T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

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Guy de Maupassant

Maupassant kümmerte sich nicht um die Ansprüche der Bourgeoisie oder um ein ordentlich geführtes Leben, das für ihn voller Fäulnis war. Ganz bewusst hat er den Schein und den Trug bürgerlicher Etikette aufgezeigt, durch seine Prosa wie durch seine Persönlichkeit. Allerdings hat ihn das auch sein Leben gekostet. 1893 starb er geistig umnachtet in seinem 43. Lebensjahr. Zu Lebzeiten genoss er den zweifelhaften Ruf, ein rücksichtsloser Verführer von Frauen zu sein, der jeden zu seinem Vorteil manipulieren konnte. War Maupassants Haltung ironisch, pessimistisch oder nur schockierend?

1850 wurde er geboren und hatte zeitlebens eine Abneigung gegen jede moralische Etikette. 1857 wurden Flaubert und Baudelaire vor Gericht gestellt, weil sie den öffentlichen Anstand durch Bücher wie “Madame Bovary” und “Die Blumen des Bösen”  beschädigt hatten. Flaubert nahm den jungen Maupassant später unter seine Fittiche und ermutigte ihn in der sanften Kunst des bürgerlichen Betragens. Sie besuchten ein Bordell, und der junge Guy, völlig sexbesessen, brauchte keine weiteren Zusprüche. Flaubert – der sich für alle Gedanken züchtigte, die ihn von der Muse ablenken könnten – versuchte, seinen Freund zurückzuhalten, aber endlose Ratschläge über die klösterliche Rolle des Künstlers stießen bei  Maupassant auf taube Ohren.

Er konnte jedoch nicht vor seiner Mutter Laure entkommen. Maupassant identifizierte sich so stark mit ihr und so wenig mit seinem Vater, dass er oft nicht glauben konnte, dass er der Sohn seines Vaters war. Gustav war ständig untreu und konnte gewalttätig sein – und als Guy 11 Jahre alt war, brachte Laure die Kinder in den modischen normannischen Ferienort Étretat. “Nach diesem Tag veränderte sich für mich alles”, schrieb er. “Ich hatte einen Blick auf die andere Seite der Dinge geworfen, die schlechte Seite, und ich habe die gute Seite seitdem nicht mehr gesehen.”

Obwohl “Der Horla” zu seinen bekanntesten Geschichten gehört, handelt es sich bei der titelgebenden Figur um ein wiederkehrendes Motiv, nämlich immer dann, wenn Einzelgänger auftreten, die sich nicht mit der Gesellschaft im Einklang befinden. Sie hören Schritte und werden bald mit einem geisterhaften Anderen konfrontiert (Le Horla). Die Kurzgeschichten Maupassants arbeiten vor allem die paradoxe und nahezu schwebende Figur des Junggesellen und seines Doppelgängers, dem Horla, als Krise der männlichen Identität des 19. Jahrhunderts, heraus. Dabei erscheint der Horla mehr als nur eine phantastische Trope zu sein. Er ist vielmehr Ausdruck der Angst, die mit der Veränderung der Geschlechterrollen verbunden ist und der Unfähigkeit von Maupassants Figuren, sich mit ihnen zu arrangieren. Am Ende sind die meisten seiner Figuren gebrochene Männer, die keinen lebenswerten psychischen oder sozialen Ort mehr bewohnen.

Für Maupassant, der behauptete, zahlreiche Begegnungen mit seinem Doppelgänger gehabt zu haben, erwies sich die Geschichte als etwas Prophetisches. Am Ende seines Lebens wurde er nach einem Selbstmordversuch 1892 in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Im folgenden Jahr starb er. Es wurde vermutet, dass die Visionen von einem Doppelgänger mit einer psychischen Erkrankung durch Syphilis zusammenhängen könnten, mit der er sich als junger Mann angesteckt hatte.

Seine blühende Karriere wurde vorher tragischerweise bereits durch Kopfschmerzen, Anfällen von Blindheit und wahnsinniger Melancholie (wie es damals hieß) unterbrochen.

Sicher ist Maupassant kein typischer Vertreter einer phantastischen Literatur, aber wie alle großen Autoren hat er phantastische Kurzgeschichten verfasst. Einige Kritiker haben seine Horrorgeschichten – etwa 39 an der Zahl – mit seiner sich entwickelnden Geisteskrankheit erklären wollen. Stilistisch ist das jedoch völliger Unfug, der eben regelmäßig aus dem Ghetto der Feuilletons herüberschwappt. Maupassant mag nicht als einflussreichster Taktgeber der phantastischen Literatur gelten – sieht man einmal von seinem Horla ab – aber ein gewisser Einfluss ist dennoch vorhanden. So wurde zum Beispiel Stephen Kings berühmter Roman “Shining” mit Maupassants Kurzgeschichte “Das Winterquartier” verglichen, wobei man zugeben muss, dass das dann doch etwas zu weit hergeholt ist. Eine Berghütte, die Reisenden während der Sommermonate in den Schweizer Alpen als Unterkunft dient, wird im Winter von nur zwei Männern und einem Hund betreut. Völlig abgeschnitten verbringen die dort die nächsten vier Monate. Als der ältere von ihnen von der Jagd nicht zurückkommt, wird der andere darüber irrsinnig. Sicher, es gibt den Winter, der alles abschneidet, und es gibt den Wahnsinn. Das ist aber auch schon alles, was die beiden Werke miteinander teilen.

Maupassants dunkle Geschichten umfassen also nur etwa ein Zehntel seines Gesamtwerks. Da es darin häufig um das Thema Wahnsinn geht, hat man seine Texte auch mit denen Edgar Allan Poes verglichen, aber auch hier macht man den Fehler, nicht zu berücksichtigen, dass Poe mehr der Schauerromantik zugetan war als dem Psychologischen.

“Ein Abend” ist ein paranoider Alptraum: Der Erzähler fühlt sich durch irgendetwas gezwungen, durch die Straßen von Paris zu gehen. In “Wer weiß?” leidet jemand unter Wahnvorstellungen über die Möbel in seinem Haus. “Tagebuch eines Mörders” ist die Geschichte über einen Richter, der aus reiner Neugier einen Mord begeht und einen unschuldigen Mann für das Verbrechen zum Tode verurteilt. “Die Totenhand”, die auf seiner Jugenderinnerung basiert, hat spätere Autoren und Filmregisseure inspiriert.

Man erkennt: So weit fort ist der merkwürdige Franzose nie gewesen.

Nur wenigen Schriftstellern gelang es, die unerforschten Regionen des menschlichen Geistes und die dunklen Tiefen des Herzens so tief zu erforschen wie Guy de Maupassant. Die düsteren Realitäten, die Maupassant vor allem in seinen Kurzgeschichten präsentiert, umfassen menschliche Todesfälle und Trugbilder seiner Zeit. Er schrieb über Aristokraten ebenso wie über die Bourgeoisie, die Reichen ebenso wie die Armen und betonte all ihre Fehler und Verrücktheiten. Seine literarische Beschäftigung mit dem niedrigen Stand führte ihn dazu, die Tiefe seiner eigenen schöpferischen Kraft auszuloten. Jedoch musste er sich wegen dieser Haltung viel Kritik vonseiten der Kritiker wegen seiner Darstellung und Entblößung aller Stände gefallen lassen.

Aber solange der Künstler seinen Standpunkt darlegt, spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob er sich zur Erreichung seines Ziels auf Prüderie oder Unsittlichkeit einlässt. Maupassant entschied sich eindeutig für Letzteres. Wie ein wahres Genie geht er mit den anstößigen Themen nach den Maßstäben seiner Zeit um, aber auf eine Weise, die nie vulgär, beschämend oder schockierend ist. Es ist schwierig, den Wahrheiten zu entkommen, die Maupassant dem Leser praktisch ins Gesicht drückt. Eine seiner größten Qualitäten ist, dass er das Offensichtliche gar nicht sagen muss, und den Leser dennoch spüren lässt, was er meint.

Komposita über das Sterben im Gemäuer

Die möglicherweise bekannteste Daguerreotypie von Edgar Poe ist die ›Ultima Thule‹ genannte vom 9. November 1848, entstanden vier Tage nach seinem Selbstmordversuch. Dieses Portrait wurde nach einem Zitat aus Poe’s Gedicht ›Traumland‹ (orig. ›Dream-Land‹) so bezeichnet, weil man in ihm einen Ausdruck trotziger Verzweiflung am Rande des Todes gesehen haben will. Für die meisten Poe-Liebhaber ist dies das Bildnis, das am ehesten zum Charakter des Werkes zu passen scheint.
Baudelaire bescheinigt dem Bildnis, dass Poe dort ein recht französisches Aussehen an den Tag lege, in Wahrheit war der Dichter vom Alkohol gezeichnet. Das ursprünglich recht feminine Gesicht weißt tiefe Furchen auf, die Augenpartien zeichnen sich unsymmetrisch ab.

Doch nun geschieht etwas Merkwürdiges in einem Leben voller Merkwürdigkeiten. Am 13. November, also vier Tage später, sieht Poe bereits wesentlich erholter aus. Zu sehen auf dem ›Whitman-Daguerreotypie‹ bezeichneten Portrait.

1849 wirkt Poe dann beinahe wieder hergestellt. Er sieht gesund aus, steckt voller Pläne für die Zukunft, beabsichtigt sich sogar neu zu verheiraten — und stirbt in Baltimore unter mysteriösen Umständen, unter deren Sternen sich sein ganzes düster-tragisches Leben entfaltet hatte.

Poe war, als ich ihm begegnete, etwas älter als ich. Er befand sich wohl, wenn auch die Schatten einer schweren Melancholie die tiefen Augen wie Vorhänge einrahmten. Es faszinierte mich nicht wenig, zu beobachten, wie er nahezu täglich sein Aussehen änderte, ohne jedoch seine charismatische Persönlichkeit einzubüßen. Für uns beide war die Zeit ein Instrument der Willkür, weswegen wir uns nicht an sie zu halten brauchten. Von ihm lernte ich zwei bedeutende Dinge, die er mir, jetzt, wo er auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen hatte, anvertraute. Das eine war das ›richtige Trinken‹ des Absinth. Er bemängelte, dass es sich in der heutigen Zeit allenthalben nur noch um ein Naschen handeln konnte. Er aber, der Künstler des Rausches, gab sich nicht mit den einfachen Genüssen ab. Er scheute sich zu keiner Zeit, in das Innerste eines jeden Tempels vorzudringen, auch wenn das bedeutete, die Kontrolle zu verlieren.

Das andere war das Konzept, sich durch die Geisteskraft immer tiefer in sich selbst hineinzubewegen. Er sprach in diesem Zusammenhang nicht selten von einem Labyrinth mit dem Minotaurus in der Mitte. Das gab er mir als Grund an, warum er niemals einen Roman geschrieben habe, auch wenn er, wie er zugab, oft daran denken musste.

»Die meisten Romane«, sagte er, »sind wie der Faden der Ariadne. Zum einen scheinen sich die Dichter auf sicherem Boden bewegen zu wollen, um den Weg in jedem Fall wieder zurückzufinden. Zum anderen hängt selbst alles an diesem Faden und jeder könnte ihm folgen, wie viel Verwicklungen und Abzweigungen es auch immer geben mag.«
Er selbst wolle jedoch jeden einzelnen Schritt so ausleuchten, dass man sich auf diesen Faden nicht erst konzentrieren müsse, sondern vielmehr den Ort und dessen Atmosphäre im Auge behalten könne. Neben dem Gedicht gäbe es nur eine einzige Vollendung innerhalb der Poesie. Und das wäre die kurze Erzählung. Diese allerdings nahm er in die Pflicht, das Arabeske und das Groteske so herauszustellen, dass sie dem Spiel einer flackernden Kerze ähnele, deren Licht über die Wände des Labyrinths irrlichtert.

»Es geht nichts über die Strategie einer analytischen Logik«, sagte er. »Nur so geschrieben kommt die Erzählung einer Komposition gleich.« »Die Erzählungen der Ratiocination nehmen – obwohl Sie doch jeder mit Ihrem Namen in Verbindung bringt, dann wohl doch den geringsten Teil Ihres Oeuvres ein. Im Gegenteil strapazieren Sie die Logik dort gehörig!« sagte ich, schon etwas trunken ob der späten Stunde.

»Was zerschmettert uns mehr als das Hinscheiden einer geliebten Frau? Was wäre poetischer als der Tod eines blassen Schwans, so dass unser Geist die wildesten – wohlgemerkt tief purpurnen – Blüten treibt?

Ist die Komposition mit einem ästhetischen Gemäuer verknüpft, das wie im Zusammenspiel von Grundton, Terz und Quinte nur auf ein Ziel zusteuern kann: den Wahnsinn, aus Schmerz und tiefer Verzweiflung erlangt, dann ist sie nichts anderes als der Kontrapunkt. Denn der Wahnsinn und die Dekadenz, aus der die Empfindungen sprießen, die wir jenseits vermuten, sind gerade der Gipfel einer analytischen Logik, die sich darin gleich wieder selbst karikiert. Denn dass die Liebe über den Tod hinaus akut bleibt, ist keine Zutat der reinen schwärmenden Phantasie, sie ist das Monströse unserer eigentlichen Einsamkeit.«

Mr. Poe war oft sehr schwer betrunken, was man ihm nicht eindeutig ansah. In diesen Momenten trieben seine Dämonen ihm Blüten auf die Wangen und seine Augen zeugten von erhöhter Nervosität. Die Qual der Besessenheit indes wusste er nur zu mildern, indem er die Feder zur Hand nahm, was er aber nur vermochte, sobald die Wirkung des Alkohols im Abklingen begriffen war. Es galt ihm, den richtigen Moment zu erkennen, denn sobald der Zenit des Rausches überschritten war, kam sehr schnell der Kater über ihn, den er nur mit Opium zu lindern vermochte.

Wie alle Lebenselixiere, ist gerade das Feuerwasser das Gefährlichste. Es stärkt den Geist durch flüssig gewordenes Blut, das Leben rast durch die Adern und bringt alle Eindrücke, die der Körper kaum mehr zu archivieren weiß, in magische Aufruhr. Sie werden überdacht und neu zusammengesetzt.

Was also der Körper dort am Grabe von ihrem Geist empfing, hat weder das Auge bemerkt, noch vermochte das Gefühl durch die Kleidung zu dringen, so dass ich hätte seufzen mögen: »Virginia ist’s dort im Windhauch.« Und doch: es blieb dem bisschen Leben nichts anderes, als nur sie wahrzunehmen. Vielleicht hing die Erinnerung zuletzt gar nicht im Hirn, sondern außerhalb von uns.

Dennis Etchison: Metahorror

Dennis Etchison tut gut daran, in seinem erfrischenden Vorwort die herausragende Rolle der kurzen Erzählung für den phantastischen Literaturbereich herauszuheben und merkt an, dass die Tendenz der Leser zum Roman eher plakativ und verlags-, das heißt marktgewollt ist. Tatsächlich sind Romane meist breitgewalzte, vormals gute Ideen – oder es sind mehrere Kurzgeschichten, die aneinandergekettet und hingepuzzelt werden.

Etchison lässt Tennessee Williams zu Wort kommen: Es kommt auf die Konzentration an. Das Furchtbare muss komprimiert dargestellt werden. Das hatte ähnlich bereits Edgar Poe gefordert und erläutert das in seinem hervorragenden Essays “The Poetic Principle” und “The Philosophy of Composition” mit der Einheitlichkeit des Effekts:

“Und es liegt auf der Hand, dass solche Einheitlichkeit nimmermehr durchgehalten werden kann in Werken, welche nicht in einem Zuge zu Ende gelesen werden können.”

Wie man auch immer heutzutage dazu Stellung bezieht, steht es für mich außer Frage, dass eine Kurzgeschichte das wahre Talent nicht verbergen kann, dass sie die Paradedisziplin der ganzen Literatur darstellt, was nicht automatisch bedeutet, dass es keine Romane gibt, die es zu lesen lohnt.

Hier haben wir eine Anthologie vor uns, deren Herausgeber also Dennis Etchison ist, bei uns – wie sollte es anders sein – relativ unbekannt, auffällig geworden höchstens durch Blut & Küsse (1990). Hier hat er also 21 Storys zusammengetragen, die die phantastische Literatur zu diesem Zeitpunkt (1992) repräsentieren.

1. Teil : Etwas ist geschehen

1. The Blues and the Abstract Truth ist ein Jazz-Album von Oliver Nelson aus dem Jahre 1961. Desweiteren ist es der Titel einer Story von Barry N. Malzberg, die er zusammen mit Jack Dann geschrieben hat. Beide Autoren sind mehr im Science-Fiction-Bereich tätig als in der phantastischen Literatur, dort aber sehr erfolgreich.
Von welchem der beiden Autoren nun die Jazz-Verweise in dieser kurzen Geschichte (dt. “Melancholie und die abstrakte Wahrheit“) ausgehen, ist leicht zu entdecken. In einem Interview von 2002 sagte Malzberg:

“Wenn Sie mich fragen, was ich liebe, werde ich antworten: Science Fiction. Ich denke, Science Fiction ist, gemeinsam mit Jazz, Amerikas großer Beitrag zur Weltkultur, genauso groß wie Jazz, genauso verschwenderisch und genauso wunderbar.”

Man könnte sagen, Melancholie gibt es, weil die Zeit vergeht und mit ihr die Dinge, die nur in unserer Erinnerung verbleiben. Wir könnten sagen, die abstrakte Wahrheit ist das, was wir erfahren, wenn wir plötzlich wissen, wo wir im Leben landen werden, der Riss, der uns in die Zukunft wirft. Anders: Malzberg & Dann sprechen Dich an. Sie sprechen natürlich auch Mich an. Zumindest fühle ich mich ertappt. Ein bisschen vielleicht.

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2. Die folgende Erzählung würde ich als Midlife-Crisis-Horror bezeichnen. Sie  bedient sich (wie die erste Story in Teilen auch) der eigenwilligen Erzählhaltung des “Du” (Zweite Person).
Dreimal nominiert für den Bram Stoker Award in der Kategorie “Short Story” als Autor, und viermal für den Hugo Award als Herausgeber, hat Scott Edelmann mehr als 75 Kurzgeschichten verfasst, die in Magazinen wie “Twilight Zone” erschienen sind und deren Auflistung hier zu nichts führen würde, weil sie bei uns völlig unbekannt sind. Bekannter hingegen sind seine Arbeiten für Marvel Comics wie Captain America oder X-Men.

Die Geschichte, um die es hier geht, heißt “Are you now?” (dt. “Sind Sie oder waren Sie?“), ein starkes, literarisches Stück, das in der McCarthy-Ära positioniert ist und in jedem Satz Anspielungen enthält, die man nicht ohne weiteres versteht, wenn man nicht genau weiß, um was es da ging. Hierzulande dürfte die Kenntnis über diese dunkle amerikanische Zeit, in der sich Freund gegen Freund wendete und viele Künstler zum Schweigen gebracht wurden – alles unter dem Banner der Hetzjagd gegen Kommunisten in den USA – noch viel weniger im Gedächtnis präsent sein als in den Staaten selbst. Scott Edelman vergrub sich in Bücher über jene Zeit und beschäftigte sich mit den Anhörungen, in denen sehr oft die ominöse Frage “Are Yo Now?” auftauchte (was in der deutschen Übersetzung ohne Fußnote kaum einen Sinn ergibt.)

3. Lawrence Watt-Evans ist bekannt für seine Fantasy-Sagas wie die “Die Herren von Dus”. Da ich derartige Literatur kaum lese, kann ich dazu nichts sagen. Für die phantastische Literatur ist möglicherweise “The Nightmare People” interessant, das aber nicht in Übersetzung erhältlich ist.
In der von James Turner herausgegebenen Sammlung “Spur der Schatten. Neue Geschichten aus dem Cthulu-Mythos” (Bastei/Lübbe) taucht Watt-Evans mit der Verwurstelung von Lovecrafts “Pickman’s Modell” unter dem Titel “Pickman’s Modem” auf. In “Metahorror” bleibt “Stab” (dt. “Ein Stich“) eine der schwächeren Geschichten um einen Mörder, der mit seinem in jungen Jahren ausgeführten Todesstich davongekommen ist und ihn nicht vergessen kann.

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4. Auch Richard Matheson hat eine sehr knappe Erzählung beigesteuert, “Mutilator” (dt.”Verstümmler“) genannt. Seine Arbeiten seit “I am Legend” sind mehr oder weniger durchwachsen. Er legte stets mehr Wert darauf, mit dem Strom zu schwimmen, was ihn auf den Science Fiction-Boom der 50er Jahre aufspringen ließ und schließlich auch zum Film brachte (unter anderem schrieb er die Star Trek Folge “The Enemy Within (1966).
Anne Rice konstatierte Mathesons Novelle “A Dress of White Silk” als frühen Einfluss, durch den sie auf phantastische Literatur überhaupt aufmerksam wurde. Und Steven Spielberg steckt ihn in einen Topf mit Bradbury und Asimov.
Wie dem auch sei, “Verstümmler” hätte sich Etchison für diese Anthologie sparen können.

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5. Die hochdotierte Autorin Joyce Carol Oates, die aus irgendeinem Grund den Literaturnobelpreis noch nicht gewonnen hat, hat mit “Martyrdom” eine harte Geschichte geschrieben, die auch von Jack Ketchum stammen könnte, wäre er ein besserer Autor. Die Erzählung trifft hervorragend die Definition von Oates Auffassung einer Horror-Geschichte:

“Sie besitzt immer eine stumpfe Körperlichkeit, die keine erkenntnistheoretische Exegese auzutreiben vermag.”

Und:

“Wir sind gezwungen, sie schnell zu lesen, mit einem steigenden Gefühl des Schreckens.”

Dieser “Schrecken” kommt in Form zweier parallel verlaufender Erzählstränge, die am Ende aufeinander treffen.
Im ersten wird mit dem simulierten, dumpfen Bewusstsein einer Ratte die Jagt auf diese Spezies, die Folter im Labor usw. dargestellt. Im zweiten geht es um eine junge Frau, die von Geburt an nur als Lustmädchen betrachtet wird. Die Begegnung dieser beiden ist nicht nur ein symbolischer Klimax.

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6. Kim Antieau hat mit “Briar Rose” (dt. “Heckenrose“) ein poetisches Stück geschaffen. Einer Parabel gleich wird einer jungen Frau, die ihre Erinnerung verloren hat, diese von einem mysteriösen Tätowierer auf die Haut gestochen. Gleichermaßen zeigt diese Geschichte eine Katharsis auf, als die über und über tätowierte Frau ihre schmerzhaften Erinnerungen an ihr Leben in Form ihrer Haut wieder verliert. Auch sie hat einige Beiträge zu “Twilight Zone” geliefert, ist darüber hinaus mehr für ihre Jugendbücher (Das Leuchten der Sternschnuppen) bekannt.

2. Teil : Noch lange hin bis zum Morgen

7. Höchstwahrscheinlich machte Lisa Tuttle‘s Kolaboration mit George R.R. Martin ihren Namen auch hierzulande bekannt (Sturm über Windhaven), wobei auch noch die Sammlung “A Nest of Nightmares” (dt. “Ein Netz aus Angst” – die Übersetzung zeigt sehr gut, wie unglücklich Verlage diesbezüglich agieren), zu erwähnen ist. Die Geschichte “Replacements” (dt. “Ersatz“) ist in dieser Sammlung allerdings nicht enthalten.
Tuttle, die eine bekannte Feministin und Herausgeberin des Sachbuchs “Encyclopedia of Feminism” ist, arbeitet in ihrem ganzen Werk vornehmlich mit starken Frauenfiguren.
In “Ersatz” geht es vornehmlich um die Unsicherheit eines Ehemanns, als seine Frau ihre Unabhängigkeit durch ein blutsaugendes Haustier stärkt. Tuttle sagte in einem Interview (Fantastic Metropolis):

“Das war meine erste Post-Natal-Story. Meine Tochter war gerade sieben Monate alt und ich musste mich in irgendeiner Weise mit meiner Mutterschaft beschäftigen. Denken Sie jetzt, was Sie wollen.”

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Ich selbst bin stets angetan von merkwürdigen Bildern. Ob es sich nun um “Das ovale Portrait” von Edgar Poe handelt, “Das Bild im Haus” von Lovecraft oder selbstverständlich um “Das Bildnis des Dorian Gray” von Oscar Wilde, bei dem man nur bedauern kann, dass er nur diesen einen Roman geschrieben hat.

8. Donald R. Burleson hat mit “Ziggles” ebenfalls dieses Thema aufgegriffen, zumindest am Rande (und nicht besonders originell). Ziggles ist der Name einer Bleistiftzeichnung, die zunächst zusätzlich auf Bilderrätseln auftaucht, um dann irgendwann – Überraschung! – lebendig zu werden.
Burleson ist Autor einer Lovecraft-Studie, in denen er 13 Geschichten mit Hilfe dekonstruktiver Methoden untersucht, taucht in die faszinierenden ethymologischen Labyrinthe ein, benennt die reichlichen Unklarheiten und die unterschiedlichen Bedeutungsebenen. Aber das wäre dann ein anderes Kapitel.

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9. Ramsey Campbell fehlt fast in keiner Anthologie. Und deshalb natürlich auch nicht in dieser. Obwohl er als Lovecraft-Epigone anfing, gelang es ihm im Laufe der Zeit, eine eigene Handschrift zu entwickeln.
“End of the Line” (dt.”Am anderen Ende“) soll wohl etwas Humor transportieren, was aber bleibt, ist das recht chaotisches Surrogat einer möglichen Erzählung.

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10. Auch Karl Edward Wagner ließ sich von einem großen der “Weird Tales”- Fraktion inspirieren, nämlich von Robert E. Howard, und das gleich derart präzise, dass er sich Howards Figur Kane einfach aneignete und auch die Finger von Conan nicht lassen konnte. In den 70er und 80er Jahren galt Wagner als eines der herausragenden Talente der Phantastik, bevor er in den Alkoholismus abrutsche und schließlich dieser Sucht zum Opfer fiel. Did They Get You To Trade? (dt. “Tote sind das einzig Wahre“) ist durch diesen Hintergrund nahezu kryptobiographisch zu lesen. Es ist das Portrait eines alternden Punkrockers, der weiß, dass er seine Zeit überlebt hat.

“Jeder Künstler hat etwas in sich – etwas Einmaliges, Erstklassiges -, das er geben kann. Manche haben mehr, manche weniger; aber es ist immer nur eine begrenzte Menge.”

Diese Geschichte bekommt in Anbetracht Wagners späterer Umstände eine gespenstische Note, die dem Geschriebenen erst einmal nicht zu Grunde liegt.

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11. Der als stilistischer Perfektionist bekannte Science-Fiction-Autor M. John Harrison ist mit einer sehr rätselhaften und schier unergründlichen Erzählung vertreten, die “Gifco” überschrieben ist. Was Gifco ist, bleibt genauso im Schatten der Buchstaben hängen wie die ganze Geschichte. Paradox und komplex nennt das die Zeitschrift “Cemetary Dance”. Es gibt wohl wenige Autoren, denen man gerne über dreißig Seiten hinweg folgt ohne hinter den Sinn der ganzen Sache zu kommen. Gifco ist besser aufgehoben in der Sammlung “Things that never happen”, aus der sie entnommen wurde. Die Sammlung hat dabei den Vorteil, dass sie chronologisch aufgebaut ist und man die Herangehensweise und den Stil Harrisons, der aus Fixierungen und Kuriositäten besteht, so besser kennen lernen kann.

12. Als Whitley Striebers “The Wolfen” 1978 erschien, lieferte er einen Bestseller, an dem auch Hollywood nicht vorbei kam, als er in den 80er Jahren behauptete, von Aliens entführt worden zu sein und zwei Bücher darüber schrieb, erntete er selbstverständlich Spott. Man kann vieles sein oder behaupten: nichts davon hindert einen daran, ein guter Schriftsteller zu werden, ganz im Gegenteil ist Normalität eher hinderlich.
“The Properties of the Beast” (dt. “Eins mit dem Tier“) stammt von 1992 und spielt im Reich von Ken und Barbie. Nichts hindert daran, eine gute Geschichte zu erzählen, insofern man es kann. Bei Strieber bin ich mir nicht sicher.

3. Teil : Willkommener Tod

13. Thomas Tessiers “In Praise Of Folly” (dt. “Zum Lob der Narretei“) aus “Ghost Music and Other Tales” ist ein kleines makaberes Stück, das mit einem archaischen Ritus im alten Italien spielt, nur dass sich das Ganze auf amerikanischem Boden befinden, in einem verfallenen Miniaturpark nämlich. Die Geschichte ist außer in Metahorror ebenfalls in “Poe’s Children: The New  Horror” enthalten. Der Herausgeber ist kein geringerer als Peter Straub.

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14. William F. Nolan ist ähnlich wie Ramsey Campbell ein gern gesehener Gast in Anthologien (er soll in rund 200 davon vertreten sein). Er ist ein enger Freund Bradburys und wie dieser häufig mit Science Fiction beschäftigt. Bekannt wurde er durch “Logan’s Run”, der auch als Film adaptiert wurde (Flucht ins 23. Jahrhundert).
“The Visit” (dt. “Der Besuch“) dreht sich um die Befragung eines Serienkillers. Die Geschichte lebt von der Pointe des letzten Satzes.

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15. George Clayton Johnson ist der bekannte Drehbuchautor (unter anderem Co-Autor von “Flucht ins 23. Jahrhundert”) der die erste Star-Trek-Folge überhaupt geschrieben hat. Auch “Ocean’s Eleven” gehört zu seinen Werken. Interessanter sind seine Beiträge zu “Twilight Zone” und die Sammlung “All Of Us Are Dying”
“Phantastik, sagt er, “muss von etwas handeln, sonst ist sie einfach nur dumm. Es muss darin um die Menschen gehen, über die menschliche Art und Weise, muss einen anderen Blick auf die Unendlichkeit zulassen. Phantastik muss ein anderer Weg sein, das Paradoxe an unserer Existenz zu erkennen.
Johnsons Leben indes ist legendär: er wurde 1929 in einem Stall geboren. Vom Schicksal nicht gerade begünstigt, gab er seinem Leben selbst eine Form. Im Alter von 15 begann er als Schuhputzer. Später, in der Armee, war er Zeichner, und daran beteiligt, die komplizierten unterirdischen Leitungssysteme des Panamalkanal zu kartographieren. Ab den 50ern konzentrierte er sich auf die Arbeit als Schriftsteller, und das führte zu der ungeheuerlichen Geschichte eines Casino-Bankraubs in Las Vegas.
Die Erzählung “The Ring Of Truth” (dt. “Der Klang der Wahrheit“) ist in dieser typischen Twilight-Zone-Manier geschrieben, lebt daher natürlich ebenfalls von der Pointe.

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16. David Morrell ist natürlich der Vater von Rambo, von dem wirklich jeder halten darf, was er will.
“Nothing Will Hurt You” (dt. “Keiner wird dir etwas tun“) ist solide Massenkost, vor allem etwas zu dick vorgetragen hat die Story atmosphärisch nichts zu bieten. Der ‘Twist’ ist schnell durchschaut und wird so penetrant angekündigt, dass man der Meinung sein könnte, Morrell dachte wohl, der Leser würde sonst nicht begreifen, was vor sich geht. Im Grunde ein typischer Vielschreiber-Text, mit dem ich nicht viel anzufangen weiß.

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17. Die mehrfach ausgezeichneten Geschichten von Steve Rasnic Tem sind auf deutsch nie erschienen. Auch er ist ein Opfer unserer kruden Verlagslandschaft, obwohl es ihn selbst wahrscheinlich kaum stören wird. Oft wird seine Arbeit mit Ray Bradbury und Shirley Jackson verglichen, ohne jedoch epigonal zu wirken. Ganz im Gegenteil fährt Tem ein Sammelsurium auf, das gerade richtig gelegen kommt für den Kenner der ‘weird fiction’. Empfehlenswert wäre der Roman ‘Deadfall Hotel’, und wer sowieso seine Bücher in Englisch liest (was anderes bleibt ja kaum übrig), wird hier richtig bedient. “Underground” (dt. “Unter der Erde“) ist die Geschichte, in der sich die Erde, dem Meer gleich, eine Stadt zurückholt. Der Geschichte fehlt entschieden etwas an Kraft, um wirklich erstaunlich zu sein, dürfte daher kaum mehr als eine Gelegenheitsarbeit sein, betrachtet man seine anderen Arbeiten.

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18. Robert Devereaux arbeitet in “Bucky Goes To Church” (dt. “Bucky geht zur Kirche“) mit einem gedemütigten Teenager, der die halbe Stadt ausmerzt. Das ist aber nicht der Clou der Geschichte, der vielmehr darin besteht, was geschieht, nachdem er selbst von der Polizei niedergestreckt wurde. Das ist durchaus eine philosophische Überlegung wert.
Devereaux versichert, dass die Phantasie die Pflicht habe, all die bösartigen Orte so gut wie möglich zu beschreiben. Ebenso die Charaktere mit ihren Marotten, Macken und Extremen.

Die schön gemachte Ausgabe, die im Original 1992 von Donald M. Grant als Sonderedition herausgegeben wurde, besticht nicht zuletzt durch die Unterschriften aller darin enthaltener Autoren. 2009 lag der Sammlerwert gerade mal bei 79.99 Pfund Sterling. Das dürfte sich bis heute mehr als verdoppelt haben.