So irisch wie der Vampir

Vergiss die Kobolde und das grüne Bier am St. Patrick’s Day. Wenn an diesem Tag jeder Ire ist, dann sollte man in Betracht ziehen, das populärste aller irischen Monster zu feiern, eine wahre Kreatur des Ould Sod (des alten Landes) – den Vampir.

So manches schreckliche Tier fand seinen Ursprung in den dunklen Tälern und melancholischen Bergen von Eire. Alte keltische Legenden und Bräuche vermischten sich zuerst mit der römischen Mythologie und dann mit dem Christentum, woraus ein reicher Trank aus dunklen Überlieferungen entstand. Ein Teil dieser Vermischung der Kulturen findet sich in unserem heutigen Fest zu Halloween. Viele der Traditionen, die erstmals in den USA von irischen Einwanderern im 19. Jahrhundert populär gemacht wurden, haben ihren Ursprung im keltischen Feiertag Samhain. Es wurde gesagt, dass die sterbliche und die geistige Welt während dieses Festes, das das Ende des Sommers und den Beginn des Winters markiert, verschmelzen. Die Menschen schützten sich vor bösen Geistern, indem sie sich selbst als Geister und Goblins verkleiden. Um Respekt zu zeigen, boten sie den Toten, die an diesem Tag nach Hause zurückkehrten, Essen an. Die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen (1. November und 2. November) wurden zu einem Ersatz für die heidnischen Feiertage mit Feierlichkeiten ab dem Abend des 31. Oktober – dem Allerheiligenabend. “So irisch wie der Vampir” weiterlesen

Lars von Triers Antichrist

Von der Ökumenischen Jury, die von den internationalen Filmorganisationen der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird, mit einem Anti-Preis versehen, und auch sonst nicht zu kurz gekommen, was Buhrufe, Gelächter und negative Kritiken wie diese >>> des Tagesspiegels betrifft.

Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Das zentrale Thema von Lars von Trier ist, wie zumeist, die Angst des Menschen. Der Mensch, das Individuum, das – obgleich wir längst nicht mehr im Mittelalter leben und uns selbstüberschätzend als endgültig aufgeklärt begreifen – sich scheinbar sicher in den Händen eines Humanismus wähnen darf, der sich mit dem Wissens- und Erkenntnisfortschritt dekoriert, ihn auch postuliert, aber nicht anwendet, also nur behauptet: und somit in keiner Weise als ein solcher Humanismus zu begreifen ist. “Lars von Triers Antichrist” weiterlesen

Die Gestaltwandler

Was ist ein Gestaltwandler?

Jede Kreatur, die in der Lage ist, eine drastische Veränderung des Aussehens herbeizuführen, ist dem Grunde nach ein Gestaltwandler. Obwohl sie manchmal monströse Formen annehmen, sind Gestaltwandler nicht immer böse. Sie können blutrünstig, schelmisch, hilfreich oder irgendetwas dazwischen sein.

Merkmale

Natürlich ist es schwer, das Aussehen eines Gestaltwandlers festzulegen. Als Individuen verändert sich ihre Form ständig, und als Gruppe, die sich über Dutzende von Kulturen erstreckt, halten sie eine größere Vielfalt an Formen bereit, als dass man sie alle aufzählen könnte. “Die Gestaltwandler” weiterlesen

Hinter den Reihen

Vor zwei Jahren zog ich in eine kleine Stadt mit 8.000 Einwohnern, zwanzig Meilen von der Grenze zwischen Kansas und Missouri entfernt. Hier kommen die meisten Menschen nur vorbei, weil sie woanders hin wollen. Wenn man nicht hier wohnt, ist einem vermutlich nur der Truck Stop an der Autobahn bekannt, wo man anhält, um das Auto aufzutanken oder um einen Imbiss zu nehmen. Für eine ganze Weile ist das der letzte Vorposten der Zivilisation, den man sehen wird.

Etwa zwanzig Minuten vor der Stadt gibt es eine lange Strecke auf der Autobahn, auf der Mobiltelefone nicht funktionieren. Wir fahren oft dort entlang, und ich habe das Konzept dieser toten Zone noch immer nicht ganz akzeptiert, ein Ort, an den die mächtige und manchmal überwältigende Verflechtung des modernen Lebens nicht heranreichen kann.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis ich mir den offensichtlichen Alptraum vorstellte. Wir haben eine Panne, genau hier. Wir können keine Hife anfordern. Wir sind der Gnade vorbeifahrender Autos ausgeliefert und stehen in der beißenden Kälte. (Natürlich geschähe das alles in einem typischen eisigen Winter des mittleren Westens mit Winden unter Null, die über die Felder in unsere Richtung blasen.) Bis endlich jemand anhält. Er wirkt freundlich. Er bietet eine Mitfahrgelegenheit an. Was ist diese Bewegung und das Geräusch unter der Decke im Kofferraum? Nichts, sagt er, mach dir deshalb keine Sorgen.

Ich denke, ihr wisst, wohin die Geschichte führt.

Es fühlt sich so konstruiert an. Eine endlose Strecke im Nichts, in der es keine Kommunikation gibt. Die typische Schreckensgeschichte des 21. Jahrhunderts erfordert in der Regel eine ausführlichere Erklärung; Protagonisten müssen auf bewaldeten Berggipfeln gestrandet sein oder eine schockierende Fahrlässigkeit gegenüber ihren Telefonakkus an den Tag legen. Aber hier in der Prärie, in diesem leeren Raum, der so aussieht, als ob er nur dazu da wäre, die Lücken zwischen allem anderen zu schließen, ist Isolation eine schlichte Tatsache des Lebens.

Eine Isolation, die tödlich sein kann.

Horror ist oft untrennbar mit der Atmosphäre eines Ortes verbunden. Seine Heimsuchungen sind ortsspezifisch, seine Alpträume, die durch die einzigartige Zusammensetzung von historischem Trauma, Grausamkeit und Trauer hervorgerufen werden, die sich in der Architektur und auf der Erde ansammeln.

Wenn ich im Nordosten des Landes an ein Gefühl des Horrors denke, denke ich an zugige, weitläufige viktorianische Herrenhäuser, in denen sich die Geister seit Jahrhunderten aufhalten und zunehmend bitter und wahnsinnig werden; ich denke an sehr alte Friedhöfe und längst schon ausgetrocknete Brunnen und den Schorf auf den Hügeln, auf denen Hexen verbrannt wurden. Ich denke an einen Ort, der auf puritanischer Grausamkeit basiert und von Kolonisten erbaut wurde, die ihre Ängste, ihren Aberglauben und die Geister der alten Welt importiert haben.

Wenn ich an den Horror denke, der nur im amerikanischen Süden existieren könnte, denke ich an Plantagen, bröckelnde Denkmäler für Vorkriegsmonster, die unermessliche Verschuldung und die permanente Schuld einer Gesellschaft, die durch das Trauma eines entführten und versklavten Volkes aufgebaut wurde. Ich denke an das Sumpfgebiet, an Monster, die in der Finsternis und im Dunkeln gedeihen, dem Tageslicht ausweichend ihre Opfer missbrauchen.

Aber der Mittlere Westen: Es hat eine Weile gedauert, bis ich mir die Schrecken vorzustellen vermochte, die er birgt. Vielleicht wegen der Fassade einer heilsamen Banalität. Vielleicht, weil ich mich an diesem Ort immer noch wie ein faszinierter Fremder fühle. Vielleicht, weil die Gräueltaten, die in seiner Geschichte lauern, nicht so gründlich dokumentiert worden sind.

Aber dann, so dachte ich, trifft das hier zu: Eine Isolation, die tödlich sein kann.

Als die ersten weißen Siedler in diesem Teil des Landes ankamen, litten sie an einer bisher unbekannten Krankheit, die sie Präriewahnsinn nannten, einer Depression oder einem Unwohlsein oder Wahnsinn, der lähmend werden konnte. Wurde er durch das unaufhörliche Heulen der Winde über die weiten Ebenen, die erstickende Einsamkeit fern von Familie und Freunden im Osten, die flache Formlosigkeit der Landschaft, die plötzliche Bedeutungslosigkeit, die sie unter dem grenzenlosen Himmel verspürten, verursacht? Vielleicht der ungewohnte Horror – nach einem Leben in verkrampften, turbulenten Städten – , zu wissen, dass sie so laut wie möglich rufen konnten und niemand kommen würde? Dieser Ort war wie die Leere zwischen den Sternen, und niemand hört dich schreien.

Amerika hat es absichtlich so gehandhabt. Der Homestead Act von 1862 bewilligte jedem Siedler, der das Land bestellen konnte, 160 Hektar. Ihre Bauernhöfe waren Miniatur-Lehen, die meilenweit voneinander entfernt waren. Wer weiß, was an diesen Orten vor sich ging; unsichtbar, nicht dokumentiert? Wer weiß, was Ehemänner mit ihren Frauen machen und Eltern mit ihren Kindern, wenn sie wissen, dass die Nachbarn nie etwas davon hören werden?

Mittelwestler haben die Kunst, sich um ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern, perfektioniert. Auch jetzt noch mögen sie diese Leere, sie ziehen es vor, ihre Meinungen für sich zu behalten, ihre tiefsten Gefühle bleiben unausgesprochen. Sie scheinen ihre eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten beschämender zu finden, als sie es wirklich sind. Sind sie alle so eindringlich einsam wie ich selbst hier bin? Fühlen sich alle anderen, umringt von diesen freundlichen Gesichtern, die nie zeigen, was sie tatsächlich denken, ebenfalls so extrem isoliert? Ich weiß es nicht. Keiner sagt es mir.

Das Kernsymbol des Horrors im Mittleren Westen ist keine Villa oder ein Friedhof, sondern ein Getreidefeld. Das plätschernde Meer aus Smaragden im Sommer, die trostlosen, blassen Stoppeln im Winter. Wenn der Mittlere Westen der Raum ist, der alles andere voneinander trennt, ist das Getreidefeld derjenige, der den Mittleren Westen von sich selbst trennt.

Das Getreidefeld ist der Schlüssel zu dem bekanntesten Werk des mittelwestlichen Schreckens: Stephen Kings „Kinder des Mais“. Seine rätselhaften Ackerflächen verbergen ein Monster („Der hinter den Reihen geht“). Die Weite erlaubt es dem religiösen Fanatismus und der hektischen Gewalt, ungehindert und unbemerkt weiterzumachen. Die nächste Stadt kümmert sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten. Sie spüren dort, dass in Gatlin irgendeine seltsame Scheiße vor sich geht, aber das ist nicht ihr Problem; schau dir nur die ganze Leere zwischen hier und da an.
Dieselben Schrecken vereinen sich in Jerome Bixbys klassischer Kurzgeschichte „It’s a Good Life“ über ein Kind, das die Welt mit seinem Verstand kontrollieren und mit seinen Gedanken foltern kann. Es gibt eine abgelegene Stadt, die entweder in die permanente Isolation eines Taschenuniversums verbannt ist, oder der einzige Ort ist, den es überhaupt noch gibt. Den Anwohnern ist es auf jeden Fall egal. „Peaksville war einfach nur ein Ort. Irgend ein Ort, weit weg von der Welt.“ Ein Ort, an dem Kommunikation unmöglich ist, weil das Falsche zu sprechen, das Falsche zu denken, zu einer abscheulichen Bestrafung führen kann. Der einzige Weg, in dieser Gemeinschaft zu überleben ist es, lächelnd seinen Schmerz zu verbergen und die Dinge als „gut“ zu bezeichnen. Und natürlich gibt es ein Getreidefeld, in dem ein gereizter Kindergott die unglücklichen Kreaturen schickt, mit denen er unzufrieden ist. Er denkt sie in tiefe, tiefe, tiefe Gräber hinein.

John Darnielles jüngster Roman „Universal Harvester“, ist untrennbar mit der Umgebung im Mittleren Westen verbunden; eine kleine Stadt wie meine, mitten im Nirgendwo, Illinois. Das Buch ist genau genommen nicht gerade Horror (wenn es das ist, dann von der leisesten, langsamsten Sorte). Es ist eher ein merkwürdiger Roman, der tatsächlich entsetzlich sein könnte, wenn er irgendwo in der Mitte eine andere Wendung nehmen würde. Und natürlich gibt es auch hier Getreidefelder:

„Es gibt auch andere Zeiten, in denen die Menschen auf die Felder gehen und verschiedene Dinge schreien: „Hilfe!“, zum Beispiel. Sie wiederholen das andauernd mit zunehmender Lautstärke, oder „Wohin bringen Sie mich?“ Aber normalerweise hört sie niemand. Ein paar Reihen Mais dämpfen die menschliche Stimme so wirkungsvoll, dass selbst nur ein wenig entfernt alles still bleibt. Nur davon kann man am Rand der Straße sprechen: den ganzen Weg dorthin, der schon jetzt in der Erinnerung verschwindet.“

Das Getreidefeld wirft seine Stille auf uns alle. Es ist ein guter Ort zum Verstecken und ein ausgezeichneter Ort für ein unmarkiertes Grab. Wer weiß, wie viel Blut diese Felder durchtränkt?

Das Getreidefeld ist eine Mauer, ein Burggraben, ein Irrgarten. Es schützt uns nicht voreinander, es schützt uns nur davor, dem Bösen angesichtig zu werden, das wir lieber nicht sehen würden. Aber dieses Böse lauert hier so mächtig wie eh und je, genährt in der Stille, gezüchtet von einer Isolation, die tödlich sein kann.

Von den Hexenjagden

Ich erinnere mich nicht daran, dass ich Hexen fürchtete, als ich aufwuchs. Stattdessen fürchtete ich die Männer, die sie verbrannten. Als merkwürdiges, tyrannisches Kind, das Magie immer für selbstverständlich hielt, nahm ich stillschweigend an, wenn die Hexenjagd jemals wieder beginnen würde, wäre ich nicht sicher. Jemand würde mich schnell als “falsch” erkennen und an den nächsten Scheiterhaufen binden.

Hexenjagden waren für mich der Stoff, aus dem echte Alpträume sind. Männer würden einen in der Nacht aus dem Bett reißen und in eine dunkle Zelle sperren. Die Chance auf einen fairen Prozess war nicht gegeben. Und sie taten dies angeblich zum Wohle der Nachbarn und der Familie, um sie vor einem zu schützen. Auch zum eigenen Besten würden sie das tun. Bereue vor deiner Hinrichtung, so wie die Flammen dein Fleisch verbrennen und deine Seele erlöst werden wird, sagen sie. Sie würden dich umbringen, um dich zu “retten”.

Ich tröstete mich damit, dass es besser war, dieses Risiko zu kennen. Märchen haben uns gelehrt, dass alles besiegt werden kann, oder? Wenn ein Wolf an der Tür stünde, würde ich ihn als das erkennen, was er war, und ich könnte mein bestes tun, um ihn auszusperren.

So wirbelte die Frage in meinem Kopf herum: Wer waren diese Inquisitoren? Wie könnte ich sie in der Menge erkennen, um vor ihnen auf der Hut sein? (Als ob es in der Logik eines Kindes ausreichen würde, sie zu identifizieren, um sich zu schützen). Die Hexenjagd-Abbildungen aus dem Mittelalter zeigten nur sehr wenig. Die Inquisitoren sahen so gewöhnlich aus wie normale Männer. Das hat nicht geholfen. Schließlich waren die Männer überall, und sie konnten nicht alle Inquisitoren sein, die auf der Lauer lagen.

Oder etwa doch?

***

Im Grunde geht es bei Hexerei um Macht. Es geht darum, Stärke zu finden, auch wenn die Gesellschaft dir alles verwehrt hat. Als solche war die Magie schon immer ein Zufluchtsort für Frauen. Bei den europäischen Hexenjagden, die zwischen 30.000 und 100.000 Menschenleben forderten, waren auch Männer Opfer, aber die meisten von ihnen waren Frauen. Hexenjagden waren vor allem eine Frage der Frauenfeindlichkeit. Frauen, die zu stark wurden, die sich zu weit über das hinaus wagten, was “gut und normal” war, mussten mit allen Mitteln gestoppt werden.

Wegen seinem inhärenten Schrecken hat der Horror die Tiefen der Hexerei schon lange ausgelotet. Aber das Genre hat mit seinen Darstellungen nicht immer gute Arbeit geleistet. Bis hin zu Shakespeare werden die Weird Sisters beschuldigt, Macbeth in seinen mörderischen Amoklauf geführt zu haben, als wäre er von Anfang an unschuldig gewesen. Im Kino wird Witchfinder General oft als Klassiker angesehen, aber es wird fast ausschließlich durch den männlichen Blick erzählt, wobei die einzige weibliche Hauptfigur meist in den Hintergrund ihrer Geschichte gedrängt wird. Und es tut mir leid, Christopher Lee, aber Menschenopfer in geflochtenen Weidenfiguren sind mit ziemlicher Sicherheit nie passiert. Dies war eine Fälschung, die Julius Cäsar auf der Grundlage eines Gerüchts wiederholte. Ja, es war die alte urbane “Ich kenne jemanden, der jemanden kennt”-Legende, die fest in der populären Denkweise verankert ist.

Im moderneren Kino stellt The Vvitch von 2015 eine beißende Kritik an religiöser Hysterie dar, aber die namensgebende Figur wird auf ganz normale Weise dargestellt. Das heißt, eine gottlose Frau, die im Wald allein gelassen wurde, konnte nur ein laszives Monster werden. Und obwohl ich den “schwarzen Phillip” so sehr liebe wie jeder Horror-Fan, ist Thomasins Unterschrift in seinem Buch am Ende eine typische Inquisitionspropaganda: dass alle weibliche Kraft satanischer Herkunft ist, und nicht einmal von Natur aus weiblich. Weil eine Frau allein keine Macht haben kann; sie muss sie sich von einem Mann leihen.

Von all den Ungenauigkeiten des Films abgesehen ist es jedoch eine frühe Szene, die mir am unangenehmsten auffiel. Nachdem die Hexe das Baby der Familie entführt hat, bringt sie es in ihre Hütte, wo sie sein Fett entfernt und eine Flugsalbe daraus herstellt. Dies verewigt eine Lüge, mit der die Inquisition unschuldige Frauen verurteilt hat. Einige Hexen haben unter anderem Flugsalben oder ähnliche Salben aus Lanolin hergestellt. Selbst wenn sie keine Magie praktizieren würden, könnte diese gelatinöse Creme in ihrem Haus vorhanden gewesen sein. Wegen seiner seltsamen Konsistenz und seiner Allgegenwart könnten die Inquisitoren dies als Beweis für einen Kindesmord benutzen. Unabhängig davon, ob überhaupt Babys vermisst wurden, sie hatten ihren “Beweis” und das genügte.

Es mag leicht sein, diese fehlerhaften Bilder in Horrorfilmen als Spaß abzutun, aber diese Logik birgt eine Gefahr.
Die Leugnung der Erfahrungen von Frauen ist für uns seit Anbeginn der Zivilisation zweitrangig. Wenn man den Babyfett-Mythos benutzt, ist die reale Implikation klar: Eine Frau kann die Wahrheit sagen – dass es nur Lanolin ist – aber sie werden sie eine Kindsmörderin nennen und sie trotzdem verbrennen, während sie ihre falsche Anschuldigung wiederholen, bis sie als die einzige Realität akzeptiert wird. Die Lügen der Hexenjäger ergeben für uns mehr Sinn als die Wahrheiten der Frauen.

Und diese Unwahrheiten gewinnen an Macht, je mehr sie sich wiederholen. In der Regel erzählen wir Geschichten, die bereits vertraute Elemente nachbilden, weil sie uns sicherer machen. Wir kennen diese Geschichten. Die Welt ist ein chaotischer und unsicherer Ort, aber zumindest haben wir vorhersehbare Geschichten, die uns den Weg weisen.

Aber es gibt keine Sicherheit in Lügen. Diese Mythen weiter zu reproduzieren – ohne Kommentar, ohne etwas Neues hinzuzufügen, um die Trugschlüsse zu entwirren, die sie erschaffen haben – das grenzt an Rücksichtslosigkeit. Sie behalten ihren Status quo bei, auch wenn sie vorgeben, ihn in Frage zu stellen. Und heute, in einer immer gefährlicheren Welt, können wir nicht riskieren, auch nur der kleinste Teil des Problems zu sein.

***

Im vergangenen Jahr bekam ich endlich die Antwort auf diese Frage aus meiner Kindheit. Unsere modernen Inquisitoren wurden demaskiert, mit ihren hasserfüllten Tweets und ihrer endlosen Flut von grausamen Gesetzen gegen jeden, der nicht zu ihrer engen Definition von dem, “was richtig ist”, passt.

Wie Wölfe stehen sie jetzt vor der Tür.

Aber es passiert noch etwas anderes. Inmitten dieser unsicheren Zeiten, in denen der Aktivismus blüht, kehren die Menschen zur Hexerei zurück. Als ob es ein Trostpflaster wäre, suchen sie darin einen Zufluchtsort. Einen Monat nach seiner Einweihung machten Tausende von Hexen im ganzen Land Schlagzeilen, als sie sich zusammenschlossen, um Donald Trump zu verzaubern (eine der Komponenten: eine orangene Kerze). Was weniger Schlagzeilen machte, war, dass viele Hexen diesen Zauber weiterhin jeden Monat als Teil einer wachsenden Fraktion aufführen, die politischen Aktivismus und Hexerei nicht so weit voneinander entfernt sieht. Und warum nicht beides kombinieren? Denn ist das gemeinsame Singen während eines Protestes nicht eine Form des Zauberspruches, der Hoffnung, die Welt mit der Kraft der Worte zu verändern?

Es ist noch nicht zu spät, um unsere verlorenen Geschichten zurückzufordern. Wir müssen nicht länger die Lügen akzeptieren, die uns unserer Macht beraubt haben, Geschichten, die einst von Cäsar und der Inquisition verewigt wurden, sich jetzt in verschiedenen, aber ebenso schädlichen Permutationen einer Präsidialverwaltung, die niemals hätte existieren dürfen, wieder zu erkennen gibt.

Obwohl Hexenjagden als uralte Geschichten gelten, gibt es auch heute noch jene, die weiterhin offen die Hexerei verleumden. In einigen Ländern bleibt die Ausübung von Magie illegal, und Frauen werden immer noch zu Tode gesteinigt, weil sie die kleinste Neigung zu etwas Okkultem zeigen.

Es gibt auch diejenigen, die Hexerei nicht aus moralischer Panik, sondern aus intellektuellen Gründen verleumden. Hexerei ist dumm, sagt man. Das ist Pseudowissenschaft, das ist New Age-Quatsch. Aber ob die Magie objektiv funktioniert oder nicht, ist dabei fast nebensächlich. Hexerei ist für die Verlorenen, die Verlassenen, die Anderen. Es geht um Synergie auch in den dunkelsten Zeiten. Es sind Frauen und Männer, die zusammenkommen und sich weigern, eine Gesellschaft zu akzeptieren, die nicht alle als gleichberechtigte Mitglieder dieses Planeten anerkennt. Hexerei ist Widerstand, schlicht und einfach.

Und es gibt nichts Mächtigeres als das.

Erotik im literarischen Horror

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

Einzig die Fortpflanzung, der Fortbestand unserer Art braucht die Differenz der beiden Geschlechter. Den Samen des Mannes, die Eizelle der Frau. Besonders aber die Tatsache, dass wir zu den Säugetieren zählen, spielt beim Eros, wie auch beim Horror und wie wir ihn wahrnehmen, die entscheidende Rolle. Bindungswille und Bindungserfahrung sind für uns nicht nur überlebenssichernde Faktizitäten, sie befähigen uns auch zur Kunst, zur Poesie, zur Musik, ganz allgemein zur Phantasie. Und zu guter Letzt zur Liebe. Verlust und Sehnsucht. Schmerz und Freude. Jedoch öffnen sich somit auch die Tore zur Angst, aufgrund dessen, dass diese Faktizitäten gegeben sind. All das, weil wir ein Soma haben. Eines zudem, das stetig den Anschluss zur Welt sucht. Nur sind diese seelisch-somatischen Nabelschnüre keine sichtbaren, wie die eine, die uns einst mit dem Mutterkuchen verband. Das mag uns stark an eine Matrix erinnern, wie sie in der Literatur und im Film, besonders im Science-Fiction-Genre, immer wieder zum Gegenstand wurde. Ebenso erinnert es an Gigers Biomechanoide und ihr Angeschlossensein. An die Mutter, das Kind, die Welt, das Leben selbst. Der seelische Ausdruck wird uns und unserer Umwelt durch unsere Körper, unser Erscheinungsbild gewahr. In dem von mir sog. Soma, so, wie ich es verstehe. Der Seele und wie sie sich darin zeigt. Auch in ihrem Horror.

Die Angst, die ein gewaltiger Niederschlag in unseren Körpern ist. Die ihrerseits, droht Gefahr, sofort reagieren. Unsere Härchen stellen sich auf, wir machen uns größer. Die Atmung und der Puls beschleunigen sich, wir sind zur Höchstleistung bereit. Der Angstschweiß lässt uns glitschig werden, damit Feinde uns nicht greifen können. Die Regenbogenhaut akkommodiert unsere Pupille, sie vergrößert sich, als rängen wir im Dunkeln nach Licht. Hormonausschüttungen, wie die des Adrenalins, machen aus uns in den meisten Fällen, stocken wir nicht vor Angst, rasende Furien, die sich und ihre Lieben bis aufs Blut verteidigen würden. Was uns wiederum darin entlarvt, dass wir uns nicht nur durch das Unbekannte, das Fremde definieren, sondern dass wir uns auch als zugehörig erfahren, als nicht monadisch, Säugende und Sorgende sind. All das, was wir seit der Entstehung im Mutterbauch durch unsere uns gegebenen Sinne erleben. Kultur und Familie spielen dabei die größte Rolle. Und auch sonst einfach alles, was zur Sozialisation eines Menschen hinzugezählt werden darf. Darüber hinaus betrachtet die Wissenschaft noch andere uns prägende Aspekte, die sich mit den Memen als auch mit dem genetischen Gedächtnis beschäftigen. Der Evolution im weitesten Sinne. Also der Veränderung / Transformation der Wesen in Abhängigkeit zu ihrer sich ebenso stets verändernden Umwelt. Und es scheint, trotz allen Wandeln, denen wir unterliegen, so etwas wie Urformen des Horrors zu geben. Ängste, die entgegen allen Fortschritts, oder auch wegen diesem, doch in ihrem Wesen, seit den ersten Menschen und der Sage vom Garten Eden, in der Welt existieren, wenn sie auch in ihrer Erscheinungsform sich stets verändernde sind. Wir erkannten, dass wir nackt waren. Und somit zog neben dem Eros auch der Horror in die Welt.

Nehmen wir nur einmal diverse Protagonisten, die uns nach dem Leben trachten, um ihren eigenen Bestand zu sichern, wie sie in der Phantastik, der Grusel- und Horrorliteratur dieser Welt zu finden sind. Seien es Vampire, Werwölfe, Hexen, Zombies, Ghule, Dämonen, Mumien, Geister und andere bizarre Wesen. Einige entstammen den Märchen. Andere wieder Reichen, die dem Glauben entspringen. Und ganz andere lassen uns spüren, dass der Tod ein jenseitig eigenes, undurchmessbares Reich darstellt. All jenen Aufgezählten begegnen wir jedoch schon in diesem Leben, zwischen Himmel und Hölle, je sensibler wir sind. Wir können sie uns vorstellen, wir phantasieren, vermuten, spüren, nehmen wahr. Wir werden ansichtig. Sie beleben uns, wie wir sie beleben. Und beileibe, das ist das, was wir seit frühester Kindheit können.

Da ist was.

Was ist das?

Das Was. Ein Etwas. Das noch Undefinierte / Unbekannte. Der Phantasie Freigegebene. Ein Es. Wie wir es seit eh und je kennen, ohne es zu kennen. Oder wie es uns Stephen King mit seinem Roman Es eindringlich aus der Sicht von einer Gruppe Kindern geschildert hat, die sich und ihre Sexualität in ihrer, der sie umgebenden Umwelt, entdecken. Hier geschieht dies besonders in Abgrenzung zu den Eltern und allen anderen erwachsenen Einwohnern der Stadt. Zusammengenommen, und das bildet die Kluft: zu den ihrer Kindheit entwachsenen. Wir entdecken, decouvrieren, blößen und werden geblößt.

Die Sexualität des Menschen, das Erwachen jenes Selbst, das des anderen Geschlechts und des eigenen gewahr wird, des Lebens und woher es kommt, wie es sich gebiert und stirbt, und immer wieder gebiert. Der Eros oder die Erotik, die sich mit dem Trieb Thanatos verbindet. Der Liebesakt, der schon lange als ‘kleiner Tod’ bezeichnet wird, trägt dieses voneinander untrennbare, sich bedingende Verhältnis vom Horror und der Erotik in sich.

Den Begriff der Erotik möchte ich hierbei jedoch als einen in seiner Erscheinungsform zu Tage tretenden verstanden wissen, also als einen, der als konturierender fungiert, der seine (Vor-)Züge darbietet und preisgibt, während der Begriff des Eros für mich der grundlegend motivierende, der lebenskonstituierende ist.

Schon Poe formulierte einst, durch den Tod seiner jungen Frau geprägt:

„Der Tod einer schönen jungen Frau ist ohne Zweifel das poetischste Thema der Welt.“

Morbidität und nekrophile Züge, wie wir sie auch in Poes Werken finden, sind besonders in der Horrorliteratur keine Seltenheit. Die Monstrositäten, die wir uns erschreiben und erlesen, sind so faszinierend und phantastisch, wie wir selbst es sind. Dass hierbei dem Begriff des Ekels ein tragender Stellenwert eingeräumt werden muss, liegt, denke ich, nahe, da sich diverse Ängste in diesem auf mannigfaltige Weise äußern. Der Ekel vor Tieren, vor Essen, dem Geschlecht, vor anderen Menschen, vor Krankheiten usw.. All das, was uns aus Erfahrung von Generation zu Generation noch immer vorsichtig sein lässt. Wie wir z.B. nichts Verdorbenes oder uns ganz und gar Fremdes, hat es noch niemals unseren Magen-Darm-Trakt passiert, essen oder erst einmal nur mit Vorsicht genießen sollten. Unser Magen reagiert sofort. Auch Tiere können uns gefährlich werden, wie wir wissen. Sporen, Bakterien und Viren können uns krank machen. Die Überträger sind nicht selten wir. Die Anderen. Der Andere. Alles, was uns daran erinnert, dass wir sterblich und endlich sind. Der Ekel vor dem Leben, dem Zerfall. Dass das aber alles mit irrationalen Ängsten einhergehen kann, wie sie sich z.B. in Phobien und Zwangshandlungen manifestieren und äußern, liegt nicht selten an wiederum anderen, heutigen neuen Ängsten, die den Menschen im Zuge des Fortschritts in die Mangel nehmen, die ihrerseits an eben diesen Urängsten und ihren Erscheinungsformen rühren. Interessant ist dabei aber doch, obwohl wir mit unseren Vorfahren nicht mehr die selben Habitate, und wie sie in ihnen lebten und überlebten, teilen, dass wir uns grün darüber sind, dass die Fressen-und-Gefressenwerden-Angst, jene, die uns unsere Sterblichkeit besonders vor Augen führt, eine nicht zu eliminierende und ständig vorherrschende ist. Waren es früher Tiere, die uns potenziell reißen konnten, ist es heute die Diktatur des Kapitalismus.

Und wieder, spätestens mit der Industrialisierung, verloren Mann und Frau ihre geschlechtliche Identität auf eine neue und andere schmerzliche Weise, die bis dahin schon durch die kirchliche Doktrin und ihre Teufelspsychose gemartert worden war. Sie verloren ihre aus der Trennung voneinander resultierende, aus sich selbst gegebene Vorstellungskraft, die eine sich gegenseitig nährende ist. Wir wurden selbst zur Ware. Zu einer Stuff-only-Gesellschaft. Unser Sexus, die eigentliche Kraft, die uns in allen Lebensbereichen unsere Positionen finden lässt und befeuert, ausverkauft. BDSM-Praktiken, in denen wir unsere Sexualität und unseren Schmerz vor allem durch Rollenspielhierarchien erfahren, in denen das unschuldige, das liebkosende Element völlig fehlt, sind die Folge. Sie sind gar zu einer Erlebniskultur von wirtschaftlichem Interesse geworden. Zwar ist die uns gegebene Fähigkeit zur Pervertierung etwas, das es uns auch ermöglicht weiterzumachen, die Dinge für uns zu wandeln, sie zu nutzen, wie sie uns benutzen, jedoch erinnert es uns allenfalls an einen Schmerz durch einen gesetzten Schmerz. Wir lernen darüber nicht, ihn auch wieder durch die Freuden und Zuwendungen zu empfinden, die wir in der Vereinigung beim Liebesakt erfahren. Und zwar dann, wenn wir uns nicht allein nur in eingleisigen Rollen begegnen, die eine Repräsentative eines Systems darstellen, das uns unentwegt Gewalt antut. Dann, wenn wir uns im und durch den Liebesakt mit oder ohne Rollenspiele demaskieren, fern eines jeglichen Leistungsdrucks. Ohne den auszukommen wir immer weniger in der Lage sind und sein werden. Wir verunmöglichen uns.

Dem steht die Literatur, stehen die Künste entgegen. Vielleicht letzte Bastionen, Spiegel unserer Seele, solange wir das Du noch aufrecht erhalten können, die diese, unsere Monstrositäten verstoffwechseln, in denen wir uns spiegeln und uns auch erkennen. Das, was uns Angst macht, uns durchdekliniert und eintreibt. Wir müssen selbst zu Monstern werden, um zu verstehen, was das sich Zeigende ist. Wir phantasieren, pervertieren und erzählen. Und das ist auch notwendig. Der Horror, dem wir uns seit der Verweisung aus dem Paradiese, dem hortus conclusus ausgesetzt sehen, erfährt durch die Literatur Kontur. Die Erotik kann hierbei als ein evozierendes Moment verstanden werden, als auch als ein Verletzliches, Bedrohtes. Dass Mann und Frau, die Geschlechter selbst in all ihren Attributen ebenso monströse und bizarre Erscheinungsformen annehmen können, steht außer Frage, und gilt ebenso für ihre Fähigkeiten, die sie darüber und in der Konfrontation mit dem Horror ausbilden und erlangen. Anders wiederum verhält es sich, sind sie, die Geschlechter, selbst Gegenstand des Horrors, der aus ihnen erwächst. Eddie M. Angerhubers Visionen von Eden gibt hierfür ein grausames Beispiel. Sie erzählt von einer verfallenen Post-Armageddon-Stadt, in der nur wenige überlebt haben. Und das nur, weil sie sich vom Fleisch der Toten ernähren, die sie noch finden – und deshalb auch weiterhin überleben – und sich zu einer neuen Art entwickeln, die doch nur als Kinder der Untergegangen zu verstehen ist. Als tierisch, hungrig und krank werden sie beschrieben. Wir finden Frauenkörper in Verschlägen, denen teilweise der Kopf, die Arme und Beine fehlen, die von einer Art Elektromotor betrieben werden, da Kabel in ihre Stümpfe laufen, der sie durch unregelmäßige Entladungen zu heftigen Zuckungen veranlasst. Torsi, die von invaliden Männern zum Kopulieren genutzt werden. Wir befinden uns in einer Welt, in der der Mensch sich mutterseelenallein vorfindet. Hier hat der Horror die Erotik sogar getilgt. Und doch ist sie im Eros, in den toten Torsi der Frauen noch enthalten, auch wenn sie nicht wirklich stattfindet. Da es tatsächlich ausschließlich Frauenkörper sind. Keine Männer-, Kinder- oder Tierkörper. Oder gar etwas anderes. Wenn auch beidseitig alle Reanimationsversuche fehlgehen. Die der Männer, da sie mit einem toten Frauenkörper kopulieren. Wie auch die Körper der Frauen, die durch die Stromstöße nur scheinbar belebt werden. Es zeigt, dass wir vermöge sind in den feindlichsten und unwirtlichsten Umgebungen zu überleben. Doch zu welchem Preis?

Schauen wir uns den Lovecraftschen Horror an, finden wir uns in ebenso lebensfeindlichen Welten wieder, in einem Kosmos „der großen Alten“, in dem wir uns weniger als Pfifferlinge wert fühlen. Hochgradig unwirtliche Welten, in denen aber doch, schaut man sich Studien an, die das Werk H. P. Lovecrafts unter Zuhilfenahme seiner Biographie betrachten, der Eros, die Erotik eine ganz und gar pervertierte Rolle spielt. Wir wissen, dass sich der Autor vor allem, was aus dem Meer kommt, geekelt hat. Wir wissen, dass es ihm Zeit seines Lebens kaum vergönnt war eine gesunde und intakte Beziehung zu führen. Worte der Liebe waren ihm unmöglich. Wir wissen, dass seine Mutter ihm Mädchenkleider angezogen hat. Nun mag man einwenden, dass ein Werk nicht den biographischen Schlüssel zur Not hat, es mit einem solchen gar zu einer eindimensionalen Leseerfahrung im Modus einer Psychoanalyse kommt. Aber doch ist auch das ein Weg ein Werk zu erfahren. Besonders die Fischartigen wie z.B. Cthulhu oder Dagon, die dem Meer zugeordnet sind, werden als abnorme Wesen ausgedeutet, die in ihrer Gestalt, unter genau dieser Prämisse, einer Sicht auf beide Geschlechter entspringen, die als bedrohlich, vernichtend, mit einem starken Ekel einhergehend empfunden wird. Ähnlich wie wir es auch von der vagina dentata kennen. Oder von den Ungeheuern Charybdis und Skylla aus Homers Odyssee, die jene Meeresenge bewachen, die in der Argonautensage von Iason mit der Argo passiert wird.

Ganz anders verhält es sich mit dem Vampir, unserem wohl populärsten Wesen der Grusel-, Schauer- und Horrorliteratur, der hier herausgehoben sei, obgleich es noch viele andere faszinierende Kreaturen gibt. So hat Joseph Sheridan Le Fanu mit seiner 1872 erschienenen Novelle Carmilla zu jener Zeit einen eigenen, heute fast vergessenen Vampirmythos in die Welt gehoben, der unserem Gedächtnis einen Prototyp des weiblichen Vampirs zurückgibt, der noch anderen Gesetzen gehorcht, als jene, die wir nunmehr kennen, die stark von Stokers Mythos beeinflusst sind, dem genau dieses Werk für seinen epochemachenden Dracula zur Inspirationsquelle wurde. Und hat sich nicht auch Lawrence Durrell in Pursewardens Erzählung schwärmerisch ausgelassen über ein Rendezvous mit einem Vampir? Und noch weit davor Philostratos, der die Geschichte einer untoten Empuse erzählt, die nach allen Regeln der Kunst einen schönen Jüngling verführt? – Insbesondere die Romantiker waren es, die die erotischen Vamps zur Metapher erblühen ließen. Die vielleicht sinnlichste Vampirin aller Zeiten wurde jedoch von Théophile Gautier ersonnen: Die Kurtisane Clarimonde, die den jungen Priester Romuald in Liebesraserei versetzt. „Ich habe geliebt wie kein Weltlicher jemals geliebt hat“, gesteht er, dem Clarimonde mit einem Stich ihrer goldenen Haarnadel die Adern öffnet. Behende stürzt sie sich auf die Wunde, die sie mit dem Ausdruck unbeschreiblicher Wollust aussaugt. Ein Wesen also, das es schon immer vermochte in allen Genres der schreibenden Zunft zu hausen, nach dem Blute zu gieren, aus dem es entspringt und dabei, durch verschiedene Kulturen geprägt, seine ganz eigene Genese erfahren hat. Das nicht tot zu kriegen ist. Wie denn auch?! Ihm / ihr beikommen? Ein Wesen pfählen, dass Sie immer noch an den Menschen erinnert, den Sie lieben? Würden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Vater, Ihre Mutter oder Ihr Kind pfählen? Schaffen Sie das? Ich vermute: Sie schaffen es nicht. Vielleicht würden Sie sich sogar beißen lassen, nur um weiterhin mit ihren Lieben sein zu können. Das ist menschlich. Und Fluch zugleich. Vielleicht aber auch ein Segen, manchmal, wenn es gut ist, dass Blut dicker als Wasser ist. Denn was wären wir ohne Bande, Familie, Weggefährten, wenn wir niemals so etwas wie Bindung erfahren hätten? Wahrscheinlich das, was ein Vampir nicht sein will, was ihm über die vielen Jahrhunderte, die er durchwandelt, zum Fluch, zur ewigen Hölle wird, das er selbst ist und seit jeher schon war: ein Vampir. Abhängig vom Blut derer, die es noch nicht sind, jedoch stets Gefahr laufen, es zu werden. Und so erfüllt, in all seinen diversen Erscheinungsformen, in seinem Bedürfnis nach Erlösung, das aus seinem Daseinszustand resultiert, besonders der Vampir für mich den Superlativ einer Sirene. Er ist die Personifizierung des betörend abgründigen Gesangs jener fischschwänzig Wissenden, die uns und unser Geschlecht ganz gut kennen, die nicht wenige in die Tiefe gerissen haben, haben sie es auf ihrer Odyssee nicht schnell genug geschafft, sich die Ohren mit Wachs zu verpropfen. An was es uns mangelt, nach was es uns ruft, zeigt uns der Vampir auf eine gewaltige Weise, besonders weil das mit Blut geschriebene Elektrokardiogramm feinste Ausschläge nachzeichnet, wie uns die Autoren der einzelnen Genres lesen lassen. So auch Michael Perkampus, der in dieser kurzen Impression, das Wesen der Liebe und die mit ihr verbundene Furcht zu zeigen vermag:

Vampyradonna

„Wie soll ich dich denn lieben, wenn du mich andauernd beißt!“
Die Vampirin erschrickt, nackt. Ihr Mund ist erschöpft, ihre Brüste schneeweiß.
„Schau dir diese Sauerei nur an!“ Er hält seinen Arm vom Körper weg, sie schaut dem Tropfen des Blutes zu. Sie weiß nicht, was ihm denn diesen Glanz aus den Augen raubt, der sie überhaupt veranlasste, ihm zu folgen. Ist es das herausrinnende Blut? Ja, sein Blut hat anderes zu tun, als seine Leidenschaft wieder aufzurichten. Es geht um sein Leben, um ein Leben, das sie nicht kennt.
„Wenn ich von dir lasse, wirst du sterben.“
Er tollt herum, jetzt außer sich, weil er weiß, dass sie recht hat. Er dreht sich im Kreis.
„Jetzt ist es genug! Du musst mir gehören!“
Er sackt auf die Knie, der Arm ist angebissen. Wenn er so an sich herabschaut, dann sieht er noch viel mehr Wunden. Sie geht langsam auf ihn zu, ganz das verschüchterte Ungeheuer.
„Geh weg!“
„Wenn du das wirklich wolltest …“
Die Bäume rauschen, bilden einen dunklen Chor. Die Nacht ist mondhell, die Vampirin kommt näher. Er kniet, sie kommt näher, aber zögernd, denn sie will ihm nichts tun. „Du verblutest, wenn ich nicht …“
Nur Blut; ihm schwinden die Sinne.
„Wenn ich nicht weitermache“, beendet sie den Satz.
„Was bist du?“
„Aber ich bin doch nur wegen der Nacht und wegen dir hier!“
Schon kommt der Tod, seine Arme fuchteln, Blutrubine spritzen davon, während er fällt, nach frischem Eisen duftet. Sie hat ihn schwer erwischt, das kann man nicht leugnen. Er verblutet und sie kann nichts weiter tun, als sich so allein neben der Leiche zu fürchten.

Ein weiteres, kaum bekanntes aber doch sehr spannendes Kuriosum – und daher sei es hier aufgeführt – ist das Old-Hex-Syndrom, das dem des Vampirs in seinem Wesen verwandt ist und das wir am ehesten bei den Romantikern verstoffwechselt sehen. Eine wahre Horror-Erscheinung. Nicht wirklich ergründet, befiel es viele Schreiber zu jener Zeit. Vor allem junge Männer, die zwischen 20 und 35 Jahre alt waren. Heute ist dieses Phänomen auch in medizinischen Fachkreisen durchaus bekannt. Es beschreibt den Augenblick zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Seele langsam abgleitet – wir wissen nicht, wohin. Auf einmal erscheint sie: ein altes Weib: die Hexe, obgleich sie zuvor vielleicht eine junge schöne Verführerin war. Sie nähert sich dem Bett, umkrallt mit eisernem Griff die Schulter des Beinaheschlafenden, legt sich wie Blei auf die Brust des jungen Mannes – ein völlig realer Eindruck, wie Walter von Lucadou von angsterfüllten Patienten erfuhr. Das Geschehen ist unheimlich, grauenhaft: das Atmen fällt schwer, der Bedrängte bekommt keine Luft. Das erinnert stark an die Kippbilder, die uns zu spontanen Gestalt- bzw. Wahrnehmungswechseln anregen. Wie es auch Charles Baudelaire in Die Verwandlung des Vampirs zu zeigen imstande war:

Das Weib mit rosigem Mund begann den Leib zu recken,
Wie sich die Schlange dreht auf heißem Kohlenbecken, …

Wir haben Ängste. Ein aus der Erkenntnis kommendes Vermögen, das unserer Fähigkeit entstammt, uns im Anderen zu spiegeln. Der Du-und-Ich-Annahme, die uns alle in einem frühen Stadium unseres Lebens ereilt und mir nichts anderes bedeutet, als dass wir diesen Zustand, in dem wir kurze Zeit als Neugeborene noch waren, in dem es kein Außen und Innen gab, in dem wir noch mit der Welt untrennbar verwoben alles waren: die Mutter, der Vater, das Kind, der Raum, das Geräusch des Baumes vor dem Fenster, der Windzug, der Duft der frisch gewaschenen Kleidung, das Kleidchen selbst …, wieder versuchen. Wir sollten uns durchspielen, wie es die Autoren in ihren Geschichten tun bzw. ihre Protagonisten auch mit ihnen. Wir sollten auch verstehen, warum. Um dann nicht mehr mit der Wimper zu zucken, weil man uns die Augen auswäscht, bis wir uns nicht mehr sehen, zu blinden Spiegeln werden, da uns die Sinne versiegelt wurden. Daher noch einmal: Der Sexus bestimmt unser Handeln. Ebenso nehme ich an: Auch Ängste tun das. Notwendigerweise! Politisch geschürte Ängste, die nichts anders zur Grundlage haben als ein wirtschaftliches Interesse, wiederum, wie bereits erwähnt, martern unser Geschlecht.

Und so kann ich mich fragen, ob es besonders das Horrorgenre ist, das am häufigsten mit erotischen Konnotationen und Expliziten durchwirkt ist, das sich nicht selten den Vorwurf gefallen lassen muss, als besonders pornes Genre zu gelten. Woran sich mir die wiederum die Frage schließt, was sind die Grenzen eines Genres? Was sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um von einem solchen, von uns bestimmten zu sprechen? Und wo nehmen wir sie her, um Zuweisungen zu machen? Meiner Auffassung nach gibt es sie nicht. Denn je mehr ich mich diesen Grenzen nähere, umso mehr weichen sie an vielen Stellen auf, werden durchlässig. Dass wir aber – bleiben wir der Einfachheit halber beim Genrebegriff – besonders im Horrorgenre weite Gefühlsspektren aufgeworfen vorfinden, wie wir es ebenso von der Erotischen Literatur kennen, mag an der existenziellen Verbindung der uns von Geburt an gegebenen zwei Fähigkeiten liegen: dem Vermögen Furcht und Horror zu empfinden, als auch vermöge zu sein, uns in einer Weise zu begegnen, die dem Gott Eros manchmal in nichts nachsteht. Schon gar nicht in der Literatur. Schon Platon war so schlau, fiktional oder nicht, Sokrates dem Leser von Diotimas Unterweisungen in Sachen Eros künden zu lassen. Und so kann ich festhalten: Die Horror-Literatur bietet die Erotik auf eine Weise feil, wie es andere Genres nicht tun. Wir empfinden ihn besonders durch unser Geschlecht. Dem Ich und Du. Weil es uns angeht, uns etwas versehrt und gefährdet. Der Horror und die Erotik. Das will zusammen. Will verstoffwechselt, pervertiert und gesponnen werden. Zwei enorme Sujets, die miteinander kollidieren und fusionieren. Was dem Einen zum Dirnenvorwurf gereicht, ist mir ein breites Spektrum, dessen Farben vom Existenzialistischen bis zum Phantastischen reichen.

 

Dieser Essay erschien bereits im >>>IF Magazin für angewandte Fantastik #666 Horror: Fünfzehn Erzählungen schlagen einen Bogen von der klassischen Geistergeschichte hin zum Horror des Realen, ohne dabei den Boden des Fantastischen zu verlassen. Mit Stories von: Adam Nevill, Bernhard Reicher, Christian Weis, Erik R. Andara, Holger Vos, Ina Elbracht, Jörg Kleudgen, Markus Korb, Michael Buttler, Michael Perkampus, Philipp Schaab, Tobias Bachmann, Tobias Reckermann, Ulf R. Berlin und Uwe Durst. Artikel: Adam Nevill, Albera Anders, Björn Bischoff, Erik R. Andara, Frank Duwald, Karin Reddemann, Michael Perkampus und Tobias Reckermann. Illustrationen: Daniel Bechthold, Erik R. Andara, Jonathan Myers, Jürgen Höreth, Peter Davey, Serhiy Krykun, Thomas Hofmann und Ulf R. Berlin.

Übernatürlicher Horror in einer säkularen Welt

Letzten Sommer moderierte ich bei NecronomiCon Providence ein Panel namens „Faithful Frighteners“, in dem wir diskutierten, ob es für einen Atheisten schwieriger ist, sich vor einer Geschichte zu fürchten, in der das Grauen von den Elementen einer religiösen Weltanschauung abhängt. Der Glaube ist per definitionem die Aussetzung des Unglaubens, also schien es mir naheliegend, dass die berühmte Anthologin Ellen Datlow auf der gleichen Tagung sagte, dass sie übernatürlichen Horror in Kurzgeschichten effektiver findet als in Romanen, weil es schwieriger ist, diese Aussetzung des Unglaubens für einen ganzen Roman aufrechtzuerhalten. Das ist ein berechtigter Gedanke, und ich bin mir sicher, das trifft auf die meisten Leser zu. Es entging dem Publikum dabei nicht, dass sie diese Äußerung machte, während sie neben Peter Straub saß, der immer wieder bewiesen hat, wie effektiv übernatürlicher Horror in Romanlänge funktionieren kann.

Seitdem habe ich über dieses Problem des Glaubens an übernatürlichen Horror nachgedacht. Das früheste Geschichtenerzählen wurzelt im Mythos und der Religion, in Magie und Monstern. Aber was macht das Übernatürliche für ein modernes säkulares Publikum so unwiderstehlich? Sicherlich gibt es Fans des Horrors, deren Wertschätzung des Genres durch ihre religiöse Überzeugung, durch die Vorstellung, dass die Seele eines Charakters – nicht nur sein Leben – auf dem Spiel steht. Aber die meisten Horrorfans, die ich treffe, scheinen bestenfalls eine lose Verbindung zur Religion zu haben. Viele identifizieren sich als Atheist oder Agnostiker und doch lieben sie Filme wie „Der Exorzist“ und „Rosemary’s Baby“ und betrachten Geistergeschichten wie „Spuk in Hill House“ und „Shining“ als die Säulen unseres Genres. Einige von uns können einem übernatürlichen Nervenkitzel nicht widerstehen, auch wenn wir nicht an Geister oder den Teufel glauben.

Und warum sollte das überraschend sein? Schließlich müssen wir nicht an Sauron oder Voldemort glauben, um emotional in „Der Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ involviert zu sein. Ist es einfacher, das Übernatürliche in der Fantasy zu akzeptieren, wo wir bereits unseren Unglauben überprüft haben, bevor wir in eine imaginäre Welt eingetreten sind? Wie immer ist das etwas Subjektives. Es gibt Leser, die nie erwägen würden, einen Horrorroman auch nur anzufassen, aber kein Problem mit Hexen und Ghouls auf den Seiten eines Kinderbuchs haben, wo Realismus und die Interessen der ernsten Literatur so häufig zu finden sind wie Nährstoffe in einem Schokoriegel.

Für eine andere Art von Leser – und ich bin einer von ihnen – gibt es diesen besonderen Reiz in einem Buch, das die Welt, die wir kennen und in der wir leben, originalgetreu abbildet und sie dann mit der Einführung von unheimlichen oder übernatürlichen Elementen unterwandert. Vielleicht nutzen diese Elemente sogar, um den menschlichen Status zu begreifen. Was hat es also mit dem psychologischen Reiz dieser besonderen Erlebniswelt auf sich, die Stephen King, den unbestrittenen Meister dieser Kunst, seit vierzig Jahren auf den Bestsellerlisten hält?

Ist es die übernatürliche Literatur, die eine Lücke im modernen Leben füllt, indem sie mit einer grundlegenden menschlichen spirituellen Sehnsucht in Resonanz tritt, die die Religion für einen großen Teil ihres Publikums nicht mehr befriedigt? Mit anderen Worten, wollen wir glauben, auch wenn wir es nicht tun? Sind nicht sogar feindliche Kräfte jenseits des Todes weniger beängstigend als absoluter Materialismus und die Aussicht, dass ein flüchtiger Augenblick des schwach entwickelten Primatenbewusstseins alles ist, was wir jemals auf diesem einsamen Felsen erleben können, der durch den Raum rast?

Geister werden als beängstigend dargestellt, weil sie das Unheimliche darstellen, aber würde nicht der Beweis von Gespenstern unsere sterblichen Ängste lindern? Oder ist es beängstigender, eine fadenscheinige Fortsetzung des Bewusstseins in Betracht zu ziehen, das sich der Verfolgung der Lebenden für die Ewigkeit widmet?

Der früheste Gebrauch des Wortes Faszination hat mit Hexen und Schlangen zu tun, die mit ihrem Blick lähmen sollten und es ihrem Opfer unmöglich machten, wegzuschauen. Vielleicht kommt die Kraft des Übernatürlichen in der Fiktion aus dem Schauer, den wir fühlen – auch jetzt noch in unserer raffinierten Verachtung des Aberglaubens –, wenn wir diese Schlangenaugen betrachten, von denen wir einfach nicht wegschauen können: die Angst und Hoffnung, die im Unbekannten bleiben.

Horror gibt uns einen sicheren Boden, um diese Faszination zu erforschen. Er gleitet durch unsere Verteidigung mit dem beruhigenden Wort Roman auf dem Umschlag, das uns erlaubt, uns für ein paar Stunden auf Möglichkeiten festzulegen, denen wir im Kontext von Religion oder Philosophie skeptisch gegenüberstehen. Und ist es nicht irgendwie einfacher, das Übernatürliche zu akzeptieren, wenn es feindselig ist? Leichter an kosmische Katastrophen und innere Dämonen zu glauben als an Gnade und Schutzengel? Vielleicht ist das ein weiterer Grund, warum Horror durch die Hintertür durch unsere Skepsis rutschen kann. Im Gegensatz zu den Zusicherungen der Religion appelliert er an unseren Pessimismus. Er fühlt sich ehrlicher an.

Und doch würde ich argumentieren, dass die wahren Schrecken, die in der großen übernatürlichen Fiktion gefunden werden, nicht die Monster, Dämonen und Teufel sind, nicht einmal die Kultisten, die sie verehren, sondern die Möglichkeit, dass wir selbst in einer Welt der missachteten Gesetze immer noch von demselben alten menschlichen Leiden heimgesucht werden. Der Vampir, der Werwolf und der Zauberer stellen uns immer wieder die Frage: Erliegt die Kreatur, die sich als menschliche Gebrechlichkeit gezeigt hat, immer noch der gleichen alten nagenden Gier, die uns beherrscht? Leidet sie noch immer unter Sehnsucht, Verlangen, Einsamkeit und Verlust? Wenn wir die Parameter unserer Existenz ändern könnten – unsere Spanne verlängern, unsere Moral lockern – würden wir dann immer noch dasselbe erleiden? Das sind die Gedankenexperimente, die wir in der übernatürlichen Fiktion finden, die existentiellen Fragen, die wir seit den ersten Mythen und Fabeln untersuchen.

Und sie fesseln uns immer noch. Weil man ein Symbol nicht wörtlich nehmen muss, damit es emotionale Kraft hat. Die alten Wurzeln der Kunst und des Rituals, des Schamanismus und des Geschichtenerzählens, sind untrennbar mit der menschlichen Psyche verbunden, wo sich ein Teil von uns immer dem Zauber einer Geschichte unterwirft, die mit Überzeugung erzählt wird. Es steckt etwas wesentliches in den Märchen, das wir nie abschütteln werden. Und es ist nicht nur der Durst nach Eskapismus. Übernatürlicher Horror gibt uns einen Vorgeschmack auf das Transzendente. Es erregt nicht nur die Angst, sondern auch die Hoffnung, dass vielleicht … womöglich haben wir die Welt noch nicht ganz durchschaut.

Das hölzerne Pferd und die Phantastik

(noch ohne 1. Stock)

Im Mondschein lief ich die Dorfstraße entlang. Lief bis an ihr Ende. War wieder hier. Sprang über den Zaun neben dem Eingang, lief durchs Rosenbeet und streunte über den Hof. Abermals, die zwei hölzernen Torflügel waren weit aufgeklappt, stand die Scheune offen, die zweimal so hoch war wie das Haus, in dem wir gerade schliefen. Auch die kleine Tür, dem Tor gegenüberliegend, durch die man sie verließ und so in den Garten gelangte, war geöffnet worden. Hinter dem Garten lag ein Acker, hinter dem Acker der Wald. Wieder saß mein Urgroßvater betrunken auf dem hölzernen Pferd schaukelnd versunken vor ihr : so floss aus ihr Nacht in den Hof.

Frauen in schwarzen Kleidern krochen wendig über den Flur, versuchten, angelockt vom knarzenden Klang, in unsere Scheune zu gelangen, die unserem Haus direkt gegenüber stand. Ich wusste, er ritt dem Wald entgegen: schaukelte schneller, schneller und schneller, dass sie, die Krochen, kommen mögen. Da schoss meine Urgroßmutter wie ein aufgeschrecktes Biest im Nachtkleid: weiß wie ihr wehendes Haar, furios wie eine Lichtscheuche, aus dem Haus und über ihn hinweg, sie zu schließen.

So sah ich es noch einmal. Sah es, als sah ich es zum ersten Mal. Mein zartes Alter ließ mich ihn damals nicht fragen: 

Wieso reitest du das Pferd so doll?

 
So oft hat er es versucht. So oft war seine Liebesmüh’ ihr gegenüber vergeblich.

Und so blasst diese Erinnerung nun auch vor meinem inneren Auge. Wird schwarz und schwärzer.

Es fließt nun immer Nacht auf diesen Hof, ihn zu dunkeln, die Torflügel stets weit offen, das hölzerne Pferd zu schaukeln, auf dem er jedes Mal saß, wenn er betrunken war, in dessen Mähne und Schweif noch Waldkletten hängen. So war ich noch einmal hier: es zu sehen und lausche bis heute bang einem letzten Knarzen.

Kein Märchen heute. Nur die Neige Nacht.

Überrumpelt, die Hex’,
ihr Körper taubengrau,
liegt unter einer Eibe.

Der Hahn ist tot,
das Gras ist schwarz,

rückst keinem mehr zu Leibe:
jubelte Hänsel, jubelte Gretel.

Da war es dann ganz still im Walde.
So tranken beide bang noch Nacht.
Ihre Bürde war die Neige.

: Hörte ich und konnt’s kaum glauben :

Schnurstracks lief durchs Erzähltal ich
lief in den einstigen Wald der Fanggen,
wo man ihn, den Hänsel, gefangen
glaubte, doch wusste, es gibt sie dort nicht mehr.

Ich suchte. Suchte und suchte, bis ich ihn fand,
zog den schönen Fella aus dem Pfefferkuchenhaus
der Gretel,
die in der Stadt längst wohnte,
nachdem ich den Käfig, in dem er lag,
mit den Pfoten vom Tisch gestoßen.
Zog ihn mit den Zähnen am Kragen ins Laub.

Der abgemagerte Mann kam gar nicht mehr recht zu sich.
Ich gab ihm eine Zitze in den Mund, ihn zu stärken, mir in die Stadt zu folgen.
Er tats,
wenn auch taumelnd, hielt inne und trank.

Dort wollte er all die Geschichten niederschreiben,
die man sich noch an manchen Abenden erzählt.
Die man dem Menschen erzählt. Wohlgemerkt,
nicht mir.

Ich selbst bin vor die Flinte zu nehmen.
Bin eine, die durchs Erzähltal streift,
die Geschichten, die der alte Faselwind mir zuheult,
zu hüten. Drum behüte mich, wer will.

Ich bin selbst kein Märchen.
Das weiß der Jäger, weiß Hänsel, weiß ich.
Bin weiß wie der Schnee. Bin Lauer. Bin Ohr
für die Geschichten, die man sich nicht mehr erzählt
und erzählte, an all den Abenden, die man vergaß und vergisst.

Im Erzähltal erzählt man sich von mir, erzählt man sich,
mich gibt es nicht. Recht zeitgenössisch, wie ich finde.