Komposita über das Sterben im Gemäuer

Die möglicherweise bekannteste Daguerreotypie von Edgar Poe ist die Ultima Thule genannte vom 9. November 1848, entstanden vier Tage nach seinem Selbstmordversuch. Dieses Portrait wurde nach einem Zitat aus Poe’s Gedicht Traumland (orig. ›Dream-Land‹) so bezeichnet, weil man in ihm einen Ausdruck trotziger Verzweiflung am Rande des Todes gesehen haben will. Für die meisten Poe-Liebhaber ist dies das Bildnis, das am ehesten zum Charakter seines Werkes zu passen scheint.

Baudelaire bescheinigt dem Bildnis, dass Poe dort ein recht französisches Aussehen an den Tag lege, in Wahrheit war der Dichter vom Alkohol gezeichnet. Das ursprünglich recht feminine Gesicht weißt tiefe Furchen auf, die Augenpartien zeichnen sich unsymmetrisch ab.

Doch nun geschieht etwas Merkwürdiges in einem Leben voller Merkwürdigkeiten. Am 13. November, also vier Tage später, sieht Poe bereits wesentlich erholter aus. Zu sehen auf dem Whitman-Daguerreotypie bezeichneten Portrait. “Komposita über das Sterben im Gemäuer” weiterlesen

Mutter weiß es am besten

Wenn dir als Kind etwas Angst macht – ein böser Traum oder ein Monster unter dem Bett – was tust du dann? Du forderst den ultimativen Schutz: deine Mutter. Aber was passiert, wenn Mütter selbst monströs sind, und was macht sie zu diesen Monstern? Mütter – Frauen in der Horrorfiktion ganz allgemein – kommen nicht so gut weg. Sie leiden unter dem Problem “Sei verdammt, wenn du es tust / Sei verdammt, wenn du es nicht tust”, und werden zu einer Quelle des Terrors, weil sie zu mütterlich oder nicht mütterlich genug sind.

Die monströsen Schreckensmütter haben ihre Wurzeln in Mythen und Märchen, mit den bösen Stiefmüttern in Geschichten wie Schneewittchen als klassischem Beispiel. Die Brüder Grimm popularisierten diesen Archetyp zwar, aber in vielen der ursprünglichen Geschichten, auf denen ihre Märchen basieren, waren die Stiefmütter das Böse. Im typischen Muster dieser Geschichten sah die Mutter/Stiefmutter eifersüchtig auf die Jugend und Schönheit ihrer Tochter hinab und versuchte sie dafür zu bestrafen oder zu vernichten. In den extremsten Fällen führte das sogar zu Kannibalismus. Als die Grimms ihre Märchen von Müttern zu Stiefmüttern entwickelten, schufen sie eine nützliche Dichotomie. Auf der einen Seite die böse, eifersüchtige Stiefmutter, auf der anderen die reine, liebevolle Mutter, die aufgrund ihres Todes makellos ist. “Mutter weiß es am besten” weiterlesen

Die Berge, die Stadt, die Leere

Meine allererste Erinnerung ist die an meinen Vater, wie er im Vorgarten unserer gelben Hütte in Tacoma, Washington steht und Blumen in die Erde setzt. Dabei beobachtete ich ihn. Es war ein warmer Frühlingstag im Jahre 1966, und ich trug ein plissiertes Kleid und Mary Jane-Schuhe. Ich erinnere mich, wie ich über unseren immergrünen Garten hinweg blickte, die hohen Telefonmasten und ihre langen Drähte betrachtete, die überall im Himmel kreuz und quer gingen. Überall große Weite und mürrisches Schweigen in den Zweigen, die Massen grauer Wolken, die lange Schatten über den smaragdgrünen Rasen warfen. Der Garten war aufgeräumt und die Häuser in unserer Nachbarschaft waren hell und ordentlich, aber gleich hinter den geraden Hinterhofzäunen und beschnittenen Rhododendren kehrte das Land zu seiner natürlichen Ursprünglichkeit zurück, explodierte in einem dunklen Gewirr von vorsintflutlich-großen Bäumen und Farnen, um sich in der Höhe zu sammeln, bevor sie sich in der Kaskadenkette und dem Mount Rainier auf der einen Seite, und dem Olympic Mountain Range auf der anderen ergossen. “Die Berge, die Stadt, die Leere” weiterlesen

Fünf Wege, den Teufel zu überlisten

Sagen wir mal, du hättest ein kleines Teufels-Problem. Vielleicht ist er einfach uneingeladen aufgetaucht und lockt dich nun mit der Erfüllung deiner Herzenswünsche. Eventuell soll eine verflossene Liebe wieder aufflammen, oder er offeriert die Reichtum, oder die Reduzierung deines Gewichts, oder eine “Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte”. Und obwohl du es besser weißt, obwohl du weißt, dass es sich zu gut anhört, um wahr zu sein, genügt dieses Wissen nicht, um die Offerte einfach zu ignorieren. Vielleicht ist er ja auch nur gekommen, um dich aus Spaß zu quälen und du hast keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Wie geht eine ansonsten aufrechte Seele mit einer Situation wie dieser um?

Es kommt natürlich auf die Umstände an, aber deine Möglichkeiten stehen gar nicht mal so schlecht, auch wenn es zunächst nicht so aussieht. Sicher, die einfachste Möglichkeit bestünde darin, den Standard-Vertrag zu nehmen, aber wie viele von uns bereits haben lernen müssen, beinhaltet der Standard-Vertrag nicht immer das Beste, das man herausschlagen kann. Und wenn der Teufel nur da ist, um seine Muskeln spielen zu lassen – es also gar nicht um einen Vertrag geht – magst du dich erst einmal hoffnungslos fühlen. Wie ich das sehe, hast du fünf Möglichkeiten, dich zu retten. Suche dir diejenige heraus, die zu deiner Situation passt, aber bleibe in erster Linie erst mal locker, okay? “Fünf Wege, den Teufel zu überlisten” weiterlesen

Octavio Paz

Der mexikanische Autor Octavio Paz genoss weltweit einen Ruf als Meisterpoet und Essayist. Obwohl Mexiko in Paz’ bekanntestem Buch “Das Labyrinth der Einsamkeit” eine wichtige Rolle spielt, ist sein Werk in Wirklichkeit international. Der berühmte Kritiker Manuel Duran war der Auffassung, dass Paz’ Erforschung der mexikanischen Existenzwerte es ihm erlaubt, eine Tür zum Verständnis anderer Länder und Kulturen zu öffnen und damit Leser unterschiedlicher Herkunft anspricht. “Was als eine langsame, fast mikroskopische Untersuchung des Selbst und einer einzigen kulturellen Tradition begann, weitete sich unerwartet aus”, so Duran weiter, “und wurde universell, ohne seine Einzigartigkeit zu opfern”. Paz gewann 1990 den Nobelpreis und starb acht Jahre später im Alter von 84 Jahren. Sein Tod wurde als das Ende einer Ära für Mexiko betrauert. In einem Nachruf heißt es: “Paz’ literarische Karriere half, die moderne Poesie und die mexikanische Persönlichkeit zu definieren.”

Paz wurde 1914 in der Nähe von Mexiko-Stadt in eine prominente Familie mit Verbindungen zur politischen, kulturellen und militärischen Elite Mexikos geboren. Sein Vater diente als Assistent Emiliano Zapatas, dem Führer einer Volksrevolution im Jahr 1911. Viele Zapatisten wurden ins Exil gezwungen, als ihr Führer einige Jahre später ermordet wurde, und die Familie Paz zog für eine Zeit lang nach Los Angeles, Kalifornien. Zurück in Mexico City verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie, aber als Teenager hatte Paz zunehmend mit seinem Gedichten und Kurzgeschichten Erfolg in lokalen Publikationen. Sein erster Gedichtband, Luna silvestre, erschien 1933. Während seines Jurastudiums zog es Paz jedoch in die linke Politik. Als er einige seiner Werke an den berühmten chilenischen Dichter Pablo Neruda schickte, gab der Senior-Schriftsteller eine positive Kritik ab und ermutigte Paz, an einem Kongress linksdenkender Schriftsteller in Spanien teilzunehmen. “Octavio Paz” weiterlesen

Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original. “Angela Carter: Schwarze Venus” weiterlesen

Michael Knoke: Der kataleptische Traum (Goblin Press)

Es gibt wenige moderne Werke, denen man im Untergrund das Zeug zum Klassiker unterstellen kann. Das hat noch nicht einmal etwas mit der Qualität der Geschichte zu tun, sondern vielmehr mit einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Freilich ist das Werk des viel zu früh von uns gegangenen Michael Knoke nicht gerade in aller Munde, was uns und mich aber nicht davon entbindet, darauf hinzuweisen, dass hier ein außergewöhnlicher Autor die Fähigkeit besaß, eine bizarre und beklemmende Atmosphäre zu erschaffen, wie sie heute kaum mehr irgendwo anzutreffen ist. Das allein wäre noch nicht “klassisch” zu nennen. Michael Knoke bedient sich hier eine detailreichen Sprache, die nicht künstlich antiquiert zu sein versucht, aber auch nichts von diesem platten Stil, den heute viele schreiben und für modern halten, erkennen lässt. “Michael Knoke: Der kataleptische Traum (Goblin Press)” weiterlesen

Neu in der Sammlung (11)

Bildrechte der Cover von links nach rechts: Unionsverlag; Diogenes; Diogenes; Propyläen. Hinten: Anaconda.

Trotz meines Unmuts über ihren Werkstattbericht bleibe ich an Patricia Highsmith dran, weil die Geschichten im Schneckenforscher doch so außerordentlich waren. Der Podcast ist schon produziert, wird aber noch etwas auf sich warten lassen, die Schleife ist doch etwas länger. “Nixen auf dem Golfplatz” bietet also weitere 10 Geschichten, “Das Zittern des Fälschers” ist ein Roman, und es wird sich nach und nach auch der Rest einfinden, weil es in einer Bibliothek immer möglichst um Komplettierung geht. Pablo de Santis gehört einerseits zur Kriminalliteratur, andererseits zu meiner Lateinamerika-Abteilung. Da man in Argentinien die Kriminalliteratur seit Borges ohnehin anders betrachtet – und damit wieder einmal seine Überlegenheit demonstriert, ist das kaum einer Erwähnung wert, denn dieser Sachverhalt dürfte hinlänglich bekannt sein, auch wenn man – und das ist typisch für unseren Sprachraum, auf den einschlägigen Plattformen nichts davon mitbekommt und nur müde über den Listen brütet, die dort gepflegt werden. Was Poe betrifft, spricht rein alles für meine älteste Liebe, die entfacht wurde, als ich im Alter von acht Jahren den “Goldkäfer” las. Im Hintergrund ist eine Edition, die ich bisher noch nicht hatte und ich frage mich immer wieder, ob es denn wirklich notwendig ist, ein Sammelsurium schlechter Übersetzungen aneinanderzureihen, vor allem, weil man kaum etwas besseres finden wird als die zehnbändige Ausgabe, übersetzt von Arno Schmidt und Hans Wollschläger. Doch darum geht es im Grunde nicht, auch wenn Anaconda ein Schmarotzerverlag ist, der keinesfalls Unterstützung verdient. Was mich also – neben dem Fetischgedanken – dazu veranlasste, diese billigen Hardcover zu kaufen, waren die Übersetzungen von Wolf Durian, Gisela Etzel, Marie Ewers, Emmy Keller und Karl Lerbs. Die älteste Ausgabe, die ich habe, ist der dreibändige Heyne-Schuber von 1969 in rosa und schwarz, mit Zeichnungen von Alfred Kubin, im Grunde ein Nachdruck der bei Nymphenburg 1965 erschienenen Hardcover, übersetzt von Hedda Eulenberg (was aus den Büchern allerdings nicht hervorgeht). Bleibt noch, vom “Schwarzen Duft der Schwermut” zu sprechen, das erst meine vierte Poe-Biographie ist. Da liegt noch viel Arbeit voraus.

William Hjortsberg: Angel Heart

Zwei Dinge werden für immer rätselhaft bleiben: 1, was geht in Gehirnen vor, die einen englischen Titel (Fallen Angel) mit einem anderen englischen Titel (Angel Heart) übersetzen. 2, Wie kommt es, dass Hjortsberg nie wieder etwas Vergleichbares geschrieben hat?

Die Antwort zu 1 (es scheint also doch nicht so rätselhaft zu sein): Die deutsche Verlagslandschaft hatte den sensationellen Roman bis zum Erscheinen des Films (1987) überhaupt nicht auf der Rechnung und schob dann schnell noch nach. Allerdings, das sei zugegeben, mit mäßigem Erfolg. Auch heute noch kennen jene, die überhaupt je davon gehört haben, in der Hauptsache nur den Film mit Mickey Rourke in der Hauptrolle. Zu 2: wir werden es nie erfahren.

1979 startete die Horrorliteratur so richtig durch. Die Autoren konnten plötzlich von ihrem Beruf leben. Stephen King hatte gerade Carrie, Brennen muss Salem, Shining und Nachtschicht veröffentlicht; The Stand kam gleichzeitig mit Fallen Angel (Angel Heart) heraus, Peter Straub legte mit Geisterstunde nach, Robert McCammon mit Baal. Charles L. Grant, Ramsey Campbell begannen ihre Karriere, Dean Koontz legte mit Phantoms seine beste Arbeit hin. Definitiv war das eine gute Zeit, ein Leser und Autor von Horrorliteratur zu sein.

1978 erschient William Hjortsbergs Falling Angel als Hardcover, was allerdings zunächst niemanden interessierte, bis das Taschenbuch erschien. Schnell war das Buch dann in aller Munde und Hjortsberg wurde überall mit den kommenden Größen genannt. Die Fanbasis erwartete bereits einen zweiten Horror-Roman, der kam allerdings nie. Falling Angel war der Einzelfall in einer Zeit, in der es nie besser um das Genre stand. Niemand hatte bis dahin etwas Vergleichbares geschrieben.

Die hervorragende Balance zwischen Mystery, Spannung, Horror, Action und Erotik verströmt selbst heute noch ein ganz besonderes Flair, dem man kaum entkommt.

Wir befinden uns in New York im Jahre 1959. Ein völlig heruntergekommenen Privatdetektiv, Harry Angel, wird von einem seltsamen, elegant gekleideten Gentleman namens Louis Cypher angeheuert, der die Rechtsanwaltskanzlei Herman Winesap vertritt. Cypher will, dass Angel den verschollenen Schnulzensänger Johnny Favorite findet, der während des 2. Weltkriegs spurlos verschwand, nachdem er schwer verwundet, im Koma liegend, nach Amerika zurückgebracht wurde. Davor war Johnny ziemlich erfolgreich und galt als großer Sänger der Zeit vor Sinatra. Cypher und Favorite hatten einen Vertrag miteinander abgeschlossen, und Cypher will sicher gehen, dass dieser auch eingehalten wird.

Angel nimmt den Fall an, und der Horror beginnt. Straff und ohne Umschweife folgen wir dem Ich-Erzähler durch die schäbige Schattenseite der New Yorker Jazz-Welt der 50er Jahre, in das Reich des Voodoo, der verrückten Vergnügungsparks und Zaubershows, in die erotische Hitze der Leidenschaft und der Liebe, und vor allem in die dunklen Tiefen des Satanismus. Während der ganzen Zeit hält Hjortsberg die Faszination der Handlung hoch durch Harrys Erste-Person-Erleben, durch das, was er sieht und fühlt. Es ist ein fremdartiges Gemisch aus Film-Noir und einer Geschichte, die jemand in einer schummrigen Bar erzählt. Hjortsberg zeigt sein Talent als Erzähler vor allem darin, dass es ihm gelingt, einerseits die vielen Teile des Puzzles vor dem Leser zu verbergen, und andererseits ihm durch Harrys freundlichen Ton das Gefühl zu geben, Teil der Handlung zu sein. Als würde man neben ihm herlaufen und lauschen, während man all die Dinge selbst sieht. Hjortsberg macht den Leser mit Harry bekannt und vertraut, bevor die Enthüllungen über ihn beginnen, von denen Harry selbst nichts ahnt. Das ist ungeheuer raffiniert.

Aber Hjortsberg bleibt nicht dabei, eine gleichförmige Linie einzuhalten; jede Figur auf diesem Höllentrip besticht durch einen eigenen Rhythmus des Stils. Es ist interessant, wenn Harry seine Hinweise sichtet und genau weiß, wann jemand lügt, aber es ist geradezu faszinierend, wenn es einem der Charaktere gelingt, ihn hinters Licht zu führen, und es gibt zahlreiche Figuren, die Harry entweder weiterhelfen oder behindern. Und dann sind da noch einige, die herausstechen. Mit zu den interessantesten Charakteren gehört Epiphany Proudfoot, eine Mulattin, der ein eigenes Geschäft gehört und die außerdem Voodoo-Priesterin ist. Sie ist auf eine Weise in den Johnny-Favorite-Fall verwickelt, der sie nicht mehr entkommen lässt. Hier sei jetzt dann doch auf den Film hingewiesen, denn obwohl der Roman 1978 geschrieben wurde, hat man das Gefühl, dass diese Rolle Lisa Bonet, die die Epiphany spielt, auf den Leib geschrieben wurde.

Louis Cypher bleibt bis zum schockierenden Finale ein Rätsel. Es wird wenig von im Preis gegeben, aber im Hintergrund ist er stets präsent. Bis sich das Puzzle fügt bleibt diese Figur verwirrend. Und selbst wenn man erkannt hat, was der Name bedeutet, bleibt der Charakter voller Überraschungen.

Falling Angel ist ein beängstigender Roman; die intensiven Rituale werden detailliert dargestellt, nie aber zum Selbstzweck. Der geschlachtete menschliche Körper ist ein Motiv, das sich durch den ganzen Roman zieht. Schwache Gemüter sollten darauf vorbereitet sein, denn das in Kombination mit einer schleichenden Unheimlichkeit, verfehlt seine Wirkung kaum. Hjortsberg hat für die Beschreibung der Voodoo-Rituale und Satanischen Messen sehr gut recherchiert und liefert einige Informationen, die nur ein echter Insider haben kann, dennoch nimmt er sich einige Freiheiten heraus. Alles in allem kann man als Laie ohnehin das eine nicht vom anderen trennen in diesem faszinierenden, dunklen Roman.

Sowohl das Buch als auch der Film seien an dieser Stelle empfohlen, obwohl – das liegt in der Natur der Sache – sich beide Medien selbstverständlich in ihrem Vortrag unterscheiden. Man sollte zwar nie, aber ganz besonders hier nicht von einer Ver-Filmung sprechen. Für jeden Connoisseur ist dies das Unwort schlechthin. Der Roman kann das, was eben ausnahmslos nur die Literatur vermag, aber in diesem Fall darf man sich danach auch gerne den Film ansehen.

Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher

Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstückchen (und natürlich auch innerhalb des kriminalistischen Dramas, das hier keine allzu große Rolle spielt), und obwohl ihre Sprache präzise ist, ist sie nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und sie kommt fast ohne Metaphorik auf Satzebene aus. Würden ihre Figuren nicht in einem konstanten psychologischen Extrem agieren, könnte man sie als flach bezeichnen.

Und diese Figuren sind wahrlich schwer, wenn nicht unmöglich zu mögen. Graham Greene nennt die Autorin in seinem Vorwort “die Schriftstellerin der Beklemmung”; studiert man diese Geschichten näher, erkennt man sie als ein Beispiel dafür, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist zwar keine tiefgründige Beobachtung, aber ihre unsicheren, beleidigenden, affektierten, unbequemen, elenden, ängstlichen, grausamen Charaktere kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder auch nicht, meist beim Töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich durch ihre Erlebnisse nicht. Highsmiths Kurzgeschichten trotzen James Joyces Erwartung an die Erleuchtung:  Die Menschen verhalten sich schlecht und es kommt nicht zu einer Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebungen in der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Erhöhung der eingefassten Fähigkeit hinausläuft. So wie etwa ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung führt als zu einer Rehabilitation. “Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher” weiterlesen