Das letztliebliche Tal

Namen für Kieselsteine : Splitt, Gravel, Gneis, Schiefer, Griffel; in einer Zeit bevor Asphalt, in einer Zeit, da Wege begangen und nicht befahren wurden, in einer Zeit der Fotolinsenbeobachtung; nicht in dieser Zeit, sondern in dieser Möglichkeit.

Sie steht da in Pantoffeln aus zerfranstem Plüsch und verabschiedet mich im Auto, mich und das Auto, das viel früher zu ihr zurückkehren wird als ich. Die Kamera sieht den roten Horch, die Tür noch geöffnet, um keine Barriere entstehen zu lassen zwischen dem Gesichtsfeld und dem Handkuß; sie in einer Schürze aus Polyethylenterephthalat, ich in Baumwolle, nicht sichtbar, fast wie die Kamera blinzelnd, ohne auch nur im Ansatz mit ihrer starren Erinnerung konkurrieren zu können.

Sie hat den Abdruck geduzt, die Oberfläche geschaffen, die mich jetzt angeht. Sie steht dort; wenn der Weg beim Gehen erst entsteht, gibt es diesen Weg in jeden Augenblick, in dem ich aufstehe und das Haus verlasse, in Bewegung bleibe; ich muß nicht zu diesem Ort, ich muß den Moment erreichen; ich muß nirgendwo hin gehen, ich muß nur in Bewegung bleiben.

Ich erträumte mir das letztliebliche Tal neben Pfannenstiel und Nachtberg, das die Historienmacher längst aufgegeben haben wie jeden paphischen Hain der Fürsten in abgelegenen Regionen. Das Geheimnis eines Geheimnisses; im Traum wird hingebosselt, was der belebte Körperschmied gar nicht wissen kann, was der Wachzustand vergrämt und vergrätzt, was ihn eng an einer Schnur in der Zeit führt. Ich plündere mich in den Kellern, verpuppe den Plunder dort, der ohne Herzberührung selbst keinen Puls mehr spüren ließe, ein jedes Symbol ist mir Tür ins Weite, einer neuen Verlorenheit entgegen, die sich anhauchen lässt, Farbtöpfe vor einer gilb gewordenen Leinwand; nur : nein, ich male nicht, ich schreibe Bilder ein ins Leben, ein Bücherfutteral. Niemals schläft die Welt, die in der Erfindung zu finden ist. Niemals schläft. Wir müßten uns alle totmachen, um wie erfrischt und neu in unserer Einbildung nach einem Bilde zu leben, das wir uns vorbereitet in die Nachttischschublade oder einen verlegten Strumpf gestopft haben, der Entdeckung vorgreifend. Und : jetzt, ja, bin ich allein mit dem Bild, im Bild.

Falter aus nächtlichem Horn

Das Paradies ist nicht vorgesehen, solange Zeit existiert, die ihrerseits keine Ermüdung erkennen läßt, sich sogar beschleunigt. Kein Lichtstrahl findet je zu seiner Quelle zurück. Ich geistere durch jedes einzelne Zimmer des leeren Hauses. Jahre alte Seifenstücke hängen gefangen in einem Nylonsäckchen im Bad, Badeschaum in der Luft. Das Bett im Schlafzimmer ist gemacht und verströmt einen modrigen Geruch. Wenn jemand stirbt, ist er schneller fort als man glaubt. Gepackte alte schwere Koffer liegen auf den Schränken, durchsichtige Folien über den Möbeln, um sie vor Staub zu schützen. Ein langer Flur; das Wohnzimmer, das ich noch voller Leben kannte. Meine schlaflosen Nächte in der Küche, die ich schreibend verbrachte, weil ich erst schlafen konnte, wenn die Sonne aufging. Die Musik wirkt in den Räumen schauderhaft, und doch dringt sie lebendig an mein Ohr. Ich bilde mir ein, ich sei am Leben und hätte nichts verloren. Der Gedanke, eines Tages mein Gesicht im Spiegel sehen zu müssen und zu wissen : das sind nicht mehr meine Augen, das ist nicht mehr mein Mund. Wo wird der Mensch sein, der mich dann noch kennt?

Jeden Abend zerbeißen Falter aus nächtlichem Horn das Licht der Stille. In den Gassen kämpfen Türen um Geschlossenheit. In den Betten hämmert der Atem der Nacht, die Konturen der Möbel zerfließen in den saftigen Pupillen. Bilder werden lebendig und steigen aus den Rahmen, der Wind zieht durch die Ritzen und heult im Staub unterm Schrank, das Haus ächzt mit einem abrupten Gähnen. Im Keller entsteht ein Spuk. Die Steinstufen hinauf wird er nicht kommen können, wir waren schon immer spukfrei hier oben (traditionell sozusagen). Er lauert und kauert sich zwischen den Geruch der erdigen Kartoffeln. Nur in erschöpftem Zustand läßt sich Schlaf finden – zwischen Tassen, Töpfen, Deckeln, die mir nie gehörten. Ich trinke aus der hohlen Hand. Hinter Glaswänden liegt verborgen der Tag in Ruinen, dieser unvergängliche Tag. Sonnenstrahlen, von Schatten gebremst. Reißzähne, als wäre der Tag eine Illusion der Nacht. Ich habe keine Erinnerung an mich, nicht so, als hätte ich mich nie gekannt, auch nicht so, als hätte ich mich vergessen, sondern so, als sei ich vor langer Zeit gestorben und nur eine zerrissene Seele zeuge noch von mir. Die Hälfte, die an mich denkt, die Hälfte, die an die Hälfte denkt, die an mich denkt. Leben voller Halbheiten, Halbzeiten, fällt mir auf, daß alles hoffnungslos, nichts mehr getan werden kann. Ich trinke aus der hohlen Hand als tränke ich mein Leben. Meine Blicke reißen den Asphalt auf, wenn ich die Wege abschleiche, wenn sie da nicht entlang kommt, wenn sie da nicht mit mir sitzt, wenn sie nicht um die Ecke biegt. Ein Museum der Illusionen. Man bräuchte mehr Zeit, um sich langsam aufzulösen.

Vir Desideriorum

Ich kannte Adam. Schließlich hatte er mich in die Brennnesseln geworfen (oder ich war gefallen, das sage ich mir wieder und wieder). Mit Bestimmt­heit kann ich jedoch sagen, daß er mich bei einem Wettrennen vom Rad stieß, weil ich drauf und dran war zu gewinnen. Ich lag auf dem Schotter, meine Beine bluteten, aufgeschlagen wie die frischen Kalkschalen zweier Hühnereier. Wir waren schicksalhaft aneinander gebunden, vermochten uns nicht aus dem Weg zu gehen, auch wenn wir es noch so sehr gewollt hätten.

Ich weiß, daß unser Bewußtsein auch durch das Land geprägt wird, auf dem sich das Verborgene heranpirscht und erwacht. Aber erst mit den Jah­ren lernte ich zu verstehen, daß es nicht nur brach liegt oder sich gerne nur betrachten oder durchwandern läßt, sondern, ganz im Gegenteil, eingreift in die Geschicke der Menschen, die ihm mehr oder weniger ausgeliefert sind. Dem Land. Dem, was wir Bewußtsein nennen. Seit diesen Tagen frage ich mich immer, wenn ich mich irgendwo von Neuem niederlasse: Was will das Land von dir, und was ist es bereit, für dich zu tun, wie wird es versuchen, dich zu verführen?

Der Landstrich, in dem wir damals mehr oder weniger angenehm gefangen waren, war vielleicht einfach nur da, um die Wiege Adams zu sein, ihn auf die Reise vorzubereiten, von der wir natürlich alle irgendwann Kenntnis bekamen. Gerüchte gab es allerhand, ob nun der Nachtgiger in den Wäldern gesehen worden war, oder ob die Wölfe wieder über die Böhmische Grenze gekommen sein sollten. Man wob Schauerliches zusammen, es paßte eben zur Kulisse. Jene aber, die Bescheid wußten, und die Adam hätten retten können, starben auf mehr oder weniger dramatische Weise. Es gehörte alles zum Plan, sozusagen. Auch ich gehörte dazu. Vieles weiß ich nicht mehr, es ist im dunklen Gewässer der Geschichte verloren gegangen (ich bemerke, wie sich stets ein Schatten über meine Erinnerung legt), dabei war mein Part vielleicht nicht einmal so gering zu werten, wie ich das stets glauben wollte. Ich weiß nichts Genaues, wirklich … ich weiß nichts, aber da ist etwas, das auch mich zeichnete. Wäre ich dort geblieben …

Mit mir zusammen betippte Adam eine kleine rosa Schreibmaschine aus Puppenplastik, wohl seine erste. In den Betriebswohnungen waren wir einge­sperrte Küken, wir schwelten als Futter, wenn auch nur vorübergehend, in unseren eigenen Dottermägen. Mit meiner neu zusammengewürfelten Familie lebte ich gegenüber des Granitwerks, das sich nur ein paar hundert Meter weiter die provisorische Straße abwärts von der Kunststoffabrik befand. Folgt man ihr weiter durch den massiven Wald, kommt man in Schwar­zenhammer wieder raus. Soweit ich mich erinnern kann, besuchten uns Lud­wig und Adam dort nur ein einziges Mal, wir zogen da ja bald aus. Mein Stiefvater baute sein Haus direkt in die Nachbarschaft der Familie Pikid, oben am Waldrand gelegen, direkt neben dem Jagdhaus mit der alten Sonnenuhr an seiner Vorderseite.

Wie ich schon sagte, wir konnten uns nicht voreinander verbergen.

Adam fand mich nicht mehr auf seinem Weg nach Raha, und ich suchte ihn nicht, aber die Blätter und Nadeln der Bäume raunten Geschichten. Ich verstand nicht viel von seinem Gedicht, das er mir bei stillem Lindenfieber und brausendem Sekt in der Badewanne vorlas.

Du wirst immer Falter sein / Wehe dem Mond

Vir desideriorum; ein Titel wie blanke Ferne. Mann der Sehnsucht, nicht hom­me de lettres, nein, vir desideriorum, einer, der sich nicht mit dem plumpen Vorhandensein zufrieden gibt. Wir tranken damals leise, nahmen uns den Krimsekt vor, das Flittergetränk meiner Mutter, feierten unsere Zusammen­kunft, die gleichzeitig der Abschied war. Staunend lief er über den Marmor­boden, betrachtete mich so, daß mir im warmen Wasser kalt wurde (wahrscheinlich wäre mir im kalten Wasser warm geworden). Er stellte diese schreckliche Musik ein, die er betwixt and between nannte, erzählte von Robert Johnson, der an den Crossroads seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Stan­dinʼ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, every­body pass me by – und blickte drein, als hätte er selbst es getan.

Wir befanden uns nicht mehr auf dem Weg, sondern bereits mitten auf der Kreuzung. Ich blieb auf der großen Straße, aber er schlug sich ins Ge­büsch. Vielleicht hätte ich ihn allzu früh geliebt, wenn wir nicht mehr oder weniger zusammen aufgewachsen wären (und ohne seine Attacken, die nicht meine Niedergeschlagenheit beabsichtigten, die nur etwas verhindern wollten, aber nicht verhindern konnten, dass wir jetzt hier zusammen saßen).

»Ich erinnere mich nur, weil du es nicht vergessen hast!«

Bei den Langbooten aus Kunststoff-Harz, die in einem Lagerschuppen vor dem Teich aufgebahrt waren, fing ich mir die erste Berührung ein, die Brennhaare, die Methansäure des jähen Zorns. Aber war er es, der mich in die Brennnesseln warf, war es nicht das Land, die Luft, war es nicht etwas um ihn herum, das ihn zur Einsamkeit zwingen wollte? Er ahnte nicht, daß ich später, wenn die Zeit reif dafür war, die erste sein würde, die seine Federn zählte, die erste, die Spaß daran hatte, alles in Bewegung zu setzen.

Zunächst lag ich mit meiner Hand zufällig im Schritt halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, bewegte mich, weil ich träumte, weil mich etwas am Nacken faßte. Ich wollte etwas sagen, aber aus mir heraus kam nur Miau­en. Mein Hals fühlte sich rau an, als wären dort mehrere Seile gespannt, auf denen Zugvögel meditieren. Etwas biß mir in den Nacken und erreichte die Hand in meinem Schritt, die sich nicht bewegte, die mucksmäuschenstill da lag und eingeschlafen war. Um sie zu wecken übte ich etwas Druck aus, aber mir explodierte nur mein pulsierendes Organ. Ich sah eine Sonne vor mir, die ihre Arme nach mir ausstreckte, mir war, als hätte ich diese Sonne verschluckt, denn sie befand sich in meinem Bauch und ihre Strahlen sausten mit dem Blut durch meine Adern. Ich miaute, miaute, miaute, ging tiefer in den Schlaf hinein, sah mich nackt unter Rehen stehen, aber nicht ganz nackt, denn auch ich trug ein Fell, waldbraun und sumpfig. Die Rehe nickten mir zu, ich ließ mich hinunter auf alle Viere und trank den Tau von den Grashalmen, den Blüten der Margeriten. Das Flutlicht vierteilte uns, aus der Umkleideka­bine drangen ebenfalls Licht, Musik und Gelächter. Aber wir, wir befanden uns ganz alleine auf dem dörflichen Fußballplatz, wir waren Rehe. Niemand schien uns zu beachten, niemand war zu sehen. Und doch fraß uns etwas auf. Keine Bestie, wie wir sie aus Filmen kannte, davor hätten wir fortlaufen können. Es war etwas viel Schlimmeres und es bestand aus einer Traumsubstanz, die nie ganz zu begreifen war.

Man On The Silver Mountain von Rainbow kam aus den Kabinen getönt, wo es nach Lederbällen, Schweiß, Bier, und nach trockenem Holz roch.

I’m the day, I’m the day / I can show you the way / And look, I’m right beside you / I’m the night, I’m the night / I’m the dark and the light / With eyes that see inside you

Irgendwie hörte es sich bereits nach Abschied an. Adam starrte mir auf die nackten Beine, betrachtete das Muttermal, mein Australien an der Wade, klein wie Madagaskar, meine Hand zufällig im Schritt, halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, während ich träumte, daß er mich am Nacken faßte und ich miaute, daß er mich biß, und ich wie ein Reh meinen Pelz abzog, um im Mondlicht zu tanzen. Blut lief an meinen Beinen herab, sah aus wie Wein, aus meinem Inneren sprudelte Wein, dort öffnete sich die rote Frucht. Ich die Rebe, das Reh, miaute auf der eingeschlafenen Hand, sah eine Sonne, explodierte in der Mitte zu einer Musik, die rief: »Myrrha, Myrrha!« Doch das war nicht der richtige Name, nicht mein Name, mein Name lautete Starstruck, Lady Starstruck, Bad Luck.

»Was tust du da, warum liegst du so lange im Bett? Brütest du etwas aus?« Die Mutter an der Tür. Wenn ich jetzt aufstehe, wird sie mein Fell entdecken, das mir über Nacht auf dem Fußballplatz gewachsen war, und das mich zu einem Opfer stilisierte.

Aber vielleicht habe ich es nur angezogen, übergestreift. Vergangenheit, in die wir niemals wieder zurückkönnen, Vergangenheit wie ein Traum. Ich betrachte mich im Jetzt und denke, daß ich nicht die Frau bin, an die ich mich erinnere, die ich durch Zufall geworden bin. Es ist eine geheimnisvolle Welt in meinem Kopf, und ich frage mich, ob wir dort immer noch sitzen und trinken und Rainbow hören, ob das bereits vor dem Urknall geschehen ist, ob dieses Zeug, das die Welt ausmacht, auf uns gewartet hat und dann in der Mitte explodiert ist; und seitdem bin ich Frau. Ich meine, nicht nur körperlich. Uns allen wurde etwas ausgetrieben damals. Kinder verschwanden. Erscheinungen tauchten auf. Das Schweigen wurde durch billige Lautstärke ersetzt. Man sprach sogar von Ritualmorden, aber das wurde nie bestätigt.

Ich war nun schon lange nicht mehr dort, es ist interessant, daß Sie mich das fragen. Aber ich weiß von einer Freundin, daß Schwarzenhammer das Ebenbild einer Geisterstadt ist. Nein, ich war nicht mehr dort, seit Adam zu mir sagte: »Ich muß jetzt gehen. Myrrha, ich muß jetzt gehen!«

Mein Name ist Emma, sagte ich zu ihm. Erinnerst du dich?

Adams Tinte war die erste Tinte, die ich sah, und in mir lähmte sich ein Nerv (oder lähmte mich gar der Stift?). Ich konnte mich – festgenagelt an mein Bett – konnte mich erinnern, wie ich vom Rad flog, in die Brennnesseln, und wie ich auslief. Erst Blut, dann Tränen, dann seine Tinte, die ich in mein Hemdchen schmierte, in die Innenseite, damit niemand auf die Idee käme, zu fragen : »Was ist das?«, die Mutter nicht fragt : »Was ist das?« Denn ich lief ja aus, klebte an ihm fest, und konnte es nicht vermeiden, jeden Tag erneut durch sein Fenster zu krabbeln, um seinen ganz und gar aufrechten Stift zu berühren, mit dem Mund, mit den Füßen. Es ging alles viel zu schnell, schon stürzte ich, aber danach sagte ich : »Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

Ich zeigte ihm meine Narben an den Beinen, kleine, beginnende Monde, neue Monde, vergehende Wunden von vor Jahren, als wir der Definition nach noch sächlich waren. Er nannte mein Muttermal : »Dein Australien an der Wade«, weswegen ich mich schämte. Ein tiefer, dunkler Impuls ließ mich jede Nacht mit ihm gehen, damit er sich ausprobieren konnte. Ich lag da und starrte an die Zimmerdecke. Nacht für Nacht brachte er mich auch wieder zurück, sobald ich alles in mir hatte. Jeden Tag wusch ich meine Kleider selbst, aber dann ertappte mich meine Mutter dabei, wie ich mein Höschen ausleckte.

»Was ist das?«

Der dunkle, tiefe Impuls.

Ich durfte Adam nicht wiedersehen, wurde in ein Internat geschickt und bekam eine andere Welt in mein Ohr geblasen, lernte die Dinge neu, blieb auch der Erinnerung fern für allezeit, die Erinnerung an die ersten Dinge, wenn keine Erwartung die Erfahrung trübt, wenn alles ohne Zutun, ohne Tat­kraft, ohne Ordnung in das Leben bricht, wenn eine süße Gewalt die Ohn­macht steuert. Heute würde ich an ihm vorübergehen, heute würde ich ihn ansehen und wissen. Ich bin mir heute sicher, daß wir damals unser Leben dadurch retteten, indem wir uns gegenseitig entdeckten.

»Wo kommst du her?«

»Aus Raha.«

»Wer lebt in dieser Stadt?«

»Unverändert wir.«

Jene, die nur Sporen wittern und zur Tränke gehen, wir, die wir dort ba­den, die weiße Haut ausgelassen von der Sonne. Adam kennt die Nächte dieser weißen Flecken, Adam kennt das Mauerwerk ohne Putz, fünf Gärten für die Sinne. Den Garten der Hesperiden, den Garten des Alkinoos, Olymp und Asgard. Schändlich, wer sich gefangen gibt, und sei es im Namen des allgemeinen Nutzens. Er setzte all seine Erwartungen einzig in seine Ungebundenheit, in diesen Drang, sich treiben zu lassen, um allem zu begegnen, ein Drang, der eine Gemeinschaft zwischen ihm und den anderen ungebundenen Menschen herstellte, als wären sie berufen, sich plötzlich zu vereinigen, mit dem Mund, den Füßen, den Händen. Ich kannte dich in diesen Sommerstun­den, dich, der mich aus den Nesseln hob, der mich im Schotter liegen sah, in meiner schwächsten Stunde, die er selbst herbeigerufen hatte.

Chimären (Poetik zur Quantenpoesie)

Neben meinen phantastisch-surrealen Kurzgeschichten, die sich nicht begrenzen und abgrenzen lassen, arbeite ich seit geraumer Zeit an einer Sammlung Chimären, die man der Flash Fiction oder den Microrrelatos zuordnen kann. Dennoch gibt es Unterschiede, die oft in der Sprachgestaltung selbst begründet sind. Oft genug versuche ich, die Regelpoetik zugunsten einer Tiefensprache auszusetzen. Oft genug geht es dabei um Komposition, Rhythmus und Bruch der Konsensrealität. Dass sie in den Labyrinthen der Sandsteinburg auftauchen, macht sie an dieser Stelle zu Streukapiteln.

Quantenpoesie

Nichts entsteht im luftleeren Raum. Meine Ästhetik, völlig auf sich bezogen, steht in der Tradition – und all ihren Brüchen – der romantisch-symbolisch-surrealen Schule des Pfades zur linken Hand (Left Hand Path). Es handelt sich um eine Literatur der Wahrnehmung und meint somit Ästhetik in ihrer Reinform. So also ist meine Prosa keine Prosa, sondern Textur, denn nichts anderes sind wir überhaupt imstande wahrzunehmen. Das hört sich zunächst an, als gäbe es, wie die Vertreter des Nouveau Roman behaupteten, nur Oberfläche. Dabei ist allerdings zu beachten, dass es überhaupt nirgends eine Oberfläche gibt. Das Erscheinende ist interpolierter Bestandteil unseres Wahrnehmungsapparates. Die Textur, die an die Form eines Leistungsdichtespektrums erinnert, wird in der menschlichen Expression meist zu Text oder Musik oder Bild. Ähnlich aber wie ein Atomkern nicht dargestellt werden kann indem man ihn fixiert, kann eine Szene (Sequenz) nicht dargestellt werden, ohne Partei zu ergreifen für das, was sich in Gattungen widerspiegelt. Die Textur ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist „Ablauf“. Und auch die Quantenpoesie ist gattungsfrei – ihr Gegenteil ist Regelpoetik. Aber hat nicht bereits die „Movens“ – Gruppe auf den „Nur-Text“ hingewiesen? Gewiss. Aber ähnlich wie der Kahlschlag aus Gründen einer Reduktion auf angeblich Wesentliches. Textur jedoch ist das Gegenteil von Reduktion; man könnte sagen, Textur ist alles – und das schließt das Unbekannte mit ein. „Bekannt“ nämlich kann uns nichts sein, was sich nicht in unserem Takte bewegt (in Relation zu absoluter Bewegung). Textur bewegt sich absolut. Unsere Wahrnehmung wäre demnach der Takt, mit dem wir dieser Textur etwas für den Augenblick entnehmen. Das ist Quantenpoesie.

Wissenschaft und Philosophie; neben der Poesie sind sie die beiden anderen „großen Fiktionen“. Sobald man sich daran gemacht hat, ungelöste Fragen zu beantworten, zerstört man das axiomatische Fundament. Die Quantenpoesie fragt nicht, klärt nicht (außer in ihrer immanenten Rhetorik), weil sie schon allein Seelensprache ist, also die Ursprache, die weder Gattungen noch Konventionen kennt. 

Ein Kleid spricht, ein Haus fährt nach Amerika.

Das absolute Buch

Mallarmé, der uns eine völlig neue Dichtung brachte, träumte von einem absoluten Buch, das er nie schrieb. Vielleicht aber war der Charakter des Werkes, zu dem er uns hunderte von Zetteln und Motiven hinterließ, das Scheitern. Einerseits das Scheitern am Schweigen, denn er erzählt uns, wie das Buch beschaffen sein sollte: aus losen Blättern, die bei jeder Lektüre so angeordnet werden sollten, dass sich immer ein anderer Text ergibt. Er erzählt uns von seinen Zweifeln; Fragmenten. Er hinterlässt uns Satzfetzen – das Buch aber schreibt er nicht. Er kann es nicht, denn er scheiterte nicht nur am Schweigen sondern ebenfalls am Werk, das er mit dem der Alchemisten vergleicht. Dem Dichter kann es immer nur um den Prozess gehen. Das Ergebnis ist völlig belanglos. Genau dieser Prozess aber, der ein Ergebnis außer Acht lässt, schneidet den Poeten von der Welt ab.

Wie sie einst im „Grenier“ miteinander diskutierten, meinte Zola zu Mallarmé, dass in seinen Augen ein Dreck und ein Diamant gleichviel wert seien. — „Kann sein“, antwortete Mallarmé, „aber der Diamant ist — seltener.“

Degas ließ es sich nicht nehmen, Mallarmés Poesie zur Zielscheibe verschiedener boshafter Witze zu machen. So erzählte er zum Beispiel, wie Mallarmé seinen Jüngern einst ein Sonett vorgelesen habe, worauf diese in ihrer Bewunderung das Gehörte in Worte zu fassen versucht und es, jeder auf seine Weise, interpretiert hätten: die einen sahen darin einen Sonnenuntergang, die anderen den Triumph der Morgenröte; Mallarmé erklärte ihnen: „Aber ganz und gar nicht … es ist meine Kommode.“

Käte Hamburger hat in ihrer Logik der Dichtung den dankbaren Begriff des Epischen Präteritum geschaffen, der unter anderem einen Satz wie: Morgen war Weihnachten erklärt. In der Dichtung ist es freilich notwendig, einer anderen Grammatik zu folgen, weil auch diese bereits in der Fiktionalität existiert. Die Zeiten, die ja nur für unser Verständnis eines Ablaufs erfunden wurden, kaum aber etwas mit der Tropik zu tun haben, müssen sich in jedem Fall der Dichtung unterordnen. Ich benutze dieses Epische Präteritum kaum, befürworte im Gegenzug die radikale Lösung, alle Tempora der Tropik unterzuordnen, wie sie Harald Weinrich formulierte. Auch in der Prosa, die für mich im günstigsten Fall ein breitgewalztes Gedicht ist. Gedicht und Kurzgeschichte, um mit Poe zu sprechen, sind die eigentlichen Ausleger der Poesie. Die Gemeinsamkeiten sind ja auch unverkennbar. Ziel ist die Stimmung, die Reflexion, die Musikalität.

Der Dichter

Lesen und schreiben sind ein und das gleiche. Das ist keine besonders neue Erkenntnis, fundamental aber wurde sie bei Borges. Jeder Dichter ist inspiriert von seinem eigenen Leben und von den Beobachtungen, die er durch andere Autoren macht. Vornehmlich durch die toten. Denn jeder andere lebende Dichter ist ihm Ärgernis, abgemildert dadurch, dass der Betreffende vielleicht in einer anderen Sprache schreibt. Warum? Weil, wenn der Dichter schreibt, nur er schreibt. Diese Aussage ist selbstredend völlig vermessen, trifft aber auch auf den Leser zu (und damit ist ganz und gar nicht unser Marktleser gemeint).

Mit wem würden Sie das Buch, das Sie gerade lesen, im selben Augenblick, da Sie es lesen, teilen wollen?, fragte einst eine Journalistin auf einer Lesung. Einzig mit dem geliebten Menschen, wäre für die Fragende die richtige Antwort gewesen, aber der so Gefragte sagte nichts. Die Journalistin wiederholte ihre Frage, aber der Dichter sagte noch immer nichts, bis er in seine Manteltasche griff, ein Buch von Maurice Blanchot herauszog, und damit begann, die Seiten herauszureißen und sie sich in den Mund zu stopfen. Ich will nicht, dass Sie das lesen, wenn wir nachher miteinander im Bett liegen, sagte er dann; denn ich liebe Sie ja nicht. Und damit gab er die einzig mögliche Antwort also doch (abgesehen davon, dass er sich eine Ohrfeige einfing und später mit niemandem im Bett lag, das Buch also nicht hätte aufessen müssen).

Wer, wann, was, und warum, spielen hier keine Rolle, das wäre nur reiner Informationsfluss, folglich: völlig unbedeutend. Warum ist „mit dem geliebten Menschen“ die richtige Antwort gewesen (wenn auch nicht die einzig mögliche)? Hier geht es nicht um romantische Beseeltheit, das steht fest. Das ganze Prozedere hat egoistische Gründe, denn auch die Liebe ist egoistisch, sie ist außerdem verschwörerisch, unduldsam, herrschsüchtig, sie ist ein Rausch des Exzesses. Und sie beruht auf Projektion. Wie die Literatur. Im besten Fall denkt man das, was man liest. Und man fühlt das, was man liebt. Fühlt man das, was man liest und denkt das, was man liebt, sind die Unterschiede kaum mehr auszumachen. Sie münden vielleicht in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Werk, das ist alles.

French Press

Nachdem mir heute morgen die French Press auf dem Boden zerschellte, musste ich mich aus dem Haus winden, um Ersatz zu besorgen. All unsere Filter körnen durch den Zellstoff (Pulp ist dann auch eher für Geschichten geeignet, die darauf geascht werden), da nützt der ganze Keramikkram nichts. Obwohl der angenehme Regen viele davon abhält, durch die Straßen zu wuseln, sind mir selbst die wenigen schon zu viel. Und dann wird mir eine vorgeführt, für die der Marketender fast eine Million Groschen will. Was für ein Planet! Bei uns auf der Erde war dies die Art der Kaffeezubereitung, auf die man in Dachstuben Zugriff hatte. Oft waren sie bereits Inventar, bevor man mit seinem Büchersäckel ankam; die French Press und eine Schreibmaschine. Bei Letzterem musste man sich nur noch um das Papier sorgen, auch wenn man erst einmal die Tapete von der Wand reißen konnte, um erste Gedanken niederzuschreiben. Es gab dann immer auch solche, die Schüler abpassten, um ihnen ihre Schulhefte abzuschwatzen, aber zu denen gehörte ich nie, ich benutze lieber Brotpapier, das man in den Bäckereien umsonst bekam. Heute musste ich also wieder Zellstoff-Filter für den Kaffee nehmen, und prompt körnte alles in den Kaffee. Die Partikel ließen sich aber mit dem Schraubenzieher herausheben.

Notizen zur Sandsteinburg

Eine Kulisse ist mir oft alleiniger Beweggrund; das stimmt insofern, als dass colëiz das Flüssige meint. Anfangs dachte ich mir ein Kaleidoskop, doch das wiederum bezeichnet in seinem griechischen Urgrund eine schöne Gestalt. Auch Jigsaw Puzzle wäre eine trächtige Bezeichnung, denn Rätselhaftes und Wunderliches sind präsent, allerdings nicht im Sinne eines Ratespiels. Nein, es ist die Kulisse, die eben auch die Atmosphäre mitbetont.

Meine Urgroßmutter Johanna Specht lebte und starb in diesem Schloss (das nur noch einen Flügel besitzt); dieses Gebäude illuminiert den ganzen Roman, wie ebenfalls die Eger, Schwarzenhammer/Kaiserhammer. Bereits in der Entropia – im Grunde eine Fingerübung zur Sandsteinburg – machte ich den Ort zum Akteur. Außer Friederike Mayröcker hatte sich damals niemand für das schmale Büchlein interessiert, aber das ist nicht wesentlich, oder besser gesagt: es ist insofern wesentlich, als dass Friederike Mayröcker tausend Leser aufwiegt, denn es ist durchaus von Bedeutung, wer liest und wer versteht. Eine Masse hat keine Bedeutung für den Geist. Damit will ich jedoch nicht herunterreden, dass ich aufgrund meines solitären literarischen Geweses fremd in Zeit und Raum bin. Und anders wird es mir mit der Sandsteinburg, die neben GrammaTau mein Hauptwerk bildet, nicht ergehen. Doch hat auch das nur insofern eine Bedeutung, als dass ich eine Essenz in einem Flakon fange wie ein Körper seinen Lebensgeist beinhält.

Es sind jene Romane, die dem Gedicht gleichen, stets fragmentierte Romane. Es sind also jene Romane die höchsten Romane, die dem Gedicht gleichen. Kein unsinniges Einfangen der Welt, sondern das Einfangen der fraktalen Momente. (Das mit dem „Unsinn“ ist eine lässliche rhetorische Floskel – ich bin ein großer Verfechter des „Unsinns“, weil er so sehr (und so wichtig) dem poetischen Geist entspricht, man könnte sogar so weit gehen und behaupten, er sei der poetische Geist in seiner Quintessenz. Jedes echte Gedicht ist per se unsinnig. Bei dieser Beschäftigung entsteht ein Sub-Sinn, ein wirklicher Sinn in der Wahrnehmung, die ja seit der Industrialisierung verkümmert und auf einen angeblichen Zweck reduziert ist. In einem (modernen) Gedicht entdecken wir das, was wahr ist.). Und in einem Roman ist „Wahrheit“ ebenfalls nur dann aufzuspüren, wenn er ein absichtsvolles Fragment darstellt.

Alle Erfindung, die ich mache, geht von einem Impuls aus, der vielleicht selbst schon Erfindung ist. Mir erscheint wahr, was nicht zu erkennen ist, denn es muss mehr erahnt als gesehen werden. Die Irrungen sind selbstverständlich künstlerische Voraussetzung. Wenn da nicht die Sprache wäre, selbst ein irrationales System. Tatsächlich wird unsere Unzulänglichkeit gut in der Sprache sichtbar, in jeder Sprache, die wir wählen; natürlich ist Sprache nicht zur Kommunikation gedacht, dafür eignet sie sich nicht; sie eignet sich ausschließlich für den künstlerischen Ausdruck.

Scheiterboden

Als er den Kühlschrank öffnete, fanden sich darin gut gekühlte Idiome und Speck. Ein Möbelhaus Franz rief an, wegen des Sarges. Dann nochmal. Wegen des Pferdchens. Musste geschliffen werden.

Die Hausbesichtigung verlief tugendhaft, allerdings gänzlich ohne Haus. Es war einfacher, den Shawl enger zu fassen und den Wind zu schelten.

Sie saß nahe am Kachelofen und versuchte, Stimmen zu erkennen. Vor Jahren hatte sie gepflanzt, was nun entlang der Kordel wuchs. Die Berichte vom Tage – auch die.

Eine Nacht wie Zement, durchdrungen von Theta-Wellen. Das panische Gewissen Arkadiens, dem Schlachtfeld des Gehörnten. Dort im Schaukelstuhl: eine Leiter, die in den Sand sinkt.

Die Arschseite des Mondes.

Wer weiß, was dieser Boden zu bedeuten hat; wie Splitter drängt er darauf, seine Mitteilungen zu evakuieren. Er scheitert an mir, scheitert, weil ich scheitere, jeder andere scheitert. Ein Scheiterboden.

Der wilde Wind 2

Als der Abend, laut wie selten, in die Nacht geglitten war, mummte sich Anna etwas mehr ein als sonst, wenn sie in die Waschküche hinunter stapfte, den Wäschekorb fest an die Brust gedrückt. Hermann schnarchte, als gurgele er seine Zunge, als würde er sie gleich verschlucken; und vielleicht wird ihm das eines Tages widerfahren, wir sind in einem Alter, da passieren solche Dinge. Ich komme aus der Waschküche mit abgewetzten Handrücken und da wird er liegen, die Lippen blau. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, ihren Mann als Leiche im Bett vorzufinden, hielt es für wahrscheinlicher, vor allem aber freundlicher von ihm, wenn er während einer seiner Wanderungen, die er mit regem Fleiß betrieb, zusammenbrechen würde. »Sei so nett, ja?«, flüsterte sie, schüttelte ihren Mann an der Schulter, der daraufhin zu schmatzen begann und eine andere, stillere Schlafposition einnahm.

Gab es denn keine Waschmaschine im Haus? Doch, die gab es, aber Anna würde einen Teufel tun, sich das Ritual des Lebens aus den Händen nehmen zu lassen. Sie wollte ihren Donnerstag in der dampfenden Hölle zelebrieren, außerdem glaubte sie nicht daran, daß diese Maschinen die nötigen 95° erreichen konnte. Stattdessen dampft der Trog im kalten Keller, vernebelt den ansonsten düsteren Raum, der im Lichte einer nackten Glühbirne seine ganze pragmatische Häßlichkeit zur Schau stellt, ohne sich auch nur ein bißchen zu schämen. Anna Schikowski steht in einer Dampfwolke und schiebt die Schmutzwäsche mit Hilfe eines Stockes durch die Seifenlauge. Wie Freunde kommen die Nebelfetzen dicht an ihr Gesicht heran, ein wenig Wärme bekommt sie ab, ihre Wangen röten sich. Analog zu diesem Dampfbad trennt sich Dumdidum Wisch in dieser Phase gerade vom Hauptsturm, erkundet unerschlossenes Gebiet. Wie kann ich meine Bewußtsein mit der dampfenden Masse teilen, wie kann ich grundlos wüten, nur um dem Zufall zu gefallen?

Dumdidum spürt, was ein selbstbewußter Wind spürt, wenn er seine luftigen Kapriolen schlägt, Capricen vorbereitet, wie ein Schloßgespenst lacht. So ein Wind kann sich von den Hauswänden prallen lassen, sich rauschend in dichten Zweigen verfangen, dem Zugriff der Tannenzweige bereits wieder entkommen, eine Pfütze aus ihrem Bett treiben, den Kaminen Töne entlocken, die vom tiefen Heulen bis hin zu Regenrinnenpfeifen eine ganze Klaviatur enthielt. Jede noch so kleine Fuge wird zu einer Laufgasse für den stolzen Dandy. Mit der Heizungsluft wird jedes Windchen schnell in jeden Raum geschleudert und kann dort nach Herzenslust toben, bevor ihm die Puste ausgeht und die stocksteife, alte Luft, hört, hört, den jungen katabatischen Elvegust zur Ruhe bringt.

Wenn der Wind mich zeichnet : ein Netz aus Küssen, konturlos zunächst, von der Hand gelesen – dann wissen wir, was der Wein uns sagt. In früher Morgennähe, still, die eigenen Augen senken sich in ein Gefühl. Die Lippen spiegeln deine Vorsicht, schmecken Lust, die in der Ferne vergeht. Dein Kummer regt sich und beugt sich hin zu mir.

Ich spüre im wilden Wind das Zeichen, wache auf; und mehr noch ist es nicht. Ich spüre da im wilden Wind das Fallen schwerer Lider. Der Tanz der Stunden war Berührung, schlug sich los und schlief für sich, um sich nicht hinzugeben.

Du lachst, damit man dein Gefühl nicht kenne, und gehst, damit man keine Schwere an dir finde. Schon bist du fort und hast die Hände mitgenommen, die ich küssen wollte, bevor es deine Lippen traf. Ich war selbst so steif wie du, als könnte ich nicht fassen, daß es Zeit für uns alleine gab. Zwei, die sich nicht suchten, zwei, die sich nicht fanden – und nur die Wände ihrer Herzen renovieren wollten.

Du läßt Sehnsucht zerplatzen, die geschützt von frischer rosa Haut nicht für die Ewigkeit –

Ich will ein Imperium der Liebe, ich will an deinen Lenden mich erhitzen, komm näher!Über mir ist Schweigen. Keiner spricht. Die Welt ist aus ungezählten Sprüngen geworden und rudert in die Ruhe der verschlossenen Lippen, der ankernden Zunge. Kein Schall in mir, nur Atem.

Dumdidum Wisch aber schlüpft durch die offenstehende Tür, hebt die Schürze der Weibsperson, der Rock bläht sich auf wie eine Glocke, scheint zu zögern, weiß nicht, wohin er eigentlich will, und bläst schließlich durch die Textilwand, die Fuge, besagte Laufgasse. Anna läßt ihren Atem über die Stimmbänder grollen, aus ihrem Mund fährt ein Laut der Überraschung. Der Stock platscht in den Bottich, sie aber richtet sich auf und fährt sich mit beiden Händen über die Hüften, die gar nicht so ausladend sind, wie das zu vermuten steht, wenn man von einer ehemaligen Bäuerin spricht, die im Keller hantiert und Wäsche stampft.

Dumdidum sammelt seine Manneskraft, stiebt ihr in beide Höhlen, hach, Anna findet sich jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben komplett ausgefüllt, stolpert über den Waschzuber und schlägt der Länge nach hin, verletzt sich ihr Kinn, während der Wind sie beinahe zum Bersten bringt.

Mit ihren Händen fuchtelt sie hinter sich und vor sich herum, um zu ertasten, was da vor sich geht, jauchzt auf, jodelt fast, als ihr durch den Druck und den Dehnungsschmerz zwei Orgasmen hintereinander über die Lippen kommen, Liebeswasser und Urin ihrem Unterleib entwischen, ein windumtoster Wasserfall im Kleinen. So bleibt sie mit gespreizten Beinen auf dem Boden liegen; ihr Bedürfnis, etwas zu lecken, zu beißen, an etwas zu lutschen, ist groß. Ihr Hinterteil zuckt und windet sich, reckt sich dem Nichts entgegen. Wonnige Fürze entfleuchen ihrem Bauch und auch vorne-unten blubbert es, wenn ihre Schamlippen schnalzen. Sie glaubt, über dem Waschküchenboden zu schweben, obwohl ihr Gesicht frontal aufliegt. Oooch, komm! Oho, du! Ist das jetzt Ekstase? Dächer fahren auseinander, Scheiben bersten, Schneegebirge entstehen, vergehen, ist das jetzt – ?

So plötzlich wie der Anfall gekommen ist, ebben die Turbulenzen auch wieder ab. Alles in allem währte die Séance höchstens drei Minuten, bevor sich der Wind aus ihrem Körper, dann auf demselben Weg, den er hereingekommen war, verabschiedete. Anna lag schnaufend und ziemlich eingeweicht noch einige Zeit auf dem kalten Steinboden, was aber keine Folgen für ihre Gesundheit haben sollte. Sie sah nach der Tür, die sich langsam hin und her bewegte. Aus der Ferne hörte sie Sirenen näher kommen, ihr Herzschlag beruhigte sich etwas, aber sie zitterte am ganzen Leib. Natürlich glaubte sie nicht, daß sie gerade von einem Windstoß verführt worden war, sie hegte den Verdacht, ihrem ersten Nervenzusammenbruch beigewohnt zu haben.