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Das Schneeberg-Habitat

Dieser Artikel ist Teil 1 von 54 der Reihe Gespenstersuite

Hoch auf den Schultern des Landes saß der Berg, so dass er noch ein Stück höher reichte und deshalb wesentlich mehr sah als angenommen.

Wenn er sich bewegte, tönte aus seinem Inneren ein heulender Ton, ein Schnaufen lang zurückliegender Zeiten. Es gab kaum Platz an seinen starken Flanken, kaum ein Emporkommen an den Splittern seiner Gegenwart, und seine Krallen waren finstere Bäche, die in Kavernen hinabstiegen und nicht an den Wiesen interessiert waren, die ihnen schöne Augen machten und über Nacht verschwanden. Sie stiegen in ein anderes Tal und brauchten nicht lange für ihre Entscheidung.

Ein Ornament, schöner als ein Filzhut, blieb zurück und drückte sich tief in die Erde, die ihre Stirn zu runzeln verstand. Diesen Berg bestieg ich aufgrund einer Vorahnung, ein Zeichen, das ich am Grunde eines Suppentellers sah. Es könnte Regen geben und es könnten sich neue Bäche bilden, es könnte ein neues Feld entstehen, abstrakte Muster, die zu lesen waren, wenn der Gipfel nichts dagegen hatte, wenn die Turbulenzen etwas nachgelassen hatten. Noch war die Zeit nicht vorbei, Zöpfe pilgerten die Wangen entlang, blaue Augen starrten in die Nacht aller Nächte hinaus. Ein Bild keiner Sonne. Ein eingerahmter Pflug. Das Schwert vergessener Fahrten. Noch zürnten die heißen Lippen, aber schon tranken sie die nächste Tasse eines fürchterlichen Wimmerns. In den Hütten blieb es still. Der Schlaf ging um und rührte nicht an den Geheimnissen, den unverschlossenen Türen, die in kleine unbenutzte Kammern ohne Fenster führten. Auch dort hingen die Träume bündelweise von der Decke, jeder von ihnen mit einem Preisschild versehen.

Ein Schneedämon, der sich von Fleisch ernährt, um danach in die Wälder zu verschwinden, um sich das eiskalte Schnütchen mit jungen Fichten zu putzen, quergelegt und weich. Die Förster hielten das abgescherte Bäumelein für Windfraß, das Schneelager für Holles Bettenzelt, das Bluträtsel für füchsisches Treiben, das Kochfeuer für Magie. Man erzählte es nicht in der Kneipe, sagte nicht: Ich habe heute im Wald einen Herd entdeckt, Nierengulasch war noch übrig, aber ich wollte nicht riskieren, dass dieser weiße Riese erwacht und mir vielleicht Lungen und Herz abfrühstückt.

Jim Butcher: Sturmnacht (Die dunklen Fälle des Harry Dresden #1)

Dieser Artikel ist Teil 1 von 2 der Reihe Dresden-Files

Harry Dresden gehört definitiv zu den besten Detektiven aller Zeiten. Dass er dabei noch ein Magier ist, mag ihm scheinbar hilfreich sein, aber das ist es nicht. Jim Butcher hat Harry ins Leben gerufen, ohne zu ahnen, dass er damit die beste und erfolgreichste Urban Fantasy-Reihe aller Zeiten zu Papier bringt, die mittlerweile zigfach kopiert wurde, ein Ende ist nicht in Sicht. Bei uns hat die Veröffentlichungspolitik dieser über alle Maßen erfolgreichen Bücher leider einen unglücklichen Weg genommen, der allerdings jetzt beendet scheint. Die ersten Bände wurden noch von Knaur herausgegeben, bevor der Verlag das Interesse verlor und Harry zu Feder & Schwert wechselte. Wäre der Verlag nicht bankrott gegangen, hätten er es fast geschafft, alle 17 Bände herauszugeben, aber dem war nicht so.

Die Neuauflage bei Blanvalet

Blanvalet

Ab dem 23. November 2022 wird die Serie nun endlich von Blanvalet neu aufgelegt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir diesmal in den Genuss des gesamten Werkes kommen werden. Die Cover sind vielleicht nicht ganz so schick wie seinerzeit die von Feder & Schwert, aber sie sind auf keinen Fall so unterirdisch wie es bei uns fast schon Mode zu sein scheint. Den Auftakt machen an diesem Tag die beiden Bände “Sturmnacht” und “Wolfsjagd”. Man hat also auch die alten Titel stehen lassen, was auch nicht immer vorkommt.

Jim Butchers Dresden-Files sind eine perfekte Verbindung aus dem hartgesottenen Detektivgenre und der Urban Fantasy. Als einziger “beratender Zauberer” der Welt tritt Harry Dresden gegen eine Vielzahl von Wesen an – darunter Geister, Vampire, Werwölfe und andere Monster – und nimmt Fälle von menschlichen und nichtmenschlichen Klienten sowie von der Sonderermittlungseinheit der Polizei von Chicago an. Dem Strand-Magazine, jener Zeitschrift, die durch die Veröffentlichung vieler Sherlock Holmes-Geschichten Legendenstatus erreichte, sagte der Autor:

“Mir wurde klar, dass Zauberer und Privatdetektive genau das Gleiche tun. Sie spielen dieselbe Rolle und haben nur unterschiedliche Hüte auf. Ob sie nun in die kriminelle Unterwelt Chicagos oder in die buchstäbliche Unterwelt wie im Herrn der Ringe eintauchen, beide sind Menschen, die sich an dunkle Orte begeben und eine Bedrohung darstellen, nicht unbedingt wegen dem, was sie alles zu tun vermögen, sondern hauptsächlich wegen dem, was sie wissen. Als mir klar wurde, dass Zauberer und Privatdetektive auf demselben Konzept beruhen, wurde es ganz einfach.”

Mittlerweile gibt es viele dieser Dresden-Klones, ob es sich nun um Kevin Hearnes Eisernen Druiden oder Ben Aaronovitchs Peter Grant handelt, aber Harry Dresden ist für die Urban Fantasy das, was der Herr der Ringe für die High Fantasy ist.

Sturmnacht

Sturmnacht beginnt mit einem ganz normalen Tag, an dem die potenzielle Kundin Monica Sells bei Harry vorbei schaut. Sie macht sich Sorgen um ihren Mann Victor und befürchtet, dass er sich zu sehr in die Welt der Magie eingemischt hat. Sie möchte, dass Harry herausfindet, was mit ihm los ist.

Gleichzeitig bittet Leutenant Karrin Murphy von der Polizei in Chicago Harry Dresden wegen eines Mordes, der sich ereignet hat, um Hilfe. Das tut sie regelmäßig, wenn es um einen Fall geht, der mit dem Übernatürlichen zu tun haben könnte. Harry ist als Berater für die Polizei in Chicago tätig und wird für seine Arbeit auch bezahlt.

Als Harry die Fälle untersucht, wird ihm klar, dass sie beiden miteinander zusammenhängen und er sie unter einen Hut bringen muss, aber er muss auch Murphy bei Laune halten, ohne ihr alles zu erzählen, während er versucht, die beiden Fälle aufzuklären. Es gibt einen abtrünnigen Zauberer und einen Dämon, der bekämpft werden muss. Harry möchte Murphy nicht mit hineinziehen, um sie nicht in Gefahr zu bringen.

Im Laufe des Buches lernen wir Figuren kennen, die nicht nur in dieser Geschichte eine Rolle spielen, sondern auch in der weiteren Serie. Wir bekommen mehr von Harry und Karrin Murphys Interaktionen und wie sie zusammenarbeiten. Wie in eine ersten Band üblich, werden wir in dieser Geschichte gewissermaßen mit Murphy bekannt gemacht.

Wir lernen den Gangsterboss und gelegentlichen Gentleman Johnny Marcone kennen, und wie er in diese Geschichte verstrickt ist. Marcone spielt in der gesamten Serie eine Rolle und Harry muss sich immer wieder mit ihm und seiner Bande auseinandersetzen.

Wir erhalten auch bereits Hinweise auf den Weißen Rat der Zauberer, und wir lernen den Aufseher dieses Rates, Donald Morgan, kennen, der Dresden bei seinen Verfehlungen gerne auf frischer Tat ertappen will. Harry wurde aufgrund seiner Vergangenheit, die ebenfalls in die Geschichte einfließt, an die kurze Leine gelegt. Morgan soll dafür sorgen, dass Harry sich an die Regeln und an die strengen Gesetze hält, was ihm nicht leicht fällt. Morgan würde nichts lieber tun, als Harry dabei zu erwischen, wie er eines der Gesetze der Magie bricht, um ihn vor den Weißen Rat zu bringen und ihn daraufhin hinrichten zu lassen.

Susan Rodriguez hat in dieser Geschichte ebenfalls ihren ersten Auftritt. Sie ist Reporterin für die Zeitung Arcane, die über übernatürliche und magische Dinge berichtet. Susan sieht Harry als ihren wichtigsten Kontakt und nervt ihn ständig mit den neuesten Gerüchten. Susans Geschichte beginnt hier, und ihre und Harrys Beziehung entwickelt sich im Laufe der Geschichte von beruflich zu freundschaftlich und dann zu einem Liebesverhältnis. Am Ende hat Susan einen großen Einfluss auf die gesamte Serie und auch auf Harry.

In einem Kellerlabor haust Harrys Assistent Bob, ein alter und intelligenter Geist, der in einem Schädel gefangen ist und ihn ohne Harrys Erlaubnis nicht verlassen kann. Bob hilft Harry bei seinen Zaubersprüchen und der Herstellung von Tränken und bringt ihm neue magische Techniken bei. Natürlich versucht er jede Gelegenheit zu nutzen, den Schädel zu verlassen und ab und zu lässt Harry ihn für 24 Stunden heraus. Die Beziehung zwischen Harry und Bob ist unterhaltsam und entwickelt sich im Laufe der Serie auch weiter.

Wir bekommen auch einen ersten Blick auf Mac und seine Taverne McAnally’s, die ein lokaler Treffpunkt für Harry und andere aus dem magischen Reich ist. Mac ist der starke, schweigsame Typ, der einen neutralen Ort für alle bietet, um sich zu treffen. Er ist ein Teil von Harry und hilft ihm oft, wenn er in Schwierigkeiten steckt.

Eine der magischen Kreaturen, die wir in dieser Geschichte kennen lernen, ist eine Tautropfen-Fee namens Toot Toot. Er ist eine Hilfe für Harry und erledigt oft Aufgaben für ihn im Tausch gegen Pizza. Er taucht von Zeit zu Zeit in der Serie auf und hier sehen wir ihn zum ersten Mal.

Eine groß angelegte Serie wie die Dresden-Files benötigen eine kluge Einführung, und das bekommen wir hier. Trotzdem wird die Geschichte der Sturmnacht abgeschlossen und aufgelöst, so dass auch bei jenen kein Frust entsteht, die nicht weiter in diese fantastische Welt eintauchen möchten. Alle anderen lernen die Protagonisten kennen, die im weiteren Verlauf eine wichtige Rolle spielen werden. Wir lernen Harrys magisches Systhem kennen und lesen ein wenig über seine Vorgeschichte, seinen Mentor und seine Familie, die später in der Serie ebenfalls eine Rolle spielen wird.

Allen, die dabei bleiben, kann ich versprechen, dass sie einen Höllenritt vor sich haben, der seinesgleichen sucht.

Gestaltwandler

Dieser Artikel ist Teil 17 von 17 der Reihe Fantasy-Literatur

Jede Kreatur, die in der Lage ist, eine drastische Veränderung des Aussehens herbeizuführen, ist dem Grunde nach ein Gestaltwandler. Obwohl sie manchmal monströse Formen annehmen, sind Gestaltwandler nicht immer böse. Sie können blutrünstig, schelmisch, hilfreich oder irgendetwas dazwischen sein.

Natürlich ist es schwer, das Aussehen eines Gestaltwandlers festzulegen. Als Individuen verändert sich ihre Form ständig, und als Gruppe, die sich über Dutzende von Kulturen erstreckt, halten sie eine größere Vielfalt an Formen bereit, als dass man sie alle aufzählen könnte.

Schönheit ist vielleicht der größte Trend in ihrem Aussehen. Diese Charaktere erscheinen häufig als strahlende Jungfrauen oder starke junge Männer, deren Schönheit jeden, der ihren Weg kreuzt, betört. Andere beliebte Formen sind wolfähnliche Tiere und Schlangen.

Gestaltwandler sind in ihren Fähigkeiten ebenso vielfältig wie in ihrem Aussehen. Das Gestalwandeln selbst ist manchmal mehr ein Fluch als eine eigentliche magische Fähigkeit.

In der alten Mythologie ist die Formwandlung nur eine der endlosen magischen Fähigkeiten, die von gottähnlichen Charakteren genutzt werden. In der Trickser-Folklore ist die Formwandlung die einzige magische Fähigkeit der Charaktere, aber sie kombinieren sie mit so viel List, dass sie dennoch eine mächtige Kraft darstellt. In romantischen Märchen ist die Formwandlung meist eine Belastung für an sich machtlose Charaktere, die gewöhnlich von einem mächtigeren magischen Wesen betrogen oder verflucht wurden.

In japanischen, chinesischen und koreanischen Legenden finden sich überall Spuren von Gestaltwandlern. Oft sind es Füchse, die sich in schöne Mädchen verwandeln. Diese Charaktere haben meist keine guten Absichten und benutzen ihre Schönheit, um Männer zu verführen und zu töten, aber gelegentlich stellt sich eine der Gestaltwandlerinnen als unschuldige romantische Schönheit heraus. Manchmal nehmen Gestaltwandler auch andere Formen an wie Schlangen, Katzen, Dachse und Waschbären.

Die indische und tatarische Folklore bevorzugt Gestaltwandler, die von Schlangen zu Menschen werden. Auch hier führen diese Charaktere fast nie etwas Gutes im Schilde.

Griechische und römische Mythologie
Anscheinend waren alle griechischen und römischen Götter Gestaltwandler, obwohl einige von ihnen es besonders liebten, ihre Form zu verändern und andere weniger.

Proteus, ein Meeresgott, wurde berühmt für seine Fähigkeit, von einer Form zur anderen zu wechseln, sobald Feinde ihn verfolgten. Zeus, der Anführer der Götter, nutzte sein Talent im Gestaltenwandeln für einen schändlichen Zweck; da er den Ruf hatte, Frauen schlecht zu behandeln, nutze er seine Gabe als eine Möglichkeit, sich einem neuen Opfer in anderer Gestalt zu nähern.

Auch waren die Götter in der Lage, andere Menschen in Tiere und Objekte zu verwandeln. Oft wurde diese Art der Verwandlung als Strafe benutzt; die Göttin Athena verwandelte die sterbliche Arachne in eine Spinne, weil sie Athenas Geschicklichkeit beim Weben herausgefordert hatte, und Zeus verwandelte den sterblichen Lykaon in einen Wolf, weil er versuchte, Zeus dazu zu bringen, Menschenfleisch zu essen. In anderen Fällen nutzten die Götter ihre transformativen Kräfte jedoch auch, um einen Sterblichen zu schützen. Zeus verwandelte Io, eine schöne Nymphe, in eine Kuh, um sie vor seiner eifersüchtigen Frau Hera zu verstecken, und Apollo trauerte um den Verlust seines Geliebten Hyakinthos, indem er ihn in eine wunderschöne Blume verwandelte. Die meisten dieser Sterblichen wurden nicht zu wahren Gestaltwandlern, nachdem sie von den Göttern verändert worden waren, weil sie eben nicht in der Lage waren, sich wieder in eine menschliche Form zurück zu verwandeln. Sie waren für den Rest der Zeit in einer nicht-menschlichen Form gefangen.

Wie die Griechen schrieben auch die Nordländer ihren Göttern die Kraft der Formwandlung zu. Loki, der Gott des Chaos und des Unfuges, mochte die Formwandlung besonders gerne und konnte jede gewünschte Form annehmen, er bemutterte sogar ein paar Monster, während er in weiblicher Gestalt auftrat! Freyja, die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, hatte einen Umhang aus Falkenfedern, der es ihr erlaubte, sich nach Belieben in einen Falken zu verwandeln. Ebenso liebte es Odin, sich in die Form eines Adlers zu verwandeln.

Manchmal wurden selbst die sterblichen nordischen Menschen dazu inspiriert, die Form zu wechseln. Die Schamanen glaubten, dass sie durch das Erreichen eines rituellen Zustandes ihren Geist aus ihrem Körper in die Form eines Tieres hinein leiten könnten, um so durch die Welt zu wandern, während die als “Beserker” bekannten Krieger glaubten, dass sie die Gestalt eines Wolfes annehmen oder im Kampf tragen könnten, indem sie sich die Haut des Tieres umlegten. Bewusstseinsverändernde Drogen mögen dafür verantwortlich gewesen sein, sowohl Schamanen als auch Berserkern davon zu überzeugen, dass sie tatsächlich Gestaltwandler waren.

Hexen, Barden und Zauberer sind für den Löwenanteil der Formwandlungsprozesse in der keltischen Folklore verantwortlich. Mit ihrer Gabe und Magie konnten diese Charaktere fast jede Form annehmen, die sie wollten, und sie verfluchten häufig auch Helden und Prinzessinnen und gaben ihnen eine hässliche Gestalt, bis der Fluch gebrochen war.

Im alten Schottland spukten zwei besondere Arten von Gestaltwandlern in den Gewässern. Selkies, eine Art Seehund, der sich in einen Menschen verwandeln konnte, hatte seinen Spielplatz im Meer, während Kelpies, ein Wassergeist, der sich in ein Pferd oder eine Frau verwandeln konnte, in den Seen und Flüssen lebte. Beide Kreaturen versuchten, Menschen ins Wasser zu locken, wo sie häufig ertranken.

Das Navajovolk und viele verwandte Stämme nennen die Tradition von “Skinwalkern” ihr eigen, eine Gruppe von Hexen, die sich in Kojoten, Wölfe, Füchse, Eulen oder Krähen verwandeln können. Während die Skinwalker sicherlich nicht menschenfreundlich sind, sind sie aber auch nicht besonders gefährlich. Sie genießen es, Menschen zu erschrecken, aber sie haben noch nie jemandem körperlichen Schaden zugefügt.

Gestaltwandler haben die menschliche Vorstellungskraft schon immer beeinflusst, und sie sind weiterhin zentrale Figuren in unseren Fiktionen.

Spezifische Charaktere finden sich in einigen der beliebtesten Fantasy-Romane dieses Jahrhunderts. In J.R.R. Tolkeins Hobbit verwandelt sich ein Charakter namens Beorn in einen Bären; in C.S. Lewis Chroniken von Narnia verwandelt sich ein Charakter namens Eustace Scrubb in einen Drachen; in T.H. Whites’ Der König auf Camelot nehmen sowohl Merlin als auch der junge König Arthur verschiedene Tierformen an; und in J.K. Rowlings Harry Potter-Serie gibt es eine Gruppe von Hexen und Zauberern, bekannt als Animagi, die sich in verschiedene Tiere verwandeln.

Kindermärchen, die zuerst von den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Anderson verbreitet und später von Walt Disney kommerzialisiert wurden, haben ebenfalls Gestaltwandler auf ihren Seiten willkommen geheißen. In vielen Fällen ist ein schöner Prinz oder eine schöne Prinzessin in einer monströsen Form gefangen, und ihre einzige Hoffnung auf Erlösung besteht darin, die wahre Liebe zu finden. Die Erfolgsfilme Die Schöne und das Biest, Die Schwanenprinzessin und Shrek haben alle dieses Thema verwendet.

Aber insgesamt ist der bekannteste Gestaltwandler von heute der Werwolf, ein Mann, der sich meist bei Vollmond in einen Wolf verwandelt. Diese Kreatur inspirierte eine Reihe von frühen Horrorfilmen, und heute hat sie eine gewichtige Rolle in den romantischen übernatürlichen Romanen der Populärkultur übernommen.

Jim Butcher: Wolfsjagd (Die dunklen Fälle des Harry Dresden Nr. 2)

Dieser Artikel ist Teil 2 von 2 der Reihe Dresden-Files

Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten. Wir kommen heute zum zweiten Teil der beliebtesten und wahrscheinlich besten Urban Fantasy-Serie der Welt. Es geht um die dunklen Fälle des Harry Dresden, im Original Dresden-Files. Der Titel: Full Moon, bei uns: Wolfsjagd. Blanvalet legt die Bände, die bei uns nie vollständig erschienen, wieder neu auf – und das ist ein echter Glücksfall. Auch wenn man ganz leicht in die Serie reinkommt, empfiehlt es sich doch, am Anfang anzufangen. Und wer sich dafür interessiert, der kann sich hier im Phantastikon bereits die Sendung zu Sturmfront anhören.

Bevor wir ins Geschehen hüpfen – möglichst Spoilerfrei, obwohl sich das nicht gänzlich vermeiden lässt – noch ein kleiner Nachtrag zum Autor selbst. Wer ist Jim Butcher überhaupt?

Am 26. Oktober 1971 in Missouri geboren, wurde sein Interesse an Science Fiction und Fantasy schon früh geweckt, als er sich nämlich von einer Halsentzündung erholen musste. Seine ältere Schwester versorgte ihn während seiner Genesung mit J.R.R. Tolkiens “Herr der Ringe” und Brian Daleys “Han Solos Abenteuer”. Das beflügelte seine Fantasie und er begann nach Geschichten zu suchen, die keiner zu dieser Zeit schrieb. Also machte er es selbst.

1995 machte Butcher seinen Abschluss an der University of Oklahoma in den Fächern Englisch und kreatives Schreiben. Außerdem absolvierte er ein Journalismus-Studium. Laut Butcher wurde das Schreibprogramm dort von bereits etablierten Autoren unterrichtet. Deborah Chester, die in den Genres Science Fiction und Liebesromane schrieb, war dort seine Lehrerin und wurde schließlich zu seiner Mentorin. Während dieses Journalismus-Studiums schuf Butcher also Harry Dresden. Jahrelang hatte seine Mentorin versucht, ihm beizubringen, wie man ein professioneller Schriftsteller wird, aber Jim, der immerhin einen Abschluss in Englisch hatte, hörte ihr einfach nicht zu. Um ihr zu beweisen, dass ihre Ideen Mist sind, entschloss er sich allerdings dazu, all das zu tun, was sie ihm sagte. Und zu seiner Verblüffung hatte sie völlig recht gehabt.

Butcher schrieb das, was schließlich Storm Front, das erste Buch der Dresden Files, werden sollte, aber er hatte größere Pläne. Statt mit dem Entwurf des restlichen Buches, kam er mit einem Entwurf für eine zwanzigbändige Serie.

Das Publikum jedoch mochte die Idee einer langfristig angelegten Geschichte. Bei der Erschaffung von Dresden hat Butcher die klassischen Zauberer Merlin und Gandalf aus Herr der Ringe (LOTR) und Privatdetektive wie Sam Spade von Dashiell Hammett “zerhackt” und zu Harry Dresden “zusammengeschustert”. Auch Spider-Man hatte einen Einfluss. Tatsächlich schrieb Butcher 2006 den Spider-Man-Roman The Darkest Hours.

Ursprünglich wollte Butcher die Dresden Files in Kansas City spielen lassen, aber Chester riet ihm davon ab und sagte ihm, er würde damit Laurell K. Hamilton auf die Füße treten. Zur Erinnerung: Hamilton ist die Autorin der Anita-Blake-Serie, die bei uns leider im Bastei-Verlag erschien, ein Verlag, der dafür bekannt ist, Serien einfach mittendrin abzubrechen.

Die titelgebende Protagonistin ist Nekromantin und Vampirjägerin. Und auch diese Serie verbindet hartgesottene Krimis mit Elementen des Übernatürlichen; die Ähnlichkeit liegt zwar auf der Hand, aber Anita Blake ist mehr eine Erotik-Thriller-Serie als irgendetwas anderes, Vampire hin oder her.

Für Butcher kamen vier andere amerikanische Großstädte infrage. Da war einmal Washington DC. Allerdings wollte er Harry nicht dort spielen lassen, weil die Hauptstadt der Nation ein Synonym für Politik ist und wenn man über Politik schreibt, verliert man unweigerlich einen Teil seines Publikums.

Das nächste Ziel war New York City. Aber auch das schied aus, weil alle Redakteure in New York leben. Und dann war da noch Los Angeles. Das schied wiederum aus, weil alle Geschichten im Fernsehen und im Film dort spielen. Und dann war da noch Chicago, eine Gangsterstadt.

Laut Butcher stellte sich diese Wahl als großes Glück heraus, als er anfing, sich mit der Geschichte und der Folklore von Chicago zu beschäftigen, mit den Geistern, die Spukgeschichten, die Serienmörder und die großen Tragödien. Ganz offensichtlich war das die richtige Entscheidung, wie immer sie auch zustande gekommen sein mag.

Urban Fantasy (3) – Die Chronik der urbanen Fantasy

Dieser Artikel ist Teil 13 von 17 der Reihe Fantasy-Literatur

Dies ist die dritte Sendung zum Thema Urban Fantasy. Die anderen finden sich hier, hier und hier. Außerdem ist diese Trilogie ein Teil der weitaus größeren Artikel-Reihe mit dem Titel “Die Geschichte der Fantasy“.

Im vorherigen Beitrag sprachen wir über die ersten Autoren, die sich in den 80er und 90er Jahren in das Neuland der urbanen Fantasy wagten: Charles de Lint, Emma Bull, Laurell K. Hamilton, Neil Gaiman und andere. Nun wollen wir sehen, wie sich die urbane Fantasy im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts entwickelt hat.

Kinderbücher, Jugendbücher und neue Belletristik für Erwachsene

In den 90er Jahren wurden urbane Fantasy-Bücher hauptsächlich für Erwachsene geschrieben. J.K. Rowling änderte das, indem sie urbane Fantasy-Themen in ihre Harry-Potter-Serie integrierte. Die Grundidee der Serie ähnelt derjenigen, mit der Neil Gaiman in Niemalsland gespielt hat, nämlich der Koexistenz zweier Realitätsebenen, einer technologischen und einer magischen . Man kann sogar sagen, dass Harry Potter und der Stein der Weisen (1997) ein Niemalsland für Kinder und Jugendliche ist.

Jugendliteratur (auch „Young Adult“ genannt) hat sich in den 2000er Jahren massiv mit urbaner Fantasy auseinandergesetzt. Twilight (2005) von Stephenie Meyer war ein großer kommerzieller Erfolg, trotz der erheblichen Schwächen des Romans (oder vielleicht wegen dieser Schwächen). Kurz darauf startete Cassandra Clare ihre Chroniken der Unterwelt mit City of Bones (2007). Seitdem hat sich die Urban Fantasy für Kinder u. Jugendliche in den Regalen jeder Buchhandlung festgesetzt und sich zu einem der kommerziell erfolgreichsten Genres der Geschichte entwickelt.

Die neueste Entwicklung ist die Entstehung der sogenannten „New Adult“-Literatur, die sich an Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren richtet. Dieses Genre ähnelt der Jugendbelletristik, enthält aber etwas ältere Protagonisten (Ende der Pubertät und Anfang der Zwanziger) und manchmal auch erwachsenes Material, aber nicht immer. Mit Lev Grossmans Fillroy – Die Zauberer startete 2009 eine neue erwachsene Urban Fantasy, und dieses Subgenre gewannt schnell an Dynamik. Die Zauberer wurde als der Harry Potter für Erwachsene beworben, aber dieser Roman ist nicht nur ein Harry Potter-Abklatsch. Dennoch besteht der Hauptunterschied darin, dass dieser Roman nicht vor erwachsenen Themen zurückschreckt.

Detektive des Übersinnlichen: Wenn Hardboiled auf Fantasy trifft

Detektive und Privatdetektive, die sich mit unerklärlichen, paranormalen Ereignissen beschäftigen, sind kein neues Thema in der Literatur. Eigentlich waren die allerersten Bücher, die sich mit diesem Thema befassten, keine Belletristik, sondern Hexenjägerhandbücher. Das berühmteste von ihnen war der „Hexenhammer“ Malleus Maleficarum, der 1486 von Heinrich Kramer, einem deutschen Geistlichen, geschrieben wurde. Auch das Thema der Detektive, die mit Hilfe von Magie Verbrechen aufklären, ist nicht neu. Als Subgenre der Kriminalliteratur lässt sich die okkulte Detektivliteratur bis in das 19. Jahrhundert zurückverfolgen.

Fitz James O’Briens Harry Escott in „A Pot of Tulips“ (1855)
Sheridan Le Fanus Dr. Martin Hesselius in “Grüner Tee” (1869) und “In a Glass Darkly” (1872)
Bram Stokers Dr. Abraham Van Helsing in Dracula (1897).
In den 1990er Jahren waren Fantasy und hartgesottene (Hardboiled) Noir-Detektivgeschichten völlig unterschiedliche Genres und schienen nichts gemeinsam zu haben. Fantasy-Geschichten wurden in sekundären, vorindustriellen Welten angesiedelt, in denen Magie zum Alltag gehörte. Noir-Detektivgeschichten spielten in modernen Metropolen und waren mit den sozialen Brennpunkten der Großstädte verwurzelt. Versuche, diese beiden Genres zu verschmelzen, wurden manchmal mit Erfolg unternommen, wie das Beispiel der Hellblazer-Comics zeigt. Das fantastische Noir blieb jedoch ein relativ kleines Genre, bis Jim Butcher es neu erfand.

Könnt ihr euch eine Kreuzung zwischen Sam Spade und Gandalf vorstellen?

„Harry Dresden – Magier. Suche verlorene Gegenstände. Paranormale Ermittlungen. Beratung und Ratschläge. Erschwingliche Honorare. Keine Liebestränke, keine unerschöpflichen Geldbörsen, keine Partys, keine sonstigen Unterhaltungsveranstaltungen.“

Jim Butcher ist der MacGyver der Fantasy. In „Sturmnacht“ (2000) kombinierte er zwei unterschiedliche Genres zu etwas Neuem und Funktionalem: Die Detektivgeschichten verbindet sich mit Sword & Sorcery. Im Gegensatz zu MacGyver setzte Butcher seine Fähigkeiten jedoch nicht dazu ein, um für Gerechtigkeit zu sorgen, sondern um eine kommerziell erfolgreiche Serie urbaner Fantasy zu schreiben: “Die dunklen Fälle des Harry Dresden”. Wie die meisten Bestseller werden seine Bücher niemanden auf intellektueller Ebene herausfordern, aber sie werden jeden gründlich unterhalten. Meines Wissens ist Butcher der kommerziell erfolgreichste Autor im Genre der urbanen Fantasy. Fünf seiner Bücher belegten den ersten Platz der New York Times Bestsellerliste. Nur wenige Schriftsteller schafften so etwas.

Die Dresden-Files weisen viele Ähnlichkeiten mit Anita Blake auf, es gibt aber auch einige signifikante Unterschiede. Insbesondere die fiktiven Universen sind ganz anders aufgebaut. Die Dresden-Files beziehen sich stärker auf den Hardboiled-Kriminalroman, aber auch auf Sword & Sorcery. In der Serie Anita Blake drehen sich die Geschichten oft um Vampire und andere Untote und ihren Machtkampf. Der andere wichtige Unterschied ist die Entwicklung der Serie, da Anita Blake sich in Richtung paranormaler Romantik und Erotik bewegt, während die Dresden-Files fest im übernatürlichen Detektiv-Genre verwurzelt blieben.

Findest du es lustig, gegen Dämonen zu kämpfen?

Urbane Fantasy-Romane haben oft einen leichten, lässigen Ton. Humor ist omnipräsent, unabhängig davon, wie düster und dramatisch die Geschichte ist. Wir sehen es bereits in Moonheart (1984) von Charles de Lint, sowie in anderen frühe Beispielen urbaner Fantasy. Bittersüße Tode (1993) von Laurell K. Hamilton beginnt so:

Willie McCoy war ein Idiot, bevor er starb. Dass er tot war, hatte daran nichts geändert.

Während einige Urban Fantasy-Autoren einen relativ ernsten Ton anlegten (z.B. Kelley Armstrong in Die Nacht der Wölfin, Patricia Briggs in Moon Called), zögerten andere nicht, ihren Geschichten eine gute Portion Humor hinzuzufügen. Einige Passagen aus Sturmnacht kommen mir in den Sinn, z.B. wenn Harry Dresden mit Bob, einem Geist reinen Intellekts, der einen menschlichen Schädel bewohnt, diskutiert. Auch Neil Gaiman verfolgt in seinen Büchern einen augenzwinkernden Ansatz. “Ein gutes Omen” (Good Omens: The Nice and Accurate Prophecies of Agnes Nutter, Witch), 1990 zusammen mit Terry Pratchett geschrieben, ist eine Komödie des Übersinnlichen, die den Glauben an die biblische Apokalypse verspottet. Niemalsland (1996) strotzt ebenfalls vor humorvoller Dialoge, und die Bösewichte der Geschichte sind ebenso urkomisch wie finster.

Starke Frauen als Heldinnen

Die überwiegende Mehrheit der urbanen Fantasy-Romane zeigt willensstarke weibliche Protagonistinnen. Die einzigen Ausnahmen, die ich kenne, sind die Dresden-Files und Fillroy – Die Zauberer, beide von männlichen Autoren geschrieben, was nicht gerade überraschend ist.

Anita Blake ist eine ikonenhafte Figur, der Prototyp einer knallharten Heldin (siehe meinen vorherigen Beitrag zur Geschichte der urbanen Fantasy). Sie ist unabhängig, zielstrebig, mutig und in der Lage, sich zu verteidigen. Um das Ganze noch zu toppen, ist sie eine risikofreudige und adrenalinsüchtige Frau. Sie lässt sich von niemandem etwas gefallen und gerät wegen ihrer trotzigen Haltung oft in Schwierigkeiten. Unzählige urbane Fantasy-Heldinnen würden in dieses Profil passen: Elena Michaels (in der Otherworld-Serie von Kelley Armstrong), Mercy Thompson von Patricia Briggs), Rachel Morgan von Kim Harrison, Kate Daniels von Ilona Andrews), Selene (in der Underworld-Filmreihe) und so weiter.

Einige weibliche Protagonistinnen sind femininer und verletzlicher, aber auch sie haben eine starke Persönlichkeit, zum Beispiel Sookie Stackhouse (Buchreihe von Charlaine Harris und TV-Serie True Blood) oder MacKayla Lane, genannt Mac (Fever-Serie von Karen Marie Moning). Sie können aussehen wie Barbie-Puppen, aber sie wissen, was sie wollen, und sie bekommen, was sie wollen. In Im Bann des Vampirs gibt die 22-jährige Mac ihre verschwenderische Lebensweise in Ashford, Georgia, auf und reist nach Dublin, um den Mord an ihrer Schwester zu untersuchen. Ohne Detektivausbildung und ohne Hilfe der Polizei ist es nicht verwunderlich, dass sie schnell in Schwierigkeiten gerät. Doch sie weigert sich, nachzugeben. Einige würden sagen, sie sei mutig und entschlossen, andere würden sie als stur oder hitzköpfig bezeichnen. Wie immer man das sieht.

Das Thema weiblicher Emanzipation ist in der Literatur nicht neu. Die frühesten Beispiele, die ich kenne, sind Schauerromane vom Ende des 18. Jahrhunderts (siehe Ursprünge der Urban Fantasy). Interessanterweise erschien im selben Zeitraum (1792) Verteidigung der Frauenrechte von Mary Wollstonecraft, eines der frühesten Werke feministischer Philosophie. Wie ich bereits in meinem vorherigen Beitrag dargelegt habe, ist die urbane Fantasy das Äquivalent der Gothic Novel des 21. Jahrhunderts, in dem Sinne nämlich, dass diese beiden Genres viel gemeinsam haben. Die urbane Fantasy erlaubt es uns jedoch, das Problem der Frauenrechte aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Werwolf-Geschichten sind in diesem Zusammenhang interessant, zum Beispiel Bitten von Kelley Armstrong, Moon Called von Patricia Briggs oder Kitty and the Midnight Hour von Carrie Vaughn. Sie zeigen weibliche Werwölfe oder Gestaltwandlerinnen und stellen ihre komplexen Beziehungen zu den Werwolf-Clans dar, zu denen sie gehören. Geschlechterrollen, Emanzipation, Homophobie, Autorität und Autoritätskonflikte – es gibt viel zu sagen über Werwolf-Geschichten.

Geht es nur um Sex?

Urban Fantasy hat den Ruf, attraktive Protagonisten, denen sinnliche Genüsse nicht fremd sind, mit ebenso attraktiven Partnern des anderen Geschlechts zu präsentieren. Der Grund dafür ist einfach. Von Anfang an wurde urbane Fantasy eng mit paranormaler Romantik verbunden, obwohl nicht alle urbanen Fantasy-Geschichten Romantik enthalten. Die meisten von ihnen tun das, und ich sehe das nicht als Problem. Wer genießt nicht eine gute Liebesgeschichte?

Das Problem ist, dass sich Romantik in manchen urbanen Fantasy-Geschichten erzwungen anfühlt. Eine alte Vampirin verliebt sich plötzlich in einen Menschen. Warum? Weil es praktisch ist, das ist alles. Ich denke zum Beispiel an die Underworld-Serie. Im ersten Film verliebt sich Selene in Michael Corvin. Warum fühlt sie sich zu ihm hingezogen? Was macht ihn so besonders?

Dreiecksbeziehungen sind auch in der zeitgenössischen Fantasy weit verbreitet. Das kann eine mächtige Erzählstrategie sein, wenn das Thema intelligent eingesetzt wird. In Bitten von Kelley Armstrong enthüllt die Dreiecksbeziehung zwischen Elena, den Protagonisten Phillip (einem Menschen) und Clay (einem Werwolf), die Dualität von Elenas Persönlichkeit. Sie ist ein Werwolf, der versucht, ein normales, menschliches Leben zu führen. Ihr Freund Philip weiß nicht, wer sie wirklich ist. Ihre Liebe zu Phillip rührt von ihrer Verbundenheit mit der Menschheit her und ihrem Wunsch, sich von ihrem Rudel zu emanzipieren. Ihre Sehnsucht nach Clay hingegen kommt von ihren fleischlichen, tierischen Instinkten. Mit anderen Worten, der Mensch in ihr liebt Phillip, während der Wolf in ihr Clay liebt. Welche Seite ihrer Persönlichkeit wird gewinnen? Lesen Sie das Buch, um es herauszufinden!

Eskapismus oder eine andere Sichtweise auf die Realität?

Urbane Fantasy – wie die meisten Fantasy-Subgenres – betont Heldentum und persönliche Leistung. In urbanen Fantasy-Geschichten werden gewöhnliche Menschen jedoch oft in übernatürlichen Machenschaften gefangen gehalten. Wie ich in meinem vorherigen Beitrag schrieb, mag die urbane Fantasy ein eskapistisches Genre sein, aber dies ist ein zweideutiger Eskapismus, der uns immer wieder in die Realität zurückbringt.

Für mich ist der interessanteste Aspekt der urbanen Fantasie, wie dieses Genre mit dem Thema Dualität umgeht. Realität versus Fantasie, Modernität versus Tradition, Technologie versus Magie, Intellekt versus Instinkt. Dualität scheint der Kern jeder urbanen Fantasy-Geschichte zu sein. Die Gegensätze konkurrieren miteinander, um sich besser zu ergänzen. Ein gutes Beispiel für die Yin-Yang-Theorie, oder etwa nicht?

Natasha Pulley: Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit

Ein Buch von Natasha Pulley kann immer nur eines bedeuten: ein großartiges Leseerlebnis. Nachdem wir im letzten Jahr ihr Debüt “Der Uhrmacher in der Filigree Street” von 2015 endlich bekommen haben, ist bei Klett-Cotta jetzt ihr viertes Buch “Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit” auf uns gekommen. Richtig gehört – nach dem Debüt haben wir das vierte als zweites bekommen. Das wirft natürlich die Frage auf, ob man sich auch nur ein einziges Werk dieser phantastischen Autorin entgehen lassen darf. Ich vermute, die Antwort müsste Nein lauten.

Klett-Cotta

Das alles hat nur bedingt etwas mit dem vorliegenden Roman zu tun, der im Original “The Kingdoms” heißt, und nicht weniger als ein Feuerwerk der Fabulierkunst ist. Ich habe gelesen, dass es sich um eine Mixtur aus alternativer Geschichtsschreibung, Zeitreise und Science Fiction handeln soll und kann das nicht verneinen, aber genauso gut könnte man sagen, ein Satz bestehe aus Buchstaben. Aber ich muss die Kollegen in Schutz nehmen; wie soll man einem solchen Werk denn gerecht werden, ohne gelegentlich in Gemeinplätze abzudriften? Oder anders ausgedrückt: Wie schnell geht man über das Besondere hinweg, weil man es gar nicht mehr wahrnimmt?

Gegenwärtig gibt es diese neue Generation von Autorinnen, deren Schreibstil etwas Magisches besitzt. Und damit meine ich nicht Magie im wörtlichen Sinne, obwohl ihrer Bücher tatsächlich magische Elemente enthalten. Ich meine die Art und Weise, wie sie es verstehen, ihre Geschichten zu weben. Und Natasha Pulley ist natürlich eine von ihnen.

Es gibt immer eine große Handlung (und in den meisten Fällen könnte man sie als Rätselgeschichten bezeichnen), aber selbst dann liegt der Schwerpunkt der Erzählung auf der Romanze. Davon sollte man sich jedoch nicht täuschen lassen, Pulley schreibt keine Liebesromane: Sie schreibt Bücher über die Liebe, das schon, aber bei ihr bedeutet das, dass ihre Geschichten überhaupt nur deshalb entstehen, weil es darin Menschen gibt, die sich viel bedeuten.

Wir schreiben das Jahr 1898 und London – inzwischen in Londres umbenannt – wird von den Franzosen regiert. In dieser Version der Geschichte hat Großbritannien die Napoleonischen Kriege verloren: Die Aristokratie wurde abgeschafft, die Sklaverei jedoch nicht. Jetzt kommt es zu einer Welle seltsamer und unerklärlicher Amnesien. Einer der Amnesiekranken ist Joe Tournier, ein Leibeigener, der sich außerdem mit technischen Dingen sehr gut auskennt. Wie man sich vorstellen kann, dreht sich die ganze Geschichte im Grunde darum, dass Joe versucht, seine Vergangenheit zu klären und zu erfahren, wer die Menschen sind, nach denen er sich sehnt.

Es stimmt schon, es ist eine Art Mischung aus alternativer Geschichte, Zeitreise und Science Fiction. Während wir uns in der Zeit rückwärts und vorwärts bewegen, sehen wir verschiedene Möglichkeiten: Gesellschaften, die auf unterschiedliche Weise geformt wurden, und Leben, die hätten gelebt werden können, es aber nicht wurden Es gibt riesige Schiffe und Seeschlachten, es gibt viel Gewalt und Blut in diesem Buch. Es könnte wahrscheinlich nicht ereignisreicher sein. Und doch geht es im Kern um Liebe.

Joe hat keine Erinnerung an seine Vergangenheit und ist ständig auf der Suche nach dem fehlenden Teil seines Lebens, wobei er sich nur von Blitzen aus der Vergangenheit leiten lässt: einem Mann, der wartet, und einer Frau namens Madeline. Als er eine mysteriöse Postkarte erhält, die fast hundert Jahre zuvor verschickt wurde, wird er zu einem abgelegenen schottischen Leuchtturm gezogen und erlebt dort eine Reihe von unvorhersehbaren, aber bizarren Abenteuern.

Auf der Postkarte steht nur: “Komm nach Hause, wenn du dich erinnerst”. Es geht um die Idee, dass die Liebe stärker sein kann als die buchstäblichen Gesetze der Zeit und der Physik. Dass man die Welt verändern kann, um die eine Person zu finden, die dein Seelenverwandter ist.

Das Problem an diesem Roman wird für manche Leser möglicherweise das Tempo sein. Gerade in einer Zeit, wo man selbst guten Autoren zumutet, sogenannte Pageturner schreiben zu müssen, die überhaupt keine Tiefe entwickeln, könnte man sich schwer tun mit einer Pulley, die ganz genau weiß, wie wichtig es ist, aufzuzeigen, warum die Dinge passieren und warum die Figuren das tun und sagen, was sie tun. Tatsächlich scheint es manchmal gerade diese Fülle zu sein, die das Buch auf eine geheimnisvolle Weise verlangsamt, und das garantiert wiederum, dass man all diese Emotionen voll miterleben kann. Die ganze Geschichte stellt sich nicht nur vor das innere Auge, sondern lässt es zu, dass man darin verschwindet.

Bisher ist dies das beste von Pulleys Büchern. Natürlich habe auch ich vorher nur ihr Debüt gelesen, so dass man nicht gerade eine Entwicklung nachvollziehen kann, sondern gleich einen Quantensprung. Und das bedeutet natürlich nicht, dass nicht bereits ihr Uhrmacher eine sehr interessante Lektüre gewesen wäre.

Krabat

Otfried Preußler: Krabat – Eine postapokalyptische Fiktion

Wie viele der klassischen (und guten) Kinderbücher hat auch Krabat von Otfried Preußler das Potenzial, Leserinnen und Leser unterschiedlichen Alters anzusprechen.

Der in der Tschechoslowakei geborene Preußler war einer der beliebtesten und bekanntesten Kinderbuchautoren Deutschlands. Noch als Jugendlicher wurde er zur Armee eingezogen und musste nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fünf Jahre als Kriegsgefangener in der Sowjetisch- Tatarischen Republik überstehen. Danach wurde er Schullehrer, ein Beruf, dem er trotz seines Erfolges als Schriftsteller viele Jahre lang treu blieb. Sein Debüt im Jahre 1951, Das kleine Spiel vom Wettermachen, verkaufte sich weltweit 7,5 Millionen Mal. Seine Geschichten, die in 55 Sprachen übersetzt wurden, beschwören magische Welten herauf, die von übernatürlichen Wesen bevölkert sind; seine Lebensaufgabe, so erklärte er einmal, war es, Nahrung für die Fantasie zu liefern. Für Krabat zeichnete er die Volksmärchen nach, die er als Kind liebte, und gründete das Buch auf einer wendischen Legende. Aber es ist Preußlers eigene Erzählkunst und Atmosphäre, die diesen Bildungsroman, der auf gotischen Horror trifft, zeitlos und prächtig zu einem unheimlichen Original machen.

Nach dem Ende der Welt im späten siebzehnten Jahrhundert, wandert ein vierzehnjähriger Waisenjunge namens Krabat bettelnd von Stadt zu Stadt. Er ist nicht etwa verbittert aufgrund seines Loses. Schließlich kennt er nur dieses Leben am Rande eines Krieges, der später der Dreißigjährige Krieg genannt werden wird.

Als Krabat vom weltlichen Lehrling zum Schüler in der schwarzen Meisterschule übergeht und mehr über seine Situation erfährt, beginnt er zu erkennen, dass die Macht, die die Lehrlinge ausüben, und die relative Sicherheit ihres Lebens in der Mühle einen schrecklichen Preis haben. Niemand kann der Mühle wirklich entkommen, und jedes neue Jahr stirbt einer der Männer des Meisters unter mysteriösen Umständen. Dunkle Magie, zunächst nur in heimlichen Schimmern sichtbar, unterstützt das isolierte Unternehmen der Flucht.

Man kann Krabat auch als postapokalyptische Fiktion lesen. Der Dreißigjährige Krieg, geboren aus unzähligen verschleierten Gründen, führte zu tiefgreifenden Verwüstungen in der Mitte Europas. Die Sterblichkeitsrate im Heiligen Römischen Reich belief sich auf bis zu achtzig Millionen Menschen. Ausländische Söldnerarmeen sollten vom Land leben (bellum se ipsum a let – der Krieg wird sich selbst ernähren), und die Armeen schändeten es bis auf die blanken Knochen. Kämpfe, Hungersnöte, unmögliche Steuern, Staatsbankrott und Krankheiten zerstörten ganze Stadtteile. Kannibalismus (vor allem fraßen Erwachsene Kinder) wurde 1638 in der belagerten Stadt Breisach dokumentiert. Zeugnisse sprechen von ganzen entleerten Dörfern, von Wölfen, die in riesigen Rudeln durch die Straßen der Stadt streiften und Vieh, Haustiere und Menschen ohne Furcht töteten. Das Ausmaß der Zerstörung war erschütternd, entsetzlich, schwer zu ergründen.

Allerdings ist Krabat eine sanftmütige Geschichte. Die Katastrophen des Krieges sind nur gedämpft vorhanden. Die Eltern von Krabat sind an der Pest gestorben, und die Armee ist bestrebt, sich den kostbaren Ressourcen der Mühle zu versichern und ihre Burschen in ihre Reihen zu zwingen. Der Meister der Mühle hat als junger Mann vor einer Generation selbst im Krieg gekämpft, und er benutzt seine schwarzen Künste, um noch immer mitzumischen. Der Schrecken ist zu einem festen Bestandteil des Lebens geworden.

Anstatt sich auf eine harte, moralisierte Konfrontation zu konzentrieren, beschäftigt sich Krabat mit den subtilen Nexuspunkten, an denen sich Macht, Wissen und Schuld treffen. Die Magie, die der Meister ausübt, hält ihn am Leben und verewigt die Arbeit der Mühle, aber diese Arbeit ist beunruhigend zwecklos. Einmal im Mondzyklus kommt der Mann mit der Hahnenfeder, der scheinbare Chef des Meisters, der nie explizit als der Teufel bezeichnet wird und der nur einmal im Roman überhaupt spricht, um Säcke mit einer mysteriösen Substanz abzuholen. Krabat erblickt auch nur ein einziges Mal, was in diesen Säcken ist – Knochensplitter und Zähne – bevor er auf magische Weise gezwungen wird, zu vergessen.

Abgesehen von der Aufgabe, die von einem Gefühl der Dringlichkeit umgeben ist, scheint die ganze andere Arbeit, um die Mühle am Laufen zu halten, eine Art grausame Farce zu sein. Die Männer mahlen Getreide, aber es ist nie die Rede davon, es auch zu verkaufen, und es gibt keinen regelmäßigen Kontakt zu den Dorfbewohnern oder zu anderen Mühlen, um dies zu tun. Die Mühle existiert ausdrücklich, um die Unsterblichkeit des Meisters zu sichern. In dieser sinnlosen, schweren Arbeit liegen die Echos von faschistischen und kommunistischen Arbeitsprojekten, von Stalins kilometerlangen Kanälen, die letztendlich nur dazu gedacht waren, den Gefangenen in den Gulags, die diese Kanäle gegraben hatten, ihre Wertlosigkeit vor Augen zu führen. Die unmarkierten Gräber der Männer, die in der Mühle gestorben sind, um den Meister zu erhalten, und der Konsens der Gruppe, dass die Toten vergessen werden müssen, scheinen unheimlich aktuell zu sein.

Die Männer lernen Magie, aber nur so viel, wie sie wollen – es gibt keinen Anhaltspunkt für klare Ziele, und der Meister kümmert sich nicht darum, wie sie vorankommen. Sie hecken unschuldige Streiche aus, aber ihre Wesen sind eher individuell als kollektiv bösartig. Der verdrießliche Spion, der das Verhalten der Männer dem Meister meldet, ist nicht wie der anständige Vorarbeiter der Mühle, der auf die Probleme anderer mit Empathie reagiert. Es gibt keine faustische Selbstherrlichkeit, die mit diesem Teufelsgeschäft verbunden ist, und in der Tat gibt es wenig Beweise für einen konkreten Pakt.

In der Welt von Krabat ist Anstand letztlich das Einzige, worauf man sich verlassen kann. Irgendjemand wird immer klüger sein, und es wird immer Dinge geben, die man nicht versteht – alles, was man tun kann, ist, einen persönlichen Gerechtigkeitssinn zu entwickeln und zu hoffen, dass das ausreicht, um größere Veränderungen zu bewirken. Einfache menschliche Verbindungen, die den deformierenden Auswirkungen situativer Unterdrückung unterliegen, können erlösend sein und sind es wert, kultiviert zu werden.

Vielleicht ist das Nützlichste für einen erwachsenen Leser von Krabat der traurige und düstere Trost, der sich in der Inszenierung nach dem Ende der Welt verbirgt. Die Welt ist schon mal untergegangen. Wir selbst leben mit und in einer Geschichte, die von vergangenen Apokalypsen geprägt ist. Alle von ihnen waren schrecklich. Als Genre-Leser und Bürger in schlechten, unruhigen Zeiten sind unsere Gedanken voller katastrophaler Möglichkeiten. Es ist vielleicht nützlich, sich vor Augen zu halten, was bereits geschehen ist, und die arrogante Unmittelbarkeit unserer Probleme mit einem vernünftigen Maß an historischem Relativismus in Einklang zu bringen.

Die Sprache der Fantasy

Dieser Artikel ist Teil 15 von 17 der Reihe Fantasy-Literatur

Quenya, Tsolyáni, Láadan, Klingonisch, Kesh, Na’vi, Dothraki … das ist weder ein Zauber noch eine Litanei aus einem alten Gebetbuch, sondern nur einige wenige Beispiele erfundener Sprachen, die es in Büchern oder in Filmen gibt. Wir leben im Zeitalter der konstruierten Sprachen. Da die Fantasy in Büchern, TV und Film immer mehr zum Mittelpunkt geworden ist, hat sich die Vorstellung durchgesetzt, dass jede richtige Fantasy-Welt ihre eigene Sprache benötigt – oder vielleicht mehrere!

Heutzutage sind erfundene Sprachen allgegenwärtig. Organisationen wie die Language Creation Society und Ressourcen wie FrathWiki und das Conlanger Bulletin Board dienen dazu, die Talente derjenigen zusammenzuführen, die daran interessiert sind, ihre eigene Sprache zu entwickeln. Gleichzeitig haben viele Filmfranchises das Konzept der erfundenen, fiktiven Sprachen in den Alltag gebracht: Marc Okrands Klingonisch wurde durch das Star Trek Film- und TV-Franchise bekannt, und Paul Frommers Na’vi wurde für den Film Avatar erfunden.

Die Fantasy zieht durch ihre Darstellung von Welten an, die vertraut genug sind, um den Leser zu orientieren, aber fremd genug, damit sie ihn ständig überraschen. Die Fremdheit der Fantasywelt kann durch Kunst, Musik, Kostüme, Architektur, Artefakte und Magie zum Ausdruck gebracht werden. Aber der einfachste Weg über das geschriebene Wort macht den Leser auf die Fremdheit der Welt durch die Sprache aufmerksam: die Namen, unter denen Menschen und Orte und ungewöhnliche Dinge bekannt sind, die Sätze und Poesie, mit denen sich ein fremdes Bewusstsein ausdrückt. Nichts ist so fremd wie eine Fremdsprache.

Die grundlegendsten Fantasy-Sprachen

Bereits 1726 wusste Jonathan Swift, der die Geschichte des Reisenden in Gullivers Reisen auf satirische Weise porträtierte, die Fähigkeit einer fiktiven Sprache zu schätzen, um seinem imaginären Königreich Liliput Echtheit zu verleihen. Wenn Gulliver die Worte hekinah degul und tolgo phonac hört, ist er sich sofort ganz sicher, dass er sich außerhalb der sicheren, gewöhnlichen und verständlichen Welt befindet.

Swifts Erfindung ist nach modernen Maßstäben schlampig und einfallslos; seine Worte enthalten keine Laute, die im Englischen nicht vorkommen, und die meisten seiner zitierten Sätze sind unübersetzt. Es gibt wenig, was auf eine konsistente Morphologie oder Grammatik in der liliputanischen Sprache hindeutet, da fast jedes Wort eine zufällige, unabhängige Erfindung ist, die nichts mit allen anderen Wörtern zu tun hat. Aber trotz Swifts Naivität des Sprachaufbaus können wir in seiner Arbeit ein Verständnis dafür erkennen, dass die Ausstattung einer fiktiven Nation mit einer eigenen Sprache der schnellste Weg ist, um sie mit einer plausiblen Andersartigkeit zu versehen.

Die Sprache muss natürlich keine echte sein oder gar einer realen Sprache ähneln (obwohl solche Ähnlichkeiten fast unmöglich zu vermeiden sind). Lord Dunsany, dem irischen Schriftsteller von Fantasy-Kurzgeschichten, ist es gelungen, eine Atmosphäre orientalischer Dekadenz durch die Namen Thuba Mleen und Utnar Véhi hervorzurufen, obwohl die Namen keiner Sprache ähneln, die tatsächlich im Nahen Osten gesprochen wird, weder jetzt noch in der Vergangenheit, und die an sich nichts bedeuten.

Ein höherer Detailreichtum

Autoren und die Liebhaber ihrer Werke können viel mehr Freude an einer Sprache finden, die mit einem höheren Detailreichtum erstellt wird. Im Gegensatz zu fiktiven Gebäuden und Büchern und Rüstungen und anderen Artefakten, die nur durch ihre Beschreibung suggeriert werden, kann eine vollständig realisierte Sprache in der realen Welt tatsächlich existieren. Durch das Erlernen und Verwenden der geschaffenen Sprache, oder so viel wie vorhanden, kann ein Leser an der Fiktion teilnehmen und die Lücke zwischen Fantasie und Realität schließen.

In einer ausgefeilten Fantasywelt kann eine Sprache viel mehr sein als ein Hintergrunddetail, das die Glaubwürdigkeit erhöht. Es kann das Vehikel der Magie und des Geheimnisses sein, durch das Kernwahrheiten über die Struktur der Welt vermittelt werden. Diese Vorstellung von der Macht und Heiligkeit der Worte ist oft in der Fantasy verwendet worden. So dient in J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe die elfischen Sprachen als Medium der Magie, und in Ursula K. Le Guins Erdsee-Büchern definiert und erschafft die alte Sprache der Drachen die Welt. In der Welt der Erdsee ist Magie eine angeborene Fähigkeit, die aber nur durch das Studium der Sprache gelenkt werden kann. Das Wissen um den wahren Namen eines Objekts, den in der Alten Sprache verwendeten Namen, gibt dem Sprecher die Macht über dieses Objekt. Ein Stein, Tolch in der Alten Sprache, kann, wenn er so genannt wird, nichts anderes sein, auch wenn er verzaubert wurde, um etwas anderem zu ähneln. Um sein Wesen zu ändern, muss auch sein Name geändert werden., und das kann nur von Zauberern vollbracht werden. Je genauer und spezifischer eine Sache oder eine Person benannt werden kann, desto größer ist die Macht, die ein Zauberer darüber haben kann, und deshalb beschützen die Menschen auf Erdsee ihre wahren Namen sorgfältig. Dies widerspiegelt die christliche Mythologie, die besagt, dass das Wissen um den Namen eines Dämons dem Besitzer die Macht gibt, ihn zu befehlen. Die Vorstellung von Namen als Macht und Sprache als Magie ist alt.

Das neunzehnte Jahrhundert brachte große Fortschritte in der wissenschaftlichen Erforschung der Sprachen, und gegen Ende dieses Jahrhunderts wurden diese Verbesserungen in Projekte zur Schaffung vollwertiger Sprachen umgesetzt, die den Eindruck der persönlichen Vorlieben und Abneigungen ihrer Schöpfer tragen sollten. Die ersten dieser Versuche hatten zum Ziel, “internationale Sprachen” zu erschaffen, die die Vielfalt der Sprachen in der Welt ergänzen oder sogar ersetzen könnten, so dass alle Menschen unabhängig von ihrer Nationalität kommunizieren könnten. Schleyers Volapük und Zamenhofs Esperanto gehörten zu den ersten Beispielen dieser Art.

In diesem Milieu begann J. R. R. R. Tolkien, ein Sprachwissenschaftler und Mythenmacher, Geschichten zu schreiben, in denen die Namen von Orten und Personen aus seinen Sprachen Qenya und Goldogrin abgeleitet wurden. Als die Legenden zu dem anwuchsen, was dann das Silmarillion wurde, wuchsen auch die Sprachen an, beeinflusst von den Bedürfnissen der fiktiven Umgebung, und schließlich wurden die reifen Sprachen Quenya und Sindarin zu den Sprachen zweier Elfenclans.

Erst mit der Veröffentlichung von Der Herr der Ringe bekam die Öffentlichkeit eine Vorstellung vom Umfang der Erfindung Tolkiens. Hinter der Galaxie der erfundenen Nomenklatur, die der Leser fand (und über die er manchmal auch stolperte), befand sich eine bemerkenswert subtile und detaillierte Konstruktion, nicht nur einer einzigen Sprache, sondern einer ganzen Sprachfamilie mit ihrer eigenen inneren Geschichte. Das “Primitive Quendian”, sein weiter entwickelter Nachfolger “Common Eldarin”, und verschiedenen daraus resultierende Sprachen, darunter Quenya, Telerin, Sindarin, Ossiriandic und Silvan, teilen sich ein großes Grundvokabular, das aus den Wurzeln des Quendian stammt, aber die Aussprache der Wörter variiert von Sprache zu Sprache auf vorhersehbare Weise, ebenso wie die Grammatik. So lauten die Worte für “Silber” und “Elfen” in Quenya tyelpë und eldar, aber in Telerin lauten sie sie telepë und elloi, und in Sindarin lauten sie celeb und edhil. Die historische Entwicklung jeder dieser Sprachen lässt sich heute mit großer Präzision verfolgen.

Quenya war die früheste Elfensprache im Mythos Herr der Ringe, und auch die früheste Elfensprache, die von J. R. R. R. Tolkien erfunden wurde. Er begann mit dem Bau zwischen 1910 und 1920, Jahrzehnte bevor das Buch veröffentlicht wurde. Sie begann, wie die Erdseesprache, damit, dass die Elfen bei der Benennung von Dingen Kraft und Identität fanden. Im Laufe der Zeit entwickelten sich mehrere Dialekte, die von jedem der Elfenclans angewandt wurden. Zur Zeit des Herrn der Ringe wurde Quenya von den Charakteren des Buches als die alte und formale Sprache angesehen, die von den Elfen verwendet wurde, die die Erde verlassen hatten. Sindarin war eher wie Küchenelbisch. Es wurde 1944 von Tolkien erfunden, obwohl es stark von einer “gnomischen” Sprache beeinflusst wurde, die er jahrelang entwickelt hatte. Beleriandisches Sindarin, ein Dialekt, der von umherziehenden Gruppen von Elfen verwendet wird, war eine gemeinsame Sprache, die von allen Elfengruppen verwendet wurde, um verstanden zu werden. Es war die praktische Sprache der reisenden Mittelerdes , die von einigen Menschen und Zauberern geteilt wurde.

Nicht alle Autoren sind in ihrer Sprachentwicklung so umfassend. George R. R. Martin, der Autor der Serie Das Lied von Eis und Feuer, schuf eine Welt, in der es viele Sprachen gab, darunter Dothraki und Valyrisch. Er sagte den Fans : “Ich habe so etwa acht Worte Valyrisch. Wenn ich ein neuntes brauche, erfinde ich es.” Dothraki wurde von David Peterson von der Language Creation Society für die Fernsehadaption von A Game of Thrones ausgearbeitet. Peterson wurde von den Produzenten nach einem Wettbewerb ausgewählt, der von der LCS zwischen mehreren erfahrenen Sprachschaffenden veranstaltet wurde. Dothraki selbst ist noch in Arbeit; der verfügbare Korpus ist noch recht klein, mit bisher weniger als 500 Wörtern, aber es ist zu erwarten, dass er noch komplexer und detaillierter wird.

Aus Fans werden Detektive

Andererseits behielten Tolkiens Sprachen ein gewisses Maß an Skizzenhaftigkeit bei. Quenya, die aufwändigste der Sprachen, hat ein Vokabular, das vielleicht ein Zehntel der Größe der Alltagssprache der meisten Sprecher hat. Einige Aspekte der Grammatik wurden nie schriftlich fixiert oder nur auf widersprüchliche Weise beschrieben; jeder, der heute Quenya schreiben möchte, muss sich mit Rätseln und Vermutungen beschäftigen und einige Konstruktionen vermeiden, für die das Quenya-Äquivalent unbekannt sind.

Das bedeutet nicht, dass Quenya keine “echte Sprache” ist, aber es bedeutet, dass es – wie viele alte Sprachen, die nur durch einen begrenzten Korpus von bröckelnden Denkmälern und Tontafeln belegt sind – unvollständig und unvollkommen bekannt ist.

Die meisten Fantasy-Sprachen arbeiten mit den gleichen Einschränkungen. Selbst wenn sich der Erfinder die Mühe gemacht hat, eine Grundgrammatik und ein umfangreiches Lexikon für diejenigen zu verfassen, die die Sprache verwenden wollen, ist die Sprache selten so ausgereift, dass sie für alle Zwecke einer natürlichen Sprache vollständig nützlich ist. Wenn das Ziel jedoch nicht so sehr darin besteht, eine völlig neue Art der Kommunikation zu ermöglichen (wie bei Esperanto), sondern den Hauch einer fremden Kultur zu vermitteln – aus einer anderen Zeit, einem anderen Ort, einer anderen Welt oder einer anderen Dimension – dann sind sie oft recht erfolgreich.

Urban Fantasy (2) – Die Geburt eines Genres

Dieser Artikel ist Teil 12 von 17 der Reihe Fantasy-Literatur

Im vorigen Beitrag sprachen wir über die Definition der urbanen Fantasy und ihren Ursprüngen. Nun wollen wir mal sehen, wie dieses Genre entstanden ist und warum es so populär wurde.

Charles de Lint, der Pionier der urbanen Fantasy

Das allererste Werk der Urban Fantasy war wahrscheinlich der 1984 erschienene Roman “Moonheart: A Romance” von Charles de Lint. Den Begriff Urban Fantasy gab es damals allerdings noch nicht. Urban Fantasy wurde 1997 von John Clute und John Grant in ihrer Encyclopedia of Fantasy als Texte definiert,

„in denen die phantastische und die herkömmliche Welt interagieren, sich kreuzen und zu einer Geschichte verschränken, die sich signifikant um eine reale Stadt dreht.“

Ironischerweise war die Serie, die das Genre begründete, nicht in einer realen Stadt angesiedelt, sondern in einer imaginären. Newford, das von Charles de Lint erfunden wurde, stellt eine typisch amerikanische Stadt dar, mit seinen wohlhabenden Wohngebieten und Slums, seinen Stränden und Brachflächen und natürlich seinem ausgedehnten Netz von unterirdischen Tunneln. Die Newford-Serie begann mit der Kurzgeschichte “Uncle Dobbin’s Parrot Fair”, die 1987 zum ersten Mal in Isaac Asimovs Science Fiction Magazin erschien. 1993 wurden mehrere Kurzgeschichten von Charles de Lint, alle in Newford angesiedelt, von Terri Windling zusammengestellt und unter dem Titel “Dreams Underfoot” veröffentlicht.

“Dreams Underfoot” ist eine denkwürdige Lektüre. Wir treffen auf farbenfrohe Charaktere, lernen sie lieben und erforschen die Geheimnisse Newfords und ihrer Gesellschaft. Manche Geschichten grenzen an den Magischen Realismus oder den Surrealismus, zum Beispiel “Freewheeling”, wo ein Straßenkind Fahrräder klaut, um ihnen die Freiheit zu schenken. Für den Protagonisten haben selbst unbelebte Objekte eine Seele, einen eigenen Geist und verdienen es daher, frei zu sein. Ist er wahnsinnig, oder nimmt er etwas Reales wahr, eine Magie, die in weltlichen Objekten versteckt ist? Wir werden es nie erfahren. Während des gesamten Buches verflechten sich Realität, Mythos und Magie so eng miteinander, dass es manchmal unmöglich ist zu sagen, was real und was eingebildet ist. Ob die Magie echt ist oder nicht, ändert aber nichts an der Bedeutung der Geschichten. Wichtig ist, woran die Menschen glauben. Das ist die Theorie der einvernehmlichen Realität: Dinge existieren, weil wir wollen, dass sie existieren.

“Dreams Underfoot” wurde mit Werken literarischer Fantasy wie “Little, Big” (1981) von John Crowley und Mark Helprins “Wintermärchen” (1983) verglichen. In Übersetzung liegt kaum etwas von de Lint vor und schon gar nicht seine wichtigsten Werke.

Sex, das Übersinnliche und Rock and Roll!

Einige würden sagen, dass der erste urbane Fantasy-Roman “War for the Oaks” (1987) von Emma Bull war. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dem zustimme, aber lasst uns über dieses Buch reden. Es erzählt die Geschichte von Eddi McCandry, einer jungen Sängerin, die in Minneapolis lebt. Sie hat einen schlechten Tag, oder besser gesagt, eine schlechte Nacht. Sie hat sich von ihrem Freund getrennt und verließ seine Band, und später begegnet sie einem finsteren Mann und einem riesigen Hund. Die beiden Geschöpfe sind ein und dasselbe: ein Phouka, ein Feenwesen, das Eddi zum Bauernopfer im jahrhundertealten Krieg zwischen den Höfen von Seelies und Unseelies auserkoren hat.

“War for the Oaks” ist nicht der passendste Titel für diesen Roman, da der Krieg der Feenhöfe nicht im Mittelpunkt der Geschichte steht. Rockmusik schon. Ein guter Titel für dieses Buch wäre “Eddi and the Fey “(der Name von Eddis Band) oder noch besser “Sex & Fey & Rock & Roll!” Emma Bull war Musikerin; sie spielte Gitarre und sang bei den Flash Girls, einem Goth-Folk-Duo, und war Mitglied von Cats Laughing, einer psychedelischen Folk-Jazz-Band. Zweifellos hat ihre Leidenschaft für die Musik den Krieg um die Eichen inspiriert.

Dieser Roman würde eher als paranormale Romanze denn als urbane Fantasy durchgehen. Die Handlung dreht sich um Eddi und ihr Liebesleben (und ihr Sexualleben, obwohl es keine expliziten Sexszenen gibt). Es gibt sogar eine Dreiecksbeziehung zwischen Eddi und zwei übernatürlichen Wesen, ein Erzählmuster, das später zu einem Markenzeichen paranormaler Romantik werden wird.

Insgesamt gibt es in diesem Buch nicht viel Action. Das meiste davon (vor allem der mittlere Teil) ist gefüllt mit Dialogen zwischen Eddi und dem Phouka oder anderen Mitgliedern ihrer Band. Obwohl es einige gute Ideen enthält, werden sie in diesem Roman nicht ausgenutzt. Auf der positiven Seite ist der Schreibstil begeisternd, und die Geschichte ist sehr einfallsreich, aber die Charaktere sind klischeehaft (der Preis des Tapferen, die edle Königin, die böse Hexe, usw.). Der Phouka ist eine Ausnahme, da er subtiler zu sein scheint als die anderen.

Ich erwähnte dieses Buch aus historischen Gründen, weil es die Voraussetzungen für jene erfolgreicheren Romane und Serien schafft, die urbane Fantasy mit paranormaler Romantik verbinden.

Der Vollständigkeit halber erwähne ich auch Bedlam’s Bard (1998) von Mercedes Lackey, das Ähnlichkeiten mit dem Krieg um die Eichen hat. Auch hier handelt es sich um eine Geschichte über Musik und Elfen in einer zeitgenössischen Umgebung. Es ist interessant zu sehen, wie urbane Fantasy-Autoren Folk- und Rockmusik in ihre Erzählungen integriert haben. Charles de Lint erzählt in seinen Geschichten oft von Musik, und das ist kein Zufall. In den 70er Jahren beeinflusste die Fantasy- und Horrorliteratur die Populärmusik in hohem Maße, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die Musik in den 80er und 90er Jahren sozusagen diese Gunst erwiderte, indem sie eine neue Generation von Fantasy-Geschichten inspirierte. Dieses riesige Thema verdient allerdings einen gesonderten Beitrag; denn nun wollen wir wieder zur Sache kommen und über Vampire sprechen!

Hier sind Vampire!

Heute sind Vampire aus der urbanen Fantasy nicht mehr wegzudenken. Sie sind überall. Anfang der 90er Jahre war dies jedoch nicht der Fall. Der Roman, der Vampire in die urbane Fantasy einführte, war 1993 “Bittersüße Tode” von Laurell K. Hamilton, der erste Teil der Anita Blake-Serie.

Wie ich bereits im Artikel über die Ursprünge der urbanen Fantasy erwähnt habe, ist es schwierig, die Grenzen zwischen Vampir-Fantasy (einem Subgenre der Horrorliteratur) und urbaner Fantasy zu ziehen. Meiner Meinung nach besteht der Unterschied zwischen Horror und Fantasy darin, dass ersteres eher introvertiert und letzteres eher extrovertiert ist. Horrorliteratur konzentriert sich oft auf das, was die Charaktere fühlen, mit einem Schwerpunkt auf starke negative Emotionen wie Ärger, Angst, Trauer, etc.. Fantasy stützt sich mehr auf den Sinn für das Wunder, und beinhaltet in der Regel einen umfangreichen Weltenbau, um diese Wirkung zu erzielen. Das ist keineswegs eine absolute Regel, aber sie gilt doch recht häufig.

“Bittersüße Tode” ist schwer zu kategorisieren, da es sich gleichermaßen an Horror-, Thriller- und Fantasy-Genres anlehnt. Der Roman spielt in einer Welt, in der Vampire den Lebenden ihre Existenz offenbarten. Wie zu erwarten war, sorgte eine solche Offenbarung für Aufregung, wenn nicht gar Panik. Schließlich sind Vampire für Menschen keine Opfer. Was sollte also der rechtliche Status eines Vampirs in unserer Gesellschaft sein? Sollten sie die gleichen Rechte wie die Lebenden haben?

Die Autorin überspringt gerne die sozialen und rechtlichen Aspekte dieses Problems, um sich auf die Handlung zu konzentrieren. Anita Blake hat einen ungewöhnlichen Beruf: Sie ist Animatorin und arbeitet für die Polizei. Sie erweckt die Toten, damit die Polizei sie verhören kann. Praktisch für die Polizei, nicht wahr? Ihre Hauptzeugen sind tot? Keine Sorge, Anita Blake wird sie für Sie wiederbeleben!

Ihr anderer Job ist noch gefährlicher: Sie richtet Vampire hin. Wenn sie einen Gerichtsbeschluss zur Hinrichtung hat, kann sie einen Vampir in aller Legalität töten. Wenn sie keinen Gerichtsbeschluss hat … Nun, sie tötet diese Blutsauger sowieso. Nicht alle Vampire werden im Roman als blutrünstige Monster dargestellt, aber es wird angedeutet, dass die meisten von ihnen genau das sind. Wir sind nicht weit von der TV-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen (1997-2003) entfernt. Kurz gesagt, Anita Blake ist eine selbsternannte Agentin 007 mit einer Lizenz zum Töten, und sie benutzt diese Lizenz recht großzügig und eliminiert die bösen Jungs, ob sie nun leben oder untot sind. Mit „Jungs“ meine ich sowohl Männer als auch Frauen, denn der Hauptschurke des Romans ist ein weiblicher Vampir. Kein Sexismus hier.

“Bittersüße Tode” ist ein Roman, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite beschäftigt. Hamilton zeichnet sich durch die Kunst aus, Spannung zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Ihr Stil ist voller starker Empfindungen. Es wäre jedoch unfair zu sagen, dass der Roman nur sensationslüstern ist. Unter einer relativ flachen Vampirjägergeschichte kann man einige interessante Beobachtungen über die menschliche Psychologie ausmachen.

Hamilton ist wahrscheinlich die erste urbane Fantasy-Autorin, die sich in das Reich der weiblichen Fantasien vorwagt. Im folgenden Jahrzehnt werden wir vielen Schriftsteller/innen auf diesem Weg folgen. Diese Fantasien sind nicht so unschuldig, wie es sich männliche Autoren vielleicht vorgestellt haben. Zum Beispiel werden viele Frauen von Männern mit starken Persönlichkeiten angezogen. Das wussten wir spätestens seit Byron und seinen Gedichten über charismatische, aber gefährliche Männer. Seit Anfang der 40er Jahre beschäftigt sich das Kino mit diesem Thema. Gefahr und Romantik – eine gewinnbringende Kombination! Humphrey Bogarts Verkörperungen mögen hart, manchmal sogar gefährlich gewesen sein, aber keine von ihnen konnte sich in Raffinesse und Wildheit mit Anne Rices Lestat oder Hamiltons Jean-Claude messen.

Raffinesse, Wildheit und Sexappeal – das ist die siegreiche Kombination für einen Vampir in einem urbanen Fantasy-Roman. Hamilton verstand das und stellte Vampire als die Verkörperung der tiefsten weiblichen Wünsche dar. Obwohl diese Ansicht zunächst schockierend erscheinen kann, ist sie angesichts der jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse überraschend aufschlussreich. (Für wissenschaftliche Informationen zu diesem Thema empfehle ich das Handbuch der Evolutionären Psychologie von D. M. Buss. Siehe insbesondere das Kapitel Sexuelle Interessen von Frauen über den gesamten Ovulationszyklus hinweg: Funktion und Phylogenie von S. W. Gangestad, R. Thornhill und C. E. Garver-Apgar.)

Sprechen wir nun über einen anderen urbanen Fantasy-Autor, der das Genre mitgestaltet hat. Er braucht keine besondere Vorstellung; meine Damen und Herren, hier ist Neil Gaiman!

Niemalsland von Neil Gaiman

“Niemalsland” begann als Fernsehserie, die erstmals 1996 auf BBC Two ausgestrahlt wurde. Sie wurde von Neil Gaiman und Lenny Henry geschrieben und von Dewi Humphreys inszeniert. Im selben Jahr adaptierte Gaiman die Serie zu einem Roman. Und was für ein einflussreicher Roman das war!

Niemalsland ist eine Parallelwelt, die neben der unseren existiert, aber normalerweise von uns nicht gesehen werden kann. Manchmal fallen Menschen aus unerklärlichen Gründen „durch die Ritzen“ und werden Teil dieses unsichtbaren Universums. Gaiman benutzt dies als Metapher für soziale Ausgrenzung; diese Menschen sind nicht mehr Teil der zivilisierten Gesellschaft, verloren alles, was sie besaßen, sind obdachlos und müssen den rücksichtslosen Regeln der Unterwelt gehorchen. Doch so grimmig dieser Ort auch erscheint, er ist voller Abenteuer und Magie, was ihn für eine romantische Seele attraktiver macht als unsere scheinbar sichere und berechenbare technologische Welt.

Es gibt keine Vampire oder Werwölfe in Niemalsland, aber es gibt alle möglichen fantastischen Kreaturen, einige von ihnen sind dabei fremdartiger als andere. In diesem Roman entdeckt der Protagonist die Existenz eines unsichtbaren London, eines unterirdischen London. Hinter jeder Londoner U-Bahn-Station verbirgt sich eine geheime Welt, die an die mittelalterliche Vergangenheit der Stadt erinnert. Es gibt ein Kloster unter Blackfriars, am Earl’s Court lebt ein echter Graf mit seinem Hof, und unter Angel versteckt sich … na ja, ein Engel! Interessanterweise gibt es in Niemalsland keine paranormale Romanze, nicht einmal einen Hinweis darauf – das ist urbane Fantasy in ihrer reinsten Form.

Ich glaube, Niemalsland ist einer der besten urbanen Fantasy-Romane überhaupt. Witzig, fantasievoll, aber auch zum Nachdenken anregend – so sollte das Genre sein. Im Mittelpunkt einer urbanen Fantasy-Geschichte sollte die Stadt stehen, das urbane Leben mit seinen Gegensätzen und Paradoxien.

Urbane Fantasy mag ein eskapistisches Genre sein, aber dies ist ein zweideutiger Eskapismus, der uns immer wieder in die Realität zurückführt. In Niemalsland wird dieser zweideutige Eskapismus durch die Konflikte, die der Protagonist im oberen und auch im unterirdischen London hat, aufgezeigt. Ersteres repräsentiert die Realität, zweites die Fantasie.

Gaiman produzierte weitere bemerkenswerte Werke, insbesondere die Comic-Serie “Sandman” und den Roman “American Gods” (2001), für die er mehrere Preise erhielt, darunter Hugo, Nebula, Locus und Bram Stoker Awards.

Im nächsten Beitrag zur urbanen Fantasy werden wir über die Entwicklung des Genres im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sprechen, beginnend mit Jim Butcher und Kelley Armstrong.

Geschichte der Fantasy – Teil 4

In den ersten drei Teilen haben wir uns die Frage gestellt, wer denn der erste Autor war, der eine von unserer Welt unabhängige Geschichte präsentierte und was das überhaupt bedeutet. Wir haben vier Merkmale gefunden, anhand denen wir so eine Geschichte identifizieren können. Außerdem haben wir uns verschiedene Modelle innerhalb der Literaturgeschichte angesehen, um zu erkennen, warum gerade sie nicht infrage kommen. Heute lösen wir unsere Suche auf.

Der Gebrauch des Rahmens eines Märchenerzählers kann – wie wir im letzten Teil gesehen haben – dazu dienen, einen gewissen Realismus zu erzielen, wenn nämlich dadurch die Realität abgesichert werden soll. Es geht nicht allein darum, sich zu fragen, weshalb eine Geschichte überhaupt erzählt werden sollte, sondern viel mehr um den Anspruch auf Authentizität. Denken wir nur an die Briefe, die im Mittelalter im Umlauf waren, und die angeblich von dem mysteriösen Priesterkönig Johannes geschrieben wurden. Darin wird von allen möglichen Wundern gesprochen, die man angeblich in seinem nichtexistierenden Land finden könnte. Gleiches gilt für die „Reisebeschreibungen“ des Jehan de Mandeville, der im 14. Jahrhundert Fantasien darüber verfasste, wie es hinter den Grenzen der im Mittelalter bekannten Welt aussehen sollte. Er schrieb seine Geschichten mit dem Vorwand, dass er all das mit eigenen Augen gesehen hätte (und bestätigte sogar das mystische Land des Priesterkönigs Johannes). Die Leute glaubten viele Jahrhunderte lang, was darin stand.

Das wohl interessanteste Beispiel für die Glaubwürdigkeit eines gut gemachten fiktionalen Rahmens erhalten wir in  Gullivers Reisen. Das Buch ist als Reisebeschreibung so gut konzipiert, dass, laut Swift, ein Bischof, der das Buch gelesen hatte, sagte, dass es „voller unwahrscheinlicher Dinge“ sei, und dass er nur „schwer ein Wort davon glauben konnte.“

Das erklärt aber auch, warum Schriftsteller keine Eile damit hatten, eine komplett neue Welt zu erfinden: für einen sehr langen Zeitraum war ihre Welt groß genug.

(Es ist bemerkenswert, dass der Begriff „Multiversum“ im Sinne von komplexen, nebeneinander existierenden Universen, zuerst von Michael Moorcock im Jahre 1962 in die Literatur eingeführt wurde, um damit den neuesten Erkenntnissen der Physik Rechnung zu tragen. Die heutige Akzeptanz anderer, eigenständiger Welten, rührt zum großen Teil daher. Doch es war Stephen King, der das Multiversum endgültig salonfähig machte.)

Es scheint eine Notwendigkeit zu geben, immer komplexere Welten miteinander zu vermischen. Wenn die eigenständige Welt der Fantasy die ultimative Verdrängungsstrategie ist, die Verlagerung einer Erzählung in ihre eigene unabhängige Welt mit ihrer völlig eigenen Realität, was sagt das über diese Geschichten aus? Was ist letztlich die Bedeutung einer unabhängigen Fantasiewelt?

Wenn also das die auf die Spitze getriebene Verschiebung ist, dann kann man auch davon ausgehen, dass sich Fantasy dorthin bewegt, wo sie einst begonnen hat: im Mythos. Fantasy ist demnach ein effektives kosmologisches Ereignis, das Bilden einer neuen Welt, eines neuen Universums, mit seiner eigenen Geschichte und seinem eigenen Seinsgrund.

Was ich mit all dem sagen will, ist, dass die Idee einer Anderswelt der extremste Ausdruck der Fantasie überhaupt ist. Die Freiheit, über eine unabhängige Welt verfügen zu können, die hermetisch in sich geschlossen ist, birgt das Potential, durch die jeweilige Fiktion die Welt als Ganzes zu vervollständigen. Ich glaube, das ist die Absicht nach dem Motto: alles, was überhaupt gedacht werden kann, existiert.

Und um den Lesern eine neue Möglichkeit der Realität zu präsentieren, ließen sich die Autoren Strategien einfallen, diese Realitäten zu verschieben. Unglauben und Staunen war das Ziel, das allerdings nur erreicht werden kann, wenn es eine Verbindung zwischen Realität und Fantasie gibt. Das ist nicht die Welt, die du kennst; es gibt andere, und hier ist eine davon.

Philip Sydney schrieb einst, dass

„ein Dichter schwerlich ein Lügner sein kann… er bestätigt nichts, also hat er auch niemals gelogen.“

Damit meint er, dass ein Dichter, ein Schriftsteller des Imaginativen, seine Geschichte nicht als Tatsache präsentiert; er schreibt seine Geschichte als Geschichte, als Hypothese. Man kann sie für bare Münze nehmen, oder nichts davon glauben. Oder einfach nur akzeptieren, dass die Geschichte eben nur eine Geschichte ist.

Somit wird auch die Anderswelt zu einem Ausdruck des Spekulativen, nichts ist sicher. Hier habe ich eine Geschichte, sagt der Phantast, und sie ist erfunden, und auch die Welt, in der sie spielt, ist erfunden, so wie alle Welten, die auf Papier stehen, erfunden sind. Es ist eine Hypothese, ein Traum, eine Mythe. Die Geschichte hat ihre eigene Realität. Und diese Realität ist per se schon einmal nicht mit jener Welt zu verwechseln, die wir um uns herum wahrnehmen.

Diese Selbstbezüglichkeit einer fiktiven Welt fordert uns heraus: wie viel von dem, was wir über die Welt zu wissen glauben, ist wahr? Wie viel, von dem, was wir als wahr annehmen, ist in Wirklichkeit eine Erfindung? Wie sehr lebt jeder von uns in seiner eigenen Welt?

Das nämlich sind die Fragen, mit denen wir in der Literatur konfrontiert werden, und das macht die Fantasy wichtig. Kommen wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Wer hat die erste unabhängige Welt erfunden?

Im Jahre 1837 veröffentlichte Sara Coleridge, die Tochter des Dichters Samuel Taylor Coleridge, ein Buch mit dem Titel “Phantasmion”, das von den Kritikern der damaligen Zeit als Märchen behandelt und besprochen wurde. Auf den ersten Blick sieht es wirklich so aus, als gäbe es keinen Unterschied zu den deutschen und französischen Märchen, die zu dieser Zeit hoch im Kurs standen (denken wir nur an die Gebrüder Grimm). Allerdings liest es sich nicht wie ein Märchen. Tatsächlich liest es sich wie High Fantasy, wie eine Geschichte mit einer völlig eigenständigen Realität.

“Phantasmion” beginnt nicht mit irgendeinem Hinweis auf eine Welt außerhalb der Geschichte. Prinz Phantasmion von Palmland begegnet einer guten Fee, die ihm einige wundersamen Dinge zeigt. Das hört sich noch nach Märchen an, bewegt sich aber dann schleunig in eine andere Richtung: Phantsmions Mutter, Königin Zalia, stirbt, ein Jahr später stirbt auch der Vater, König Dorimant. Regenten übernehmen das Königreich. Als Phantasmion zehn Jahre alt ist, stirbt sein bester Freund. Er begegnet der „guten Fee“ erneut. Sie gewährt ihm Flügel, und er fliegt davon, um eine eigenartige Szene zu belauschen, in der eine Frau, eine Königin, sich mit einer Meerjungfrau gegen eine andere Frau zu verschwören scheint. Er kehrt nach Hause zurück, die Fee tauscht seine Flügel gegen Saugnäpfe an den Füßen, mit denen er einen Berg besteigt. Während er das tut, rettet er ein Baby.

Das sind die ersten vier Kapitel des Buches. So weit, so gut. Wir finden eine konkrete Geographie vor; der Berg, den Phantasmion besteigt, ist Teil des „schwarzen Gebirges“, das wiederum von „Steinland“ getrennt ist, dem Gebiet eines benachbarten Monarchen. Wie gesagt wird Phantasmion von den Regenten seines Landes davon abgehalten, den Thron zu besteigen. Am Ende von Kapitel vier spricht er mit einem alten Edelmann, der ein Leibwächter seiner Mutter war – jedoch wird diesem Edelmann befohlen, sich von ihm fernzuhalten, bevor Phantasmion irgendetwas in Erfahrung bringen kann, das ihm nützt. Wir finden hier einen Ton vor, den es in einem typischen Märchen nicht gibt.

Aber das Folgende scheint tatsächlich beispiellos zu sein. Kapitel fünf beginnt so:

“Das Königreich, das Phantasmion von seinen Vorfahren geerbt hatte, strotzte nicht nur von Palmen, sondern auch von allen Getreidesorten und Obstbäumen, die man sich vorstellen konnte. Auch war es reich an Rinder- und Schafherden. Das Land wurde durchflossen von Milch und Wein, Öl und Honig; aber nur wenige Metalle und Edelsteine wurden bisher dort entdeckt.

Auf der anderen Seite lag das Königreich des Albinian, der über ein Gebiet herrschte, das von Palmland durch eine gewaltige Hügelkette getrennt war, die man das Schwarze Gebirge nannte, und teilweise auch von einem Fluss namens Mediana, der von hier zum Meer floss. Dieses Land war schroff und karg, reich an Metallen, Marmor und anderen Steinen, an Stoffen schließlich, aus denen man Glas und Porzellan herstellen konnte.

Die Männer von Steinland (so wurde dieses wilde Land genannt) waren sehr geschickt darin, mechanische Dinge herzustellen; die Bewohner des fruchtbaren Landes der Palmen hingegen lebten als Landwirte und hatten niemals die Kunst des Handwerks erworben, mit dem ihr Nachbarland so gesegnet war.

Von Alters her bereicherten und stärkten sich die beiden Länder gegenseitig, aber diese freundschaftliche Beziehung wurde durch Fehden und Anfeindungen während Dorimants Regentschaft mehr und mehr in ihr Gegenteil verkehrt.”

Die folgenden Kriegsvorbereitungen und Intrigen, die in dieser weitaus längeren Einführung geschildert werden, sind eindeutig der Kategorie Weltentwurf zuzurechnen, und zwar eindeutig dem phantastischen Weltentwurf.

Wir finden eine eigenständige Geographie vor, eine eigenständige Geschichte, erfahren etwas über die unterschiedlichen Völker – all das ohne eine Verbindung zur realen Welt. Die Einleitung entwickelt eine Vergangenheit und die Beziehung zwischen unterschiedlichen Territorien und Personen, um daraus jene Verwicklungen zu knüpfen, die in der Gegenwart angesiedelt sind. Wie bei Tolkien werden wir über etwas informiert, das schief gegangen ist, bevor die eigentliche Erzählung einsetzt; Dorimants Gier führt zur Störung, zum Streit der beiden einst idyllisch nebeneinander liegenden Reiche.

Es wäre jedoch falsch, zu behaupten, dass das Phantasmion aus dem Nichts kam.

Sicherlich bewegt sich E. T. A. Hoffmann bereits nahe an diesen Details, und Ludwig Tieck hat eine Sammlung seiner Märchen “Phantasus” genannt. Seinerzeit sehr berühmt, könnte dieser Titel als Vorlage für Coleridges Buch gedient haben. Und dennoch hat keiner diese Autoren den letzten Schritt abseits von einer uns bekannten Welt gemacht.

Es war die Tochter des Mannes, der die Aussage vom „Aufheben des Unglaubens“ prägte. Diese Theorie führte zu einer Art der Erzählung, die mit einer neuen Strategie aufwartete. Das hatte zu dieser Zeit niemand mit dieser Konsequenz getan.

Erinnern wir uns an die vier Charakteristiken, die eine Fantasy-Welt aufweisen muss, die ich im ersten Teil dieses Artikels aufgeführt habe.

Coleridge erfand eine eigene Welt mit ihrer eigenen Logik (es gibt Magie und Prophezeiungen), ihrer eigenen Geschichte, ihrer eigenen Geographie. Die Bewohner dieser Welt besitzen ihre eigene Kultur, die sich an den Gegebenheiten, Gesetzen und Grenzen ihrer Welt orientiert. Coleridges Welt ist in gleichem Maße eine unabhängige Schöpfung wie Martins Westeros.

Ist es nun bedeutsam, dass William Morris nicht der erste war, der eine Geschichte in einer unabhängigen Welt ansiedelte? Nun, es ist vielmehr interessant und verschiebt zumindest die Tradition der Fantasy. Wir wissen nicht, welche moderne Autoren sich von Coleridge haben beeinflussen lassen, und wer überhaupt von der Existenz des Phantasmion wusste.

Es sieht so aus, dass die Tradition der Fantasy, die Tolkien hervorbrachte, davon ausgeht, dass diese mit Morris in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann. In der Folge bedeutet das, dass Fantasyliteratur als eine verspätete Reaktion auf die Literatur des Realismus gedeutet wird. Wenn wir die Fantasy aber mit der Romantik und der Schauerromantik von Coleridge verknüpfen, sehen die Dinge doch erheblich anders aus. Plötzlich erkennen wir Fantasy als eine gleichzeitige Entwicklung und nicht als eine bloße Reaktion.

Fantasy hat demnach ihre eigene und unabhängige Tradition, die natürlich auf anderen Kriterien beruht, als eine detaillierte Beschreibung unserer existierenden Welt abzugeben.

Geschichte der Fantasy – Teil 3

Wir haben uns in den ersten beiden Artikeln (Die 4 Merkmale einer unabhängigen Welt / Weltentwürfe) die Frage gestellt, wer denn der erste Autor war, der eine unabhängige Anderswelt beschrieb. Dort haben wir nach Hinweisen oder Regeln gesucht, die eine unabhängige Anderswelt definieren könnten. In unserem dritten Teil werden wir uns einige Marksteine ansehen, die in der Vergangenheit dazu benutzt wurden, um eine Fantasiewelt von der Realität zu unterscheiden.

Zur Erinnerung: Üblicherweise wird William Morris zugeschrieben, der erste gewesen zu sein, der seine Geschichten in einer reinen Fantasiewelt ansiedelte. Das bedeutet, die Handlung in eine Welt zu verlegen, die nichts mit unserer gemeinsam hat. So zumindest wurde es von Lin Carter und L. Sprague de Camp behauptet. Allerdings gibt es jemanden, der lange vor Morris eine eigenständige Welt erschuf. Wir sollten uns dennoch die Frage stellen, warum es überhaupt so lange dauerte, bis jemand auf diese Idee kam.

Denken wir daran: Morris’ Die Zauberin jenseits der Welt erschien im Original 1894. Und auch wenn es einen Schriftsteller gab, der vielleicht ein paar Jahrzehnte früher eine Anderswelt erfand, bleibt es dennoch bei der Tatsche, dass man Tausende von Jahren benötigte, um auf die Idee einer unabhängigen Welt zu kommen. Warum?

Es wird kaum daran liegen, dass die Künstler früher weniger Fantasie besaßen. Schaut man sich nämlich die alten Werke an, ist darin eine Menge phantastisches Material enthalten – ziemlich nahe dran an dem, was wir heute High Fantasy nennen. Vielleicht sind die dort zu beobachtenden, stets wiederkehrenden Motive dann auch dafür verantwortlich, dass man davon ausging, es bräuchte gar keine erfundene, eigenständige Welt. Wir finden Geschichten, die vor dem Jahre 1800 entstanden sind, die zwei und sogar drei der (im ersten Teil dieses Artikels) aufgeführten vier Merkmale enthalten, und dennoch ist in ihnen immer einen Bezug zu unserer realen Welt vorhanden.

Im Wesentlichen basieren viele dieser älteren Werke auf einer Allegorie, die zwar die Fantasie beflügeln kann und soll, aber stets mit den gleichen Bausteinen arbeitet, die den Bezug zur realen Welt nicht verwerfen. Denken wir an E.R. Eddison, der seinen Roman “Der Wurm Ouroboros” mit einer Figur aus unserer Welt beginnt, um sie dann durch ein Out-of-Body-Erlebnis nach Merkurien zu versetzen. Auch wenn der Rest des Buches völlig wild daherkommt, ist dies doch ein Beispiel, wie er den Faden zur Realität nicht gänzlich aufzugeben bereit war.

Viele der frühen Versuche, von einer „glaubhaften“ Anderswelt zu sprechen, fanden ihr fantastisches Ziel im Jenseits, aber auch hier wird der Rahmen zeitgenössischer Vorstellungen nicht verlassen. Abgesehen davon, dass man hier durchaus seine Ideen unterbringen konnte, wird die Verbindung zur realen Welt stets durch ein vorangegangenes Leben beibehalten. Oder besser: auch ein fantastisches Jenseits definiert sich durch ein reales Diesseits.

Das bringt uns die Frage wieder ins Gedächtnis: Wer war wirklich der erste Schriftsteller, der die Notwendigkeit einer völlig eigenständigen, unabhängigen Welt erkannte und eine solche erfand?

Begriffe wie „Jenseits“, „Fantasy“, und ganz besonders „High Fantasy“ bedeuten für viele Leser nicht das gleiche. Es gibt unzählige Variationen der Deutung. Werden wir diesbezüglich etwas genauer: Fantasy meint jede Geschichte, die mit Elementen der Magie oder des Übernatürlichen einhergeht. Ja, das umfasst Teile des Horrors, und ja, es umfasst auch Teile der Science Fiction. In der High Fantasy treten diese phantastischen Elemente so dominierend auf, dass sie ihren eigenen Gesetzen in ihrer eigenen Welt folgen. Jenseitsfantasien spielen sich in einer Welt ab, die nicht die unsere ist, in der es keinen Bezug mehr zu unserer Realität gibt. Von diesem Standpunkt her sind diese Jenseitsfantasien also ein Unterkapitel der High Fantasy, so wie High Fantasy ein Subgenre der Fantasy ist.

Trotz dieser Definition müssen wir dennoch einen Grund nennen, warum wir nicht einfach eine Jenseitsfantasie wie “Die Pilgerreise” von John Bunyan (1628 – 1688) als High Fantasy etikettieren können. Worin liegt der Unterschied zu “Der Herr der Ringe“?

Ob man nun Morris als ersten Fantasy-Autor akzeptiert oder nicht, fest steht, dass der Herr der Ringe lange nachdem es bereits Jenseits- oder Anderswelt-Fantasien gab geschrieben wurde. Man kann den Unterschied, wie Tolkien seine Welt mit der realen Welt verband, durchaus erkennen. Er tat das nämlich in einer Weise, wie kein Autor vor ihm. High Fantasy kam also später aufs Parkett als besagte Jenseitsfantasien. Traditionelle Fantasy aber gab es bereits vorher. Wie fühlt sich diese traditionelle Fantasy dem Realen verpflichtet? Und wie hat sich die Fantasy dann von der Realität und dem Altbekannten abgesondert, bis sie schließlich ihr eigenes Reich in Anspruch nehmen konnte?

Wir sollten uns zunächst fragen: Was, wenn es diese Verschiebung eigentlich gar nicht gab? Was, wenn eine reale Welt anders dargestellt werden soll, wenn sie also ein Ort ist, an dem nicht nur phantastische Ereignisse geschehen, sondern dort grundsätzlich phantastische Ereignisse dominieren, sie aber das gleiche Recht für sich in Anspruch nimmt, wahr und plausibel zu sein, wie es der Weltenbau einer realistischen oder engagierten Literatur ebenfalls von sich behauptet?

Das hört sich zunächst natürlich paradox an. In Wirklichkeit spreche ich hier von Mythen. Mythen beschreiben Ereignisse (auch historische) jenseits gewöhnlicher Erfahrungen. Der Punkt ist aber, dass sie ebenfalls dazu gedacht sind (oder waren), die reale Welt zu beleuchten.

Ein Mythos, der erklärt, wie die Welt entstanden ist, beinhaltet notwendigerweise auch die reale Welt. Ein Mythos, der erklärt, wie die Jahreszeiten entstanden sind, hat den Zweck, uns zu erklären, wie sich die Welt, wie wir sie kennen, ausgebildet hat. Die Entwicklung der Mythen geht also in erster Linie den Weg vom Phantastischen zum Realistischen. Und Mythen beinhalten stets die uns bekannte Welt, erklären sie, geben ihr Sinn, beschreiben ihre Geschichte.

Gleichzeitig geben uns Mythen zu verstehen, dass unsere Welt in ihrem Ursprung und in ihrem Sein bereits überaus phantastisch ist. Ein Geschichtenerzähler, der einen Mythos nacherzählt, besitzt daher bereits genügend phantastisches Material. Aber die Struktur des Mythos begreift sich dahingehend, dass seine phantastischen Elemente stets darauf bedacht sind, die reale Welt und  das in ihr Bekannte abzubilden.

Betrachten wir das anhand des Gilgamesh-Epos oder der Odyssee. In beiden Epen geht es um die Reise in alle möglichen Gebiete einer unbekannten – und dann um die Fahrt zurück in die reale Welt. Hier gibt es eine eigene Logik, die abhängig ist von den Gesellschaftsformen und den kulturellen Normen ihrer Protagonisten. Hier wird uns von wunderlichen und unglaublichen Dingen erzählt; und es gibt eine eigenständige Geographie. Außerdem gibt es eine abweichende geschichtliche Entwicklung, die mit dieser Geographie Hand in Hand geht. Gilgamesh trifft den Überlebenden der Sintflut am Ende der Zeit, und Odysseus wird vom Trojanischen Krieg heimgesucht, der bereits zu Ende war, als seine eigentliche Geschichte begann. Beide Geschichten erzählen uns jedoch mehr darüber, was nach ihrer Rückkehr geschah, als über das, was sie in der Ferne vorfanden.

Man kann also sagen, dass Mythen in sich geschlossen erscheinen. Die Geschichte des Kampfes von Marduk gegen Tiamat erscheint ziemlich weit hergeholt, um einen Bezug zur Realität zu haben. Aber die Schlussfolgerung der Geschichte, nämlich dass Marduk die Welt aus Tiamats Leichnam geschaffen hat, zeigt, dass dieser Kampf die Existenz der realen Welt zum Ziel hatte. Es scheint so, als ob die menschliche Erfahrung durch einen Mythos mit phantastische Elementen dargestellt und subsumiert werden soll, immer aber sind diese Fantasien mit der realen Welt verbunden.

An dieser Stelle sollten wir ebenfalls über jene Werke reden, die keine traditionellen Mythen sind, allerdings die Aufgaben von Mythen übernehmen. “Die göttliche Komödie” (Dante) oder “Das verlorene Paradies” (John Milton). Insbesondere auch (oder gerade) die Arbeit von William Blake, der über Götter schrieb. Auch hier wird der Versuch unternommen, die Welt zu erklären und wie sie entstanden ist. Obwohl er eine phantastische Geographie entwarf, blieben seine Geschichten literarisch wie symbolisch  auf der Plattform dieser Welt.

Es geht hier nicht darum, den erwähnten Arbeiten ihre Qualität abzusprechen, oder das damit verbundene Wunderbare zu schmälern, es geht lediglich darum, zu betonen, dass Mythen keine vollständigen Fantasy-Gebilde sind, weil sie keine völlig eigenständige Welt zu bieten haben. Im Gegenteil, sie wollen die unsrige sogar damit erklären. Die Struktur des Mythos ist jedoch dazu geschaffen, mit Fantasy-Elementen zu arbeiten. Wie ich oben bereits sagte, ist hier eine Verschiebung zu erkennen, die im Grunde nicht stattfindet. Das ist die erste Technik, um eine phantastische Anderswelt an unsere reale Welt zu binden. Gibt es noch andere?

Die einleuchtende Strategie der Verlagerung (oder Verschiebung) von Schauplätzen ist eine wörtliche: es geht darum, eine phantastische Welt in einem unbekannten Teil der realen Welt anzusiedeln, über den niemand etwas weiß. Mit anderen Worten, hier wird etwas erfunden (meist eine Geographie), die überhaupt erst erfunden werden kann, weil sie unbekannt ist. Das war zu einer Zeit, als es auf der Welt tatsächlich noch mehr als genug unbekannte Territorien gab, natürlich nützlich. Die Menschen hatten so wenig wissen über ihre Welt, dass dies allein schon ausreichte, ihre Fantasie anzuregen. Es gab zum Beispiel Wolfram von Eschenbach, der in seinem Parzival behauptete, man könne von der Bretagne nach England reiten, oder Shakespeare, der behauptete, Böhmen besäße eine Küste.

Oft wurden phantastische Welten an isolierte Orte verfrachtet, Inseln zum Beispiel sind diesbezüglich ein Dauerbrenner. Aber unterirdische Reiche haben ebenfalls nie an Popularität verloren.

Den letzten richtigen Gebrauch von dieser Strategie machten wohl die Autoren der Sword and Planet-Fraktion – in der Art von Burroughs’ Mars-Abenteuer, C.S. Lewis’ Perelandra-Trilogie, oder E.R. Eddisons Merkurien. Die phantastische Anderswelt wird hier zu einer SciFi-Anderswelt, die Idee dahinter ist jedoch immer noch jene, über die wir bereits gesprochen haben.

Wenn das Versetzen einer Anderswelt traditionell geographisch vonstatten geht, dann steht dem die historische Verschiebung in nichts nach. Gerade in der traditionellen Fantasy spielt sich die Geschichte meist in einer Epoche ab, die anfällig war für Magie und Legendenbildung. Denken wir dabei an die Tafelrunde des König Artus, oder an die Legenden um Karl den Großen.

Die wildesten dieser Fantasien wurden – und das ist auffällig – von Autoren geschrieben, die nicht dem Kulturkreis der jeweiligen Legenden angehörten. Französische und deutsche Autoren schrieben viele der seltsamsten Artus-Geschichten (vor allem über die Suche nach dem Heiligen Gral), während italienische Autoren bevorzugt über die Abenteuer Karls des Großen und seiner Ritter fabulierten, die zum Mond aufbrachen oder gegen Riesen und Zauberer kämpften.

Diese Autoren interessierten sich nicht für Geschichte; sie schrieben Fantasy und benutzten die Figuren bereits bekannter Abenteuer, um sie so zu erzählen, wie sie es wollten. Möglicherweise hatten die dabei weniger Skrupel, sich in anderen Kulturkreisen umzusehen, weil dadurch die Flickschusterei weniger ins Gewicht fiel, als hätten sie ihre eigenen Sagen derart verwurstet.

Die Nachahmungen der Arabischen Nächte sind ein gutes Beispiel. Relativ wenige englische Schriftsteller haben sich davon beeinflussen lassen, aber einer davon, William Beckford, schrieb seinen “Vathek” 1782 in französischer Sprache nieder. Allerdings schrieben nicht wenige französische Phantasten arabische Geschichten, vor allem im 18. Jahrhundert. Man fragt sich, ob für diese Autoren das ferne Arabien nicht die gleiche Funktion erfüllte, wie für uns eine Anderswelt.

So viel zu Zeit und Raum. Gibt es noch weitere Techniken der Verlagerung? Sicher. Die vielleicht einfachste Art, eine Fantasywelt mit unserer Realität zu verknüpfen, ist der Traum. In einem Traum kann naturgemäß alles geschehen, vor allem Phantastisches. Es ist gar nicht so sehr überraschend, dass traditionelle Arbeiten der Fantasy, die den Rahmen eines Traumes für sich nutzen, sich nicht wie Träume verhalten – sie weisen nicht den surrealen, chaotischen Sinn eines Traumes auf, sondern bemühen sich um eine narrative Struktur.

Der Traum war ein sehr beliebter Rahmen für allegorische Arbeiten für Schriftsteller, die etwas über die Welt aussagen wollten, indem sie einer Figur durch eine symbolische Erzählung führten. Diese Figur wirkte dadurch nicht selten wie eine überdimensionierte Karikatur. Jedes Detail einer solchen Erzählung, jeder Charakter präsentiert ein spezielles Thema oder verkörpert eine bestimmte Idee. Die Folge war oft ein surreales Bild, das entstand, weil ein Element der Erzählung für etwas ganz anderes stehen konnte; durch diese Dualität schoben sich zwei Dinge, die eigentlich nicht zusammen gehörten, wie ein Teleskop ineinander, eine Vorgehensweise also, die den Traum imitiert.

Die besten Allegorien funktionieren trotz dieser ganz speziellen Logik trotzdem wie eine Erzählung. Eines der beste Beispiele ist die bereits erwähnte “Pilgerreise” vom John Bunyan, eine symbolische Geschichte über eine Seele, die einer Versuchung widersteht, um in den Himmel zu gelangen. Das Buch folgt dem Hauptcharakter (im Original Christian) auf dem Weg in die himmlische Stadt. Dabei kommt er an Orte wie den Sumpf der Verzagtheit, oder dem Palast Prachtvoll, kämpft gegen Monster wie den Riesen Verzweiflung. Seiner Form nach handelt es sich hier um eine Abenteuergeschichte in einer phantastischen Welt – aber das Unternehmen ist ganz klar als Traum kenntlich gemacht.

Eine andere Möglichkeit der Realitätsverschiebung ist die Geschichte in einer Geschichte, wo eine erfundene Figur die Geschichte einer anderen erfundenen Figur erzählt. Auf diese Weise gelingt es, eine phantastische Welt als reale Fiktion in Erscheinung treten zu lassen.

Das hört sich nach einer sehr modernen strukturalistischen Technik an, aber einige der großen mittelalterlichen Sammlungen, wie die “Canterbury Tales “oder “Das Dekameron” tun genau das. Hier gibt es eine Rahmenerzählung, die den Eindruck erwecken soll, dass eine einzelne Person die Geschichte einer anderen Person erzählt.

Im Englischen gibt es etwas, das „Club-Story“ genannt wird, die angeblich auf Lord Dunsany zurückzuführen ist. Das Konzept ist einfach: ein Gentleman in einem Gentleman’s Club erzählt eine Geschichte, die ihm angeblich selbst widerfahren ist, oder von der er gehört hat, einem anderen Club-Mitglied. Auf diese Weise lässt sich ein phantastisches Erlebnis als etwas wiedergeben, das man von jemanden gehört hat, um die offensichtliche Lüge zu umgehen. Es gibt sehr viele frühere Phantasten, die diese Technik angewandt haben, um Unerhörtes in aller Glaubhaftigkeit zu erzählen.

Das ist also eine wirksame und umfassende Art, ein Fantasy-Setting zu verschleiern, wie immer es auch geartet sein mag.

Im 19. Jahrhundert scheinen die Ideen von einer phantastischen Anderswelt zu einem literarischen Konzept zu werden. Die Methode, die dabei gerne angewandt wird, ist, einer Figur ein Portal zur Verfügung zu stellen, durch das sie in eine andere Welt gelangen kann. Denken wir an das Kaninchenloch bei Alice usw. George McDonalds Roman Lilith von 1895 beschreibt, wie die Hauptfigur durch einen Spiegel in eine andere Welt gelangt.

Natürlich können auch alle erwähnten Techniken zusammen angewendet werden, um einen interessanten Effekt zu erzielen. Ein Schriftsteller kann mit der Realität spielen, ungewöhnliche Perspektiven einnehmen, und zwischen Traum, Erzählung und Anderswelt balancieren.

Betrachten wir einmal E.T.A. Hoffmanns kompliziertes Märchen “Nussknacker und Mausekönig”. Ein kleines Mädchen beobachtet einige seltsame Ereignisse und fällt in Ohnmacht; sie erwacht und denkt, dass alles nur ein Traum gewesen sei. Dann erzählt ihr Patenonkel ihr eine Geschichte, die eine Verbindung zu dem, was sie gesehen hat, aufweist. Das führt zu immer weiteren merkwürdigen Ereignissen; am Ende schläft sie ein, wacht wieder auf, und diesmal sind es die Eltern, die ihr erklären, dass alles nur ein Traum gewesen sei. Am Ende taucht der Neffe des Patenonkels, dem sie im Traum begegnet ist, in ihrem wirklichen Leben auf. Sie heiraten, und die Geschichte schließt, indem wir davon unterrichtet werden, dass Marie die Königin eines Puppenreichs ist, das nur von jenen gesehen werden kann, die auch die Augen dafür haben.

Hier wird die Fantasie erstens dadurch verschleiert, dass sie ins Reich der Träume verwiesen wird, dann ist sie plötzlich Fiktion geworden, am Ende wird sie zu einer Realität. Gleichzeitig nimmt Hoffmann diese „Realität“ wieder zurück, indem er sagt, dass diese Anderswelt nur von jenen gesehen werden kann, die auch Augen dafür haben. Damit deutet er an, dass alles nur eine Frage der Perspektive ist.

Im Allgemeinen wäre es ein Fehler anzunehmen, ein Werk müsse nur eine Strategie der Verlagerung anwenden, um die Realität von einer Fantasywelt zu unterscheiden. Denken wir an die Filmversion von “Der Zauberer von Oz”; in dieser Geschichte wird Dorothy nicht einfach nur von einem Wirbelsturm aus Kansas heraustransportiert, sie erwacht und hält außerdem alles für einen Traum. Auch Alice, die in ein tiefes Loch fällt, erwacht am Ende und denkt, sie habe geträumt.

Sind wir damit schon am Ende angelangt? Sind wir unserer Eingangsfrage etwas näher gekommen? Möglich, aber am Ende sind wir dennoch nicht.