Das pataphysische Problem

dieser endgültigen Welt schien man ausgeliefert zu sein, dieser ein-für-allemal-Unbeständigkeit, diesem Hervorbrechen der Ungewißheit, des steten Wandels, Gylfaginning nennt es die Edda, χάος nannten es die Griechen in ihrer alten Sprache, die heute nur noch ein leeres Gefäß ist und an die Zeit der humanistischen Bildung erinnert, an Schulpforta, dem Gotischen Haus, dem Neugotischen Haus und dem einstigen Kälberstall, in dieser Welt ruhst du nun aus, oh mein Haupt, tat tvam asi, schaust der endgültigen Welt etwas in die umherschweifenden, das heißt: irren Augen, und freust dich, labst dich am Bach dort an der Mutterbrust, eine Weile zumindest, bis du groß und stark wie eine vollgesogene Zecke von alleine abfällst, du findest darin Calcium, Makrophagen, Wasser, Spurenelemente, Lipasen, Phosphor und Kohlehydrate, das ist mehr als dich später erwartet, wenn die H-Milch erfunden sein wird
(das pataphysische Problem)
wir wissen genau was drin ist; solange wir daran lutschen, haben wir keine Worte dafür, sobald wir die Worte gefunden haben, verschwinden im gleichen Atemzug die Geschmacksknospen für das, was wir schmeckend ausdrücken wollen

Die Mondmacher (Reprise)

Promethisches Geschöpf (ich) Feuer=Mit=Stehler (auch) hermetischer Mit=Rinderdieb, Originalsünder, fleischlustiger Innen­schenkel=Zwicker Ziffer nicht Zahl (sifr) die Form einer geschlos­senen Muschel bei den Maya, Sunya der Inder Zephirum die Null (universelle Gebärmutter) meine Einkaufszeit die ich immer sehr fürchte lege ich sehr früh in den Morgen, stürze ins Geschäft hetz­te durch die Straßen der Verpackungen der frisch zu kaufenden Müllhalde mit wohldosierten Industrieabfällen zumbeispiel men­schenzurechtgemachte Milch ihr gekalbten Kälber kalbt (yo) Kälber kalbt (schon Kuh noch Kalb?) spurte schleunigst wieder hin­aus in einer Seitengasse verschnaufen / Au reboirs : würde mit ei­ner Kutsche anfahren wollen Flaubert besuchen (oder Emma) ma­laise mystérieux in einer Kutsche mit Bang & Olufson CD=Wechs­ler darin Scriabin-Sonaten ein roter Zylinder der auf den Kopf passt Handschuhe schneeweiß wie manche Schwäne singen Fleischkugeln in einer Muskat=Brandy Beize (Liebe & Traum : die beiden bedeutendsten ästhetischen Phänomene) noch zu besor­gen : Dahlien Typ Mystery Day, einen Olivenbaum. Jene runden Türme sind entdeckt in welchen der Vollmond Mondnatt für Mondnatt gegossen wird mit einem großen Katapult in den Himmel geschossen (geworfen) die Mondmacher am Werk, ihre chy­mische (Hochzeit) Mixtur der Mond erkaltet unter der Erde wird fest in den Tiefen Basalt und Eisen. Wollt ihr, ja oder nein, alles aufs Spiel setzen, einzig und allein um der Freude willen, tief unten am Grun­de des Schmelztiegels, in den wir unsere armselige bürgerliche Bequemlich­keit, den Rest unseres guten Rufs, unsere Zweifel, das radikale Bewusstsein unserer Ohnmacht, die Albernheiten unserer angeblichen Pflichten, kunterbunt mitsamt den feinen, zarten, zerbrechlichen Gläsern werfen wollen, jenes Licht aufleuchten zu sehen, das nie mehr verlöschen wird ? / Breton ich habe heute Nacht eine Muschel gefunden, in der Gespräche aufgezeichnet wurden, die man vor 17 Millionen Jahren in einer Höhle führte und festgestellt, dass dies nicht nur sehr verblüffend ist, sondern dass die Kommunikation auf Poesie beruht den Weg weiter runter legt sich zur rechten Seite eine Um­friedung in die Landschaft, in der sich ein öffentliches Bad befin­det, eine Installation die Mädchen hüpfen nach dem Volley sandig und Pärchen beugen sich übereinander da am Zaun die Menschen die aus dem Wasser stammen dort steckt die Erinnerung dort vi­sionierte ich.

Iden

Tags, vor mir : 1 Gutschein für eine Allgäuer BrauerMahlzeit, ein­malig für das ausgewiesene Tagesgericht & ein kleines Allgäuer Brauhaus Bier zum Jubiläumspreis von 6 Euro. Wenn man hingeht, gerät man in eine Schnellküche, in einen Bauernaufstand des Brot­es, der Gerste. Lange dauern Worte, wie lange können sie blei­ben ? haben sie Malsachen dabei ? einen Schlafanzug ? Die Stimmung ein Brüten. Sehr gerne würde ich mir begegnen wollen, zu­fällig natürlich, straß=ecks, dunkeltrüb (eine sich verjüngende Gasse zweigt ab.)
Borges ist sich begegnet in los libros y las noches von 1999. Der Film steckt mir im Videorekorder, der noch bei meinem Gerümpel in der Schweiz liegt, die Hülle habe ich hier, im Keller, im Restezu­ber. Beinahe wäre ich nach Buenos Aires gegangen, aber das hätte mir genauso wenig eingebracht wie damals Mexiko. Oder Paz’ Su­che nach einer Mitte, die schwer zu finden, schwer zu halten ist. Im Grunde habe ich es versucht, sage ich mir. Ich bin daran interessiert, mich aufzulösen, mich hinfortzuschwingen, aber nirgendwo steht der Horst.
Als es noch die Erde gab und nicht das Produkt der Kunst (Kunst­produkt und Kunstwerk sind nicht identisch) als vor 6333 Jahren die letzten Traktoren in den Scheunen standen, ihnen stellt man nicht einfach Milch hin, damit sie zu schnurren begin­nen, da ge­schah dies : süßes Geflecht deiner äußeren Rinde / vom Mond beschienen Tannin / die lockere Hand fällt der Rebe zum Trotz wurzelwärts. Von der Durach ins Schwarze Meer über Wei­dach – Iller – Donau, diesen Weg gingen wir heute nicht, die alten Traktoren wurden gebaut als es noch Land gab, sie sind ähnlich wie das Pferd an den Kräutern interessiert.

Meningu Plus (oder Forte)

Im Stadium einer wunderbaren gemeinsamen Grippeinfektion, die wir seit nahezu einer Woche auf unserer Couch-Garnitur in Kesel1 wälzen, ergab sich des Nächtens bei einer Tasse warmer Milch (mit Honig) und einem kleinen Kübel Hafer die Frage nach den Symptomen. Ich selbst hatte die Muskelzuckungen eines Affen, der an eine elektrische Leitung angeschlossen wurde, zu beklagen, während das Weibchen Blitze sah, wo nur ein Feuerzeug entflammte. Die Neuronen waren von Viren aus der Hölle befallen! Da konnte es keinen Zweifel geben! Das Wort Meningitis tobte im Mund, und seine Steigerung: Spinale Meningitis.
Zur Behebung forderten wir Meningu Plus oder Meningu Forte – und (bei der spinalen Variante) Meningu Akut.

Sterntaler

Der Knecht auf dem Boden : schraubt mit der rechten Hand am Traktor herum, seine linke hält den klobigen Becher zu ihr hoch, würdigt sie keines Blickes, wie sie die Kanne schwenkt, um die Butter wieder unter die frische Milch hüpfen zu lassen. Keines Blickes, bis sie die Milch über den Rand der Kanne, am hingehaltenen Becher vorbei zwischen seine Hosenbeine schwappen läßt. Ssch. Und er dann hochschaut, den Becher senkt, dann hochschaut, überrascht, ihr völlig dämliches Gesicht ganz rot. Sie schielt und ihre Zähne stehen vor wie ein Schwellenreißer, den eine Zunge anhebt, die im Saft geschlafen hat. Unverändert steht sie da, die Kanne zum nächsten Guss bereit, leicht schief, und leckt sich die Werkzeuge : »Kannst’u nicht aufpassen!«

Da hockt er sich hin und streift mit der Hand die Flüssigkeit, die sich nicht mehr wegstreifen läßt, und es sieht aus, als wäre der Fleck nicht von außen, sondern von innen entstanden. Sie ist ganz in der Ruhe, überlegt, ob sie noch einen Schwenk dazu nutzen soll, ihm begreiflich zu machen, daß es kein Versehen war. Sie hätte einen Topf auch von einem Dach aus treffen können, bei diesem ständigen Umgang mit den Dingen, die ihr aufgetragen, eingeschrieben waren.

»Du mußt die Hose ausziehen.«, nuschelt sie.

»Ich kann nicht, wir müssen fort von hier und der Fendt ist unsere einzige Mö-Möglichkeit. Ich muß ihn reparieren, die Bauersleut’ verwesen schon, die Fliegen kommen!«

Das Dorf unter der Totendecke der Rabentiere.

Der Wanderer wäre gerne noch einmal zum Hof zurückgegangen, die nun aufgehängte Magda anschauen, ihre Füße, die in der dreckigen Milch baumeln, die Milch voller Fliegenlarven, das Zweifeuerhaus aus Holz, Lehm und Roggenstroh, die Erde öffnet den Mund für die Kälberspeise, die neben den Eimer leert, dem Euter mit einem Schmatzen entwunden von Händen, die sich nachts selbst betitten oder den Knecht im Stroh, schnaufend die Fliegen aus der Schweißpfütze im Gesicht wedeln. Eine platzt an ihrer Stirn. Auf den Wiesen reiten sie mit Rindviechern, tanzen den Hummeltanz.

»Leck die Milch aus meiner Dose!«

Und Brann fällt auf die Knie.

»Du mußt die da erst reinschütten, du Dummbartel!«

Brann glotzt sie kurz an, erhebt sich dann wieder und hastet zum Bottich mit der Milch. Magda legt sich derweil Stroh unter den Hintern, hebt Schürze und Rock und probiert mit zwei Fingern ihre Spannweite. Brann läßt den ersten Eimer, den er aus der Milch zieht, fallen, und flucht, den zweiten hat er sicher. Vor ihrem hochgelupften Unterleib bleibt er stehen und grunzt, starrt ihr aufgerissenes, haariges Loch an und schüttet ihr dann den ganzen Eimer darüber. Magdas Beine fahren im Reflex zusammen, sie springt auf, keucht Worte hervor, die er nicht kennt. Die Idylle endet abrupt, als die Fänger den Hof erreichen. Die Stadt wuchert am anderen Ufer entlang, zieht sich in die Länge wie ein Lindwurm. Dort verstecken sich die apokalyptischen Fänger, die Flure bereinigen, Blut trinken vor den toten Augen der Entleibten. Sie braten sich Lebern und johlen, daß nun alles ihnen gehöre. Sie mußten einst in den U-Bahn-Schächten hausen: vorbei. Sie mußten sich unter die Erde stehlen, aber jetzt, jetzt sind sie zurückgekehrt an die Oberfläche. Die Bomben der Sieger zerfetzen das Fleisch.

»Es ist wie im Krieg!«

»Es ist Krieg!«, sagt der Wanderer. Also nicht die Treppe.

»Wir sollten gehen!« Sie wie ein Flageolett.

»Wir können die Treppe nicht betreten, ohne durch den Einschusskorridor gesehen zu werden. Wenn sie uns erwischen, trinken sie uns aus!«

Das ist Dunkelheit, Nachtwüste oder Ruinenlicht. Die nächste Detonation, aber nicht hier. Beim Einfall der Dänen schnitten sich die Töchter der Engländer die Nasen ab, um durch diese Entstellung ihre Keuschheit vor dem Ungestüm der Soldateska zu retten. Aber das will sie nicht. Sie sieht auf ihre zerschlagene Uhr, überlegt, wie sie überleben soll, aber sie wird, sonst gäbe es den Wanderer nicht. Ihr Gesicht ist die Erde, als sie noch Scheibe war, Vulkannüstern, Augenozean. Schon müde, der erste Fisch kriecht an Land, denkt : Ich bin, also bin ich.

Es gibt Menschen in Hülle und Fülle, aber keine Nahrungsmittel. Die Fänger vor der Fabrik pressen plärrende Trauben aus, Maische in den Gassen zahnskulpturener Bauwerke, Trester in Gruben, die Hitze nimmt zu, es ist Nacht. Das ist bereits der Wahn in ihr. Wer erben will, muß den Leichnam aufessen. Von der Herde, die du verfolgst, bist Du ein Teil. Die Straßen tragen Regenschirme, die Dunkelheit bedeckt ihr Gesicht. Die Häuser sind des Wanderers eigene Organe, die Gassen wachsen wie sein Haar aus ihm heraus, verschwinden in perlenden Knoten. Hinter den Türen lauern die Verheißungen des Unbekannten, diese einzigen Sehnsüchte. Öffnet man sie unbedacht, bekommt das Düster eine Gestalt wie im Märchen, dem schönen Alptraum. Der Herd, die Sterntaler, ein erfrorener Hund. Mit Zauberhänden. Der Atem duftet nach Orangenpastillen. Nachtfahrt durch die Katakomben-Haut; stillgelegte Gleise begleiten das unstete Flackern der Lider, biegen sich hin zu verräterischen Horizonten, verschwinden im somnambulen Getümmel aus Stahl, Glas, erschrecklichen Gebärden, die Uhren ohne Takt, digitale Lieder ohne Seele kakophonieren in die Ferne, langsamer als das schwache Licht der reglementierenden Ampeln. Nachtstaub. Augen ein willkommener Gruß, das mutierte Erzeugnis des blinden Flecks. Dreidimensionale Augen, hintendran ein Batzen grauer Verbindungen, ein Knäuel, das fettig schmeckt.

Wenn meine Träume unerträglich für sie wurden, sprach sie in der Dunkelheit auf mich ein, anstatt wegzulaufen. Ich vernahm das Stimmengewirr der Toten, unter das sich ihre helle Stimme mischte, die durch den gewaltigen Ton der Angst mich an meine Verantwortung erinnerte, die ich für sie habe, und so erwachte ich, ohne jedoch die Trugbilder abwenden zu können. Alle Schatten verwandelten sich in kriechende Erinnerungen, in totgeschlagene Fingerzeige im Embryonenstadium. Nichts wäre mir willkommener gewesen, als alle Tage lang zu schweigen. Ich bedaure zutiefst, was ich bin – jetzt führe ich sie an den Ort, an dem ich das wurde, was sie liebte und fürchtete zu gleichen Teilen. Ich führe sie an den magnetischen Mittelpunkt der bizarren Kleinigkeiten, die wie in einem Museum darauf warten, betrachtet zu werden, bewegungsunfähig, an sich unsichtbar. Nur Reize und Impulse, nur bestätigt durch unsere Beobachtung erfüllen wir die Leere, die uns ein Spiegel ist. Ich werfe ihr Blicke zu, während ich das Dorf in der Halbtotalen betrachte. Nichts hat sich verändert : Leere, die damit beschäftigt ist, nicht zu existieren. Genauso wenig wie du, die ich hier dennoch zu finden hoffe, damit ich euch beide verschmelzen lassen kann.

Das Dorf der Aussätzigen und Leprakranken, die alle Fragen beantworten können und die jedes Geheimnis wissen. Sie sind unheimlich anzuschauen und schwanken wie Bojen in Kapuzen auf dem Meer. Sie wissen alles, doch sie sind krank und verrückt und verlangen ein Opfer als Bezahlung.

Ödmarken der Dunkelheit

Die Städte sind Wunden, eine ist so gut wie die andere. Sie bluten nicht, sie verwesen. Niemand ist imstande, sich vor den Fängern zu schützen. Der Geruch ist unbeschreiblich.

Aus den Trümmern herauslugen : rechts eine Anhäufung aus Staub, sieht aus wie Vogelsand, darin winden sich noch Mauerreste, die Straße ist nur eine zerhackte, schwärende Schlange, vor langem schon gestorben. Sie stutzt, verzögert den Schritt, sieht ihn aber nicht im Schatten des Mauerwerks stehen.

Der Wanderer versucht, leise zu sein. In dieser Welt ist alles still, wenn es nicht gleich tost. Er kommt einen Schritt aus der zerfetzten Häuserecke heraus, hellblau ihr Kleid, ihre Schürze vielleicht weiß, alt, wie gefunden, von den Toten gespendet, ihre honigblonden Haare drängeln sich in ihr Gesicht. Sie entledigen sich von selbst dem Zopfband (nicht zuverlässig gebunden, die Eile …)

Sie stutzt erneut, bleibt vorsichtig aus gutem Grund.

Von Ferne : Rufen. Ein weiteres Haus stürzt ein.

Sie tauchen nebeneinander in die Gasse, der Himmel ein grässlicher Ozean, aufgesperrter Schlund mit Zähnen, Schilder quietschen, rostige Rinnsale öden aus geplatzten Leitungen, Reste.

Wir sehen die Gespenster nicht, weil unser Überleben nicht davon abhängt, sie zu sehen. Außerhalb unserer Subjektivität spielt die Welt ihr eigenes Spiel, wahrgenommen nur von wenigen, die es sich leisten können, die Welt zu erfahren, wie sie unabhängig von unserer Naivität existiert.

Er hilft ihr mit dem Kleid, die Strümpfe schön dreckig, um sie herum weitläufiges Dunkel. Wir träumen die Welt, sie ist so flüssig; denken uns Schulen im Schlick. Das Land erkriechen, vor Räubern fliehen, sich paaren, Nahrung suchen. Nichts hat sich verändert, nur der Ozean will uns nicht zurück. Wir tun uns zusammen zu Familien, die eigene Urzellenbrut.

Dort, wo er sie verließ, wie die Blumen das Meer nicht berühren, schob er sich während des Schlafes über die nachtgrünen Wiesen, eine sanftblaue Stille verdeckte den Rand des Waldes. Er schwebte über die Telefonmasten hinweg, sah das Hängemanöver der Leitungen, die Drähte randvoll mit Stimmen, Bescheidsagungen, manchmaligem Schweigen, nur Atmen. Er geht ihr nach durch eine Sonnenscharte. Hier ist alles eingerissen, ein wimmernder Mund unter Fäulnis begraben. Er breitet aus, was er hat, eingewickelt in ein windiges Tuch : Margarine, etwas ranzig an den Seiten, aber auf einem Butterbrotpapier, Kipf Brot; wenn man die Rinde wegschneidet, eßbar; ohne Schimmel, aber hart, in Kornkaffee eingelegt : lecker; paar Gläser Jagdwurst und Schweinskopfsülze, eingemacht für die Ewigkeit, die sie ja jetzt gerade zu erdulden haben. Die Nacht zittert, die Metallblanken werfen Mond.

Der Wanderer sah sich immer gern die alten Filme an : Tarantula, Westworld. Diese Frisuren und Farben und alle rauchen. Gemessen an den Sternen sind wir nichts, aber Sterne sind wir ja selbst. Unsere Umlaufbahn ist das Verderben. Er träumte die Seele über die Dächer, über die Masten der Telefonleitungen, ein Glaspalast der schlafende Körper, der weiß, daß sein Erbauer schläft. Sie schluckt einen schweren Brocken Sulz, wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab.

Das ist nur ein Spiel, eine Theateraufführung. Leben bedeutet, in eine fremdartige Geisteskammer einzudringen, deren Fußboden das Spielbrett ist, auf dem wir ein unvermeidliches, unbekanntes Spiel gegen einen wechselnden und bisweilen grauenerregenden Gegner spielen. Von einem schlimmen Regen in einen schlimmen Sonnenschein, in der Wüste der Durst, im Bett die Wanzen, in der Stadt der Beton, alles, was wir einäschern, neu bauen.

Es gibt sie, diese merkwürdigen Orte, Ödmarken der Dunkelheit und der Kälte, die wie ein fauliges Geschwür unvermittelt in einer Landschaft auftauchen, dieser alles von ihrer Schönheit rauben. Starke Bilder, das sind wiederkehrende Bilder, Wiederholung liegt in der Natur, ohne daß sich das Wiederholte jemals gleicht.

In der Symbolik der Mythen ist die Einheit sowie die Wiederholung enthalten. Wir müssen also alles durchspielen können, aber das gelingt uns nicht, uns fehlt die Zeit. Nach dem Hunger, dem Durst, dem Dach über dem Kopf: die Suche nach dem Tod.

Die Luft tobt, Schall bricht sich. Sie beleckt das Butterbrotpapier unbeeindruckt.

Ich habe dich gesehen, auf dem Bauernhof heute morgen. Du bist gegangen, als ich ankam. Wo wärst du hingegangen, wenn ich dich nicht aufgehalten hätte?

Ich wäre gelaufen, soweit es eben geht. Blut schmeckt manchmal besser als Wasser, es schmeckt besser als Milch. Es fühlt sich an, nun … als könne man die Welt wirklich in sieben Tagen erbauen.

Jemand schreit um sein Leben, aber dann erstirbt die Stimme schon blubbernd, das Licht senkt sich herab. O Fortuna! Es zieht sie zu einem großen Spalt im Mauerwerk, um die Fänger von oben zu betrachten.

Das Katzengold ihres Herdes

Mein Haus trägt diese Überschrift : Hotel; beherbergt schäbige, quietschende Zimmer, eine Rumpelkammer an vergessenen Relikten, das Säuseln der Frische beendet; mit Schaum vor dem Mund, mit einem Speer in der Hand, bin ich drauf und dran, den großen kerzengeraden Weg zu überqueren. Die ursprünglichen Träume, die Ornamente, Spreu in den Augen, nichts als Bilder und darüber keine Worte, grobe Zeichen, Cussac, Dordogne, Antipode einer ranzigen Fabrik, Leichengelb, mit schwärenden braunen Flecken. Wie Geister blicken sie in die Camera Obscura, Geister, die sie damals nur ein bißchen waren.

Ich ließ dich liegen wie die Blumen das Meer nicht berühren; nichts kam aus seinem Munde, das Atmen nur, das Atmen über den Blüten, wenn er doch nur 4 Mägen hätte (und einen in Reserve)! Er könnte sich die Milch selbst heranziehen. Die Nacht dort ist nur halb Nacht, Neon-Nacht, unbedeckte Nacht, ein Funkenflug die Menschen in der Dunkelheit, am Tage kalt, Schlack; sie bewegen sich im Traum erst dann, wenn sie glauben, zu wachen, hüpfen dann um ein Feuer : ihre Stadt brennt, lodert, flackert, spotzt und speit. Sie hoffen, dem exothermen Vorgang zu entkommen, dem sie nicht mehr Oxidation sein wollen, sie bleiben jedoch das Katzengold ihres Herdes.

Grummetschober

Es detonieren Bomben, aber nicht hier. Mächtige Rauchwolken treten aus dem Tal, von oben schön zu sehen. Tinte trifft auf Wasser, nur umgekehrt. Das Cydonia-Gesicht wühlt sich aus dem Dunst heraus, bläht die Flügel, verendet in einem Golfschläger.

Die Milch : frisch und fett, euterwarm. Beinahe hätte der Wanderer sich erbrochen, beugte sich schon, die linke Hand in der Nähe des Magens tastend, in seiner Kehle schon Luft und Gas und Speichel, sowie ein wohliges Rülpsen. Dabei dachte er an den Turm, der zum Himmel stank, dachte an Raha.

»Raha«, wiederholt sie. »Nie davon gehört.« Schöpft die Milch aus einem hölzernen Bottich, den ein Fliegenvolk umkreist. »Und da willste hin?«

Ihre Wangen flüstern, fallen straff nach unten wie ihre kaum unter der Tracht verbarrikadierten Euter. Ist das etwa deine Milch? Wo um alles in der Welt sind die Kühe?

»Es gibt nicht mehr viel Orte, an die man noch gehen kann.«

18 Kühe hat sie noch zu betreuen und einen Knecht, der nicht ganz richtig im Kopf ist, sagt sie (aber wo sind die Kühe? Ist das etwa ihre Milch?). Ich beobachte sie, wie sie mich anstiert, die Augen zu treffen versucht, aber ihr Blick entschwindet, als ich nach Konserven frage.

»Sinn teuer, gibt nich mehr viel, aber was wird’s wohl noch geben. Soll ich nachschau’n?« Wischt sich die milchnassen Hände an ihrer Lendenschürze ab, die keine Flüssigkeit mehr aufnehmen kann. Ihre Hände bleiben naß, der Wanderer nickt und folgt ihr aus dem stinkenden Bau.

»Wo hast’n du die Grenze überschritten, wenn’s dich nich’ stört, daß ich so frage?«

»Ich weiß nicht, wohl im Schlaf; ich bin davon überzeugt, recht tief geraten zu sein.«

»Na wenn’d jetzt schlafen würd’st, wärst’d ja nich hier, also schläfst’d wohl nich!«

»Warum gehst du nicht fort von hier?«

»Hab ich versucht, bin wiedergekomm’n – und jetzt sinn alle annern fort, oder tot, nur die Kühe sinn mir geblieben, also melke ich se, mir fällt sonst nichts ein.«

»Aber wo sind denn diese Kühe?«

»Welche Kühe?«

»Die Kühe, ich sehe keine Kühe!«

»Die sinn nich’ immer da, aber’s sinn 18.«

Die Nasen blutiger Häuser. Das dem Mückenschwarm immanente Rätsel, ein ständiges Wogen und Anbranden der im Spiel Gezeichneten. Die Stärke der Unsichtbarkeit, die unfaßbar ist, nicht auf dem Verschwinden beruht. Der Schwarm teilt sich in Puls und Impuls, keine Choreographie ist mächtiger, entstellt die Sage von einem Frieden mehr. Dann steigt der Mond aus einer Wanne voll Blut, die abgeschliffene Heiterkeit verendet behend an der Acrylwand des einstigen Himmels. Hinter der Glasglocke leuchtet eine bräunliche Substanz, ein Türstock erscheint ohne Tür (der Winkel ist zu steil, als daß man etwas sehen könnte). Hinaus ins stille Weltenall.

Der Wanderer wäre gerne geblieben in diesem Schmuckstück, das seine Gäste in einem Fliegensaal beherbergt; Bett-Attrappen, ölige Maschinen, die gemolken werden wollen, um zu dieseln, der Erde Nutzen aufzuzwingen abseits des Gartens, der einst war.

Magda deutet auf ein Stirnrunzeln dort bei der Hecke, umzüngelt von stürmischem Gras und loser Wäsche : Zauber einer plötzlichen Erscheinung als ein Weg, sich an alle Geburtstage zu erinnern, von der Welt ist nurmehr Alkoholdampf übrig, ein Pferdehalfter an das Scheunentor genagelt. »Hier spielte ich mein erstes Blumenpflücken; dort«, ihre Finger flogen wie Würmer durch die Luft, »mein erstes Schuhebinden! Dorothea hat Kissenzeuch mit Federn gefüllt, die einem in die Wange piksten, meist günstig, weil man dann aufwachen gemußt hat, was man im Traum ja nich’ so einfach kann.«

Der Wanderer hört sich die Geschichte von den treulosen Träumen an. Er hat eine Vorstellung davon, was alles hier nicht geschehen ist.

»Dort sollten mir nichʼ rein sehʼn, hängen doch die Bauersleut’! Dabei wärʼ die Scheune voller Futter. Falls auf den Äckern nichts mehr wächst!«

Die Romantische Zeit : Ich möchte sie mir gerne vorstellen als den sensiblen Aufbruch des Geistes, der sich seiner Fesseln entledigt. Mir selbst ist das Licht der Gegenwart zu grell. Man geht bekleidet vor die Tür und kehrt völlig nackt zurück, weil die Umgebung mächtig gefräßig die Plünnen abreißt. Wenn man dann in ein Gemälde hineingehen könnte, Farb-Äste beiseite beugen (ein wenig ducken muß man sich schon, ein wenig in die Farbe tauchen). Rascheln alter Pinsel, die niemand mehr führt. Die Bewegung nur eine mathematische Gleichung. Ich bin eingeplant, ein X, eine Rune, Klamotten, die im Bild ich trage. Oder ich denke mir : Wenn ich so einen Garten hätte, in dem die Blumen zur Erdmitte hin wachsen, müßte ich niemanden absorbieren, um dieses Dorf zu konservieren.

Pflummerkun: Zetschgenkuchen a lá Pumuckl

Wer von Sinnen ist, sollte sich einen Ringlottenbaum suchen, der mit dem Pflaumen- oder Zwetschgenbaum identisch ist. Er sollte sich hinflachen und still sich erträumen, was ein Kuchen der Frucht ihm Wohliges antun könnte. Nach abgeflauter Wut sollte er aufsammeln, was während seiner Rast zu Boden bumberte (so muss er sich nicht recken und strecken).

Heimwärts gehts – und seine Verrücktheit ist ihm genommen. Vollumfänglich lächelnd – vom Steiß bis zum Scheitel – kann er dann den Korb (oder das gefüllte Hemd) an mich übergeben, denn wer dichtet, der kocht auch; und wer kocht, dem ist auch das Backen nicht fremd.>

Zetschgenkuchen a lá Pumuckl

Wie Pumuckl das Blech gestaltet hätte, weiß ich nicht, aber dass ein Kobold im Haus sehr hilfreich sein kann, dürfte längst kein Geheimnis mehr sein. Mein Hefeteig ist ein einfacher, mit 500 Mehl, 100 Zucker, 250 Milch, 70 Butter, 1 Ei und einem halben Klotz Hefe (oder einem Beutel Trockenhefe, der den Vorzug besitzt, dem Teig keine Ruhezeit zuzumuten – obwohl ich dafür plädiere, ihn dennoch eine Stunde schlafen zu lassen). Vom Niederwalzen halte ich nichts, man muss den Brocken schließlich in der Hand spüren. Ein mittelalterliches Aussehen muss gewahrt bleiben.

Albera erbittet sich in den nächsten Produktionsphasen eine Kartoffelsuppe anbei, dick und mit Speck vergurgelt. Ob’s der Muckl auch so mag?

Ein Hungerleider am Straßenrand

Er kam über die pittoreske, aber unnütze Steinbrücke, die mit zinnenähnlichen und auskragenden Absätzen verziert war und die sich seit vielen Jahrzehnten nur noch über Gneisbrocken, Schiefer und Unkraut beugte. Sein angestrebtes Ziel war der Hof, der aus dem wolkigen Dickicht reckte, und der von seinem Standort aus gesehen ganz genauso verlassen wie alle anderen Höfe in dieser sinnlosen Zeit wirkte. Die abgestorbenen Brisen fanden keine intakte Höhlung mehr vor, die den windigen, feuchten und veränderlichen Tönen als Tanzplatz diente.

Der Farbton eines vergangenen Lebens, an seiner Naivität zugrunde gegangen, umfirnte ihn, verkarstet an einer plakativ zur Schau gestellten gesunden oder sonst wie gut gearteten Welt, die der Wanderer nicht nur aufgrund seines Alters von Natur aus floh, sondern auch deshalb, weil er in einem unablässigen Hokuspokus stakste, der noch weniger fasslich zu machen war als die Traumblase so konkreter Erfindungen wie Plakatwände, Transistoren, Ionensphärenhöhenmesser, Radarzielgeräte, Tauchkugeln oder Spezialröhren für das Farbfernsehen.

Ein Palolwurm durchbrach in der Ferne das Ackergelände, an dessen Rändern der Wanderer entlang gegangen war, um sich zumindest notdürftig zu orientieren, nachdem das Himmelsgewölbe weder Mond noch Sonne durchscheinen ließ. Die Mutation überließ es augenscheinlich dem Zufall, was in seinem Verdauungstrakt landete, er kannte kein anderes Ziel als die Transformation des Bestehenden, war am Tage des Chaos nicht etwa erwacht, sondern aus einem einfachen Ringelwurm erwachsen. Die ›zahnlose Minka‹ tauchte unter dem Donnern eines leichten Erdbebenstoßes auf und die Saugpumpe des Mundes arbeitete dem Muskelmagen zu, dessen harte Körnigkeit alles zerrieb und zu einer klebrigen Erdpaste werden ließ. In seiner negativen Phototaxis wendete er sich gegen das Licht und reagierte damit wie eine Pflanze, die ihre Blätter vom Licht abwendet.

Der Wanderer blieb stehen, hörte nach dem Verschwinden des Wurms nur noch seinen domestizierten Atem in Form einer weiße Kalkschalenluft, die noch nicht ganz Nebel war, und – Schritte, die seine eigenen imitierten. Da er fest an einem Ort stand, vornehmlich, um sich den Gebäudekomplex, auf den er zumarschierte, etwas genauer zu betrachten und weit und breit kein Menschenwesen zu sehen war, ahnte er von dieser neuen Umgebung das erste Gesetz : die Verzögerung; das waren also seine eigenen Schritte, nur noch nicht dort angekommen, wo er jetzt stand. Das Phänomen der Verfolgung durch sich selbst. Er lauschte und blickte sich um, aber er verstand die Semiologie einer toten Landschaft noch nicht.

Sein Magen rührte sich, brachte alles durcheinander. Ein Hungerleider am Straßenrand.

Ein kräftiger Vorkragen des oberen Dachdreiecks im Giebel stand von einem breitgelagerten Hauskörper ab; Stall und Scheune waren hintereinander unter einem Dachfirst vereint. So kannte er’s von dort wo er her kam. Geht eine Welt zugrunde, wachsen zwanzig neue wie auf dem Fenchelstab des Dionysos nach (oder waren’s gar dreißig?).

Wie überhaupt das Feuer in uns allen tobt und braust; wie es Wunderlande so an sich haben, stand hier die Zeit still, zumindest dehnte sie sich durch intensives Einwirken des Irrationalen ins Unermeßliche, hörte nicht einfach auf zu existieren, sondern verging in der Tiefe. Wie gerne würde er dieses Phänomen Intensivqualität nennen, doch dann müßte er den Begriff beschreiben, und dann, mit Verlaub, würde alles ganz und gar unverständlich herauskommen, nähme eine Menge absonderlichen Raum ein.

Zwei große Tentakel peitschen aufeinander zu, vereinen sich zu einem finalen Stoß gegen die Bootswand. Es ist Charon, der die Rettungskähne überprüft.

Er marschiert weiter, vielleicht gibt’s da vorne Milch.