Die Geschichte des Kriminalromans

Genrebeschreibungen sind selten eine klare Sache, aber nur deshalb kann man darüber diskutieren. Wäre immer alles klar und für jeden ersichtlich, würde ein Lexikoneintrag genügen und die Sache wäre erledigt. Heute widmen wir uns dem wohl beliebtesten literarischen Genre überhaupt. Dem Kriminalroman.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass es niemals eine erschöpfende Aussage über ein Genre geben kann, und so ist auch dies nur ein kleiner Überblick.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten „Queens of Crime“, Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

„Es ist unmöglich, den Überblick über all die Krimis zu behalten, die heute produziert werden. Buch um Buch, Zeitschrift um Zeitschrift strömt aus der Presse, vollgestopft mit Morden, Diebstählen, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, Problemen, Rätseln, Geheimnissen, Nervenkitzel, Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen, Geheimdienstlern, Detektiven, bis es scheint, als müsse die halbe Welt damit beschäftigt sein, Rätsel zu erfinden, damit die andere Hälfte sie lösen kann.“

Beginnen wir unseren kleinen Rundgang jedoch mit einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman, bevor wir uns einigen historischen Daten zuwenden.

Dorothy Sayers
Dorothy Sayers

Wenn man sich nicht ausschließlich auf die deutsche Terminologie beschränkt, ist es von vornherein angebracht, die hierzulande gebräuchlichen Gattungsbezeichnungen fast ausnahmslos zu verwerfen. Englisch ist die literarische Leitsprache der Populärliteratur, daran ändern auch länderspezifische Besonderheiten nichts. Ein Beispiel von vielen ist die „Mystery Fiction“, also die „Rätselgeschichte“, die hierzulande kaum als Begriff verwendet wird. Stattdessen wird der englische Begriff “Mystery” beibehalten und für eine Form der phantastischen Erzählung verwendet, die eigentlich der Weird Fiction nahe steht, während “Mystery Fiction” zur Kriminalliteratur wird. Diese wäre eigentlich Crime Fiction, die sich wiederum von der Mystery Fiction unterscheidet.

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Kafkas Verwandlung

Kafkas bekannteste Geschichte ist Die Verwandlung. Ich kenne keinen Menschen (und habe auch von noch keinem gehört), der diese Geschichte nicht gelesen hat. Diese Geschichte zu lesen ist wie sprechen lernen: man wird es irgendwann tun, es gibt keinen Weg, der daran vorbei führt. Ein Mann verwandelt sich in einen Käfer. Das wäre gar nicht spektakulär, hätte Kafka nicht das wirklich unheimliche Talent, das Surreale und Übernatürliche mit dem Gewöhnlichen zu verbinden. Hier geht das Unheimliche nicht von diesem Käfer aus, sondern von der Reaktion der Familie. Das Bizarre und Traumartige ist in Kafkas Genius verankert wie bei keinem Autor vor oder nach ihm. Seine präzise und äußerst perfekte Prosa transportiert das Grauen der Existenz als solche, unaufgeregt aber unaufhaltsam. Es gibt keinen Schriftsteller der Neuzeit, über den mehr geschrieben wurde, keinen Schriftsteller, der mehr analysiert, gedeutet und interpretiert wurde. Die Literatur über ihn füllt erstaunliche Hallen – und ein Ende ist nicht in Sicht. Und dennoch bleibt er bis in unsere Tage hinein ein Rätsel, das niemals gelöst werden kann, sein Werk ein absoluter Höhepunkt der Weltliteratur. Obwohl in einer glasklaren Sprache verfasst, gehört Kafka zu den anspruchsvollsten und schwierigsten Autoren aller Zeiten. Und dass er mit Die Verwandlung, In der Strafkolonie oder Ein Hungerkünstler drei der besten Horrorgeschichten schrieb, die es auf diesem Globus gibt, bereichert die spekulative Literatur um einen unbezahlbaren Schatz.

Peter Straub stirbt mit 79 Jahren

Peter Straub, einer der besten Autoren unserer Zeit, der unsere jahrzehntelange Faszination für Horrorgeschichten mitbegründet hat, verstand es, makabre und herzzerreißende Prosa in einem Satz zu verweben. Selbst Geschichten über Geistererscheinungen, unheimliche Paralleluniversen oder grausame Morde konnten in Straubs Händen schwermütig, sensibel und kathartisch wirken.

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Gedanken zum „Slipstream“

Kommen wir nun zu einer merkwürdigen Geschichte, die als „Slipstream“ begann, die „New Wave Fabulists“ unter ihren Mantel nahm, die Postmodernisten sowieso, und heute mit dem gleichermaßen irreführenden Begriff „New Weird“ einen neuen Anlauf nimmt. Keiner der aufgeführten Begriffe ist eine wirkliche Genrebezeichnung, die man noch um „Surrealismus“ und „Bizarro Fiction“ erweitern könnte, ohne den Kern zu treffen.

Slipstream ist die etwas unbequeme Definition einer Literatur, die die Kluft zwischen dem Mainstream und der spekulativen Literatur, bestehend aus Science Fiction, Fantasy und Horror überwindet. Wenn die gemeinte Literatur aber wirklich definiert werden soll, dann kann man sie im günstigsten Fall „seltsam“ oder „äußerst seltsam“ nennen, abgeleitet von der Anthologie, die neben einem Aufsatz von Bruce Sterling, der „Slipstream“ als Genre im Jahre 1989 einführte: „Feeling very strange – The Slipstream Anthology“, die allerdings erst im Jahre 2006 von James Patrick Kelly und John Kessel herausgegeben wurde. Darin erklären die Autoren, dass die „kognitive Dissonanz“ das Herzstück des „Slipstream“ sei, und dass es sich dabei weniger um ein Genre als vielmehr um einen literarischen Effekt wie „Horror“ oder „Komödie“ handelt, um einen Geisteszustand oder eine Herangehensweise, die außerhalb jeder Kategorisierung liegt. Ähnlich wie im „Magischen Realismus“ werden physikalische Gesetze gebrochen, aber niemand wundert sich darüber, was der herkömmlichen Phantastik-Theorie mit ihrem angeblichen „Riss“ widerspricht. Die typischen Charaktere der spekulativen Literatur – Magier, Zombies, Aliens gibt es hier normalerweise nicht, also können die seltsamen Begebenheiten auch nicht auf sie abgewälzt werden. Es sind die gewöhnlichen Menschen im Angesicht merkwürdiger Umstände selbst, die eine „Slipstream“-Geschichte erleben.

Hinzu kommt ein „literarisches“ Anliegen. Die Autoren gehen durch ihren Stil ein Risiko ein. Form, Thema und Stimmung erheben sich über die Handlung, die zwar nicht unwichtig ist, die sich aber dem, was der Autor sagt und wie er es sagt, unterordnet. Die Form ist wichtiger als die bloße Abfolge von Ereignissen, wie man sie heute überall vorgesetzt bekommt. Das berühmteste Beispiel einer „Slipstream“-Geschichte ist Shirley Jacksons „Die Lotterie“. Oberflächlich betrachtet geht es darin um eine kleine amerikanische Gemeinschaft. Es gibt kein zugrundeliegendes Übel, das wie in einer gewöhnlichen Horrorgeschichte im Hintergrund lauert. Sicher ist das eine Horrorgeschichte, aber die Natürlichkeit der Kulisse und der Figuren weicht niemals dem entfesselten Terror. Es gibt kein Monster, das man fürchten muss. Die Plausibilität der Geschichte wird nie in Frage gestellt. Die Ereignisse fühlen sich real an, auch wenn die Umstände unglaublich sind. Das ist Slipstream. Die Grenze zwischen Realität und Phantasie ist schlicht und einfach verwisch oder gar nicht vorhanden.

Ist Glitzer ein Bohnerwachs oder ein Dessertbelag? Ist ein Elektron eine Welle oder ein Teilchen? Slipstream sagt uns, dass die Antwort ja lautet.

John Kessel; Feeling very strange

Der größte Teil dieser Geschichten wird in der Kurzform geschrieben, daher tauchen einige der besten von ihnen in Zeitschriften oder Magazinen auf. Längere Romane neigen dazu, eher durch kommerzielle Beschränkungen ihr Ziel zu verfehlen. Kurzgeschichtenschreiber hingegen dürfen sich austoben und experimentieren. Andererseits liegt hier das gleiche Problem vor wie in der „Weird Fiction“; es ist schwieriger, die Atmosphäre des Unheimlichen, Seltsamen in einem Roman in voller Länge aufrechtzuerhalten. Michael Cisco gilt als einer der wenigen Autoren, die das überhaupt je geschafft haben.

Staffellauf der Abendlichter

Der rote Faden ist das Getrieben-Sein oder eine Reise durch die inneren Galaxien, die Gewässer unterscheiden sich, die Größe des Stroms, der alle mitreißt, variiert, je nachdem. Meine Reise um die Welt, die Reise hinaus, hinein. Würde sich jemand eine Landkarte nach allen Kriterien der mappae mundi anfertigen, würden ihm die Augen übergehen, er würde dann verstehen, warum man niemals an einem Ort verweilen kann.

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Bram Stoker’s Dracula

Dracula
©Columbia Tristar

Bram Stoker’s Dracula gab vor 25 Jahren sein Debüt und erzielte im Laufe der folgenden Saison rund $ 82 Millionen und weltweit $ 215 Gewinn. Das ist nicht schlecht für einen Horrorfilm, gerade im Jahre 1992. Der Film hätte nicht heißer erwartet werden können, größtenteils dank seiner Besetzung: Anthony Hopkins, frisch von Das Schweigen der Lämmer kommend, Keanu Reeves und Winona Ryder – damals noch Youngsters -, und schließlich Charakterschauspieler Gary Oldman endlich einmal als das, was er ist: ein Dämon. Aber die aufregendste Aussicht auf einen guten Film bot der Name des Regisseurs: Francis Ford Coppola, der seit dem Abschluss seiner The Godfather-Trilogie im Jahre 1990 keinen Film mehr gedreht hatte. Obwohl er durchaus mehrere Flops hingelegt hatte, war Coppola immer noch Coppola, der Macher des Paten und von Apokalypse Now. Natürlich wurde der Film von den meisten Kritikern nicht zu den besten des Regisseurs gezählt und ist in den Augen der Öffentlichkeit nicht gerade gut gealtert. Was die meisten Leute heute mit Bram Stoker’s Dracula in Verbindung bringen, ist ein „heimliches Vergnügen“. Dabei handelt es sich um einen Film, der weitaus besser ist als das Getue vermuten lässt.

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Zu den Kanon(-)en

Schon etwas länger plage ich mich mit dem Gedanken herum, einen Kanon zu gestalten, der sich ganz der spekulativen Fiktion widmet (’spekulative Literatur‘ hörte sich vielleicht gebräuchlicher an, aber die Fiktion ist per se ein Gedankenspiel, das der Literatur voran geht, also zuerst da ist. Außerdem gehört die spekulative Fiktion zur Literatur, wie auch die Lyrik, der Comic, das Drehbuch etc. Literatur ist demnach nicht teilbar, Fiktion schon.). Ob das nun Gewäsch ist oder nicht, dachte ich zunächst an eine ungefähre Liste von 100 Büchern, die in loser Reihenfolge vorgestellt werden, bevor die Grenze dann notgedrungen überschritten wird. Auf eine Zahl wollte ich mich eigentlich nicht festlegen, dachte aber heimlich immer an die 1001-Serie der Edition Olms. Natürlich gibt es da auch die 1001 Bücher, die man gelesen haben sollte, bevor das Leben vorbei ist – da aber weigere ich mich. Zu viel davon will ich nicht lesen, zu viel davon habe ich schon gelesen und für nicht weiter wichtig befunden, zu wenig habe ich auf dieser Liste entdeckt, das nicht der Torwächter-Geschmack vorgibt, zu viele bedeutende Werke sind gar nicht vertreten. Da meine Einstellung zu vielen Dingen die natürliche Rebellion ist, dachte ich natürlich zunächst an einen Gegenkanon, was aber sinnlos ist, da kein einziger Kanon wirklich Gültigkeit über sich selbst hinaus besitzt. So auch nicht meiner, sollte er denn je entstehen.

Gegenwärtig habe ich im Phantastikon (und auch schon hier) mit der Stoffsammlung begonnen, aber 1001 Bücher werden es natürlich nicht werden. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass es nicht mehr als 300 Bücher (oder Werke, wenn man die Zyklen miteinbezieht) gibt, die wirklich in Stein gemeißelt werden sollten, und das unabhängig vom allesbeherrschenden eigenen Geschmack. Slipstream, Fantasy, Horror, Science Fiction, Magischer Realismus … da gibt es noch eine Menge zu sichten und in vielen Belangen gilt es auch, sich mit Experten auseinanderzusetzen. Was ich seit Jahren tue. Und was bereits vor zwei Jahren zu einer rudimentären Liste der 100 besten Fantasy-Werke geführt hat, die nach hinten dann doch sehr dünn und unhaltbar wurde, weshalb ich sie wieder vom Netz nahm.

Wie mein weiteres Vorgehen diesbezüglich auch sein wird, kann es vorkommen, dass zunächst Bücher in dieser Liste auftauchen, die später wieder entfernt werden. Aber ein Echtzeit-Abenteuer hat durchaus seine Bewandtnis. Man sieht die Leiden des alten Werther, wenn man so will, von einem, dem die Kugel nur das Gehirn gestreift, es aber nicht durchdrungen hat.

Letzte Horrorgeschichten

Dass ich diesmal an ein Verlagskonzept eher ruhiger herangehe, ist geschichtlich motiviert. Das geht auch nicht anders, denn wir leben in grundsolide bitteren Zeiten, die man sich nur durch eine gesunde Dosis Distanz und Tätigkeit urbar machen kann. Derzeit schreibe ich an meinen „letzten Horrorgeschichten“, was nicht meint, dass es wirklich die letzten sind, sondern sich mehr auf das beziehen, was sie stilistisch leisten. Sind das überhaupt Horrorgeschichten? Wenn man sich ansieht, was hierzulande darunter verstanden wird, dann eher nicht. Mit der Philosophie und dem Existentialismus scheinen unsere Autoren nicht sonderlich viel zu tun zu haben, den Existenzengrund sehe ich nirgends, eher nette Leute, die ihrer Kreativität eine unterhaltende Stimme geben. Das macht es einerseits unmöglich, Futter für eine Anthologie zu finden, die nicht nur aus Übersetzungen bestehen soll, andererseits kommt man ohne das, was gerne gelesen wird, nicht aus. Eine Debatte findet ohnehin nirgends statt. Das ist auch der Grund, warum ich auf eine Geschichte von mir in der MISKATONIC AVENUE verzichte (abgesehen von einer Kooperation mit Tobias Reckermann). Ich bin niemandes Kind und gehöre nicht einmal in meinen eigenen Entwurf. Tobias selbst sieht das anders (wie auch Albera Anders), aber der Hauptgrund des Verzichts: ich bin mir meiner überhaupt nicht sicher. DOROTHEA (erschienen im letzten IF-Magazin) mag da einerseits eine Außnahme als auch eine Bestätigung sein. Was also geschieht mit den „Letzten Horrorgeschichten“, dem „Schwarzenhammer-Zyklus“? Zunächst einmal ein neues Filmchen, das ich mit Albera plane, wobei noch nicht feststeht, welcher Text die Grundlage stellen wird. „Die Straße Malheur“, „Die Zentrifuge“ (die ich gerade ins Englische übertrage, um sie für den dortigen Markt flott zu machen), oder „Wuot“ – das sind die derzeitigen Möglichkeiten, und vielleicht werden noch mehr folgen. Seit Jahren sträube ich mich dagegen, eine eigene Sammlung herauszugeben, weil ich nicht glaube, Leser für diese artifiziellen Texte zu finden. Das könnte sich demnächst aber ändern, und es hängt paradoxer Weise viel von dieser ersten Anthologie ab.

Eos

Gestern Abend mit meinem Artikel für die IF-Horrorausgabe fertig geworden. Jetziger Zeichenstand ohne Rotmarker: 24653. Ich freue mich, sie irgendwann in den Händen zu halten. Erlebe das als eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit von Vielen. Wobei ich vor Tobias Reckermann meinen Hut ziehen muss, der, neben eigenen Beiträgen, das Ganze setzt, lektoriert.

Heute Kokkos Kamera eingeweiht, die sie uns vermacht hat. In Schale geworfen und rein in die Brennnesseln. Autorenbilder von dir erstellt. Zuvor aber noch Bilder von dir beim Frühstück gemacht, auf denen du so herzlich lachst. Mit Schokocreme im Mundwinkel. Die lege ich ganz gern neben deine Autorenbilder. 🙂 Da lacht die Koralle. Danach dann Bilder von mir geschossen. Eines für Tobias. Restliche waren Spielereien wie diese:

Gerade eben lange mit dir über die Menschen, die wir geprägt haben, die uns geprägt haben, gesprochen, und wie uns das verändert hat. Wie wir einmal waren und wie wir heute sind.

Sommer der Nacht

Liest man sich etwas in die Reviews zu Summer Of Night ein, wird man immer wieder auf die Vergleiche mit Stephen Kings ES stoßen. Sollte der Vergleich gerechtfertigt sein, ist Simmons mit diesem Roman gescheitert. Betrachtet man Summer Of Night für sich und sieht die Parallelen als im Horror-Genre übliches Setting an, liest man dieses Buch nicht ohne Gewinn, auch wenn es gegenüber anderen Simmons-Büchern durchaus abfällt.

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