Neu in der Sammlung (3)

Lisa Tuttle – Das Böse wartet auf dich, Sarah (Moewig)
Die besten Horror-Stories (Knaur)
Spuk-Roman Nr. 1 – Der Fluch der Totenmaske

Lisa Tuttle, die eigentlich für ihre hervorragenden Science Fiction bekannt ist, hat auch einen starken Hang zur Phantastik. Gelesen habe ich davon bisher noch nichts, aber da mir ohnehin eine Komplettierung der Moewig Phantastica vorschwebt, ist das nur noch eine Frage der Zeit. Sie wird ja auch immer wieder in Bezug auf die New Weird genannt.

Der Spuk-Roman von Bastei (hier die Nr. 1 vom Januar 1979) ist eigentlich die einzige Gothic Novel-Reihe, die es je in Heftform gab. Nicht zu vergleichen mit dem Geheimnis-Roman, der hauptsächlich in das heutige Mode-Genre “Romantasy” passen würde. 1985 – im Zuge des Seriensterbens – wurde die Reihe eingestellt. Zu Beginn gab es viele Übersetzungen, bis der Anteil deutscher Autoren immer mehr zunahm und schließlich komplett von ihnen übernommen wurde. Gleichzeitig ging damit auch der schleichende Niedergang der Reihe einher.

Die besten Horrorstories ist als Buch ein Pfund, und eine der besten Anthologien modernen Horrors, entstanden in einer Phase, da es vor vorzüglichen Horror-Anthologien geradezu wimmelte. Selbstverständlich ist auch hier eine Story von Sterphen King enthalten, das ging auch zur Hochzeit werbetechnisch gar nicht anders.

Stante pede intermorior

Horrido Krippner ging nicht gleich ans Telefon in seinem Haus, einem Waldchalet von einer Größe, als ob der fränkische Hubertus selbst drin residierte. Gerade noch durchwühlte er das Hirschfleisch und befingerte die perlmuttglänzenden Organe, ob er nicht eine Vision erhaschen könnte, wenn er, wie an der Wunderlampe, daran rieb. Er fand nicht gleich das Handtuch, um sich den roten Saft von den Fingern zu wischen. Verärgert über die Störung, die an diesem Tage nicht die letzte bleiben sollte, bellte er ins Telefon : »Ein Wolf? Warʼs nicht vielleicht ein Hund oder ein Fuchs? Die Sauferei macht dir die Augen fertig, dies ließ mich selbst schon manche Geister sehen, das Moosweiblein nicht zuletzt genannt.«

Jetzt gehen die Jäger noch einmal den Waldrand ab. Sie glauben nicht an einen Mythos, würden verrückt werden, wenn sie wüßten, was sich in ihren Wäldern abspielt, wollten den Schädel mit den Pfoten und dem Balg, abgezogen und gesalzen, auf einem Tisch präsentieren. »Da habt ihr euer Monster!« Lachend, scherzend, aber noch war es nicht soweit.

Kaum zurück poltert es an des Hubertus Tür. Krippner schielt sehnsüchtig zu den Eingeweiden hinüber, bevor er irritiert öffnet. »Fortuna! Die Witwe Gräf!«

Er erstickt fast an seinem Speichel, der plötzlich aus allen Drüsen spült. Jetzt weiß er nicht mehr weiter, wie formuliert man das? Da hebt sie schon ihre faltige Hand.

Keine Frage, sie zetert mit ihm, ein Loch in einer Felswand der Mund. Ich habʼs gewußt, da drin ist alles schwarz! Die alte Gräf, wie alt mag sie sein? 102, 104? Es gibt niemand im Dorf, der nicht erst ankam, als sie bereits da war. Jahre später würden sich die latenzperiodischen Kinder in dem zu dieser Zeit schon leerstehenden Haus am Mühlgraben darüber unterhalten, wie sie einst die Asche ihres Alten getrunken habe und ihre Kleider davon für immer schwarz geblieben sind.

Esrabella Gräf, die viele für die Jezi Baba hielten, von der die meisten dachten, sie sei stumm wie ein Fisch, sprach in Wahrheit mit ihren Hühnern. Manchmal konnte man sie hören, wenn sie sich unbeachtet fühlte, wie sie nach Elster und Fango rief, den beiden Ausreißern ihrer Zucht. Esrabella Gräf also erwähnte gegenüber Krippner, daß die Wölfe einen menschlichen Gefährten hatten, der ihnen den Weg in den Schwarzenhammer wies. Erstaunt lauschte der Jäger dem rostigen Knarzen und dachte darüber nach, was sie denn damit meinte, wenn sie sagte : »Då Wulf is niert ålloi kummer!«

»Schau mal, Elster, wenn ich jetzt nicht den Mund aufmache, wird das in diesem Leben gar nicht mehr geschehen«, sprach sie ihr Huhn an. »Diese Tölpel denken, es hätte etwas mit dem Winter zu tun. Natürlich, das hat es auch, aber…« Sie fährt dann noch etwa fünf Minuten damit fort, ihrem Lieblingshuhn Anweisungen zu geben, für den Fall, daß sie unterwegs der Schlag treffen sollte. Das war allerdings unwahrscheinlich, sie würde eher dann umkippen, wenn sie ihren Schubkarren nicht mehr durch die Wiese manövrieren konnte, ihre Hände, schwielig wie die Landstraße um die Ecke, die nach Hebanz hinaufführt, nicht mehr durch gekutterte Würmer fahren ließ. Tatsächlich wird sie eines Tages, wir greifen vor, im Stehen sterben, nicht aber schwerkrafthörig zu Boden sinken. Sie wird einfach aufhören, sich zu bewegen, das Blut wird erkalten. Von frühmorgens um dreiviertel sechs bis zum Sonnenuntergang gegen neunzehn Uhr zehn wird sie von allen möglichen Leuten gesehen werden, die Mistgabel im Heu, unbeweglich wie eine Statue in Witwentracht, ihren Porzellanfigürchen nicht unähnlich. Nur die Gummistiefel sind grün wie tiefsitzender Rotz. Elster wird von diesem Tage an den Tretakt mit dem Hahn verweigern. Ein halbfertiges Ei ohne Kalkschale wird sie sich noch abzwingen, dann ist Schluß. Zwei Tage nach dem stante pede intermorior wird sich Elster einer Katze anbieten, aber verschmäht werden. Auch unter Tieren gilt die Furcht vor dem Fluch. Die Spur des treuen Tieres verliert sich im Gestöber der Unschärfe, mit der jegliche Geschichtsschreibung zu kämpfen hat. Auch der Verbleib des statarischen Leichnams packt sich zu den Mirabeln, reiht sich spielend ein in eine Liste der Rätsel, die hier offenkundig gar nicht abreißen.

Aber all das ist Zukunftsgeheul, und keiner weiß, ob es wirklich so geschehen wird. Sie muß verrückt geworden sein vor Trauer, erzählte man im Dorf. Die Wahrheit aber ging anders

1890 am 20. Januar mittags 2 ¼ Uhr erfolgten plötzlich 2 starke Blitz- und Donnerschläge mit darauffolgendem Schneegestöber. 1891 gab es sehr viel Mutterkorn, daß ein Pfd. Um 1,05 Mk. verkauft wurde. 1892 am 1. Mai war ein furchtbarer Schneesturm, der die Waldvögel in die Stadt hereintrieb. Der Schnee lag ein und mehr Fuß tief. Es wurden am 1. und 2. Mai Schlittenpartien unternommen. Dann kam Regen und am 6. Mai wieder Schnee. Der Heuertrag war sehr gut. Die Hitze des Sommers war schier unerträglich: 36 ½ R. (Réaumur) in der Sonne. Das Getreide wurde vormittags geschnitten und nachmittags eingefahren. Es war dies Jahr ohne Unkraut. Kartoffel gab es viele und gute.

Die Familie des Vampirs

Die Familie des Vampirs;
Titania Medien

Die Familie des Wurdalak – Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten ist eine Schauerromantische Erzählung des russischen Schriftstellers Alexei Konstantinowitsch Tolstoi, die von ihm 1840 in Französisch unter dem Titel La Famille du Vourdalak. Fragment inédit des mémoires d’un inconnu verfasst und erst 1884, nach seinem Tode, in der Zeitschrift Russki Westnik (Russischer Bote) in seiner Muttersprache veröffentlicht wurde. 1950 erschien sie dann in ihrer Originalversion.

Wieder haben wir es mit einem in unseren Breitengraden weniger bekannten Werk zu tun, das doch zu einem der stärksten und einflussreichsten unter den Vampirgeschichten zu zählen ist. Das Hörspiel erzählt die Geschichte, wie auch im Original, aus der Sicht der Hauptfigur, des jungen Franzosen Serge d’Urfé, der sich aus Liebeskummer auf eine Reise als Diplomat nach Moldawien begibt und durch den plötzlichen Einbruch des Winters in einem kleinen Dörfchen Halt machen muss. Hier trifft er auf Zdenka und ihre Familie, die ihn bei sich aufnimmt und ins schreckliche Familiengeschehen einweiht. Ein Geschehen, das sich später aufs ganze Dorf ausbreitet.

The Vampire
von Philip Burne-Jones (1896)

Einiges in diesem Hörspiel weicht vom Original ab. Zusätzlich wird der Erzählung eine Rahmenhandlung gegeben, die uns eine Abendgesellschaft vorstellt, die soeben vom Wiener Kongress geflohen ist, um sich, fernab der Politik, gegenseitig mit Schauergeschichten zu unterhalten. Auch Zdenka schafft es sich in diesem zu verewigen, wie wir am Ende hören können, und darüber hinaus …

für alle Zeit …

Wir können davon ausgehen, dass Alexei Tolstoi von der Vampirhysterie, die damals zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausbrach, wusste. Bekannteste Beispiele sind Arnold Paole aus Medvedga und Peter Plogojowitz aus Kisolova. Auch mag er Goethes Die Braut von Korinth gekannt haben, oder Heinrich August Ossenfelders Der Vampir. Ebenso Gottfried August Bürgers Lenore, wie auch John William Polidoris Der Vampyr. Allesamt Werke, die von Protagonisten erzählen, die an das Wesen des Wurdalaks erinnern.

Wurdalak (oder: Wurdelak)

Nichts Normales verheißt diese Aneinanderreihung der 8 Buchstaben. Jedes Kind verstünde sofort, auch ohne dass ihm seine Eltern jemals erklärt haben, was das ist, ein Wurdalak. Es wüsste, solch einem Wesen begegnet man besser nicht. Diese Bezeichnung, dieses Wort, das, spricht man es aus, es in seiner Physiognomie und Erscheinung sogleich entäußert: Ein Wesen wie aus einem Alptraum geboren, an dessen Existenz man keinen Zweifel zu haben braucht. Und dass es dich aufsucht. Auch daran nicht! Ein Wesen, das dir selbst in der Nacht, der Dunkelheit noch die Pupille aufzureißen vermag, erblickst du es im Mondenschein am Horizont. Das dich vor Angst riesige Wurzeln in den Boden schlagen lässt. Weil du es lange, lang geahnt hast, dass es irgendwann kommen wird. Zu dir. Ganz nah. So nah, dass du fast aufhörst zu atmen, dass du dir wünschst, nicht in der eigenen verfluchten Haut zu stecken. Weil es kein Entkommen gibt. Keine Verwünschungen wie in Märchen, die sie dir vielleicht doch retten könnten. Kein Versteck. Keine Ruhe. Auf dem ganzen Erdball nicht. Das Unvermeidliche, dass sich vollzieht: weil Blut dicker als Wasser ist und auch die Liebe nicht entbinden kann. Im Gegenteil. Sie bindet erst:

Das Blut. Die Familie. Die Bande. Das Mehrgenerationenhaus. Der Stamm. Die Sippe. Das Dorf. Und das, was sich darin niederlässt …

… und die Nacht: in der es passiert, in der alle im Haus voll Furcht beisammen sind. Unter ihnen der Fremde: ein Städter, der längst durch seine Aufmerksamkeit für eine der beiden Töchter des Hausherrn in das Haus, die Familie einverleibt wurde, der dem Geschehen nun ebenso ausgesetzt ist, obwohl er zunächst mit der Ratio eines modernen Städters reagiert, das ‘Böse’ zu verharmlosen versucht, indem er es dem Aberglauben zuordnet. Den Gespinsten also, die nichts weiter sind als nichts. Aber das, was hier seinen Weg Heim sucht, was einen wirklich heimsucht, ist nicht nichts.

Heilige Maria, Mutter Gottes!

flehen die beiden Frauen immer wieder, sprechen sie vom Wurdalak. Und stellen somit dem ‘Fluch’ den Segen gegenüber. Eine Heilige-Mutter-Hilf-Anrufung inmitten der unabwendbaren Verdammnis, so scheint mir. Eine sich vielleicht schon seit der Vertreibung aus dem Paradies immer wieder vollführende? Das zumindest frage ich mich. Denn ich kenne diese Urangst, vermag sofort zu begreifen, was das ist: ein Wurdalak, obgleich ich doch nicht aus dem Balkan stamme. Woher weiß ich das? Und so bin ich, nur was den Titel dieses Hörspiels betrifft, ein wenig enttäuscht, dass man sich entschieden hat, den Wurdalak der allgemein bekannten Überordnung Vampir weichen zu lassen. Sicher wird er darunter subsumiert, jedoch zu stark empfinde ich ihn in seiner Existenz, in seiner Art, die sich schon im Namen, in seiner Benennung offenbart. Der Wurdalak: ein blasses kaltes Wesen, das sich von Blut ernährt, das Nachts am aktivsten ist, mit dem Tag jedoch auch hinkommt (wie auch Carmilla), ein Wesen, das friert, das seine Bande, seine Familie aufsucht, die Menschen, die es liebte, von denen es gewärmt und über die Türschwelle des eigenen Hauses gebeten werden will, da es dieses sonst nicht mehr betreten kann. Das imstande ist, seine Opfer zu paralysieren. Der Wurdalak: der sowohl männlich als auch weiblich sein kann. Der nichts Betörendes hat. Zumindest nicht, was sein sein Erscheinungsbild betrifft. Aber doch in seinen Worten (die weiblichen Wurdalaks umgibt eine erotische Aura), die den geliebten Menschen aus Liebe handeln lassen, die ihn locken, sich seiner anzunehmen. Ihn wieder aufzunehmen innerhalb der Familie. Damit er sie zu seiner machen kann. Was auch immer das bedeuten mag. Das überlasse ich Ihnen, liebe Hörer, liebe Leser, denn ich werde Ihnen keine Psychokomplettanalyse liefern, die es im Allgemeinen und auch Im Einzelfall nicht gibt, Sie sollten diese Erzählung unbedingt lesen oder dieses Hörspiel hören, um mit irgendeinem Ihrer Sinne zu erfahren: Ja,

die Toten reiten schnell. 

Lenore von Frank Kirchbach (1895)

Das hat schon Bürgers Lenore herausfinden müssen, als ihr ersehnter Wilhelm doch noch aus dem Siebenjährigen Krieg zurückkehrte und sie, zu Ross durch den Wind galoppierend, mit ins Hochzeitsbett, ins Grab nahm. In ihr gemeinsames. Bram Stoker wusste das auch und verwendete dieses Zitat in seinem Roman Dracula, wie auch in seiner postum veröffentlichten Geschichte Draculas Gast. So schnell wie wir Leben ausgelöscht sehen, sei es durch Kriege oder unsere Umwelt. Oder gar dem Terror in der eigenen Familie begegnen. Das, was uns passiert, zu passieren droht, sobald wir geboren werden. Als einer unserer Art. Der Spezies Mensch zugehörig. Und so erinnert mich, neben allen oben genannten Werken, die mit diesem korrespondieren, die Szene, in der Gortscha der Wurdalak mit seinem Enkel Sascha in die Nacht davon reitet, an Goethes Erlkönig oder an Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter.

Wie ist einem Wurdalak nun beizukommen? Ich würde ja sagen: Überhaupt nicht. Doch aber erfahren wir, dass er, wie wir es von Vampiren wissen, Knoblauch und alles Sakrale verabscheut. Auch kann er ebenso gepfählt bzw. gepflöckt werden. Jedoch nicht durch einen xbeliebigen Pfahl, der ihm ins Herz getrieben wird, sondern nur durch einen der aus dem Holz des Hagedorns gefertigt wurde.

Janus

Der Hagedorn: auch Weißdorn genannt, ist eine Heckenpflanze, die zur Abgrenzung von Grundstücken genutzt wurde und wird, um ‘böse’ Geister und Dämonen fernzuhalten. Eine Pflanze, die dem Janus heilig war. Dem Gott mit den zwei Gesichtern. Wen wundert’s, denke ich an den Wurdalak, der einst das Familienoberhaupt Gortscha war, und auch an alle, die folgten. Des Weiteren half der Hagedorn vor den sog. Strigen, stellte man einen Zweig nächtlich ins Fenster des Kinderzimmers. Ebenso sollten Wiegen, die aus diesem Holz gefertigt sind, ‘böse’ Feen abhalten die Kinder auszutauschen.

Die Strigae, die Ähnlichkeit mit den Lamien und der Gello haben, oder mit den Lillim (den Kindern der Lilith), die als blutsaugende, vogelartige Dämonen verschrien sind. Harpyen: Wesen mit Flügeln, wie wir wissen. Und da wundert es doch nicht, dass eine der etymologischen Bedeutungen des Wortes Vampir oder auch Vampyr geflügeltes Wesen sein könnte, da die Herkunft dieses Begriffs strittig ist. In Teilen Serbiens jedoch spricht man von einem “wukodalak”, “vurkulaka” oder “vrykolaka”, was aus dem Griechischen abgeleitet “wolfhaarig” bedeutet. Passt! Denn Eingangs begleiten den Erzähler heulende Wölfe in das Dorf, vor denen er in diesem Zuflucht sucht. Kinder der Nacht, nennt sie eine Dorfbewohnerin, die dem Neuling den Zutritt zu ihrem Hause verwehrt und ihn zur Familie des Gortschas schickt. Wo er Einlass findet, weil es Zdenka ist, die ihm die Tür öffnet. Eine wunderschöne junge Frau, in die er sich verliebt. Liebe, die bindet. Wie also einem Wurdalak beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten?

Crataegus oxyacantha L.

Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen es zu werden. Nur mit dem Unterschied, dass wir dann von vornherein so geartet wären. Wir würden uns auf unser Dasein als Vampir verstehen, weil wir nichts anderes kennengelernt hätten. Erbsünde, oder die Sünde als solches, unser Nächster, so etwas interessierte uns dann nicht. Und so sind und bleiben wir auch in der Dunkelheit, in welcher Erscheinungsform auch immer wir nach dem Anderen rufen:

Sirenen.

Titania Medien ist hier ein Hörspiel gelungen, das mir die Geschichte dieser Familie leibhaftig vor Augen führt. Die Sprecher sind grandios gewählt. Sie entfalten keine Figuren, sie lassen mich mit den Ohren sehen. Innerhalb einer Atmosphäre, die atem(be)raubend ist. Mit diesem Werk von Alexei Konstantinowitsch Tolstoi hat man sich ein weit Herausragendes vorgenommen, dem ebenso herausragend nachgespürt wurde. Jedes Wort, jeder Ton sitzt dermaßen, dass ich mich beim Hören tatsächlich mit einer Gänsehaut in einem Dorf, einem Haus wiederfand, das weder durch seine räumliche Entfernung, noch durch die vergangene Zeit für mich erreichbar sein dürfte. Eigentlich.

H. P. Lovecrafts “Die Ratten im Gemäuer”

“The Rats in the Walls” von M. Fresner

Zwischen Ende August und Anfang September 1923 soll Lovecraft diese Erzählung geschrieben haben, denn schon am vierten September vermerkt er, laut Joshi, in einem Brief die Fertigstellung dieser. Die Erzählung selbst beginnt mit einem ähnlichen Datum, nämlich dem 16. Juli des Jahres 1923. Der Gegenwartsbezug, ein, wie sich später herausstellte, Markenzeichen des Autors. Es sei “[…] das historisch komplexeste und zugleich aktuellste erzählerische Werk […]; das Lovecraft zu diesem Zeitpunkt zu Papier gebracht hatte.”, schreibt sein treuester Experte in “H. P. Lovecraft – Leben und Werk” des Weiteren, sie sei eine seiner “[…] Erzählungen, in der er am erfolgreichsten an die überlieferten Muster des Schauerromans anknüpft, wobei er allerdings dessen Standardmotive – das alte Schloss mit der verborgenen Kammer, die Spuklegende, die sich als wahr erweist – weiterentwickelt und modernisiert. Auf die grundlegende Prämisse der Erzählung – dass es möglich ist, den Gang der Evolution rückwärts zu durchschreiten – konnte letztlich nur jemand verfallen, dem die darwinsche Theorie in Fleisch und Blut übergegangen war.”

Exham Priory

Delapore lautet der Familienname des Ich-Erzählers, dessen Vornamen wir nicht erfahren. Ein in die Jahre gekommener Amerikaner britischer Abstammung, der sich zu genanntem Datum entschließt, das alte Anwesen seiner Vorfahren, eine Ruine namens Exham Priory, das er viele Jahre hatte aufwendig restaurieren lassen, zu beziehen, um dort seinen Lebensabend zu verbringen.

Architekten und Altertumsforscher waren vernarrt in dieses sonderbare Relikt vergessener Jahrhunderte, doch die Bauern der Gegend verabscheuten es. Sie hatten es vor vielen Hundert Jahren verabscheut, […], und sie verabscheuten es noch heute, da das Moos und der Moder der Einsamkeit es bedeckten.

Im Süden Englands ist dieses an einem Abgrund stehende Relikt gelegen, in der Nähe der (fiktiven) Stadt Anchester. Die mit dem Hause verbundene Familiengeschichte reicht bis in die Zeit vor der römischen Eroberung Britanniens zurück. Die Sagen um seine Vorfahren und das Anwesen sind ihm durchaus bekannt. Als verflucht gilt es, Mord und Hexerei und anderes wird seinen Ahnen vorgeworfen. Explizite Geschichten und Legenden werden von den lokalen Einwohnern zum Besten gegeben und am Leben erhalten, wie die der Ratten, die, nach einer Tragödie, die sich einst im Hause Exham Priory abgespielt hatte, aus dem Gemäuer wie Ungeziefer hervorgequollen sein sollen, mager und gierig soll diese Armee alles, was ihr in den Weg kam, gefressen haben: Schweine, Schafe, Hunde, Katzen, Hühner und sogar zwei Menschen. Trotz all dieser düsteren Legenden, die sich um seine Vorfahren ranken, nimmt Delapore die Schreibweise seines alten Familiennamens de la Poer wieder an. Er selbst, der sich durchaus für die Geschichte seiner Familie interessiert und dem einige Anekdoten über einzelne Verwandte, die sich schuldig gemacht haben sollen, bekannt sind, schenkt der schaurigen Folklore keine größere Beachtung. So gab es zwar die in die Zeit vor dem Sezessionskrieg zurückreichende Tradition, bei der der Gutsherr dem Sohn bei seinem Tode einen versiegelten Umschlag hinterließ, um ihn mit den näheren Vorgängen innerhalb der Familie vetraut zu machen, jedoch kam de la Poers Großvater bei einem Feuer um, bei dem auch der Umschlag verschwand. Familiengeheimnisse wurden nicht einfach offen von Generation zu Generation weitergegeben. Lange unbewohnt, gelangte das Anwesen in den Besitz der Familie Norrys. De la Poers Sohn, der sich 1917 im Krieg als Offizier der Luftstreitkräfte in England aufhielt, berichtet seinem Vater von den Legenden um Exham Priory, da er einen Sprössling der Familie Norrys, Captain Edward Norrys, von der Königlichen Luftwaffe kennengelernt hatte, der ihm die abergläubischen Geschichten der Bauern erzählte. Woraufhin die Eigentümer Delapore anbieten das Anwesen zurückkaufen zu können, Pläne und Anekdoten über das Bauwerk inklusive.

[…] seine Architektur bestand aus gotischen Türmen, die auf einem Unterbau aus angelsächsischer oder romanischer Zeit errichtet waren. Das Fundament des Unterbaus wiederum ließ sich einem noch älteren Stil oder Stilvermischungen zuordnen – römisch und sogar druidisch oder kymrisch, so die Legenden denn wahr sind.

“The Rats in the Walls” von ridureyu1

Die ersten Tage verbringt de la Poer in seinem neuen Zuhause mit der Recherche über seine Ahnen. Er lebt dort mit neun Katzen, unter ihnen “Nigger-Man”, sein ältestes Tier, und sieben Bediensteten. Doch schon bald ereignen sich sonderbare Dinge, die vor allem die Katzen in Aufruhr versetzen, die wild im Haus umherlaufen und an den Wänden und Vorhängen kratzen und schnuppern. Und auch del la Poer bemerkt, dass sich in den Wänden etwas tut. Es scharrt in ihnen, Teppiche heben sich von den Wänden ab als würden sie durch die sich dahinter tummelnden Scharen lebendig. Aufgeschreckt von diesem Umstand beschließt er gemeinsam mit seinem Nachbarn Norrys eine Nacht im Keller des Hauses zu verbringen, da er dort den Ursprung der Plage vermutet. Schon Im Keller finden sie alte Inschriften wie diese: DIV … OPS … MAGNAMAT … P. GETAE. PROP … TEMP … DONA … […] … ATYS. Anders als de la Poer und sein Kater aber, vernimmt Norrys keinerlei Geräusche, wie auch schon die Bediensteten nicht. Unter einem Altar entdecken die beiden jedoch eine Pforte bzw. einen Abstieg in ein tieferes, unter dem Keller liegendes Gefilde. Beide beraten sich und vereinbaren für diese Expedition ein Team aus Experten hinzuzuziehen, das sie bei ihrer Erkundung unterstützen soll. Zwischenzeitlich wird de la Poer immer wieder von einem Albtraum geplagt:

Ich schien von einer immensen Höhe auf eine Grotte im Dämmerlicht hinabzublicken, die kniehoch mit Dreck gefüllt war und wo ein dämonischer Schweinehirt mit weißem Bart mit seinem Stock eine Herde schimmelüberwucherter, aufgedunsener Biester um sich scharte, deren Erscheinung mich mit unaussprechlichem Ekel erfüllte. Dann, als der Schweinehirt innehielt und über seiner Aufgabe einnickte, ergoss sich ein gewaltiger Schwarm Ratten in den stinkenden Abgrund und machte sich über die Schweine und den Mann her.

Bereits die stark abgenutzten Treppen, die ins Ungewisse hinabführen, sind mit menschlichen oder halb menschlichen Knochen übersät. Erhaltene Skelette zeigen sich in ihrer Haltung vor entsetzlicher Furcht erstarrt. Primitiv und affenmenschähnlich erscheinen sie del la Poer. Alle Knochen weisen Abschabungen von Nagetierzähnen auf. Auf dem Weg weiter hinab, stellt einer der Forscher fest, dass der Durchgang, durch den sie gehen, gemäß der Richtung der Meißelschläge von unten nach oben gehauen worden war. Gefiltertes Tagesslicht dringt durch die Felsspalten zu ihnen hindurch. Was sie finden, ist eine enorm weite und hohe Grotte, die sich wie eine eigene Welt vor ihnen erstreckt:

[…] eine unterirdische Welt grenzenloser Rätsel und entsetzlicher Andeutungen. Da standen Gebäude und andere architektonische Überreste – mit einem entsetzten Blick sah ich eine sonderbare Reihe von Hügelgräbern, einenwilden Kreis von Monolithen, eine römische Ruine mit niedrigem Kuppeldach, einen großen angelsächsischen Bauernhof und eine frühenglische Holzhütte -, doch all das verblasste neben der ghoulischen Szene, die uns die Oberfläche des Bodens darbot. Vor den Stufen erstreckte sich Meter um Meter hinweg ein wahnsinniges Gewirr menschlicher Knochen – oder besser gesagt, Knochen, die zumindest so weit menschlich waren wie jene auf der Treppe. Wie ein schäumendes Meer dehnte sich diese Knochenhalde vor uns aus, manche Gebeine zerfallen, andere ganz oder teilweise als Skelette erhalten; Letztere lagen meist in Verrenkungen höllischer Panik, als hätten sie etwas abgewehrt, manche grapschten in kannibalischer Absicht nach den anderen.

Die gestandenen Männer straucheln, halten den Anblick, der sich ihnen darbietet, kaum aus. Einer der Forscher, ein Anthropologe, datiert einige der Schädel noch vor dem Piltdown-Menschen, eine entartete Mischung seien sie, andere wiederum stammten von hoch und vernünftig entwickelten Arten. Des Weiteren gibt der Menschenforscher an, dass sich einige von ihnen wohl auf allen Vieren fortbewegt haben müssen. Zwischen all diesen Gebeinen Rattengerippe.

Ein Entsetzen löste das nächste ab, als wir anfingen, die architektonischen Überreste zu erforschen. Die vierbeinigen Wesen waren – gelegentlich fanden wir auch Zweibeiner – in steinernen Pferchen gehalten worden, aus denen sie in ihrem letzten Hungerwahn oder aus Furcht vor den Ratten ausgebrochen sein mussten. Es hatte große Horden von ihnen gegeben, die man offenbar mit dem derben Gemüse gemästet hatte, dessen Überreste man als giftige Silage am Boden der gewaltigen Steinsilos finden konnte, die älter als Rom waren. Nun wusste ich, warum meine Ahnen so ausgedehnte Gärten angelegt hatten – ich bete, ich könnte es vergessen – und nach dem Sinn und Zweck der Horden will ich lieber nicht fragen.

Nyarlathotep in “The Dweller in Darkness” von August Derleth

Sie erforschen die verschiedenen Hütten, Gräber und Ruinen. Finden eine Fleischerei, Geschirr und Gekritzel an den Wänden, das bis ins Jahr 1610 zurückreicht, ebenso Gebeine, die in verschiedenen Sprachen bekritzelt worden waren: Latein, Griechisch und der Sprache Phrygiens. Auch de la Poer wagt es in eines der Häuser zu gehen und entdeckt dort in einer der steinernen Zellen ein Skelett der höher entwickelten Klasse, an dessen Zeigefinger ein Siegelring mit seinem Familienwappen blinkt. Einer der Forscher übersetzt den anderen Anwesenden ein altes Ritual und berichtet über den vorsintflutlichen Kult, den die Priester der Kybele mit dem ihren vermengt hatten, und über die Art ihrer Ernährung.

De la Poer beobachtet wie sein Kater “Nigger-Man” durch all das Grauen unbeirrt hindurchschleicht, er wundert sich über seine Seelenruhe, sieht ihn einmal auf einem Berg von Knochen thronen, und fragt sich, welches Geheimnis sich hinter seinen gelben Augen verbirgt. Beinahe in einen Abgrund gestürzt, verfällt er dem Wahnsinn, er sieht seinen alten schwarzen Kater wie einen geflügelten ägyptischen Gott an sich vorbeischießen, geradewegs in den unendlichen Abgrund hinab ins Unbekannte. Er vermeint, die Ratten kommen, um ihn in einen der Schächte zu stoßen: wo der verrückte, gesichtslose Gott Nyarlathotep blind in der Finsternis zur Musik von zwei idiotischen Flötenspielern vor sich hinheult. Seine Lampe erlischt, de la Poer fällt dem Wahnsinn anheim:

Ich hörte Stimmen … Gejohle … hörte Echos … doch vor allem dieses gottlose, heimtückische Trippeln, es erhob sich langsam, langsam, wie eine steife, aufgeblähte Leiche aus einem öligen Fluss, der unter endlosen Onyxbrücken hindurch in ein schwarzes, fauliges Meer strömt. Etwas berührte mich – etwas Weiches und Fleischiges. Es müssen die Ratten gewesen sein; dieses bösartige, schwabbelige, gierige Heer, das die Toten und die Lebenden frisst … Weshalb sollten Ratten nicht einen de la Poer fressen, so wie ein de la Poer Verbotenes frisst? […] Nein, nein, ich schwöre euch, ich bin nicht der dämonische Schweinehirt aus der Zwielichtgrotte! Es war nicht Edward Norrys’ fettes Gesicht auf jenem pilzigen, schwammigen Ding! Wer sagt, ich sei ein de la Poer? Er hat überlebt, aber mein armer Junge ist tot! … Soll denn ein Norrys die Ländereien eines de la Poer bekommen? … Es ist Voodoo, sage ich euch … die gestreifte Schlange … Sei verflucht, Thornton, ich werde dich lehren, in Ohnmacht zu fallen, bei dem, was meine Familie tut! … Beim Blut, du Stinktier, ich will dir zeigen, dass es dir schmeckt … […] Magna Mater! Magna Mater! … Atys … Dia ad aghaids ‘s ad aodaun … agus bas dunach ort! Dhonas’s dholas ort, agus leat-sa! … Ungl … ungl … rrlh … chchch …

Drei Stunden später finden sie de la Poer kauernd in der Dunkelheit über dem halb aufgefressenen Körper von Captain Norrys. Er wird in eine Zelle in Hanwell gesperrt, Exham Priory wird gesprengt, seine Katzen werden ihm genommen. Man tuschelt über seine Erbanlagen, will, seiner Meinung nach, die Wahrheit über die Geschichte dieses Anwesens vertuschen.

Sie müssen erfahren, dass es die Ratten waren, diese wuselnden, scharrenden Ratten, deren Huschen mich nie wieder schlafen lassen wird; diese dämonischen Ratten, sie flitzen hinter den gepolsterten Wänden dieses Raumes hin und her, sie rufen mich hinab ins größte Grauen, die Ratten, die sie einfach nicht hören, die Ratten, die Ratten im Gemäuer.

Bezüge zu anderen Werken

Weder Hoffmann noch Huysmans hätten eine solch unglaubliche, abstoßende Szenerie ersinnen können oder eine schaurigere Groteske als die, durch die wir sieben taumelten […], schreibt Lovecraft selbst in seine Geschichte hinein, lässt de la Poer als belesenen Kenner der Horrorliteratur erscheinen und lobt zugleich sich selbst, eine solche entworfen zu haben. Insbesondere mit Huysmans nimmt er Bezug auf dessen Roman “Tief unten”, in dem ein dekadenter und lebensmüder Literat zur Zeit des Fin de Siècle sich mit dem Satanismus beschäft, um dem vorherrschenden Zeitgeist, den er ablehnt, zu entfliehen.

Aber auch von anderen Werken, schreibt Joshi, ist diese Erzählung möglicherweise befruchtet. So könnte die “Legende von den Ratten” wohl aus S. Baring-Goulds “Curious Myths of the Middle Ages” (1869) entsprungen sein, ein Buch, das Lovecraft in seinem Werk “Das übernatürliche Grauen in der Literatur” erwähnt und würdigt. Sicher ist sich Joshi allerdings hierbei: “Die gälischen Satzfetzen, die de la Poer am Ende der Erzählung ausstößt, sind wörtlich aus Fiona Macleods “The Sin-Eater” entnommen, einer Erzählung, die Lovecraft in der von Joseph Lewis French herausgegebenen Anthologie “Best Psychic Stories” gelesen hatte.” Jedoch auch Irvin S. Cobbs Erzählung “The Unbroken Chain”, die in COSMOPOLITAN im September 1923 erschien, lässt er nicht außer Acht, da er sie ebenso in seinem Großessay erwähnt und auch in einem Brief berichtet, sie gelesen zu haben. Sie erzählt von einem Franzosen, der sich einem seiner Ahnen erinnert, ein Negersklave, der 1819 aus Afrika in die USA gebracht worden ist und von einem Zug überfahren wird. Der Franzose durchlebt seine durchschlagenden Ängste, irgendein Atavismus, ein Trieb, ein Primitivismus: wie z.B. die afrikanische Sprache, könne bei ihm durchbrechen und seine Blutlinie verraten. Eine durchaus rassistische Erzählung, geprägt von Angst, Abscheu und Ignoranz.

Darüber hinaus soll Lovecraft in einem seiner Briefe aus dem Jahre 1936 erwähnt haben, dass er zu “The Rats in the Walls” von “einem äußerst alltäglichen Ereignis angeregt wurde – dem nächtlichen Rascheln einer Tapete und der daraus resultierenden Kette von Phantasiebildern”. Und auch ein Eintrag im  “Commonplace Book” lässt an Exham Priory denken: “Schreckliches Geheimnis in der Gruft eines alten Schlosses – entdeckt von Bewohner.” Vielleicht beeinflusst von seiner Lektüre “The Lair of the White Worm” von Bram Stoker.

Alte, noch ältere und äußere Götter

Kybele, römisch, um 50 n. Chr., J. Paul Getty Museum, Malibu

Neben Nyarlathotep werden hier mit dem Kybele- und Attiskult auch irdische Gottheiten von Lovecraft mit ins Boot genommen. Kybele, die Göttermutter vom Berg (kurz: Magna Mater), die bis in die Spätantike im gesamten Römischen Reich gemeinsam mit Attis verehrt wurde, dient hier mit ihrem Geliebten einem geheimen und besonders pervertierten Kult, der mit der Ausübung des ursprünglichen kaum mehr etwas zu tun haben dürfte. Interessant, dass Lovecraft sich gerade für diesen entschieden hat, ihn funktionalisert, um einem Zirkel, dessen Blutlinie Jahrhunderte überdauerte, ein religiöses Motiv zu geben. Inwiefern mit diesem Kult die Mitglieder ihr Handeln jedoch als legitimiert betrachten, bleibt unklar. Fraglich ist auch, wie weit dieser von de la Poer vorgefundene Kult in die Zeit zurückreicht, wann er seinen Ursprung hat, denn es werden auch Schädel von Menschen gefunden, die aufgrund ihres Aussehens noch vor den Piltdown-Menschen von einem der Forscher datiert werden. Wie wir aber seit 1953 wissen, ist der Schädel des sog. Piltdown-Menschen als Fälschung entlarvt worden. Eine Tatsache, von der Lovecraft nichts wissen konnte, starb er doch etliche Jahre zuvor. All das kulminiert für de la Poer in Nyarlathotep, auch bekannt als das “kriechende Chaos” oder das “personifizierte Böse” (da er auch physische Gestalten annehmen kann). Älter als die Zeit selbst sei er, hungrig unter den Menschen Wissen zu verbreiten (häufig als Gelehrter). Unseren alten Göttern noch ältere und mächtigere voranzustellen, ist ein allgemein bekannter aber sehr interessanter Kniff Lovecrafts, bei dem er zeigt, wie verderbt und entartet die unsrigen durch sie sind. Wie zwischengeschaltete Medien erscheinen sie, durch die die älteren Gottheiten wirken. “Nigger-Man”, der wie eine geflügelte ägyptische Gottheit in den Abgrund schießt, scheint Zugang zu dieser dem Menschen fremden Welt zu haben. Dafür spricht zum einen, dass er und die anderen Katzen, zuerst auf die Ratten reagierten, wie auch de la Poer recht bald (aufgrund seiner Blutlinie), während die Bediensteten nichts hörten und ausmachen konnten. Und zum anderen, das Verhalten des Katers während der Expedition der Forscher: seelenruhig thront er auf den Knochen, unberührt von all dem Grauen. Katzen wurden im alten Ägypten verehrt, als Haus- und Nutztier gehalten, mumifiziert, und als Gottheit (Bastet) angebetet. Und auch heute noch spricht man ihnen zu, Verbindung mit jenseitigen Welten zu haben. Lovecraft, der tatsächlich mit einem Kater namens “Nigger-Man” zusammenlebte, wird um diese Sensibilität seines Samtpfoters gewusst haben und widmet ihm und seiner Art, nebst einem Essay, die Kurzgeschichte “Die Katzen von Ulthar”.

Die anthropologische Geschichte einer epochenüberdauernden Enklave und der Fluch eines genetischen Codes

Nyarlathotep als “Black Man” in H. P. Lovecrafts Story “The Dreams in the Witch House”

Mit dem Fund des Forschersteams um de la Poer gelingt es Lovecraft seine Protagonisten enorm weit in die vergangene Zeit blicken zu lassen. Doch auch schon die Legenden der Bauern, wie auch der weit zurückreichende Stammbaum der Familie de la Poer und die teilweise bekannten Details ihrer Geschichte, reichern die Atmosphäre derartig an, dass wir früh spüren, wie es unter den Geschichten und der vermeintlichen Bauernfolklore schwelt. Die Architektur und Anatomie Exham Priorys trägt zudem wesentlich dazu bei, handelt es sich bei diesem Anwesen doch selbst um ein Relikt diverser, längst vergangener Zeiten. Die Geschichte dieser geheimgehaltenen Enklave wird an der Blutlinie der de la Poers und ihrem grausigen Erbe nachvollzogen. Entartung und Primitivismus sind die Schreckensbilder, mit denen Lovecraft arbeit. Er beschreibt nicht nur einfach die Angst des Ich-Erzählers: durch seine genetischen Anlagen zu diesen Vorfahren zu gehören, die diesen brutalen Kult zelebriert haben, er lässt ihn dieses Erbe antreten, da de la Poer am Ende kauernd vor dem halb aufgressenen Körper Captain Norrys’ gefunden wird. Er räumt damit, neben den Großen Alten, auch dem genetischen “Programm” des Menschen eine große Wirkmacht ein, er versteht es in diesem erzählerischen Kontext gar erst als ein – sobald es durch etwas aktiviert wurde – unwillkürlich ablaufendes. Ein absolut fataler Gedanke, denn das heißt nichts anderes, als dass Moral, Ethik und Vernunft nichts als Seifenblasen in einem solchen Kosmos sind. Als Fluch wird dieses Erbe von den Bauern gesehen. Ein Fluch, der auf die solche Gottheiten wie Nyarlathotep zurückgehen mag. Der Fluch des genetischen Codes wird stark von Bildern des Ekels begleitet, wofür zunächst einmal die Ratten und ihre Darstellungsweise sprechen, die seit Menschengedenken als Plagegeister und Todbringer (fälschlicherweise hielt man sie im Mittelalter für die Überträger der Pest) gelten. Ihre Kulturgeschichte ist eine lange und grausame. Und so dienen sie auch Lovecraft als symbolkräftige Tiere, die sich dort aufhalten, wo Grausames passiert, oder: sie fungieren selbst als Boten des Grauens, angelockt von Nyarlathotep und seinen zwei Flötenspielern. Wer denkt da nicht auch an den “Rattenfänger von Hameln”. Jedoch besonders das Bild vom Schweinehirt in der Grotte, das de la Poer als immer wiederkehrender Albtraum plagt, birgt den Ekel par excellence in sich. Schimmelüberwuchert und aufgedunsen sind die Schweine, die samt ihrem Hirten von einem Rattenheer gefressen werden. Der Hirte und seine Schweine stehen dabei für die de la Poers und alle, ebenso die Opfer, an dem Kult Beteiligten. Das Motiv des “Guten Hirten” als nicht minder pervertiertes, das zeigt, zu was für einem Pfuhl diese Kultstätte verkommen ist. Lovecraft misst dem Traum damit eine große Bedeutung bei, versteht ihn als einen weissagenden Translator, und belegt damit die Existenz der Großen Alten.

Erotik im literarischen Horror

American Horror Story © FX

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

Studie von Leonardo da Vinci von 1492, aus der Perspektive des Forschers zur Erklärung der Vorgänge des männlichen Orgasmus und der Befruchtung

Einzig die Fortpflanzung, der Fortbestand unserer Art braucht die Differenz der beiden Geschlechter. Den Samen des Mannes, die Eizelle der Frau. Besonders aber die Tatsache, dass wir zu den Säugetieren zählen, spielt beim Eros, wie auch beim Horror und wie wir ihn wahrnehmen, die entscheidende Rolle. Bindungswille und Bindungserfahrung sind für uns nicht nur überlebenssichernde Faktizitäten, sie befähigen uns auch zur Kunst, zur Poesie, zur Musik, ganz allgemein zur Phantasie. Und zu guter Letzt zur Liebe. Verlust und Sehnsucht. Schmerz und Freude. Jedoch öffnen sich somit auch die Tore zur Angst, aufgrund dessen, dass diese Faktizitäten gegeben sind. All das, weil wir ein Soma haben. Eines zudem, das stetig den Anschluss zur Welt sucht. Nur sind diese seelisch-somatischen Nabelschnüre keine sichtbaren, wie die eine, die uns einst mit dem Mutterkuchen verband. Das mag uns stark an eine Matrix erinnern, wie sie in der Literatur und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre, immer wieder zum Gegenstand wurde. Ebenso erinnert es an Gigers Biomechanoide und ihr Angeschlossensein. An die Mutter, das Kind, die Welt, das Leben selbst. Der seelische Ausdruck wird uns und unserer Umwelt durch unsere Körper, unser Erscheinungsbild gewahr. In dem von mir sog. Soma, so, wie ich es verstehe. Der Seele und wie sie sich darin zeigt. Auch in ihrem Horror.

Die Angst, die ein gewaltiger Niederschlag in unseren Körpern ist. Die ihrerseits, droht Gefahr, sofort reagieren. Unsere Härchen stellen sich auf, wir machen uns größer. Die Atmung und der Puls beschleunigen sich, wir sind zur Höchstleistung bereit. Der Angstschweiß lässt uns glitschig werden, damit Feinde uns nicht greifen können. Die Regenbogenhaut akkommodiert unsere Pupille, sie vergrößert sich, als rängen wir im Dunkeln nach Licht. Hormonausschüttungen, wie die des Adrenalins, machen aus uns in den meisten Fällen, stocken wir nicht vor Angst, rasende Furien, die sich und ihre Lieben bis aufs Blut verteidigen würden. Was uns wiederum darin entlarvt, dass wir uns nicht nur durch das Unbekannte, das Fremde definieren, sondern dass wir uns auch als zugehörig erfahren, als nicht monadisch, Säugende und Sorgende sind. All das, was wir seit der Entstehung im Mutterbauch durch unsere uns gegebenen Sinne erleben. Kultur und Familie spielen dabei die größte Rolle. Und auch sonst einfach alles, was zur Sozialisation eines Menschen hinzugezählt werden darf. Darüber hinaus betrachtet die Wissenschaft noch andere uns prägende Aspekte, die sich mit den Memen als auch mit dem genetischen Gedächtnis beschäftigen. Der Evolution im weitesten Sinne. Also der Veränderung / Transformation der Wesen in Abhängigkeit zu ihrer sich ebenso stets verändernden Umwelt. Und es scheint, trotz allen Wandeln, denen wir unterliegen, so etwas wie Urformen des Horrors zu geben. Ängste, die entgegen allen Fortschritts, oder auch wegen diesem, doch in ihrem Wesen, seit den ersten Menschen und der Sage vom Garten Eden, in der Welt existieren, wenn sie auch in ihrer Erscheinungsform sich stets verändernde sind. Wir erkannten, dass wir nackt waren. Und somit zog neben dem Eros auch der Horror in die Welt.

Nehmen wir nur einmal diverse Protagonisten, die uns nach dem Leben trachten, um ihren eigenen Bestand zu sichern, wie sie in der Phantastik, der Grusel- und Horrorliteratur dieser Welt zu finden sind. Seien es Vampire, Werwölfe, Hexen, Zombies, Ghule, Dämonen, Mumien, Geister und andere bizarre Wesen. Einige entstammen den Märchen. Andere wieder Reichen, die dem Glauben entspringen. Und ganz andere lassen uns spüren, dass der Tod ein jenseitig eigenes, undurchmessbares Reich darstellt. All jenen Aufgezählten begegnen wir jedoch schon in diesem Leben, zwischen Himmel und Hölle, je sensibler wir sind. Wir können sie uns vorstellen, wir phantasieren, vermuten, spüren, nehmen wahr. Wir werden ansichtig. Sie beleben uns, wie wir sie beleben. Und beileibe, das ist das, was wir seit frühester Kindheit können.

Da ist was.

Was ist das?

Das Was. Ein Etwas. Das noch Undefinierte / Unbekannte. Der Phantasie Freigegebene. Ein Es. Wie wir es seit eh und je kennen, ohne es zu kennen. Oder wie es uns Stephen King mit seinem Roman Es eindringlich aus der Sicht von einer Gruppe Kindern geschildert hat, die sich und ihre Sexualität in ihrer, der sie umgebenden Umwelt, entdecken. Hier geschieht dies besonders in Abgrenzung zu den Eltern und allen anderen erwachsenen Einwohnern der Stadt. Zusammengenommen, und das bildet die Kluft: zu den ihrer Kindheit entwachsenen. Wir entdecken, decouvrieren, blößen und werden geblößt.

“Sinnenrausch” von Franciszek Żmurko, um 1890

Die Sexualität des Menschen, das Erwachen jenes Selbst, das des anderen Geschlechts und des eigenen gewahr wird, des Lebens und woher es kommt, wie es sich gebiert und stirbt, und immer wieder gebiert. Der Eros oder die Erotik, die sich mit dem Trieb Thanatos verbindet. Der Liebesakt, der schon lange als ‘kleiner Tod’ bezeichnet wird, trägt dieses voneinander untrennbare, sich bedingende Verhältnis vom Horror und der Erotik in sich.

Den Begriff der Erotik möchte ich hierbei jedoch als einen in seiner Erscheinungsform zu Tage tretenden verstanden wissen, also als einen, der als konturierender fungiert, der seine (Vor-)Züge darbietet und preisgibt, während der Begriff des Eros für mich der grundlegend motivierende, der lebenskonstituierende ist.

Schon Poe formulierte einst, durch den Tod seiner jungen Frau geprägt:

„Der Tod einer schönen jungen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“

Morbidität und nekrophile Züge, wie wir sie auch in Poes Werken finden, sind besonders in der Horrorliteratur keine Seltenheit. Die Monstrositäten, die wir uns erschreiben und erlesen, sind so faszinierend und phantastisch, wie wir selbst es sind. Dass hierbei dem Begriff des Ekels ein tragender Stellenwert eingeräumt werden muss, liegt, denke ich, nahe, da sich diverse Ängste in diesem auf mannigfaltige Weise äußern. Der Ekel vor Tieren, vor Essen, dem Geschlecht, vor anderen Menschen, vor Krankheiten usw.. All das, was uns aus Erfahrung von Generation zu Generation noch immer vorsichtig sein lässt. Wie wir z.B. nichts Verdorbenes oder uns ganz und gar Fremdes, hat es noch niemals unseren Magen-Darm-Trakt passiert, essen oder erst einmal nur mit Vorsicht genießen sollten. Unser Magen reagiert sofort. Auch Tiere können uns gefährlich werden, wie wir wissen. Sporen, Bakterien und Viren können uns krank machen. Die Überträger sind nicht selten wir. Die Anderen. Der Andere. Alles, was uns daran erinnert, dass wir sterblich und endlich sind. Der Ekel vor dem Leben, dem Zerfall. Dass das aber alles mit irrationalen Ängsten einhergehen kann, wie sie sich z.B. in Phobien und Zwangshandlungen manifestieren und äußern, liegt nicht selten an wiederum anderen, heutigen neuen Ängsten, die den Menschen im Zuge des Fortschritts in die Mangel nehmen, die ihrerseits an eben diesen Urängsten und ihren Erscheinungsformen rühren. Interessant ist dabei aber doch, obwohl wir mit unseren Vorfahren nicht mehr die selben Habitate, und wie sie in ihnen lebten und überlebten, teilen, dass wir uns grün darüber sind, dass die Fressen-und-Gefressenwerden-Angst, jene, die uns unsere Sterblichkeit besonders vor Augen führt, eine nicht zu eliminierende und ständig vorherrschende ist. Waren es früher Tiere, die uns potenziell reißen konnten, ist es heute die Diktatur des Kapitalismus.

aus American Horror Story © FX

Und wieder, spätestens mit der Industrialisierung, verloren Mann und Frau ihre geschlechtliche Identität auf eine neue und andere schmerzliche Weise, die bis dahin schon durch die kirchliche Doktrin und ihre Teufelspsychose gemartert worden war. Sie verloren ihre aus der Trennung voneinander resultierende, aus sich selbst gegebene Vorstellungskraft, die eine sich gegenseitig nährende ist. Wir wurden selbst zur Ware. Zu einer Stuff-only-Gesellschaft. Unser Sexus, die eigentliche Kraft, die uns in allen Lebensbereichen unsere Positionen finden lässt und befeuert, ausverkauft. BDSM-Praktiken, in denen wir unsere Sexualität und unseren Schmerz vor allem durch Rollenspielhierarchien erfahren, in denen das unschuldige, das liebkosende Element völlig fehlt, sind die Folge. Sie sind gar zu einer Erlebniskultur von wirtschaftlichem Interesse geworden. Zwar ist die uns gegebene Fähigkeit zur Pervertierung etwas, das es uns auch ermöglicht weiterzumachen, die Dinge für uns zu wandeln, sie zu nutzen, wie sie uns benutzen, jedoch erinnert es uns allenfalls an einen Schmerz durch einen gesetzten Schmerz. Wir lernen darüber nicht, ihn auch wieder durch die Freuden und Zuwendungen zu empfinden, die wir in der Vereinigung beim Liebesakt erfahren. Und zwar dann, wenn wir uns nicht allein nur in eingleisigen Rollen begegnen, die eine Repräsentative eines Systems darstellen, das uns unentwegt Gewalt antut. Dann, wenn wir uns im und durch den Liebesakt mit oder ohne Rollenspiele demaskieren, fern eines jeglichen Leistungsdrucks. Ohne den auszukommen wir immer weniger in der Lage sind und sein werden. Wir verunmöglichen uns.

“Adam and Eve” von William Blake, 1808

Dem steht die Literatur, stehen die Künste entgegen. Vielleicht letzte Bastionen, Spiegel unserer Seele, solange wir das Du noch aufrecht erhalten können, die diese, unsere Monstrositäten verstoffwechseln, in denen wir uns spiegeln und uns auch erkennen. Das, was uns Angst macht, uns durchdekliniert und eintreibt. Wir müssen selbst zu Monstern werden, um zu verstehen, was das sich Zeigende ist. Wir phantasieren, pervertieren und erzählen. Und das ist auch notwendig. Der Horror, dem wir uns seit der Verweisung aus dem Paradiese, dem hortus conclusus ausgesetzt sehen, erfährt durch die Literatur Kontur. Die Erotik kann hierbei als ein evozierendes Moment verstanden werden, als auch als ein Verletzliches, Bedrohtes. Dass Mann und Frau, die Geschlechter selbst in all ihren Attributen ebenso monströse und bizarre Erscheinungsformen annehmen können, steht außer Frage, und gilt ebenso für ihre Fähigkeiten, die sie darüber und in der Konfrontation mit dem Horror ausbilden und erlangen. Anders wiederum verhält es sich, sind sie, die Geschlechter, selbst Gegenstand des Horrors, der aus ihnen erwächst. Eddie M. Angerhubers Visionen von Eden gibt hierfür ein grausames Beispiel. Sie erzählt von einer verfallenen Post-Armageddon-Stadt, in der nur wenige überlebt haben. Und das nur, weil sie sich vom Fleisch der Toten ernähren, die sie noch finden – und deshalb auch weiterhin überleben – und sich zu einer neuen Art entwickeln, die doch nur als Kinder der Untergegangen zu verstehen ist. Als tierisch, hungrig und krank werden sie beschrieben. Wir finden Frauenkörper in Verschlägen, denen teilweise der Kopf, die Arme und Beine fehlen, die von einer Art Elektromotor betrieben werden, da Kabel in ihre Stümpfe laufen, der sie durch unregelmäßige Entladungen zu heftigen Zuckungen veranlasst. Torsi, die von invaliden Männern zum Kopulieren genutzt werden. Wir befinden uns in einer Welt, in der der Mensch sich mutterseelenallein vorfindet. Hier hat der Horror die Erotik sogar getilgt. Und doch ist sie im Eros, in den toten Torsi der Frauen noch enthalten, auch wenn sie nicht wirklich stattfindet. Da es tatsächlich ausschließlich Frauenkörper sind. Keine Männer-, Kinder- oder Tierkörper. Oder gar etwas anderes. Wenn auch beidseitig alle Reanimationsversuche fehlgehen. Die der Männer, da sie mit einem toten Frauenkörper kopulieren. Wie auch die Körper der Frauen, die durch die Stromstöße nur scheinbar belebt werden. Es zeigt, dass wir vermöge sind in den feindlichsten und unwirtlichsten Umgebungen zu überleben. Doch zu welchem Preis?

“Odysseus zwischen Skylla und Charybdis” von Johann Heinrich Füssli, um 1794 / 96

Schauen wir uns den Lovecraftschen Horror an, finden wir uns in ebenso lebensfeindlichen Welten wieder, in einem Kosmos „der großen Alten“, in dem wir uns weniger als Pfifferlinge wert fühlen. Hochgradig unwirtliche Welten, in denen aber doch, schaut man sich Studien an, die das Werk H. P. Lovecrafts unter Zuhilfenahme seiner Biographie betrachten, der Eros, die Erotik eine ganz und gar pervertierte Rolle spielt. Wir wissen, dass sich der Autor vor allem, was aus dem Meer kommt, geekelt hat. Wir wissen, dass es ihm Zeit seines Lebens kaum vergönnt war eine gesunde und intakte Beziehung zu führen. Worte der Liebe waren ihm unmöglich. Wir wissen, dass seine Mutter ihm Mädchenkleider angezogen hat. Nun mag man einwenden, dass ein Werk nicht den biographischen Schlüssel zur Not hat, es mit einem solchen gar zu einer eindimensionalen Leseerfahrung im Modus einer Psychoanalyse kommt. Aber doch ist auch das ein Weg ein Werk zu erfahren. Besonders die Fischartigen wie z.B. Cthulhu oder Dagon, die dem Meer zugeordnet sind, werden als abnorme Wesen ausgedeutet, die in ihrer Gestalt, unter genau dieser Prämisse, einer Sicht auf beide Geschlechter entspringen, die als bedrohlich, vernichtend, mit einem starken Ekel einhergehend empfunden wird. Ähnlich wie wir es auch von der vagina dentata kennen. Oder von den Ungeheuern Charybdis und Skylla aus Homers Odyssee, die jene Meeresenge bewachen, die in der Argonautensage von Iason mit der Argo passiert wird.

Ganz anders verhält es sich mit dem Vampir, unserem wohl populärsten Wesen der Grusel-, Schauer- und Horrorliteratur, der hier herausgehoben sei, obgleich es noch viele andere faszinierende Kreaturen gibt. So hat Joseph Sheridan Le Fanu mit seiner 1872 erschienenen Novelle Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, dem genau dieses Werk für seinen epochemachenden Dracula zur Inspirationsquelle wurde. Und hat sich nicht auch Lawrence Durrell in Pursewardens Erzählung schwärmerisch ausgelassen über ein Rendezvous mit einem Vampir? Und noch weit davor Philostratos, der die Geschichte einer untoten Empuse erzählt, die nach allen Regeln der Kunst einen schönen Jüngling verführt? – Insbesondere die Romantiker waren es, die die erotischen Vamps zur Metapher erblühen ließen. Die vielleicht sinnlichste Vampirin aller Zeiten wurde jedoch von Théophile Gautier ersonnen: Die Kurtisane Clarimonde, die den jungen Priester Romuald in Liebesraserei versetzt. „Ich habe geliebt wie kein Weltlicher jemals geliebt hat“, gesteht er, dem Clarimonde mit einem Stich ihrer goldenen Haarnadel die Adern öffnet. Behende stürzt sie sich auf die Wunde, die sie mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Wollust aussaugt. Ein Wesen also, das es schon immer vermochte in allen Genres der schreibenden Zunft zu hausen, nach dem Blute zu gieren, aus dem es entspringt und dabei, durch verschiedene Kulturen geprägt, seine ganz eigene Genese erfahren hat. Das nicht tot zu kriegen ist. Wie denn auch?! Ihm / ihr beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den Sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten? Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen, es zu werden. Und so erfüllt, in all seinen diversen Erscheinungsformen, in seinem Bedürfnis nach Erlösung, das aus seinem Daseinszustand resultiert, besonders der Vampir für mich den Superlativ einer Sirene. Er ist die Personifizierung des betörend abgründigen Gesangs jener fischschwänzig Wissenden, die uns und unser Geschlecht ganz gut kennen, die nicht wenige in die Tiefe gerissen haben, haben sie es auf ihrer Odyssee nicht schnell genug geschafft, sich die Ohren mit Wachs zu verpropfen. An was es uns mangelt, nach was es uns ruft, zeigt uns der Vampir auf eine gewaltige Weise, besonders weil das mit Blut geschriebene Elektrokardiogramm feinste Ausschläge nachzeichnet, wie uns die Autoren der einzelnen Genres lesen lassen. So auch Michael Perkampus, der in dieser kurzen Impression, das Wesen der Liebe und die mit ihr verbundene Furcht zu zeigen vermag:

Vampyradonna

„Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt!“
Die Vampirin erschrickt, nackt. Ihr Mund ist erschöpft, ihre Brüste schneeweiß.
„Schau dir diese Sauerei nur an!“ Er hält seinen Arm vom Körper weg, sie schaut dem Tropfen des Blutes zu. Sie weiß nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt veranlasste, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seine Leidenschaft wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt.
„Wenn ich von dir lasse, wirst du sterben.“
Er tollt herum, jetzt außer sich, weil er weiß, dass sie recht hat. Er dreht sich im Kreis.
„Jetzt ist es genug! Du musst mir gehören!“
Er sackt auf die Knie, der Arm ist angebissen. Wenn er so an sich herabschaut, dann sieht er noch viel mehr Wunden. Sie geht langsam auf ihn zu, ganz das verschüchterte Ungeheuer.
„Geh weg!“
„Wenn du das wirklich wolltest …“
Die Bäume rauschen, bilden einen dunklen Chor. Die Nacht ist mondhell, die Vampirin kommt näher. Er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun. „Du verblutest, wenn ich nicht …“
Nur Blut; ihm schwinden die Sinne.
„Wenn ich nicht weitermache“, beendet sie den Satz.
„Was bist du?“
„Aber ich bin doch nur wegen der Nacht und wegen dir hier!“
Schon kommt der Tod, seine Arme fuchteln, Blutrubine spritzen davon, während er fällt, nach frischem Eisen duftet. Sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen. Er verblutet und sie kann nichts weiter tun, als sich so allein neben der Leiche zu fürchten.

“Hexenkopf” von August Natterer, Sammlung Prinzhorn, um 1915

Ein weiteres, kaum bekanntes aber doch sehr spannendes Kuriosum – und daher sei es hier aufgeführt – ist das Old-Hex-Syndrom, das dem des Vampirs in seinem Wesen verwandt ist und das wir am ehesten bei den Romantikern verstoffwechselt sehen. Eine wahre Horror-Erscheinung. Nicht wirklich ergründet, befiel es viele Schreiber zu jener Zeit. Vor allem junge Männer, die zwischen 20 und 35 Jahre alt waren. Heute ist dieses Phänomen auch in medizinischen Fachkreisen durchaus bekannt. Es beschreibt den Augenblick zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Seele langsam abgleitet – wir wissen nicht, wohin. Auf einmal erscheint sie: ein altes Weib: die Hexe, obgleich sie zuvor vielleicht eine junge schöne Verführerin war. Sie nähert sich dem Bett, umkrallt mit eisernem Griff die Schulter des Beinaheschlafenden, legt sich wie Blei auf die Brust des jungen Mannes – ein völlig realer Eindruck, wie Walter von Lucadou von angsterfüllten Patienten erfuhr. Das Geschehen ist unheimlich, grauenhaft: das Atmen fällt schwer, der Bedrängte bekommt keine Luft. Das erinnert stark an die Kippbilder, die uns zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln anregen. Wie es auch Charles Baudelaire in Die Verwandlung des Vampirs zu zeigen imstande war:

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, …

Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt, uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst …, wieder versuchen. Wir sollten uns durchspielen, wie es die Autoren in ihren Geschichten tun bzw. ihre Protagonisten auch mit ihnen. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Daher noch einmal: Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum, wie bereits erwähnt, martern unser Geschlecht.

American Horror Story © FX

Und so kann ich mich fragen, ob es besonders das Horrorgenre ist, das am häufigsten mit erotischen Konnotationen und Expliziten durchwirkt ist, das sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen muss, als besonders pornes Genre zu gelten. Woran sich mir die wiederum die Frage schließt, was sind die Grenzen eines Genres? Was sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um von einem solchen, von uns bestimmten zu sprechen? Und wo nehmen wir sie her, um Zuweisungen zu machen? Meiner Auffassung nach gibt es sie nicht. Denn je mehr ich mich diesen Grenzen nähere, umso mehr weichen sie an vielen Stellen auf, werden durchlässig. Dass wir aber – bleiben wir der Einfachheit halber beim Genrebegriff – besonders im Horrorgenre weite Gefühlsspektren aufgeworfen vorfinden, wie wir es ebenso von der Erotischen Literatur kennen, mag an der existenziellen Verbindung der uns von Geburt an gegebenen zwei Fähigkeiten liegen: dem Vermögen Furcht und Horror zu empfinden, als auch vermöge zu sein, uns in einer Weise zu begegnen, die dem Gott Eros manchmal in nichts nachsteht. Schon gar nicht in der Literatur. Schon Platon war so schlau, fiktional oder nicht, Sokrates dem Leser von Diotimas Unterweisungen in Sachen Eros künden zu lassen. Und so kann ich festhalten: Die Horror-Literatur bietet die Erotik auf eine Weise feil, wie es andere Genres nicht tun. Wir empfinden ihn besonders durch unser Geschlecht. Dem Ich und Du. Weil es uns angeht, uns etwas versehrt und gefährdet. Der Horror und die Erotik. Das will zusammen. Will verstoffwechselt, pervertiert und gesponnen werden. Zwei enorme Sujets, die miteinander kollidieren und fusionieren. Was dem Einen zum Dirnenvorwurf gereicht, ist mir ein breites Spektrum, dessen Farben vom Existenzialistischen bis zum Phantastischen reichen.

 

Dieser Essay erschien bereits im >>>IF Magazin für angewandte Fantastik #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Neues vom Monster

Dass ich zwischen all den erstaunlichen Lebensphasen der letzten Jahre selbst an einem Monster schreibe – und es ist ein Monster in all seinen Sprachexzessen – vergesse ich nahezu selbst oft ein wenig. Das liegt vor allem daran, dass ich es nirgendwo anbieten kann. Kein mir bekannter Verlag ist dieser Sprache und diesem Inhalt gewachsen. Das war nicht immer so, vor Jahrzehnten hätte ich ganz genau gewusst, wo ich mich verorte. Da aber gegenwärtig niemand schreibt wie ich es tue, ist das mehr ein Fluch als ein Segen. All meine Bemühungen, etwas konventioneller zu Werke zu gehen, erkannte ich als Anbiederung an die horrende Dummheit unserer Zeit, an die nackte Idiotie, die Künstler wie mich – weil überlegen – entweder in den Wahnsinn oder den Selbstmord treibt. Zum Selbstmord neige ich nicht, der Wahnsinn ist mein Stil. Was mir bleibt ist auch hier ein Privatdruck, der aber, anders als die Miskatonic Avenue, in den Amazon-Rachen geschmissen werden soll. Zufrieden bin ich damit nicht, aber wir alle haben uns die Welt so eingerichtet, wie sie jetzt ihre Giftklauen in uns schlägt. So haben wir es wohl zu ertragen. Man kann dadurch seine Egomanie auf die Spitze treiben (die ich aber gar nicht besitze, weil ich doch eher daran interessiert bin, Gutes als solches zu etikettieren. Kommt das Gespräch auf mich, halte ich mich natürlich nicht zurück, aber ich vermeide es, wo es nur geht).

Nun aber setze ich das Monster in seine notwendige Endform. Ansprüche hege ich keine, außer: der Meister der Monstermacher zu sein.

Grab in Baltimore

Zwei amerikanische Städte reißen sich um das Poe’sche Erbe. Da ist zum einen natürlich Richmond, das Poe als seine Heimat bezeichnete. Allerdings ist es Baltimore, wo sein Leben begann und endete. Geboren wurde er, während seine Eltern, die beide Schauspieler waren, in Boston unterwegs waren, seine Familienwurzeln sind jedoch fest mit Baltimore verwachsen – und hier ruhen seine sterblichen Überreste.

Es war Baltimore, in dem er Zuflucht suchte, als er mit seinem Pflegevater John Allan im Clinch lag und sich genötigt sah, dessen Haus zu verlassen.

Hier traf er auf seine künftige Frau, Virginia Eliza Clemm. Hier machte er seine ersten Schritte in Richtung desssen, was man als seine Karriere für die nächsten 17 Jahre bezeichnen kann. Vielleicht ist es ganz aufschlussreich, dass er, nach seinem Geburtsort befragt, Boston verleugnete und stattdessen Baltimore beanspruchte.

Sein Grab liegt in lot 27 im Westminster Burying Ground (Fayette und Green Streets).

Grand Accord

Zwei Dinge gibt es für mich heute zu vermerken. Gestern vor 203 Jahren wurde Edgar Poe in Boston geboren. Schmidt, der sich in vieles verkrankte, was der Gesellschaft im Großen und Ganzen zuwider war, mochte ihn wahrscheinlich wegen seiner stupenden Belesenheit, Baudelaire wegen seiner Necrophilie, die Surrealisten wegen des an einen Fluch gemahnenden Lebens, ich selbst mag ihn wegen allem. Bedenkt man, daß die Erzählungen, durch die man ihn heute nahezu überall kennt, nur einen kleinen Bruchteil seines Werkes ausmachen (mehrheitlich schrieb er Satiren und Grotesken), fragt man sich, was denn überhaupt von Poe gewusst werden kann. Vermutlich wurde er systematisch vergiftet, aus politischen Gründen. Das ist natürlich absurd in Anbetracht seines überhaupt unpolitischen Lebens – und daher wäre es beinahe folgerichtig.

Vielleicht hat es seine Gründe, warum ich mich heute durch einen Wust aus Notizen wühle (seit dem Umzug kam ich nicht mehr dazu und bin an sich ganz und gar mit anderen Dingen ausgelastet), um das Kerntyposkript für den nächsten Roman zu gliedern, für den ich den Arbeitstitel “Grand Accord” gewählt habe. Für das vor mir liegende Manöver habe ich mir eine neue Schreibmaschine bestellt, die allerdings noch nicht eingetroffen ist. Ich hoffe, sie hat den richtigen Ton.