Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: frühling Seite 1 von 2

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (9)

Sandsteinburg #44

»Meine Fresse, was sollen wir jetzt nur machen! Wir müssen doch irgendwas unternehmen!« Erich Wendler sprang um den zu Stein erstarrten Richard Finner herum. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann standen gemeinsam etwas abseits, denn man wusste nie, wie dieser unberechenbare Kerl reagieren würde. (Seit dem letzten Maifeuer, in das er laut brüllend seinen halben Hausrat geworfen hatte, weil keine Eier im Kartoffelsalat seiner Frau zu finden waren, blieb man lieber auf Armlänge von ihm weg. Das war das Mindeste!) Roland hatte sich nicht mehr auf die Lichtung gewagt, stand umständlich hinter einem Baum, obwohl er Bäumen im Moment nicht sehr nahe kommen mochte. Er wollte natürlich trotzdem sehen, was jetzt geschehen würde, aber eigentlich war er da, um sicher zu gehen, dass die Münze nicht irgendwo dort herumlag, wo Helmuts Überreste alles durcheinanderbrachten.

Das Odeln, wie man das Übergießen mit Jauche nannte, war bis zu diesem Tag, zu dieser Nacht, immer gut verlaufen. Es war eine dem Regelwerk entsprechende Strafe, natürlich eine Demütigung für jene, die sich gegen die Gemeinschaft versündigt hatten. War aber die Nacht an diesem Baum (und es war immer dieser Baum, es war nie ein anderer) überstanden, galt man als geläutert. Das Vergehen fand nie wieder Erwähnung, es war nicht mehr existent. Ungeschehen gemacht. Vorher jedoch wurde man an die Esche gebunden, bekam einen Kübel Gülle über den Kopf geleert und hing vierundzwanzig Stunden allein im Wald. Am Schlimmsten war die Kälte, nur am Anfang beeindruckten auch der fürchterliche Gestank und der Gedanke, dass man nicht nur in seiner eigenen Scheiße badete, sondern in der von allen. Essensreste, Blut – da war einfach alles vertreten. Es ging um die Gemeinschaft, also ging es auch um deren Produkte. Das hier war nicht mit einem Pranger zu vergleichen, man wurde nicht wie früher zur Schau gestellt und mit brennenden Scheiten traktiert, man blieb für sich allein und hatte Zeit zum Nachdenken. Die bekam man gratis obendrein. Nur im Winter verzichtete man auf die Prozedur, man sparte das Odeln auf, bis es wieder Frühling wurde – und es hatte schon einige gegeben, die sich sogar darauf freuten, einmal hier hängen zu dürfen, die temperierte Jauche auf der Haut. Die gab es, und es waren dieselben, die dabei in äußerste Erregung gerieten. Das musste anfangs sehr irritierend gewirkt haben. Irgendwann aber, da wurde man aus der Erfahrung klug, wurde das Schauspiel für eine ganz normale körperliche Reaktion gehalten. Beim Sterben, erklärte Dr. Hohenner, der einzige Arzt weit und breit, ergossen sich die Delinquenten sogar, wenn sie stranguliert wurden. Er faselte noch etwas von Alraunen, bevor er fließend zum Thema Gartenbau, vor allem zu seinen Kürbissen überging, die tatsächlich eine Größe erreichten, wie man sie nirgends noch gesehen hatte.

Der Baum wuchs aus dem Rachen Alfons Wendenschuchs, der hier begraben lag, und dem einst das Samenkorn unter die Zunge gelegt wurde. Um ihn rankten sich zu Lebzeiten nicht wenige Legenden. Eine davon besagte, dass er mit dem Teufel im Bunde stand, dem er in den einsamen und weiten Wäldern begegnet war. Andere sagten, dass er der Teufel selbst sei, der hier mit den Hammermühlen ein neues Spielzeug der Grausamkeiten erfand, dass die Schwerter, die aus seiner Schmiede kamen, bereits bei leichter Berührung der Klinge den Tod brachten. Man sagte, dass der Müller Kinheckl, der die Hammermühle, die heute als Wendenschuchs Mühle bekannt ist, zusammen mit seinen beiden Söhnen erbaut hatte. Als nun dieser Fremde auftauchte, der sich Wendenschuch nannte und eine Offerte zum Kauf der Mühle machte, lehnte Kinheckl ab. Kurz darauf geschahen diese beiden sonderbaren Unfälle mit den gewaltigen Hämmern, die Kinheckls beiden Söhnen das Leben kostete. Das erzählte man sich hier, um sich etwas zu gruseln. Schließlich war niemand dabei gewesen im Jahre 1499, als noch nicht einmal das Schloss in Kaiserhammer stand, selbst ein rätselhafter Bau, der nach außen hin nur Gleichgültigkeit verströmte.

An den Ufern der Eger entlang glühten die Essen bis tief in die Nacht – die wasserbetriebenen Hämmer rumorten wie der Höllendonner. Es musste ein Mordsspektakel gewesen sein. So konnte man sich leicht den Hades vorstellen. Wo Erze gewonnen, oder in Salinen gegraben wurde, da zog es auch die Alchimisten bald hin, die stets auf der Suche nach dem Urstoff, dem Weltgeist und den Stein der Weisen waren. Vielleicht war Alfons Wendenschuch einer von ihnen, aber wer wollte das heute noch wissen? Manchmal flüstert der Wind Zaubersprüche, die jeder schon gehört hatte, der hier längere Zeit lebte. Manche erzählten sich, der Wind gäbe in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse wieder, wie es früher die fahrenden Sänger taten, aber die Worte seien unverständlich, weil keiner die Sprache verstand und weil der Wind an verschiedenen Orten immer nur ein Wort oder einen Satz murmelte. Wieder andere schworen, dass der Wind Namen preisgab; wenn man Pech hatte sogar den eigenen, und man erläge dann dem Gesetzt der mystischen Schmiede, die über Leben und Tod wachte.

So gab es also viele sich widerstreitende Geschichten, wie sie überall auf der Welt in den abgelegenen Regionen zu finden sind, aber eines wusste man ganz genau zu bestimmen: Hier, unter diesem Baum, der sich nach oben hin zweiteilte, und der aus der Ferne aussah wie eine übergroße Zwiesel, lag der Stammhalter der Wendenmühle.

Frikative Labiale

Sandsteinburg #18

Ich bin im Schloss gewesen, denn dort lebten wir neben der schmerzlindernden Kanzblume am Flussrad, überginstert mit diesem morschen Zaun, der sich die Zähne aushob, frisch gebrochene Latten, von den Fähen im Trittbild wechselnder Schrittlängen mit dem Wildwuchs Hand in Hand (am Johannistag steckt in den Mulden Bergwohlverleih, um den Bilmenschneider zu verschrecken). Schandhaube oder Hahnenkamm, das Geschenk an dich. Es biegt sich um deine Nase, lässt sich für immer Frühling nennen, für immer aufgetanes Wunder, immer First auf Firsten, ochsenköpfig schneebebergt.

Die Novelle: hört es sagen von der abgerollten Rolle gelesen (als stünd’ er da in Stulpen) mit diesem Erlass (und kann die Kurrentschrift schlecht lesen) scharrt auf dem Podest, ein Knopf weist auf eine Schublade hin die unter dem Rhetor andere Rotuli enthält, Frikative Labiale (hier etwas Speichel in den Backenofen fahren lassen, an der Zunge zunken, wie eine Zitze zutzellen, schnaupen durch ein einziges Nasenloch, Atem pfeifend ausstoßen, Luft anhalten um einen roten Kopf).

Ungesehene Winkel

Sandsteinburg #17

Frühlingserwachen mit entferntem Honiggeruch, Kaffee weht schillernd durch den Flur, Schafscheiße ganz sanft im Rachen, prägnante Wolle, Pulloverpollen, der blühende Garten, tempus fugit. Aber er kann das Jetzt riechen, zumindest eine Femtosekunde lang, sogar die Linzer Torte von letzter Woche, deren Krumen im wasserblauen Kunstfaser-Flokati keimen. Und wer weiß: eines Tages hängen vielleicht Kuchen-Nüsse an den jungen Trieben, die Sonne Österreichs.

Alles rinnt den Bach hinunter & eigentlich wäre sie fast ersoffen, wenn nicht ein Lastwagen sie herausgezogen hätte, als schon der Sumpf derart nach ihr gierte, sie schlammdreckig zu machen wünschte (die Kleider klebten an ihrem Portemonnaie & außerdem unter ihrer Haut, durch die Poren drückten sich Moose, Schleimsand, Kraut, die Augen riesengroß / schwarz / rund: oxidierte Schädeldecke, von Fell voll; silbriger Bewuchs des Doppel=Balkons, die Stelzen ruderten quick, mit halber Kraft voraus. Der Lastwagen beschleunigte sauerstoffgegräßig, sie fasste die Anhängerkupplung; voller Schmiere das starke steife Stück. Zwischen ihren Fingern glibschte das Maschinenöl, spritzte ihr Reste ins Gesicht, der Auspuff föhnte ihr Haar zu einer ehernen Skulptur nach hinten. Als sie dann auf der Straße lag, keuchte das dunkle, fordernde Loch.

Autos hupten in langsamer Vorbeifahrt. Sie gehörte niemandem, sie gehörte jetzt niemandem.

Das Aufblitzen der Scheinwerfer eines sich nähernder Knudson-Taunus fräst für kurze Zeit einen gespenstischen Schein in die Nacht. Die Häuser entlang der Schlossstraße wirken wie übriggebliebene Kulissen aus Alain Resnais ›Letztes Jahr in Marienbad‹, wo die Komposition stets wichtiger ist als die Aktion, die Sinneseindrücke persönlicher als die Interpretation. Ansaugen, Verdichten, Arbeiten, Ausstoßen. Ein Schattenregister.

Gitternetz der Beobachtung: verschwunden ist das, was die Pupille nicht streift, ein ungesehener Winkel, möglicherweise ein Scheunentor, ein Stein unter der Brücke, ein Grashalm im Wasser neben dem eigenen Gesicht.

Etwas, das nicht getan wurde, das nie getan wurde, schleppt sich durch die Straßen, wird vielleicht von fremden Gezeiten geträumt, wird vielleicht im späteren Verlauf erinnert, kann nicht aus seiner Zelle entkommen, bleibt in der Wahrscheinlichkeit stecken, in einem falschen Hals, nur eine Gräte der Historie.

Hungrige witternde Rehe stehen unter geschlossenen Kronendächern und ein Fuchs schnürt unruhig um das Dorf, selbst Teil der Low-Key-Beleuchtung, ausgelöst durch versprengt herumeilende Himmelskörper. Die Zeit hat sich aus den Dörfern in die Städte zurückgezogen, in die großen, ruhelosen Metropolen, zu Neonlichtern, zu Fassaden, die pausenlos Reklame ausspeien wie Wahrsager. Die Städte sind ohne ein Jenseits, sind nur Gegenwart, Rotation und Umschlag, hingegen ist in den Dörfern die Zeit entschlafen. In all dieser Zeitlosigkeit aber funkeln bereitwillig Sterne über Schlaf und Traum und reinigen die Skulpturen menschlicher Behausung.

Natürlich sind es die Weiden

Algernon Blackwood wurde als adliger Viktorianer geboren und starb als Fernsehstar.

Bekannt ist er für seine atmoshärischen Edwardianischen Geistergeschichten. Sein John Silence stellt eine Verbinung her zwischen Le Fanus Van Hesselius und Hope Hodgesons Thomas Carnacki, was die Literaturgeschichte der ‘Psychodetektive’ betrifft, allesamt Ärzte oder Wissenschaftler. Allerdings wird diese Aussage seinem verblüffenden Werk nicht gerecht.
Im Laufe seines langen Lebens erwarb er nur soviel Besitz, wie in einem Koffer Platz findet und viele seiner gesammelten Notizen wurden bei einem Blitzschlag in das Haus seines Neffen zerstört, einer Katastrophe, bei der Blackwood selbst gerade noch mit dem Leben davonkam.

Sein Erwachsenwerden feierte er mit der Flucht aus dem repressiven christlichen Milieu seines Vaters mithilfe der Erforschung der Geheimnisse des Buddhismus und Blavatskys Theosophie; von der harten Disziplin und den klaustrophobischen Zuständen bei den Herrnhuter Brüdern am Rande des Schwarzwaldes, hin zu der feierlichen Unermesslichkeit der Wildnis selbst. Schließlich führte ihn sein Fluchtweg über die erhabenen Höhen der Alpen bis in die schneebedeckten Weiten des amerikanischen Nordens. Diese Spannungen zwischen Häuslichkeit und Wildnis, zwischen Gott und Natur, die so früh schon in ihm angelegt wurden, haben in ihm sein Leben lang nachgeklungen und seine Arbeit beherrscht. In beidem blieb er unbeständig. Seine Jugend war eine Wanderschaft zwischen Fehlstart und Frustration, und er setzte sich der Wildnis aus, wann immer er dazu Gelegenheit bekam.

Er überquerte den Atlantik, um leichtgläubig merkwürdigen Geschäftsideen zu folgen; Milchbauer und Hotelier; ein kurzer Ausflug als Journalist in New York; Veröffentlichung von Gelegenheitsstücken in Magazinen. War er verzweifelt, stellte er sich als Modell für Künstler zur Verfügung und wurde einmal auch von Robert W. Chambers gemalt, dessen nebulöses und unheilvolles Theaterstück “Der König in Gelb” die Blaupause für Lovecrafts Necronomicon wurde.

Eines Winters experimentierte Blackwood mit Opium, aber als der Frühling kam, stellte sich die Natur als stärkere Droge heraus und er verließ die Stadt wieder einmal, um im Norden des Staates New York zu jagen, zu fischen und mit dem Kanu zu treiben. In seinen späten Dreißigern hatte er sich die gebräunte Haut und den durchdringenden Blick der Trapper erworben. Die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicherte er sich mit Jagdanekdoten oder einer authentischen Geistergeschichte – oder einer Mischung aus beidem, worauf sein Ruf als Meister des Erzählens schließlich gründet.

Durch das Angebot eines Trockenmilchunternehmens angelockt, kehrte er wieder nach England zurück, aber ein Freund entdeckte zufällig eine Schublade voller Handschriften aus Blackwoods Feder. Diese Entdeckung führte zur Veröffentlichung. Seine dritte Anthologie “John Silence -Physician Extraordinaire” brachte durch eine innovative Werbekampagne den unmittelbaren kommerziellen Erfolg. Fast durch Zufall fand sich Blackwood vor seinem 40. Geburtstag als professionellen Schriftsteller wieder.

S.T. Joshi plädiert für eine dreiteilige Untergliederung des Blackwood-Werkes: Geschichten der Ehrfurcht, Geschichten des Grauens und Geschichten der Kindheit. Ignoriert man die letzte Kategorie, fällt es schwer, Blackwoods Werk in die beiden verbleibenden zu stecken, denn wie Joshi sicher weiß, hinterlässt das Gemisch aus Ehrfurcht und Schrecken bei Blackwood zu eine zutiefst beunruhigende Wirkung. Das wird nirgendwo deutlicher als in “The Willows”, 1907 (dt. Die Weiden), möglicherweise seine am häufigsten in Anthologien vertretene Geschichte, dicht gefolgt von “The Wendigo”, 1910. Hier hat Blackwood den Höhepunkt seiner künstlerischen Fähigkeiten erreicht. Die Erzählung beginnt wie eine vornehme Reisechronik und handelt von einer zweimonatigen Kanufahrt zweier Männer auf der Donau. Blackwood entfernt gekonnt nach und nach das Alltägliche aus der verschlungenen Landschaft, bis die Erzählung ihren Höhepunkt erreicht. Damit ist sie eine nahezu perfekte Darstellung der von Lovecraft idealisierten Form der “True Weird Tale”.

Allerdings mochte Blackwood nicht, was China Miéville als “Teratology” des Phantastischen schlechthin beschreibt, bestehend aus James Fitz O’Briens “What was it”, Guy de Maupassants “Le Horla” und Ambrose Bierces “The Damned Thing”. In dieser Tradition stünde auch “The Willows”.

Wie bei Borges in seiner Lovecraft-Hommage “There are more things” (eine Erzählung aus “Das Sandbuch”, in den Gesammelten Werken in zwölf Bänden von Hanser  in Band 6 zu finden, in der Taschenbuchausgabe von Fischer in “Spiegel und Maske”), zeigt die Geschichte ihre Anatomie nur indirekt, als wäre sie der Schatten eines Tiers. Selbst wenn sie vom Erzähler selbst erlebt wird, bleibt die Deutung beim Leser, der sich die Information aus den vagen Formen und Präsenzen herausfiltern muss. Er findet sie in der unerklärlichen Regung der Blätter, mit der die ganze Geschichte korrespondiert, in dem unerklärlichen Riss im Kanu, das zur Flucht nicht mehr zur Verfügung steht, in den tiefen Höhlen im Sand, beckenförmig, verschieden groß, verschieden tief, sich stets verändernd. Auftretende Monstrositäten sind überflüssig, wenn die Landschaft selbst zu einer derartigen Transmutation fähig ist. Die Weiden bewegen sich von selbst, obwohl kein Wind weht, ihre Wurzeln zittern nach oben. Wenn an sich bekannte Objekte schrecklich abstrakt verhalten, regt das die Phantasie mehr an als es Dinge von ungewöhnlichem Aussehen tun.
Diese unheimliche Immanenz ist in seiner historischen Einordnung schwierig zu deuten. Blackwoods Wildnis ist ahistorisch, die seltsamen Erscheinungen haben seit Äonen vor der Menschheit außerhalb des Raumes gewartet. The Willows ist eine ungewöhnliche Geistergeschichte, die kein Interesse an der Frage hat, wie wir Vergangenheit begreifen, kein Interesse an Geschichte, wie wir sie verstehen wollen.

Omphalos

GrammaTau #36

Es gab einen Tanz im Gesicht, aber
die Rache war ein Ballspiel am Abend.

Der rechte Arm wird ihm Taub wenn der
Frühling beginnt, so nimmt
überhand, was restlos ausverkauft erscheint.

Ein Wald, seine Bäume, Stafette der
oberen drei Bolzen, lose am Ärmel hängend,
nicht gerade voreingenommen, was die
folgende muntere Talfahrt betrifft.

Immer dann, wenn er Blumen pflückte, sah
eine Kuh in der Wohnung nach dem Rechten.
Die Bezahlung blieb asbsurd gering, fand
sich in Ahnungen bestätigt, in Trauben
gespiegelt, schließlich in Zinn gegossen.

Das Wort des Einen gegen das Wort
eines anderen Einen : so sollte es niemals
wieder sein, doch war das nichts, was
sich kontrollieren ließ. War das der Grund
für die Fälschungen der Daten, vielleicht
der Geburt, wie sie in diesem geheimnisvollen
Brief (jedoch ohne Unterschrift) nachzuspielen
war? Die Weinlese begann, begleitet von
Hindernissen, die aus der Nachbarstadt
herbeigeschafft wurden. Der Ertrag ging an
eine von Rentnern betriebene Metzgerei.

Sie wickelte Mäntel in Pullover, stopfte
Hemden in Socken. Nur so konnte er
aufgehalten werden – er und sein Pferd,
das einem Pony glich, zumindest aber einem
berühmten Hund, der Schneebälle aß. Was
daran ordinär sein sollte, fand man nie heraus.

Sie schloss die Scheune ab und legte das
Feuer in einem Beet, verbrannte aber nicht
vollständig. Ihren Kürschnerhandschuh fand man
zuletzt mit einem Honigdocht stranguliert auf.
Er röchelte noch, ein Stück vom Frieden hing
ihm an den Lefzen, ungeachtet dessen, wessen
Frieden es war. Das Mindeste, das man jetzt
noch tun konnte, war es, eine Wärmflasche
zu baden, wenn man sie nur aus dem richtigen
Stoff gefertigt fand. Man sah in Zigarren
Kisten nach, denn dort sollte das Klima
besonders mild sein. Ob und warum, derlei
Fragen beschäftigten ihn noch lange.

Die faltbaren Moleküle

 

Die richtige Stimmung wird der Schublade
entnommen, die auch Streichhölzer enthält.
Maßgeblich ist die richtige Dosierung an der
Sache beteiligt, scheitert aber oft am Belieben
der brunftigen Kundschaft, die sich auf Reisen
in sicherer Umgebung weiß. Der Trotz einer
Luftschlange, die man mit Besenstielen
so lange jagt, bis sämtliche Hugenotten aus
den besetzten Ställen vertrieben worden sind,
oder bis der Teig eines zwielichtigen Kuchens
aufgehört hat, die Heizrippen unsittlich zu berühren.

Die Konnotation ist einfach zu formulieren, sie
zappelt im Schrank mit heruntergelassenem Lebenslauf.
Wehe dem, der seine Hand nicht von ihr lassen kann,
der glaubt, die Finger seien die perfekte Maschinerie,
um junge Füchse zu zeugen.

Eine Sekunde später werfen wir uns in das
Gestrüpp eines pränatalen Frühlings. Der Picknick-Korb
fällt von der Klippe, die eines der
Flaschenzug-Kinder im Sandkasten nachbilden
wollte, es versprochen hatte, es dreimal
dem Marketender erzählte, um dann mit den
satinpolierten Murmeln aus der Waffenfabrik
durchzubrennen. Ihm folgte der dreibeinige
andalusische Hund, ein Champignon-Pflücker aus den
Pariser Randbezirken, und ein Clown, der geschminkt
war wie Rasputin, als sein Gemächt
noch nicht die 30cm-Marke erreicht hatte, als sein
Bart noch von seiner Mutter getrimmt wurde.

Auf den semantischen Feldern
liegt Sprachabfall, was sich erst dann
ändern wird, wenn es Prostata-Massagen
umsonst gibt.

Frühlings Erwachen

Frühlingserwachen mit entferntem Honiggeruch, Kaffee weht schillernd durch den Flur, Schafscheiße ganz sanft im Rachen, prägnante Wolle, Pulloverpollen, der blühende Garten, tempus fugit. Aber er kann das Jetzt riechen, zumindest eine Femtosekunde, sogar die Linzer Torte von letzter Woche, deren Krumen im wasserblauen Kunstfaser-Flokati keimen. Und wer weiß: eines Ta­ges hängen vielleicht Kuchen-Nüsse an den jungen Trieben, die Sonne Österreichs.

Die Melancholie einer ländlichen Idylle

Die Mädchen sind frühreife, sonnenpolierte Nymphen, ein sanfter Splitter im Granit, der den Härtegrad verdirbt. Durch ihr rätselhaftes Fangen-Spiel wetteifern sie mit den Blumen der Lüfte, den Schmetterlingen; sie fassen sich an den luftdurchfluteten Blütenkleidern, klirrend ihr Lachen, die Zeit verwelkt. Heute sind sie jedermännisch, ihrer früheren Geheimnisse beraubt, doch damals konnte man ihre lunare Stimmung erhaschen. Jede von ihnen eine potentielle Jägerin der Nacht, vor Mitternacht zu Bett getragen, um im Traum zu verpuppen. Der Sommer trägt die Gelüste vorwärts, im Frühling versprochen, im Herbst entspannt genossen. Das erste Regen der Exogamie. Sie schwangen am Baum vor dem Haus: Mone. Und Katjanka, die sich mit ihrem nachtschwarzen Haar, in dem sich verschiedene Blumen gut ausmachten, besonders für Indianerspiele eignete. Das Besondere an diesen fallenden seidenschimmernden Garnen war, dass man Konraden und Zimbelkraut damit festzurren konnte. Diese Art des Blumenbindens verkürzte ihre Frisur zunehmend, vom verhangenen Gesicht zur Windschnittigkeit getrimmt: Frisuren im Wandel der Zeiten.
Ich sah die beiden Hanfseile auf mich zu, von mir weg knirschen. Versteckt unterm Fenster das geflüsterte Trillern der Schaukelnden, die sich im Idiom eines leisen Kicherns miteinander unterhielten, die Mühlgrabenbrücke als geschätzte Kulisse. Ziegen mähten Gras: »Gras! Die wippen, wir fressen. Gras!«
Die Uhr gongte eine verquaste Stunde in die Sommerluft hinein. »Gras! Die wippen, wir fressen Gras.«
GONG! Es stank plötzlich nach Zeit. Im Sommer trägt die Luft den Ton bis in den Raum, in dem man steht. Keiner weiß, was das Nichts ist. Auch das Gelächter da draußen weiß es nicht. Lachen täuscht nicht über Vergänglichkeit hinweg. Jeder Winkel negiert einen Augenblick. Das Nichts als Abwesenheit von Erinnerung. Ich sehe aus dem Fenster, zwischen die Hanfseile hindurch, an der Linde vorbei, immer weiter über das Tal hinweg, die Schafwiese, in ein anderes Fenster hinein, vor dem zwei Mädchen an einem Baum schaukeln. Hinter dem Fenster aber herrscht Dunkelheit. Die Melancholie einer ländlichen Idylle.

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