Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: katze (Page 1 of 2)

Meister Vollpferd hat ein Ziel

Sandsteinburg #35

Vom Pfefferminzkwas recht stark betaumelt – so günstig kam ihm heutʼ die Wahrsagerei – stürzte er zunächst in die Hagebutte, ein »verdammichte Hatschepetsche« auf den violetten Lefzen, als es noch einen Stock tiefer ging, was ihn dann endgültig stürzen ließ, die Faust mit widerborstigen Nüsschen gefüllt, die ihn sofort an Ort und Stellʼ bejuckten. In zweifacher Hinsicht oben (weil er ja lag und weil er in die Grubʼ gefallen, die ihm ganz merkwürdig die Nase düngte) wurden lautstark die letzten Verabredungen für die Nacht krakehlt, man wollte sich sputen, der Sonne zuvor zu kommen, die sonsten durch die dürren Holzstreben der abgefaulten Läden dem Zecher gern ins vom Lid kaum getrutzte Auge piekst. Ein Stündlein noch, vielleicht auch zwei – der Nachtwächter wärʼ für nüchterne Ohren klar, wenn auch sich trollend, noch zu hören – dann stündʼ der Tag wie ein zyklisch heimsuchender Creditor und vergessen wärʼ das Vergessen, mit dem man sich heutʼ beschäftigt hat. Die einen schleppten sich dann aufs Feld, die anderen zum Prachern und wieder andere fläzten sich, dickberingter Augen zum Trotz, in die Beamtenstube, um das tägliche Quint Qual und Pein in das Volks zu kotzen. À propos kotzen : wie der Meister Vollpferd das so denkt, merkt er seinen Kragen warm bespuckt, denn in der Dunkelheit, da kann man sagen, was man wilt, macht er sich in der gauchigen wässrigen Erde recht gut als ebensolche. Ihm dreht die Welt »jetzt erkennʼ ich dich, ventus contortus et rotatus, jetzt ist das Standbild still, und wie du mir erscheinst, so bist du«. Hachje, es naht sich schon der nächste und speit ihm auf die juckendʼ Hand. Der Alchimist schafft es nicht, sich zu rappeln, erkennt aber, während er versucht, dem Pfuhl zu entkommen, und ihm der verbrauchte Hirsebrei in die Manteltasche läuft, gefurzten (oder gerülpsten – wer kann das jetzt noch sagen?) Ingwer, etwas Nelke hockt darauf, Muskat, Galant, Kardamom und Zimt. Das will ihn also nicht trügen, man hat eine feine Küche hier beieinander. Schon ist er auf seinen Vieren, die Säufer schon weitergezogen, setztʼ sich doch beinahe eine Dirn auf seinen Steiß, um das Wasser abzuschlagen. Mit einem gellenden »der Boden lebt« fährt ihrʼs dann aus der Blase, aber nicht im Sitzen. »Ich werde die Zukunft erfinden«, sagt der Meister Vollpferd mit einem anständigen Krächzen, »ich werde sie so gestalten, dass niemand von euch – nein, überhaupt kein Mensch! – es sich im kühnsten Weindelir erdenken kann! Ich – jawohl ich – sorge für das Ende der Geschichte!« Wo man also in lustiger Torkelei den Alchimisten aus der Schissgruob steigen sieht, trollt man sich bald, weil man ihn für einen Dämon hält, der, wie bekannt, auf Abtritten erscheint.

Da kam ins Dorf einer, den hatte man von weit her geholt, der trank viel und verströmte den Geruch einer angesengten Ziege, die in ihrem eigenen Kot verging. Seine Angewohnheit, morgens mit einem angstvollen Luftsprung zu erwachen, das Schwert gezückt, die Augen weit aufgerissen, sprach sich schnell durch den Mund der Wirtin Gildema herum, bei der er unterm Dachstuhl hauste, bevor er ins Schloss hinüberzog. Die Landbevölkerung erschauerte, denn auch wenn ein Solcher im Stande sein soll, für den Markgrafen Friedrich Metall zu transmutieren, muss man davon gehört haben, dass solche Leute Kinder fressen (man denke an den Gilles de Rais). Sollte so einer Einzug halten dürfen in diesem schönen Gebürg, sich unter den Hiesigen bewegen, ratend, rätselnd, wo er den Honig hinschmieren wollen würde, wenn der Ofen bei 300 Grad gähnte und den Braten forderte? Der da so ankam, nannte sich Meister Vollpferd, gerade weil er einen ganzen Eimer leeren konnte – man möchtʼ nicht nachdenken, was da drinnen. Und so ging die Mär, dass er die jungen Weibsen um ihren Urin bat, dass denen bald der Schädel platzen musste vor Rötung. Wirr redete der außerdem :

»Eins, und es ist zwei; und zwei und es ist drei; 
und drei und es ist vier; und vier und es ist drei;
und drei und es ist zwei; und zwei und es ist eins.«

Als der Meister aber einmal den gebrochenen Haxen des Bauern Wiegand wieder richtete, verstummte bald der Hohn und man stellte ihm den Urin in Milchkannen vor die Tür.

Es ist eine grundlegende Erfahrung, die man machen kann, nämlich dass die Lebenden nicht wissen dürfen. Die Wenigen, die dennoch wissen, sind von jeglicher Gesellschaft ausgeschlossen; Wissende, ja Weise, sind den Toten näher. Deshalb sind die Menschen aufgrund ihrer schier unbegreiflichen Dummheit nicht eigentlich zu verurteilen. Man meide sie besser, wenn man es kann. Gelingt das nicht, spiele man mit ihnen wie mit einer jungen Katze. Das erfrischt die Muskulatur.

Es gab einen Sturm (7)

Sandsteinburg #9

Horrido Krippner ging nicht gleich ans Telefon in seinem Haus, einem Wald­chalet von einer Größe, als ob der fränkische Hubertus selbst drin residierte. Gerade noch durchwühlte er das Hirschfleisch und befingerte die perlmutt­glänzenden Organe, ob er nicht eine Vision erhaschen könnte, wenn er, wie an der Wunderlampe, daran rieb. Er fand nicht gleich das Handtuch, um sich den roten Saft von den Fingern zu wischen. Verärgert über die Störung, die an diesem Tag nicht die letzte bleiben sollte, bellte er ins Telefon: »Ein Wolf? Warʼs nicht vielleicht ein Hund oder ein Fuchs? Die Sauferei macht dir die Augen fertig, dies ließ mich selbst schon manche Geister sehen, das Moos­weiblein nicht zuletzt genannt.«

Jetzt gehen die Jäger noch einmal den Waldrand ab. Sie glauben nicht an einen Mythos, würden verrückt werden, wenn sie wüssten, was sich in ihren Wäldern abspielt, wollten den Schädel mit den Pfoten und dem Balg, abgezo­gen und gesalzen, auf einem Tisch präsentieren. »Da habt ihr euer Monster!« Lachend, scherzend, aber noch war es nicht soweit.

Kaum zurück, poltert es an des Hubertus Tür. Krippner schielt sehnsüch­tig zu den Eingeweiden hinüber, bevor er irritiert öffnet. »Fortuna! Die Wit­we Gräf!«

Er erstickt fast an seinem Speichel, der plötzlich aus allen Drüsen spült. Jetzt weiß er nicht mehr weiter, wie formuliert man das? Da hebt sie schon ihre faltige Hand.

Keine Frage, sie zetert mit ihm, ein Loch in einer Felswand der Mund. Ich habʼs gewusst, da drin ist alles schwarz! Die alte Gräf, wie alt mag sie sein? 102, 104? Es gibt niemand im Dorf, der nicht erst ankam, als sie bereits da war. Jahre später würden sich die latenzperiodischen Kinder in dem zu dieser Zeit schon leerstehenden Haus am Mühlgraben darüber unterhalten, wie sie einst die Asche ihres Alten getrunken habe und ihre Kleider davon für immer schwarz geblieben seien.

Esrabella Gräf, die viele für die Jezi Baba hielten, von der die meisten dachten, sie sei stumm wie ein Fisch, sprach in Wahrheit mit ihren Hühnern. Manchmal konnte man sie hören, wenn sie sich unbeachtet fühlte, wie sie nach Elster und Fango rief, den beiden Ausreißern ihrer Zucht. Esrabella Gräf also erwähnte gegenüber Krippner, dass die Wölfe einen menschlichen Ge­fährten hatten, der ihnen den Weg in den Schwarzenhammer wies. Erstaunt lauschte der Jäger dem rostigen Knarzen und dachte darüber nach, was sie denn damit meinte, wenn sie sagte: »Då Wulf is niert ålloi kummer!«

»Schau mal, Elster, wenn ich jetzt nicht den Mund aufmache, wird das in die­sem Leben gar nicht mehr geschehen«, sprach sie ihr Huhn an. »Diese Tölpel denken, es hätte etwas mit dem Winter zu tun. Natürlich, das hat es auch, aber …« Sie fährt dann noch etwa fünf Minuten damit fort, ihrem Lieblings­huhn Anweisungen zu geben, für den Fall, dass sie unterwegs der Schlag treffen sollte. Das war allerdings unwahrscheinlich, sie würde eher dann um­kippen, wenn sie ihren Schubkarren nicht mehr durch die Wiese manövrie­ren konnte, ihre Hände, schwielig wie die Landstraße um die Ecke, die nach Hebanz hinaufführt, nicht mehr durch gekutterte Würmer fahren ließ. Tat­sächlich wird sie eines Tages, wir greifen vor, im Stehen sterben, nicht aber schwerkrafthörig zu Boden sinken. Sie wird einfach aufhören, sich zu bewe­gen, das Blut wird erkalten. Von frühmorgens um dreiviertel sechs bis zum Sonnenuntergang gegen neunzehn Uhr zehn wird sie von allen möglichen Leuten gesehen werden, die Mistgabel im Heu, unbeweglich wie eine Statue in Witwentracht, ihren Porzellanfigürchen nicht unähnlich. Nur die Gummi­stiefel sind grün wie tiefsitzender Rotz. Elster wird von diesem Tage an den Tretakt mit dem Hahn verweigern. Ein halbfertiges Ei ohne Kalkschale wird sie sich noch abzwingen, dann ist Schluss.

Zwei Tage nach dem stante pede intermorior wird sich Elster einer Katze anbieten, aber verschmäht werden. Auch unter Tieren gilt die Furcht vor dem Fluch. Die Spur des treuen Tieres verliert sich im Gestöber der Unschär­fe, mit der jegliche Geschichtsschreibung zu kämpfen hat. Auch der Verbleib des statarischen Leichnams packt sich zu den Mirabeln, reiht sich spielend ein in die Liste der Rätsel, die hier offenkundig gar nicht abreißen.

Aber all das ist Zukunftsgeheul, und keiner weiß, ob es wirklich so ge­schehen wird.

»Sie muss verrückt geworden sein vor Trauer«, erzählte man im Dorf. Die Wahrheit aber ging anders.

Es gab einen Sturm (4)

Sandsteinburg #6

Wie oft hatte ihn sein alter Herr dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog.

»Bist du ein Weibsbild?«, herrschte sein Vater ihn an, packte ihn dann am Genick wie eine junge Katze, grub seine manikürten, scharfgeschliffenen Fingernägel in seinen Hals und nötigte ihn, nachdem er sein Bildnis bereits verlassen hatte, noch einmal vor den einzigen Spiegel des ganzen Hauses, der für gewöhnlich verhangen in der Küche über dem Spülbecken in die Wand eingelassen war, nicht größer als die Handfläche eines erwachsenen Mannes. »Was siehst du?« Der Atem seines Vaters, der nach Lakritze stank, fuhr ihm ins Gesicht wie ein feuchter Wind, der stets für schlechtes Wetter sorgt. »Mich … ich sehe mich!«

Die scharfkantigen Fingernägel gruben sich tiefer in die Haut und färb­ten die Halbmonde rot, ein plötzlicher Schlag, einstudiert, choreographiert, ließ sein Jochbein erzittern. »Du siehst nicht dich! Du siehst dich verkehrt herum, ins Groteske verkehrt! Du siehst deine verdammte, deine dunkle Sei­te, die des Teufels ist! Vanitas, leerer Schein! Du glaubst, ich habe dein Ver­harren nicht bemerkt, du glaubst, du wüsstest, wie lange man einen Blick als einen Kontrollblick tarnen kann, aber ich habe es in deinem Gesicht gelesen, habe gesehen, wie dich der Hauch der Eitelkeit streifte. Schau dort niemals hinein, wenn du nicht unbedingt musst, hast du das verstanden?«

Sebastian Hohenner hatte verstanden und mied von diesem Zeitpunkt an nicht nur den Spiegel seines Elternhauses, sondern auch den in seinem Klas­senzimmer, schaute statt dessen fortan Mimi tiefer in die Augen als jemals zuvor, während die Haut an seinem Hals, den er mit einem Seidenschal ver­hüllte, brannte wie Feuer, und seine rechte Wange pochte, als säße dort sein Herz.

»Was ist mit meinen Augen?«, hatte sie schüchtern gefragt, als er sie bat, stillzusitzen, eine Weile nichts zu sagen (sie redete gewöhnlich sehr viel und sehr beherzt, vor allem, wenn die Sonne schien). Nichts ist mit deinen Au­gen, hatte er geantwortet, ich kann mich darin spiegeln, das ist alles. Sie setzte zu einer Antwort an, aber sein Finger auf ihren Lippen gebot ihr, zu schweigen, während er sie beinahe hypnotisierte. Ich kann mich ebenfalls in deinen Au­gen sehen, sagte sie dennoch, sagte es leise, so als wäre Flüstern ein Kompromiss. Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst.

»Habt ihr viele Spiegel zu Hause?« Auch er flüsterte jetzt, was so gar nicht zu diesem angenehm warmen Nachmittag passte.

»Nicht sehr viele, ich würde sagen, normal viele. Warum fragst du?«

Ob der Glanz in ihren Augen erlöschen würde, wenn sie starb, ob man sich wohl nur in lebenden Augen spiegeln konnte? War es nicht das, was sein Vater meinte? Dass es lästerlich war, sich in toten Dingen zu spiegeln? Liebe bedeutete ihm Härte und Disziplin, Gehorsam und Arbeit. Was, wenn sein Va­ter damals schon gewusst hätte, dass er den Wunsch hegte, Arzt zu werden, dass sein Sohn nichts von diesem in allen Belangen bösartigen Gott hielt? Er hätte ihn ganz sicher auf dem kalten Stein, den er Altar nannte, festgebunden und unter Tränen und Gebeten ausgepeitscht. Du willst also Gott lästern, du eitler, undankbarer Schweinehund! Ein Schlag und dann der nächste Schlag. Unter Tränen, immer unter Tränen und bis zur Unkenntlichkeit gestammel­ten Gebeten.

Mimi war eines Tages verschwunden. Als man sie fand, fehlten ihr die Augen, ansonsten war sie unberührt.

Im Traum sah Sebastian alle toten Menschen aufgestapelt über den Horizont der Erdscheibe schwappen und wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssa­len Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zer­fiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tän­zer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dür­rer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete Sebastian die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. So­fort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.

»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermessliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worin die Pu­pillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.

Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weib­licher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedan­ken!«

Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abge­hackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Ra­chen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geis­terstunde war vorbei.

»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte Sebastian und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

David Mitchell / Slade House

Slade House besteht aus fünf miteinander verflochtenen Geschichten, die jeweils neun Jahre auseinanderliegen. Von 1979 bis 2015. Die Protagonisten sind ganz unterschiedliche Charaktere – ein 13jähriger Junge, ein Polizist, eine Studentin, die neugierig auf Geister ist, eine Journalistin (und Schwester der Studentin) – werden in ein Haus gelockt, wo sie es mit gestaltwandlerischen dunklen Mächten zu tun bekommen.

Mitchell ist ein Autor, der seine Geschichten gerne faltet, für den die Wirklichkeit nicht von Zeiten und Räumen dominiert wird. Aber diese “Faltungen” sind immer auch Erlebnisfragmente der Protagonisten, die hier verdichtet werden.

Für die Mitchell-Kenner gibt es gleich zu Beginn eine Begegnung mit der “mondgrauen” Katze, die bisher in jedem Buch auftaucht, aber diesmal ist sie tot, die Augen von dicken Fliegen besiedelt. Die Nachricht ist klar: Hier gibt es keine Hilfe, niemand wird kommen, um den Tag zu retten.

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Bewegte Bilder

GrammaTau #38

Er gießt mit einer Wolke, die er
Aus dem Ranzen nimmt, die
Tageszeitung von gestern, auf daß
Ihre Schlagzeilen leichter werden,
Besser zum Hals, besser zu Haferbrei
                                                                      passen.

Er möchte
Ein Fuchs sein.
                  Trotzdem bleibt die Tat unvollendet,
                  Benommen von Vorurteilen.

Die Zeit reißt alle Wunden.

Schönheit wiegt schwer, ihr
Torso mit Schuhen aus Beton
Oder auseinandergerissener Kehle
Trimmt den Rasen,
Wirft das Maul
                   Aber niemand ordnet
                   Heiterkeit an
                   Ohne eigenen Nutzen

So scheinen die Vergiftungen
Präzis’ gelenkt von
Winkenden Gassenhauern,

                                                   Konsumentenweibchen
                                                   Ohne Fußlimousinen

                                                   Triangelfetzen zwischen
                                                   Häuserschluchten

                                                   Purpurschreie, Bohnerwachs-
                                                   Stauden, Sattelschinken
                                                   Und Mopslocken in
                                                   Filigranen Doppelaromen,
                                                   Arak in Pfandflaschen,
                                                   Notsignale auf die
                                                   Hinterbacken genäht.

Wir alle haben etwas Freiwilligkeit verdient,
                   Zumindest im Verborgenen,
Alternanz in blinden Spiegeln.

Die Nummer ruft, jemand,
Vom Balkon mit den großen
Brüsten. Ohne eine Spur zu hinterlassen.

                   Die Katze im Film
                   Paramaunzt

                                                der über die Leinwand läuft
                                                die über die Leinwand läuft

                                                Eine Hirtengabel,
                                                Zahnstocher des Riesen.
Willst du dich nicht setzen?

Die automatische Vergangenheit
Lernt einen stolzen Mann zu tragen.
Frauen gießen den Acker, um das Haus
Vor rebellierenden Eimern zu schützen,
Farn um ranke Einheiten
Beine.

Ich gehe mit meiner Laterne.

Das Spukhaus

Seit der Antike bereichern Geisterhäuser unsere Vorstellungskraft: knarrende Treppen, zuschlagende Türen, flüsternde Stimmen, raschelnde Geräusche, zerbrechende Vasen, gurgelndes Pfeifen, klopfende Zweige am Fenster, huschende schwarze Katzen, klagende Hunde sausen schon ziemlich lange durch die Gänge unserer kollektiv erträumten Behausungen. In jedem Kulturkreis erzählt man sich Geschichten darüber, denn selbst, wenn wir uns zuhause und in Sicherheit wähnen, erkennen wir tief in uns an, dass es dort Dinge geben könnte, die nach uns greifen.

Spukhäuser stellen einen faszinierenden psychologischen Raum dar und erschrecken uns aus sehr ursprünglichen und tief verwurzelten Gründen. Auf einer Ebene verkörpern sie Freuds Konzept des “Unheimlichen”, in dem ein solcher Raum “seinen Terror nicht von etwas Fremdem oder Unbekanntem ableitet, sondern – im Gegenteil – von etwas Fremdem, das unsere Bemühungen, sich von ihm zu trennen, vereitelt”.

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Dort beim Hexenkraut

 

… unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr faßt, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterläßt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang, ich kannte auch die Farbe meiner Augen, insofern sei gesagt, daß ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen und sie beträte mich durch meine Poren, doch –

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Sonne. Die Waldlaubsänger sib-sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Do lunch or be lunch.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns.

Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will. Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den explodierenden Farben.

In dieser Zeit, einer Zeit, an die wir jetzt denken, tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die endgültige Pracht der Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße und kehren lallend zurück.

Achtet auf den Widder!

Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flussbett, im Nebel schwanken Gliedmaßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore sind seit den frühen Morgenstunden geschlossen.

Achtet auf den Widder!

Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Trügerisch. Denn die Geisterkinder könnten jederzeit wiederkehren. Ich glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten, nur sprachen wir nie darüber. Einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, musste einen Abdruck hinterlassen haben, der sich dann zu einem Spuk manifestierte. Wir hatten alle unser altes Leben gelassen, wo es war, nur erinnerte sich niemand mehr daran. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wie täuscht uns das Leben, wenn neben der strauchigen süßen Himbeere der Kadaver eines Eichhörnchens liegt, wenn schnurrend die Katze im Stroh auf ihren Mäuseleichen thront. Wie täuscht uns das Leben, weil wir uns gerne täuschen lassen. Vergessen ist der große Sturm des letzten Winters, der doch so viel von der Ruhe der Ansässigen gefressen hat. Wenn sie sich daran erinnern, tun sie das mit einem Schaudern. Gerüchte werden zu beglaubigten Geschichten, die mit eigenen sonderbaren Erfahrungen ausgeschmückt den Abend retten können; und Sonderbares hat hier jeder schon erlebt.

Hier ist alles waldphantastisch eingbrünnt. Kaiserhammer ist das Zentrum eines alten Jagdsterns, bei dem im Verlauf mehrerer Tage das Wild dem auf freier Fläche aufgebauten Laufft zugetrieben und mit neu gespannten Netzen und Feuern am Entweichen gehindert wurde. Beim abschließenden Abjagen wurde das Wild in den Laufft hinein getrieben, in dessen Mitte die fürstliche Jagdgesellschaft auf ihre Beute wartete.

Von den Baumheeren geht keine Gefahr aus, wohl aber von dem, was zwischen den Schatten geht. Ein Reh, aus baldiger Nacht verirrt, mit Durst im braunen Fell, will den Tau von Halmen lecken und sieht sich – schon erschossen – um. Das Blei zerfetzt den schönen Athletenhals und wirbelt warmes Blut auf die erlahmten Wimpern. Unter den Schuhen des nahenden Jägers wird es finster und nass und schwer und klamm. Der Herbst hält seinen Atem an, kurz bleibt die Stille haften, bleibt verlockend tot.

Sefchen, altes, geiles, rotes, dreckiges Sefchen; tanz du doch noch einmal um den Galgenbaum, tanz du doch noch einmal den Staub auf, Gewitter deiner Knöchelchen, Sohlen, Fersen, tanz du doch noch einmal ›Rock hoch‹, zeig, wo die Seife endete! Der Ruf durch den Nebel von Krähen beheizt, verschlungen führt der Weg vorbei an den knatschenden Eichen, an gekrüppelten Ästen, an der gesammelten Pest der Altstraße. Wind wurmt über die Teiche, die Flüsse – des Scharfrichters Tochter ist schön wie jede Gespielin des Verderbens. Wer sie tanzen sieht, wird je zurückkehren, rasten am gemiedenen Ort, seinen Blick über den Alraunenacker schicken. Es kommt mir so vor, als befände sich das Fegefeuer nicht weit, als ginge ich durch Niemandsland, als warte dahinter der Erdschlund, gurgelndes Magma!

 

Niemand betritt das Haus des Gestern

Dechiffriertes Bild : immer zur selben Zeit, ein Spuk am simulierten Tag, ein Winkel ist Schatten genug. Den Blick darauf zu richten oder den Blick nicht darauf zu richten, die Augen abwenden oder heimlich eine unmögliche Position einnehmen. Etwas Ungewöhnliches tun, das alles, bevor die Zeit abgelaufen ist. Der Instinkt eines weiteren unsinnigen Tages entvölkert alle Verpflichtungen, vielleicht mit Wasser in den Ohren oder einem Okular auf der Nase, hin und her gehen ohne Ziel, nur hin und her wogen, in Gedanken an das letzte Erlebnis ohne Körper, mit den Schafen Gras rupfen und mit einer Katze zusammen aus einer Regenpfütze trinken.

Diejenigen, die stehen bleiben, unterbrechen sich, begegnen ihren ungesehenen Winkeln. Die Verrücktheit ist ein fremder nasser Schoß, die einzige Rettung für den Gaumen, der das Dorf beherbergt, der Laden wird gleich schließen, niemand betritt das Haus von gestern oder wiederholt seine Worte.

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