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Einer, der in den Katakomben schläft

Dieser Artikel ist Teil 3 von 54 der Reihe Gespenstersuite

Ich hatte mich am Denken gehindert und stopfte alles in mich hinein, das mich an ein Zwiegespräch erinnern könnte. Es war wie ein Frieden, auf einmal war Frieden.

Mir sollten die Tage nicht lang genug werden, denn die Dämmerung zog früh schon heran. Ich genieße die Beschreibung, aber ich selbst fülle nur die Korridore aus, nie die Zimmer. Ich bin noch keinem Leuchten begegnet, das mir nicht auswich. Es liegt das Fremde nie weit entfernt, es setzt sich in der Nähe an den nächsten Tisch. Und an den nächsten. Es kann alle Fassaden erklimmen und in allen Gläsern zuhause sein, so lange man nur nicht weit entfernt erspäht werden kann. Ich könnte mich hinabwinden in die Katakomben von Paris, die dem Schlund der Hölle entsprechen.

Ich werde nicht ankommen in meinem verlorenen Paradies, aber wenn ich dort eine kleine Bastion in Form eines Appartements hätte, mit Licht und einer gemütlichen Uhr, die nicht nur den Staub vertreibt – die finsteren Momente wären nur noch Willkür. Ich dürfte nur nie versuchen, wieder an die Oberfläche zu kommen, denn der Weg wäre mörderisch und führte direkt in den Wahnsinn.

Das wahre Motiv

Uta Seeburg: Das wahre Motiv (Gryszinski #2)

Es steht ohne Zweifel fest, dass das ausgehende neunzehnte Jahrhundert eine Zeit der Innovationen und des Wandels war. Kein Wunder, dass es dort für Autoren aller Art ein Fest der Erzählkunst zu feiern gibt, sobald man seine Figuren und seine Geschichte gefunden hat. Auf Uta Seeburg trifft das zu. Auch ihr zweiter Roman um den “falschen Preußen” Wilhelm von Gryszinski ist ein sprachliches Fest, gleichzeitig vergnüglich, spannend und historisch mit allen bunten Farben versehen, die eine vergangene Epoche lebendig und authentisch erblühen lässt.

Umbrüche – Spurenlese – Bratensemmel

Wenn die Autorin ihr erstes Buch auf die drei Worte “Umbrüche – Spurenlesen – Bratensemmel” eindampft, trifft sie den Kern zwar haargenau, stapelt aber auch etwas tief, denn sie achtet auf jedes Detail, als wäre sie eine Augenzeugin der Zeit und des Ortes, die sie beschreibt. Auch auf “Das wahre Motiv” trifft diese Dreifaltigkeit zu, aber eines wird sofort klar: München war nie lebendiger als in den Geschichten der gebürtigen Berlinerin, die neben Komparatistik auch in Kunstgeschichte promovierte.

Das wahre Motiv

Wir schreiben das Jahr 1895. Es ist zweifellos das “Goldene Zeitalter” Münchens, in dem diese Kriminalgeschichte angesiedelt ist, die auch zum ersten Mal das Phänomen des “Mehrfachmörders” in die noch rudimentäre bayerische Ermittlungsarbeit einführt, ein neues Phänomen, das man noch gar nicht begreifen kann. Natürlich hat man von der britischen Insel die jüngste Aufruhr um Jack the Ripper mitbekommen. Uta Seeburg lässt es sich nicht nehmen, einen der damals Verdächtigen am Rande ins Spiel zu bringen. Gemeint ist der Maler Walter Sickert, der namentlich zwar nie erwähnt wird, aber als in München gebürtiger Engländer eine Zeitlang die Geschehnisse als Schatten flankiert, weil er sich doch gerade in der Residenzstadt aufhält, als mehrere Morde im Künstlermilieu geschehen. Und Kunst, das heißt natürlich Schwabing, das “versammelte Babylon, die neun Kreise der Hölle und jedes verlotterte Freudenhaus des deutschen Kaiserreichs.”

Mörder in Schwabylon

Obwohl Schwabing älter als München ist, war es irgendwann nur noch ein Stadtteil der Weltstadt. Nichtsdestotrotz war Schwabing um 1900 nicht weniger berühmt für seine Bohème wie der Pariser Montmartre. Ein Paradies für Künstler und Schlawiner aller Art, eigentlich das bedeutendste Kunstzentrum, das je auf deutschem Boden existiert hat. Dichter, Maler, Philosophen, Schauspieler, Regisseure, Musiker, Wissenschaftler, Okkultisten, Mystiker und Anarchisten lebten hier zusammen, und kein Skandal war dem nördlichen Stadtteil fremd.

Jetzt aber geht ein Mörder um, der seine Opfer nach bekannten Figuren aus der griechischen Mythologie in Szene setzt. Adonis, Narziss, Prometheus und Ikarus. Die Opfer sind meist gutaussehende junge Männer, die auch in Anton Ažbes berühmter Malschule Modell saßen. Der preußische Sonderermittler im Dienste der Königlich Bayerischen Polizei nimmt sich der Sache auf seine gewohnt gutmütige Art an. Seine Verfressenheit und sein immer umfangreich werdender Bauch trüben seinen kriminalistischen Spürsinn nicht im geringsten. Ganz im Gegenteil scheint er die die Münchner Küche, den Viktualienmarkt, die verführerisch duftenden Töpfe und gebackenen Buchteln seiner Wirtin, und so manchen Imbiss dringend zu brauchen, um überhaupt denken zu können. Diese Theorie erklärt er seiner Frau Sophie einmal so:

Hatte er die Idee also erst mal mithilfe einer, beispielsweise, Bratensemmel eingefangen, so fügten diese sich dort unten [in seinem Bauch] in einem wahrhaft alchimistischen Prozess zusammen, um darauf phönixhaft und neu geordnet wieder emporzusteigen.

Uta Seeburg: Das wahre Motiv

Doch auch wenn Seeburg die schönsten Worte und Beschreibungen des kulinarischen Glücks anwendet, handelt es sich hier keineswegs um einen der gerade in Mode stehenden “kulinarischen Krimis”. Der Genuss ist eher eine Wesensart des preußischen Ermittlers und eine Bank des Humors dieser großartigen Reihe.

Ausflug in die Bohème

Das Spannungsfeld des Romans wird allerdings nicht nur durch die skurrilen Morde und die großartigen Figuren aufrecht erhalten, sondern auch durch Verpflichtungen und Veränderungen erreicht, die in der Luft liegen. Zum einen wäre da Gryszinskis Frau Sophie, die es sich gestattet hat, heimlich einen Kriminalroman zu schreiben, für den sie tatsächlich einen Verleger gefunden hat. Natürlich in Schwabing. Für eine Frau von Stand eine unerhörte Sache, vor allem, weil sie ihn auch unter ihrem tatsächlichen Namen veröffentlichen will, was sofort die Alarmglocken von Wilhelms Eltern in Berlin schrillen lässt.

Die Preußen mischen sich ein

Doch all das bereitet Grysinski vielleicht nicht solche Probleme wie die neuerliche Einmischung und Forderung der Preußen, die erneut seine Loyalität erzwingen. Da Wilhelm auch Reserveoffizier der preußischen Armee ist, kann er auch ganz einfach berufen werden, um was es sich auch immer handeln mag. Also quartiert sich der preußische Spion Carl-Philipp von Straven erneut bei den Grysinskis in der Liebigstraße im Stadtteil Lahel als angeblicher Schulfreund ein. Das führte bereits im ersten Band zu einigen burlesken Spannungen. Im vorliegenden Fall soll Grysinski eine Gruppe von Anarchisten bespitzeln, die angeblich ein Attentat auf den Kaiser planen. Und so infiltriert Wilhelm eine kleine Schwabinger Gruppe, sicher, dass diese exzentrischen jungen Leute zu keinem Attentat fähig sind. Tatsächlich aber kommt ihm das bei seinem Mordfall allerdings gar nicht so ungelegen, denn auch die Anarchisten gehören zur Künstlerkolonie, die ja ohnehin observiert werden muss.

Ein weiterer Skandal

Im Grunde gibt es hier drei eigentliche Fälle. Der Mehrfachmord, eine angebliche Verschwörung, und zu guter Letzt einen Fälschungsskandal um den Münchner Malerfürsten Franz von Lenbach.

Ein Angestellter Lenbachs, der für dessen Garten und den Maschinenpark zur Beleuchtung des Hauses zuständig gewesen war, hatte unhöflicherweise Skizzen, Photographien und halb fertige Bilder aus Lenbachs Depot geklaut. Diese waren, von einem zwielichtigen Kunstmaler etwas aufgehübscht, als originale Lenbachs verkauft und von angesehenen Händlern weitergehandelt worden.

Uta Seeburg: Das wahre Motiv

Für die damalige Zeit eine pikante Sache, die auch auf den Prinzregenten Luitpold abfärbte, der ein großer Förderer Lenbachs war.

Die Schilderung der Zeit

Uta Seeburg fügt diese drei Ereignisse am Ende zusammen, wobei angemerkt werden muss, dass sie das dichte und ausladende Erzählen gegen Ende hin immer mehr aufgibt und es so aussieht, als wirke ein deus ex machina gehörig mit. Zum Beispiel wird die elterliche Forderung nur noch in einem Satz von Grysinski selbst aufgelöst und tatsächlich kein Übeltäter verhaftet, weil sich die Verhängnisse auf andere Art lösen. Auch über den Kollegen Georg Polte wird kein Wort mehr verschwendet, der doch immerhin als Leiter der Brigade für Betrugsfälle den Fälschungsskandal untersuchte.

Doch wie gesagt liegt der Schwerpunkt hier auf den vollmundigen Schilderungen der Zeit und der Figuren mehr als auf einem ausgeklügelten Kriminalfall. Sein wilder Kutscher Gustav Apfelböck, der Barbier Carigi, Frau Brunner, die beiden Wachtmeister Eberle und Voglmaier, die neben historischen Figuren wie Frank Wedekind, Franz von Lenbach, oder dem Prinzregenten selbst ins Rennen geschickt werden, fügen sich anhand der satten Sprache, die Seeburg nutzt, zu einem sehr unterhaltsamen Abenteuer.

Am Ende bleibt der Wunsch nach dem nächsten Teil, denn das Leben im Hause Grysinski wird sich nach all den Ereignissen doch etwas verändert haben, gehören sie jetzt doch durchs Sophies anvisierte Schriftstellerkarriere zur Münchner … Bohème.

Erschienen bei Harper-Collins.

Conan

Conan (Der Verteidiger der Literatur)

Conan hat stets im Unterbewusstsein der Popkultur gelauert, er ist von dort nicht mehr wegzudenken. Manch einer wird – zum Leidwesen vieler Conan-Fans – unweigerlich das Bild von Arnold Schwarzenegger vor Augen haben. Manche mögen Arnold in dieser Rolle sogar, aber das zeigt im Grunde nur, dass Conan eine der unterschätzten Figuren der amerikanischen Literatur ist (dicht gefolgt von Lederstrumpf). Schwarzeneggers Conan-Darstellung mag spaßig sein, aber es fehlt ihr eindeutig an jener Tiefe, die Howards literarische Figur tatsächlich hat.

Und damit begrüße ich euch zu einer weiteren Ausgabe unserer Rubrik “Helden, Versager, und andere Ikonen”.

Wenn es um die Darstellung unreflektierter trivialer Kunst geht, braucht man sich nur die Meinung der Allgemeinheit über Conan anzusehen. Fragen wir jemanden auf der Straße nach Conan, wird er wohl oder übel Geschichten über Lust und Gewalt im Sinn haben. Conan wird einige halbnackte Mädchen aus den Klauen tollwütiger Bestien befreien, die dann ohnmächtig zu seinen Füßen liegen. Tatsächlich gibt es nicht wenige Persiflagen, die genau auf dieser einfachen Formel beruhen. Das Problem mit solchen Darstellungen ist, dass sie nicht richtig sind. Gibt es denn solche Geschichten im Conan-Werk etwa nicht? Doch, aber es gibt dort auch Geschichten von erstaunlicher visionärer Kraft.

Wie bei den meisten Autoren spiegeln Robert E. Howards Schriften seine eigenen Gedanken, Erfahrungen, und nicht zuletzt seine Bildung. Das Schreiben spiegelt den ästhetischen Geschmack des Autors oder sein Verständnis von dem, was ein von ihm bedientes Publikum lesen möchte. Das Bedürfnis, etwas wieder und wieder lesen zu wollen, entsteht durch die Befriedigung unterbewusster Triebe, wenn diese mit etwas angereichert werden, das den Leser zum Nachdenken anregt. Und Howard ist da keine Ausnahme. Tatsächlich wird man in der (chronologisch) ersten Conan-Geschichte “Im Zeichen des Phönix” (1932) eine Anspielung über den Wert der Literatur und ihre Rolle in der Gesellschaft finden können.

Howards hyperboreisches Zeitalter ist eine mystische Welt voller Magie und Wunder, aber es ist auch mit unserer realen Welt verknüpft. Howard kombiniert mehrere Epochen miteinander, so dass Gesellschaften, die in der “realen Historie” durch Jahrhunderte getrennt sind, koexistieren. Conans Volk, die Cimmerier, basieren auf realen historischen Völkern. Die beiden Historiker Herodot und Plutarch erwähnten sie in ihrem Werk (bei Plutarch heißen sie Kimbern; sie bilden zusammen mit den Teutonen einen Ur-Germanenstamm). In der Geschichte “Im Zeichen des Phönix” scheint Howard von seinem Publikum zumindest ein wenig Kenntnis für die historischen Kimbern vorauszusetzen.

Was war nun also die Natur der Kimbern? Laut Plutarch waren sie ein Volk von Plünderern und Räuber, aber keine Herrscher.

Ein Volk von Plünderern

Der Einfall der Kimbern in Ionia, der noch vor dem des Krösus stattfand, war nicht dazu gedacht, die Städte zu erobern, sondern um zu plündern. — Herodotus, Historien I,6

Wie sahen sie aus? Sehen wir bei Plutarch nach:

Ihre immense Größe, ihre schwarzen Augen, und ihr Name, Kimbern, welche die Germanen für Briganten verwenden, lässt uns vermuten, dass sie einer jener Germanenstämme sind, die am Ufer des westlichen Ozeans gelebt haben. Es gibt Aussagen darüber, dass sich die große Fläche der Kelten vom äußeren Meer der westlichen Regionen bis hin zum Asowschen Meer (Palus Maeotis) an die Grenze der asiatischen Skythen erstreckt; dass sich diese beiden Nationen zusammentaten und ihr Land verließen… und obwohl jedes dieser Völker seinen eigenen Namen hatte, wurden ihre Armeen Kelto-Skythen genannt. Nach wieder anderen Aussagen, wurden die Kimbern, die ersten, die den alten Griechen bekannt waren, von den Skythen von ihrem Land vertrieben und ergriffen die Flucht. — Plutarch, Leben des Marius, XI

Was für ein Temperament hatten sie? Laut Homer:

Allda liegt das Land und die Stadt der kimmerischen Männer.
Diese tappen beständig in Nacht und Nebel; und niemals
Schauet strahlend auf sie der Gott der leuchtenden Sonne;
Weder wenn er die Bahn des sternichten Himmels hinansteigt,
Noch wenn er wieder hinab vom Himmel zur Erde sich wendet:
Sondern schreckliche Nacht umhüllt die elenden Menschen. — Homer, Odyssee, XI,14

Es ist Homers Beschreibung, die Howard im Phönix verwendet, um die Stimmung der Menschen zu beschreiben, und um Conan von seiner Sippe zu trennen. Wenn Conan gefragt wird, warum die Cimmerier solche brütenden Menschen sind, antwortet er:

“Das liegt vielleicht an dem Land, in dem sie zu Hause sind”, meinte der König. “Ein düstereres Land gibt es nicht. In seinen rauen, teils schroffen, teils dunkel bewaldeten Bergen unter einem fast immer grauen Himmel pfeift täglich der Wind klagend durch die öden Täler.” — Das Zeichen des Phönix (in der Übersetzung von Lore Strassl bei Festa)

Der durchschnittliche Cimmerier ist ein mürrischer, hochaufgeschossener Barbar, der Zivilisationen zerstört, und dann wieder in seine düstere Heimat zurückkehrt, um den Prozess von vorne zu beginnen. Howards Cimmerier ist dem der klassischen Gelehrten ähnlich, er präsentiert hier eine Figur, die wenig dazu geeignet ist, die literarischen Künste zu fördern. Aber das eben unterscheidet Conan von seinen Verwandten. In “Im Zeichen des Phönix” ist Conan ein älterer Mann, der gegen die größten Nationen des hyperboreanischen Zeitalters gekämpft hat, um sie von der Tyrannei zu befreien. Er eroberte, um zu regieren, und um ein unterdrücktes Volk zu befreien. Weit entfernt also von einem typischen Barbaren. Während Howard Conan also von seiner Sippe separiert, erhöht er damit gleichzeitig die Sympathie des Publikums für den Barbarenkönig. Durch diese Trennung bringt er allerdings seine literarische Theorie auf Kurs.

“Im Zeichen des Phönix” ist die Geschichte von einem Komplott, um König Conan zu ermorden, ein Komplott, das von einer machiavellischen Figur namens Ascalante organisiert wird, der den Thron zu übernehmen wünscht. Ascalante ist ein Produkt der Zivilisation, aber er ist auch der Antagonist der Geschichte, also nutzt Howard seine Meinung über die Künste, um ihn von der Sympathie der Leser zu distanzieren. Als Ascalante einen Dichter beschreibt, der in seine Machenschaften verwickelt ist, tut er das mit abwertenden Begriffen. Diese Begriffe entwickeln sich im Laufe der verschiedenen Fassungen der Geschichte. Ascalante drückt seine Verachtung für Rinaldo (den Dichter) in einer Beschreibung so aus:

“Rinaldo – ein irrer Dichter voller beschränkter Visionen und altmodischer Ritterlichkeit. Er ist der , weil er mit seinen Liedern die Herzen der Menschen anrührt. Seine Beliebtheit können wir für uns nutzen.” —Ascalante in Im Zeichen des Phönix, Erste eingereichte Fassung (in der Übersetzung von Jürgen Langowski bei Festa)

Als die Erzählung veröffentlicht wurde, wurde auch diese Beschreibung gestrafft: “Rinaldo, dieser schwachsinnige Minnesänger.”

In der veröffentlichen Fassung schmälert Howard Rinaldos Teilnahme am Handlungskonstrukt, weil sie in Anbetracht der späteren Ereignisse überflüssig wird. Wenn Ascalante gefragt wird, welchen Wert Rinaldo als Verschwörer hat, ist seine Antwort zwar die gleiche, aber sein Hass auf Rinaldo wird in der unveröffentlichten Fassung deutlicher.

“Rinaldo hat als Einziger keine keine persönlichen Ambitionen. Er sieht in Conan den rauen Barbaren mit den blutigen Händen, der aus dem Norden gekommen ist, um ein zivilisiertes Land auszuplündern. Er idealisiert den König, den Conan der Krone wegen tötete. Er erinnert sich nur, dass er dann und wann die Künste förderte, und hat alle Ungerechtigkeit und Misswirtschaft seiner Herrschaft vergessen – und er sorgt dafür, dass auch das Volk es vergisst. Schon singt man offen das Klagelied für Numedides, in dem Rinaldo diesen Gauner in alle Himmel hebt, und Conan, ‘den Wilden mit dem schwarzen Herzen aus der finsteren Hölle’, verdammt. Conan lacht, aber das Volk murrt.” — Ascalante in Im Zeichen des Phönix, veröffentlichte Version.

“Rinaldo – pah! Ich verachte den Mann und bewundere ihn zugleich. Er ist ein echter Idealist. Als Einziger von uns allen hat er keinen persönlichen Ehrgeiz. Er betrachtet Conan als ungehobelten brutalen Barbaren, der aus dem Norden kam, um ein friedliches Land auszuplündern. Er fürchtet, auf diese Weise könne die Barbarei m Ende über die Kultur triumphieren. Er idealisiert jetzt schon den König, den Conan getötet hat. Er vergisst die wahre Natur dieses Schurken und weiß nur noch, dass der Mann gelegentlich die Künste gefördert hat. Die Untaten, unter denen das Land in seiner Herrschaftszeit gestöhnt hat, hat er selbst vergessen und macht er die Menschen vergessen. Sie singen jetzt schon in aller Öffentlichkeit das ‘Trauerlied für den König ‘, in dem Rinaldo den heiligen Schuft lobpreist und Conan als ‘den Wilden mit dem rabenschwarzen Herzen’ beschimpft. Conan lacht darüber, aber zugleich wundert er sich, warum sich die Menschen gegen ihn wenden.” — Ascalante in der unveröffentlichten Version

In beiden Versionen wird der Dichter als blinder Idealist beschrieben. Rinaldo, so scheint es, kann nicht über die Klischees um das Cimmerische Volk des Plutarch und Herodot hinaussehen. Für Howard ist es nicht erforderlich, dass seine Leser diese Vorurteile teilen, aber wer davon Herodot und Plutarch kennt, für den werden die Passagen erhellend sein. Selbst die bearbeitete Fassung, ob nun freiwillig oder auf Wunsch des Verlegers, vertraut noch auf das Publikum, aufgrund einer historischen Bildung zum richtigen Schluss zu kommen. Vergebens!

Das Interessante an Rinaldo ist, dass er zwar ein Verschwörer, aber kein Bösewicht ist, sondern ein Antagonist. Er ist ein blinder, törichter Idealist, der nicht aus Eigennutz handelt. Ascalante beschreibt Rinaldos Motivation so:

“Schon immer hassen Poeten jene, die an der Macht sind. Für sie liegt die Vollkommenheit stets hinter der letzten Ecke – oder der nächsten. Sie entfliehen der Wirklichkeit in ihren Träumen von der Vergangenheit oder der Zukunft. Rinaldo brennt vor Idealismus. Er glaubt, einen Tyrannen stürzen und das Volk befreien zu müssen.”

Der Verteidiger der Literatur

Ascalante spezifiziert hier, welcher Art idealistische Dichter sind. Sie träumen von einer idealen Gesellschaft, unabhängig davon, wie gut die Gesellschaft, in der sie tatsächlich leben, beschaffen ist. Aber das ist eben des zivilisierten Ascalantes Vorstellung über den Wert der Dichter. Für ihn ist der Dichter eine leicht zu manipulierende Puppe. Was ist nun mit dem Barbaren, der König geworden ist, und der häufig für eine Alter Ego Howards gehalten wird?

Conan liebt den Dichter und versteht die Kritik. Er ist sich darüber bewusst, dass viele der Lieder des Dichters dafür verantwortlich sind, dass die Menschen ihn hassen, aber er ist auch vom Bedürfnis nach Gerechtigkeit durchdrungen. Als sein Berater, Prospero, seine Verachtung für Rinaldo äußert, verteidigt Conan den Dichter (und die Poesie im Allgemeinen). Die Passage ist sowohl in der veröffentlichten und unveröffentlichten Version nahezu identisch:

“Dafür ist zum größten Teil Rinaldo verantwortlich”, antwortete Prospero und schnallte den Waffengürtel enger. “Er singt Hetzlieder, die die Menschen aufwiegeln. Lass ihn doch in seinem Narrenkostüm am höchsten Turm aufhängen. Dann kann er Reime für die Geier schmieden.”
Conan schüttelte die Löwenmähne. “Nein, Prospero, das hätte keinen Sinn. Ein großer Poet ist mächtiger als ein König. Seine Lieder vermögen mehr als mein Zepter. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich spürte es tief im Herzen, als er sich herabließ, für mich zu singen. Ich werde sterben und man wird mich vergessen, aber Rinaldos Lieder werden weiterleben.”

Für Conan, den untypischen Cimmerier, haben Gedichte und Kunst mehr Macht als Waffen oder königliche Autorität. Nicht nur das, aber es ist richtig und wichtig, dass dem so ist. Hier sehen wir Conan, den Barbar als Verteidiger der Literatur, während der zivilisierte Ascalante Literatur nur als ein Werkzeug benutzt, um die Törichten zu manipulieren. Conan würde mit dem Dichter über Idealismus, Vergangenheit und Zukunft diskutieren, während Ascalante Rinaldo dazu benutzen würde, zu bekämpfen, was er ablehnt. Conans Konflikt zwischen dem Wunsch nach einer “freien Presse” und schneller Gerechtigkeit und dem sich vielleicht daraus entwickelnden Kampf – weil er eben die Presse bevorzugt – findet im Prolog des letzten Kapitels der Erzählung Ausdruck:

Ich weiß nichts von eurem kultivierten Leben,
von Lug und Trug und falschem Schein.
Ich kam zur Welt in einem wilden Land,
wo es galt, rasch und stark zu sein.
Es gibt keine Arglist, kein Intrigenspiel,
das nicht letztlich das Schwert gewann,
So greift an, ihr Gewürm – auch im Mantel des
Königs empfängt euch ein Mann! — Die Straße der Könige in “Im Zeichen des Phönix“

Überraschenderweise ist Conans Liebe zur Literatur und Kunst so stark verwurzelt, dass er sich zunächst weigert, Rinaldo zu töten, selbst als dieser ihn angreift. Er glaubt noch immer, dass er mit dem Dichter auf eine Linie kommen kann. Erst als dieser ihm keine Wahl mehr lässt, tötet er ihn. (Die Texte der unterschiedlichen Fassungen sind wieder identisch). Interessant daran ist, dass keiner der insgesamt zwanzig Verschwörer Conan so verletzten kann wie der Dichter.

Was sagt uns das über Howards Auffassung über Kunst? Wir wissen, dass Conan die Kunst liebt, aber wir wissen auch, wie sehr sie zur Manipulation der Menschen benutzt wird und wie Conans Liebe zu ihr ihm fast das Leben gekostet hätte. Versucht Howard hier mit uns über die Kritik Platons an der Dichtung zu diskutieren? (Platon hat in seiner Politeia der Dichtung keinen Platz in einem idealen Staat eingeräumt). Will er Platons Kritik gegen jene des Aristoteles stellen? (Aristoteles verteidigt die Dichtung in seiner Rhetorik). Eine schwierige Frage, die nicht zufällig gestellt wird. Auffallend ist jedoch der Zufall, dass ausgerechnet die erste Conan-Erzählung eine literarische Theorie entwirft.

Es sei noch darauf hingewiesen, dass diese Erzählung zunächst als Kull-Geschichte gedacht war. Die Kull-Geschichte wurde vom Weird Tales Magazine endgültig abgelehnt, um dann zum ersten Auftritt eines kulturellen Phänomens zu werden.

Castrum Montsegur

Dieser Artikel ist Teil 23 von 54 der Reihe Gespenstersuite

In dieser Nacht wird sie das Leben verlassen, es wird ihnen aus den Höhlen gerissen, die unter ihren Gärten lagen.

Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfügung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüssig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Körper mit dem nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten Resten des Pechs ein. Auch deshalb ging das Gerücht durch die Jahrhunderte, die Mohren hätten den Heiligen Gral entführt. Wahr ist hingegen, dass er an diesem denkwürdigen Tag, dem 16. März 1244, das Castrum Montsegur verließ und nie mehr gefunden werden konnte. Sechs von pechschwarzer Gestalt wagten sich hinaus in die Mördergrube aus Piken, Schwertern, Rammböcken, den Katapulten der königlichen Armee, entkamen ungesehen, weil die Nacht sie als die ihren erkannte, ihnen anbot, von nun an Schatten zu sein, aber Schatten bleiben zu müssen. Tief ins Blut taucht ein Zahn, betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur. Aus dem Burggraben kriecht ein schwarzes Reptil, nimmt die legendäre Schale für immer in seinen Magen, während die Katharer auf dem Feld des Vorgebirges brennen. Und die Sonne verdunkelt sich und auch die Nebel werden schwarz. Die Register der Orgelpfeifen werden später erfunden und später verstummen. Das Blut hat die Möglichkeit genutzt, sich mit dem edelsten der Metalle zu verbinden und ein neues Element sickert durchs Geröll, der Reptilienhain verschwindet geschützt vom Aschefall. Nur wenige Gewänder blähen sich auf und stoßen gegen den Wind. Kein Körper ziert die Nahten, die im Hitzewall zerschmelzen. Die Vortex-Reise hat begonnen.

Halloween

Halloween – Ursprünge und Überlieferungen

Hallowe’en, auch bekannt als All Hallows’ Eve, ist ein Feiertag, der sich an jedem 31. Oktober fast vollständig in die amerikanische – und damit in die globale – Kultur eingegraben hat.

Ich begrüße euch zu unserem Halloween-Spezial. Ich hoffe, ihr habt alle eure Kürbisse parat. Wir tauchen heute etwas in die Ursprünge dieses beliebten und sehr alten, aber auch sehr widersprüchlichen Festes ein. (Wenn ihr euch für die an Halloween gern erzählte Legende vom kopflosen Reiter interessiert, findet ihr hier eine Analyse).

Das Halloween Amerikas

Während Halloween heute auf unterschiedliche Weise gefeiert wird, hat die Tradition, dass Kinder von Tür zu Tür gehen und ihre Nachbarn um Süßigkeiten bitten, ihren Ursprung im frühen 20. Jahrhundert. Und das alles ist einer Frau zu verdanken, die ihren Garten liebte.

Am 1. November 1912 wachte Elizabeth Krebs auf und musste feststellen, dass ihre Blumenbeete und Anpflanzungen von den Kindern der Umgebung zerstört worden waren. Die Kinder, die den Guy Fawkes Day feierten, waren durch die Stadt gezogen und hatten die Häuser und das Eigentum der Leute verwüstet. Elizabeth, die sich von diesem Vorfall nicht beirren ließ, entwickelte einen Plan für das nächste Jahr, der vorsah, die Kinder während der Halloween-Nacht zu beschäftigen, damit sie nicht durch die Stadt zogen, um das Eigentum der Leute zu zerstören und ihren preisgekrönten Garten zu verwüsten. Doch auch im nächsten Jahr wurde ihr Garten in der Halloween-Nacht zerstört. Die wilden Störenfriede setzten sogar einen Postboten in Brand.

Doch Krebs ließ sich nicht entmutigen und beschloss, dass mehr getan werden musste, um die randalierenden Kinder zu beschäftigen. Im Jahr 1914 wurde eine Parade veranstaltet, an der die Kinder mit Spielen und anderen lustigen Aktivitäten teilnehmen konnten. Angriffe auf hilflose Gärten oder Häuser der Stadtbewohner gingen dank Krebs’ Bemühungen bei den örtlichen Behörden und der Stadtverwaltung drastisch zurück. Außerdem gefiel die Veranstaltung den Menschen so gut, dass die Tradition im folgenden Jahr fortgesetzt wurde und Kostümfeste in Kansas zur Tradition wurden. Außerdem entwickelte sich der Feiertag mit dem Zustrom von Einwanderern, insbesondere der Iren. Sogar der Name Halloween hat sich im Laufe der Zeit geändert.

Woher stammt der Name “Halloween”?

Der Name des Feiertags “Halloween” hat seine Wurzeln im Christentum, beginnend mit dem schottischen Begriff Hallow e’en, was übersetzt Heiliger Abend bedeutet.

Altsächsisch nannte man diesen speziellen Tag “Helagon”, Mittelniederländisch “Heligen” und Altnordisch “Helga”.

Daraus entstand die altenglische Form: “Halgia”, was “Hallow” bedeutet, das wiederum mit “zu heiligen” (dem Verb) zu übersetzen ist – als auch “heilig” (dem Substantiv).

Daraus ergibt sich der Name “All Hallows’ Day” (was wir als Allerheiligen kennen), dem Fest am 1. November zum Gedenken an die christlichen Heiligen, und natürlich “All Hallows’ Evening” am 31. Oktober. Eine der frühesten Formen des Wortes findet sich laut dem Merriam Webster-Lexikon in Shakespears Stück “Maß für Maß” als “Allhallond-Eue”.

Natürlich wurde der Ausdruck Hallow Evening (also der Heilige Abend) in All Hallows’ Even umgewandelt und dann weiter zu Hallow-e’en verkürzt, wobei das Even zu e-en wurde und das All aus dem Begriff verschwand. Heute nennen wir es Halloween, aber in seiner modernen Form tauchte es erst im 16. Jahrhundert auf, als es erstmals in einem Gedicht von Robert Burn mit dem Titel “Halloween” erschien.

Jetzt, wo wir wissen, wie sich der Name Halloween entwickelt hat, stellt sich die Frage, wo alles begann? Dazu müssen wir weit zurückgehen, noch bevor das Christentum in Europa Fuß fasste. Zu einem alten Fest, das von den Heiden gefeiert wurde.

Die Wurzeln von Halloween

Die Wurzeln dessen, was wir heute als Halloween bezeichnen, gehen auf das alte keltische Fest Samhain (ausgesprochen “sow-in”) zurück, was “Sommerende” bedeutet. Die Kelten glaubten, dass der “Schleier” zwischen der Welt der Lebenden und der Toten in der letzten Nacht des Oktobers dünn ist. Für die Kelten begann in dieser Nacht das neue Jahr, und damit eine Zeit, in der die spirituelle Kraft zunahm. Gleichzeitig markierte diese Nacht das Ende der Viehzucht und den Beginn des Winters.

Ein Großteil der Quellen, die uns zu Samhain vorliegen, geht auf Aufzeichnungen aus dem Römischen Reich und der christlichen Kirche zurück. Die von den Römern als Besatzer gesammelten Informationen, die von Historikern wie Publius Cornelius Tacitus verfasst wurden, schufen eine für ihre politischen Zwecke verzerrte Darstellung. Die Kelten und ihre Druiden wurden als die “Anderen” oder “Minderwertigen” dargestellt, deren Traditionen als barbarisch und animalisch angesehen wurden.

Um eine Vorstellung von dieser verzerrten Sichtweise auf die alten Kelten zu geben, hier ein solcher Bericht, den Tactitus aufgezeichnet hat und der wahrscheinlich aus Militärberichten stammt:

“Am Strand stand das gegnerische Aufgebot, ein dichtes Gewirr von Waffen und Männern, mit Frauen, die zwischen den Reihen umherhuschten. Im Stil der Furien, in totenschwarzen Gewändern und mit zerzaustem Haar, schwenkten sie ihre Fackeln, während ein Kreis von Druiden, die ihre Hände zum Himmel erhoben und Verwünschungen ausstießen, die Truppen angesichts des außergewöhnlichen Schauspiels so sehr in Ehrfurcht versetzten, dass sie, als wären ihre Glieder gelähmt, ihre Körper den Wunden aussetzten, ohne den Versuch einer Bewegung. Dann stürmten sie, von ihrem Feldherrn ermutigt und sich gegenseitig anstachelnd, niemals vor einer Bande von Frauen und Fanatikern zurückzuschrecken, hinter die Standarten, schlugen alle nieder, die ihnen begegneten, und hüllten den Feind in seine eigenen Flammen ein.” (Tacitus Annalen, 14).

Churchills Zitat “Geschichte wird von den Siegern geschrieben” trifft hier zu, denn die Druiden haben ihre Praktiken und ihren Glauben nie aufgeschrieben, sondern ihre Traditionen nur mündlich an die nächste Generation weitergegeben. Wir wissen nur dank solcher Historiker und Mönche von diesem “Flüstern der Geschichte”. Alle Informationen, die sich auf Samhain und seine Bräuche beziehen, sind mit Vorsicht zu genießen und nicht als hundertprozentige Tatsachen zu betrachten.

Samhain – also “So-win” – war ein keltisches Fest, mit dem man das Ende des Sommers feierte und sich auf die dunklen, ungewissen Wintermonate vorbereitete. Einem Artikel der Brown University in Providence zufolge war der alte keltische Feiertag Samhain ein landwirtschaftliches Fest, bei dem die Lebensmittelvorräte überprüft wurden, damit sich die Bevölkerung auf die Wintermonate vorbereiten konnte. Abgesehen davon, dass es das Überleben sicherte, glaubte man auch, dass der “Schleier zwischen den Welten” dünn wurde, so dass die Geister mit den Lebenden in Kontakt treten konnten.

Auch diese alten Heiden haben ihre alten Praktiken nicht aufgeschrieben, so dass man nur vermuten kann, was sie wirklich am 31. Oktober und am 1. November taten, basierend auf Quellen der christlichen Mönche und dem, was im Mittelalter noch praktiziert wurde.

In spirituellen Angelegenheiten wurden Freudenfeuer entzündet, um die Götter zu besänftigen. Außerdem wurden Feuer oft als Mittel zur Abwehr böser Geister verwendet, oder sie dienten in Wirklichkeit der Abwehr von Krankheiten, wie der englische Historiker Ronald Edmund Hutton erklärt:

“Es wurde geglaubt, dass … böse Geister frei herumlaufen würden und das Feuer sie abwehren würde … [und] ein Feuer, das ganz aus Knochen gemacht ist, ist ein Knochenfeuer, daher kommt das Wort Lagerfeuer. Diese Feuer riechen fürchterlich und der stechende Rauch vertreibt die bösen Geister”.

Doch selbst die Theorie, dass die Kelten riesige Lagerfeuer anlegten, um ihre Götter zu besänftigen, stößt bei Historikern auf Skepsis. Bestimmte Regionen Irlands, insbesondere die schottischen Highlands, der größte Teil der Hebriden und andere Regionen, erwähnen keine Lagerfeuer in der irischen Folklore. Es ist also plausibel, dass Lagerfeuer zu Samhain gar nicht üblich waren.

Man kann nur vermuten, dass der Feiertag von einer starken Furcht geprägt sein musste. Angst vor der kommenden Kälte und davor, dass Freunde und Familienmitglieder im Winter und zu Beginn des Frühlings durch bösartige Feen oder Geister ums Leben kommen könnten. Zu dieser Angst trug auch die Bedrohung durch eine Invasion bei, so dass es sehr gut möglich ist, dass das Fest dazu diente, Stress abzubauen und ein letztes “Hurra” zu geben, bevor sich die Bevölkerung für die Wintermonate einkuscheln musste.

Eine falsche Vorstellung von Samhain, die heute in den Medien verbreitet wird, ist, dass es sich um einen Gott oder einen bösen Geist und nicht um ein Fest handelt. Dieses Konzept taucht in einer Reihe von Filmen auf, z. B. in “Halloween II”, wo Samhain ein “keltischer Herr der Toten” ist. Dieser Glaube geht auf Charles Vallencey zurück, einen britischen Militärvermesser, der nach Irland reiste, um deren Geschichte aufzuzeichnen.

Ein weiterer Irrglaube ist, dass die keltischen Heiden ihren Göttern Menschenopfer darbrachten, um eine gute Ernte zu erzielen. In dem Text “The Dindshenchas – Dinnsheanchas” (Die Erzählung der Orte) wird behauptet, dass sie dem Gott Cromm Cruaìch  an einem Ort namens Magh Slecht (die Ebene der Niederwerfung) in der Grafschaft Cavan, Irland, Opfer darbrachten. Angeblich beendete St. Patrick die Praxis der Menschenopfer, indem er das Cromm-Götzenbild zerstörte, denn “die Christen betrachteten Götzenbilder als wertlos” und als Bedrohung für die christliche Ideologie. Zugegeben, es gibt Hinweise darauf, dass Cromm ein Fruchtbarkeitsgott war, dem die Heiden ihre Erstgeborenen opferten, aber auch hier wurde die Praxis von den gegnerischen Glaubensrichtungen als “andersartig” dargestellt und sollte nicht als Tatsache betrachtet werden.

Letztlich war Samhain die Zeit, in der die Schafe von der Weide in ihr Winterquartier gebracht wurden, wo sie mit ihren Hütern Schutz suchten, um die Kälte zu überstehen. Außerdem wurde behauptet, dass es eine Zeit war, in der man versuchte, böse Geister zu verscheuchen, indem man sich als Geist verkleidete, den Toten Trost spendete oder sie um Rat für das kommende Jahr bat.

Anhand dieser alten heidnischen Bräuche können wir erkennen, wie sich Halloween zu seinem modernen Fest entwickelt hat. Doch bevor unser heutiges Halloween entstand, musste sich Samhain aufgrund der Ankunft des Christentums ändern und wurde schließlich zum Allerheiligenfest.

Allerheiligen (Halloweens christliche Wurzeln)

Was hat es mit den christlichen Wurzeln von Halloween auf sich und was ist Allerheiligen überhaupt?

Laut Ephraem Syrus gab es am 13. Mai ein Fest, das jedoch den Märtyrern und der Jungfrau Maria gewidmet war und nicht alle Heiligen einschloss. Erst Papst Gregor III. veranlasste, dass der Feiertag auf den 1. November verlegt wurde, um sowohl Märtyrer als auch Heilige zu ehren. Aber was hat die neue Tradition möglicherweise von der alten, keltischen Tradition übernommen? Man kann nur vermuten, dass sich die Art und Weise, der Toten zu gedenken oder sie zu ehren, in das Backen von Seelenkuchen verwandelte, um für die im Fegefeuer Gefangenen zu beten.

Das sogenannte “seelen” war eine Tradition aus dem Mittelalter, bei der die Menschen zu den örtlichen Bauernhöfen und Dörfern reisten und ein “Seelen-Lied” sangen, um etwas zu essen zu bekommen, in der Regel Äpfel, Bier oder Seelenkuchen. Diese Tradition fand an Allerheiligen, Allerseelen und Weihnachten statt.

Man kann leicht zu dem Schluss kommen, dass aus dem “seelen” in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern das “Trick-O-Treating” entstanden ist.

Kürbislaternen

Neben den Seelenkuchen und dem Gesang trugen die Menschen auch andere Gegenstände mit sich herum, die die Seelen der im Fegefeuer gefangenen Angehörigen darstellten, z. B. ausgehöhlte Rüben oder Mangoldwurzeln. Diese Laternen gehen auf eine alte irische Legende zurück, in der es um den geizigen Jack geht, der den Teufel betrunken immer wieder austrickst und am Ende eine Abmachung trifft, die ihn davor bewahrt, in den Himmel oder die Hölle zu kommen. Er trägt eine Laterne bei sich, um im Dunkeln sehen zu können, und ist dazu verdammt, für immer durch die Lande zu ziehen, daher der Begriff “Jack mit der Laterne” oder einfach Jack-O-Lantern.

Man nimmt an, dass der Mythos auf den Volksglauben an Irrlichter zurückgeht, die in Torfmooren häufig vorkommen. Natürlich handelt es sich bei den Irrlichtern in Wirklichkeit um Gase, die durch die Oxidation von Phosphor und anderen organischen Dämpfen bei der Verwesung freigesetzt werden, was als Chemilumineszenz bekannt ist. Mit der Einwanderung der Iren in die USA hat der amerikanische Kürbis den Platz der Rübe als Laterne eingenommen, denn Kürbisse lassen sich viel leichter schnitzen als die wachsartigen, schweren Rüben.

Mummenschanz, Verkleidungen und Monster

Mummenschanz ist ein volkstümliches Spiel, das von männlichen Schauspielern in Kostümen im Austausch gegen Leckereien aufgeführt wird, und es ist nicht schwer zu verstehen, wie es zu Halloween passt. Der Brauch des Mummenschanz oder Verkleidens wurde erstmals 1911 in Ontario, Kanada, begründet. Trick-or-Treating war hauptsächlich eine kanadische und amerikanische Angelegenheit. In den späten 40er und 50er Jahren wurde es durch die Radiosendungen “The Baby Snooks Show” und später “The Peanuts Comic Strip” immer beliebter. Die beliebten Verkleidungen von Vampiren, Hexen, Werwölfen, Gespenstern und Frankensteins Monster lassen sich natürlich auf die viktorianische Schauerliteratur und frühere Romane wie Walpoles “Das Schloss von Otranto” , Stokers “Dracula”  oder Irvings “Die Legende von Sleepy Hollow”  zurückführen und wurden in der Filmindustrie weiter popularisiert.

Andere Traditionen und Überlieferungen zu Halloween

Die Farben von Halloween sind Orange, das für Verfall und Ernte steht, und Schwarz, das den Tod, das Böse und die Dunkelheit symbolisiert. Heute werden auch Lila und Grün mit dem Feiertag in Verbindung gebracht, wobei die beiden Farben die düstere Farbpalette für Marketingstrategien auf ein freundliches Erscheinungsbild abmildern. Man könnte sagen, dass die Farben Grün und Violett dazu beitragen, die Aufmerksamkeit der Kunden beim Einkaufen im Supermarkt zu wecken. Interessanterweise ist in den letzten Jahren eine neue Halloween-Tradition entstanden, bei der die Tür lila gestrichen wird, als Hinweis auf eine Hexe, die im Haus wohnt.

Nicht zu vergessen ist die Tradition des Apfelschnappens, die schon von den alten Römern praktiziert wurde. Als sie in Britannien einfielen und ihre Apfelbäume mitbrachten, versuchten die alleinstehenden Männer und Frauen, die Früchte mit den Zähnen zu fangen, um als nächstes verheiratet zu werden.

Auch wenn Halloween und seine Ursprünge immer noch umstritten sind, sind wir uns doch alle einig, dass es eine schöne Zeit im Jahr ist. Mit den sinkenden Temperaturen, dem Laubfall in den nördlichen Staaten und der Suche nach neuen, sichereren Wegen, den gruseligen Feiertag zu begehen, können wir alle die Freude zu schätzen wissen, die uns dieser Tag in diesen unruhigen Zeiten bringt.

Stephen King Re-Read: Shining

Inspiriert von einem Alptraum, den Stephen King während eines kurzen Aufenthalts im Stanley Hotel in Colorado hatte, das am nächsten Tag seine Pforten für die Saison schließen sollte, ist The Shining sein erstes Buch, das er aus einer finanziellen Stabilität heraus auf den Weg brachte. Die Folgeauflagen von Carrie und Brennen muss Salem waren beschlossene Sache, die Taschenbücher verkauften sich gut, ein Vertrag mit Doubleday über weitere Bücher war unterschrieben, und er konnte es sich nun leisten, mit seiner Familie nach Boulder zu gehen. Stephen King war also bereit. Und was tat er? Er öffnete sich gänzlich und blutete förmlich über alle Seiten, die er schrieb.

Wenige Bücher zelebrieren derart die Innenschau wie Shining. Die Situation war folgende: Ein dem Alkohol zugetaner Lehrer, der eine Familie zu versorgen hat, schreibt sich also zunächst in eine finanzielle Sicherheit hinein, um dann über einen dem Alkohol zugetanen Lehrer zu schreiben, der eine Familie zu versorgen hat und daran scheitert, sein Talent sinnvoll einzusetzen und in der Folge seine Familie umbringen will.

„Ich verfasste Shining, ohne zu begreifen, dass ich über mich selbst schrieb.“

sagt King in seinem Sachbuch „Das Leben und das Schreiben.“ Er hatte schon vorher über seine Wut gesprochen, die er in den Jahren des Existenzkampfes empfand, und auch darüber, dass er oftmals einen regelrechten Zorn auf seine Kinder entwickelte. All das kommt in Jack Torrance zum Vorschein, einem nicht gerade liebevollen Vater, der seinem Sohn den Arm bricht als er wieder einmal betrunken ist (King gestand später, dass er zu dieser Zeit fast ausschließlich besoffen war). All die Jahre der Scham, der Angst, er könnte seine Familie nicht versorgen, des Gefühls, als hinge ein Mühlstein um seinen Hals. Das alles schüttelt King jetzt dank seines Erfolges ab. Als Folge wirft er seinen Erzähl-Motor an und taucht genau dort noch einmal ein. Er überträgt seine schlechteren Verhaltensweisen auf Jack Torrance, so wie man eine Kopfschmerztablette nimmt, wenn man verkatert ist.

Unterbewusst schrieb King seinen Jack Torrance als einen Akt des Exorzismus, stellte sich seinen Ängsten, die darin bestanden, die Kontrolle zu verlieren und das alles eines Tages an seinen Kindern auszulassen. All das floss nun zu Papier. Aber das geschah nicht bewusst. Es sind die stillen Passagen des Buches, die das verdeutlichen. King hat oft davon gesprochen, dass der Schreibprozess für ihn auf eine gewisse Weise dem automatischen Schreiben gleicht, von einem Gefühl, dass er das Gefäß sei und die Geschichte zu ihm käme und nicht von ihm. Die Voraussetzungen, unter denen er The Shining zu Papier brachte, waren also optimal dafür geeignet, um sein Unterbewusstsein offen legen zu können.

Da er nicht in dem Haus schreiben konnte, das seine Familie in Boulder bewohnte, mietete er sich ein Zimmer von einer Frau, die er niemals zu Gesicht bekam. Jede Woche ließ er dort einen Scheck unter einer Kaffeetasse in der Küche zurück. Hier schrieb er dieses Buch in einem Zeitraum von sechs Wochen. The Shining ist im Original ungefähr 200 000 Worte lang, was bedeutet, dass er ein tägliches Pensum von 5000 Wörtern absolvierte. Das ist eine Geschwindigkeit, bei der man nicht mehr weiß, was man zu Papier bringt. Dabei ist es egal, wie oft man das Skript später bearbeiten muss. Das Material, das auf diese Weise zum Vorschein kommt, hat Priorität. King schrieb über das, was er am besten kannte, über Alkoholismus, einen perversen Hang zur Selbstzerstörung, und – am allerwichtigsten – über die Angst, so zu werden wie sein Vater.

King wurde nicht nur von seinem Vater verlassen, als er zwei Jahre alt war, er war außerdem ein gescheiterter Schriftsteller. Und das hing während des Schreibens stets über King. In einem verworfenen Prolog zu The Shining, mit dem Titel „Before the Play“, wächst Jack Torrance heran und missbraucht seinen Sohn, weil er ebenfalls von seinem Vater missbraucht wurde. Eine Stimme flüstert ihm zu: „Was du siehst ist, was du sein wirst.“

Es ist das lastende Thema eines jeden Elternteils, seine Kinder besser erziehen zu wollen als man selbst erzogen wurde, und es scheint, als wäre dies das permanente Echo in Kings Kopf. Von Randal Flagg in „Das letzte Gefecht“ bis Bob Anderson in „Eine gute Ehe“ finden wir monströse Männer vor, die ihre Familien ruinieren oder ihre Kinder töten. Wir finden das also überall in Kings Büchern. Aber der eine, der alle in den Schatten stellt ist Jack Torrance.

Jack ist der geborene Alptraum eines jeden Schriftstellers. Gerade talentiert genug, um sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, gelang es ihm, einige Geschichten an große Verlagshäuser zu verkaufen. Aber er war noch nie fähig, sich an grundlegende Vereinbarungen zu halten. Er investiert sein Geld in Schnaps, wird Trocken, weil er im Suff fast ein Kind tot fährt. Eines Tages geht sein Temperament mit ihm durch. Er schlägt einen seiner Schüler, wird als Lehrer entlassen und von einem letzten verbleibenden Freund aus der Armut gerettet, der ihm einen Job als Hausmeister im Overlook Hotel in Colorado verschafft. Das ist die Horror-Version von Kings Leben, der sich zwar an seine Vereinbarungen und Versprechen stets gehalten hat, der allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht trocken war. Aber er führte seine Familie in den Reichtum und nicht etwa ins Verderben.

Als die Familie Torrance in Colorado ankommt, werden dem Leser sofort zwei Dinge bewusst. Erstens, dass es sehr schwer ist, Shining zu lesen, nachdem man Kubricks Filmadaption gesehen hat. Diese beiden Werke sind völlig unterschiedlich. Es ist schwer, nicht die Gesichter von Jack Nicholson, Shelley Duvall oder Danny Lloyd vor sich zu sehen, wenn man über diese Familie liest, oder sich das Overlook Hotel vorzustellen, ohne die endlos langen Korridore vor Augen zu haben, die Kubrick verwendete.

Das Problem daran ist, dass sich daraus falsche Erwartungen ergeben. Die Aussage des Buches ist eine radikal andere als im Film, die Höhepunkte unterscheiden sich in beiden Medien völlig. Da es nicht einfach ist, sich von dem einen Medium zu lösen, während man sich dem anderen hingibt, stellen sich hier echte Hindernisse ein. Aber es ist schließlich die Kraft, die in Kings Buch steckt, die sich gegen den Film behaupten kann. Kubrick hatte für seinen Film natürlich das richtige getan, als er wesentliche Elemente aus dem Buch eben nicht verfilmte. Die Effekte in jenen Tagen wären nicht dazu in der Lage gewesen, Kings Vision vernünftig umzusetzen.

King kritisierte Kubrick zurecht dafür, dass er jegliche übernatürlichen Elemente ausklammerte, die im Overlook Hotel am Werk sind. Er habe die Geister „psychologisiert“ und sie zu einer bloßen Vorstellung Jacks werden lassen. Kubrick beschrieb den Film als „Nur eine Geschichte über einen Mann und seine Familie, die gemeinsam verrückt werden.“ Für King aber ging es darum, aufzuzeigen, dass das Overlook von einer übernatürlichen Macht heimgesucht wird. Alles hier ist übernatürlich, nicht psychologisch. Und während Jack auf seinen Zusammenbruch zusteuert, ist es nicht sein Wahnsinn, der das Overlook zu einem bösen Ding macht, es ist umgekehrt: das Overlook treibt Jack in den Irrsinn. Und doch sind es in Kings Buch nicht so sehr die Erscheinungen, die Phantasmen oder wankenden Untoten, sondern ein psychologischer Spuk, bestehend aus bösartigen Gefühlen, psychischen Blitzschlägen, und unerklärlichen Momenten emotionaler Not.

Selbstverständlich ist da eine Frau im Bad in Zimmer 217, aber weitaus erschreckender ist der Betontunnel auf dem Spielplatz, in dem ein totes Kind umgeht, von dem man nur den Hauch einer winkenden Hand mitbekommt. Die Formschnitt-Tiere (aus den Hecken geschnitten) greifen Menschen an, aber mindestens genauso verstörend sind die Visionen vergangenen Blutvergießens. Und als Danny seine Begegnung mit einem Feuerpferd hat, dauert dies mehrere alptraumhafte Seiten lang an, und doch geschieht nicht mehr, als dass er von der Mauer fällt.

Als zweites wird beim Lesen von Shining sofort ersichtlich, dass es um Geldsorgen geht. Der Hausmeisterjob ist Jacks letzte Chance, und mehrfach weigert er sich, das Hotel zu verlassen, während der gesunde Menschenverstand längst sagt, dass es höchste Zeit ist, die Familie zu schnappen und aus dieser Hölle zu verschwinden. Warum? Weil Jack das Geld dringend nötig hat.

Zu Beginn des Buches hängt die Ehe von Jack und Wendy aufgrund der finanziellen Not an einem seidenen Faden. Das hat beide sehr verändert. Wären sie nicht so sehr gescheitert, hätten sie eine Wahl gehabt, aber die Ehe ist kaputt und so können sie sich nur dem Overlook Hotel zuwenden, in der Hoffnung, dass sie das retten wird. Eine Wahl zu haben, das ist etwas für reiche Leute, nicht für eine Familie wie die Torrances. Es ist diese Hoffnungslosigkeit, die King, der in extremer Armut aufwuchs, kenntnisreich schildert. Die Familie ist dabei zwei Gefahren ausgesetzt: einer übernatürlichen und einer ökonomischen. Die eine Angst unterfüttert dabei die andere.
King gelingt es hier, seinen literarischen Anspruch geltend zu machen, er hat etwas, was der meisten Genre-Literatur abgeht. Er zeichnet seine Figuren lebendig und gibt ihnen Zeit, sich zu entwickeln. Betrachtet man Kings Begriff „shining“ als eine Gefühlsübertragung, als ein Wissen, was der andere denkt, ohne Worte formulieren zu müssen, dann kann man das Buch ebenfalls als eine Art telepathisches Shining bezeichnen, das King auf jeden seiner Leser überträgt.

Aus vier Positionen heraus erzählt (die drei Torrances und Dick Halloran) ist das Buch eine ausführliche Reise in deren Köpfe, um dahinter zu kommen, wie sie sich – fern eines Dialoges – fühlen.

Danny und Jack kommt dabei die meiste Innenschau zu, während hingegen Wendy, bei der King davon ausging, dass sie dem Publikum ohnehin sympathisch erscheint, die wenigste Zeit zugedacht bekommt. Diese erzählerische Rotation auf die vier Figuren gelingt King ausgezeichnet. In den meisten Horror-Romanen kann man eine Szene, in der sich die Ehepartner in ihre getrennten Betten legen und einschlafen, lässig überfliegen, aber Kapitel 21: Nachtgedanken in Shining ist eines der packendsten des ganzen Buches. Während sich King zwischen Danny, Wendy und Jack bewegt, als diese nach einem langen Tag gerade in den Schlaf finden, erkennen wir die ersten Sprösslinge von Jacks drohendem Zusammenbruch. Wendy beschließt, mehr Rückgrat zu zeigen und etwas zu unternehmen, und Danny wird klar, dass es zu spät für sie ist, dem zu entkommen, das da im Overlook Hotel auf sie lauert.

In Jack Torrance wird Kings furchtbarste Angst lebendig: ein alkoholkranker mittelmäßiger Schriftsteller zu sein, der kurz davor steht, seine Familie zu zerstören. Allerdings wird der Unterschied zwischen King und Torrance spätestens in Kapitel 32 klar. Das ist der Punkt, an dem Jack endgültig die letzte Grenze zum Wahnsinn überschreitet. In diesem Kapitel liest er noch einmal das Manuskript, an dem er die ganze Saison gearbeitet hat und wird sich bewusst, dass er seine Figuren verachtet, er will sie leiden lassen. Sollte bis dahin noch irgend ein Leser daran gezweifelt haben, dass Jack verrückt wird, ist hier der Augenblick gekommen, an dem das völlig klar wird. Für King ist der Verlust der Sympathie gegenüber den eigenen Figuren ein Zeichen verdorbener Fantasie. Es ist Kings größtes Tabu, und eines, das er niemals brach. Ganz egal, wie übel die Figur ist, er findet stets einen Weg, sie zu mögen. Sogar Jack Torrance.

Diese Herangehensweise, selbst für den Teufel Verständnis aufzubringen, mag Kings Weg sein, sich selbst darüber klar zu werden, dass er kein Jack Torrance ist. Trotz all seiner selbstzerstörerischen Tendenzen, trotz all seiner Wut, die er hin und wieder auf seine Familie empfand, trotz all der Leiden, der Zweifel, hörte er niemals auf, seine Figuren zu lieben, selbst die ganz üblen. Und in Shining schrieb er über die schlimmste Figur, die er sich vorstellen konnte: sich selbst.

Steampunk – 8 Romane, die das Genre definieren

Die meisten Steampunks wissen wenig über die Ursprünge des Steampunk. Wir sind Teil eines seltsamen Phänomens, in dem sich viele aufwendig kostümierte Menschen “Fans” von Büchern nennen, die sie nicht einmal kennen. Das ist nicht allzu verwunderlich, da Steampunk als Genre erst später zu einer Kunst- und Lifestyle-Bewegung wurde. Die wenigen Geschichten des Genres sind zu lang, als dass die meisten Menschen sie verdauen könnten, aber ohne die Grundlagen zu kennen, schwelgen die Enthusiasten in einer flachen Pfütze aus Klischees, wo sie doch in einem Ozean der Fantasie schwimmen könnten. Als Kur schlage ich vor, acht der kreativsten Werke der spekulativen Fiktion des späten zwanzigsten Jahrhunderts zu lesen, die Romane, die den Steampunk definieren.

Die eigentlichen Steampunk-Romane

Es ist eine beliebte Vorstellung, dass H. G. Wells und Jules Verne die Väter des Steampunk seien. Tatsächlich ist das nicht ganz richtig. Trotz seines anachronistischen Rahmens ist der Steampunk ein sehr modernes Genre, das zeitgenössische Interessen und Anliegen zum Ausdruck bringt. Wells, Verne, Shelly und andere sind wichtige Inspirationsquellen für den Steampunk, aber sie sind selbst keine Steampunk-Autoren. Sie schrieben über ein vom neunzehnten Jahrhundert inspiriertes Setting, weil sie dort lebten. Für einen modernen Schriftsteller, der voller aktueller Ideen ist, ist es eine ganz andere Sache, ein solches Setting zu wählen. Es gibt vereinzelte Beispiele dafür, dass Schriftsteller im Laufe der Geschichte der Science Fiction die viktorianischen Schauplätze schätzten, aber der Steampunk als Begriff und Konzept hat seinen Ursprung in einem Brief, der im April 1987 in der Fachzeitschrift für Science Fiction – dem Locus Magazine – veröffentlicht wurde.

Lieber Locus,
anbei eine Kopie meines Romans „Die Nacht der Morlocks“ von 1979; ich würde mich freuen, wenn ihr so gut wärt, ihn an Faren Miller weiterzuleiten, da das Buch ein wichtiges Beweisstück in der großen Debatte darüber ist, wer im „Powers/Blaylock/Jeter Fantasy-Triumvirat“ zuerst auf “gonzo-historische Weise”* geschrieben hat. Obwohl ich eure Rezension in der Märzausgabe des Locus natürlich als ziemlich schmeichelhaft empfand. Ich persönlich denke, dass Viktorianische Fantasy das nächste große Ding sein wird, solange wir einen passenden Sammelbegriff für Powers, Blaylock und mich finden können. Etwas, das auf der entsprechenden Technologie der damaligen Zeit basiert; wie vielleicht “Steam-Punks”.

-K. W. Jeter (Quelle: Locus Magazine)

*gonzo meint hier das rein Subjektive, Emotionale und Übertriebene.

Jeters Brief sagt uns drei wichtige Dinge:

  1. K. W. Jeter erfand das Wort „Steam-Punks“, um Autoren von “gonzohistorischer” viktorianischer Fantasy zu beschreiben.
  2. Die anderen beiden Steam-Punks waren Tim Powers und James Blaylock.
  3. „Die Nacht der Morlocks“ war der erste der Romane im neu benannten Genre.

Die Nacht der Morlocks

Es gibt keine offensichtlichere Trennung zwischen Steampunk und den originalen viktorianischen Abenteuergeschichten als den Vergleich zwischen H. G. Wells „Die Zeitmaschine“ und Jeters „Die Nacht der Morlocks“. Wells’ Roman ist eine einfache Geschichte über ein Gerät, das es einem erlaubt, in einer streng linear ablaufenden Zeit zu reisen. Der Roman drückt die gemeinsame modernistische Idee aus, dass die Technologie alles bewerkstelligen kann, aber auch das Potential besitzt, die Menschheit zu zerstören. In Jeters Buch bemächtigen sich die Morlocks der Zeitmaschine und erobern damit das London des 19. Jahrhunderts. Die Geschichte nimmt das Setting des viktorianischen Zeitalters und vermischt es mit der Artuslegende und mit der Sage um verlorene Technologien aus Atlantis. Fast vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung ist es auch heute für den Geschmack einiger noch zu „experimentell“. Wer allerdings mit einem offenen Geist liest, findet hier eine Abenteuergeschichte mit sehr fantasievollen Wendungen. Hier stecken die Wurzeln des Steampunk, der einige Genres zerschlug und deren Mosaike für die Erschaffung interessanter Muster nutzte.

Tim Powers / Die Tore zu Anubis Reich

Dieser Roman gewann den Philip K. Dick Award. Er ist erstaunlich gut geschrieben. Die Hauptfigur ist ein englischer Professor, der in das Jahr 1810 zurückreist, um an der historischen Vorlesung eines englischen Dichters teilzunehmen. Als er seine Rückreise verpasst, muss er in einer Stadt überleben, die von einem massenmordenden ägyptischen Gott und einem bösen Zauberer-Clown heimgesucht wird. Die Handlung schlängelt sich durch die dunklen Londoner Abwasserkanäle. Überraschend ist, wie Powers einen sehr harten Science Fiction-Ansatz, in dem es um Zeitreisen geht, mit einigen sehr gruseligen Darstellungen schwarzer Magie kombiniert. Erwähnenswert ist, dass Jeter dieses Buch zwar zu seiner viktorianischen Fantasy zählt, es aber eigentlich im letzten Jahr der Regentschaft George III. spielt.

Tim Powers’ vierter Roman wurde von David Pringle in die Liste der besten 100 modernen Fantasyromane aufgenommen, ist aber ebenfalls in Jones & Newmans Publikation über die besten Horrorromane zu finden. 1984 gewann das Buch den Philip K. Dick Memorial Award und wurde nicht zuletzt durch hervorragende Mundpropaganda so erfolgreich.

In diesem Roman treffen wir einen Witwer mittleren Alters namens Brendan Doyle, einen Experten für Samuel Taylor Coleridge und den (fiktiven) Dichter William Ashbless. Doyle wird von einem exzentrischen Millionär, der sich ein Zeitreisegerät ausgedacht hat, gebeten, in das Jahr 1810 zurück nach London zu reisen, um an einer Coleridge-Vorlesung mit einer Gruppe wohlhabender Chrono-Touristen teilzunehmen. Doyle stimmt vorsichtig zu und wird – um es kurz zu machen – in der Vergangenheit ausgesetzt, wo er bald in die Machenschaften ägyptischer Zauberer verwickelt wird, die versuchen, England zu zerstören. Powers’ ausweglose Handlung schafft es irgendwie, das gehirngewaschene Ich von Lord Byron, einen von Körper zu Körper wandernden Werwolf, eine unterirdisch operierende kriminelle Gesellschaft, angeführt von einem verkrüppelten Clown auf Stelzen, eine mutige junge rachsüchtige Frau, verkleidet als Mann, ägyptische Götter, löffelgroße Jungs, Feuer- und Wind-Elemente, das Mamelucken-Schlachten von 1811, eine Menagerie von Freaks, die Beatles (!) und noch vieles mehr miteinander zu verschmelzen.

Und gerade als der Leser denkt, dass diese Handlung nicht wilder werden könnte, katapultiert Powers Doyle noch weiter zurück in das Jahr 1684! In der Tat gibt es für niemanden eine Möglichkeit zu erraten, was als nächstes kommt, in diesem wirklich verrückten Wirbelwind eines Buches. Bemerkenswert ist, dass jede einzelne Seite dieser fast 600-seitigen Geschichte mit verblüffenden Gesprächen, Handlungssträngen, Beschreibungen oder Spekulationen aufwartet. Powers hat sehr viel historische Forschung betrieben, und sein Buch behält immer seine Wahrhaftigkeit, trotz der Unverschämtheit der Handlung.

Powers, der nicht nur den so genannten “Steampunk”, sondern auch das Subgenre der “alternativen Geschichte” hervorgebracht hat, erklärt in diesem Buch amüsant Londons Großbrand von 1666 sowie Byrons scheinbar gleichzeitige Präsenz in Griechenland und London im Herbst 1810. Und obwohl Geschichten mit Zeitreise-Paradoxien dem Leser manchmal Kopfschmerzen bereiten können, ist diese hier absolut reizvoll. Die Tore zu Anubis Reich ist eine Explosion, angefangen von der Eröffnungsszene in einem Londoner Zigeunerlager im Jahre 1802 bis zu seinem wunderbaren, ironischen, völlig befriedigenden Abschluss in den Sümpfen von Woolwich.

Allerdings sind die Tore zu Anubis Reich keine leichte Lektüre für Leute, die jede historische Referenz oder jeden Ortsnamen nachschlagen wollen. Dazu benötigt man eine etwas ältere Straßenkarte, die natürlich nicht notwendig ist, aber die ganze Lektüre zu einer noch reicheren Erfahrung macht. Zum Beispiel findet man dann heraus, dass Powers uns an einem Punkt erzählt, dass die Coleman Street östlich der Bishopsgate Street liegt, während ein kurzer Blick auf die Karte deutlich zeigt, dass sie eigentlich westlich liegt. Für manche Leser ist so etwas ein zusätzlicher Genuss, der nicht zu unterschätzen ist.

Für alle Liebhaber von Science Fiction, Fantasy, Horror, historischer Fiktion und/oder Poesie sollten die Die Tore zu Anubis Reich ein Geschenk des Himmels sein. Es ist ein sehr großzügiges Buch, viel intelligenter und humorvoller, als es unbedingt sein muss, und verdient alle Auszeichnungen, die es erhalten hat.

James Blaylock / Homunculus

Dies ist das erste Buch über Professor Langdon St. Ives und seinen Erzfeind, den verrückten Doktor Narbondo. Ein Luftschiff mit einem toten Piloten überquert seit einigen Jahren das viktorianische London in einer verrottenden Umlaufbahn und weckt das Interesse der Royal Society, des Forschers Langdon St. Ives und des Fälschers Shiloh. Es handelt aber auch von einem Karneval aus fliegenden Schädeln, verrottenden Ghouls, zerfallenden Raumschiffen und der funkelnden Perversität der schrecklichen Marseille Pinkle. Blaylock schreibt mit einer trockenen Absurdität, die sehr englisch erscheint, besonders wenn sie mit seinem viktorianischen Wortlaut kombiniert wird. Eine brilliante Satire über die plappernden Klubs, die in dieser Zeit Hochkonjunktur hatten.

K. W. Jeter / Das Erbe des Uhrmachers

Das Erbe des Uhrmachers ist eines der lustigsten Steampunk-Bücher, die je geschrieben wurden. Die Hauptfigur, George Dower, ist ein glückloser englischer Jedermann, vergleichbar mit Arthur Dent in Douglas Adams’ Per Anhalter durch die Galaxis. Alle möglichen absurden Dinge passieren mit Mr. Dower, bis sich die verrückte Handlung mit einer aufwendigen Auslassung über viktorianische sexuelle Unterdrückung verbindet. Dies war der erste Roman des Genres, der stark mit Uhrwerkstechnologien ausgestattet war, aber es gibt darin auch Elemente reinster Fantasy.

Ein wichtiges Werk des Steampunk aus den 90er Jahren

Es dauerte zwanzig Jahre bis viktorianische Fantasy wirklich das nächste große Ding wurde, aber sobald das Genre einen Namen hatte, brodelte es bereits leicht vor sich hin. In den frühen 90er Jahren wurden mehrere Bücher veröffentlicht. Ich betrachte dies als die zweite Welle des Steampunk. Um das Jahr 2000 herum gab es die dritte Welle. Der Kürze halber werde ich nur ein besonders wichtiges Buch der zweite Welle vorstellen.

William Gibson und Bruce Sterling – Die Differenzmaschine

1990 war William Gibson einer der heißesten Namen der Science Fiction. Als er und Sterling diese viktorianische Cyberpunk-Alternativ History-Geschichte veröffentlichten, wurden viele Menschen, auch ich selbst, zum ersten Mal mit dem Wort „Steampunk“ vertraut gemacht und nahmen an, dass die beiden den Begriff erfunden hatten, um diesen einen Roman zu beschreiben. Es ist eine ernste, harte Science-Fiction-Geschichte, die in einem Paralleluniversum spielt, in dem die Rechenmaschine von Charles Babbage tatsächlich in Massenproduktion hergestellt und verwendet wurde, um ein Informationszeitalter zu schaffen, das hundert Jahre früher als in unserer Zeitlinie begann. Das außergewöhnliche Weltbild dieses Buches überschattet völlig seine geheimnisvolle Handlung, aber man hat genug Zeit, um sich in einer Version des viktorianischen London umzusehen, die noch schmutziger und industriell verwahrloster ist als das Original.

Michael Moorcocks Proto-Steampunk

Während das Wort Steampunk erst 1987 geprägt wurde, gab es in Comics, Fernsehen, Film und gelegentlich auch in Büchern bereits Schnittmengen aus quasihistorischer Geschichte und Science Fiction. In der Literatur waren Michael Moorcocks Oswald Bastable-Romane die mit Abstand einflussreichsten. Es war Moorcock, der das Luftschiff im Genre verankert hat. Homunculus und Das Erbe des Uhrmachers zeigten jeweils ein kleines Luftschiff, aber in den Bastable-Romanen sind die tausend Fuß langen Königinnen des Himmels ein zentrales Thema.

Michael Moorcock / Der Herr der Lüfte

Bastable, ein Soldat des britischen Königs, verliert sich in einem finsteren Himalaya-Tempel und verschwindet in das Jahr 1973. Dies ist nicht das Jahr 1973, das wir kennen, sondern die Welt, in der die britischen und andere europäische Reiche gedeihen und große Luftschiffe den Himmel über scheinbar utopischen Städten füllen, in denen dampfbetriebene Autos dominieren. Oswald wird schließlich von einem „Kriegsherrn“ gefangen genommen, der ihm die schreckliche Unterdrückung zeigt, die den Weltreichen zugrunde liegt. Letztendlich schließt sich unser Held dem kommunistischen Widerstand an. Bastable wird in der Zeit bis 1906 zurückgeworfen, kommt aber in einer anderen Zeitlinie heraus, in der seine eigene Familie ihn für einen Betrüger hält.

Michael Moorcock / Der Landleviathan

Verzweifelt sucht Bastable sein wahres Zuhause, kehrt in den Tempel zurück und taucht in eine andere Version von 1906 ein. In dieser Welt haben die (sehr steampunkartigen) Erfindungen des genialen Manuel O’Bean einen schrecklichen Krieg ausgelöst, der Europa, Amerika und einen Großteil der Welt verwüstet. Bastable wird schließlich zum Gesandten des südafrikanischen Präsidenten Mahatma Gandhi im Neuen Ashanti-Reich von Cicero Hood. Als ehemaliger amerikanischer Sklave dringt Hood in die Überreste der Vereinigten Staaten ein und befreit ihre dunkelhäutigen Bewohner. Nachdem er entdeckt hat, dass die meisten Weißen in Amerika genauso böse sind wie Hood behauptet, schließt sich Bastable seiner Sache an, obwohl er als Weißer nie in der Ashanti-Gesellschaft akzeptiert werden wird. In diesem Roman erfand Moorcock sowohl den postapokalyptischen als auch den multikulturellen Steampunk.

Michael Moorcock / Der Stahlzar

Moorcock schrieb diesen Roman ursprünglich während einer schmerzhaften Scheidung. Die Version, die er 1995 umgeschrieben hat, ist viel stärker, aber nicht in deutscher Sprache erhältlich.

Er spielt 1941 und hat einen globalen Krieg zum Thema, der sich stark von unserem Zweiten Weltkrieg unterscheidet. Bastable überlebt einen verheerenden Luftschiffabsturz und kämpft gegen den „Stahlzaren“, der niemand Geringerer als Joseph Stalin ist. Stalin wird in jedem Universum als kleiner Egomane und Diktator offenbart. Am Ende des Romans erfährt Oswald von Moorcocks wiederkehrender Figur Una Persson, dass er dazu verdammt ist, für immer durch alternative Universen zu wandern, aber nicht allein mit diesem Schicksal ist. Er findet Trost in der Gilde der Zeitabenteurer und in Unas Umarmung.

Klischeebruch

Der heute geschriebene Steampunk ist Teil einer vierten Welle. Während einiges davon recht gut ist, gibt es sehr viele Autoren, die Steampunk-Treffen besuchen, Notizen machen und die so gesammelten Ideen ihrer Zielgruppe wieder an sie verkaufen. Das Ergebnis sind nicht nur schreckliche Bücher, es führt auch zu einer kreativen Stagnation auf beiden Seiten.

Steampunk ist nicht nur viktorianisch. Durch die Einbeziehung von „Die Tore zu Anubis Reich“ in die Werke, die Jeter Steampunk nannte, machte er deutlich, dass er viktorianisch als stilistische Allgemeinheit und nicht als eine Reihe von Daten verstand. Auch Moorcock widerlegt die Vorstellung, dass Steampunk streng viktorianisch zu sein hat. In “Die Nacht der Morlocks” durchstreift Jeter die Zeit nach der viktorianischen Ära. Steampunk ist im Allgemeinen viktorianisch angehaucht, hat aber keine feste Periode.

Im Steampunk geht es nicht um den Adel. Politisch konservative Steampunks versuchen oft, Michael Moorcock wegen seiner explizit anarchistischen/linken politischen Botschaften aus dem Genre auszuschließen. Auch wenn wir ebenfalls dieser Meinung sein sollten, benutzten Jeter, Blaylock und Powers Henry Meyhews Armutsreportagen als ihre wichtigste Referenz, und ihre Arbeit stellt die Armut als häufig und unnachgiebig dar. Es gibt nur zwei prominente Aristokraten in ihrem gesamten Werk, Lord Bendray in “Das Erbe des Uhrmachers” und Lord Kelvin in Blaylocks “Lord Kelvin’s Machine” (Nicht übersetzt). Beide Charaktere zerstören fast die Welt durch ihre Arroganz und ihren dummen Missbrauch von Technologie. In “Die Differenzmaschine” besteht der Adel aus den Dienstherren der Industrial Radical Party. Das London, das sie regieren, verwandelt sich in eine Hölle auf Erden. Der klassische Steampunk hat nichts Nettes über die Machtelite zu sagen. Wer über viktorianische Manieren redet oder sich unsatirisch als Herr und Dame stylen will, muss sich mit dieser Tatsache abfinden.

Im Steampunk geht es auch nicht immer um Gadgets. Die Steampunk-Technologie wird in “Die Tore zu Anubis Reich” überhaupt nicht eingesetzt. In “Homunculus” tritt sie in den Hintergrund und gehört zu den übernatürlichen Elementen. Brillen werden in “Die Differenzmaschine” nur einmal erwähnt und in den anderen Romanen überhaupt nicht. Sicherlich geht niemand in diesen Geschichten mit Schnickschnack herum, der wie Christbaumschmuck an ihm hängt, noch scheinen die Protagonisten eine besondere Vorliebe für die Farbe Braun zu haben. Wenn ihr die vielen Abgrenzungen leid seid, die Steampunk euch zu präsentieren scheint, müsst ihr nur auf seine Wurzeln schauen. Die Grenzen waren nie wirklich da.

Streifzüge durch die Unterwelt (3): Barlowe, Campbell, Brom

Nachdem wir uns bereits angeschaut haben, wie Dichter, Schriftsteller und Comicautoren die Hölle beschreiben, werfen wir nun einen Blick auf die Vorstellung eines Schriftstellers, der außerdem ein Maler und Konzeptkünstler ist: Wayne Barlowe. Für über 300 Bücher und Magazine hat er die Cover und Illustrationen geliefert. Im Film kennt man seine Entwürfe vor allem durch Guillermo del Toros Hellboy.

Wayne Barlowe

Es ist leicht auszumachen, dass Wayne Barlowes Jenseitsvorstellung der archetypischen Hölle der Fantasyliteratur entspricht. In seinem Werk finden wir Zeichnungen nach Dantes und Miltons Maßstab, an dem alle modernen Darstellungen der Hölle gemessen werden.

Barlowes Hölle ist ein monolithisches und fremdes Reich, aus dunklen und felsigen Einöden bestehend, die vom unheimlichen Glanz dämonischer Glyphen erhellt und von den gewaltigen Zitadellen der Gefallenen bedroht werden. Diese Welt ist besonders deshalb interessant, weil sie bereits vor der Ankunft der Dämonen eine eigene einheimische Flora besaß. Einschließlich der wilden, aber empfindungsfähigen „Salamandrin Men“, die im Hinterland der Hölle einherstreifen und von dem Tag träumen, an dem sie ihre Heimat von den höllischen Invasoren wieder zurückerobern können. Was Milton uns nur suggeriert hat: Barlowe liefert es.

Im Gegensatz zu Dantes Inferno, wo man zumindest eine auf die eigene Bosheit zugeschnittene Strafe erhält, behandelt diese Version der Hölle die menschliche Seele als erneuerbare Ressource, eine Vorstellung, der wir auf dieser Reise mehr als einmal begegnen. Seelen in ihrem natürlichen Zustand sehen vage menschlich aus, können aber zu steinartigen Blöcken, Reittieren und sogar zu riesigen elefantenartigen Kriegstieren geformt werden. Viele Seelen schufteten Hunderte von Jahren lang, errichteten große Gebilde aus anderen verdammten Sterblichen für ihre dunklen Aufseher, bis sie schließlich selbst zu Ziegeln verarbeitet wurden, dazu verdammt, den Rest der Ewigkeit als Mauerwerk zu verbringen.

Während es Dämonen gibt, die Sterbliche in Versuchung und auf den Weg zur Sünde führen, sind sie nur die Teilmenge der dämonischen Gesellschaft, ein wenig so wie Bauern oder Bergleute in unserer Welt. Dämonenlords (genannt Dämonen-Majore) handeln wie feudale Kriegsherren, die hauptsächlich darum bemüht sind, ihr Territorium auf Kosten ihrer Nachbarn zu vergrößern und den Luxus genießen, den der Abyss zu bieten hat. Kleinere Dämonen (oder minderwertige Dämonen) fungieren als Krieger, Höflinge, Seelenfertiger und Sklavenhalter. Das Töten eines anderen Dämons und das Absorbieren seiner Glyphe gewährt ihnen allerdings ebenfalls eine gewisse Macht.

Als Künstler hat Barlowe natürlich einige dieser Szenen aus seiner geschriebenen Hölle gemalt. Daraus können wir ersehen, dass Dämonen-Majore ein exquisites unmenschliches Aussehen haben. In großer Höhe geboren, mit Flügeln, die aus ihrem eigenen Fleisch gewebt sind: Häute, die wie tätowierte Zeichen leuchten und unter höllischer Magie brodeln, erheben sie sich über die seltsame Landschaft des Infernos, das sich unter ihnen ausdehnt. Die Landschaft der Hölle selbst ist bei Barlowe wunderschön – ein Landstrich voller ausgedehnter und launischer Blautöne, komplizierter Obelisken, die über uralten Städten auftauchen, und voller kunstvoll-unnatürlicher Kreaturen, die an den Ufern von Flüssen aus flüssiger Lava stehen.

Ungewöhnlich für eine erdnahe Hölle ist der Herrscher dieses Abgrunds nicht Luzifer/Satan (eine Idee, die Clive Barker auch in „Das Tor zur Hölle“ nutzt). Nach seiner gescheiterten Rebellion soll der Morgenstern nämlich so weit und so schnell gefallen sein, dass er wie ein Komet auf den Boden von Barlowes Hölle fiel und zu einer feinen Paste zerschlagen wurde. Stattdessen regiert der weitaus weniger charismatische Beelzebub, der Herr der Fliegen, als Regent der Hölle. Beelzebub besteht aus einem wuselnden Fliegenschwarm, der in der Lage ist, jede Form anzunehmen, und hält Lilith, die erste und gefallene Frau Adams, als seine Konkubine. In seiner Prosa erforscht Barlowe diese spezielle Intimität. Auf eine gewisse Weise …

Barlowe verweist auch auf andere Figuren der abrahamitischen Mythologie. Die berühmteste davon ist Samyaza, ein titanischer gefallener Engel, der bereits vor Luzifers Rebellion wegen des Verbrechens, sich mit sterblichen Frauen zu paaren, in die Hölle verbannt wurde. Samyaza und seine Mitengel vom Orden der Wächter zeugten die verfluchte Rasse der Riesen, die als Nephilim bekannt ist. Es wird behauptet, dass die Übergriffe dieser Rasse Gott dazu veranlassten, die Große Flut zu entfesseln. Samyaza liegt in Barlowes Version angekettet unter der Dämonenstadt Dis, und seine wütenden Schreie erschüttern die Stadt regelmäßig bis in ihre Grundfeste.

Wie Dante nutzt Barlowe die Hölle als Lagerstätte für jene historischen Persönlichkeiten, die ihn interessieren. Während die meisten Seelen so weit unterdrückt werden, dass sie sogar ihre Identitäten verlieren, erleben wir im Laufe der Geschichte, wie einige von ihnen ihre Individualität wiedererlangen und ein neues Schicksal bekommen. Etwa bekommt Hannibal, der große Feldherr der Geschichte, einen weiteren Feldzug gegen einen Feind spendiert , der weitaus fremdartiger und schrecklicher ist als das kaiserliche Rom.

Wir haben genug Zeit hier verbracht; ich habe nicht den Wunsch, als Teil eines dekorativen Steingartens zu enden. Seht ihr die Wunde, die sich in den Wänden der Realität öffnet? Folgt mir hindurch – wir werden sogleich die Ufer einer ganz neuen Art von Hölle aufsuchen.

Jetzt sind wir schon eine ganze Weile unterwegs und weit gekommen. Wer diese Reise also noch einmal machen möchte, oder sich nicht mehr erinnert, der kann dorthin zurück kehren. Wer allerdings nur die letzte Station verschlafen hat, der kann sich auch gerne dort noch einmal umsehen. Das Hauptfeld zieht weiter, und ich kann nicht dafür garantieren, dass wir hier sicher sind. Aber wo waren wir das jemals?

Alan Campbell

Alan Campbell ist einer der grimmigsten Grimdark-Autoren, die jemals ein Buch verdunkelt haben. Außerdem ist er ziemlich erfinderisch und hat einen extraordinären Hang zur bombastischen Satire.

Wie Pratchetts Hölle ist auch Campbells dunkler Ort nicht an die Erde gebunden. Während viele Höllen auf die Vision mit Feuer und Schwefel zurückgreifen, wird diese hier mit Blut geschrieben. Ähnlich der Sandmann-Kosmologie wird Campbells Hölle von ihren Bewohnern gestaltet. Die Stadt Deepgate reagiert also auf die Gedanken derer, die in ihr gefangen sind. Allerdings äußert sich dieser Effekt eher körperlich. Hier erwacht jede Seele in einem Körper, wie sie ihn auch zu Lebzeiten hatte. Der Körper ist in einem Raum gefangen, der die Erinnerung und Psyche der verdammten Seele widerspiegelt. Hat die Seele Angst, wird dieser Raum defensiver und potentiell gefährlicher, beginnt die Seele, sich um bestimmte Formen der Folter zu sorgen, dann manifestieren sich diese auch im Raum. Diese Hölle beansprucht die Ängste des Verdammten und macht seine Meinung zur Rute für seinen Rücken. Der eigentliche Spaß beginnt, sobald man merkt, dass der Raum auch man selbst ist. Jeder Schatten, der dabei entsteht, ist bereits so schmerzhaft wie ein wirklicher Angriff auf den “Körper”. Außerhalb des Raums zu sein (der also das Selbst ist) bedeutet, so verletzlich zu sein wie ein Fötus außerhalb der Gebärmutter.

Seelenräume neigen dazu, sich zu einzelnen Einheiten zusammenzuschließen, die Midden genannt werden – eine Art lebendiger Turmblock, der aus einer von Fleisch und Blut durchdrungenen Architektur besteht. Jeder Midden gleitet langsam durch die von Toren durchzogene Landschaft der Hölle, je nach den Launen der Mehrheit seiner Bewohner. Es scheint an diesem Ort nichts so Formales zu geben wie Dantes Höllenkreise, aber Seelen mit ähnlichen Sünden finden sich und fügen sich zu einer Einheit zusammen.

Dies allein wäre bereits eine ziemlich erschreckende Art, um die Ewigkeit zu verbringen, aber es wird noch schlimmer.

Diese Hölle ist ein militärisch-industrieller Komplex. Sie wird von König Menoa regiert und von einer Armee von Mesmeristen bewacht. Menoa ist entschlossen, das Reich der Lebenden zu erobern und deren dekadente Götter zu zerstören. Seine Mesmeristen versklaven Seelen und formen sie um, damit sie den Zwecken des Höllenkönigs entsprechen, wie z.B. die Errichtung gigantischer Kriegsmaschinen, um der Welt, die über der Hölle liegt, den Untergang zu bringen.

Menoa selbst freut sich daran, auch seinen engsten Dienern neue Formen aufzuzwingen. Aber noch grausamer sind die großen Fleischereimaschinen, die Tausende von Seelenräumen abbauen, zerkleinern und ernten, um den ständig wachsenden Blutdurst der Hölle zu stillen. Blut ist der Grundstoff der Hölle und das Baden darin ermöglicht es den Verdammten, in der Welt der Lebenden eine Zeit lang zu überleben. Menoa benötigt also einen endlosen Vorrat davon, wenn er die Welt erobern will.

Die Dämonen aus Barlowes Hölle mögen sich vielleicht nicht um die Seelen kümmern, aber zumindest besteht dort die Chance, eines Tages frei zu kommen, selbst wenn es Jahrtausende dauert, die man als Teil einer Brücke verbringt, bevor diese glückliche Tag anbricht. In Campbells Hölle stehen die Chancen gut, dass der Einzelne kaum besser gestellt ist als irgendein Ersatzteil, das diese schreckliche Mühle mit am Laufen hält. Nicht einmal der Mühe der Folter wert. Es ist die Hölle der Industrialisierung, des zügellosen Kapitalismus und der ultimativen Form der Entmenschlichung.

Mit diesem charmanten Gedanken im Hinterkopf ist unsere Reise fast vorbei, aber wir haben noch einen letzten Ort zu besuchen. Wir sind über Feuerseen und Blutflüsse gesegelt, haben die Leere zwischen den Sternen durchquert und merkwürdige Dimensionen durchschritten. Jetzt kommen wir an die Grenzen der Hölle und müssen über sie hinausgehen, zu den älteren und fremderen Regionen der Toten.

Ich hatte einen freundlichen Wanderer beauftragt, uns durch die Lücken in der Welt zu führen, bis wir den richtigen Ort erreicht haben, aber er scheint sich auf dem Weg verirrt zu haben. Wahrscheinlich ist er betrunken in einem Graben gelandet. Nun gut, schließen wir uns einfach der Monsterkarawane an. Ich denke, ich habe genügend Papiergeld, um sie davon zu überzeugen, dass wir sie eine Weile begleiten dürfen.

Bevor wir zum Ende unserer Entdeckungsreise durch die Hölle kommen, machen wir also noch einen kleinen Stop bei Brom.

Gerald Brom

Erinnern wir uns daran, dass Dantes Inferno die griechische Unterwelt verdrängt zu haben schien. Nun, in der Kosmologie des Künstlers, der heute als Gerald Brom bekannt ist, ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen. Ähnlich wie in Neil Gaimans American Gods verbreitet Lost Gods die Ansicht, dass alle Götter real sind, aber dass viele von ihnen in Bedeutungslosigkeit verblasst oder durch diese Bedeutungslosigkeit zerstört wurden. In diesem Fall haben sich die Götter der modernen Weltreligionen unter dem Banner des “Einen Gottes” zusammengeschlossen, um die heidnischen und unabhängigen Götter zu vertreiben und zu töten.

Dieser Prozess ist auf der Erde selbst so gut wie abgeschlossen. Aber viele der getöteten Götter halten immer noch Hof in der Unterwelt und regieren über alte und neue Geister im Land des Fegefeuers. Ihre Territorien sind bedroht durch den Imperialismus der Hölle und ihrer Dämonen, die dunkle Kehrseite des Bündnisses des Einen Gottes. Diese Hölle ist ein expandierendes Reich im nahezu unendlichen Reich der Toten, keine Welt für sich allein.

Nicht, dass der Rest von Broms Unterwelt nur Süße und Licht wäre. Tatsächlich hat dieses Jenseits einiges mit Barlowes und Campbells Höllen gemeinsam (zum Teil, weil Brom ebenso ein Horror- wie ein Fantasy-Autor ist. Er scheint es zu genießen, seinen Figuren schreckliche Schicksale zuzumuten, mit so gut wie keiner Hoffnung, die erdrückende Verzweiflung und Ungerechtigkeit jemals zu überwinden…) Menschliche Seelen sind hier sowohl eine Unterklasse als auch eine Ware, besteuert, versklavt, an die Launen ihrer Meister angepasst und sogar zerrissen, so dass ihre Substanz andere Wesen ernähren, heilen oder stärken kann. Wir sehen nicht viel von der Hölle in dieser Geschichte, aber wir wissen, dass es ein Ort dunkler Erfindung und wilder Krieger ist.

Neben obskuren Figuren wie dem slawischen Gott Veles bedient sich Brom viel aus der griechischen und ägyptischen Mythologie, um sein Fegefeuer zu erschaffen. (In gewisser Weise haben wir hier den Kreis zu Dantes Inferno, wo unsere Reise begann, geschlossen.) Neben der bekannten Anordnung von Unterweltflüssen haben wir Kreaturen wie Sphinxen und Satyren. Wir bekommen auch eine faszinierende altägyptisch inspirierte Vorstellung von der Natur der Seelen zu sehen. In dieser Welt besteht eine Seele aus zwei Teilen, von denen der eine das Bewusstsein ist und der andere ein neuer Körper, um das Bewusstsein aufzunehmen. Ohne diesen Seelen-Körper ist man dazu verdammt, selbst im Land der Toten ein Geist zu werden. Aber der Seelenstoff, aus dem diese “Körper” bestehen, ist äußerst nützlich und macht die Seelen zur natürlichen Beute sowohl der Götter als auch der anderen Seelen und zum Treibstoff für viele Industrien und Güter.

Die Bewohner der Hölle fürchten die Lost Gods des Fegefeuers, während sie sich in ihr Territorium wagen, um Seelen zu stehlen oder zu tauschen. Die Dämonen kämpfen einen Stellvertreterkrieg, indem sie rebellische Seelen mit einer modernen Erfindung versorgen, die mit dämonischen Drehgewehren und Kanonen ausgestattet ist, die von Höllenfeuer angetrieben werden und selbst die mächtigsten Götter beschädigen oder zerstören können. Diese Hölle ist weit davon entfernt, ein altes, verblödetes Reich zu sein, sie ist ein Ort der Innovation und Expansion und des gnadenlosen und unaufhaltsamen Marsches des technologischen Fortschritts.

Broms Vision vom Jenseits verbindet die barocke Größe von Barlowe mit der leidenschaftslosen Grausamkeit von Campbell. Broms Kunstwerk ist wunderschön. Wie viele großartige Kunstwerke gibt es dieses Buch aber (fast schon logischerweise) nicht in Übersetzung.

Mit diesen Worten lasse ich euch euren eigenen Weg zurück an die Oberfläche finden. Wenn es das ist, was ihr wirklich wollt. Mein Name ist Michael Perkampus und ich hoffe, wir hören uns demnächst wieder.

Hier geht es zu Teil 1 und 2:

Folge 12: Dante und Milton

Folge 13: Terry Pratchett und Neil Gaiman

Streifzüge durch die Unterwelt (2): Terry Pratchett und Neil Gaiman

Willkommen zum zweiten Teil unseres Streifzugs durch die Unterwelt. Den ersten Teil gibt es hier: Streifzüge durch die Unterwelt (1) – Dantes Inferno und Miltons verlorenes Paradies.

Wir reisen heute durch die endlosen Weiten des Raumes bis zum Rand des bekannten Universums und darüber hinaus. In eine scheibenförmige Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten ruht, die selbst vom Rücken einer riesigen Schildkröte getragen werden.

Wir sind ein paar Jahrhunderte weiter nach vorne gesprungen, haben die klassische Literatur hinter uns gelassen und sind in die Hölle eines modernen Meister der Fantasy gekommen.

Terry Pratchett

Terry Pratchett hat immer sein eigenes Ding gemacht, und die Scheibenwelt-Version der Hölle ist etwas unbeschwerter als die bisher besuchten. Sicher, im Angesicht der Strafen ist auch diese Hölle ziemlich schrecklich, die Verdammten werden gestreckt, verbrannt, genagelt und so weiter. Aber die zentrale Aussage von Pratchetts Hölle ist die, dass die meisten der verdammten Seelen, die in ihr gefangen sind, herausgefunden haben, dass sie Geister sind, die keinen Schmerz fühlen können, wenn sie es nicht wollen.

Die meisten der Dämonen, die diese Hölle bewohnen, haben sich gut mit dieser Tatsache arrangiert. Sie erledigen ihren Job und machen einfach weiter wie gewohnt. Einige Dämonen “quälen” seit Jahrhunderten dieselben Seelen und haben eine enge und freundschaftliche Beziehung zu ihnen aufgebaut. Denkt man in einem ernsten Kontext darüber nach, ist diese Vorstellung doch ziemlich erschreckend. Man stelle sich vor, das Wesen, das die meiste Zeit mit einem verbringt, das einen besser versteht als die Eltern, der Partner und sogar der Therapeut, entwickelt sich im Laufe der Geschichte in ein hasserfülltes Monster, das nichts anderes im Sinn hat, als einen auf jede erdenkliche Weise fertig zu machen. Bis in alle Ewigkeit.

Natürlich ist die Scheibenwelt freundlicher als dieser Gedanke.

Oder zumindest war sie das.

Denn im Roman “Eric” ist die Hölle von der Moderne bedroht. Der Dämonenkönig Astfgl hat herausgefunden, dass Langeweile die größte Strafe von allen ist. (Vermutlich ein Einblick in Pratchetts eigenen Glauben). Er beschließt, dieses Wissen zu nutzen, um die Verdammten effektiver zu bestrafen. Zum Beispiel müssen sie Dämonen zuhören, die gigantische Bücher über Gesundheit und Sicherheit vorlesen, mit Hunderten von Unterabsätzen. Wir müssen im Laufe dessen zu dem Schluss kommen, dass die Wiederherstellung des Status quo der Hölle eigentlich nicht so schlimm ist, denn menschliche Foltermethoden sind den dämonischen weit überlegen.

So witzig es auch sein mag, stellt diese Version der Hölle die abschreckende Möglichkeit dar, dass sich die Hölle und ihre Bewohner verändern oder entwickeln können, und sogar Ideen der Menschheit stehlen, die noch schlimmer sind, als ursprünglich geplant. Viele andere Schriftsteller haben mit dieser Idee experimentiert.

Einige haben Höllen geschaffen, die hier gar nicht berücksichtigt werden können, wie etwa in Clive Barkers “Das scharlachrote Evangelium”, das mit einem Höllenpriester beginnt (den wir alle als Pinhead kennen), der sterblichen Magiern Macht und Wissen stiehlt, um die infernalische Domäne besser erobern zu können. Oder das eher übertriebene Leben nach dem Tod aus Richard Kadreys “Sandman Slim”-Romanen mit seinen Vorstandssitzungen und dämonischen Killern.

Pratchett hat uns mit vielen Fragen zurückgelassen. Könnten die Höllen, die wir auf Erden erschaffen, verkommener sein als die, die von Teufeln für uns entworfen wurden? Ist das Böse um des Bösen willen von Natur aus unoriginell und damit weniger gefährlich als das Böse, das durch Unfähigkeit oder Gleichgültigkeit geschaffen wird? Hat die Person, die die Nebensätze erfunden hat, einen eigenen Höllenkreis erhalten?

Oh. Ein Teufel hat uns entdeckt und eilt herbei, um unsere Bekanntschaft zu machen. Ich mag den Look der Mistgabel, die er trägt, nicht. Verschwinden wir besser von hier. Ich denke, ein kleiner Dimensionssprung ist angebracht.

Und schon sind wir angekommen und bestaunen eine der prächtigsten Höllen in diesem oder jedem anderen Kosmos.

Neil Gaimans – Der Sandmann

Gemeint ist die Hölle, wie sie von einem guten Freund Pratchetts und einem Großmeister der Fantasy präsentiert wird. Es ist eine Comicbuch-Hölle, aber deshalb noch lange keine Lachnummer.

Die Hölle, die wir im “Sandmann” sehen, ist eine Dimension oder ein Reich unter vielen. Sie und ihr Herrscher werden zu Recht auch von den größten Wesen der Kosmologie Neil Gaimans gefürchtet, aber sie ist immer noch eine politische Einheit, ein Land, das Staatsbesuche erhalten, überfallen und sogar gestürzt werden kann.

Im Aussehen ist diese Hölle riesig und seltsam und phantasmagorisch. Das Eingangstor ist ein weitläufiges Gewirr aus dicht gepackten organischen und architektonischen Elementen, ähnlich wie das von H. R. Giger entworfene Castle Grayskull. Endlose Ebenen erstrecken sich bis zum Horizont, hier und da übersät mit Bergen und weniger natürlichen Strukturen – unglaublich verdrehten Steingebäuden, rülpsenden Schornsteinen und grausamen Folterkammern. Es gibt ein Meer aus Blut und einen überraschend schönen hellrosa Himmel.

Als Morpheus (alias Dream) diese Hölle besucht, bemerkt er, dass sie im Gegensatz zu den Steinhöhlen von Milton (wo wir schon waren) und Barlowe (wohin wir noch kommen) veränderlich ist. Diejenigen, die über genügend Macht verfügen, können diesen Bereich nach ihren eigenen Wünschen gestalten. Das wirft die faszinierende Frage auf, ob dieser Ort, den wir Hölle nennen, überhaupt höllisch sein muss. Auch ist sie so groß, dass selbst Luzifer ihre Größe nicht begreifen kann. Denn dieser Ort ist die Reflexion des Himmels, und wer könnte den Himmel quantifizieren? Kein Wunder also, dass die Hölle als ein Hauptstück der interdimensionalen Destinationen gilt, um das sich Dämonen, Götter, Engel, Feen und andere manifeste Prinzipien des Universums streiten.

Die Dämonen oder Dämonenarten, die dieses Land bewohnen, meiden meist die klassischen Flügel und Hörner und suchen nach exotischeren Kombinationen aus Merkmalen und Körperteilen:

Die Form eines Riesenbabys mit einer noch angehängten Nabelschnur in Form einer lebenden Schlange, zum Beispiel.

Oder eine Kombination aus Wolf, Mantis und Skelett.

Eine tödliche Kriegerin, deren rechte Seite schön und deren linke Seite eine verfaulte Ruine ist. (Vermutlich eine Anspielung auf die nordische Göttin Hel, die auf unserer Reise immer wieder auftaucht, obwohl sie nicht eingeladen ist.)

Es gibt auch Wesen mit zusätzlichen Mündern, Wolken aus lebendem Gas, Kreaturen mit pelzigen Körpern und freiliegenden Gehirnen und vieles mehr. In gewisser Weise fühlt sich Gaimans Hölle dem Krieg der Sterne näher als Dante, obwohl es auch Hinweise auf die wahnsinnigen Gemälde von Hieronymus Bosch gibt. Keiner der Dämonenarten ist ein Eingeborener der Hölle und nur wenige sind gefallene Engel wie Luzifer. Die meisten fanden ihren Weg von “woanders” her, wie Luzifer es ausdrückt, und das deutetet auf andere Unterwelten und Höllen hin, auf ungeahnte Welten oder sogar auf eine entfernte und schreckliche Leere jenseits des Kosmos. In Comics gibt es immer Platz für eine andere Dimension!

Gaiman teilt einige Ideen mit Pratchett. Seine Hölle hat mehr mit Menschen als mit Dämonen zu tun. Viele der menschlichen Gefangenen dieser Hölle wollen bestraft werden – ihre Schuld, ihr Ego, ihr Bedürfnis, wahrgenommen zu werden – das alles manifestiert sich in dem Wunsch, dass ihre Sünden als wichtig genug anerkannt werden, um ein allgemeines Misstrauen zu rechtfertigen. Nur diejenigen, die glauben, dass sie die Hölle verdienen oder dort sein wollen, landen in der Hölle. (Es gibt Ausnahmen, von denen eine in der Haupthandlung der Serie beschrieben wird.) Gaiman hat eine ebenso allegorische Interpretation der Hölle parat wie Milton, aber mit dem Fokus auf modernen Ideen der Psychologie und nicht auf älteren Vorstellungen wie der Natur der Sünde. Die Hölle ist eine Illusion, ein giftiger Geisteszustand, etwas, das wir uns selbst auferlegen und das wir nicht erleiden müssen, wenn wir es nicht wollen.

Bis hierher haben wir die Reise also schadlos überstanden. Jetzt folgt mir diesen Gang entlang, den wir gerade gemeinsam erschaffen haben. Wir verlassen die vielschichtige Welt der Comics und nicken auf dem Weg nach draußen respektvoll zu Hellboy, Spawn, Constantine, dem Ghost Rider und Etrigan. Natürlich sehen wir im Vorbeigehen auch, was die Besetzung von “Preacher” sich gegenseitig antut.

Ich nehme an, die nächste Hölle wird gegenüber den bisherigen wie eine kleine Erleichterung erscheinen. Wenigstens gibt es dort Schönheit.

Streifzüge durch die Unterwelt (1) – Dantes Inferno und Miltons verlorenes Paradies

Die Natur des Jenseits fasziniert und erschreckt die Menschheit seit Zehntausenden von Jahren. Was wartet nach dem Tod auf uns, vorausgesetzt, es wartet überhaupt etwas auf uns? Gibt es mehr als einen Ort, an den man gehen kann? Und was passiert, wenn man am falschen Ort landet?

Herzlich willkommen zu einer dreiteiligen Reise durch die Unterwelt. Heute mit Dantes Inferno und Miltons verlorenem Paradies.

Das Land der Toten ist zu groß, als dass man es durch eine einzige Reise erkunden könnte. Also werden wir uns auf die Hölle konzentrieren: Verdammnis, Verderben, Limbus, Fegefeuer, das Inferno, nennt es, wie ihr wollt. Begleitet mich auf eine Odyssee durch einige der besten Darstellungen dieses bösen fiktiven Ortes.

Die Mythologie sagt uns, dass es viele Ziele für böse oder unglückliche Seelen gibt. Diyu, Sheol, Hades, Hetgwauge. Einige davon sind Orte der Bestrafung für die Sünden im Leben und andere sind der eigentliche Ort, wo sich die Toten einfinden müssen.

Das Land der Toten ist zu groß, als dass man es durch eine einzige Reise erkunden könnte. Also werden wir uns auf die Hölle konzentrieren: Verdammnis, Verderben, Limbus, Fegefeuer, das Inferno, nennt es, wie ihr wollt. Es ist jener Ort der Bestrafung, der von den meisten abrahamitischen Religionen anerkannt wird. Begleitet mich auf eine Odyssee durch einige der besten Darstellungen dieses bösen fiktiven Ortes.

Unser erster Schritt ist einfach, wir brauchen nur unter die Erde zu gehen. Wir gehen also durch das fast schon eingefallene Tor, von merkwürdigen Schlingpflanzen umrankt, das mit folgenden Worten in schwarz-rot beschriftet ist:

“Ihr, die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!”

Dantes Inferno

Dantes Inferno ist die erste eingehende Erforschung der Hölle in der westlichen Literatur und vielleicht die detaillierteste Beschreibung des christlichen Jenseits, die jemals privat und nicht als kirchliche Festschrift geschrieben wurde. Hier wird die Idee der Neun Höllenkreise begründet. Jeder von ihnen hat seine eigene Natur und wartet mit einer Reihe einzigartiger Bestrafungen auf.

Es ist zwar das einflussreichste literarische Modell der Hölle, aber wir können es nicht wirklich den endgültigen Reiseführer für unsere modernen Bedürfnisse nennen. Dante schrieb im Mittelalter, in Italien. Seine Version der Hölle ist stark von der klassischen Mythologie und Literatur beeinflusst, bis hin zum römischen Dichter Virgil, der als Dantes Führer durch die Höllenkreise fungiert.

Man kann sich fast vorstellen, dass Dantes Hölle auf den Ruinen der klassischen Unterwelt erbaut wurde (oder krebsartig aus dem kranken Fleisch des Ur-Tartarus erwachsen ist).

Hier einige Beispiele:

  • Die Grenze zur Hölle wird vom Fluss Acheron gestaltet und der Kapuzenmann, der die Seelen hinüber transportiert, ist Charon, der Fährmann.
  • Der Fünfte Höllenkreis, in dem die Zornigen dazu verdammt sind, sich für immer gegenseitig zu bekämpfen, ist eigentlich der Fluss Styx.
  • In den Tiefen dieser korrupten Unterwelt verurteilt noch immer Minos, der Sohn des Zeus, die Seelen der Toten, ohne den Wechsel des Managements zu bemerken oder ihn überhaupt zu erwähnen.
  • Zentauren leben glücklich im Siebten Kreis. Sie tragen ihren Teil dazu bei, sich unter die lokalen Teufel zu mischen, indem sie Pfeile auf die verdammten Seelen feuern, denen es gelungen ist, den kochenden Blutflüssen des betreffenden Kreises zu entkommen.
  • Griechische Helden und Bösewichte schmachten in verschiedenen Teilen des Infernos und leiden dort unter den heidnischen Pfaden, die sie zu Lebzeiten zu beschreiten hatten (es gab den Monotheismus zu ihrer Zeit ja noch nicht. Was für ein Pech für sie).
  • Der Minotaurus bewacht den Siebten Kreis und Medusa sowie die Furien sind bereit, jeden niederzuschlagen, der es wagt, sich den Mauern von Dis, der Hauptstadt der Hölle, zu nähern.

Den Dämonen von Dantes Hölle steht es eindeutig nicht an, ihre Taten auf andere mythologische Wesen übertragen zu sehen. Sogar Dis selbst hat seinen Namen von Dis Pater, dem römischen Titel für Hades oder Pluto, dem griechisch-römischen Gott der Unterwelt.

Dis ist ein faszinierender Ort; Dante schafft es mit seiner Beschreibung, die Hölle immer weniger wie die Erde erscheinen zu lassen. Auf der einen Seite hat die Stadt Mauern, Tore, Türme, Häuser und Straßen wie jede menschliche Stadt. Andererseits ist sie unmöglich groß und enthält drei der neun Höllenkreise, von denen der letzte und der unterste eine massive gefrorene Grube ist, in der die gewaltige und monströse Figur des Satans selbst im Eis gefangen liegt.

Dis betont auch die blasphemische, rückwärts gerichtete Natur der Hölle. Die Sterblichen suchen Hügel und andere befestigte Positionen auf, um ihre Städte aufzubauen; die Hölle dagegen ist ein umgekehrter Berg, in dem die Macht immer weiter nach unten fließt, hinab zu den größten und tiefsten Sünden.

Im Gegensatz zu vielen der neueren Kartographen der Hölle vertrat Dante die Ansicht, dass jeder, der in die Hölle kam, es auch verdient hatte, obwohl es viele verschiedene Abstufungen der Sünden mit ihren spezifischen Strafen gab. Diebe zum Beispiel werden hier bestraft, indem sie in einer Schlangengrube darben, deren Gift das Opfer dazu bringt, sich in irgendein Tier oder Objekt zu verwandeln. So wird ihnen ihre Identität genommen.

Es gibt auch eine sehr klare Struktur in dieser Hölle, die Bewohner des Infernos sind nämlich den himmlischen Heerscharen unterworfen. Das wird an einer Stelle ganz bsonders deutlich, wo ein Engel aus dem Himmel vorbeischaut, um mit einigen Dämonen und Monstern ein ernstes Wörtchen zu reden, weil sie sich Dante und Virgil in den Weg stellten.

Und die Horden der Hölle hören auf ihn und lassen die beiden Sterblichen durch! Nicht viele anständige moderne Unholde wären wohl so entgegenkommend gegenüber einem Vertreter der anderen Seite. Man wird heute wohl kaum mehr erleben, dass sich ein Unhold vor einem Heiligen verbeugt. es sei denn, der Heilige selbst ist – von zweifelhafter Natur, was, wie wir wissen, durchaus schon vorgekommen ist.

Einige der Sünden aus Dantes Hölle sind mittlerweile aus der Mode gekommen. Diejenigen, die Simonie (d.h. Verkauf von klerikalen Ämtern) begangen haben, werden bestraft, indem sie mit dem Kopf voran in den Boden gepflanzt und an den Füßen in Brand gesteckt werden. Für die meisten Hörer sollte es ein Leichtes sein, dieses Verbrechen in der heutigen Zeit zu vermeiden. Umgekehrt gibt es keine spezifische Strafe für Rassisten, Online-Betrüger oder Personen, die “Espresso” wie “Expresso” aussprechen.

Eine Sache, die Dantes Höllenvision aber besitzt, und die vielen späteren Versionen fehlt, ist die große Vielfalt an verschiedenen Klimazonen und Themen. Dante zeigt uns erwartungsgemäß das Land des Feuers und des Schwefelregens, aber es gibt auch einen Ort des endlosen, trüben Regens, eine Wiese, auf der die genannten Zentauren unter sich sind, einen Eissee, ein dunkles Land, das von heulenden Winden geplagt wird, und einen harpyischen Wald, in dem alle Bäume vergiftete Dornen tragen, die aus den Seelen der Selbstmörder entstanden sind. Es gibt sogar einen vergleichsweise angenehmen Bereich, in dem die Seelen der rechtschaffenen Heiden herum sitzen und sich wünschen, sie wären spät genug geboren worden, um auf den monotheistischen Zug aufzuspringen.

Alles in allem haben wir hier die würdige Version eines bahnbrechenden Dichters: Wenn man sich das Leben nach dem Tod vorstellt, dann bitte riesig und seltsam und fremd.

Verlassen wir nun die Göttliche Komödie und begeben wir uns auf die wegelosen Pfade von Chaos und Nacht, bis wir den Weg in eine gigantische Steinkammer finden, die nicht weniger verflucht ist wie der Ort, den wir gerade verlassen haben.

Das verlorene Paradies

Milton, der mehrere Jahrhunderte später schrieb, war weniger mit den Details der Hölle beschäftigt als Dante. Für ihn war sie nur ein Teil der großen kosmischen Kulisse für sein tragisches Charakterspiel; mit feurigen Meerbusen, ewigem Leid und unerbittlichen Ketten, die dem himmlischen Drama Würze verleihen.

Aber er schuf ein dauerhaftes und faszinierendes Bild der Hölle. Dieser göttliche Kerker voller Qualen und “Regionen der Trauer” brennt uneblässig, hat aber kein Licht, nur eine Art sichtbare Dunkelheit, die vom unendlichen Höllenfeuer geworfen wird.

Oder besser gesagt, die eine Hälfte von Miltons Hölle steht in Flammen. Die andere Hälfte ist ein Kontinent aus Eis, der von ständigen Schneestürmen und Winden heimgesucht wird. Es ist gar nicht ausgeschlossen, dass die nordische Totengöttin Hel diesen Ort ihr Zuhause nennt und dass Luzifers Heerscharen ihre Armee der entehrten Toten erst besiegen mussten, um ihn in Besitz nehmen zu können.

Die verdammten Seelen der Menschen werden routinemäßig von einer Hälfte der Hölle zur anderen über den Fluss Lethe gebracht (dessen Wasser sie ihre Qualen vergessen lassen könnte, wenn sie es nur erreichen könnten). Lethe ist einer der berühmtesten Flüsse der griechischen Unterwelt, wodurch sichtbar wird, dass die westliche Literatur hier immer noch nicht über ihre klassischen Wurzeln hinweg gekommen ist.

Miltons kurze Beschreibung der gefallenen Engel (frisch von der Armee des Himmels besiegt und niedergeschlagen), die sich auf den Weg machten, die Hölle zu erforschen, um zu sehen, ob es auch schönere Viertel als den brennenden Lavasee gab, in dem sie gelandet waren, ist wirklich beeindruckend.

Diese Passage gäbe eine großartige Kurzgeschichte her. Man stelle sich vor, die Hölle wäre Neuland und man befände sich auf der Suche nach ein wenig Trost in diesem hoffnungslosen Land. Welche dunklen Wunder würde man entdecken? Würde man ein karges Land finden, das nur darauf wartet, in ein wahres Denkmal des Bösen umfunktioniert zu werden?

Milton gab uns auch die Hauptstadt des Pandämoniums. Heutzutage hat das Wort “Pandämonium” seine unheimliche Konnotation verloren. Eltern können damit mittlerweile sogar ein lebendiges Kinderfest beschreiben.

Wenn wir uns die Wurzeln des Wortes Pandämonium ansehen, bekommen wir Pan (das steht für alles) – und Dämonium – was natürlich Dämonen bedeutet. Das Pandämonium ist ein Ort, an dem sich alle gefallenen Engel und falschen Götter aus Luzifers gescheiterter Rebellion versammeln, um über eine neue Strategie zu diskutieren. Dies ist das Parlament der Teufel, wo sie entscheiden, was die Natur und der Zweck des Bösen sein soll. Trotz alledem ist es ein wunderschöner Ort – ein vergoldeter und unglaublich fascettenreich verzierter Tempel. Miltons Hölle ist reich an Gold (der Mittelpunkt so vieler Todsünden), und ihre Bewohner waren bis vor kurzem Engel, ausgestattet mit dem Geschmack für die Herrlichkeit des Himmels und einem Verständnis für Architektur, die der Mensch erst nach langer, langer Zeit erreichen würde.

Uns wird nicht wirklich gesagt, wie groß das Pandämonium ist, nur, dass Menschen ein ganzes Zeitalter brauchen würden, um etwas ähnliches zu erbauen, von den Dämonen aber in einer einzigen Stunde geschaffen wurde, und dass die Heerscharen aus Luzifers Armee sich von ihrer üblichen riesigen Größe verabschieden und schrumpfen mussten, um hineinzukommen.

Dante zeigt uns eine Hölle, die längst etabliert war. Milton führt uns in eine schreckliche Wildnis und lässt uns die Anfänge des höllischen Reiches sehen, das Luzifer und seine Legionen aus ihm herausschneiden. Von Milton bekommen wir die Idee, dass die Hölle glorreich und grandios und sogar bequem für gefallene Engel sein kann, wenn nicht sogar für gefallene Menschen. Und wir werden ergreifend daran erinnert, dass Satan, das monströseste, verkommenste und schmutzigste aller Wesen im Kosmos, einst Luzifer war, der hellste und beste aller Engel Gottes.

Luzifer selbst bezieht sich darauf, wenn er versucht, die riesige Gefängnishöhle der Hölle zu verlassen, wo er zwei kolossale und abscheuliche Kreaturen vorfindet, die das einzige Tor bewachen, das an der höchsten Stelle der Steindecke zu finden ist.

Die Sünde ist Satans Tochter und sie entsprang seinem Kopf, als er zum ersten Mal die Idee der Rebellion gegen Gott hegte. (Das ist übrigens ein eklatanter Abklatsch der Ursprungsgeschichte von Athena, der griechischen Göttin der Weisheit und des Krieges.)

Die Sünde sah unglaublich reizend und verführerisch aus und hatte prompt eine Affäre mit ihrem Schädel-Vater. Der Tod ist ihr Nachwuchs; auf ihm und seiner Mutter lastet der Fluch der Rebellion, was bedeutet, dass sie in schrecklichen Formen erscheinen müssen oder können.

Das ganze Bucht ist sehr allegorisch, aber es bringt einen faszinierenden Punkt ins Gespräch, der von einem oder zwei späteren Autoren wieder aufgegriffen wurde. Was wäre, wenn die Hölle bereits bewohnt gewesen wäre, bevor ein Drittel der himmlischen Heerscharen in Ungnade fiel und dort eingesperrt wurde? Was könnte in der Hölle heimisch sein?

Vielleicht werden die Antworten auf diese Fragen noch kommen. Folgen wir vorerst Luzifer aus dieser Höhle, fliegen etwas weiter weg und verlassen für den Augenblick sogar unser eigenes Sonnensystem.

Shownotes:

  1. Intro (0:00)
  2. Dantes Inferno (2:08)
  3. Das verlorene Paradies (8:26)

Zum zweiten Teil geht es hier: Streifzüge durch die Unterwelt (2) – Terry Pratchett und Neil Gaiman

Ed und Lorraine Warren oder: Die Heimsuchung

Das Forschungsgebiet – Geister und Dämonen

Wenn wir an ein Theater denken, stellen sich die meisten von uns eine Bühne vor, komplett mit Vorhängen, grellen Lichtern und einem aufmerksamen Publikum, das sorgfältig hinter einer „vierten Wand“ positioniert ist. Wir denken an Schauspieler, Schriftsteller und Regisseure, die alle das nächtliche Treiben einer unbestimmten Aufführung leiten. Was aber wäre, wenn diese Barrieren nicht mehr existieren würden? Was wäre, wenn dein Zuhause zur Bühne würde? Gibt es irgendwo mehr Privatsphäre oder Intimität als in deinem Zuhause? Als im Zimmer deines Kindes? In deinem Bett? Unsere Häuser scheinen auf einer anderen Ebene der Vorstellung zu existieren. Sie atmen, knarren, knacken und pfeifen. Manche haben sogar Gesichter mit bedrohlichen Fenstern, die wie Augen aussehen. „Wenn diese Wände sprechen könnten“, sagen wir; aber wollen wir wirklich wissen, was sie zu sagen haben? Könnte es vielleicht doch Geister geben? Böse Geister? Etwas, das wir nicht sehen können? Gibt es solche Dinge überhaupt, oder ist das alles nur in unserer Einbildung präsent? Niemand verstand sich auf diese Fragen besser als Ed und Lorraine Warren.

Als selbsternannte Dämonologen und Geisterjäger sind die Warrens heute berühmt für die Arbeit, die sie in den späten 1940er Jahren begonnen hatten. „Glaubst du an Gott?“, fragten sie. „Weil man ohne Glauben nicht verstehen kann, was wir tun.“ Auf der Website des Paares, warrens.net, gibt es ein Zitat von Ed:

„Die katholische Kirche bezeichnet Gott als ein übernatürliches Wesen, und die Bibel ist voll von Dämonengeschichten, Teufeln, Heiligen und Engeln.“

Während diese Aussage die Existenz dieser Entitäten noch lange nicht beweist, bringt Ed die kardinale Frage auf den Punkt:

„Wenn wir an ein übernatürliches Wesen glauben können, warum dann nicht an alle?“

Natürlich waren Ed und Lorraine Warren schon lange vor ihrer Darstellung als liebevolles und frommes katholisches Paar in The Conjuring (2013) eine Schau und ständig auf Achse. Über mehr als 60 Jahre hinweg schrieb das Paar unzählige Bücher, die Tausende von „Fällen“ dokumentierten, die sich mit Dämonen, Geistern, Werwölfen und Phantomen beschäftigten. Vielleicht kennt ihr ihre Beteiligung an The Amityville Horror oder an Das Haus der Dämonen (The Haunting in Connecticut). Vielleicht habt ihr von ihrem okkulten Museum oder ihrer dämonischen Puppe Annabelle gehört. Wenn ihr auf Horror stehet, werden sich eure Wege irgendwann einmal mit denen der Warrens gekreuzt haben.

Die Geisterjäger

Ed wurde als Edward Warren Miney am 7. September 1926 in Bridgeport, Connecticut geboren. Sein Vater arbeitete nachts als Polizist, während seine Mutter, angeblich Alkoholikerin, oft abwesend war und ihn allein mit seiner Schwester zurückließ. Später behauptete er, dass ihr Zuhause heimgesucht worden sei und dass er seinen toten Großvater nachts durch das Haus laufen gehört habe, wobei sein Stock mit schweren Schlägen auf den Boden schlug.

Eds Verbündete wurde Lorraine Rita Moran, am 31. Januar 1927 geboren. Sie besuchte die renommierte katholische Mädchenschule Lauralton Hall. Die Auswirkungen ihrer Erziehung sind in Lorraines poliertem, hochklassigem Aussehen und Eds unhandlicher, investigativer Stimmung deutlich zu erkennen. Beide waren fantasievoll und in rauen katholischen Umgebungen aufgewachsen, was zweifellos ihre Arbeit beeinflusste.

Das Paar traf sich zum ersten Mal im Jahr 1943. Ed war ein Platzanweiser im örtlichen Kino. Es war das Jahr, in dem Frankenstein den Wolfsmenschen, gespielt von Bela Lugosi, traf. Lorraine war eine Schülerin, die bereits vor einer französischen Lehrerin zugegeben hatte, dass sie „Lichter“ um einzelne Personen sehen könne. Und wie Lorraine uns erzählt, war es Liebe auf den ersten Blick.

Sie heirateten mit 17 und 18 Jahren, begannen ihre Karriere als Geisterjäger und suchten nach Zeitungsartikeln in den Zeitungen, in denen es um Gespenstergeschichten und paranormale Aktivitäten ging. Sie nahmen dann Kontakt mit den Familien auf, um ihre eigene Neugier zu befriedigen. Ed erklärt ihr Vorgehen so:

„Ich gehe auf die Mitte der Straße hinaus, wo mich alle sehen können, und ich fange an, das Haus zu skizzieren, mit Vorhängen, die hin und her flattern. »Was macht er denn da?«, fragen sich die Leute. Ich mache eine wirklich schöne Skizze des Hauses mit all den Geistern, die daraus hervorkommen, und ich gebe sie Lorraine, sie klopft an die Tür, und mit ihrer irischen Persönlichkeit sagt sie: ‚Oh, mein Mann liebt es, Spukhäuser zu skizzieren und zu malen. Und er hat das hier für Sie gemacht.‘

Eds Kunstwerke und Lorraines Charme brachten sie ins Haus. Ed würde dann als Ermittler fungieren und sein Notizbuch öffnen, um seine Ergebnisse festzuhalten, während er die Bewohner interviewte. Unterdessen würde Lorraine Warren allein gelassen werden, um das Haus zu durchsuchen. In einem Schlafzimmer würde sie auf den Betten von Familienmitgliedern sitzen, wo sie „den besten Kontakt bekam“. Und wenn sie einer Familie „helfen“, mit ihrem Spuk fertig zu werden, würden die Warrens niemals etwas für ihre Dienste verlangen. Stattdessen verwandelten sie ihre Geschichten in Fallstudien und begannen, sie zusammen mit Eds Gemälden zu verkaufen, während sie am Northeast College Vorträge und Kurse über Dämonologie gaben. Mit ihren Erfindungen schafften sie es, ein bescheidenes Leben führen zu können.

Die Heimsuchung

Im Jahr 1952 gründeten sie die New England Society for Psychic Research und ihr okkultes Museum im hinteren Teil ihres Hauses. Mit Schnickschnack, Masken und Tarot-Karten gefüllt, ähnelt es den staubigen Eingeweiden eines Theaters, randvoll mit wertlosen Requisiten aus vergangenen Produktionen. Das Museum spielt eine kleine Rolle in The Conjuring, das sich auf die Erfahrungen der Warrens mit der Familie Perron konzentriert. Während sie den Film promotete, erklärte Lorraine Warren: „Vieles ist genau so passiert.“ Aber die Realität des Perron-Falles erzählt eine andere Geschichte.

Carolyn Perron hatte sich spontan für das Rhode Island Farmhouse entschieden. Sie und ihr Mann hatten nur das wenige Geld, das Roger von seinen langen Arbeitsfahrten erhielt, wobei er Carolyn und ihre fünf Töchter allein im neuen Haus zurücklassen musste. Die Warrens tauchten ungebeten vor Carolyns Haustür um Halloween 1974 herum auf. Damals teilte Carolyn ihre Recherchen über das Haus mit Lorraine Warren, einschließlich ihrer Entdeckung der vermeintlichen „Küchenhexe“ Bathsheba Sherman. Ihre akribischen Notizen und ihr Tagebuch wurden von Lorraine Warren „ausgeliehen“ und von ihr nie zurückgegeben.

In dem Bemühen, Werbung zu machen, hielten die Warrens Vorträge über den Fall und enthüllten die tatsächliche Adresse der Familie, was dazu führte, dass Scharen von Geisterjägern und religiösen Fanatikern vor dem Bauernhaus auftauchten. Dies befeuerte nur Rogers Abneigung gegen die Warrens, die er oft als billige Scharlatane bezeichnete. Er warnte seine Frau: „Sie werden dich nur wegen ihrer traurigen Berühmtheit benutzen, für ihre eigenen Zwecke“. (Andrea Perron, House of Darkness, House of Light: The True Story, S. 358-62). Und: „Merkst du nicht, wenn mit dir gespielt wird?“.

Aber Carolyn war bereits im Netz. Je mehr ihr Mann protestierte, desto mehr wurde sie auf die Seite der Warrens gezogen. Die Kinder heizten diese Situation mit ihren Streichen zusätzlich auf, und ihre eigenen Forschungen hatte das Ganze am Leben erhalten – dieses Bedürfnis nach etwas, das es geben muss. Als die Warrens im Haus eine Séance abhielten, durften die Kinder endlich ihre angestaute Energie in einer erschöpfenden Aufführung hervorbringen. Wie ein Sünder vor einem Fernsehprediger warf sich Carolyn in ihre Trance. Sie gab vor, besessen zu sein und erreichte bald den psychologischen Klimax, nach dem sie sich gesehnt hatte, den Höhepunkt des „Warren Home Theatre“. Roger beendete die Show abrupt, indem er Ed ins Gesicht schlug. Er prügelte beide Warrens beinahe aus dem Haus.

Einige Skeptiker glauben, dass die ganze Heimsuchung nur von einer fantasievollen Mutter verursacht wurde, die allein in einem alten Haus zurückgelassen wurde, mit fünf Kindern, die ständig Streiche spielten. Roger glaubte nie, dass Geister oder Dämonen im Haus waren. Aber die Warrens brauchten niemals echte Beweise, um eine gute Geistergeschichte zu entwickeln. Zum Beispiel wurde der Enfield-Poltergeist, der prominent in der Fortsetzung The Conjuring 2 vorgestellt wird, als das Werk von zwei sehr klugen Mädchen weithin akzeptiert, die ihrer Mutter Streiche spielten, aber die Warrens holten aus der Geschichte mit ihren eigenen fantasievollen Spekulationen noch wesentlich mehr heraus.

Es wurden niemals echte Beweise erbracht, um die Behauptungen der Warrens zu stützen. Und Guy Lyon Playfair, einer der Chefermittler des Falles Enfield-Poltergeist, behauptet, die Warrens seien plötzlich ungebeten aufgetaucht, blieben nur einen Tag und versuchten einfach „Geld aus der Sache zu machen“.

Wenn die Warrens jedoch berühmt werden wollten, würden sie mehr als kindische Streiche und Gerüchte über eine Hexe brauchen – sie würden etwas Größeres, Schrecklicheres und Fesselndes brauchen. Und diese Gelegenheit würde sich bald in dem ruhigen Seeuferdorf von Amityville, New York, präsentieren. Ed und Lorraine Warren arbeiteten seit etwa 30 Jahren von Tür zu Tür; jetzt waren sie bereit für die Primetime.

Der Amityville-Horror

Es gab nirgendwo Beweise dafür, dass die Residenz in der 112 Ocean Avenue heimgesucht wurde. Das Einzige, was man sicher wusste, war, dass am Morgen des 13. November 1974 sechs Menschen dort ermordet worden waren: Vater, Mutter und vier Kinder. Der älteste Sohn, Ronald „Butch“ DeFeo, Jr., wurde für schuldig befunden und bekam sechsmal Lebenslänglich. Sein Anwalt, ein Mann namens William Weber, behielt die Akten bei sich und wollte die weit verbreitete Bekanntheit seines Klienten ausnutzen.

Dreizehn Monate nach den Morden kauften George und Kathy Lutz das Haus für 80.000 Dollar. Ein Großteil der DeFeo-Möbel befand sich noch darin, als sie einzogen. Kathy hatte drei kleine Kinder aus einer früheren Beziehung, und George war der Besitzer und Betreiber der Vermessungsbranche seiner Familie in der dritten Generation. Angeblich war das Anwesen ihr Traumhaus, aber sie blieben nur 28 Tage.

Während dieser Zeit arbeiteten sie eng mit Weber und dem Schriftsteller Paul Hoffman zusammen, um eine Geistergeschichten zu entwickeln und sie zu überarbeiten. Aber als sie bemerkten, dass sie durch die Zusammenarbeit mit Weber und Hoffman so gut wie nichts fertig bekamen, gaben sie die Zusammenarbeit auf, zogen nach Kalifornien und engagierten Jay Anson, um das Buch zu fertig schreiben. Im September 1977 veröffentlicht, wurde The Amityville Horror ein sofortiger Bestseller, und als der Film 1979 erschien, spielte er ungefähr 86,4 Millionen Dollar ein.

Aber vor der Hollywood-Version und nur Monate nachdem die Familie Lutz im Januar 1976 die 112 Ocean Avenue verlassen hatte, kamen die Warrens mit einem Nachrichtenteam von Channel 5 New York an. Lorraine Warren erkundete das Haus alleine und sagte später, dass sie „der Hölle nie näher gewesen war“. Die Kamerateams sagten das Gegenteil und gaben an, dass sie nichts Ungewöhnliches miterlebt oder erlebt hätten. Trotzdem behaupteten Ed und Lorraine Warren, dass das Haus tatsächlich heimgesucht wurde. Sie wurden interviewt, traten im Fernsehen auf und wurden als Experten und Autoritätspersonen auf diesem Gebiet angesehen.

Als die Geschichte Berühmtheit erlangte, begannen immer mehr Menschen, ihre Authentizität in Frage zu stellen, und verwiesen auf die Ähnlichkeiten, die der Fall mit dem Exorzisten teilte, eine internationale Sensation, die ein paar Jahre zuvor veröffentlicht wurde. In einem Versuch, die Skeptiker zu beschwichtigen, während sie 1979 die Filmversion von The Amityville Horror vorstellten, veröffentlichten die Warrens ein Foto, das ein Freund angeblich im Haus aufgenommen hatte und das einen „dämonischen Jungen“ zeigte. Die Warrens behaupteten, dass das Foto Beweis genug sei, dass das Haus heimgesucht wurde, und Lorraine Warren schwor, dass sie nie dorthin zurückkehren würde.

Im selben Jahr räumte Weber selbst ein, die ganze Geschichte sei eine Erfindung. Er sagte dem People Magazine:

„Ich weiß, dass dieses Buch ein Schwindel ist. Wir haben diese Horrorgeschichte während vieler Flaschen Wein kreiert.“

Aber der Schaden war bereits angerichtet. Jetzt war die amerikanische Öffentlichkeit hungrig nach „wahren“ Horrorgeschichten, und die Warrens hatten ihren ersten echten Ruhm bekommen. Aber wie würde es ihre Fälle beeinflussen? Wie weit waren sie bereit, die Wahrheit für ihre eigenen Zwecke zu verbiegen?

Jetzt war die amerikanische Öffentlichkeit hungrig nach „wahren“ Horrorgeschichten, und die Warrens hatten ihren ersten echten Ruhm bekommen.

Laut Dr. Joe Nickell, einem Mitglied des Komitees für Skeptische Untersuchungen, sind die Warrens „berüchtigt für das Übertreiben und sogar das Auslösen von Vorfällen.“ Als er 1992 mit den Warrens in Bezug auf den Snedeker-Spuk (Das Haus der Dämonen) auftrat, fügte er hinzu, dass die „Warrens nie ein Haus gefunden hätten, von dem sie nicht glaubten, dass es dort spuke.“ Nickell sagte, dass der „Ermittler“ und die „Hellseherin“ lediglich einen von Weber und den Lutzes mit The Amityville Horror begonnenen Prozess verfolgten. Mit dem Ziel und Ergebnis eines Bestsellers.

Schritt eins: Finden Sie ein Haus, in dem es einen Todesfall gab. Es kann ein Bestattungsinstitut sein, Ort eines Massenmordes, das Zuhause einer ehemaligen Hexe, die ihr Kind getötet hatte usw.. Schritt zwei: Bringen Sie ein paar „Ermittler“ mit – ein paar Dämonologen, die beweisen, dass Sie es ernst meinen. Dritter Schritt: Stellen Sie einen professionellen Autor ein, um die Story „beängstigend“ zu machen. Schritt vier: Behaupten Sie, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Schritt fünf: Bringen Sie es nach Hollywood. Und schließlich, Schritt sechs: Werden Sie reich.

Carmen Snedeker entschied sich dafür, diese Strategie mit Hilfe der Warrens zu verfolgen. Die ehemalige Bowling-Kellnerin hatte vier Kinder und war für zwei ihrer Nichten gemeinsam mit ihrem Ehemann Allen verantwortlich, einem Steinbruch-Vorarbeiter. Bei ihrem Sohn Philip wurde mit 13 Jahren Morbus Hodgkin diagnostiziert. Sie waren vor fast zwei Jahren in das ehemalige Hallahan-Beerdigungsinstitut eingezogen und somit bei oben genanntem Schritt eins angelangt.

Im zweiten Schritt begrüßten die Snedekers die Warrens zusammen mit Ed und Lorraines Enkel und Neffen in ihrem Haus. Die vier paranormalen „Ermittler“ lebten neun Wochen lang bei der Familie. Während dieser Zeit änderten sie die ursprüngliche Geschichte von Philip, der angeblich Geister sah, in eine komplette dämonischen Präsenz (während sie unter dem Einfluss von pharmazeutischen und Freizeitdrogen standen).

Im dritten Schritt wurde der Romanautor Ray Garton vorgestellt, der annahm, dass er in einem Sachbuch ein wahres Gespenst dokumentieren sollte. Stattdessen fand er heraus, dass es den Snedekers schwer fiel, ihre Geschichten widerspruchsfrei zu halten. Er wandte sich an Ed Warren, der ausrief:

„Sie sind verrückt. Alle Leute, die zu uns kommen, sind verrückt. Deshalb kommen sie zu uns. Benutze einfach was du brauchst und erfinde den Rest. Du schreibst gruselige Bücher, richtig? Nun, mache es auch diesmal und mache es unheimlich. Deshalb haben wir dich engagiert.“

Garton war unter Vertrag, also schrieb er den Roman, protestierte aber dagegen, dass er als wahre Geschichte oder Sachbuch beworben wurde. Wie auch immer: Die Geschichte eines wahren Spuks wurde unter beiden Aspekten verkauft und erfüllte die Voraussetzung für den vierten Schritt. Natürlich hatte Hollywood es mit Handkuss genommen und der Film Haus der Dämonen spielte 2009 über 55 Millionen Dollar ein. Schritt Fünf war damit ebenfalls abgehakt.

Was aber hat die Snedeker-Familie aus all dem herausbekommen? Nun, Carmen musste in ihrer neuen roten Jacke in einer Talkshow auftreten und hielt eine brandneue Bibel in der Hand, außerdem einen einfachen hölzernen Rosenkranz, während sie ihre früheren Nachbarn im Publikum beschimpfte. Kathy Altemus, die auf der anderen Straßenseite wohnte, präsentierte ihr Gästebuch mit Nachbarschaftsveranstaltungen und diskreditierte jeden ernsthaften Anspruch der Snedekers. Philipps Drogenkonsum wurde öffentlich gemacht. Carmen sah zu, wie ihre Nichte weinte und erklärte, wie ein Geist sie berührt hatte, während sie gleichzeitig die Tatsache verheimlichte, dass es ihr Sohn Philip war, der die Mädchen tatsächlich belästigte.

Dann, in einem letzten verzweifelten Versuch, Skeptiker zu beschwichtigen, kletterten Carmen und ihr Ehemann auf die Bühne und erklärten, wie sie zu verschiedenen Gelegenheiten von einem Geist ohne Geschlecht in einem Bett bei klassischer Musik vergewaltigt wurden. Sie erschufen auf der Bühne die Szene neu. „Es war keine normale Vergewaltigung“, erklärte Allen. Carmen fügt hinzu, dass sie einmal die Straße runterlief, während sie den ganzen Weg über „sodomiert“ worden war. Sie brachte diesen Satz kaum ohne ein sichtbares Grinsen hervor.

Schließlich wurden die Warrens auf die Bühne gebeten. Lorraine Warren war die personifizierte Stille, das Auge des Sturms, mit Ed zu ihrer Linken und Carmen zu ihrer Rechten. Beide griffen die Skeptiker verbal an, ließen sie nicht zu Wort kommen und benutzten die katholische Kirche als Schutzschild. Dr. Joe Nickell argumentierte, dass der Snedeker-Fall dem gleichen Muster wie der Amityville-Schwindel folgte. Ed Warren sah ihm ins Gesicht und drohte mit Gewalt. Er argumentierte, dass der Schwindel nicht bewiesen sei. Carmen kam herein und bezeichnete Nickell als einen Atheisten, der nichts von diesen katholischen Angelegenheiten wisse.

Es ist dieser Moment, in dem man erkennt, dass die Warrens nicht wie ihre Interpretationen in The Conjuring waren. Ja, Lorraine Warren scheint ausgeglichen und poliert, aber Ed war kein Heiliger. Er war aggressiv, argumentativ und geradezu kindisch. Schlimmer noch: Keiner von ihnen schien gebildet oder raffiniert genug zu sein, um ein Meisterstück zu verwirklichen. Das ist der Grund, warum die Snedekers nie reich wurden und warum die Warrens noch immer versuchten, Geld aus ihrem geheimnisvollen Museum zu ziehen und etwas bei ihrer Warrenology-Tour zu verdienen.

Ed starb 2006, und Lorraine Warren hat ihr Geschäft weitergeführt; aber die Wahrheit ist, dass sie nie Wissenschaftler oder Retter waren. Sie waren nur ein paar zottelige Kinder, die sich für Geistergeschichten interessierten, eine rebellische Ader hatten und einen Weg sahen, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen – Ed mit seinen Gemälden, Lorraine mit ihren Büchern. Sie wollten die Hollywood-Versionen von sich selbst sein, waren aber so weit von ihren Charakteren entfernt, wie es die Filmversion Annabelles von ihrer wahren Raggedy-Ann-Form ist.

Horror

Wie der Horror mit dem Tod fertig wird

Dieser Artikel ist Teil 13 von 24 der Reihe Was ist Horror

Wir werden durch Symbole, Rituale, Religionen, Sprache und Kunst gelehrt. Unsere gesellschaftliche Sicht der Sterblichkeit verschiebt sich immer dann, wenn sich in unserer Kultur Veränderungen vollziehen. Zum größten Teil, zumindest in der westlichen Gesellschaft, fürchten wir den Tod und versuchen ihn irgendwie zu besiegen, um Unsterblichkeit zu erlangen.

Die Notwendigkeit, den Tod zu besiegen, war stets ein Hauptimpuls der Menschheit. Vielleicht versuchen wir, Unsterblichkeit über die biologische Schiene zu erreichen, indem wir durch unsere Elternschaft versuchen, eine genetische Kontinuität zu erlangen. Ein anderer Weg, auf dem Menschen versucht haben, den Tod zu besiegen, ist durch Kreativität und Erfindungsgabe. Indem wir etwas machen, das über unsere Lebenszeit hinausgeht, versuchen wir die Unsterblichkeit zu finden. Dramatische oder bildende Kunst, Musik, Literatur, Gedanken; neue Wege, der Menschheit zu dienen, ermöglichen dem Schöpfer ein gewisses Maß an Leben jenseits des Grabes.

Wir suchen auch irgendeine Form des ewigen Lebens durch die Religion zu erreichen: eine Wiedergeburt, eine Auferstehung, eine Metamorphose, eine Art von Leben nach dem Tod. Religion in der Vergangenheit bot Trost, aber sie erzeugte auch Ängste, die zu gesellschaftlichen Kontrollen wurden. Lebe ich ein gutes Leben? Werde ich zur Hölle verdammt? Steht mir nach dem Tod ein Urteil bevor? Die Schaffung von Werten und Moral war ein Ergebnis dieser Annahme, dass ein Leben jenseits der Gegenwart irgendwie von den Handlungen oder Überzeugungen im eigenen Leben abhing.

Der Respekt, den wir den Toten entgegenbringen, ist ein anderer Weg, die Sterblichkeit zu besiegen. Die ersten nachweisbaren Zeichen der Zivilisation und der Anerkennung des Lebenszyklus waren die Art und Weise, wie WIR unsere Toten bestatteten. In der Tat basiert das, was wir heute über die Vergangenheit wissen, in der Regel auf Grabbeigaben und Artefakten, die mit den Toten bestattet wurden.

Friedhof bedeutet “Schlafplatz”. Denkmäler und Grabsteine ​​sind ebenfalls eine Möglichkeit, das Vergessen zu vermeiden. Die einfachen Grabsteine ​​und das Vorherrschen des Schädelsymbols in den frühen puritanischen Grabmälern spiegelten das Beharren des Puritaners wieder, dass die “Endzeit” nahe war und zeigten die Verachtung für eine garantiert temporäre Welt.

Im neunzehnten Jahrhundert wich die grimmige theologische Konzentration auf eine zum Untergang verurteilte Welt mit wenig Aussicht auf den Himmel schließlich einer weniger pessimistischen Form des Christentums. Es wurde Hoffnung auf ein besseres Leben in einem jenseitigen “gelobten Land” angeboten, wo man mit denjenigen wieder vereint werden konnte, die man vorher verloren hatte. Auch kam es zu einem soziologischen Wandel durch die neuen Wissenschaften der Psychiatrie und Psychologie und sogar der Kriminologie, so dass man glaubte, dass die Menschen reformiert oder zum Besseren verändert werden könnten. Auf Friedhöfen wurde dieser neue Optimismus durch süße, geflügelte Putten, tröstende Engeln, verzierte Gräber und den milden Grabinschriften jenes Jahrhunderts widergespiegelt. Der Tod selbst schien durch das Versprechen eines Lebens jenseits des Grabes weniger abschreckend zu sein.

Unsere modernen parkähnlichen Friedhöfe nehmen hier ihren Anfang als angenehme Orte innerhalb der städtischen Grenzen für die Lebenden, die so unter den Toten spazieren können, um über ein mögliches Wiedersehen nachzudenken. Tod und Trauer wurden im neunzehnten Jahrhundert häufig etwas romantisiert. In einer Zeit, als die Säuglings- und Kindersterblichkeit extrem hoch war, konnte dies ein beruhigender Gedanke sein.

Die Totenacker waren nicht länger an einen privaten ländlichen Familienfriedhof oder an das heilige Gelände der Kirche gebunden. Jede Person konnte an diesem neuen Ort der Ruhe begraben werden. Wenn sie wollten, konnten sie mit ihren Nachbarn oder Feuerwehrleuten oder Veteranen oder solchen, die die gleiche ethnische Herkunft hatten, begraben werden. Wenn man an das Leben nach dem Tod glaubte, konnte man sich auf einen Tag konzentrieren, an dem Gläubige aus dem Grab gerufen wurden. Der Gedanke war tröstlich, zu denken, man würde eines Tages selbst aus dem Grab gerufen. Die Religion war immer noch einflussreich, aber die städtischen gesellschaftlichen Bindungen koexistierten mit ihr. Ein weiterer ganz praktischer Einfluss war der erhöhte Platzbedarf durch verschiedene Krankheiten, die in nur kurzer Zeit Tausende auslöschten. Anfangs waren diese “Friedens-Höfe” vollgestopft mit gotischem Marmor und sogar kleinen Mausoleen. Aber schließlich ersetzten die schlichten einheitlichen Grabsteine ​​der Moderne das Individuelle und Dekorative. Sie spiegeln unsere gegenwärtige Betonung der Rationalität und unsere bürokratische Zeit wider.

Heute hat die Religion kein Monopol mehr auf den Tod – Gesetz und Medizin haben das übernommen. Durch Gesetzestexte können die Toten durch Vermächtnisse und Testamente unnatürliche Macht über die Lebenden ausüben. Der Tod ist kein natürlicher Teil des Lebens mehr. Unser Leben wurde erweitert und verlängert. Wir sterben nicht mehr zu Hause bei Verwandten, sondern in Institutionen, in die uns die moderne Wissenschaft versetzt hat. Wir fürchten den verlangsamten Akt des Sterbens in diesen Tagen vielleicht mehr als den Tod selbst. Jetzt sind es die Alten, die annehmbar und unter wenig Kummer sterben, und der Tod wird nicht mehr als nützlich erachtet. Einst kam der Tod vor allem über die Jungen und die Schwachen; jetzt ist es das junge, unerfüllte Leben, das man, wenn es verkürzt wird, betrauert.

Im Horror haben wir uns immer schon mit den Toten und mit dem negativen emotionalen Terror der Unsterblichkeit beschäftigt. Die meisten unserer Archetypen sind symbolische Darstellungen des Lebens jenseits der Realität und jenseits eines tröstlichen Lebens nach dem Tod. Gespenster sind hier meist die gestörten Geister der Toten; Zombies sind die lebenden Toten; Vampire sind ein Triumph der Unsterblichkeit – und auch ihr Fluch. Unsere Monster – wahre, verwandelte und menschliche – sind erschreckend, weil sie den vorzeitigen Tod bringen. Wir personifizieren das, was uns am Tod ängstigt: dass das nächste Leben schrecklicher sein könnte als das gegenwärtige; dass die Toten uns als Beute betrachten und dass all unsere Religion und Vernunft dies nicht verhindern kann; dass es böse Mächte gibt, die den Tod benutzen, einen Tod, der gewalttätig und unnatürlich ist; selbst wenn wir unsterblich sein sollten, werden wir ewig Leiden.

In den Vereinigten Staaten sind wir fasziniert von einem gewaltsamen, gefährlichen Tod, ja, vom Tod selbst – genau wie wir von der Erotik fasziniert sind. Das erwächst aus der Zurückhaltung in unserer Kultur, sich öffentlich mit diesen Themen zu befassen. Das, was wir leugnen, ist immer verführerisch. Es wurde beobachtet, dass, wenn Sex von den Gefühlen, der Liebe und der Zuneigung getrennt wird, pornografisch und daher reizvoll wird, es sich ebenso mit dem Tod verhält: auch er wird dadurch pornografisch, wenn er sich von der natürlichen Emotion der Trauer getrennt zeigt. Vielleicht ist es die angloamerikanische Prüderie gegenüber Sex und Tod, die den Horror in der Kultur so populär macht.

Wir behandeln diese Themen im modernen Horror ständig. Wir verführen den Leser und Betrachter dazu, Angst zu haben, indem wir ihn dazu nötigen, darüber nachzudenken, welche Annehmlichkeiten wir doch gefunden haben, um mit dem Tod fertig zu werden.