Augusto Cruz: Um Mitternacht

Augusto Cruz García-Mora hat mit diesem Roman Ehrgeiz und Mut gezeigt, der eine Mischung aus Detektivroman und kinematografischem Delirium mit einem Hauch Abenteuergeschichte darstellt, gespickt mit einer traumartigen Fantasie. Vielleicht finden Stummfilmliebhaber auf diesen seltsamen Seiten eine gewisse emotionale Komplizenschaft und wissen den Roman sogar noch mehr zu schätzen.

Das Objekt der Begierde

Der Film “London after Midnight” (Nach Mitternacht) ist der erste amerikanische Film, der sich mit Vampiren beschäftigt. Nosferatu wurde 1922 veröffentlicht, ein weiterer seltsamer Film namens “Dracula Halla” 1921, außerdem soll es noch einen geheimnisvolleren russischen Vampirfilm geben, über den absolut nichts bekannt ist. Das also sind die ersten Vertreter ihrer Art, aber in diesem Buch von Augusto Cruz geht es vor allem um die Suche nach dem als verschollen geltenden “London after Midnight” (Um Mitternacht). Dass sich um diesen Film so viele Legenden ranken ist natürlich ein gefundenes Fressen für einen Schriftsteller. Schon die Entstehungsgeschichte ist merkwürdig. Lon Chaney war zu dieser Zeit der Horror-Darsteller Nr. 1. Sehr berühmt und zurückhaltend, galt dieser Darsteller als äußerst mysteriös, ging nie aus, bevorzugte die erbärmlichen, verkrüppelten und seelisch deformierten Charaktere, und als er starb, hielten alle Kinos des Landes für einen Moment inne und gedachten seiner. Um seine Augen tränen oder verschleiert wirken zu lassen, steckte er sich Drähte in die Augen oder träufelte sich Eiweiß hinein. “Augusto Cruz: Um Mitternacht” weiterlesen

Iden

Tags, vor mir : 1 Gutschein für eine Allgäuer BrauerMahlzeit, ein­malig für das ausgewiesene Tagesgericht & ein kleines Allgäuer Brauhaus Bier zum Jubiläumspreis von 6 Euro. Wenn man hingeht, gerät man in eine Schnellküche, in einen Bauernaufstand des Brot­es, der Gerste. Lange dauern Worte, wie lange können sie blei­ben ? haben sie Malsachen dabei ? einen Schlafanzug ? Die Stimmung ein Brüten. Sehr gerne würde ich mir begegnen wollen, zu­fällig natürlich, straß=ecks, dunkeltrüb (eine sich verjüngende Gasse zweigt ab.)
Borges ist sich begegnet in los libros y las noches von 1999. Der Film steckt mir im Videorekorder, der noch bei meinem Gerümpel in der Schweiz liegt, die Hülle habe ich hier, im Keller, im Restezu­ber. Beinahe wäre ich nach Buenos Aires gegangen, aber das hätte mir genauso wenig eingebracht wie damals Mexiko. Oder Paz’ Su­che nach einer Mitte, die schwer zu finden, schwer zu halten ist. Im Grunde habe ich es versucht, sage ich mir. Ich bin daran interessiert, mich aufzulösen, mich hinfortzuschwingen, aber nirgendwo steht der Horst.
Als es noch die Erde gab und nicht das Produkt der Kunst (Kunst­produkt und Kunstwerk sind nicht identisch) als vor 6333 Jahren die letzten Traktoren in den Scheunen standen, ihnen stellt man nicht einfach Milch hin, damit sie zu schnurren begin­nen, da ge­schah dies : süßes Geflecht deiner äußeren Rinde / vom Mond beschienen Tannin / die lockere Hand fällt der Rebe zum Trotz wurzelwärts. Von der Durach ins Schwarze Meer über Wei­dach – Iller – Donau, diesen Weg gingen wir heute nicht, die alten Traktoren wurden gebaut als es noch Land gab, sie sind ähnlich wie das Pferd an den Kräutern interessiert.

Julio Cortázar

“Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?”

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer faßbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: “Dieses Buch besteht aus vielen Büchern”, schreibt Cortázar, “aber vor allem aus zwei Büchern.” Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: “Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.” Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Die verbindende Durchgangslinie im Werk Cortázars ist das Beharren  auf der Elastizität der literarischen Kunst, um damit das einzufangen, was er als flüchtige, umstrittene und immer fließende Realität sah. Irgendwann sagte Cortázar:

Ich hatte ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber dem Phantastischen, weil es mir so akzeptabel und echt erschien, wie die Tatsache, um acht Uhr abends Suppe zu essen”.

Das Phantastische ist also ein Mittel, um die Flachheit des weithin Akzeptierten oder nur Prosaischen zu verlassen. Das Gefühl wird so zu einem Refrain. Für Cortázar, wie für seine Schöpfung Horacio, war die freudlose Verengung der gelebten Möglichkeit eine Verschwörung der großeren Falschheit, die er “die vorgefertigte, vorfabrizierte Welt” nannte.

Während Cortázar nicht explizit erklärte, was er damit meinte, suggeriert seine Arbeit ein tiefes Mißtrauen gegenüber der Alltäglichkeit des Lebens, einen Verdacht, daß es sich um eine Lähmung handelt, die sich als beruhigende Routine ausgibt. “Es kam mir vor wie eine Art mentaler Rülpser”, sagt Horacio in einem der langen inneren Monologe von Rayuela, “dass dieses ganze A B C meines Lebens ein schmerzhaftes Stück Dummheit war, weil es allein auf der Wahl dessen basierte, was man Nicht-Verhalten nennen könnte, anstatt Verhalten”. Anderswo schreibt Cortázar mit ähnlichen Bedenken: “Wie es weh tut, einen Löffel abzulehnen, nein zu einer Tür zu sagen, alles zu leugnen, was die Gewohnheit zu einer angemessenen Geschmeidigkeit geschleckt hat”.

Für den Ableger der literarischen Moderne, den so genannten lateinamerikanischen Boom, in dem Cortázar in seiner Blütezeit der 1960er Jahre eine entscheidende Rolle spielte, kam eine radikale Neubewertung der Wirklichkeit auf. Der Boom, der unter anderem die überragenden Werke von Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und José Lezama Lima umfaßte, half, die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Phantastischen zu durchbrechen. Cortázar selbst brachte eine Art kosmopolitischen Kubismus in den Roman, in dem Zeit, Ort, Sprache, ja sogar der wörtliche Text selbst zu Orten der Auseinandersetzung, Teilnahme und des Spiels wurden. Die Read-as-you-like-Anweisungen von Rayuela (“Der Leser darf das, was folgt, mit reinem Gewissen ignorieren”) sollten nicht als bloße Spielkunst oder avantgardistische Haltung verstanden werden, sondern sie stellten sich aktiv gegen einen literarischen Realismus, der nicht mehr den fragmentierten Texturen des modernen Lebens entsprach.

“Wenn man an die Grenzen des Ausdrucks stößt”, sagt er in einem Vortrag, “beginnt ein Gebiet, in dem alles möglich und alles ungewiss ist.” In Cortázars Worten haben wir dann Eden erreicht: den ultimativen Zustand der Gnade.

Julio Cortázar (1914—1984) war einer der Begründer dessen, was als Lateinamerikanischer Boom bekannt wurde. Ein Romanschriftsteller, Dichter, Dramatiker und Essayist war er, aber – und das ist das Wesentliche seiner Arbeit – vor allem ein fleißiger Erzähler von Kurzgeschichten. Er begann seine Arbeit unter dem Einfluss des Surrealismus. Seine phantastischen Erzählungen beginnen meistens mit einem gewöhnlichen Setting, in das unerwartet das Fremde, Seltsame einbricht. Seine Tätigkeit als Übersetzer, inklusive der Erzählungen Poes, beeinflussten sein Schaffen ebenfalls.

Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es scheint oft so, als stünden sie in Beziehung zueinander, wären verbrüdert und verbunden durch eine Röhre. Viele solcher Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H. P. Lovecraft, während andere die unheimliche Elemente benutzen, um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offenkundig, in anderen Fällen braucht es mehrmaliges Lesen, bevor sie verstanden werden. Das ist bei Julio Cortázar stets der Fall.

Nehmen wir das Beispiel ‘Axolotl’ und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:

“Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden in ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl.”

Der Schlüssel an dieser Stelle ist nicht die ausgesprochene Transformation, sondern die Beobachtung und das andächtige  Schauen. Man kann die Geschichte als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische “uns” (Axolotl) mit dem menschlichen “ihn” (der Mensch) vertauscht.

Am Anfang der Geschichte geht der Erzähler angefangen von der Faszination dieser Amphibien im Larvenstadium dazu über, mehr und mehr Informationen über sie zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.

“Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte.”

Hinter dem Gefühl der Obsession lauert etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremden. Im Laufe der Geschichte beginnt sie mit wiederholten Verweisen auf ihr Ursprungsland Mexiko, zurück zu den Azteken, die über das Land herrschten, bevor die Spanier kamen, Formen anzunehmen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Erzählung so deuten. Und doch könnte das alles auch eine Metapher sein für die Faszination für eine fremde Kultur, die soweit geht, komplett in sie eintauchen zu wollen, und zwar soweit, dass sie mit der ursprünglich eigenen Kultur getauscht wird. Dieses Gefühl fremder Akkulturation taucht in vielen Geschichten und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistsichen Geschichten, wie in seinem brillanten und epochemachenden Roman “Rayuela“.

In seinen Geschichten verwendet Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu erforschen. In “Das besetzte Haus” die alternden Geschwister, die in Abgeschiedenheit im Haus ihrer Großeltern leben, spüren, dass etwas in ihren abgeschlossenen Lebensraum eindringt und sie dazu zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das durch die Erzählung sickert.

“Südliche Autobahn” ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen Stau im kafkaesken Stil. Die im Stau steckenden versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich soweit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln “Axolotl”, indem sie von eindeutiger Realität in seltsame, surreale Landschaften hineinrutschen. Was real ist und was Ausgeburt der Phantasie, verschmilzt unentwirrbar miteinander, wird zu einer halluzinatorischen Einheit.

In den “Hüpf- und Sprungszenen” seines grandiosen Anti-Romans “Rayuela” zeichnet Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner einstigen Geliebten Maga. Auch hier kommt es zum Zusammenprall der Kulturen, zu einer verschwommenen Linie zwischen Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus “Axolotl”. Sein Taumel durch Paris und Buenos Aires, auf der Suche nach Maga, kann ebenso für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Da gibt es Momente der stillen Bedrohung, ähnlich der des “besetzten Hauses”; und dann sind da die Momente, in denen Oliveiras Suche Quixotische Züge annimmt.

Im Laufe seiner 35 Jahre währenden Karriere als Schriftsteller hinterließ Cortázar eines der mächtigsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts unter Verwendung des Surrealismus, des Kulturkrachs, Selbstidentität und der Frage, wo Realität endet und Halluzination beginnt. Seine instabilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlaubten ihm, durch das Unerklärliche Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie es ein ‘Realismus’ niemals zu Wege bringen kann. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten und offenbart dadurch beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal wird das durch den Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit ausgedrückt wie in “Axolotl” oder “Das besetzte Haus”.

Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist beinahe unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit bei einem ersten Lesedurchgang zu erfassen und er ist einer jener wenigen Autoren, die man wieder und wieder mit Genuss lesen wird.

Felisberto Hernández: Die Frau, die mir gleicht

Ich beginne diese Rubrik, in der ich meine großen Leseabenteuer präsentieren werde, mit einem Ausflug nach Südamerika, genauer : nach Uruguay. Es ist dieser Kontinent, der hier immer wieder eine große Rolle spielen wird. Das verbindende Glied zu meiner persönlichen Neoromantik ist hierbei die unvergleichliche Fabulierlust der Autoren, die in Europa kaum mehr zu finden ist. Allenfalls hat sie auch hier in den südlichen Gefilden, zum Beispiel in Portugal (oder Italien, wenn wir Umberto Eco nicht vergessen wollen) einen ähnlichen Drang, der Realität mit Worten unter die Arme zu greifen, um sie so zu zeigen, wie sie wirklich ist : phantastisch.

Jeder, der sich mit phantastischer Literatur beschäftigt, kennt die großen Borges und Cortázar, weil die beiden Argentinier die Phantastik in die höchsten Höhen der Weltliteratur geführt haben. Wie erwähnt ist die hispanische Welt überhaupt geprägt von der magischen Realität, von der die Europäer seit dem Niedergang des kontinentalen Surrealismus kaum mehr etwas wissen. Doch auch diese einstige Bewegung wurde erst in Lateinamerika transformiert.

Auch hier jedoch gilt: Es sind die Außenseiter, die Kultstatus erreichen. So verhielt es sich bei Macedonio Fernández (der uns zu Borges führt). So verhält es sich mit Felisberto Hernández.

Das Leben eines Schriftstellers fern des Mainstreams ist in der Regel nicht zu beneiden. Talentiert, originell, von erfolgreicheren Schriftstellern bewundert und von der Öffentlichkeit ignoriert, plagen sie sich in ihrer Vergessenheit ab, sterben unbemerkt und gelangen, wenn sie Glück haben, durch Irrwege wieder in Druck.

Herman Melville ist vielleicht der berühmteste Nutznießer einer solchen Behandlung, die auch Nathanael West oder Henry Green widerfuhr.

Felisberto Hernández (1902 – 1964) hatte nicht so viel Glück. Er übte einen großen Einfluss auf Gabriel Garcia Márquez aus und wurde von Julio Cortázar und Italo Calvino bewundert, aber das brachte ihm nicht viel ein.

Hernández wurde in Uruguay geboren und verdiente seinen Lebensunterhalt am Klavier, spielte in Stummfilmkinos und Konzerthallen. Viermal war er verheiratet und jede seiner Frauen wurde es Leid, ihn durchzuziehen. Mit der gleichen Glücklosigkeit wie seine Ehen war seine literarische Arbeit behaftet. 1947 kam es zu seiner einzigen kommerziellen Veröffentlichung: Niemand zündet die Lampe an. Das verkaufte sich natürlich nicht. Erst 1983 erschien in Mexiko eine dreibändige Werkausgabe, und erst 1993 gab es eine englische Übersetzung (Piano Stories). Weil es aber die Öffentlichkeit immer noch nicht interessierte, verschwanden die Bücher wieder in der Versenkung. 2006 kam die deutsche Übersetzung, eine große Resonanz blieb freilich aus. In Amerika wurde eine Neuauflage 2008 gewagt, und wie es aussieht, mit dem bisher größten Erfolg.

Liest man die Geschichten, wird sofort klar, warum das gewöhnliche Lesevieh nichts damit anzufangen weiß. Es gibt wohl weder in Amerika (Nord wie Süd), noch in Europa etwas, mit dem sich diese Texte vergleichen lässt, meist von einem namenlosen Ich-Erzähler vorgetragen, besessen von an sich toten Dingen oder fremden Häusern. Die Geschichten verfolgen keinen anderen Zweck als das eigene Vergnügen, L’art pour l’art.

In dem Essay Falsche Erklärung meiner Geschichten sagt Hernández: “Meine Geschichten folgen keiner logischen Struktur. Selbst jenes Bewusstsein, das unentwegt über sie wacht, ist mir unbekannt.”

Das Setting der Geschichten ist in den meisten Fällen gespenstisch. Da gibt es geheimnisvolle Frauen, verfallene Häuser in einer isolierten und ritualisierten Atmosphäre, und trotzdem erfüllen sie niemals das plumpe Klischee einer Gespenstergeschichte, stehen der Dekadenz wesentlich näher als dem Spuk.

Die toten Dinge in den Geschichten sind meistens eben doch lebendig, zum Bersten gefüllt mit Blut und Begehren. Es ist genau dieser Umgang mit den Objekten, der Hernández so einzigartig macht. Die Struktur dieser Prosa folgt dem Empfinden eines Traumes. Nicht als bekäme man ihn erzählt, sondern als durchlebe man ihn selbst.

Die längere Erzählung Die Hortensien ist das unbestreitbare Meisterwerk der Kollektion, und wohl das stärkste Argument dafür, warum diese Sammlung in jede Bibliothek des Phantastischen gehört, ohne Ausnahme, ohne Ausrede.

Einerseits gespenstisch, andererseits pervers, steht ein verheiratetes Ehepaar im Vordergrund – vor allem aber die Sammlung lebensgroßer Puppen des Ehemanns, von denen eine ganz genauso aussieht wie seine Frau. Die Mischung aus Eifersucht, Morbidität, Schabernack und ungesundem Verhalten treibt die Geschichte an und erzeugt eine der stärksten surrealen Empfindungen, die beim Lesen überhaupt entstehen können.

Und auch wenn wenige der anderen Erzählungen eine solche emotionale Wirkung haben, sind sie für eine traumbewusste Leserschaft gedacht.

Der ekle Raum

Wir haben keine guten Schriftstseller, aber wir haben gute Übersetzer, und dafür sei jenen gedankt, die sich leidenschaftlich und ohne Aussicht auf Ruhm darum kümmern, dass hier literarisch überhaupt noch von einem Kulturland gesprochen werden kann. Das alles ist eigentlich kein handwerkliches Problem, sondern ein mentales. Vielleicht liegt meine unverwüstliche Ansicht aber auch daran, dass ich mich mit der deutschen Mentalität so gar nicht anfreunden kann. Meine zwei Versuche, auszuwandern (einmal nach Mexiko 1993 und einmal in die Schweiz 2005) sind ja an unterschiedlichen Dingen gescheitert. In der Schweiz verlor ich durch eine Scheidung mein Aufenthaltsrecht, in Mexiko lag das Unternehmen an umgerechnet zehntausend Mark, die mir für das Land, das ich kaufen wollte, noch fehlten. Puerto Angel an der Pazifikküste wäre meine Destination gewesen; zurück in Deutschland umfing mich mein altes bohemiales Leben, dem ich zu diesem Zeitpunkt nicht auskam. Ich siedelte im Blindflug ins Allgäu um, und bis auf das fünfjährige schweizer Erlebnis, bin ich seitdem umgeben von Bergen, Kühen und – betrachtet man die Lebensmittelskandale der Republik – gesundem und erstklassigem Essen. Aufregung liegt mir nicht mehr.

Stephen King: Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Es schien wie ein Uhrwerk zu laufen: Stephen King beendete den ersten Entwurf eines Romans, legte ihn zur Seite und schrieb dann eine Novelle. Als er fertig war, legte er sie in eine Schublade und reichte sie nie zur Veröffentlichung ein. Aber in den frühen 80er Jahren, als er sich von einem bloßen Autor zu einem Markennamen entwickelte, packte er vier davon in ein Buch namens “Frühling, Sommer, Herbst und Tod”. Es sollte eine kleine Abwechslung sein, ein Buch mit Nicht-Horror-Geschichten, die als Atempause gedacht waren, bevor er mit “Christine” wieder in den Horror abtauchte. Aber es geschah viel mehr als das. “Different Seasons” wurde Königs meistverkaufter Bestseller seit Jahren, brachte ihm den Vorwurf des Plagiats ein, lieferte den Hintergrund für zwei seiner bekanntesten Filme und überzeugte schließlich die Leserschaft, dass Stephen King in der Lage war, mehr als “nur Horror” zu schreiben.

King schreibt in der Regel zwei Entwürfe seiner Romane, dann eine Endfassung. Im ersten Entwurf erzählt er sich die Geschichte selbst, schlachtet sie dann aus und bringt sie zu Papier. Im zweiten Entwurf nimmt er “alles heraus, was nicht zur Geschichte gehört”, passt Motive und Charakterisierungen an, kürzt Abschweifungen und verfeinert. Normalerweise gibt er das Manuskript danach seinen ersten Lesern und nimmt ihre Ideen und Änderungen auf und schickt dann alles an seinen Herausgeber. Wenn er das Manuskript von seinem Redakteur zurückkommt, nimmt er dessen Notizen in eine letzte Politur auf, obwohl er sagt, dass sich diese letzte Politur seit der Umstellung auf das Schreiben am Computer eher wie ein völlig neuer dritter Entwurf anfühlt.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Entwurf lässt er das Buch sechs Wochen ruhen. In dieser Zeit schreibt er eine Novelle. “Es ist so, als ob ich nach der großen Arbeit noch genug Benzin im Tank hätte, um eine ziemlich vernünftige Novelle rauszuhauen,” sagte er einmal. Nach Brennen muss Salem schrieb er “Die Leiche”. Und nach der Fertigstellung des ersten Enwtwurfs zu Shining schrieb er “Der Musterschüler”. Nach der Korrektur von Das letzte Gefecht hatte er noch genug Saft übrig, um “Pin-up” hervorzubringen. Dabei dachte er kein einziges Mal daran, diese Stories auch zu veröffentlichen. Es gab einfach keinen Markt für Non-Horror-Novellen.

Als 1981 Kings fünfter Bestseller in Folge veröffentlicht wurde, begannen die Leute zu scherzen, dass er seine Wäscheliste veröffentlichen könnte, und sie würde ein Hit werden. “Nun”, dachte sich King angeblich, “ich habe keine Wäscheliste, aber ich habe einige Novellen …” Er wandte sich mit dieser Idee an Viking und die New American Library und sie waren dabei. Anfangs waren es jedoch nur drei Novellen. Da im Titel jedoch “Seasons” stand, sollten es laut Kings Verleger vier sein. Also fügte er noch “Atemtechnik” ein. Das Buch kam 1982 heraus und verkaufte sich im Hardcover wie warme Semmeln.

Die Anordnung der Geschichten ist dabei fast das genaue Gegenteil der Schreibreihenfolge und macht “Pin-Up” (Shawshank) zur ersten im Buch, obwohl sie die jüngste der Novellen war. 1982 gab es von King nichts auf dem Markt, das nicht in die Kategorie Horror fiel. Höchstwahrscheinlich war die Geschichte eines Gefängnisausbruchs ein Schock für seine Fans.

King wird gelegentlich mit Charles Dickens verglichen und nirgendwo sind die Parallelen deutlicher als in “Pin-up”. Sentimental und voller Hoffnung ist es ein Stück, in dem die Reichen Schweine sind und die Armen edel, gutherzig und unterdrückt. Erzählt von “Red” Ellis, der im Gefängnis von Shawshank wegen des Mordes an seiner Frau lebt, beginnt die Geschichte 1948 mit der Ankunft eines weiteren verurteilten Frauenmörders, Andy Dufresne. Er bittet Red, ihm zu helfen, ein paar Paraphenalien und ein Poster von Rita Hayworth zu bekommen. Jahre später, nachdem er mit dem frommen, sadistischen und zutiefst korrupten Aufseher in Konflikt geraten war, verschwindet Dufresne aus seiner Zelle. Weitere Untersuchungen zeigen, dass das Rita Hayworth-Plakat Teil eines jahrzehntelangen Fluchtplans war. Andy wird nie wieder eingefangen und lebt wohl den Rest seiner Tage im sonnigen Mexiko.

Hervorragend geschrieben, stets mitreißend, manchmal lustig, immer aber optimistisch und voller edler Gefühle, den menschlichen Geist betreffend, ist “Pin-up” heute als Film von 1994 mit Morgan Freeman und Tim Robbins mit dem Titel “Die Verurteilten” bekannt. Obwohl der Film an der Kinokasse floppte, wurde er für sieben Oscars und zwei Golden Globes nominiert. Er gilt bis heute als die beste King-Verfilmung überhaupt.

In einem Interview sagte King einmal: “Ich habe noch nie ein Kind getroffen, das ich für wirklich gemein hielt”, und seine Faszination für den Glanz und das Groteske der Kindheit zeigt sich in der großen Zahl seiner klassischen Figuren, die Kinder sind: Carrie White in Carrie, Mark Petrie in Brennen muss Salem, Danny Torrance in Shining, Charlie McGee in Feuerkind, Chris Chambers in “Die Leiche”, alle Kinder in Es, und so fort. Bei so vielen jungen Protagonisten in seinen Büchern ist es kein Wunder, dass sich so viele Menschen in ihrer frühen Jugend in Stephen King verlieben. Anders als viele andere Schriftsteller ist King stets fair mit Kindern umgegangen, indem er sich weigerte, sie zu bevormunden, aber auch, sie zu sentimentalisieren. “Der Musterschüler” fühlt sich demnach so untypisch für King an, dass es schwer zu glauben ist, dass die Geschichte vom selben Autor stammt.

Todd Bowden, ein dreizehnjähriger amerikanischer Junge, ist ein Holocaust-Liebhaber, der herausfindet, dass der ältere Arthur Denker, der gegenüber wohnt, ein flüchtiger Nazi-Kriegsverbrecher namens Kurt Dussander ist. Bowden erpresst Dussander, damit er ihm “all das gruselige Zeug” über den Holocaust erzählt, und beide werden langsam wahnsinnig, eingesperrt in einem psychosexuellen Totentanz, der Bowden verrückt macht und Dussanders Nazismus wiedererweckt. Hier wird alles geboten: Kätzchen, die in Öfen vergast werden, feuchte Träume über Nazi-Folter, bis hin zu mehrfachen Hammermorden an Obdachlosen.

Es ist nicht zu leugnen, dass die Geschichte originell ist, und sie ist ebenfalls eine unwiderstehliche Lektüre, aber es gibt auch etwas Fehlerhaftes und Einseitiges daran. Dussander ist ein gut ausgearbeiteter Charakter, ein schreckliches Monster, aber auch ein erbärmlicher alter Mann. Bowden jedoch bleibt ohne Hintergrund und Tiefe. Er ist nur ein rein amerikanischer Junge, bis ins Mark verrottet. Für Dussander empfindet man eine kleine Sympathie für seine begrenzten Mittel, seinen Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, seiner Schuld wegen seiner Verbrechen, aber Bowden ist nur ein Monster, das voll ausgebildet und soziopathisch ankommt, der schon so geboren wurde, mit keinen anderen Zielen als der Erfüllung seines eigenen sadistischen Appetits.

Mit der nächsten Geschichte geht es weiter, denn wenn King etwas geschrieben hat, das Teil des amerikanischen literarischen Kanons sein sollte, dann ist es wahrscheinlich “Die Leiche”, die uns eine wunderbar detaillierte Kehrseite der 1950er Jahre gibt, die mit einer Schar nostalgischer Rock ‘n’ Roll-Melodien punktet und von einem echten Gefühl von Wut und Verlust durchdrungen ist. King verbrachte seine Kindheit in den 50er Jahren, er wuchs in armen Verhältnissen auf und anstatt uns eine protzige Vision vom aufstrebenden Amerika zu zeigen, schreibt er über die Arbeitertypen, die beim großen Sprung nach vorne zurückgelassen wurden. Offensichtlich ist es die Geschichte von vier Jungen, die sich eines Nachts aufmachen, um die Leiche eines von einem Zug getöteten Kindes zu finden. Die Geschichte ist traurig, seltsam, lustig, eindringlich und mit der gerechten Wut über die Erniedrigungen durch Armut angereichert, dass sich von ihr ausgehend ein Schatten auf die anderen drei Geschichten in dieser Sammlung wirft.

“Die Leiche” basiert auf zwei Ereignissen aus Kings Kindheit, und er erinnerte sich nur an das erste, weil er von anderen Menschen davon erzählt bekam. Eines Tages, als er vier Jahre alt war, kam er blass und schockiert nach Hause. Seine Mutter konnte ihn nicht dazu bringen, ihr zu erzählen, was passiert war, aber nachdem sie sich erkundigt hatte, fand sie heraus, dass er gesehen hatte, wie sein Freund von einem Güterzug erfasst und getötet wurde, während sie spielten. Obwohl er keine Erinnerung an den Vorfall hat, scheint das Ereignis für King entscheidend zu sein, und er hat in Interviews oft darüber gesprochen. Weniger bekannt ist der zweite Vorfall. Als King etwas älter war und in Durham, Maine, lebte, kam sein Freund Chris Chesley eines Tages vorbei und fragte: “Willst du eine Leiche sehen?” King, ein weiterer Freund, und Chesley machten sich auf den Weg nach Runaround Pond, wo gerade eine ertrunkene Bootsfahrerin aus dem Wasser gezogen worden war. “Sie hatten die Leiche noch nicht bedeckt”, erinnerte sich Chesley. “Es war eine lehrreiche Erfahrung für uns alle. Es war kein schöner Anblick.”

Aber es gibt eine dritte, noch wichtigere Quelle für “Die Leiche”. Die Novelle ist Kings altem College-Freund und Mitbewohner, George McLeod, gewidmet, was ein unbeabsichtigter Akt der Grausamkeit sein kann. Eines Tages, als King in Orono lebte, fragte er McLeod, woran er arbeitete. McLeod beschrieb eine Kurzgeschichte, die er aufgrund eines Vorfalls aus seiner Kindheit schrieb, in der er und seine Freunde entlang der Eisenbahnschienen aufgebrochen waren, um die Leiche eines toten Hundes zu sehen. McLeods Geschichte enthielt alle Vorfälle, die später in Kings Novelle auftauchten, aber McLeod hat sie nie fertig geschrieben. Als er seine unvollendete Geschichte Jahre später als “Die Leiche” erscheinen sah, beschloss er, das Ganze auf sich beruhen zu lassen. Aber als die Verfilmung “Stand By Me” herauskam, sah McLeod einen TV-Spot dafür und beschloss, King zu kontaktieren. Er bat um seinen Namen für den Film und um einen Teil des Geldes. King lehnte ab und ihre jahrzehntelange Freundschaft ging zu Ende.

Dieser Vorfall wird in “Haunted Heart” von Lisa Rogak, einer nicht autorisierten Biographie über Stephen King, erzählt. Rogak zitiert McLeod und ein paar andere Freunde von King, die ähnliche Vorfälle berichten. “Wenn er sich in der Nähe von etwas befindet, wird er es wie einen Schwamm aufsaugen”, sagt McLeod. “Es ist seine Stärke und natürlich auch seine Schwäche.” Wenn dieser Bericht wahr ist, macht er das Motto des Erzählclubs in “Atemtechnik”, der letzten Geschichte, noch brutaler: Die Geschichte zählt, nicht der, der sie erzählt.

Atemtechnik entstand kurz nach Cujo, um die Sammlung abzurunden, und es handelt sich dabei um eine klassische Geistergeschichte. Sie ist eine von zwei Werken Kings, die in einem privaten Manhattan-Club in der 249B East 35th Street angesiedelt sind. Dort treffen sich alte Männer, um sich Geschichten zu erzählen (die andere ist “Der Mann, der niemandem die Hand geben wollte” in der Sammlung “Blut”).

Das Clubgebäude enthält eine unendliche Anzahl von Zimmern und Gängen, einen mysteriösen Butler namens Stevens, dessen Ursprünge von düsteren Andeutungen und dunklem Getuschel verhüllt sind. Dort versammeln sich alte Männer, spielen Billard, lesen Bücher und erzählen sich gelegentlich Geschichten. “Atemtechnik” spielt zur Weihnachtszeit, einer traditionellen Zeit für Geistergeschichten, und betrifft einen Geburtshelfer und seine Patientin, die entschlossen ist, zu gebären, egal was mit ihr geschieht. So belanglos es sich auch anhört, “Atemtechnik” ist ein lustiges, atmosphärisches Beispiel dafür, wie King sich an einer eher traditionellen Horrorgeschichte versucht und sie aus dem Feld schlägt.

“Frühling, Sommer, Herbst und Tod” enthält eine witzige, aber leichte Geschichte (Atemtechnik), eine ehrgeizige, aber fehlerhafte Geschichte (Der Musterschüler), eine gut geschriebene Geschichte, die sich im Mittelfeld ansiedelt (Pin-up) und einen echten Klassiker (Die Leiche). Die Sammlung kam an einem Punkt in seiner Karriere, als King es leid war, “nur” als Horrorautor etikettiert zu werden, zu einer Zeit, als er beweisen wollte, dass er anders war als die grauenhaften Legionen des Horror-Massenmarktes mit ihren schrillen Covern. Das Buch markierte die Lücke zwischen Cujo und Christine, als Kings Rockstar-Verhalten ein wenig außer Kontrolle geriet und seine Sucht dabei völlig ausbrach. Und damit lieferte er den Bewies, dass er wirklich ein origineller und talentierter Schriftsteller war, jederzeit in der Lage, unterhaltsame Bücher zu schreiben, egal um welches Thema es sich handelte.

Julio Cortázar – Erzählungen

Julio Cortázar war einer der Begründer dessen, was als Lateinamerikanischer Boom bekannt wurde. Ein Romanschriftsteller, Dichter, Dramatiker und Essayist war er, aber – und das ist das Wesentliche seiner Arbeit – vor allem ein fleißiger Erzähler von Kurzgeschichten. Er begann seine Arbeit unter dem Einfluß des Surrealismus. Seine phantastischen Erzählungen beginnen meistens mit einem gewöhnlichen Setting, in das unerwartet das Fremde, Seltsame einbricht. Seine Tätigkeit als Übersetzer, inklusive der Erzählungen Poes, beeinflussten sein Schaffen ebenfalls.

Viele phantastische Geschichten kommen um eine thematische Ähnlichkeit nicht herum. Es scheint oft so, als stünden sie in Beziehung zueinander, wären verbrüdert und verbunden durch eine Röhre. Viele solcher Geschichten haben gemeinsame Einflüsse wie Arthur Machen oder H.P. Lovecraft, während andere unheimliche Elemente benutzen um zeitgenössische Stimmungen einzufangen. Manchmal sind diese Verbindungen offenkundig, in anderen Fällen braucht es mehrmaliges Lesen, bevor sie verstanden werden. Das ist der Fall bei Julio Cortázar.

Nehmen wir das Beispiel ‘Axolotl’ und daraus den ersten Absatz, der die Transformation vorwegnimmt:

“Es gab eine Zeit, in der ich viel an die Axolotl dachte. Ich besuchte sie im Aquarium des Jardin des Plants und brachte Stunden in ihrer Betrachtung, der Betrachtung ihrer Unbeweglichkeit, ihrer dunklen Bewegung zu. Jetzt bin ich ein Axolotl.”

Der Schlüssel an dieser Stelle ist nicht die ausgesprochene Transformation, sondern die Beobachtung und das andächtige  Schauen. Man kann die Geschichte als eine Absonderung und einen symbolischen Abstieg in einen schizophrenen Zustand lesen, vor allem durch die Schlusssätze, in denen Cortàzar das erzählerische “uns” (Axolotl) mit dem menschlichen “ihn” (der Mensch) vertauscht.

Am Anfang der Geschichte geht der Erzähler angefangen von der Faszination dieser Amphibien im Larvenstadium dazu über, mehr und mehr Informationen über sie zu sammeln. Tag für Tag besucht er sie im Jardin des Plantes.

“Ich stützte mich auf die eiserne Stange, die die Aquarien einfasst, und widmete mich ihrer Betrachtung. Daran ist nichts Besonderes, denn ich hatte vom ersten Augenblick an begriffen, dass wir miteinander in Verbindung standen, dass etwas wenn auch grenzenlos Verlorenes und Fernes uns offenbar vereinte.”

Hinter dem Gefühl der Obsession lauert etwas anderes. Es ist die Schärfe der Selbstidentifikation mit etwas Fremden. Im Laufe der Geschichte beginnt sie mit wiederholten Verweisen auf ihr Ursprungsland Mexiko, zurück zu den Azteken, die über das Land herrschten, bevor die Spanier kamen, Formen anzunehmen. Der Erzähler scheint verrückt zu sein, zumindest könnte man die Erzählung so deuten. Und doch könnte das alles auch eine Metapher sein für die Faszination für eine fremde Kultur, die soweit geht, komplett in sie eintauchen zu wollen, und zwar soweit, dass sie mit der ursprünglich eigenen Kultur getauscht wird. Dieses Gefühl fremder Akkulturation taucht in vielen Geschichten und Romanen Cortázars auf. Emigranten in surrealistsichen Geschichten, wie in seinem brillanten und epochemachenden Roman “Rayuela”.

In seinen Geschichten verwendet Cortázar das Unerklärliche, um die Wirren des Lebens zu erforschen. In “Das besetzte Haus”. Die alternden Geschwister, die in Abgeschiedenheit im Haus ihrer Großeltern leben, spüren, dass etwas in ihren abgeschlossenen Lebensraum eindringt und sie dazu zwingt, das Haus zu verlassen. Es ist ein langsames, schleichendes Grauen, das durch die Erzählung sickert.

“Südliche Autobahn” ist weniger eindeutig. Die Erzählung beginnt mit einem endlosen Stau im kafkaesken Stil. Die im Stau steckenden versuchen, sich irgendwie zu beschäftigen. Einige schlafen miteinander, andere versuchen, sich soweit wie möglich von allem und jedem zu entfernen. Beide Erzählungen ähneln “Axolotl”, indem sie von eindeutiger Realität in seltsame, surreale Landschaften hineinrutschen. was real ist und was Ausgeburt der Phantasie, verschmilzt unentwirrbar miteinander, wird zu einer halluzinatorischen Einheit.

In den “Hüpf- und Sprungszenen” seines grandiosen Anti-Romans “Rayuela” zeichnet Cortázar das Leben eines argentinischen Emigranten in Paris und seine Suche nach seiner einstigen Geliebten Maga. Auch hier kommt es zum Zusammenprall der Kulturen, zu einer verschwommenen Linie zwischen Halluzination und Realität. In Horacio Oliveira erkennen wir den fast wahnsinnigen Erzähler aus “Axolotl”. Sein Taumel durch Paris und Buenos Aires, auf der Suche nach Maga, kann ebenso für die Suche nach einer schwer fassbaren Realität stehen. Die Anti-Struktur des Romans dient dazu, das Gefühl des Halluzinatorischen der Suche zu verstärken. Da gibt es Momente der stillen Bedrohung, ähnlich der des “besetzten Hauses”; und dann sind da die Momente, in denen Oliveiras Suche Quixotische Züge annimmt.

Im Laufe seiner 35 Jahre währenden Karriere als Schriftsteller hinterließ Cortázar eines der mächtigsten und unvergesslichsten Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts unter Verwendung des Surrealismus, des Kulturkrachs, Selbstidentität und der Frage, wo Realität endet und Halluzination beginnt. Seine instabilen, aber schmerzhaft aufmerksamen Erzählerfiguren erlaubten ihm, durch das Unerklärliche Aussagen über das heutige Leben zu machen, wie es ein ‘Realismus’ niemals zu Wege bringen kann. Cortázar taucht tief in die Psyche seiner Protagonisten und offenbart dadurch beunruhigende Wahrheiten darüber, wie wir die verrückte Welt um uns herum wahrnehmen. Manchmal wird das durch den Verlust der Identität und der Trennung von unserer Vergangenheit ausgedrückt wie in “Axolotl” oder “Das besetzte Haus”.

Das Unheimliche dient Cortázar als Kanal und seine Geschichten funktionieren auf mehreren Ebenen. Es ist beinahe unmöglich, diese unglaubliche Nuanciertheit bei einem ersten Lesedurchgang zu erfassen und er ist einer jener wenigen Autoren, die man wieder und wieder mit Genuss lesen wird.

Ceviche

Ceviche ist ein rohes Fischgericht, das hauptsächlich in Peru gegessen wird. Natürlich hat heute auch jede europäische Metropole ihre Cevicheria, in Kempten werde ich wohl der einzige sein, der das zubereitet. Das Problem sind natürlich die Limetten; Europäische funktionieren nicht, weil sie ein anderes Säureverhältnis haben als die Latein- oder Südamerikanischen. Das aber kann Kempten leisten. Der Markt, ein Statussymbol der Stadt, bringt nicht nur die besten kulinarischen Besonderheiten der Region auf den Tisch, sondern auch frische, mediterrane Obst-und Gemüsesorten. Zum Beispiel gibt es hier zwei Studenten, die wöchentlich im Wechsel die lange Reise nach Sizilien anzutreten. Ihr Stand ist beliebt, ihre Ware für hiesige Verhältnisse einzigartig.

Die Limetten habe ich vom Bodensee-Obststand – bekanntermaßen das beste Obst, das man in Deutschland bekommen kann; die Limetten hat er aus Mexiko. Das Ceviche wird also gelingen. Zwar sind es keine Chulucanas aus Peru, aber dennoch wesentlich besser als die europäischen. Natürlich müssen frische Chillischoten rein, aber auch nicht irgendwelche; Aji gibt es hier nicht in Reinform, da ich hier noch keinen Glockenchilli gesehen habe. Die Schoten werden mit Oliven, Koriander, Zwiebeln und Knoblauch gemörsert. Man kann aber ein als-ob herstellen, muss man ja eh fast im ganzen Leben.

Octavio Paz: Das fünfarmige Delta

Meine Schritte in dieser Straße
Hallen wider
In einer anderen Straße
Wo
Ich meine Schritte
Durch diese Straße gehen höre
Wo
Nur der Nebel wirklich ist.

– Octavio Paz

Octavio Paz führte eine von Walt Whitman über Ezra Pound und Pablo Neruda bearbeitete Tradition der Moderne produktiv fort: die des hymnischen Gedichts, Anrufung des Lebens, Evokation des erfüllten Augenblicks.

Das Gedicht wird zu einer „Folge intensiver Momente, die nicht so sehr durch das Erzählte verbunden werden als vielmehr durch das Schweigen, die Auslassungen.” In “Das fünfarmige Delta”, das als sein lyrisches Vermächtnis betrachtet werden kann, finden sich die fünf langen Poeme, die durch ihre schiere Schönheit den Atem stocken lassen. Octavio Paz hat nicht wenig Einfluss auf mein eigenes lyrisches Schaffen gehabt, mehr noch als der große Mallarmé. Selbstverständlich: auch er atmete das große Paris und fand den Geist des Surrealismus dort. Als ich 1993 in Mexiko lebte, dem Land, der diesen poetischen Menschen heranwachsen ließ, wurde auch ich gepackt von dieser nimmermüden Sonne, die sich, wenn sie sich mit einer Pariser Intellektualität paart, zu einem unlöschbaren Fieber entwickelt. Und immer hat man das Gefühl, man humpelt der Fülle hinterher.

Und mein Denken, das galoppiert und galoppiert und kommt nicht vom Fleck…
es erhebt sich wieder
und stürzt sich erneut in die stockenden Wasser der Sprache…