Neu in der Sammlung (6) nebst Tontafelkalender vom 13ten Julmond xx19, einem Fridach

Bildrechte der Cover, von links nach rechts: Wehrhahn; Böhlau; dtv

Wolfgang Hörner – Jean Paul und das Bier
Michael Zaremba – Jean Paul. Dichter und Philosoph
Rolf Vollmann – Das Tolle neben dem Schönen

Die heutige Ankunft bringt meine Jean Paul-Sammlung wieder etwas weiter. Es sind bis jetzt sechs sehr unterschiedliche Biografien, die über ihren Inhalt hinaus ganz genau aufzuzeigen vermögen, wie sich biografische Arbeit und biografisches Material unterscheiden. Es zeigt vor allem, dass eine Biografie in erster Linie eine Vision ist. Würde ich sie schreiben, würde auch ich mir die Eckpunkte Jean Pauls einverleiben, was mir leicht fiele, da es ja zumindest große territoriale Überschneidungen zwischen mir und ihm gibt. Sehr genau habe ich seine Fichtelgebirgs-Beschreibungen mit meinen verglichen, nur um zu erkennen, das bei aller stilistischen Unterscheidung das dahinterliegende Gefühl dasselbe ist.


Dass ich jetzt bereits wieder an den GrammaTau-Texten arbeiten würde, war nicht geplant. Nach der Sandsteinburg wollte ich mich wieder der kürzeren Prosa zuwenden, die ich Tableaus nenne. Mir gefiel stets die Idee der kaleidoskopierenden, schwimmenden Texte. Die Interruptionen habe ich natürlich auch in der Sandsteinburg ausprobiert – und lange zuvor in fast all meinen Büchern und Skripten. In den 80er Jahren schien mir allein das Gedicht ein adäquates Mittel zu sein, diese Vorgehensweise zu rechtfertigen, einen Augenblick so lange zu spannen, wie es nur irgend möglich ist, um dann in einem gewaltigen Themensprung das Ganze mit einer anderen Szene zu wiederholen, wobei dann die Schnittstellen dafür sorgen sollten, dass sich ein gewaltiger Wandteppich ergab. Aber eben erst nach der Sandsteinburg, deren ersten beide Teile (Heksenkraut, Der Böhmwind 12 – 3) ich gerade erst gesprochen habe. Mir sickert jedoch derart viel durch den grauen Hirnteppich, dass ich nicht an mich halten kann, obwohl ich bereits ein neues Exzerpt-Heft begonnen habe, um ein recht größenwahnsinniges Projekt zu verfolgen. Vielleicht kann ich mich mit GrammaTau ja etwas warmschreiben, denn eigentlich will ich mit dieser Niederschrift erst in drei Jahren beginnen. Lange Pläne mache ich hiermit zum ersten Mal, aber ich benötige ein derartiges Projekt natürlich. Nur darf ich nicht aus dem Konzept geraten, denn für meine gegenwärtige Arbeit ist ein anderer Ton erforderlich und es sind noch Polstermaterialien zu schreiben. Nichts zum Füllen, sondern zum Überführen.

Jean Paul-Sammlung

Er ist ja neben den Grimms, Luther, Arno Schmidt und Erika Fuchs nicht nur dafür verantwortlich, dass wir einen fulminanten Wortschatz haben, sondern darüberhinaus auch noch mein Landsmann. Ich stand als Kind nicht selten vor den Toren seines Geburtshauses in Wunsiedel, und dachte mir, dass ich ebenfalls versuchen wolle, Notizbuch um Notizbuch zu füllen. Er ging nicht so weit fort wie ich und blieb in seinem Kulturkreis, während ich im Allgäu landete. Da er einer meiner Meister ist, beforsche ich neben seinem Werk auch die unterschiedlichen Biografien, allein schon, weil die Zeit, in der sich sein Leben entfaltete, meine Wahl-Zeit ist. Darüber lässt sich ein andermal mehr räsonieren. Wenn man sammelt, ist man nie auch nur annähernd komplett (ich könnte jetzt noch auf die Pappbände von J.G. Cotta gehen), aber inhaltlich ausgewogen. So wie Arno Schmidts Schreibmaschine hätte ich natürlich noch gern sein Tintenfass. Aber es reicht vielleicht, wenn ich eines Tages dieses Rezept nachbaue, um es in einen Flakon zu tun.

Von den unterschiedlichen Biographien sei vermeldet, dass sie tatsächlich sehr unterschiedlich sind. Mein Lieblingsstück ist noch immer das Buch von Günther de Bruyn, während mir Beatrix Langner die schlechteste Figur zu machen scheint. Das hat gar nichts mit den Fakten zu tun, denn da ist Langner wahrlich sensationell ausgerüstet, sondern mit dem Stil. Das ist zB. etwas, das ich an Safranski (Schopenhauer, Hoffmann, Romantik, Schiller, Hölderlin …) sehr schätze, der eine meiner Lieblingsepochen derart plastisch heraufbeschwören kann, dass man ein idealistisches Lesevergnügen verspürt. De Bruyn ist da ganz nah dran, dicht gefolgt von Helmut Pfotenhauer.

Interessanterweise erfährt man in keiner der mir vorliegenden Biographien etwas von der Bedeutung, die Jean Pauls Werk auf Robert Schumann ausübte, eine Tatsache, die in musikwissenschaftlichen Kreisen längst als selbstverständlich anerkannt wird. Schumann selbst spielte auf diesen Einfluss mehrfach an: Er verglich Jean Paul mit Schubert und Beethoven, zwei seiner musikalischen Helden, und bestand darauf, dass er von seinem Lieblingsautor mehr über den Kontrapunkt gelernt habe als von seinem Kompositionslehrer Heinrich Dorn. Es ist überraschend, dass dem Verhältnis zwischen Jean Paul und Schumann so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, vor allem wenn man das jüngste Interesse der Wissenschaftler an den Querströmungen zwischen Musik und Literatur des 19. Jahrhunderts betrachtet.

Jean Paul nimmt in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein, das hat er ungefähr mit Arno Schmidt gemeinsam, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Geschätzt von einigen, mit Desinteresse gestraft von anderen, nannte August Wilhelm Schlegel seine Romane “Selbstgespräche”, an denen er den Leser teilhaben ließ – in dieser Hinsicht sind sie sicher eine Übertreibung dessen, was Laurence Sterne im Tristram Shandy begonnen hatte. Jean Paul spielte ständig mit einer Vielzahl von witzigen und bizarren Ideen; seine Werke sind geprägt von wilden Metaphoriken sowie von abschweifenden, manchmal labyrinthischen Handlungssträngen. In ihnen vermischte er Reflexionen mit poetischen und philosophischen Kommentaren; neben witziger Ironie gibt es plötzlich bittere Satire und milden Humor, neben nüchternem Realismus kommt es zu verklärenden, oft ironisch gebrochene Idyllen.

Es gibt ein interessantes Tintenrezept von ihm, das ich noch gerne hier anführe (man kann es eh nicht nachbauen, wie es da steht):

“Weinessig – / Nach Abkühlung / Galläpfel nicht zu klar / Auch Gummi nicht / Auch Vitriol nicht / ZugußDinte.”

Pastoraler Hintergrund

Ich erarbeite mir gegenwärtig 1 Wortkunstwerk mit pastoralem Hintergrund, das also räumlich das Fichtelgebirge benennt, und zeitlich das ganze Wahrnehmungsspektrum, ausgehend von den 70er Jahren fächerförmig in den Geschichtsstrahl lenkt. Daß bedeutet, daß einerseits die Jean Paul-sche Ästhetik der Abschweifung mit den modernen Techniken der (fälschlich) so bezeichneten experimentellen Schreibweise zusammenfällt, deren Ausführung mit den jeweils angestrebten Effekten der einzelnen Szenen changiert. Dabei ist es mein Anliegen, die ganze Bandbreite einer poetischen Sprache zu entsprechen.

Hardekopf – Ausgabe?

Das Drama eines Lebens

und wennd U da bist
ist Licht in Deinem Zimmer;
wennd U dabist
fickt ein Stein Dein

Glas caput draconis

Vorn. Überhöhtes Wurzelkrösen, abstolperndes Herbringen der Argu
menten=Kuh, die dann ja auf
mault mit Gesichtshafer, RülpsRöhre,
Schwarten=Nabe, die Tanja einen
fahren löst gen Traubenhausen. Ocker
fotzglatze Stirntuperecht. Einpfusch –
öh – 1 Spruch Feuer nähren

Gegenwart

Schreiben ist empfangen, empfangen genießen; aber im Genusse gleichen wir alle dem Papagei, der während seines Fressens auf Einem Beine steht. Die Gegenwart ist eine falsche Brille, und oft scheint die Fliege, die zu nahe vor dem Auge vorbei fliegt, ein Adler, und der Adler, den die Entfernung in einen schwarzen Punkt verwandelt, eine Fliege zu sein.

Jean Paul