TF Episode #6: Das Spukhaus: Dauerbrenner der Schauerliteratur

In dieser Episode sehe ich mir anhand von einigen Klassikern des Genres, wie Shirley Jacksons “Spuk in Hill House”, Richard Mathesons “Das Höllenhaus”, Clive Barkers “Coldheart Canyon”, Chuck Palahniuks “Die Kolonie” und Diane Setterfields “Die dreizehnte Geschichte” das Phänomen des verfluchten Hauses etwas genauer an. Unterschiedlicher könnten die hier genannten Autoren nicht sein, aber jedes dieser genannten und durchaus miteinander verbundenen Werke hat etwas Besonderes in die Spukhaus-Geschichte eingebracht.

Ebenezer Scrooge (Die Geister der Weihnacht)

Seit Charles Dickens 1843 „Eine Weihnachtsgeschichte“ veröffentlicht hatte, ist der Name Scrooge zu einem Synonym für einen gemeinen, geizigen Menschen geworden. Ebenezer Scooge ist Dickens‘ berühmteste Figur und eine der berühmtesten Charaktere der so reichen englischen Literatur. Bei der Erschaffung von Schurken hat sich Dickens von jeher mehr ins Zeug gelegt und mehr Energien auf sie verwendet als bei seinen gutherzigen Figuren. In unseren Breitengraden ist Scrooge zwar bekannt, nimmt aber keineswegs die Popularität ein wie in englischsprachigen Ländern. Selbst der bekannteste (und vielleicht beliebteste) Ableger in Form der Ente Scrooge McDuck heißt bei uns „nur“ Dagobert.

Laut imdb gibt es 124 Darstellungen sowohl im Film als auch im Fernsehen über den Misanthropen, der solange von Geistern gequält wird, bis er schließlich geläutert ist. Er mag zwar nicht erfolgreicher als der Weihnachtsmann selbst sein, ist aber aus den jährlichen Dezember-Events nirgendwo mehr wegzudenken.

Tatsächlich gab es einst eine Zeit, in der man den Wunsch nach einer „frohen“ oder „fröhlichen“ Weihnacht“ noch als etwas Neues uns Spannendes wahrnahm. In der viktorianischen Epoche der 1840er Jahre begann die festliche Plattitüde „Merry Christmas“ erst in Mode zu kommen – und das dank Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. 1844, also ein Jahr nach der Originalveröffentlichung kam das Werk auch zu uns – mit dem gleichen Effekt. Es mag ein Grund für den andauernden Erfolg der Erzählung sein, dass zu dieser Zeit viele der Traditionen und Praktiken um die Weihnachtszeit noch gar nicht entwickelt waren. Das gegenseitige Beschenken, die Familienzusammenkünfte etc., sind weitere Beispiele der Prägung, die von diesem literarischen Stück übernommen wurden.

Zweifellos sagt die Novelle mehr über die Bedeutung von Weihnachten aus als jeder religiöse Text, und der Erfolg dieser weltberühmten Geistergeschichte führte zu einem weiteren Phänomen, das bis heute anhält: Dickens schrieb nämlich von da an jedes Jahr eine weitere Weihnachtsgeschichte. Diese Tradition hat sich – auch wenn es zu sonst nichts taugt – ins Fernsehprogramm retten können. Die themenbezogenen Produktionen, die jedes Jahr über den Bildschirm flimmern, sind ein Vermächtnis des großen englischen Romanciers.

In der Weihnachtsgeschichte geht es um einen Menschen, der vom Leben zerschlagen und zerquetscht wurde und sich dadurch in einen Menschenfeind verwandelte. Dann aber geschieht etwas phantastisches: sein Herz öffnet sich für Freundlichkeit und Empathie. Scrooge wird zu einem guten Menschen, und wir alle möchten glauben, dass das möglich ist.

Wenn es darum geht, die besten Geistergeschichten aufzulisten, hat „A Christmas Carol“ zwar starke Konkurrenz, in Sachen Langlebigkeit aber eindeutig die Nase vorn. Und das, obwohl es nicht Dickens‘ einzige ist. Ganz im Gegenteil interessierte er sich sehr für diese literarische Form. In einem kleinen Aufsatz erwähnt er, dass er noch sehr jung war, als ihm seine Amme furchtbare Geistergeschichten erzählte. Das blieb wohl bei ihm haften, auch wenn dieser Teil seines Werkes nicht besonders viel Aufmerksamkeit erhält. Vielleicht, weil nicht jede Geschichte gleichermaßen kulturfördernd sein kann.

W. F. Harvey

Es mag etwas überraschen, einen so sträflich vergessenen Autor wie William Fryer Harvey gleich neben einige der größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts zu stellen, denn kaum je hört man selbst aus Kreisen, die sich vermeintlich etwas mit der phantastischen Literatur auseinandersetzen, von ihm reden. 1955 lobte ihn die Times und betrachtete ihn als gleichwertig mit MR James und Walter De La Mare. Es ist nicht so, dass man immer etwas auf solche Aussagen geben müsste, aber man hätte erwarten können, dass sich das interessierte Publikum zumindest selbst davon überzeugt. Aber das geschah nicht, und so finden sich bis heute kaum nennenswerte Spuren von ihm. Obwohl Harvey dafür gefeiert wurde, im ersten Weltkrieg sein Leben aufs Spiel gesetzt zu haben, als er einen im lecken und vollgelaufenen Maschinenraum eines Zerstörers eingeklemmten Maat operierte, obgleich die Gefahr bestand, dass der Zerstörer auseinanderbrach – wofür er die Tapferkeitsmedaille bekam -, bleibt er doch für seine Geistergeschichten in Erinnerung, die zu den besten gehören, die je geschrieben wurden. Viele literarische Riesen haben sich diesem Genre verbunden gefühlt, und deshalb ist es umso bemerkenswerter, gerade in diesem Feld ein Zeichen zu setzen; aber Harvey Stil fühlt sich an wie ein dunkles Schattenbild der Geschichten Sakis (Hector Hugh Munro) und verdienen es, gefeiert zu werden.

W. F. Harvey

Nachdem Harvey im Krieg Lungenschäden erlitten hatte, blieb sein Zustand stets bedenklich während seines kurzen Lebens (er starb mit 52 Jahren), aber er begann, Kurzgeschichten zu schreiben, die das Irrationale und Unterbewusste mit kraftvoller Wirkung zur Geltung brachten. Obwohl sein Output relativ klein war, profitierten seine Geschichten von ihren modernen psychologischen Erkenntnissen und dem Mangel an einfachen Schlussfolgerungen. Es gibt neun Sammlungen von ihm, aber wir haben nur eine in Veröffentlichung abbekommen: “Die Bestie mit den fünf Fingern”, die jedem nur ans Herz gelegt werden kann, weil sie neben der berühmten Titelgeschichte auch die anderen Meisterwerke wie “Augusthitze” und “Der Begleiter” enthält.

“Die Bestie mit den fünf Fingern” wurde 1928 veröffentlicht, und fast zwei Jahrzehnte später wurde die Geschichte unter der Leitung von Robert Florey verfilmt. “W. F. Harvey” weiterlesen

Neu in der Sammlung (2)

Meine Suche nach antiquarischen Heften und Büchern der Phantastik ist im Grunde eine genauso unendliche Geschichte, als würde ich immer nur das Neueste erstehen wollen. Da gibt es zwar einige Dinge, die vorgemerkt sind, aber Priorität hat das Vergessene. Nicht immer stößt man dabei auf Perlen, aber manchmal reicht auch das Skurrile, um in die Sammlung aufgenommen zu werden.

Zunächst ist heute natürlich Dienstag. Das bedeutet, ich habe den neuen Dorian Hunter (29) und den neuen Gespenster-Krimi (26) am Kiosk besorgt. Das ist immer mit einem kleinen Spaziergang verbunden, den ich in meine Rundreise einbaue, denn das DHL-Paket musste ich ganz wo anders abholen. Der Rest kam mit der Post. Und das hier sind die aktuellen Neuankömmlinge:

John Crawford – Der Geistehügel (Vampir Horror-Roman Band 1)
Phantastische Literatur – Gespensterbuch 1 (Bastei-Lübbe)
H.R. Wakefield – Der Triumph des Todes und andere Gespenstergeschichten (Bibliothek des Hauses Usher)
Mary Hottinger (Hg.) Horror – Klassische und moderne Horrorgeschichten (Diogenes)
Lars Dangel (Hg.) – Das sterbende Bild (Privatdruck)
Dorian Hunter 29 – Die Schöne und die Bestie
Gespenster-Krimi Neuauflage 26 – Der Unheimliche vom Todesschloss

Die absolute Besonderheit, sprich: der wahre Schatz ist natürlich das Hardcover, das Lars Dangel im Privatdruck herausgegeben hat.

Streng limitiert, mit Unterschrift des Herausgebers und der Illustratorin, nummeriert. Ich habe die Nummer 14 bekommen. Nicht nur ist das Buch atemberaubend schön und liebevoll aufgemacht, es rechtfertigt auch den stolzen Preis von 55 Euro (inklusive versichertem Versand). Um das Buch zu bekommen, musste man es schriftlich bei Lars persönlich bestellen. Und zwar mit der POST und ncht elektronisch. Es ist fast klar, dass Sammler der Phantastik ein etwas verschrobenes Völkchen sind, das zu großen Teilen noch auf das Analoge schwört. Man bekam dann die Rechnung, die es zu überweisen galt. Ich hatte die ganze Zeit etwas Bammel, kein Buch mehr zu bekommen (es erschien bereits im April), aber das war unbegründet.

Ein Liebhaberstück, von einem Liebhaber herausgegeben. Ein absolutes Highlight mit seltenen Geschichten.

Illustriert von Angelika Pillous

 

Neu in der Sammlung (1)

Heute sind neu angekommen:

Mary Hottinger (Hg.): Gespenster / Mehr Gespenster
Lady Cinthia Asquith (Hg.): Schrecksekunden
Jaquelin Visick (Hg.): Gespenstergeschichten aus London
Peter Hasining (Hg.): Die Damen des Bösen

Die Sammlungen stammen alle aus den 70er Jahren (bis auf “Gespenster”, das bereits 1956 bei Diogenes erschien; hier habe ich allerdings den Nachdruck von 1982).

In letzter Zeit versuche ich, alte Anthologien zu finden. Die klassische Gespenstergeschichte ist heute kaum mehr weit verbreitet. Durch diese Anthologien aber kommt man an seltene Stücke, die sonst nirgendwo erschienen sind. Während die moderne Horrorliteratur immer mehr in Richtung Nihilismus und/oder Gewalt abdriftet, die nur einen schlechten Stil zu kaschieren sucht, sind hier noch echte Perlen der Weird Fiction und der Schauerliteratur vertreten.