Jazz ist dem Dichter am nächsten

Jazz zu hören ist eine ganz andere Form des Lebens. Seine Geschichte ist ebenso dunkel wie lang. Und auch wenn Puristen die akustischen Traditionen bevorzugen (die es im Jazz tatsächlich nur schwerlich zu finden gibt, weil dessen Form alles destillieren und neu erschaffen kann), fühle ich mich auch in der Fusion-Welt recht wohl. Ich glaube, der Jazz ist jene Musikform, die dem Dichter am nächsten steht. Der Jazz hat es natürlich zu etwas gebracht, die Dichtung eher nicht. Ich bin mir nicht sicher, behaupte aber, dass John Ashbery der letzte war, dem man vertrauen konnte.

Now spinning: Frank Zappa – Hot Rats (1969)

Wahrscheinlich eine meiner Lieblingsplatten von Zappa, obwohl das wirklich schwer zu sagen ist. Sie kam erst gestern an, weil Albera sie mitbrachte, während ich den Blue Note-Katalog für nächsten Monat durchsah. Zappa ist sicher nach Miles Davis und John Coltrane ein Schwerpunkt meiner Sammlung. Umso erstaunlicher, dass ich ausgerechnet dieses Album noch nicht hatte, wo es doch das erste war, das ich von Zappa einst in den Händen hielt. Vor sehr langer Zeit allerdings.

Hermann Szobel, unbekannt

Andy Edwards erzählte mir von einem österreichischen Musiker namens Hermann Szobel, der 1976 im Alter von 18 Jahren ein einziges Album aufnahm. Beim Einspielen seines zweiten Albums wurde er verrückt und verschwand. Bis heute konnte er nicht aufgefunden werden. Ich habe die Platte gefunden und sie auch sofort im Amerika bestellt. Wenige Exemplare gibt es, aber warum das Album selbst in Jazz-Fusion-Kreisen so unbekannt ist, bleibt ein ebensolches Rätsel wie Hermanns verschwinden.

Tears for Fears: Seeds of Love

Tears for Fears

Tears for Fears sind eine der faszinierendsten Bands, die in den 1980er Jahren in England entstanden waren. Die Mitbegründer Roland Orzabal und Curt Smith haben sich immer auf Qualität statt Quantität konzentriert – die Band hat insgesamt sechs Studioalben in fast 40 Jahren veröffentlicht – und widersetzen sich einer einfachen Einordnung in klangliche Schubladen.

Auf ihrem Debüt “The Hurting” von 1983 schufen Tears for Fears stimmungsvolle Synthie-Pop-Skulpturen, die klaustrophobische und ängstliche Songs wie “Mad World” auf die Welt losließen. Zwei Jahre später wurden sie zu globalen Superstars, als sie das dichte und gefühlsbetonte “Songs From the Big Chair” veröffentlichten, das subtile soziale Kommentare (den Industrial-Prog-Kracher “Shout”, das ruhige “Everybody Wants to Rule the World”) und einen ihrer besten Songs enthielt: “Head Over Heels”, einen sehnsüchtigen Song, der von einem glitzernden, kaskadierenden Klavier getragen wird.

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Wie klang Buddy Bolden?

Die Wurzeln des amerikanischen Jazz reichen bis zur Jahrhundertwende zurück… nicht in dieses, sondern ins letzte Jahrhundert.

Buddy Bolden

Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hörte man in New Orleans häufig ein Kornett (das einer Trompete ähnelt) laut von den Parkbänken und aus den Fenstern der Tanzsäle schmettern. Ohne formale Ausbildung entwickelte Charles “Buddy” Bolden einen einzigartigen Improvisationsstil auf seinem Horn. Im Wesentlichen ebnete er dem Jazz den Weg, indem er ländlichen Blues, Spirituals und Ragtime-Musik für Blechblasinstrumente arrangierte. Die Legende besagt, dass er traditionelle Lieder mit seinen eigenen Improvisationen neu arrangierte und so einen kraftvollen neuen Sound schuf.

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Das Hören neu lernen

Es ist die Beschäftigung mit dem Jazz, die mich am ehesten meinen eigenen Rhythmus verstehen lässt. Aber nichts bringt mich im Augenblick zu einer weiteren Improvisation, ich muss das Hören neu lernen. Zum ersten Mal inspiriert wurde ich von Ted Gioia, aber ich habe mir erst jetzt ein Buch von ihm bestellt. Den eigentlichen Anstoß aber gab mir Andy Edwards, dessen YT-Kanal ich mit äußerstem Gewinn studiere. In jungen Jahren war er der Live-Schlagzeuger von Robert Plant, spielte bei der Neo-Prog-Band IQ und ebenso bei Frost. Jetzt, so scheint es, bringt er mich ohne sein Wissen in wichtige und für mich wertvolle Gefilde.