch eigentlich niemanden versengte, mir selbst auch nur ein weiteres Rätsel aller Existenz auftrug.

Ein ellenlanger Korridor 2

Die rote Sonne franst über den Häusern aus, die sich an der Egerstraße links und rechts durch den Wald bewegen wie Wanderdünen. Ihr Schlips ist auch ihr Kragen. Elastizität des Innenraums, Chor, Querschiff und Langhaus, der Treppeneffekt der Rippen entspricht der komplizierten Struktur im Innern des Körpers, das Prinzip der Überraschung, reife Früchte aus der Delfter Schale, die Wiedergabe des Fleisches in Abhängigkeit der Pose. Die größte Untugend ist allenfalls ein Mangel an stilistischer Konvention, nie ein Mangel an Können. Selbst durch das Plärren des Radios war das Gurgeln der Flüssigkeit zu vernehmen. Solange wir kein Gelegenheit haben, uns ein Bild zu machen, kommen wir nicht weiter.

Unter anderen Umständen hätte das amüsant sein können, altes Porzellan, Nippsachen, Elfenbeinschnitzerei und ein paar Götzenfigürchen einzupacken. Dieser sechste Sinn, von dem Carisma behauptete, er gehöre zur Familie, von dem wir gleichwohl so wenig wissen, jener Sinn, den die Phrenologen in einem Organ für Idealität zu lokalisieren versucht haben, um ihn mit Nützlichkeits-Erwägungen zu vermengen, Haarspalterei und kurzsichtige Logik zu betreiben, dieser Sinn erwachte nun in Adam. Als er die toten Fliegen durch den Orion schnellen sah, wusste er: Die Sonne ist jetzt ein Drama der Vertreibung.

Aus Adams Notizbuch:

Fast vergessen stürzen die Wände des Küchenflügels in die wartende Erde hinein, Scham bleibt in den Kellern verbuddelt, ein Gespenst mit Glockenrock humpelt schuhlos zu den Kartoffeln aus Gold, wahrgenommen nur von einem Wimpernschlag, die ehemalige Lebendigkeit ist nur ein kitzeliger Gruß, versendet von einer kaum zu spiegelnden Veränderung in den doppelten Kreuzstockfenstern. Ich hörte eine Stimme: »Hör mir zu; wo immer du bist, werde ich zu dir sprechen, wo immer ich durch den Hageldunst stürze, werde ich von dir reden, dir Bilder bereiten, Trabanten aus dem knöchernen Sand graben. In Flammen stürzen. Lausche der Stimme des Sängers, nichts anderes sei dein Ziel, als mir zu folgen. Lasset, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«

Es gilt, die letzten Lebendigkeiten wegzuräumen, Besitztümer, die eine Existenz jahrzehntelang säumten, eine Ehe, eine Elternschaft ist daraus abzulesen, zusammengefasst unter der Begrifflichkeit ›verwaister Besitz‹, dem es nicht anstand nachzusterben oder sich auch nur in Luft aufzulösen (eine reimlose Zeile innerhalb einer gereimten Strophe).

Die abgestandene Luft riecht nach Milchhörnchen und Pulverkaffee, nach Linoleum und Fensterkitt. Wir gehen einen viele Ellen langen Korridor entlang, gesäumt von toten Insekten. Vorne fällt Licht ein, genau dort, wo die Pfeilspitze der entozentrischen Perspektive am schärfsten ist. Das Geläuf riecht nach totem Chitin, quietscht bei jedem Schritt, als träte man auf den Bauch eines Schweins. Die Dunkelheit ist eine Ferne der Erinnerung, im Traum aber leuchtet jedes Tableau unerschütterlich, solange es betrachtet wird. Ich bin Herr über seine Bewegungen und Taten, ein Impuls schlägt die Unveränderlichkeit in den neblichten Wind. Der Wille des So-Seins. Gerahmte Nacht, in die ich fassen kann, wenn ich die Sinne ausstrecke. Das Gedankenspiel (mein Modellierholz) reinigt die Figuren, die darin schwimmen wie missgestaltete Embryonen.

Doch weit vorn ein Fenster, mindestens eine Öffnung. Licht fällt ein. Der spritzende Fächer belichtet den Spiegel, eine Incluminacio, eingebildet und solitär; ein Brunnen, Bewegung in den Kammern. An Türen lauschen, Ächzen dort, Jammern, Klagen, Trampeln, Möbelrücken. Ich haste vorbei, Kammer um Kammer … ein ellenlanger, so viele Ellen langer Leib ist dieses stillgelegte Schloss.

Die Botanisiertrommel mit dem Perlenstickereiband steckten wir in eine Kiste neben dem Porzellan mit den Elastolin-Figuren; dahin packen wir auch das Cellba-Celluloidmädchen aus den 30er Jahren mit den weißblonden, perlmuttfarbenen Haaren. Als nächstes kommen die Figuren an die Reihe: ein Meißen-Eisbär, ein liegender Elch von Hutschenreuther, einige Metzler & Orloff-Rehe, sechs Herend-Teller mit Hagebuttenmuster – und nicht zuletzt das Biedermeier-Restdejeuner in Empireform, Blauzepter, um 1820 herum, das Deckelkännchen mit Tierkopftülle, das Milchkännchen mit Campanerhenkel. Alles Familienstücke der Ahnenreihe Specht. Adams Schatten hat endlich die richtigen Worte gefunden.

Ein ellenlanger Korridor 1

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schloßanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüßte … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer daß ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloß aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Aus Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach : »Ich lege mich hin, ich habe nichts an!« Man wird den Succubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloß. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäuerin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre Schwiegermutter gegen sie hatte.

Carlos hatte ihr erzählt : »Eine Bäuerin?, hat sie etwa pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte : »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäuerin. Ihr Name ist Carisma.«

Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert

Verlag Hofenberg, Berlin 2016

Wir sollten sie kennen, die erste deutsche Horrorgeschichte, sollten verstehen, warum sie es ist, und weshalb sie viele andere Autoren und ihre Geschichten, die folgten, beeinflusste. Wir sollten wissen, was an diesem urdeutschen Horror das Eigene und Unheimliche ist, um was für ein Gespür es sich handelt, das sich im Laufe der Jahrhunderte hierzulande innerhalb der schreibenden Zunft weitestgehend verflüchtigt hat. Es ist ein Bewusstsein, das die Denk- und Arbeitsweise von C. G. Jung und Sigmund Freud wesentlich mitbestimmte, ein Bewusstsein, das wieder erwachen will, im Gedenken einer vergangenen Kultur, die ihre mystische Natur lobpreiste, die, anstelle von Verstand und Logik, das Gefühl, die Sehnsucht und die Liebe des Menschen in den Vordergrund stellte.

Bereits 1796 in “Märchen aus dem Phantasus” zum ersten Mal veröffentlicht, erschien Der blonde Eckbert nur ein Jahr später in der von Ludwig Tieck selbst herausgegebenen Sammlung “Volksmährchen” erneut. Wie viele der Geschichten, die bereits im “Phantasus” erschienen waren und von ihm überarbeitet wurden. Tieck, der sich, neben dem Berliner und Heidelberger Kreis, auch dem Jenaer Kreis der Frühromantiker anschloss, agierte damals noch unter dem Pseudonym Peter Leberecht. Als Kunstmärchen wird es uns vorgestellt und nicht selten sogar als das Werk gehandelt, das den Beginn der Romantik einläutete.

Der blonde Eckbert

Wir lesen von einem kinderlosen Paar, das zurückgezogen im Harz lebt. Wir lesen vom Ritter Eckbert und seiner Frau Bertha. Von Zweien, die nur gelegentlich Besuch von Walther erhalten, seinerseits ein Ritter, mit dem Eckbert eng befreundet ist. Eines Abends, als dieser wieder einmal in ihrem kleinen Schloss zu Gast ist, fordert Eckbert seine Frau auf, ihm die Geschichte ihrer Jugend zu erzählen. Eckbert vermutet, es würde eine Freundschaft noch mehr festigen, lege man sich offen, enthülle man all seine Geheimnisse. Bertha folgt dieser Aufforderung und beginnt am Feuer des Kamins ihre Geschichte mit den Worten:

… haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.

Es folgt eine Binnenerzählung, die Schilderung von Berthas Jugend. Sie erzählt, wie sie ihren Eltern zu nichts nutze war, da sie über keinerlei Fertigkeiten verfügte, die ihrer bettelarmen Familie Geld ins Haus gebracht hätten. Wie ihr Vater, ein Hirte, sie dafür tadelte und bestrafte. Weshalb sie es eines Tages nicht mehr aushielt und im Alter von acht Jahren in die Welt floh, durch Wälder, felsige Landschaften und Dörfer, bis sie in einen Wald gelangte, in dem sie einer alten Frau mit Krückstock begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt, in der sie mit einem Hund und einem Vogel zusammenlebt. Die Alte unterweist sie im Führen des Haushalts, der Versorgung der Tiere und im Spinnen. Auch lehrt sie Bertha das Lesen. Zwar kommt sie Bertha immer wieder sonderbar vor, doch es geht ihr gut bei ihr. Und auch ihr wunderschöner Vogel ist ein seltener, da er Eier legen, in denen sich Perlen oder Edelsteine befinden, und ein Lied singen kann, das wie folgt lautet:

Waldeinsamkeit,
Die mich erfreut,
So morgen wie heut
In ewger Zeit,
O wie mich freut
Waldeinsamkeit.

Tag um Tag, Jahr um Jahr vergeht in dieser trauten Einsamkeit des kleinen Familienzirkels. Die Alte, die immer häufiger tagelang unterwegs ist, nennt sie mittlerweile Tochter oder Kind. Von der Fremde in den Büchern angestachelt, keimt in dem Mädchen der Wunsch, sich die Perlen und Edelsteine zu nehmen und in die Welt zu ziehen, obgleich sie sich glücklich unter diesem Dach vorfindet. Auch phantasiert sie von einem schönen Ritter, den sie sich als den ihren erträumt. Ihre Quasimutter warnte sie noch mit den Worten: “Du bist brav, mein Kind! … wenn du so fortfährst, wird es dir auch immer gut gehn: aber nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät.” Doch es hilft nichts, Bertha bindet den Hund fest, nimmt sich ein paar der Edelsteine, wie auch den Käfig samt Vogel und verlässt, sechs Jahre später, das Haus. Sie irrt durch Wälder, lässt Berge hinter sich, leidet Hunger und reut, gelangt jedoch nach einiger Zeit in ihr altes Dorf. Freudig will sie ihren einstigen Eltern nun den Reichtum bringen, den sie erbeutet hat, jedoch wird ihr mitgeteilt, dass diese bereits gestorben sind. Traurig darüber kauft sie sich in einer Stadt ein kleines Haus mit Garten und eine Bedienstete. Mehr und mehr vergisst sie die Alte und auch der Name des Hundes, den sie so oft gerufen hatte, will ihr überhaupt nicht mehr einfallen. Als der Vogel jedoch eines Tages wieder anhebt zu singen, ist es das Lied von einst, allerdings verändert:

Waldeinsamkeit
Wie liegst du weit!
O dich gereut
Einst mit der Zeit. –
Ach einzge Freud
Waldeinsamkeit!

Bertha reut ihre Entscheidung, weggegangen zu sein, endgültig. Die Gegenwart des Vogels ängstigt sie nun, da er auch sein Köpfchen immer zu ihr dreht, und so drückt sie ihm kurzerhand die Kehle zu und begräbt ihn im Garten. Aber auch die Aufwärterin wird ihr nun verdächtig, sie fürchtet, sie könne sie irgendwann ausrauben und ermorden. Bertha heiratet einen Ritter, den sie schon einige Zeit kennt. Es ist Eckbert.

„Pool in the Woods“ von Jasper Francis Cropsey (1823-1900)

Walther bedankt sich für diese Geschichte und merkt an, dass er sich Bertha mit dem seltsamen Vogel gut vorstellen könne und wie sie den kleinen Strohmian füttert. Beide gehen zu Bett. Nur Eckbert geht in seinem Zimmer auf und ab, und fragt sich, ob sein Freund sie nun verachtet. Jede Handlung, jeder Ausdruck Walthers, der am nächsten Tag das Schloss verlässt, ist ihm von diesem Zeitpunkt an suspekt. Bertha, die seit der Nacht krank im Bett liegt, bestätigt ihren Mann in seinen Zweifeln, indem sie ihn darauf hinweist, dass Walther den Namen des Hundes wusste, der ihr längst nicht mehr einfiel. Woraufhin Eckbert, von seinem Wahn geplagt, seinem Freund einige Zeit später im Wald beim Sammeln von Moos begegnet und ihn mit einer Armbrust erschießt. Als er zum Schloss zurückkehrt, ist seine Frau bereits verstorben. Vor lauter Einsamkeit, die ihn erwartet, bereut Eckbert seine Tat und versucht sich durch Besuche von Festen ein wenig abzulenken. So lernt er den Ritter Hugo kennen, mit dem er bald eine enge Freundschaft pflegt, wie er sie auch mit Walther hatte. Wieder verspürt er das Gefühl, sich seinem Freund öffnen zu müssen. Und er tut es, obwohl ihm unwohl dabei ist. Er erzählt ihm die ganze Geschichte, von Bertha und von Walther, und dass er ihn getötet hat. Hugo spricht ihm zu, doch Eckbert fühlt sich an Walther erinnert, erkennt von da ab auch in Hugos Verhalten das ablehnende und hämische seines ehemaligen Freundes. Wut und Entsetzen packen ihn, weshalb er flieht und nach vielen Irrwegen wieder nach Hause findet. Halb wahnsinnig und von entsetzlichen Gedanken geplagt, die ihm das Rätsel der Geschehnisse nicht enthüllen, beschließt er zu Pferd eine Reise zu machen, um sich wieder ordnen zu können. Ziellos irrt er durch die Lande, findet sich in einem Gewinde von Felsen wieder, bis er endlich einen alten Bauern trifft, der ihm einen Weg hinaus zeigt. Und auch bei diesem bildet sich Eckbert ein, es könne Walther gewesen sein, da er seine Münzen, die er ihm zum Dank geben wollte, ausschlug. Durch Wiesen und Wälder reitet er sein Pferd zugrunde, setzt seinen Weg zu Fuß fort, bis er träumend einen Hügel hinaufsteigt, von dem aus er ein Bellen vernimmt, wie auch ein Säuseln der Birken. Ein Lied mit wunderlichen Tönen dringt an sein Ohr:

Waldeinsamkeit
Mich wieder freut,
Mir geschieht kein Leid,
Hier wohnt kein Neid,
Von neuem mich freut
Waldeinsamkeit.

Eckbert glaubt sich nun endgültig wahnsinnig. Er weiß nicht ob er träumt oder wacht, kann das Rätsel nicht lösen. Gibt es Bertha überhaupt? Seine Erinnerungen sind keine zuverlässige Quelle mehr. Hustend schleicht die Alte mit ihrer Krücke dem Hügel entgegen. “Bringst du mir meinen Vogel? Meine Perlen? Meinen Hund?”, schreit sie Eckbert entgegen. “Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst: Niemand als ich war dein Freund Walther, dein Hugo.” Der Ritter erkennt seine entsetzliche Einsamkeit. Die alte Hexe fügt hinzu: “Und Bertha war deine Schwester. Warum verließ sie mich tückisch? Sonst hätte sich alles gut und schön geendet, ihre Probezeit war ja schon vorüber. Sie war die Tochter eines Ritters, die er bei einem Hirten erziehn ließ, die Tochter deines Vaters.” Eckbert liegt am Boden, ruft: “Warum hab ich diesen schrecklichen Gedanken immer geahndet?” “Weil du in früher Jugend deinen Vater einst davon erzählen hörtest; er durfte seiner Frau wegen diese Tochter nicht bei sich erziehn lassen, denn sie war von einem andern Weibe”, gibt sie ihm zur Antwort. Eckbert stirbt unter den Worten der Alten, dem Bellen des Hundes, während der Vogel sein Lied wiederholt.

Tieck, der Wald und die Waldeinsamkeit

Ludwig Tieck, nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838

Tieck, der als junger Mann noch unter den Fahnen der Aufklärung schrieb, versuchte bald, als Ergebnis eines inneren Aufbruchs, sein Werk unter dem Anspruch eines neuen hohen Ideals keimen und entstehen zu lassen. Und wie wir wissen, gelang es ihm. Von allen gelesen, beeinflusste er vehement das Denken und Schreiben, ganz allgemein die Kunst seiner Kollegen. Durch seine Bearbeitung der alten deutschen Volksbücher und -märchen (etwas, das den Aufklärern nicht im geringsten einfiel, da sie diese dem irrationalen Aberglauben zuordneten) versuchte er nicht nur Gedächtnisse von Jahrhunderten zu bewahren, sondern mehrte auch sein Wissen über die Lebensweisen der damaligen Zeiten. Mit Der blonde Eckbert präsentiert er typische Motive der Romantik. Die Sehnsucht, das Geheimnisvolle, der Abgrund und das Grauen sind allgegenwärtig in diesem Kunstmärchen. Der Wald, der in seinen Werken den wichtigstigsten Akteur stellt, dient ihm hier, wie auch in vielen anderen Märchen und Novellen, als subjektive Seelenlandschaft, die – anders in seiner Lyrik – häufig dunkel und dämonisch durchtränkt ist. Dennoch erfahren wir hier die Protagonisten des Waldes (die Bäume) auch als schwärmerische, säuselnde und verzaubernde. Und so ist der Wald bei Tieck nicht einfach dem städtischen Leben gegenüberzustellen, obgleich er doch, wie in dieser Geschichte, eine sehr eigene und individuelle Existenz nachzuzeichnen vermag. Was nicht verwundert, bedenkt man, dass Tieck selbst das Stadtleben sehr genossen hat, konnte er doch, vor allem in den Großstädten, mit Gleich- und Andersgesinnten über die Künste diskutieren. Pantheistisch und traumkonnotiert sind Tiecks Wälder. Denkt man bei Klopstock vor allem an Eichen, sind es hier die Birken, die verführen. Und so tritt Bertha mit dem Verlassen ihres Elternhauses in eine Sphäre des Magischen und Schicksalhaften ein (das typisch romantische Wanderschaftsmotiv wird hierbei vom Hänsel-und-Gretel-Motiv eingeleitet). Doch was lernt sie, und später auch Eckbert, kennen? Ist es die Natur ihres Wesens, oder ist es das Wesen der Natur, zu dem auch sie zu zählen sind? Klar ist: Die Emphase des in ihr Wandelnden wird ihr, der Natur, auszudrücken zugedacht. Daher sind es auch keine Naturlandschaften, die wir da draußen so vorfinden würden, würden wir sie mit den vorkommenden abzugleichen versuchen.

Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten.

Die Idealisierung des Waldes, die den, im Zuge der Modernisierung, damalig häufig gepflanzten Nadelholzmonokulturen entgegensteht, erschafft dem Menschen einen sog. locus amoenus (hier das Birkental mit der Hütte der Alten), der ihm zum Idyll, zu einer Sehnsuchtslandschaft sondergleichen wird. Der von Tieck geprägte Begriff der “Waldeinsamkeit” erfährt mit diesem Naturmärchen an großer Bekanntheit. Weitere mit der Natur verschränkte Wortschöpfungen folgen, wie z.B. die “Bergeinsamkeit”.

Schicksal und Inzest

#13 © Igor Morski

Der umherirrende Mensch, der durch den locus terribilis (hier besonders die Felsenlandschaften) flieht, der bald nicht mehr weiß, wie ihm geschieht, der nicht weiß, ob er träumt oder längst dem Wahnsinn anheimgefallen ist, dient vielleicht sogar der Natur als Projektionsfläche, die ihn träumt, die sich an ihm und durch ihn vollzieht. Denkbar, nehme ich das Inzestmotiv in Augenschein, das mir am Ende den frühen erzählerischen Sog dieser Geschichte erklärt, die wir selbst als Geschichte in einer Geschichte erfahren. Denn beide, Bertha wie auch Eckbert, sind fortwährend damit beschäftigt, ihre Geschichte einem Nächsten zu erzählen, in der Hoffnung, Verständnis für ihr Handeln zu erfahren, das ihnen selbst weitestgehend unerklärlich und schicksalhaft bleibt. Gehuldigt wird damit dem sog. Freundschaftskult, der ganz besonders den Romantikern ein Begriff war. Naiv und unschuldig sind die beiden gezeichnet, trotz ihrer moralisch verwerflichen Handlungen. An das Gute glaubend, auf Erfüllung hoffend, öffnen sie sich der Welt und ihren Gästen. Doch sogleich sie dies tun, gewinnt der Zweifel die dunkle Oberhand. Ihr einsames Glück scheint sofort bedroht. Schuldgefühle, wie die von Bertha, da sie die Alte beraubt und verlassen hatte, werden an die Oberfläche gespült. Auch scheinen beide seit je her ihr dunkles Schicksal zu ahnen. Bertha, die mit Beendigung ihrer Jugendgeschichte und dem Wiedereinsetzen der Rahmenhandlung erkrankt, stirbt sogar an ihren Schuldgefühlen, die sie zuvor lange verdrängt hatte. Walther wird zum Verhängnis, dass er Bertha gegenüber äußert, er könne sich gut vorstellen, wie sie den kleinen Strohmian füttert. Die Nennung des Namen des Hundes (der Hund als Treuemotiv), den sie lange vergessen hatte, erschüttert sie in ihrer Sicherheit. Woher konnte Walther ihn wissen? Eckbert, der daraufhin seinen Freund im Wald mit einer Armbrust tötet, will ihn bald in jeder ihm begegnenden Person wiedererkennen, so auch in Hugo und dem alten Bauern. Ähnlich wie Bertha einst, verlässt er sein Heim und irrt durch die Lande und Wälder. Bis er, sich seiner Wahrnehmung nicht mehr sicher, zu dem Hügel gelangt, auf dem Bertha einst stand und auf ihr neues Zuhause herabblickte. Schreiend kommt ihm die Alte entgegen, die nach ihren Tieren und Edelsteinen ruft, nach Bertha und warum sie sie so tückisch verlassen hat. Ein die Seele terrorisierender Horror, bedenkt man, dass, während sie auf ihn einspricht und ihm die Wahrheit über Berthas Herkunft verkündet, der Hund bellt und der Vogel (der Vogel als Seelenmotiv) sein Lied singt. Eine klangliche Zuspitzung, die der malerischen dramaturgisch in die Hände spielt. Was seiner Frau einst eine Idylle war, ist Eckbert düster und todbringend. Als müsse das Unheil ihrer Liebe gesühnt werden. Als hätte es niemals unter einem guten Stern stehen können, obwohl sich beide tief verbunden zueinander fühlten, ihr eigenes Idyll, seit ihrer Begegnung und Heirat, leben konnten. Als wären sie Adam und Eva in ihrem Paradies gewesen, das ihnen, aufgrund dessen, dass sie Halbgeschwister waren, nicht zugedacht war. Und doch bleibt zu fragen, ob es nicht genau deshalb eines auf Zeit sein konnte, da die Liebe, die Natur ihren Willen forderte, beide zueinanderfinden ließ. Die Alte, die Eckbert gegen Ende wie eine Rachegöttin entgegentritt, erinnert stark an eine Erd- und Totengöttin wie Hel eine ist. Sesshaftigkeit verlangte sie von dem Mädchen, nicht vom Wege abzukommen riet sie ihr, statt vom Fernweh getrieben neugierig in die Welt zu treten, da sich sonst ein Unheil vollziehen würde. Prophetisch wurde das Heim als heiler Ort von ihr verkündet, als eine Idylle, in der der Mensch keinen Versehr erfährt, solange er sich der Neugier verweigert, passiv bleibt, die Dinge geschehen lässt, ohne sie selbst aktiv in die Hand zu nehmen.

Verstörend und enorm sehnsuchtsvoll ist dieses Horrormärchen, das die Grenze zwischen Wahn und Realität, Traum und Wirklichkeit auf eine dunkle, tief schauerliche Weise verwischt. Hell und inniglich sind mir die beiden Hauptprotagonisten, Eckbert und Bertha (die sich auch namentlich ähneln), dennoch in ihrem Bestreben glücklich zu sein, die Welt im Kleinen an ihrer Geschichte teilhaben zu lassen, auch wenn dies nicht gelingt. Ein psychologisch herausragener Stoff, der dem Wahnsinn ganz eigene kraftvolle Landschaften wirkt, unter deren Oberflächen sich Dunkles verbirgt: eine blinde Natur, die sich im Menschen offenbart, der die Natur seines eigenen Willens entwickelt. Ein zeitlos mystischer Horror, der zeigt, wie unergründlich und unhintergehbar unser Dasein ist.

Nach dem Sturm 2

In seinen Träumen zeigt Hohenner seine außergewöhnliche Kollektion allnächtlich dem Wanderer, der doch ein Gefangener ist (oder gerade weil er ein Gefangener ist), den er immer nur in seinen Träumen antrifft. Er nennt ihn den ›verbrannte Helden‹, denn im Traum weiß er Dinge über diese Erscheinung, die der Heiligengeschichte des Bartholomäus verblüffend nahe kommt.

»Gefallen sie dir?«

»Ja, sie gefallen mir. Wo hast du sie her?«

»Ich habe sie mir erarbeitet. Sie gefallen dir wirklich?«

»Ja, wirklich. Sie sehen aus, als könnten sie sehen.«

»Oh, sie konnten sehen. Sie sahen viel. Sie alle sahen Dinge, die ich nie gesehen habe.«

»Hast Du sie deshalb archiviert?«

»Ich habe sie archiviert, damit sie weiterhin sehen können, niemals damit aufhören, zu sehen, in sich gekehrt. Niemals müde. Sie haben keine Lider. Sie können nicht schlafen. Sie werden immer weiter sehen. Sie werden Dinge sehen, die ich nie sah.«

Der Himmel prangt maulbeerfarben, Wolken galoppieren in undefinierbarer Geschwindigkeit dahin, verschwinden hinter dem Irrlicht, tauchen erneut wieder auf.

Man kommt aus dem Nirgendwo und man geht nirgendwo hin. Nur Augen sieht er in seinen Träumen, weit aufgerissen starren sie ihn lidlos an. Er sieht Menschen, die in jeder ihrer Körperöffnung jeweils ein Auge stecken haben, dort aber, wo sie von Natur aus hingehören, klaffen Abgründe, winden sich Maden, die aus dem Gewebe hängen, das mit Schwert und Lanze gegen die Verwesung streitet. Die Welt braucht einen Beobachter, das Gesetz der Existenz ist von einem Zuschauer abhängig. Quälende Blicke, gequälte Blicke. Sämtliche Rezeptoren sind blind für die Qualität der Reize, sprechen lediglich auf die Quantität an. Weder Licht noch Farben sind da draußen, kein violetter Himmel, nur Wellen, Wellen, Wellen; weder Schall noch Musik sind da draußen, nur periodische Schwankungen der Luft; weder Wärme noch Kälte sind da draußen, nur Moleküle, die sich mit kinetischer Energie bewegen.

»Alle mal herhören … es gibt noch einen!«, ruft Michels neben seinem Wagen stehend, das Funkgerät in der Hand, ein unfaßbares Instrument, bedient von einem fassungslosen Menschen.

»Herr Doktor? Sie sollten mit mir kommen.«

Na, das hätte er doch auch gesagt. Oh, ihr Zauderer, ihr Briefmarkensammler, ihr Bierfilzhorter! Der Gott der Sammler, das bin ich!

»Ich bin Ihnen übrigens sehr dankbar, daß Sie bei diesem Scheißwetter gekommen sind«, sagt Michels zu seinem Lenkrad, so daß auch Hohenner es hören kann, der sich nicht die Mühe gemacht hat, den Sitz auf seine Größe einzustellen, wie Sperrholz auf dem Beifahrersitz lümmelt und nicht antwortet, weshalb er einen flüchtigen Blick von der Seite erntet, bevor Michels sich wieder auf seine dreißig Stundenkilometer konzentriert. Hohenner sieht aus wie ein Bubo-Bubo mit tief hängenden Backen und nicht vorhandenen Lippen, mit einer Haarattrappe, die auf die Kopfhaut gemalt ist.

»Ich war neugierig«, sagt der Arzt nach reichlicher Verzögerung. »Außerdem habe ich nicht viel zu tun.« Die Augen in seiner Manteltasche tauen auf, er kann das nasse Erwachen fühlen. Vielleicht hätte er eine Handvoll Schnee dazu packen sollen. »Warum haben Sie die Straße gesperrt?«

»Reaktion, nichts weiter. Ein kleines Gefühl von Ordnung. Sinnlos zwar, aber mir wird dadurch eindeutig wärmer hier drin.« Michels boxt auf seinen Brustkorb. Die Landschaft wirkt wie die Übung eines arktischen Pinsels. Mitten auf der Straße vor der stillgelegten Porzellanfabrik Schumann & Schreider steht jemand völlig eingehüllt in einen zu großen Pelzmantel und wedelt wie verrückt mit seinen Armen.

»Dann sind wir wohl da «, sagt Michels.

Die Leiche liegt nicht weit entfernt von der Straße auf dem Bauch im Schnee, vom Gestöber nahezu völlig abgedeckt, das allerdings nicht zu verbergen vermag, daß dem Körper der halbe Rücken fehlt. Der Schnee hat dort eine unregelmäßige Einbuchtung modelliert, das Tal der Sorge, und sieht sich nicht imstande, mit seinem reinen Weiß den purpurnen Ton zu überdecken. Auch hier fehlen einige Organe. Eine Niere liegt angenagt neben dem Kopf, der Darm bleibt unvollständig – und ebenfalls die Milz. Die Bißspuren sind hier eindeutig zu erkennen. Hohenner bildet sich ein, die Wonne des verzogenen Mauls anhand der Spuren zu sehen, die Lust am biß.

»Ein Wolf, sagen Sie?«

»Ich muß gestehen, ich weiß es nicht«, sagt er.

Die beiden Männer sehen aus wie Schneegespenster. Michels erkundigt sich bei der Frau, die sie zum Fundort geführt hat, und stellt fest, daß ihre Gestikulation nicht nur vorhin außer Kontrolle geraten war. Sie fuchtelt unkoordiniert mit ihren Armen und er muß sich vorsehen, nicht eine Hand ins Gesicht zu bekommen. Gesehen hat sie nichts, wollte nach etwaigen Sturmschäden Ausschau halten, und fand dann etwas, das sie zunächst für einen entsorgten Teppich hielt. Michels schickt sie nach Hause. Windmühlenartig tappt sie von dannen.

»Was immer es war, es wollte nur an die Innereien. Leber, Niere, Lunge, Herz … die schmackhaften Kaldaunen. Sie sollten wirklich den Jäger informieren.«

»Was jagen wir denn nun wirklich?«

»Das verschleierte Bildnis zu Sais.«

»Oh! Während ich damit beschäftigt bin, meinen Magen zu beruhigen, haben Sie sogar Farbe angenommen. Außerdem weiß ich nicht, wovon Sie reden.«

Hohenner schüttelt den Kopf. Frischer Schnee verabschiedet sich perlend aus seinen dünnen Haaren. »Medizinisches Interesse. Blut gerät in Wallung. Und Sais ist nur eine Metapher auf die Unergründlichkeit der Natur.«

Michels nickt und stapfte davon, vergißt aber nicht, Hohenner zu seinem Auto einzuladen. »Ich habe Kaffee dabei. Der schmeckt zwar wie Hochwasser in einem Kohlenkeller, aber er ist heiß und süß.«

»Lieber nicht … ich glaube, ich sehe mir die Wunden etwas genauer an, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Geben Sie nur auf die Spuren acht. Fassen Sie besser nichts an!«

Ich fasse hier nichts an, fast nichts!

Augen werfen die Reflexion zurück, das ist wie in einen Spiegel sehen. Man kann sich darin betrachten, oh ja, darf das aber nicht allzu lange tun, höchstens um sich eventuell die Borsten aus dem Gesicht zu sensen, auf keinen Fall aus Eitelkeit. Abbild, Abklatsch, Augenlicht der tiefsten Tiefe!

Das Flackern der Argandlampe

Fast wäre ich es gewesen, der es versäumte, dich reich zu illuminieren. Vom Tal zur Höhe ist es nicht einmal halb so weit wie gedacht, die Abkürzung ist nur ein vorübergehender Schwindel. Das Anrecht mit den Fingern im Nacken zu graben, hat der Sturm. Schwarz ist die Wolke, schwarz das Licht.

Man kann diese Hände – die aus dem Mauerwerk ragen – nur schütteln, seh’n kann man sie nicht.

Also : wieder Nacht; wieder Schlaf … und immer so fort. Die Träume, die ich mir nicht merken kann, lasse ich mir wiederholen. Es bringt hingegen nichts, sich den Tag zu merken, das ist mehr was für die Kleinen, deren Tage randvoll sind mit Ungereimtheiten der eigenen Existenz. Dieser Überfluss, der in die Gräben rinnt, dieser fett sprudelnde Oneirokritikon (wenn so ein Fluss hieße, heißt das); und irgendwo ist immer Licht. Die gebeugten, die gebückten Szenen, würdelos angeflimmert. Ich erinnere mich nicht, ich müsste raten. (Wie du weißt, will ich nicht wirklich wandern, nur ferngehen ist mein Ziel).

Er lehnte sich zurück und nahm die Brille ab, die sich in Zeiten periodischer Weltbrände dem Urozean anschloss.

Er antwortete ihr in Druckschrift, dann entzündet er ein Räucherstäbchen, die Fresken auch. Durch die Bohlen der Kabine hörte er die Matrosen brüllen. Der Tag ging im nächsten Salon zu Ende, Spiegel an der Bar und Kronleuchter, schmiedeeiserne Türklopfer und Symphonien auf Notenpapier.

Der Alte legte eine Leiter an die östliche Wand der Kammer, jeweils eine Handbreit mit hellem Sand gefüllt, flach auf den Bauch. Es gab allerdings noch eine andere Möglichkeit, die Zwischenzeit sinnvoll zu nutzen, doch das war alles zur Nebensache geworden.

Kleine pastellfarbene Fasane verfingen sich im Zaun, der über die Felder zackte, über die Talsohle fegte, blassblau die Mäntel der Statuen, deren Blässe die Gesichter immer weiter bearbeitete; so warteten sie darauf, wieder erweckt zu werden.

Dort beim Hexenkraut

(Noch mit “altem” Anfang gelesen): …unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr fasst, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterlässt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

 

Die Familie des Vampirs

Die Familie des Vampirs;
Titania Medien

Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten ist eine Schauerromantische Erzählung des russischen Schriftstellers Alexei Konstantinowitsch Tolstoi, die von ihm 1840 in Französisch unter dem Titel La Famille du Vourdalak. Fragment inédit des mémoires d’un inconnu verfasst und erst 1884, nach seinem Tode, in der Zeitschrift Russki Westnik (Russischer Bote) in seiner Muttersprache veröffentlicht wurde. 1950 erschien sie dann in ihrer Originalversion.

Wieder haben wir es mit einem in unseren Breitengraden weniger bekannten Werk zu tun, das doch zu einem der stärksten und einflussreichsten unter den Vampirgeschichten zu zählen ist. Das Hörspiel erzählt die Geschichte, wie auch im Original, aus der Sicht der Hauptfigur, des jungen Franzosen Serge d’Urfé, der sich aus Liebeskummer auf eine Reise als Diplomat nach Moldawien begibt und durch den plötzlichen Einbruch des Winters in einem kleinen Dörfchen Halt machen muss. Hier trifft er auf Zdenka und ihre Familie, die ihn bei sich aufnimmt und ins schreckliche Familiengeschehen einweiht. Ein Geschehen, das sich später aufs ganze Dorf ausbreitet.

The Vampire
von Philip Burne-Jones (1896)

Einiges in diesem Hörspiel weicht vom Original ab. Zusätzlich wird der Erzählung eine Rahmenhandlung gegeben, die uns eine Abendgesellschaft vorstellt, die soeben vom Wiener Kongress geflohen ist, um sich, fernab der Politik, gegenseitig mit Schauergeschichten zu unterhalten. Auch Zdenka schafft es sich in diesem zu verewigen, wie wir am Ende hören können, und darüber hinaus …

für alle Zeit …

Wir können davon ausgehen, dass Alexei Tolstoi von der Vampirhysterie, die damals zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausbrach, wusste. Bekannteste Beispiele sind Arnold Paole aus Medvedga und Peter Plogojowitz aus Kisolova. Auch mag er Goethes Die Braut von Korinth gekannt haben, oder Heinrich August Ossenfelders Der Vampir. Ebenso Gottfried August Bürgers Lenore, wie auch John William Polidoris Der Vampyr. Allesamt Werke, die von Protagonisten erzählen, die an das Wesen des Wurdalaks erinnern.

Wurdalak (oder: Wurdelak)

Nichts Normales verheißt diese Aneinanderreihung der 8 Buchstaben. Jedes Kind verstünde sofort, auch ohne dass ihm seine Eltern jemals erklärt haben, was das ist, ein Wurdalak. Es wüsste, solch einem Wesen begegnet man besser nicht. Diese Bezeichnung, dieses Wort, das, spricht man es aus, es in seiner Physiognomie und Erscheinung sogleich entäußert: Ein Wesen wie aus einem Alptraum geboren, an dessen Existenz man keinen Zweifel zu haben braucht. Und dass es dich aufsucht. Auch daran nicht! Ein Wesen, das dir selbst in der Nacht, der Dunkelheit noch die Pupille aufzureißen vermag, erblickst du es im Mondenschein am Horizont. Das dich vor Angst riesige Wurzeln in den Boden schlagen lässt. Weil du es lange, lang geahnt hast, dass es irgendwann kommen wird. Zu dir. Ganz nah. So nah, dass du fast aufhörst zu atmen, dass du dir wünschst, nicht in der eigenen verfluchten Haut zu stecken. Weil es kein Entkommen gibt. Keine Verwünschungen wie in Märchen, die sie dir vielleicht doch retten könnten. Kein Versteck. Keine Ruhe. Auf dem ganzen Erdball nicht. Das Unvermeidliche, dass sich vollzieht: weil Blut dicker als Wasser ist und auch die Liebe nicht entbinden kann. Im Gegenteil. Sie bindet erst:

Das Blut. Die Familie. Die Bande. Das Mehrgenerationenhaus. Der Stamm. Die Sippe. Das Dorf. Und das, was sich darin niederlässt …

… und die Nacht: in der es passiert, in der alle im Haus voll Furcht beisammen sind. Unter ihnen der Fremde: ein Städter, der längst durch seine Aufmerksamkeit für eine der beiden Töchter des Hausherrn in das Haus, die Familie einverleibt wurde, der dem Geschehen nun ebenso ausgesetzt ist, obwohl er zunächst mit der Ratio eines modernen Städters reagiert, das ‘Böse’ zu verharmlosen versucht, indem er es dem Aberglauben zuordnet. Den Gespinsten also, die nichts weiter sind als nichts. Aber das, was hier seinen Weg Heim sucht, was einen wirklich heimsucht, ist nicht nichts.

Heilige Maria, Mutter Gottes!

flehen die beiden Frauen immer wieder, sprechen sie vom Wurdalak. Und stellen somit dem ‘Fluch’ den Segen gegenüber. Eine Heilige-Mutter-Hilf-Anrufung inmitten der unabwendbaren Verdammnis, so scheint mir. Eine sich vielleicht schon seit der Vertreibung aus dem Paradies immer wieder vollführende? Das zumindest frage ich mich. Denn ich kenne diese Urangst, vermag sofort zu begreifen, was das ist: ein Wurdalak, obgleich ich doch nicht aus dem Balkan stamme. Woher weiß ich das? Und so bin ich, nur was den Titel dieses Hörspiels betrifft, ein wenig enttäuscht, dass man sich entschieden hat, den Wurdalak der allgemein bekannten Überordnung Vampir weichen zu lassen. Sicher wird er darunter subsumiert, jedoch zu stark empfinde ich ihn in seiner Existenz, in seiner Art, die sich schon im Namen, in seiner Benennung offenbart. Der Wurdalak: ein blasses kaltes Wesen, das sich von Blut ernährt, das Nachts am aktivsten ist, mit dem Tag jedoch auch hinkommt (wie auch Carmilla), ein Wesen, das friert, das seine Bande, seine Familie aufsucht, die Menschen, die es liebte, von denen es gewärmt und über die Türschwelle des eigenen Hauses gebeten werden will, da es dieses sonst nicht mehr betreten kann. Das imstande ist, seine Opfer zu paralysieren. Der Wurdalak: der sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Der nichts Betörendes hat. Zumindest nicht, was sein sein Erscheinungsbild betrifft. Aber doch in seinen Worten (die weiblichen Wurdalaks umgibt eine erotische Aura), die den geliebten Menschen aus Liebe handeln lassen, die ihn locken, sich seiner anzunehmen. Ihn wieder aufzunehmen innerhalb der Familie. Damit er sie zu seiner machen kann. Was auch immer das bedeuten mag. Das überlasse ich Ihnen, liebe Hörer, liebe Leser, denn ich werde Ihnen keine Psychokomplettanalyse liefern, die es im Allgemeinen und auch Im Einzelfall nicht gibt, Sie sollten diese Erzählung unbedingt lesen oder dieses Hörspiel hören, um mit irgendeinem Ihrer Sinne zu erfahren: Ja,

die Toten reiten schnell. 

Lenore von Frank Kirchbach (1895)

Das hat schon Bürgers Lenore herausfinden müssen, als ihr ersehnter Wilhelm doch noch aus dem Siebenjährigen Krieg zurückkehrte und sie, zu Ross durch den Wind galoppierend, mit ins Hochzeitsbett, ins Grab nahm. In ihr gemeinsames. Bram Stoker wusste das auch und verwendete dieses Zitat in seinem Roman Dracula, wie auch in seiner postum veröffentlichten Geschichte Draculas Gast. So schnell wie wir Leben ausgelöscht sehen, sei es durch Kriege oder unsere Umwelt. Oder gar dem Terror in der eigenen Familie begegnen. Das, was uns passiert, zu passieren droht, sobald wir geboren werden. Als einer unserer Art. Der Spezies Mensch zugehörig. Und so erinnert mich, neben allen oben genannten Werken, die mit diesem korrespondieren, die Szene, in der Gortscha der Wurdalak mit seinem Enkel Sascha in die Nacht davon reitet, an Goethes Erlkönig oder an Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter.

Wie ist einem Wurdalak nun beizukommen? Ich würde ja sagen: Überhaupt nicht. Doch aber erfahren wir, dass er, wie wir es von Vampiren wissen, Knoblauch und alles Sakrale verabscheut. Auch kann er ebenso gepfählt bzw. gepflöckt werden. Jedoch nicht durch einen xbeliebigen Pfahl, der ihm ins Herz getrieben wird, sondern nur durch einen der aus dem Holz des Hagedorns gefertigt wurde.

Janus

Der Hagedorn: auch Weißdorn genannt, ist eine Heckenpflanze, die zur Abgrenzung von Grundstücken genutzt wurde und wird, um ‘böse’ Geister und Dämonen fernzuhalten. Eine Pflanze, die dem Janus heilig war. Dem Gott mit den zwei Gesichtern. Wen wundert’s, denke ich an den Wurdalak, der einst das Familienoberhaupt Gortscha war, und auch an alle, die folgten. Des Weiteren half der Hagedorn vor den sog. Strigen, stellte man einen Zweig nächtlich ins Fenster des Kinderzimmers. Ebenso sollten Wiegen, die aus diesem Holz gefertigt sind, ‘böse’ Feen abhalten die Kinder auszutauschen.

Die Strigae, die Ähnlichkeit mit den Lamien und der Gello haben, oder mit den Lillim (den Kindern der Lilith), die als blutsaugende, vogelartige Dämonen verschrien sind. Harpyen: Wesen mit Flügeln, wie wir wissen. Und da wundert es doch nicht, dass eine der etymologischen Bedeutungen des Wortes Vampir oder auch Vampyr geflügeltes Wesen sein könnte, da die Herkunft dieses Begriffs strittig ist. In Teilen Serbiens jedoch spricht man von einem “wukodalak”, “vurkulaka” oder “vrykolaka”, was aus dem Griechischen abgeleitet “wolfhaarig” bedeutet. Passt! Denn Eingangs begleiten den Erzähler heulende Wölfe in das Dorf, vor denen er in diesem Zuflucht sucht. Kinder der Nacht, nennt sie eine Dorfbewohnerin, die dem Neuling den Zutritt zu ihrem Hause verwehrt und ihn zur Familie des Gortschas schickt. Wo er Einlass findet, weil es Zdenka ist, die ihm die Tür öffnet. Eine wunderschöne junge Frau, in die er sich verliebt. Liebe, die bindet. Wie also einem Wurdalak beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten?

Crataegus oxyacantha L.

Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen es zu werden. Nur mit dem Unterschied, dass wir dann von vornherein so geartet wären. Wir würden uns auf unser Dasein als Vampir verstehen, weil wir nichts anderes kennengelernt hätten. Erbsünde, oder die Sünde als solches, unser Nächster, so etwas interessierte uns dann nicht. Und so sind und bleiben wir auch in der Dunkelheit, in welcher Erscheinungsform auch immer wir nach dem Anderen rufen:

Sirenen.

Titania Medien ist hier ein Hörspiel gelungen, das mir die Geschichte dieser Familie leibhaftig vor Augen führt. Die Sprecher sind grandios gewählt. Sie entfalten keine Figuren, sie lassen mich mit den Ohren sehen. Innerhalb einer Atmosphäre, die atem(be)raubend ist. Mit diesem Werk von Alexei Konstantinowitsch Tolstoi hat man sich ein weit Herausragendes vorgenommen, dem ebenso herausragend nachgespürt wurde. Jedes Wort, jeder Ton sitzt dermaßen, dass ich mich beim Hören tatsächlich mit einer Gänsehaut in einem Dorf, einem Haus wiederfand, das weder durch seine räumliche Entfernung, noch durch die vergangene Zeit für mich erreichbar sein dürfte. Eigentlich.