Carawahn

Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst.
Höre, draußen geht ein Sturm; den rufen wir: Los, Donnerhand! Den knechten wir mit Eisenband, und führn ihn´an der Lorelei vorbei und lachen aus dieses sich=kämmende Monster. Aus den Bechern rieselt Wort um Wort, ein Regen ist geworden; und all das fasst nicht an, womit das Herz bewohnt sein will. An kalten Tagen spickt man aus der Nische und wundert sich, wieʼs draußen geht. Doch hier im Stübchen glüht der Herd, bereitet warmen Mündern Speisen. Wir segeln durch die Endlosigkeit der Himmel, Sternenaugen, schwarz die Nacht; sie seufzt den silbernen Baum=Mond an, er fällt herab in Tränen, Licht der Nacht – die Erde ein violetter Brand im Saphirdunst des Orbits, während darunter Bäume in einer kühlen Brise baden. Wir passieren das Karmesinauge des großen Gottes Mars.
»Habt ihr viele Spiegel zu Hause?«

Sterntaler

Der Knecht auf dem Boden : schraubt mit der rechten Hand am Traktor herum, seine linke hält den klobigen Becher zu ihr hoch, würdigt sie keines Blickes, wie sie die Kanne schwenkt, um die Butter wieder unter die frische Milch hüpfen zu lassen. Keines Blickes, bis sie die Milch über den Rand der Kanne, am hingehaltenen Becher vorbei zwischen seine Hosenbeine schwappen läßt. Ssch. Und er dann hochschaut, den Becher senkt, dann hochschaut, überrascht, ihr völlig dämliches Gesicht ganz rot. Sie schielt und ihre Zähne stehen vor wie ein Schwellenreißer, den eine Zunge anhebt, die im Saft geschlafen hat. Unverändert steht sie da, die Kanne zum nächsten Guss bereit, leicht schief, und leckt sich die Werkzeuge : »Kannst’u nicht aufpassen!«

Da hockt er sich hin und streift mit der Hand die Flüssigkeit, die sich nicht mehr wegstreifen läßt, und es sieht aus, als wäre der Fleck nicht von außen, sondern von innen entstanden. Sie ist ganz in der Ruhe, überlegt, ob sie noch einen Schwenk dazu nutzen soll, ihm begreiflich zu machen, daß es kein Versehen war. Sie hätte einen Topf auch von einem Dach aus treffen können, bei diesem ständigen Umgang mit den Dingen, die ihr aufgetragen, eingeschrieben waren.

»Du mußt die Hose ausziehen.«, nuschelt sie.

»Ich kann nicht, wir müssen fort von hier und der Fendt ist unsere einzige Mö-Möglichkeit. Ich muß ihn reparieren, die Bauersleut’ verwesen schon, die Fliegen kommen!«

Das Dorf unter der Totendecke der Rabentiere.

Der Wanderer wäre gerne noch einmal zum Hof zurückgegangen, die nun aufgehängte Magda anschauen, ihre Füße, die in der dreckigen Milch baumeln, die Milch voller Fliegenlarven, das Zweifeuerhaus aus Holz, Lehm und Roggenstroh, die Erde öffnet den Mund für die Kälberspeise, die neben den Eimer leert, dem Euter mit einem Schmatzen entwunden von Händen, die sich nachts selbst betitten oder den Knecht im Stroh, schnaufend die Fliegen aus der Schweißpfütze im Gesicht wedeln. Eine platzt an ihrer Stirn. Auf den Wiesen reiten sie mit Rindviechern, tanzen den Hummeltanz.

»Leck die Milch aus meiner Dose!«

Und Brann fällt auf die Knie.

»Du mußt die da erst reinschütten, du Dummbartel!«

Brann glotzt sie kurz an, erhebt sich dann wieder und hastet zum Bottich mit der Milch. Magda legt sich derweil Stroh unter den Hintern, hebt Schürze und Rock und probiert mit zwei Fingern ihre Spannweite. Brann läßt den ersten Eimer, den er aus der Milch zieht, fallen, und flucht, den zweiten hat er sicher. Vor ihrem hochgelupften Unterleib bleibt er stehen und grunzt, starrt ihr aufgerissenes, haariges Loch an und schüttet ihr dann den ganzen Eimer darüber. Magdas Beine fahren im Reflex zusammen, sie springt auf, keucht Worte hervor, die er nicht kennt. Die Idylle endet abrupt, als die Fänger den Hof erreichen. Die Stadt wuchert am anderen Ufer entlang, zieht sich in die Länge wie ein Lindwurm. Dort verstecken sich die apokalyptischen Fänger, die Flure bereinigen, Blut trinken vor den toten Augen der Entleibten. Sie braten sich Lebern und johlen, daß nun alles ihnen gehöre. Sie mußten einst in den U-Bahn-Schächten hausen: vorbei. Sie mußten sich unter die Erde stehlen, aber jetzt, jetzt sind sie zurückgekehrt an die Oberfläche. Die Bomben der Sieger zerfetzen das Fleisch.

»Es ist wie im Krieg!«

»Es ist Krieg!«, sagt der Wanderer. Also nicht die Treppe.

»Wir sollten gehen!« Sie wie ein Flageolett.

»Wir können die Treppe nicht betreten, ohne durch den Einschusskorridor gesehen zu werden. Wenn sie uns erwischen, trinken sie uns aus!«

Das ist Dunkelheit, Nachtwüste oder Ruinenlicht. Die nächste Detonation, aber nicht hier. Beim Einfall der Dänen schnitten sich die Töchter der Engländer die Nasen ab, um durch diese Entstellung ihre Keuschheit vor dem Ungestüm der Soldateska zu retten. Aber das will sie nicht. Sie sieht auf ihre zerschlagene Uhr, überlegt, wie sie überleben soll, aber sie wird, sonst gäbe es den Wanderer nicht. Ihr Gesicht ist die Erde, als sie noch Scheibe war, Vulkannüstern, Augenozean. Schon müde, der erste Fisch kriecht an Land, denkt : Ich bin, also bin ich.

Es gibt Menschen in Hülle und Fülle, aber keine Nahrungsmittel. Die Fänger vor der Fabrik pressen plärrende Trauben aus, Maische in den Gassen zahnskulpturener Bauwerke, Trester in Gruben, die Hitze nimmt zu, es ist Nacht. Das ist bereits der Wahn in ihr. Wer erben will, muß den Leichnam aufessen. Von der Herde, die du verfolgst, bist Du ein Teil. Die Straßen tragen Regenschirme, die Dunkelheit bedeckt ihr Gesicht. Die Häuser sind des Wanderers eigene Organe, die Gassen wachsen wie sein Haar aus ihm heraus, verschwinden in perlenden Knoten. Hinter den Türen lauern die Verheißungen des Unbekannten, diese einzigen Sehnsüchte. Öffnet man sie unbedacht, bekommt das Düster eine Gestalt wie im Märchen, dem schönen Alptraum. Der Herd, die Sterntaler, ein erfrorener Hund. Mit Zauberhänden. Der Atem duftet nach Orangenpastillen. Nachtfahrt durch die Katakomben-Haut; stillgelegte Gleise begleiten das unstete Flackern der Lider, biegen sich hin zu verräterischen Horizonten, verschwinden im somnambulen Getümmel aus Stahl, Glas, erschrecklichen Gebärden, die Uhren ohne Takt, digitale Lieder ohne Seele kakophonieren in die Ferne, langsamer als das schwache Licht der reglementierenden Ampeln. Nachtstaub. Augen ein willkommener Gruß, das mutierte Erzeugnis des blinden Flecks. Dreidimensionale Augen, hintendran ein Batzen grauer Verbindungen, ein Knäuel, das fettig schmeckt.

Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert : Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.

Das Dorf der Aussätzigen und Leprakranken, die alle Fragen beantworten können und die jedes Geheimnis wissen. Sie sind unheimlich anzuschauen und schwanken wie Bojen in Kapuzen auf dem Meer. Sie wissen alles, doch sie sind krank und verrückt und verlangen ein Opfer als Bezahlung.

Zitterhexchen

Sie läuft auf Sand, auf Scherben, plantscht in Kettenrinnen, überquert Schienen und Gräber, schläft bei den unruhigen Toten in einer Leichenkutsche (als es einmal gar zu arg regnet). Die Seelensauger, die aus den Wänden kommen, diese merkwürdigen Orte, Oasen der Dunkelheit und Kälte, fackelndes Geschwür. Unvermittelt tauchen sie in der Landschaft auf, rauben dieser alles von ihrer irdischen Schönheit.

Dorothea, nahe an der Tür : »Sie ist in der Kammer, aber ich werde sie jetzt nicht wecken!«

Da ist sie längst schon über alle Berglein, träumt aber immerzu von ihrer engen, düsteren Behausung. Sie weisen darauf hin, die Kettenspuren, die Radstandspuren, daß hier einmal ein Mensch lag, von Sinnen zwar, außer sich, verplant in einem ›Van de Graaf Generator‹, die Blumen aufgeschmolzen, bunte Tümpel preisend (nur von einer sengenden Sonne umgeben knüpft ein Punkt an den nächsten, stiert aus roten Augen hervor).

Das Neon bleibt Neon, selbst wenn es sein Licht emittiert hat. Sie überquert die Jagdgründe der Insekten, in ihren nassen Kleidern sieht sie sich schließlich ähnlicher als jemals in ihrem finsteren Leben, aus zahlreichen Rinnen fließt baldige Flut, im Zorn spricht sie Namen, die sie nicht kennt : Scharlachmunt, Susemilck, Rupsac Manderscheid, Füllengast, Karin Halbfotz, Crumbhals, Eppele Guguck, Gretel Ars; das Gespei wilder Worte verfängt sich – zart schmelzende Schokolade – zwischen ihren hübschen Zahnlücken. Flucht ist eine Tugend, und die Nacht fragt nicht, wohin sie flieht. Nur Wolken folgen ihr hinaus in ein törichtes Bild. An die Kammer erinnert sie sich schallend, hinter den Laternen steht ihr Geist Spalier, beobachtet sie aus Facettenaugen, geblendet von ihrer eigenen Furcht. Niemand hält sie auf, die Spalten nicht, die zwischen zwei Fluren abrupt alle Masken fallenlassen, zum Teil gehören sie ihr, die jetzt erschöpft aus dem Fensterrahmen äugt, ein blinder Passagier. Aber wen hätte sie fragen sollen?

Auf dem Weg zu katatonischer Starre von Vorkommnissen begleitet, die ihr die Schau stahlen, trat sie in den vor ihr liegenden Traum, unbekannt, von welchen Wegen, Sehnsüchten, Pflastersteinen (vornehmlich Grus) erschaffen, ungenau in seiner euklidischen Darstellung, freskenbetont und einsam. Sie, die sich stets in ihrer Mitte wußte, fand hinaus, fand die Stimme wieder, die sie dazu ermuntert hatte, durch die Wand zu entschwinden. Hören wir hinein, ablauschend die Erinnerung, aber kein Wort, weil Worte versagen, kein Schild, weil Schilde versagen, und der Hof, der schöne verfallene Hof lag hinter ihr. Schlief sie in Wellen, erwachte als ein Ding, oft in Taschen oder anderorts verlegt, ein Gegenstand von Kälte, blassem Fieber. Eine Welt oder eine andere. Die Motoren drücken strenge Muster aus. Sie hört davon in den Ecken einer gewissen Grabesstille, flüsternde Tote, spinngewobene Kleidung, Humus aus Dosen, Grabstätten der einen Fantasie. Alle Male auf ihrer Haut verheißen ihre Rückkehr, eine Begegnung mit dem Wanderer wird unvermeidlich sein; sie lügt ihn an, was ihre Tätigkeit betrifft, denn sie ist nicht die, für die er sie hält. Eine hübsche Trophäe wäre sein Kopf, seine ausgebeinte Schulter, sein trockengelegter Tränenkanal, statt dessen gießt sie ihm ein, bereits mit Händen, die keine Zeichen mehr geben können, die Nähte ungewachst und spröde geworden. Alle Rätsel fließen in ihrer Brust, alle Fragen in seiner.

Ihre Haut leuchtet perlweiß, rötlich, schwarz wie Opal und schillerndes Orange, sie scheint über den Scheitelpunkt des höchsten Sterns hinaus zu schweben, trunken von Eingebungen. Noch ist sie nicht angekommen, hängt fest zwischen Wünschen der Nacht und des Tages, ein erstarrendes Zitterhexchen, aus stiller Kindheit unschuldiger Hut gejagt, so daß ihr der Mythos selbst nicht mehr die Wahrheit vorenthalten konnte. Jetzt wohin? Am Hange schleicht sie, krank und matt, das Warnungsflüstern, krankhaftes Funkeln im verwirrten Haar, als käme nun alles auf sie zurück, was sie je gelebt: viele verbrannte Lebensläufe.

Die Augen stumpfen ab, gelegentlich erreicht der Blick die Wimpern. Woher du wohl gekommen bist, den ganzen weiten Weg allein, und ob du wohl nicht gesehen hast, wie alles hin zur Asche rennt, und ob du dich gewundert hast, wie du überhaupt hierher gekommen sein kannst, wo hast du die Grenze überschritten?

Hinter ihrem Rücken ragt eine Maschine auf ins Unermeßliche.

Vielleicht war es ihr erstaunlicher Werdegang, begonnen mit einem in der Welt sein auf Stachelkissen, gewaschen mit Brackwasser, vielleicht waren ihre großen Nüstern schuld, Dinge namentlich zu erschnüffeln, ein Trüffelmädchen mit einer Neigung zum Hässlichen, denn darin standen ihr die Augen offen, erblickten dort Grenzposten in gilben Uniformen auf- und abpatrouillieren, das Niemandsland bewachen. Ihr gelang es von Zeit zu Zeit einen Fuß auf das verbotene Feld zu setzen, um zu erkunden, was geschehen würde, wenn sie sich nicht an Kompromisse hielt. Es geschah nie etwas, ihr Vorhandensein blieb unbemerkt. Wer achtet schon auf eine Nase, die sich über Grasnaben schiebt?

Im Garten der Hyacinthe

Der Turm der höchsten Trümmer liegt in Sprachen, sendet Mauerstein hinein in die brühende Melange. Zucksuppe gischtet brandig, sendet das schwarze Röcheln uteralwärts. Schaumige Maische verdreht die Worte. In diesem Blut erhebt sich Pflanzenseiber, darin gebettet befinden sich die Kehlen, die sich rühren, kleben finster, schlotig, kahl hochgereckt an der Wand, die sich farblos gen Norden neigt. Man hört sie röcheln, aber kein Wort formuliert sich. Schutt und Schlamm in inniger Umarmung.

Sie sitzt in einer Höhle und näht ihr Hochzeitskleid. Oh rühr mich an, zitternde Gestalt! Ich will Dich als einen Schatten sehen! Dein Haar, so gülden wuchernd, über alle Maßen schön im Zwielicht strahlend, mit Nebeln verbunden. Mein Augenstrahl erfaßt Dich, Nabel meiner Welt!

Zwei Gebirgsziegen werden um die Stadt geführt, begleitet von zwei zum Tode verurteilten. Ein Mann und eine Frau, die das gleiche aßen, in heilige Gewänder gehüllt, verschnürt mit Feigenbaumzweigen, kauernd vor Lichtschranken, betrachtend deinen Blütenmund.

Frauen tragen die Statue der Athene zum Waschplatz, angeführt von einer, die einen Korb mit Feigen trägt. Berittene Epheboi befehlen die Prozession. Die Badenden warten schon und reinigen die Statue, mit der Stephane auf dem Kopf, im fließenden Wasser.

Sie zeigt sich ein weiteres Mal und sagt nicht ihren Namen. Flügelschlag, der ihren Federn weicht, sich auf mein Ohr setzt. Schild des Engels, schön wie Feuer. Menschentochter. Lichte Finger. Berühre mich mit diesen Händen; weiß dann endlich, wer Du bist.

Oh Sonnenkarawan, oh Nachtgeschick! Hin zu aller Tage Wiege! Hin zum Wolkenrest! Auch Nebel (Verwebung), Pfuhl, getanztes Licht. Dort streust du Wetter aus. Um sieben Säulen schwebt Dein Geist, fließt in meine Traumnatur (von Kelchen ausgeleert).

Die Gesänge der Banshees

Als sie gemeinsam am Küchentisch saßen, die Blicke gebannt in die Holzmaserung drückten, die je nach Fantasie etwas anderes zeigte, sprach keiner ein Wort. Die Natur spuckte aus, es war Stille im Universum. Nur die Steine sprachen miteinander. Die ersten Stufen hell erleuchtet. Nebel, die Treppe aus Knochenmark geformt, in der Mitte schwielig, braun zurückgelassene Fußabdrücke, Dornenstaub darüber, Gestalt des Wahnsinns, Augensaft : die Tränke der Nymphen; Hermann bellte, die Lippen straff und geöffnet, künstliches Loch, die Zunge wie ein Rollmops, großmütiger Ausdruck, dieses Gesicht, das vielleicht eines Tages das eines anderen sein wird, mit Doppelkinn, Tränensäcken, und anderen Überschüssen im Gesicht eines Mannes.

Sie bemerkten ihre gegenseitige Verlegenheit, schoben ihr Schweigen auf das Wetter und die Jahre ihres gemeinsamen Lebens, wußten aber nicht, was ihre Welt aus dem Gleis gebracht haben könnte. Sie waren sich an diesem Küchentisch aus Kirschbaumholz so nah wie seit langer Zeit nicht mehr, vielleicht sogar noch nie. Wenn sie darüber geredet hätten, wäre es ihnen klargeworden, so aber blieb die Gemeinsamkeit abstrakt, nur eine Ahnung, die ein verlöschender Stern oder eine ausgehende Kerze in die eigene Nacht schmilzt.

Im Krieg hatte Hermann die Mystifikation des Ausnahmezustands bereits erlebt, als sie mit den Schnellbooten im Stichansatz in die englischen Häfen rasten, um Minen zu versenken. Oft genug driftete er vor Müdigkeit, Anstrengung und Angst aus seinem Körper, schwebte zeit- und schwerelos über dem rasenden Geschehen, den Zeitlupenexplosionen; seine Ohren schienen mit Wasser verstopft nur bestimmte Frequenzen durchzulassen. Irgendwie war ihm leicht ums Herz, ein Traum und die Gewissheit des Träumens, Zerrspiegel des bewußten, stabilen und koordinationsfähigen Ichs. Das Land war nicht mehr England, das wogende, dunkle Wasser, auf dem vereinzelt Trümmer brandeten, nur eine Luftspiegelung, ein optisches Phänomen auf der Leinwand des Ozons. Er sah Sonnenstrahlen, die durch grüne Zweige tasteten, obwohl der Himmel dahinter schwarz blieb, so daß die Sonne nur wie eine Funzel kurz vor dem Verglühen wirkte. Dann gesellte sich eine weitere Sonne hinzu, und noch eine, das Gefühl der Ruhe endete ebenso schnell wie es gekommen war, er erkannte die Hölle um sich herum und schoß auf die Suchscheinwerfer.

Das hier war nicht halb so schlimm, und dennoch war es schlimmer. Anna stellte keine Fragen, und er selbst fand sich unfähig, eine zu stellen. Hermann erwog die Möglichkeit, gar nicht hier zu sitzen, vielleicht aus dem Krieg gar nicht zurückgekommen zu sein. Möglicherweise waren all die Jahrzehnte, an die er sich zu erinnern glaubte, nur die Halluzination eines Ertrinkenden, ein luzides Träumen, bei dem er nicht sein vergangenes Leben, sondern die Zukunft, wie sie gewesen sein könnte, erkennen durfte.

»Anna?«

Sie antwortete ihm nicht, starrte weiterhin die Tischplatte an.

»Bin ich wirklich hier?« Er wollte es wissen, also blieb ihm nichts anderes übrig, als sie danach zu fragen. Hermann schmatzte, hatte den Geschmack von Algen und Öl im Mund, soff im wahrsten Sinne des Wortes ab, aber nicht an der englischen Küste, sondern hier am Küchentisch. Er bekam keine Luft mehr, wollte sich erheben, wirklich überrascht, und fiel mitsamt dem Stuhl nach hinten um, wo er mit dem Hinterkopf auf den Boden knallte. Sein Herz raste und setzte seinen Rhythmus unregelmäßig fort. Anna verwandelte sich von einer leblosen Statue in einen hektischen Wirbel, sprang auf und wußte nicht recht, was sie tun sollte. »Hermann!« rief sie. »Hermann! Großer Gott!« Auch ihr Stuhl fiel um.

Aus seinem Mund, seiner Nase und den Ohren spritze jäh ein Schwall Wasser. Hermann röchelte, umfaßte mit beiden Händen seinen Hals, wollte sich auf die Seite rollen, was ihm nicht gelang. Die nächste Fontäne überraschte Anna, die sich neben ihm auf die Knie warf, seinen Namen schrie, den Herrgott anrief, und ihrem Mann unsinnigerweise auf die Wangen schlug. Das salzige, brackige Wasser sprühte über sie hinweg, benetzte ihr Haar, das wie wilder Flaum eine Aura um ihren Kopf markierte, das entgeisterte Gesicht, die zitternden Hände. Sie zerrte an seinen Schultern. Als würde man seinen Kopf langsam mit Tinte befüllen, lief Hermanns Gesicht blau an. Der nächste Schwall kam über den Status des Rinnsals nicht hinaus, wofür vermutlich der Seetang verantwortlich war, der aus dem Mund des Sterbenden quoll, dessen Körper sich noch einmal aufbäumte, die Augen verdrehte, die von den geplatzten Äderchen feuerrot glühten, und dann – nichts mehr. Hermann war ertrunken.

Anna kramte, nachdem bei ihr ein kriminalistisches Tohuwabohu veranstaltet worden war, eine Schallplatte mit den Gesängen der Banshees heraus, spielte allerdings nur eine Hälfte davon ab – und das den ganzen Tag, was an der Mechanik des Elac-Plattenspielers lag. Der Tonarm, der nichts dafür konnte, daß keine andere Scheibe auf der Stapelachse hing, setzte immer wieder von Neuem an, aber vermutlich hätten Seemannslieder besser zur Situation gepaßt, denn Anna mußte den ganzen Saustall selbst beseitigen, schrubbte sozusagen das Peildeck wie ein einfacher Matrose. Dann suchte und wühlte sie in ihren Habseligkeiten, bis sie in etwa die Garderobe beisammen hatte, von der sie glaubte, daß es sich dabei um die Kleidungsstücke handelte, die sie sich gekauft hatte, um Hermann wieder auf sich aufmerksam zu machen. Ein etwas lächerliches Ansinnen, das keinen Erfolg gezeitigt hatte. Dann ging sie los, um alle Stücke einzeln an eine Eberesche zu hängen.

Erst vor 300 Jahren überträgt die Sprache die Sammelbezeichnung ›Frauenzimmer‹ auf das Einzelwesen, ehe vor 200 Jahren für die Sprache eine frauenzimmerliche Zeit anbricht. Nicht allein ›entflammte Schnurrbärte‹ (wie man verliebte Männer damals humorvoll nannte) schwärmten von ihren ›Frauenzimmerchen‹. Die ganze Sprache wimmelt von Wörtern, deren erster Teil ein ›Frauenzimmer‹ ist: von ›Frauenzimmerhänden‹, ›Frauenzimmermützen‹, ›Frauenzimmerseelen‹, , so daß ein Wörterbuch dieser Tage die Frauenzimmer kaum unterbringen konnte. Der deutsche Physiker Christoph Lichtenberg, berühmt durch seine Entdeckungen über Elektrizität, spottet in seinen Tagebüchern über die Frauenzimmermode und ihr Decolleté, die Bauernmädchen gingen barfuß, die Vornehmen jedoch ›barbrust‹. Und der norddeutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing stellt damals wohl aus Erfahrung fest, daß es gewisse Dinge gibt, wo ein ›Frauenzimmeraug‹ schärfer sieht als hundert Augen von Mannspersonen.

Im vorigen Jahrhundert verlor das Wort ›Frauenzimmer‹ seinen ehrbaren Klang (so wie auch ›Dirne‹ , ›Jungfer‹, ›Mensch‹ ), zunächst durch Zusätze wie ›gemein‹ , ›liederlich‹, ›unverschämt‹, ›verdächtig‹, die dann auch wegbleiben konnten. ›Dame‹, ›Frau‹, ›Fräulein‹ und ›Mädchen‹ lösten das Wort allmählich ab.

Nach dem Sturm 3

Wie oft hatte ihn sein alter Herr dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog.

»Bist du ein Weibsbild?«, herrschte sein Vater ihn an, packte ihn dann am Genick wie eine junge Katze, grub seine manikürten, scharfgeschliffenen Fingernägel in seinen Hals und nötigte ihn, nachdem er sein Bildnis bereits verlassen hatte, noch einmal vor den einzigen Spiegel des ganzen Hauses, der für gewöhnlich verhangen in der Küche über dem Spülbecken in die Wand eingelassen war, nicht größer als die Handfläche eines erwachsenen Mannes. »Was siehst du?« Der Atem seines Vaters, der nach Lakritze stank, fuhr ihm ins Gesicht wie ein feuchter Wind, der stets für schlechtes Wetter sorgt. »Mich… ich sehe mich!«

Die scharfkantigen Fingernägel gruben sich tiefer in die Haut und färbten die Halbmonde rot, ein plötzlicher Schlag, einstudiert, choreographiert, ließ sein Jochbein erzittern. »Du siehst nicht dich! Du siehst dich verkehrt herum, ins Groteske verkehrt! Du siehst deine verdammte, deine dunkle Seite, die des Teufels ist! Vanitas, leerer Schein! Du glaubst, ich habe dein Verharren nicht bemerkt, du glaubst, du wüßtest, wie lange man einen Blick als einen Kontrollblick tarnen kann, aber ich habe es in deinem Gesicht gelesen, habe gesehen, wie dich der Hauch der Eitelkeit streifte. Schau dort niemals hinein, wenn du nicht unbedingt mußt, hast du das verstanden?«

Sebastian Hohenner hatte verstanden und mied von diesem Zeitpunkt an nicht nur den Spiegel seines Elternhauses, sondern auch den in seinem Klassenzimmer, schaute statt dessen fortan Mimi tiefer in die Augen als jemals zuvor, während die Haut an seinem Hals, den er mit einem Seidenschal verhüllte, brannte wie Feuer, und seine rechte Wange pochte, als säße dort sein Herz.

»Was ist mit meinen Augen?«, hatte sie schüchtern gefragt, als er sie bat, stillzusitzen, eine Weile nichts zu sagen (sie redete gewöhnlich sehr viel und sehr beherzt, vor allem, wenn die Sonne schien). Nichts ist mit deinen Augen, hatte er geantwortet, ich kann mich darin spiegeln, das ist alles. Sie setzte zu einer Antwort an, aber sein Finger auf ihren Lippen gebot ihr, zu schweigen, während er sie beinahe hypnotisierte. Ich kann mich ebenfalls in deinen Augen sehen, sagte sie dennoch, sagte es leise, so als wäre Flüstern ein Kompromiss. Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst.

»Habt ihr viele Spiegel zu Hause?« Auch er flüsterte jetzt, was so gar nicht zu diesem angenehm warmen Nachmittag passte.

»Nicht sehr viele, ich würde sagen, normal viele. Warum fragst du?«

Ob der Glanz in ihren Augen erlöschen würde, wenn sie starb, ob man sich wohl nur in lebenden Augen spiegeln konnte? War es nicht das, was sein Vater meinte? Daß es lästerlich war, sich in toten Dingen zu spiegeln? Liebe bedeutete ihm Härte und Disziplin, Gehorsam und Arbeit. Was, wenn sein Vater damals schon gewußt hätte, daß er den Wunsch hegte, Arzt zu werden, daß sein Sohn nichts von diesem in allen Belangen bösartigen Gott hielt? Er hätte ihn ganz sicher auf dem kalten Stein, den er Altar nannte, festgebunden und unter Tränen und Gebeten ausgepeitscht. Du willst also Gott lästern, du eitler, undankbarer Schweinehund! Ein Schlag und dann der nächste Schlag. Unter Tränen, immer unter Tränen und bis zur Unkenntlichkeit gestammelten Gebeten.

Mimi war eines Tages verschwunden. Als man sie fand, fehlten ihr die Augen, ansonsten war sie unberührt.

Equinoxe

Ich stand schief in einem dunklen Garten.

Umgeben von Urtannen,
unbewegt vor einem
blühenden Strauch.

Mein Haar an Fäden aufgehängt.

Einer der vielen Raben zu
meinen Füßen hob sich
in Zeitlupe empor. Trug
den Duft der gelben Rosen
in den Himmel mit sich.

Ich stand schief in einem dunklen Garten,
umgeben von Urtannen, mein
Haar an Fäden aufgehängt.