T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

“T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik” weiterlesen

Denis Scheck: Schecks Kanon

Es ist nicht so einfach, eine Hundertschaft Werke auszuwählen, wenn man über Genre- und Zeitgrenzen seine Pfeife ausbeutelt. Scheck scheint diesbezüglich gar kein deutscher Literaturkritiker zu sein, denn er besitzt Geist, Witz – und ihm fehlt das ignorant Deppenhafte etwa jener Gestalten des Literarischen Quartetts. Scheck kommt aus der Komparatistik und sein Spruch: “Ich weiß, was ich tue!”, stimmt vollumfänglich. Er hat sich nie in der Gosse der Schubladen aufgehalten, genießt vielmehr, was wirklich zählt. Einer Meinung mit ihm muss man längst nicht immer sein, aber man sollte ihm zuhören, weil er die Literatur wirklich liebt, unbenommen von ihrer lebensrettenden Funktion spricht. So findet sich Lyrik, Jugendbuch, Fantasy, Kriminalliteratur und Comic neben bekannten Klassikern. Einen “wilden Kanon” legt der Kritiker vor und weiß um die “Frivolität” dieses Unterfangens. Interessant sind in dieser Hinsicht immer die Diskussionen darüber, was dem ein oder anderen Leser fehlt, auf welchen Grundstock man sich aber einigen kann. Liest man Schecks Argumente zu den einzelnen Werken (die zugegeben nicht immer schlüssig sind), weiß man aber sofort, in welche Richtung dieser Kanon führt. Wäre das vorliegende Buch nicht so erfrischend anders, wäre es weder lesenswert, noch nützlich, denn der Begriff des Kanons ist überholt, wenn auch Leselisten nicht unwichtig sind im Schmodder der Veröffentlichungspandemie.

Immer wieder verteilt Scheck auch Spitzen gegen den Literaturbetrieb (die eigentlich gar nicht massiv genug sein können). Am Deutlichsten wird das bei Tolkiens “Herr der Ringe”. Scheck verknüpft die Tatsache, dass Lesen immer Eskapismus ist, mit Tolkiens berühmtem Zitat, demnach nur Gefängniswärter etwas gegen Eskapismus einzuwenden haben. Und gerade in Deutschland gäbe es unter Kritikern noch sehr viele Gefängniswärter. Die unfassbare Ignoranz gegenüber einer Literaturform, die unbestreitbare Meisterwerke geschaffen hat, wie eben Tolkien, Steven Erickson mit seinem “Spiel der Götter” (den Mann kann man nur neben Homer und Shakespeare stellen), Martins “Lied von Eis und Feuer”, Scott Lynchs “Locke Lamora” usw., ist unverständlich und im Grunde ekelhaft. Natürlich steht Tolkien hier als Stellvertreter einer Gattung und für sein Werk.

Jeder Kanon sähe wohl ein wenig anders aus (meiner zumindest tut das), aber geht es bei Scheck denn auch um persönliche Vorlieben? Natürlich tut es das. Um persönliche Vorlieben und auch ein wenig um das Publikum. So listet er von Nabokov “Lolita” anstelle von “Ada”, von Thomas Pynchon “Gegen den Tag” anstelle von “Die Enden der Parabel”. Er entscheidet sich für Edgar Allan Poes Gedicht “Der Rabe” anstelle seiner viel wichtigeren und einflussreicheren Erzählungen. Er führt Goethes “Faust” im Gepäck, verzichtet aber auf Dante. Von Kafka schaffen es gerade mal die Tagebücher ins Buch.

Bei Darwins “Entstehung der Arten” bin ich etwas unschlüssig, schlussendlich passt es aber zum Konzept, denn auch ein Sachbuch sollte freilich nicht fehlen; warum also nicht dieses, das bis heute viele Diskussionen am Leben hält?

Sherlock Holmes fehlt, aber Agatha Christie und ihr Detektiv Poirot sind mit “Tod auf dem Nil” präsent. Es gibt die etwas weniger überraschenden Werke wie Mark Twains “Huckleberry Finn”, “Robert Louis Stevensns “Die Schatzinsel” und James Joyces “Ulysses” neben großen Überraschungen wie Astrid Lindgrens “Herr Karlsson vom Dach”, Khalil Gibrans “Sämtliche Werke” und auch Clarice Lispectors “Der große Augenblick”.

Gleich zu Beginn treffen wir auf Astrid Lindgren. Ich selbst stellte mir hier die Frage, ob Karlsson wirklich wichtiger ist als etwa “Krabat” von Otfried Preußler. Tatsächlich ist der anarchische Karlsson wohl zeitloser als ein Geschehen im dreißigjährigen Krieg, und so ist mein persönlicher Vergleich auch wieder dahin. Es zeigt nur das grundsätzliche Problem, das man bei 100 Stellplätzen eben hat. Natürlich kann man von Scheck nicht erwarten, 1000 Bücher vorzustellen, aber 250 wären möglicherweise zielführend gewesen. Denn es ist eben nicht die Frage, was alles fehlt – sämtliche von ihm gewählten Bücher sind rechtens in diesem Kanon, aus Platzgründen fehlt dann eben Elementares. Dabei ist diese Liste – bei allen Überraschungen  – noch nicht einmal ein Alternativ-Kanon. Alternativ wäre es gewesen, Hölderlin wegzulassen und stattdessen John Ashbery anzuführen, Marquez wegzulassen und stattdessen Roberto Bolaño aufzunehmen. Und Bruno Schulz usw. Hier ist also nichts alternativ, nur ein wenig eigenwillig. Aber das genügt schon, um den ewig wiederkehrenden Käse zu überdecken.

Hin und wieder zitiert Scheck den großen amerikanischen Kritiker Harold Bloom, und auch das ist Konsequent, denn in Deutschland steht kein Kritiker über Scheck, er kann seinesgleichen nur in einem anderen Sprachraum finden. Nun ist aber Bloom keiner seinesgleichen, das kann man nicht verschweigen. Stockkonservativ und verliebt in Shakespeare ist es manchmal schwer, dem Mann zuzuhören. Dass Bloom Ursula LeGuin über Tolkien stellt, ist eine etwas unglückliche Stelle, denn sie war ja hauptsächlich für ihre Pionierarbeiten in Sachen Science Fiction berühmt; ihre Fantasy – hauptsächlich natürlich “Erdsee” – ist Tolkien nämlich nicht gewachsen. Und was soll die Anspielung auf den Stil, wenn man Jules Verne einen Platz im Kanon zuweist? Natürlich geht es hier in erster Linie darum, zu erläutern, welch herausragende Autorin LeGuin war, und dass sie sich einreiht unter jene, die den Nobelpreis nicht bekommen haben (was ja bekanntlich die größere Ehre ist).

Wie immer könnte man endlos debattieren und zu jedem Posten seinen eigenen Senf anführen, aber darum kann es nicht gehen. Ich glaube jeder, der gerne liest, wird hier einen guten Fundus finden und überraschende Entdeckungen machen. Und ein Kritiker, der Arno Schmidt und Donald Duck im Repertoire hat, dem können Sie tatsächlich vertrauen.

Neu in der Sammlung (5)

Bildrechte der Cover: von links oben nach rechts unten: HarperCollins; Insel; Elster; Piper; Wagenbach; Schöffling & Co.

Clarice Lispector – Der Lüster
Denis Scheck – Schecks Kanon
Mick Finlay – Arrowood
Anthony Horowitz – Die Morde von Pye Hall
Josephine Tey – Alibi für einen König
Timo Berher (Hrsg.) – Buenos Aires – Eine literarische Einladung

Es bahnt sich an, dass ich mich in Zukunft etwas mehr in der Kriminalliteratur umsehe. Bisher war ich stets ganz versessen auf Poes grandiose Detektivgeschichten und “the like” (etwa Sherlock Holmes, der im Übrigen nicht in Schecks Kanon steht (dafür aber Agatha Christie). Raymond Chandler ist mir lange her. Nun sind mit Horowitz, Finlay und Tey gleich drei Bücher aufgeschlagen, die sich erst kürzlich in meinen Radius bewegten. Demnächst mehr auf diesem Kanal.

Zur Bibliothek

Um die besonderen Bücher zu finden, insofern man sie nicht bereits in seiner Sammlung hat, ist es unabdingbar, immer weiter den Spuren zu folgen. Früher war es so, dass man dem Literaturverzeichnis folgte und sich die nächsten Stationen heraus schrieb. Desweiteren fand man – gerade in Taschenbüchern – am Ende ein reichhaltiges Register oder sogar Werbung für ähnliche Werke wie dieses, das man gerade in Hände hielt. Das bedeutet nicht, dass es heute nicht ähnlich funktioniert, aber die Trefferquote ist doch längst nicht mehr so hoch wie zu Beginn eines Leselebens, aber die Spurensuche funktioniert weiterhin überragend bei Sachbüchern, die sich sozusagen per definitionem aus angegebenen Quellen speisen.

Überlegt man sich, wie eine ausgewachsene und nennenswerte Bibliothek überhaupt zustande kommt, dann wird man zugeben müssen, dass – abgesehen vom Grundstock, den jede Bibliothek pflegen sollte, unabhängig davon, in welchen Zweig hinein sie sich später entwickelt – ein Großteil der Anschaffungen zunächst ungelesen eingeordnet wird. Man beginnt ein vielversprechendes Werk und legt es enttäuscht zur Seite, um zum nächsten Buch zu greifen. manchmal kommt es sogar vor, das im gesamten Pulk nicht das zu finden ist, nach dem man gerade dürstet und schon mit der nächsten Bestellung zugange ist. Selbstverständlich hat man immer etwas zu lesen, es ist ganz und gar unmöglich, leer zu laufen, aber ich spreche hier von besonderen Büchern, von jenen, die sofort in den persönlichen Kanon wandern. Um so mehr Bücher auf den Markt geworfen werden, desto geringer werden die Meisterwerke, desto höher aber auch die Sichtungen, die dann den Umfang der Bibliothek merklich erhöhen.

Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, dass sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewusstsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermessliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, dass es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen.

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, dass die Welt dem reinen Zufall unterliegt, dass sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muss. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewusstseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müsste das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Hallo die Post

Für den Kanon kam heute Benjamin Percys “Roter Mond” an. Die Postbotin klingelt mich verlässlich um 9 Uhr aus dem Bett, ich versuche dann, ohne in den Schrankspiegel zu fallen, zur Sprechanlage zu gelangen. Sie sagt: “Hallo, die Post.” Sie sagt es ohne Komma: Hallodiepost. Und ich sage: “Ich komme!” Dann drücke ich auf den Summer und mache mich auf den Weg. Von oben kann ich dann das Päckchen auf der ersten Stufe der Haustreppe liegen sehen.

Percy schrieb auch für Detective Comics und sehr erfolgriech für Green Arrow, aber auch für das Wall Street Journal oder den Esquire. Diese Verbindungen sind immer wieder amüsant, wenn man unsere eigene literarische Landschaft so betrachtet. Die Rezensionen über Jedediah Berry Handbuch für Detektive und Steven Ericksons Das Meer kam um Mitternacht für das Phantastikon sind geschrieben, ein Interview mit Berry habe ich übersetzt. Gegenwärtig sehe ich mir Kirsten Bakis und ihr Leben der Monsterhunde genauer an (in Wirklichkeit lese ich es). Man muss sich den Slipstream, also die Phantastik, die nicht unter dieser Kategorie firmiert, überall mühsam zusammensuchen und dann auch noch nachsehen, ob es überhaupt eine Übersetzung gibt. Manchmal überrascht mich das, manchmal enttäuscht es mich, der Punkt aber ist: ich werde fündig.

This is the wall of dolls
Secret world of smalls

– Golden Earring, The Wall of Dolls

Unsere schrecklichen Verlage

Auch bei Steve Erickson schlug der Schrecken unserer miserablen Verlagslandschaft mit eiskalter Hand zu. Nur zwei seiner bisher zehn Romane wurden ins Deutsche übersetzt, Rubicon Beach von Rowohlt im Jahre 1988, Das Meer kam um Mitternacht von Fischer 2002. Beide Verlage waren und sind sich nicht bewusst, dass Ericksons Romane miteinander korrespondieren. Woher auch, sie lesen ihre Bücher wahrscheinlich nicht einmal und scheinbar hat ihnen das niemand gesagt, als sie die Lizenzen erwarben. Freilich ist man mittlerweile daran gewöhnt, dass hierzulande nahezu alles ignoriert wird. Ob das immer an unseren schrecklichen Verlagen liegt? Oder sind vielleicht gar die deutschen Leser zu dumm oder zu ignorant, um ihnen ein literarisches Gefühl unterstellen zu können? Sieht man, was gelesen wird, mag man das ohne Umschweife glauben. Und die anderen lesen ohnehin mittlerweile englisch, nicht zuletzt weil die Übersetzungen, die es dann gibt, in den meisten Fällen eine Frechheit sind. Die Übersetzung von Das Meer kam um Mitternacht hingegen ist gelungen. Ich lese das gegenwärtig, weil es natürlich zum Kanon der spekulativen Fiktion gehört und hierfür rezensiert werden muss.

Karl Edward Wagner: Der Blutstein

Der zweite Roman um Kane ist für viele auch der be­s‍te. Golkonda beginnt das Triptychon (der dritte Teil erscheint im Herbst 2016) vielleicht nicht ganz unbegründet mit diesem Buch. Wir begegnen Kane hier voll und ganz mit seiner Schurken-Rolle beschäftigt. Er selbst ist der Schlüssel zur Wiedererweckung einer gigantischen außerirdischen kristallinen Intelligenz, die bis in die Morgendämmerung der Menschheit zurückreicht (dem Blutsein). Was macht er damit? Im Grunde das Gleiche wie in jedem Roman: er will die Welt erobern.

Die er­s‍te Hälfte des Buches beschreibt, wie Kane versucht, den Blutsein zu erreichen, der in der Mitte eines von echsenhaften Kreaturen verseuchten Sumpfes, in der niedergegangenen Stadt Arellarti ver­s‍teckt liegt. Die Protgoni­s‍tin der zweiten Hälfte des Buches ist mehr oder weniger Teres, Tochter des Herrschers einer jener Stadt­s‍taaten der südlichen Länder, die Kane zu manipulieren versucht. Teres ist eine Krieger-Prinzessin mit der scharfen Intelligenz eines Grauen Mauser, der Kampfkraft einer Jirel of Joiry, und dem sexuellen Hunger einer Belit (aus Conan).

Wagner handhabt Teres’ Sexualität auf zweierlei Weise: sensibel und vorsichtig auf der einen Seite, roh und ein wenig albern auf der anderen. Wir lernen Teres zunächst als eindeutige Lesbierin kennen. Wir erfahren das aus einer Szene, in der sie ein Glücksspiel mit ihrem Vater darum spielt, wer denn nun das neue Sklavenmädchen zuerst be­s‍teigen darf. In dieser Szene wie auch in einigen anderen zu Beginn der Geschichte scheint Teres sämtlichen Stereotypen zuwiderzulaufen. In den er­s‍ten Kane-Büchern waren die weiblichen Figuren nur als Schmuckwerk vorhanden, Weibchen in Not oder Köder für eine mögliche Vergewaltigung. Aus diesem Grunde wirkt Teres genau wie das Gegenteil aller von Wagner gewohnten weiblichen Protagoni­s‍ten. Bis Wagner diese Figur (im Roman) weiterzuentwickeln gedenkt, erscheint sie jedoch wie eine Karikatur.

Ab der zweiten Hälfte des Buches schläft sie also mit Kane, nachdem sie in der labyrinthischen Stadt von ihm unter seine Fittich genommen wurde. Allerdings ist das keine Version von „sie dachte, sie wäre eine Lesbierin, bevor die Liebe zu einem Mann sie davon heilte“; auch zwingt sie Kane nicht dazu. Kane erklärt ihr lediglich, was er mit dem Blut­s‍tein vorhat und bittet sie um ihre Unter­s‍tützung. Teres wird also von den Verlockungen der absoluten Macht angezogen als auch von Kane selbst, was sie durchaus verwirrt. Das mag auf die fiebertraumartige Atmosphäre der Stadt in den Sümpfen zurückzuführen sein, auf den Reiz der Weltherrschaft oder das Stockholm Syndrom, oder auch ganz einfach darauf, dass Kane einer der wenigen Männer in ihrem Leben ist, der sich nicht von ihrer weiblichen Schlagkraft beeinflusst zeigt. (Kane ist immerhin un­s‍terblich und war schon auf der Welt, als es die herkömmlichen Geschlechterrollen noch nicht gab). Nachdem sie geflohen und in Sicherheit gelangt ist, denkt sie darüber nach, ob ihre Gefühle für Kane echt waren (abgesehen davon, schläft sie weiterhin mit Frauen). Sie kommt zu dem Schluss, dass ihre Gefühle zwar echt waren, aber dass Kane schreckliche Dinge getan hat, die sie ihm nicht verzeihen kann. Man kann leicht fest­s‍tellen, daß Wagner während des Schreibens bemerkt haben muss, wie viel Potential in der Figur der Teres steckt. Möglicherweise hätte er danach die unglücklichen Szenen zu Beginn noch einmal überarbeiten sollen, um das Bild anzugleichen.

Zurück zu Kane, der in diesem Roman ein wirklich unsympathischer Charakter ist. Wahrscheinlich wurde die Figur des Kane als Anti-Elric konzipiert, so wie Michael Moorcock seinerseits Elric als Anti-Conan ver­s‍tehen wollte. Kane hat, wie auch Elric, eine entscheidende Schwach­s‍telle in seiner Persönlichkeit, aber während Elric durch diese Schwäche zum typischen Antihelden gedeiht, machen Kanes Fehler ihn zu einem echten Schurken. Elrics Probleme basieren auf der völligen Abhängigkeit von äußeren Dingen: sein Pakt mit Arioch, dem Gott des Chaos, und der Besitz seines Dämonenschwertes Sturmbringer verleihen ihm große okkulte und martialische Kräfte, aber beide manipulieren ihn letzten Endes auch; die Beziehungen zu einigen Freunden halten ihn gesund, enden allerdings in einer Tragödie, weil er unfähig ist, seine Macht zu kontrollieren. Kane ist natürlich das Gegenteil. Er ist einerseits un­s‍terblich, und andererseits ein mei­s‍terhafter Schwertkämpfer, als auch ein Zaubergelehrter, der seine Gesetze selbst auf­s‍tellt. Das Problem, das ihm anhaftet, ist seine ihm angeborene Unfähigkeit, irgendetwas oder irgendjemanden außer sich anzuerkennen. Alle Bündnisse, die er eingeht, dienen nur ihm selbst. Obwohl er die Menschheit aus der Knechtschaft seines wahnsinnigen Schöpfers befreit hat, kümmert er sich ausschließlich um seine eigene, persönliche Freiheit und denkt gar nicht daran, sich um andere zu kümmern. Nur einige wenige Frauen – wie Teres – können ihn überhaupt emotional erreichen. Dennoch sind solche Verbindungen zum Scheitern verurteilt, denn es sind dann doch ein paar Jahrhunderte Altersunterschied.

Nirgendwo im Kane-Kanon wird das moralische Scheitern Kanes so intensiv darge­s‍tellt wie im Blut­s‍tein. Gleichzeitig ist dieses Buch ein herausragendes Sword and Sorcery-Abenteuer. Wagner hatte wohl eine Menge Spaß dabei, die Zeile zu Papier zu bringen, streute kleine Hinweise aus Alarm im Weltall und Pink-Floyd-Songtiteln ein. In anderen Arbeiten spürt man durchaus die Mühe, die er beim Schreiben hatte, manche seiner Kurzgeschichten schienen sogar eindeutig nur Füllmaterial für seine Fanzines gewesen zu sein. Hier aber feuert Wagner aus allen Rohren, und zeigt, zu was er eigentlich fähig ist. Der Blut­s‍tein ist tatsächlich der be­s‍te Ein­s‍tieg in die Serie, essentielle 70er-Fantasy, schwer zu empfehlen. Will man einen Wermutstropfen hinzufügen, dann den, dass Wagner nie ein Spin-Off über die phanta­s‍tische Teres verfasste.