Dunkelviolette Geschichten

Im Englischen gibt es die Bezeichnung “Purple Prose”, die einen Stil beschreibt, der in erster Linie imaginativ und hyperbolisch ist. Die Farbe selbst taucht die Psyche in einen mystischen Ozean. Den oft zitierten “Riss” in der Realität, der angeblich phantastische Literatur auszeichnen soll, habe ich nie akzeptiert, weil für mich niemals eine Schranke sichtbar war, die eine erfundene Realität von einer erfundenen Phantastik trennen könnte. Glaube ich an Gespenster? Nein, ich weiß um sie. Aber ich würde ein Gespenst niemals mit dem Geist eines Verstorbenen gleichsetzen, sondern mit einer Qualität, einem Artefakt, das unseren Verstand verunsichert. Gespenster kommen aus unserem Gehirn, sagt die Psychologie, und hat damit insofern recht, als dass die ganze Welt aus unserem Gehirn stammt. Diese konstruktivistische Idee weiter zu verfolgen, würde jetzt zu weit führen; und dennoch ist Wahrnehmung der Grundpfeiler meines Schaffens. Stets suche ich Orte und Winkel auf, die selten bis niemals begangen werden. Das kann man durchaus als den “violetten” Weg bezeichnen.

In den folgenden Tagen möchte ich mir die Zeit nehmen, zu jeder einzelnen Geschichte des Sammelbandes ein paar Überlegungen anzubieten, ohne damit die Interpretation des Lesers stören zu wollen. Man kann sie getrost ignorieren. Es ist nur jeweils meine Version, vom Schreibtisch aus betrachtet. Tatsächlich wurden alle Geschichten mit der Hand oder der Schreibmaschine niedergeschrieben. Man beachtet die Wahl des Schreibinstrumentes meist gar nicht. Für mich ist sie essenziell.  Aber natürlich werde ich nicht behaupten, eine Geschichte wäre nur deshalb so seltsam, weil ich sie mit einem Füller auf einen Papierblock gebunden habe. Auch der Entstehungsort und die jeweilige Schaffensphase spielen eine nicht unerhebliche Rolle. Da ich nunmehr seit fast 40 Jahren einen violetten Wahnsinn pflege, danke ich zunächst einmal Tobias Reckermann dafür, sich einer Sache angenommen zu haben, die ich selbst für wenig aussichtsreich hielt und noch immer halte. Das ist kein Understatement. Wir leben in einer Zeit mit Lesegewohnheiten, die nicht die meinen sind. Ebenso wenig bin ich ein Dichter, der in die heutige Zeit passt. Aber das ist ein anderes Thema. Für die wenigen, die sich dafür interessieren, will ich gerne etwas plaudern. Heute, morgen, und die nächsten Tage.

Stellen Sie sich ein Haus vor

Stellen Sie sich ein Haus vor.

Es ist ein altes Haus. Stattlich, mit zwei Viertelmondfenstern über einem Balkon, oder ein heruntergekommenes Bauernhaus weit draußen auf dem Land, mit Blick auf einen verkrümmten, alten Baum. Es hat etwas mit Geschichte zu tun, Geschichte, die nicht die Ihre ist, aber das macht nichts: Die Schlüssel haben Sie in der Hand. Sie besitzen sie. Sie werden sich dort ein Leben aufbauen. Sie bringen ihre Familie mit, füllen das Haus mit dem, was Ihnen gehört, und beanspruchen jedes Zimmer, jeden Flur. Außer dem Dachboden, wo Sie eine Kiste mit Super-8-Aufnahmen finden, die Ihnen nicht gehören, oder einem Foto, das vor Jahren mit dem Haus Ihrer Kindheit verbrannt ist. Mit Ausnahme des Kellers, wo die Treppe verrottet ist und eine Tür an der fernen Wand, die nirgendwo hinführt, mit Ketten versiegelt ist. “Stellen Sie sich ein Haus vor” weiterlesen

Tontafelkalender vom 19ten Hornung xx20, einem Mittichen

Sobald man das Verschwinden zum ersten Mal beobachtet hat, weiß man einiges von der Welt. Doch wirklich reizvoll wird es erst dann, wenn die Erinnerung einsetzt und ihre Kapriolen dreht. Wenn man nicht einmal sicher sagen kann, was man eigentlich gesehen hat, ist es nahezu unmöglich, die Vergangenheit lückenlos und in richtiger Reihenfolge heraufzubeschwören. Das sind die wahren Gespenster und die Vergangenheit ist das wirkliche Jenseits. Besessen von der Idee, zurückzukehren, ging ich die Wege rückwärts. Sie wurden verbraucht und lange nicht mehr benutzt, denn eines muss man wissen: Alle Wege werden geteilt und nur die Anordnung aller Gassen, die man halbblind durchstieß, ergeben schließlich den eigenen Weg. Die meisten vergisst man und so lässt sich niemals auf das Ganze schließen.

Der Ursprung der Geister und berühmte Darstellungen in der Literatur

Seit der Mensch sich selbst bewusst ist, scheint er sich auch der Geister bewusst gewesen zu sein. Das Konzept der Geister, aber auch der Geistergeschichten, lässt sich bereits in den Anfängen der Menschheitsgeschichte finden und hat die Menschheit seit Generationen gefangen und mystifiziert.

Ein Rascheln in den Büschen, ein knarrendes Geräusch, und die Angst, die sich mit unserem Instinkt zum Überleben verbindet, der uns Dinge sehen oder fühlen lässt, die vielleicht nicht da sind. Aber auch der menschliche Glaube, dass etwas jenseits des Todes existieren könnte.

Was ist ein Geist?

Was wir heute als Geist interpretieren, hat seine Wurzeln in den Mythen und Überzeugungen der alten Kulturen. Geister oder Gespenster waren und sind manchmal immer noch der Geist einer Person oder eines Tieres, der nach dem Tod des Körpers weiterexistiert. Es liegt zum Teil an diesem Glauben, dass viele Beerdigungsrituale ursprünglich stattfanden und praktiziert wurden, um zu verhindern, dass der bestehende Geist auf der Erde verbleibt und die Lebenden verfolgt. “Der Ursprung der Geister und berühmte Darstellungen in der Literatur” weiterlesen

John Crawford: Der Geisterhügel

Die vielen Namen des John Glasby

John Glasby arbeitete in den 50er und 60er hauptberuflich einige Jahre als Chemiker. Gleichzeitig veröffentlichte er mehr als 300 Romane und Kurzgeschichten, die von Beginn an bei Badger Books erschienen, ein Imprint von John Spencer & Co, der sich auf Pulp-Magazine verstand und später auf Taschenbücher spezialisierte, die hauptsächlich Science Fiction und Fantasy enthielten. Fast alle Bücher bei Badger wurden entweder von Glasby oder von Lionel Fanthorpe geschrieben (der es immerhin auf mehr als 250 Veröffentlichungen brachte). Die beiden Autoren lieferten auch alle Geschichten für die Zeitschrift Supernatural Stories. Man kann also durchaus behaupten, dass die beiden eine echte Schreibfabrik betrieben. “John Crawford: Der Geisterhügel” weiterlesen

Neu in der Sammlung (2)

Meine Suche nach antiquarischen Heften und Büchern der Phantastik ist im Grunde eine genauso unendliche Geschichte, als würde ich immer nur das Neueste erstehen wollen. Da gibt es zwar einige Dinge, die vorgemerkt sind, aber Priorität hat das Vergessene. Nicht immer stößt man dabei auf Perlen, aber manchmal reicht auch das Skurrile, um in die Sammlung aufgenommen zu werden.

Zunächst ist heute natürlich Dienstag. Das bedeutet, ich habe den neuen Dorian Hunter (29) und den neuen Gespenster-Krimi (26) am Kiosk besorgt. Das ist immer mit einem kleinen Spaziergang verbunden, den ich in meine Rundreise einbaue, denn das DHL-Paket musste ich ganz wo anders abholen. Der Rest kam mit der Post. Und das hier sind die aktuellen Neuankömmlinge:

John Crawford – Der Geistehügel (Vampir Horror-Roman Band 1)
Phantastische Literatur – Gespensterbuch 1 (Bastei-Lübbe)
H.R. Wakefield – Der Triumph des Todes und andere Gespenstergeschichten (Bibliothek des Hauses Usher)
Mary Hottinger (Hg.) Horror – Klassische und moderne Horrorgeschichten (Diogenes)
Lars Dangel (Hg.) – Das sterbende Bild (Privatdruck)
Dorian Hunter 29 – Die Schöne und die Bestie
Gespenster-Krimi Neuauflage 26 – Der Unheimliche vom Todesschloss

Die absolute Besonderheit, sprich: der wahre Schatz ist natürlich das Hardcover, das Lars Dangel im Privatdruck herausgegeben hat.

Streng limitiert, mit Unterschrift des Herausgebers und der Illustratorin, nummeriert. Ich habe die Nummer 14 bekommen. Nicht nur ist das Buch atemberaubend schön und liebevoll aufgemacht, es rechtfertigt auch den stolzen Preis von 55 Euro (inklusive versichertem Versand). Um das Buch zu bekommen, musste man es schriftlich bei Lars persönlich bestellen. Und zwar mit der POST und ncht elektronisch. Es ist fast klar, dass Sammler der Phantastik ein etwas verschrobenes Völkchen sind, das zu großen Teilen noch auf das Analoge schwört. Man bekam dann die Rechnung, die es zu überweisen galt. Ich hatte die ganze Zeit etwas Bammel, kein Buch mehr zu bekommen (es erschien bereits im April), aber das war unbegründet.

Ein Liebhaberstück, von einem Liebhaber herausgegeben. Ein absolutes Highlight mit seltenen Geschichten.

Illustriert von Angelika Pillous

 

Neu in der Sammlung (1)

Heute sind neu angekommen:

Mary Hottinger (Hg.): Gespenster / Mehr Gespenster
Lady Cinthia Asquith (Hg.): Schrecksekunden
Jaquelin Visick (Hg.): Gespenstergeschichten aus London
Peter Hasining (Hg.): Die Damen des Bösen

Die Sammlungen stammen alle aus den 70er Jahren (bis auf “Gespenster”, das bereits 1956 bei Diogenes erschien; hier habe ich allerdings den Nachdruck von 1982).

In letzter Zeit versuche ich, alte Anthologien zu finden. Die klassische Gespenstergeschichte ist heute kaum mehr weit verbreitet. Durch diese Anthologien aber kommt man an seltene Stücke, die sonst nirgendwo erschienen sind. Während die moderne Horrorliteratur immer mehr in Richtung Nihilismus und/oder Gewalt abdriftet, die nur einen schlechten Stil zu kaschieren sucht, sind hier noch echte Perlen der Weird Fiction und der Schauerliteratur vertreten.

Ödmarken der Dunkelheit

Die Städte sind Wunden, eine ist so gut wie die andere. Sie bluten nicht, sie verwesen. Niemand ist imstande, sich vor den Fängern zu schützen. Der Geruch ist unbeschreiblich.

Aus den Trümmern herauslugen : rechts eine Anhäufung aus Staub, sieht aus wie Vogelsand, darin winden sich noch Mauerreste, die Straße ist nur eine zerhackte, schwärende Schlange, vor langem schon gestorben. Sie stutzt, verzögert den Schritt, sieht ihn aber nicht im Schatten des Mauerwerks stehen.

Der Wanderer versucht, leise zu sein. In dieser Welt ist alles still, wenn es nicht gleich tost. Er kommt einen Schritt aus der zerfetzten Häuserecke heraus, hellblau ihr Kleid, ihre Schürze vielleicht weiß, alt, wie gefunden, von den Toten gespendet, ihre honigblonden Haare drängeln sich in ihr Gesicht. Sie entledigen sich von selbst dem Zopfband (nicht zuverlässig gebunden, die Eile …)

Sie stutzt erneut, bleibt vorsichtig aus gutem Grund.

Von Ferne : Rufen. Ein weiteres Haus stürzt ein.

Sie tauchen nebeneinander in die Gasse, der Himmel ein grässlicher Ozean, aufgesperrter Schlund mit Zähnen, Schilder quietschen, rostige Rinnsale öden aus geplatzten Leitungen, Reste.

Wir sehen die Gespenster nicht, weil unser Überleben nicht davon abhängt, sie zu sehen. Außerhalb unserer Subjektivität spielt die Welt ihr eigenes Spiel, wahrgenommen nur von wenigen, die es sich leisten können, die Welt zu erfahren, wie sie unabhängig von unserer Naivität existiert.

Er hilft ihr mit dem Kleid, die Strümpfe schön dreckig, um sie herum weitläufiges Dunkel. Wir träumen die Welt, sie ist so flüssig; denken uns Schulen im Schlick. Das Land erkriechen, vor Räubern fliehen, sich paaren, Nahrung suchen. Nichts hat sich verändert, nur der Ozean will uns nicht zurück. Wir tun uns zusammen zu Familien, die eigene Urzellenbrut.

Dort, wo er sie verließ, wie die Blumen das Meer nicht berühren, schob er sich während des Schlafes über die nachtgrünen Wiesen, eine sanftblaue Stille verdeckte den Rand des Waldes. Er schwebte über die Telefonmasten hinweg, sah das Hängemanöver der Leitungen, die Drähte randvoll mit Stimmen, Bescheidsagungen, manchmaligem Schweigen, nur Atmen. Er geht ihr nach durch eine Sonnenscharte. Hier ist alles eingerissen, ein wimmernder Mund unter Fäulnis begraben. Er breitet aus, was er hat, eingewickelt in ein windiges Tuch : Margarine, etwas ranzig an den Seiten, aber auf einem Butterbrotpapier, Kipf Brot; wenn man die Rinde wegschneidet, eßbar; ohne Schimmel, aber hart, in Kornkaffee eingelegt : lecker; paar Gläser Jagdwurst und Schweinskopfsülze, eingemacht für die Ewigkeit, die sie ja jetzt gerade zu erdulden haben. Die Nacht zittert, die Metallblanken werfen Mond.

Der Wanderer sah sich immer gern die alten Filme an : Tarantula, Westworld. Diese Frisuren und Farben und alle rauchen. Gemessen an den Sternen sind wir nichts, aber Sterne sind wir ja selbst. Unsere Umlaufbahn ist das Verderben. Er träumte die Seele über die Dächer, über die Masten der Telefonleitungen, ein Glaspalast der schlafende Körper, der weiß, daß sein Erbauer schläft. Sie schluckt einen schweren Brocken Sulz, wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab.

Das ist nur ein Spiel, eine Theateraufführung. Leben bedeutet, in eine fremdartige Geisteskammer einzudringen, deren Fußboden das Spielbrett ist, auf dem wir ein unvermeidliches, unbekanntes Spiel gegen einen wechselnden und bisweilen grauenerregenden Gegner spielen. Von einem schlimmen Regen in einen schlimmen Sonnenschein, in der Wüste der Durst, im Bett die Wanzen, in der Stadt der Beton, alles, was wir einäschern, neu bauen.

Es gibt sie, diese merkwürdigen Orte, Ödmarken der Dunkelheit und der Kälte, die wie ein fauliges Geschwür unvermittelt in einer Landschaft auftauchen, dieser alles von ihrer Schönheit rauben. Starke Bilder, das sind wiederkehrende Bilder, Wiederholung liegt in der Natur, ohne daß sich das Wiederholte jemals gleicht.

In der Symbolik der Mythen ist die Einheit sowie die Wiederholung enthalten. Wir müssen also alles durchspielen können, aber das gelingt uns nicht, uns fehlt die Zeit. Nach dem Hunger, dem Durst, dem Dach über dem Kopf: die Suche nach dem Tod.

Die Luft tobt, Schall bricht sich. Sie beleckt das Butterbrotpapier unbeeindruckt.

Ich habe dich gesehen, auf dem Bauernhof heute morgen. Du bist gegangen, als ich ankam. Wo wärst du hingegangen, wenn ich dich nicht aufgehalten hätte?

Ich wäre gelaufen, soweit es eben geht. Blut schmeckt manchmal besser als Wasser, es schmeckt besser als Milch. Es fühlt sich an, nun … als könne man die Welt wirklich in sieben Tagen erbauen.

Jemand schreit um sein Leben, aber dann erstirbt die Stimme schon blubbernd, das Licht senkt sich herab. O Fortuna! Es zieht sie zu einem großen Spalt im Mauerwerk, um die Fänger von oben zu betrachten.

Ein ellenlanger Korridor 1

Im Innern des Küchenflügels roch es nach Linoleum und warmem Holz. Die breiten Treppenstufen quietschten bei jedem Schritt, den Carisma und ihr Enkelsohn taten. Das Geräusch erfüllte auch jene Ecken des Gebäudes, die gar nicht bekannt waren, die sich in fremden Winkeln und Fluchten verschanzten und den Schall mit der Beigabe ihrer Existenz zurückwarfen. Etwas Nachdrückliches lag in dieser Architektur, das sie zu einem vergessenen Bruder des Brandenburger Tors oder der Bayreuther Schloßanlagen machte.

Carisma atmete schwer, als sie die letzten Stufen erklommen hatten und inmitten eines Korridors standen, der hoch und lang in beide Richtungen floh. Unter einem Arm trug sie einen Wäschekorb aus Bast, in den sie beabsichtigte, einige wertvolle Stücke zu packen, die sich zweifellos unter den Hinterlassenschaften der jüngst verstorbenen Johanna befanden. Schon seit geraumer Zeit kam sie jeden Tag hier in den leeren Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, um das kleine Erbe zu sichten, zu verschnüren, und von Schmutz zu befreien, denn die Jahre lagen auf allen Dingen. Und heute wollte ihr Adam dabei behilflich sein.

»Wenn ich es nicht besser wüßte … aber diese Treppe scheint jeden Tag ein paar Stufen mehr zu bekommen.«

Adam war mehr an den Lichtspielen interessiert als an den niedergetretenen Holzstücken, er kannte das Innere des Gebäudes aus zahlreichen Besuchen, aber auch aus seinen Träumen. Beim ersten Mal hatte er sich nichts weiter dabei gedacht, außer daß ihm aufgefallen war, wie sehr sich das Gemäuer seitdem verändert hatte. Die Häuser, die nun das ganze langgestreckte Dorf ergaben, waren in seinem Traum nicht vorhanden gewesen. Allerdings bestand das Schloß aus drei großen Flügeln, die wie ein rechtwinkliges Hufeisen mitten im Wald standen. Aus der Luft betrachtet – denn oft genug schwebte er einfach wie ein Ballon über das Land – kam er sich vor, als würde er durch das Nebelgebirge wandern, die Füße in den Wolken verankert, die Felder und Äcker grün und braun, die tiefen Wälder von einem tiefen dunklen Blau, und inmitten das rote Schindeldach des Schlosses.

Aus Adams Notizbuch:

Ich sehe die glitzernden Steinchen von hier aus, höre ein Geräusch. Alles ist voller Ameisen, die dann im Schlangensaft ersaufen. Ich wachse mit ihnen, die Hose birst; besser man hat keine an, geht zum Bach : »Ich lege mich hin, ich habe nichts an!« Man wird den Succubus wohl jede Nacht empfangen wie einen Alptraum, der durch intensive Wiederholung zur Qual wird. Ich entferne mich vom Schloß. Als die Bäche versickerten, standen wir am Wehr, schmolzen langsam in den Sand, verwickelt in all diese Geschehnisse, träumend. Hinter den Halmen entstand Tumult, die Leiche des Landes lag wie eine ungeborene Glocke nur halb fertig vor unseren Augen unter einem zerrissenen Himmel, in dem Gespenster lauern. Als es die Nacht noch nicht gab, da lebten wir entgeistert und dem Körper fern.

»Ich weiß nicht, was du immer anschaust, wenn du so in die Luft schaust«, sagte Carisma. »Komm, hilf mir, die toten Fliegen zusammenzukehren.«

Adam schnappte sich einen Reisigbesen und kehrte los. Die Fliegen stoben wie Geschosse gegen die Wand, schnippten durch die dünn geschnittenen Äste einfach davon, eine stellare Staubwolke entstand, die Leben in einer Lichtmasse imitierte. Carisma beugte sich über ihr Zeitungspapier, um darin Porzellanfiguren einzuwickeln.

»Eine Bäuerin«, flüsterte sie und erinnerte sich an die Vorbehalte, die ihre Schwiegermutter gegen sie hatte.

Carlos hatte ihr erzählt : »Eine Bäuerin?, hat sie etwa pikiert gefragt.« Und jetzt wickelte sie Johannas Kelche und Figuren ein, die einen ansehnlichen Wert darstellten. Afrikanische Negerfrauen, kohlrabenschwarz und gazellengleich, die Miniaturen von Jagdhunden. Johanna, die immer nur Strickte, sagte : »Eine Bäurin?«

»Ja, Mutter, sie stammt von einem Bauernhof, aber ich heirate eine Stenotypistin und keine Bäuerin. Ihr Name ist Carisma.«

Nach dem Sturm 2

In seinen Träumen zeigt Hohenner seine außergewöhnliche Kollektion allnächtlich dem Wanderer, der doch ein Gefangener ist (oder gerade weil er ein Gefangener ist), den er immer nur in seinen Träumen antrifft. Er nennt ihn den ›verbrannte Helden‹, denn im Traum weiß er Dinge über diese Erscheinung, die der Heiligengeschichte des Bartholomäus verblüffend nahe kommt.

»Gefallen sie dir?«

»Ja, sie gefallen mir. Wo hast du sie her?«

»Ich habe sie mir erarbeitet. Sie gefallen dir wirklich?«

»Ja, wirklich. Sie sehen aus, als könnten sie sehen.«

»Oh, sie konnten sehen. Sie sahen viel. Sie alle sahen Dinge, die ich nie gesehen habe.«

»Hast Du sie deshalb archiviert?«

»Ich habe sie archiviert, damit sie weiterhin sehen können, niemals damit aufhören, zu sehen, in sich gekehrt. Niemals müde. Sie haben keine Lider. Sie können nicht schlafen. Sie werden immer weiter sehen. Sie werden Dinge sehen, die ich nie sah.«

Der Himmel prangt maulbeerfarben, Wolken galoppieren in undefinierbarer Geschwindigkeit dahin, verschwinden hinter dem Irrlicht, tauchen erneut wieder auf.

Man kommt aus dem Nirgendwo und man geht nirgendwo hin. Nur Augen sieht er in seinen Träumen, weit aufgerissen starren sie ihn lidlos an. Er sieht Menschen, die in jeder ihrer Körperöffnung jeweils ein Auge stecken haben, dort aber, wo sie von Natur aus hingehören, klaffen Abgründe, winden sich Maden, die aus dem Gewebe hängen, das mit Schwert und Lanze gegen die Verwesung streitet. Die Welt braucht einen Beobachter, das Gesetz der Existenz ist von einem Zuschauer abhängig. Quälende Blicke, gequälte Blicke. Sämtliche Rezeptoren sind blind für die Qualität der Reize, sprechen lediglich auf die Quantität an. Weder Licht noch Farben sind da draußen, kein violetter Himmel, nur Wellen, Wellen, Wellen; weder Schall noch Musik sind da draußen, nur periodische Schwankungen der Luft; weder Wärme noch Kälte sind da draußen, nur Moleküle, die sich mit kinetischer Energie bewegen.

»Alle mal herhören … es gibt noch einen!«, ruft Michels neben seinem Wagen stehend, das Funkgerät in der Hand, ein unfaßbares Instrument, bedient von einem fassungslosen Menschen.

»Herr Doktor? Sie sollten mit mir kommen.«

Na, das hätte er doch auch gesagt. Oh, ihr Zauderer, ihr Briefmarkensammler, ihr Bierfilzhorter! Der Gott der Sammler, das bin ich!

»Ich bin Ihnen übrigens sehr dankbar, daß Sie bei diesem Scheißwetter gekommen sind«, sagt Michels zu seinem Lenkrad, so daß auch Hohenner es hören kann, der sich nicht die Mühe gemacht hat, den Sitz auf seine Größe einzustellen, wie Sperrholz auf dem Beifahrersitz lümmelt und nicht antwortet, weshalb er einen flüchtigen Blick von der Seite erntet, bevor Michels sich wieder auf seine dreißig Stundenkilometer konzentriert. Hohenner sieht aus wie ein Bubo-Bubo mit tief hängenden Backen und nicht vorhandenen Lippen, mit einer Haarattrappe, die auf die Kopfhaut gemalt ist.

»Ich war neugierig«, sagt der Arzt nach reichlicher Verzögerung. »Außerdem habe ich nicht viel zu tun.« Die Augen in seiner Manteltasche tauen auf, er kann das nasse Erwachen fühlen. Vielleicht hätte er eine Handvoll Schnee dazu packen sollen. »Warum haben Sie die Straße gesperrt?«

»Reaktion, nichts weiter. Ein kleines Gefühl von Ordnung. Sinnlos zwar, aber mir wird dadurch eindeutig wärmer hier drin.« Michels boxt auf seinen Brustkorb. Die Landschaft wirkt wie die Übung eines arktischen Pinsels. Mitten auf der Straße vor der stillgelegten Porzellanfabrik Schumann & Schreider steht jemand völlig eingehüllt in einen zu großen Pelzmantel und wedelt wie verrückt mit seinen Armen.

»Dann sind wir wohl da «, sagt Michels.

Die Leiche liegt nicht weit entfernt von der Straße auf dem Bauch im Schnee, vom Gestöber nahezu völlig abgedeckt, das allerdings nicht zu verbergen vermag, daß dem Körper der halbe Rücken fehlt. Der Schnee hat dort eine unregelmäßige Einbuchtung modelliert, das Tal der Sorge, und sieht sich nicht imstande, mit seinem reinen Weiß den purpurnen Ton zu überdecken. Auch hier fehlen einige Organe. Eine Niere liegt angenagt neben dem Kopf, der Darm bleibt unvollständig – und ebenfalls die Milz. Die Bißspuren sind hier eindeutig zu erkennen. Hohenner bildet sich ein, die Wonne des verzogenen Mauls anhand der Spuren zu sehen, die Lust am biß.

»Ein Wolf, sagen Sie?«

»Ich muß gestehen, ich weiß es nicht«, sagt er.

Die beiden Männer sehen aus wie Schneegespenster. Michels erkundigt sich bei der Frau, die sie zum Fundort geführt hat, und stellt fest, daß ihre Gestikulation nicht nur vorhin außer Kontrolle geraten war. Sie fuchtelt unkoordiniert mit ihren Armen und er muß sich vorsehen, nicht eine Hand ins Gesicht zu bekommen. Gesehen hat sie nichts, wollte nach etwaigen Sturmschäden Ausschau halten, und fand dann etwas, das sie zunächst für einen entsorgten Teppich hielt. Michels schickt sie nach Hause. Windmühlenartig tappt sie von dannen.

»Was immer es war, es wollte nur an die Innereien. Leber, Niere, Lunge, Herz … die schmackhaften Kaldaunen. Sie sollten wirklich den Jäger informieren.«

»Was jagen wir denn nun wirklich?«

»Das verschleierte Bildnis zu Sais.«

»Oh! Während ich damit beschäftigt bin, meinen Magen zu beruhigen, haben Sie sogar Farbe angenommen. Außerdem weiß ich nicht, wovon Sie reden.«

Hohenner schüttelt den Kopf. Frischer Schnee verabschiedet sich perlend aus seinen dünnen Haaren. »Medizinisches Interesse. Blut gerät in Wallung. Und Sais ist nur eine Metapher auf die Unergründlichkeit der Natur.«

Michels nickt und stapfte davon, vergißt aber nicht, Hohenner zu seinem Auto einzuladen. »Ich habe Kaffee dabei. Der schmeckt zwar wie Hochwasser in einem Kohlenkeller, aber er ist heiß und süß.«

»Lieber nicht … ich glaube, ich sehe mir die Wunden etwas genauer an, wenn Sie nichts dagegen haben.«

»Geben Sie nur auf die Spuren acht. Fassen Sie besser nichts an!«

Ich fasse hier nichts an, fast nichts!

Augen werfen die Reflexion zurück, das ist wie in einen Spiegel sehen. Man kann sich darin betrachten, oh ja, darf das aber nicht allzu lange tun, höchstens um sich eventuell die Borsten aus dem Gesicht zu sensen, auf keinen Fall aus Eitelkeit. Abbild, Abklatsch, Augenlicht der tiefsten Tiefe!