Der Elvegust

Der Wetterbericht hat den Sturm nicht angekündigt, der sich zunächst über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Alleen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt. Wer in den Betten liegt, wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und geschlossenen Fensterläden dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben. Niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen. Wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben.

Es beginnt mit einer jähen Wolke, unangenehm schwarz und quälend wie ein böser Gedanke. Und ebenso plötzlich entlädt sich diese Wolke, die pumpend die leuchtenden Sterne verdeckt. Capella in der Konstellation Fuhrmann, Pollux in den Zwillingen, Prokyon im Kleinen Hund. Das bedrohliche Massiv hat unscheinbar begonnen, als cumulus humilis, nicht zu unterscheiden von einem Papiertaschentuch, das von einem Hochhausbalkon geworfen trudelnd in der Tiefe den Wind zu reiten versucht, unbeachtet von jenen, die ab und zu zwinkernd den Kopf in den knirschenden Nacken legen, um zu erkennen, was da oben vor sich geht.

Als kondensierter Atem zieht das Wölkchen einer Herde halbstarker Gewitterwolken nach, verliert dann jegliche Spur von ihnen und bebt seinem persönlichen Bestimmungsort entgegen. Einmal nur gebraucht zu werden, den Himmel zu verdunkeln, elektrische Ladung auf sich zu ziehen, um damit Tonnen von Regenwasser auszulösen, das ist der Traum eines jeden heranwachsenden Nebelknäuels, Teil des angeblichen Zufalls, der sich im Kupferkessel der Troposphäre zusammenbraut. Wird das Wölkchen nicht bereits besungen? Mit jedem ›dum-di-dum‹ erklingt sein Name, der zur Gänze ›Dumdidum Wisch‹ lautet. Die Wolke ist eindeutig zu jung, um sich noch an Goethe zu erinnern, der sich auf der Luisenburg in den Granit verliebt hatte. Allzu kurz währt ein dunstiges Leben, nur wenige, die als gewaltiges Gewitter ihre Karriere beenden, bringen es überhaupt zu Ruhm : Galveston, Betsy, Inez, Beulah.

Die cumulus humilis genießt die gegenwärtig stattfindende Konvektion. Thermische Energie kitzelt sie so lange, bis sie vor Lachen, das keiner Heiterkeit entspringt, die Grenzschicht der Troposphäre durchstößt. In der Folge werden ganze fünf Häuser allein in Schwarzenhammer abgedeckt. Zaunlatten fliegen wie olympische Speere durch die Luft. Konrad Hartlings Taubenschlag, der neben der gewaltigen Linde auf einem phallusähnlichen Pfahl in ein hölzernes Miniaturschlößchen mündet, das wohl das gleich gegenüber zu bestaunende, echte Jagdschloss verstörend ungenau nachbilden sollte, wird aus seinem Betonsockel gefetzt. Eine Woche später hat er es wieder aufgebaut, aber keines der dort heimischen Tiere kehrt je zurück.

Bei Hendelhammer, wo die Nordufer der Eger steil abfallen, rutscht ein ganzer Hang ab. Auf den nach Süden gewandten Ackerflächen, die hauptsächlich aus verwitterten Granitporphyr bestehen, findet der aggressive Wind seine passende Munition in Form von Felsbrocken unterschiedlichster Größe, die er im Vorbeistürmen aufklaubt und gegen Hauswände wirft. Etliche Scheiben bersten unter den zeternden Elementen. Die Hauptzerstörungslinie befindet sich jedoch parallel zur Schlossstraße, die sich von Thierstein kommend an der Hohen Mühle vorbei wie eine träge Schlange durch Kaiser- und Schwarzenhammer windet, dort zur Egerstraße wird, und dann durch den Selber Forst, am dortigen Schausteinbruch vorbei, direkt in die Porzellanstadt Selb hinein führt.

Der Ort wirkt friedlich aber leer. Die Kulisse steht seit Jahrzehnten unverändert. Wenn es je ein Geisterdorf gegeben hat, dann ist es Schwarzenhammer, zu unwichtig, um erneuert und restauriert zu werden. Aufrechterhalten durch die Erinnerung der Fortgegangenen und der Toten, die ihre Energien hier zurückließen. Die Koffer des Lebens, das sie führten. Sie können zurückkehren, wenn ihre Häuser noch stehen, wenn es einen Gegenstand gibt, mit dem sie verschmolzen sind. Sie benötigen ihre Nachfahren nicht, keinen trauernden Verstand, der sie nicht loslässt. Der Körper ist stets nur die Flasche des Geistes. Was sie brauchen, ist das Tableau, eine Anordnung von Bauwerken, Straßen, Gassen und Wegen. Wie bei einem Tresorzahlenschloss können dann die Korridore geöffnet werden, Zeitenunabhängig, in beide Richtungen begehbar.

Die Vergangenheit sitzt gerne in ihrem alten Lehnstuhl, um das Treiben zu beobachten, das sich um die Zukunft dreht, um das Ausweiten von Raum durch Bewegung. Kindheiten tauchen auf, nachtbehemdet, wie ein Schock, nicht nur wie eine Brise. Die Nacht ist ein lebendiges Wesen, die Buntspechte holzen und rattern mit ihren Schnabeläxten tief in die Bäume hinein, die sofort damit beginnen, ihre Nadeln fallen zu lassen.

Johanna Specht sieht die Wolke laut poltrig anrollen, die Schönheit der Zerstörung im Gepäck, erblickt den Zauber sich entladender Blitze. Ihr Strickzeug ruht auf dem Donington-Polstersessel mit Tartanmuster im Eck, das dort den Embryo eines Pullovers aufspießt. Auge in Auge mit der Spiegelung, die noch von einem abgerissenen Giebel reflektiert wird und ihr kurz zulächelt, um dann mit nicht wenig Getöse von der Linde abzuprallen und zerschmettert liegen zu bleiben, bemerkt sie als Erste das Fehlen des Taubenschlags.

Trotz fehlender Unterspannbahn, schadhafter Blecharbeiten an Gesimsen und Kehlen, trotz versotteter Schornsteinköpfe, dem Schädlingsbefall im nicht gedämmten Dachstuhl, den Rissen im Putz, dem Schädlingsbefall an den Holzbalkendecken, den schadhaften Holzdielen, den feuchten Kellerwänden und der aufsteigenden Feuchte durch eine fehlende Abdichtung, durch schadhafte Zinnabdeckungen an den hervorstehenden Fassadenteilen, den angefaulten Balkenauflegern der Geschoßdecken, den Holzbalkendecken mit ungenügendem Schallschutz, dem schadhaften Innenputz, der direkten Schallübertragung durch die Treppen, den abgeplatzten Betondecken im massiven Keller mit der zu geringen Deckenhöhe, gibt sie sich unbekümmert.

Nichts rinnt so schön von dannen wie flüssige Nacht, nichts erwacht vorzüglicher als ein wilder Traum. Johanna wendet sich ab, sieht kurz nach, ob ihr Mann noch atmet, und legt sich dann auf ihr eigens dafür hergerichtetes Kanapee. Sie hat zu viel erlebt, um sich noch einen Gesichtsausdruck zu gönnen, der Erstaunen ausdrückt.

Baumhöhlenbewohner

„Wenn nun ein höherer Mensch über das geheime Wirken und Walten der Natur eine Ahnung und Einsicht gewinnt, so reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin, um ein solches von menschlichen Dingen durchaus Fernliegendes auszudrücken. Es müßte ihm die Sprache der Geister zu Gebote stehen …“ (Goethe)

Als ich ansetzen wollte zu einem Hohelied der Geistersprache, gerate ich an Heinz Schlaffers ebenso benanntes Buch, 2012 bei Hanser, gerate dann wieder in die Situation, erst einmal widersprechen zu wollen, mäßige mich aber, weil dem Lyriker bewußt sein muß, daß er sich einer archaischen und vollkommen autonomen Form anheimgibt, indem er auf Kommunikation mit seiner Umwelt pfeift und pfeifen muß, indem er davon profitiert, was ein jahrhundertelanger Kampf war, Herr (und Dame) über sein Kunstwerk zu sein, zum ersten Mal wirklich frei (nun jetzt schon etwas länger), aber auch nicht zu lang, wo messen wir schließlich, wir messen 1 am Kosmos, wir messen 2 dann erst am pille-palle-existierenden Menschen(ge)schlecht. & wenn die Götter das hören, werden sie dachsteufelslustig, denn sie haben’s ja schon immer gesagt, wo sind denn ihre Schamanen hin, ihr Joghurtesser und Baumhöhlenbewohner, wo sind die denn hin in ihren Betongsiedlungen. & wem hören sie da zu. & wollen zu allem Abfluß auch noch gelesen werden. Das Sangesfeuer ist die Inspiration, Begeisterung hört sich da nicht schön an, Besessenheit ist besser, herausgefallen aus dem Geniekult, der aber im Kleinen weiterschlüpft, herausschlüpft aus dem Kescher, dämonisches Werden, ganz anders sein, weil da zu trennen ist zwischen dem wie ich sein könnte und dem wie ich werde. Befreiung von Zweck, aufatmen : sooooog; ausatmen : faaaach!

Supergrippe

Der dritte Tag meiner Supergrippe (die es für mich ist, weil ich an so etwas nicht gewöhnt bin) lässt mich einerseits wieder etwas atmen, andererseits kann ich die Arbeit an der Sandsteinburg noch nicht wieder aufnehmen, weil meine Kräfte noch nicht ganz ausreichen. Allerdings habe ich mit einem neuen “Language”-Zyklus begonnen, der hier noch nicht als solcher etikettiert wurde.

Ich bin nun nicht derjenige, der viel besucht oder Besuch empfängt (meine Einsiedelei ist notwendiger Bestandteil meiner Existenz), auf Schwarzertd war ich allerdings mehr als gespannt, schließlich hat mir Albera von Beginn an eine Menge von ihm erzählt. In der Vergangenheit hatte ich mit Germanisten meine liebe Mühe, aber Schwarzertd ist alles andere als ein gewöhnliches Exemplar dieser Spezies. Und ich selbst bin alles andere als ein gewöhnlicher Dichter. Die Arbeitsklause in Keselround ist zudem vollgestopft mit Büchern, Pflanzen und Manuskripten (Manusprikte nannte Frau Goethe das ihrerzeit). Zu sagen hatten wir uns vom Start weg eine Menge und ich konnte nach Herzenslust in allen literarischen Bildungsgewässern fischen.

Ich habe das grösste Urinfass weit und breit

Es ist immer schön, wenn man von Kollegen wahrgenommen wird, die man selbst schätzt. In diesem Falle hat sich Ursula nun den Guckkasten ebenfalls zu Gemüte geführt … und ihr schien es gut bekommen zu sein.

M.E.P.

„Ich habe das grösste Urinfass weit und breit“

Guckkasten. 21 Fazetien – Michael Perkampus / Taberna Kritika

Kurz sind diese heiteren, aber alles andere als harmlosen Schelmenstücke. Breit sind die Aggregatszustände, von fäkal bis ektoplasmatisch oder gar beides in einem. Tief ist die Zeit: vom Göttergelage bei Lykaons Wolfwerdung (das ist aber nicht der Anfang) über lustwandlerische Jagdpartien in noch nicht allzu langherigen Aristokratenschlösschen bis zum urbanen Neon, das auf eine Leiche im Kofferraum fällt (das ist aber nicht das Ende!). Die Auftretenden sind – um nur einige wenige zu nennen – in alphabetischer Reihenfolge: adlige Strümpfe, alte Damen, Busse und Büssinnen, Büsten, Goethe wie er heut noch leibt, Neugeborene in Blutlachen, sadistische Clowns, Schweineskelette, sorgfältig ausgewuchtete Butler, Troubadoure, unschuldige Burschen; ach, einfach alle, alle sind versammelt! Länge, Breite und Tiefe des Stilregisters sind es jedoch, die dem Hörer das grösste Vergnügen bereiten: diese Kranichflüge, dann kabumm! die wohlkalkulierten Abstürze, nur um gleich wieder aus dem Dreck abzuheben in lichte Abendhimmel!

Dass derart komplexe Konstruktion und Komposition in (teils natürlich nur scheinbar) ungebundener Sprache im mündlichen Vortrag nicht zerbröseln, sondern so erst ihre volle Wucht entfalten, ist eines der erstaunlichsten und prägnantesten Merkmale der Dichtung von Michael Perkampus. Das Wagnis, einige Erzählerstimmen und Dialoge anderen Sprechern anzuvertrauen, hat sich ausgezahlt; gerade das Groteske und Satyrhafte gewinnt dadurch noch an Farbe und Schärfe. Im Tonstudio waren Meister am Werk. Akustische Effekte werden dezent, hin und wieder auch im einzig richtigen Moment penetrant, eingesetzt.

Ein exquisiter Hörgenuss, wobei wie immer, wenn etwas den Namen Literatur verdient, das Ungeniessbare unvergessen bleibt. Diverse Wahrheiten ausserdem. Solche, die man anderen gern ins Konkave der Stirn nageln würde („Niemand weiss, was Schwerkraft überhaupt ist“). Und solche, die man jemals zu hören vergeblich hofft („Ich erkenne dich immer“). Und auch solche, die man wasserfest auf den eignen Nachttopf schreibt, um in makabres Gelächter auszubrechen, wann immer es das Überleben erfordert („Ich habe das grösste Urinfass weit und breit!“).

„Guckkasten“ – ein merkwürdig unperkampesques Understatement. Oder eben grade! Ist ja wohl eher ein Weitwinkelkaleidoskop, verdammt.

Ursula Timea Rossel

Arkadia

Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall. Es ist nicht so sehr der Zufall, dass sich Schäfer sehr gut mit Schläfer verreimen lässt, aber es mag Zufall sein, dass dies in meiner Sprache möglich ist. Wäre ich Anglisch, müsste ich anders vorgehen, zum Beispiel
counting sheeps in their sleeps (ich könnte es so hindrehen, dass dort, wo sich tatsächlich Schafe zählen lassen, und wo sich jemand niederlegt, um zu schlafen, – diese Hinweise zur Dingfestmachung Arkadias genügen).
So aber:

Zu hartem Brot die Liebe –
Darum ist er Schäfer. Die
Sonne aus dem Bilderbuch
Fällt nieder auf den Schläfer

Auf diesem steinigen und dörren Anwesen in Hardheim im fränkischen Odenwald (ein Ortsname, der den Bau der Häuser auf ein großes Muschelkalkvorkommen in sich zu tragen sucht), tauchte Arkadia für etwa eine Woche aus dem roten Sandstein. Das Wirtshaus “Zum Grünen Baum” (das uns hier überhaupt nur am Rande, und insofern interessiert, als dass hier der alte Goethe einem jungen Mädchen nachstieg, und sein junger Reisebegleiter, Sulpiz Boisserée, in seinem Tagebuch vermerkte:
“In Hardheim Mittagessen – junges frisches Mädchen, nicht schön aber verliebte Augen. Der Alte guckt sie immer an. Kuss .”) weicht in seiner hohen Stellung dem alten Holzwurm, der 1993 nach einer heimtückischen Brandstiftung völlig ausbrannte, und ohne den es ein Arkadien hier an der Erfa nie gegeben hätte.
Wie es Wunderlande so an sich haben, steht die Zeit – zumindest dehnt sie sich durch das intensive Einwirken des Märchens in ein Unermessliches, hört nicht einfach auf zu existieren, sondern vergeht in die Tiefe. Ich würde dieses Phänomen gerne Intensivqualität nennen, doch ich fürchte, dass ich es dann beschreiben müsste; und dann, mit Verlaub, würde alles ganz und gar unverständlich und nähme eine Menge absonderlichen Raum ein.
Zwei große Tentakel peitschen aufeinander zu und vereinen sich zu einem finalen Stoß gegen die Bootswand (es ist Charon, der die Rettungskähne überprüft). Die Contrarii Zeit/Raum, Land/Wasser, Paris/Arkadien, Madeleine/Bert, Besatzung/Résistance, werden mich während dieser Erzählung beschäftigen – und vielleicht fallen mir später noch einige andere ein; aber für jetzt, 40 Jahre nach Woodstock, 20 Jahre nach Arkadia (von allen beiden Angaben ist der Autor betroffen, wie sich herausstellen wird), beginne ich das farbenprächtige Spiel so, wie es mir in der Erinnerung vor Anker liegt.
Werden die Tentakel die Haut des Schiffes aufschlitzen und das immerwährende Wasser einlassen? Wird es ein Unglück geben, auf dieser rauen und weindunklen See, auf der man alles verlieren, aber nichts gewinnen kann? Die Antwort darauf wird auch meine Antwort sein, und so harre ich nicht weniger als der geneigte Leser der Dinge, die da kommen mögen.