Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: mond Seite 1 von 5

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (12)

Sandsteinburg #47

Aus der ganzen Umgebung hatten sie ausgediente Möbel herbeigeschafft und quasi vor Finners Haustür aufgestapelt. Das war die Rückseite des Hauses, das vier großangelegte Betriebswohnungen beinhaltete. Das ganze Anwesen, inklusive der Katzenscheißefabrik gehörte eigentlich zum Granitwerk Vates, das etwa einen Kilometer Luftlinie von hier wie eine Steinwüste vor sich hin vibrierte. Die in aller Welt gebrochenen Rohblöcke gelangen auf verschiedenen Transportwegen zur Weiterverarbeitung in das Fichtelgebirge, aber die Grundlage der gigantischen Anlage bildete das Granitvorkommen in den Gebieten Waldstein und Kösseine. Adams Großvater gravierte dort Namen in die Grabsteine, und sein Vater Ludwig war einer der Fahrer. Die Netzsch Kunststoff GmbH hatte die abgelegenen Gebäude gekauft und zog dort einen Teil ihres eigenen Imperiums auf. So kam es, dass sich sogar Franzosen manchmal hierher verirrten, die alle ganz scharf auf Polyester waren. Es war das Material der Zukunft: Leicht bei einer hohen Festigkeit, resistent gegenüber vielen Chemikalien.

Das Feuer, das hier am 30. April entfacht wurde, konnte man bis nach Hebanz hinüber leuchten sehen. Zwischen Wendenschuchs Mühle und der namensgebenden Gemeinde befand sich Schwemmland, das die über die Ufer getretene Eger hier angelegt hatte. Labiate und Stechginster wuchsen hier, und die Heuschrecken ratterten durch den Abend. The Night has a thousand eyes von Bobby Vee drang aus einem entfernten Radiogerät, begleitet vom Geschepper der Teller und der keifenden Stimme Marlieses, mit der sie ihre Töchter anwies, die Salate nach draußen zu tragen. Die Bierbänke aus dem Schuppen standen um wackelnde Holztische herum, und rechts des Scheiterhaufens, auf dessen Gipfel man eine Stoffpuppe befestigt hatte, lagen Bierflaschen in Wannen, mit Eis bedeckt, in einer kleineren Hütte, die über und über mit Kronkorken zugenagelt war. Lumpi, der Hund, der ein Leben ohne Kette nicht kannte, bellte schrill und heiser und unablässig. Sein braunweißer Schwanz ragte wie eine vergammelte Banane krumm nach oben. Sobald es dunkel geworden war, kamen die Leute aus der Umgebung, die kein eigenes Feuer hatten. Willi Kaländer mit seiner Tochter Emma, Richard Langer, der Schiffsschrauben aus Harz und Kunststoff fabrizierte und dafür eine geheime Formel entwickelt hatte, hinter der die Firma Netzsch wie der Teufel hinter der armen Seele her war, kam mit seiner Tochter Michaela, einer Schulfreundin Adams – und sogar der Herold, der neben den Kaländers aus Schwarzenhammer wohl die meisten Schafe besaß, und bei dem sie alle ihre Eier holten, ließ sich kurz blicken. Viele brachten Bier mit, sprachen über ihre Arbeit bei Netzsch, Vates oder dem Sägewerk. Ida und Silke saßen in geblümten Sommerkleidchen da und starrten aus glasigen Augen heraus das gerade entfachte Feuer an. Beide hatten sie zerschundene Knie, blaue Flecke zierten die dünnen Oberarme. Helmut und Roland saßen etwas abseits hinter einem Gebüsch und betrachteten die verschwindenden Sonnenstrahlen auf der erst jüngst gestohlenen Goldmünze.

»Weißt du, in der Tschechei fragt dich niemand, wer du bist«, sagte Helmut und ließ die Dublone von der rechten in die linke Handfläche gleiten, die beide bereits überaus schwielig waren. Roland machte ein verdrießliches Gesicht. Er konnte nicht aufhören, daran zu denken, was geschehen würde, wenn ihr Diebstahl ans Tageslicht käme. Sein Vater war zwar keineswegs so brutal wie Richard oder Ludwig – man konnte seinen Schlägen meist ausweichen, wenn man sich etwas konzentrierte, denn es ging Erich nicht darum, zu treffen. Er musste sich nur irgendwie abreagieren, war wegen seiner schlampigen Frau frustriert, die das Wort Haushalt zwar kannte, aber im Tablettennebel nicht wahrnahm, dass ihre Wohnung mit dem Schandloch der Finners wetteiferte. Nun, man sollte nicht schlecht über seine Mutter denken – und das tat Roland auch nicht. Ihm war es völlig egal, wie es aussah. Er versuchte, sich so wenig wie möglich im Haus aufzuhalten.

Aber wenn das mit der Münze herauskommt, wird er mich treffen wollen, dachte er.

»Wer wird so eine Münze denn kaufen?«

»Ein Juwelier natürlich. Gibt’s auch bei den Kommis. Wir fahren mit dem Zug nach Schirnding und latschen dort irgendwo über die Grenze.«

Roland zuckte mit den Schultern. Ihm gefiel das alles nicht. Es hörte sich so an, als habe Helmut etwas nicht bedacht. Etwas Entscheidendes. »Lass uns zurück zum Feuer gehen, die Hexe wird gleich brennen, und ich habe Hunger.« Er stand auf, seine Knie knackten wie das Reisig, das von den Flammen erfasst wurde. Helmut erhob sich ebenfalls. »Bier?«, fragte er, und als Roland ihn dämlich anblickte, erklärte er ihm, dass er Bier abgezwackt habe. »Das schütten wir uns rein, wenn alle schon betrunken sind, dann riecht keiner mehr was.« Er lächelte humorlos. »Jetzt hörʼ schon auf, dir Sorgen zu machen. Wir warten mit der Münze, bis es richtig Sommer ist. Sagen wir August.«

Roland nickte, aber er wusste, dass er im August noch mehr Angst haben würde, denn dann gäbe es keine Ausreden mehr.

Als sie das Maifeuer fast erreicht hatten, hörten sie plötzlich den Tumult losbrechen. Richard schrie Marliese an, dass sie die Eier im Kartoffelsalat vergessen habe und dass sie zu blöd sei, um überhaupt etwas richtig zu machen.

Sie blieben stehen und sahen Richard mit den Händen herumfuchteln. Es wirkte fast wie ein Schattentanz, wie er da hin und her sprang. Gesichter glühten, vom Feuer beschienen. Von den Körpern war nichts zu sehen. Das Feuer erreichte in diesem Augenblick die Hosenbeine der Puppe, die auch einen ausgedienten Besen verpasst bekommen hatte. Das war gewöhnlich der Augenblick, wo sich alle erhoben und sich Glück wünschten, ähnlich wie an Silvester. Diesmal war das Schauspiel ein anderes. Richard packte Marliese an den Haaren und schüttelte sie daran hin und her, als wäre sie selbst nur eine Puppe. Ida und Silke begannen zu weinen und klammerten sich aneinander. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann sprangen auf, bereit einzugreifen – blieben aber dann stehen, als Marliese, plötzlich losgelassen, mit dem Hosenboden in den Dreck plumpste. Richard machte einen großen Schritt über sie hinweg und verschwand brüllend im Haus. Sebastiana half Marliese, die sich den Kopf hielt und etwas Unverständliches murmelte, auf eine Bank. »Ist alles in Ordnung?«

Ludwig musterte seine Frau, wie sie auf Marliese einredete.

»Es war ja nichts«, sagte sie, immer noch leicht benommen.

Die Hexe kreischte, die Flammen hatten sie jetzt ganz und gar eingehüllt. »Ich verfluche euch!«, rief sie vom Gipfel des Scheiterhaufens herab. »Sieben mal sieben Jahre soll …«

»Wir gehen da jetzt besser nicht hin«, flüsterte Helmut. Roland konnte sich ohnehin nicht bewegen. Er sah die Puppe, die wie eine menschliche Fackel aussah, in die Mitte des Feuerkegels abrutschen. Der blaue Rauch ließ die Augen tränen und wirkte wie ein verschleiernder Nebel. Die kurze Ruhephase – keiner sprach in diesem Augenblick ein Wort – wirkte umso geisterhafter, weil man die beiden Finner-Mädchen leise wimmern hören konnte. Im Haus krachte es, und dann kam Richard mit einem ganzen Arm voll Kleider aus der Türöffnung gestürzt und warf sie in die Flammen. Unterwegs verlor er einige hellbraune Strumpfhosen und einen BH, in den man Melonen hätte einpacken können.

»Der spinnt!«, sagte Helmut und es klang fasziniert. »Das sind die Klamotten meiner Mutter.«

Richard holte noch zweimal etwas aus der Wohnung. Schuhe, einen Stuhl, an dessen Lehne eine Stoffjacke hing, sowie zwei Wollmützen, bevor er sich beruhigen ließ, sich auf eine Bank setzte und stumm in das Feuer starrte. »Keine Eier«, murmelte er. »Wo gibt’s denn so was, dass ein Kartoffelsalat keine Eier enthält?«

Die Nacht duldet die Helligkeit des Feuers, sie duldet Kerzenschein und den Mond, denn dies sind die Lichter, die sie nicht zu durchdringen vermögen, die nicht gegen sie eifern. Ganz im Gegenteil bekränzen sie ihre unerbittliche Allgegenwart und beleuchten ihre Gestalt, die erst dadurch Formen bekommt. Was immer in der Nacht verborgen liegt, von ihr gefördert wird, ist nicht dazu angetan, von einem gesunden Geist geschaut zu werden, hat kein Interesse an der gewöhnlichen Schönheit, die von Apollon beschützt wird.

Aus der Eger krochen Schatten zum glimmenden Feuer hin, aus dem Schwemmland glitten seine Brüder durch Disteln und Lupinen und erstickten die noch seicht züngelnden restlichen Flämmchen. Von oben sah das glimmende Holz aus wie eine glühende gigantische Stadt. Adam hörte, in seinem Bett liegend, die lange Kette des goldbraunen Spitzmischlings Lumpi rasseln, und dann die Schaufeln, wie sie Sand und Erde über die Glut warfen. Aber nicht ein einziger Schatten wurde damit begraben. Körperlose Stimmen besuchten ihn. Da draußen stimmte irgendwas nicht. Und es sollte sich bewahrheiten.

»Wie geht es dir?«, fragte er seinen Bruder, der unter ihm im Etagenbett lag. Adam bekam keine Antwort. Claus hatte sich längst schon in den Schlaf gezappelt, hielt die Stoffwindel zusammengeknüllt an seine Wange. »Ich habe einen Wolf gesehen«, sagte er in die Dunkelheit hinein. Er hätte es nicht gesagt, wenn er gehört worden wäre. »Aber es war auch irgendwie kein Wolf.«

Klingelrefrain

GrammaTau #67

Da vereinbaren wir ein Treffen, schön geschmückt, an
einer Kreuzung, die eines Tages ihre Himmelsausrichtung
zusammenpacken wird, zumindest gestattet sie dem Staub,
ihr besser zu dienen als die vielen Versprechen, doch

nicht zu sehr. Crossroads der Jazz-Legenden,
nur der kratzende Morgen dämmert über
die Instrumente. Jeder Händel ist auch nur ein Tausch –
auf den Täuscher kommt es also an. Die Grotte spricht, als

wäre sie es leid, im Erz zu schweigen. Ich traf sie an
der aufsteigenden Hälfte einer Gaußschen Kurve, auch
nichts anderes als ein Bild, eine Chiffre, die im Dampf
Kessel die Maschinerie der Einbildungskraft zum Laufen bringt;

Ordnungen zerbrechen, gewiss. Zu oft werden die Teekammern
ignoriert, die sich in erhitzten Gewässern tummeln, ob
wohl sie, den Fischen ähnlich, Geräusche fabrizieren, die
in der Luft unmittelbar nach dem Anderen fragen, Antworten

über eine Tonleiter geprängelt, mit dem Notenschlüssel
eingestanzt, zu öffnen zu einer gewissen Stunde, nicht mehr
danach, wenn alles in Klaftern fällt, Fels die dunkle
Aufgabe besitzt, das Zerschmettern nicht zu hören. Wer

die Kräuter riecht, wird alsbald von ihnen kosten
wollen; die Zunge sticht in den Zuber, schlingt hierzu
die Bitte nach der Konkurrenz hinunter, ein Katarakt aus
Exklusivität. Ein Geheimnis verdeckt den bitteren

Geschmack, solange es unter gewissen Bedingungen nicht
auffallen darf; ein verhangener Blick ist ihm eigen, auch
eine nervöse Hand. Sollten diese Töne je zubereitet
werden müssen, weil ihr Datum es verlangt, öffnen sich

wohl alle Türen gleichzeitig; ohne Mühe schnappen sie
aus dem Bett, das ihre Ruhe an die Gezeiten band, auf die
sich außer uns nur noch der Mond verstand.

Ostrakon

GrammaTau #66

Es waren tausend Fertigkeiten, die beschrieben
Auf dieser Tafel standen. Beinahe war es Glück,
Dass es leere Taschen gab, die als Symbol
Des Verzichts im Land bekannt gemacht wurden.
Inschriften gab es viele, aber keine war
In einer entzifferbaren Sprache abgefasst,
Gemälde einer Seelenlandschaft in Schraffur.
Unter den Steinen vermehrte sich ein Kraut,
Das sich in den Räucherkammern wiederfand,
Getrocknet und als Tee kultiviert
Linderte es uralte Leiden, wie etwa
Die Sehnsucht nach zu Hause.
Nie gewesen das Pochen des Mondes an der Tür.
Nie gewesen das Schwert an der Wand über einem Kamin.
Nie gewesen das Weiße Rauschen der danebenliegenden Frequenz.
Nie gewesen das Rätsel zwischen zwei Zeichen.

Vor uns der Kickertisch

Sandsteinburg #23

hinten im Eck beim Kickertisch –

1 Spiel in der Spiel=Lunke, rotierende Stangen mit ›Manneken Pis‹ hin­ter dem Kachelofen, Geruch nach friedlich ausgelaufenem Bier, schlecht weg­gelappt, das Licht im Spiegel oder im Fensterglas humpelt, die Wirtin Erna uns zu Diensten, stapft uns Geld zu wechseln, humpelt uns Flasche um Fla­sche in den Nebenraum (Schaumbart x Schaumbart : laut juveniles Gedorf); pengt der Ball an die Kant Kantaten Kanten. Jetzt tickt die Tür, geht auf und es läuten alle Korken, jetzt sitzen wir bey Tisch, jetzt jetzt und sprechen : nichts Gehörtes. Im Erdenwall dort nebenan, dem Graben, den wir schufen (Nacht für Nacht) mit Spaten Schaufeln Kufen. Erdschlitten & der Ostermann (fanden die Leiche einer Kickermaschine neben 1 leeren Haus, neben puzze­lierten Scheiben). Sekunden triefen von den Bäumen, aber wo sie auf die Erde fallen –

1 trübes Bild : Stangen & Federn, 1 zugehäuftes Äschchen, 1 Münzmo­nument, zwölf Bälle (für jeden Mond) : Halb=Ball, Voll=Ball, Neu=Ball, gingen wieder rein, verplemperten die Zeit der Wirtin im Keller, die 1 Fass zapft, wir in der Stube Fußzapfen sammelten, Fußzapfen vorzeigten und aus der Fla­sche tranken, auf gespannt die Gesichter an den Scheiben, die wir mieden / rieben (die es in den Träumen trieben mit Spucke als Ersatz), festgepint am Schaukelpferdchen, hübsch und vor=zurück verschwammen. Mal Mond mal nicht mal Mond mal Licht mal völlig ist die Dunkelheit. Wirtin piepst aus ei­nem Wangenloch, schlägt den Schaum mit einem Schläger westwärts wo schon Kacheln quadern, Netz um Netz sich dadurch spinnt, dass sie nie trifft den Siphon. Eines Tages war der Kickertisch verschwunden–

(Reprise) :

Wir standen um den Kickertisch herum, der, wie das ganze Gebäude nach einer gut druchkomponierten Mischung aus Hopfen und Urin stank. Aber es war noch ein weiterer Geruch vertreten, der nicht ganz so leicht zu beschreiben war. Eierschalen. Ein Steinboden, der nach Eierschalen roch. Oder war es nur das kalte Gemäuer? Den Kachelofen in der Wirtsstube hatte Erna erst vor kurzem angeschürt. Offiziell war die Gaststätte noch nicht ge­öffnet.

»Woher wissen wir, dass wir träumen?«, fragte Burkhardt. Unschlüssig standen wir da und warteten, dass uns die Wirtin Bier brachte. Keiner wollte auf die Frage antworten, obwohl sie uns schon den ganzen Tag beschäftigt hatte. Doch jetzt hatten wir andere Sorgen. Draußen gingen die Wölfe um und unser kleines Grüppchen saß hier fest. Es hätte uns schlimmer treffen können, aber wir waren in der Nähe. Nicht zufällig – das kann man nicht be­haupten, von Zufällen hielten wir nichts. Wir wollten das Ganze erkennen, hätten aber nie gedacht, dass es so schwer sein könnte. Immer neue Fragen quälten uns, noch bevor wir auch nur eine einzige beantworten hätten kön­nen.

Vir desideriorum

Sandsteinburg #16
Die Songzitate stammen aus: Robert Johnson – Crossroads Blues (Columbia) // Rainbow – Man on the Silver Mountain (Polydor). Diese Beispiele dienen ausschließlich als Zitate.

Ich kannte Adam. Schließlich hatte er mich in die Brennnesseln geworfen (oder ich war gefallen, das sage ich mir wieder und wieder). Mit Bestimmtheit kann ich jedoch sagen, dass er mich bei einem Wettrennen vom Rad stieß, weil ich drauf und dran war zu gewinnen. Ich lag auf dem Schotter, meine Beine bluteten, aufgeschlagen wie die frischen Kalkschalen zweier Hühnereier. Wir waren schicksalhaft aneinander gebunden, vermochten uns nicht aus dem Weg zu gehen, auch wenn wir es noch so sehr gewollt hätten.

Ich weiß, dass unser Bewusstsein auch durch das Land geprägt wird, auf dem sich das Verborgene heranpirscht und erwacht. Aber erst mit den Jahren lernte ich zu verstehen, dass es nicht nur brach liegt oder sich gerne nur betrachten oder durchwandern lässt, sondern, ganz im Gegenteil, eingreift in die Geschicke der Menschen, die ihm mehr oder weniger ausgeliefert sind. Dem Land. Dem, was wir Bewusstsein nennen. Seit diesen Tagen frage ich mich immer, wenn ich mich irgendwo von Neuem niederlasse: Was will das Land von dir, und was ist es bereit, für dich zu tun, wie wird es versuchen, dich zu verführen?

Der Landstrich, in dem wir damals mehr oder weniger angenehm gefangen waren, war vielleicht einfach nur da, um die Wiege Adams zu sein, ihn auf die Reise vorzubereiten, von der wir natürlich alle irgendwann Kenntnis bekamen. Gerüchte gab es allerhand, ob nun der Nachtgiger in den Wäldern gesehen worden war, oder ob die Wölfe wieder über die Böhmische Grenze gekommen sein sollten. Man wob Schauerliches zusammen, es passte eben zur Kulisse. Jene aber, die Bescheid wussten, und die Adam hätten retten können, starben auf mehr oder weniger dramatische Weise. Es gehörte alles zum Plan, sozusagen. Auch ich gehörte dazu. Vieles weiß ich nicht mehr, es ist im dunklen Gewässer der Geschichte verlorengegangen (ich bemerke, wie sich stets ein Schatten über meine Erinnerung legt), dabei war mein Part vielleicht nicht einmal so gering zu werten, wie ich das stets glauben wollte. Ich weiß nichts Genaues, wirklich … ich weiß nichts, aber da ist etwas, das auch mich zeichnete. Wäre ich dort geblieben …

Mit mir zusammen betippte Adam eine kleine rosa Schreibmaschine aus Puppenplastik, wohl seine erste. In den Betriebswohnungen waren wir eingesperrte Küken, wir schwelten als Futter, wenn auch nur vorübergehend, in unseren eigenen Dottermägen. Mit meiner neu zusammengewürfelten Familie lebte ich gegenüber des Granitwerks, das sich nur ein paar hundert Meter weiter die provisorische Straße abwärts von der Kunststoffabrik befand. Folgt man ihr weiter durch den massiven Wald, kommt man in Schwarzenhammer wieder raus. Soweit ich mich erinnern kann, besuchten uns Ludwig und Adam dort nur ein einziges Mal, wir zogen da ja bald aus. Mein Stiefvater baute sein Haus direkt in die Nachbarschaft der Familie Pikid, oben am Waldrand gelegen, direkt neben dem Jagdhaus mit der alten Sonnenuhr an seiner Vorderseite.

Wie ich schon sagte, wir konnten uns nicht voreinander verbergen.

Adam fand mich nicht mehr auf seinem Weg nach Raha, und ich suchte ihn nicht, aber die Blätter und Nadeln der Bäume raunten Geschichten. Ich verstand nicht viel von seinem Gedicht, das er mir bei stillem Lindenfieber und brausendem Sekt in der Badewanne vorlas.

Vir desideriorum; ein Titel wie blanke Ferne. Mann der Sehnsucht, nicht homme de lettres, nein, vir desideriorum, einer, der sich nicht mit dem plumpen Vorhandensein zufrieden gibt. Wir tranken damals leise, nahmen uns den Krimsekt vor, das Flittergetränk meiner Mutter, feierten unsere Zusammenkunft, die gleichzeitig der Abschied war. Staunend lief er über den Marmorboden, betrachtete mich so, dass mir im warmen Wasser kalt wurde (wahrscheinlich wäre mir im kalten Wasser warm geworden). Er stellte diese schreckliche Musik ein, die er betwixt and between nannte, erzählte von Robert Johnson, der an den Crossroads seine Seele dem Teufel verkauft hatte. Standinʼ at the crossroad, tried to flag a ride. Didn’t nobody seem to know me, babe, everybody pass me by – und blickte drein, als hätte er selbst es getan.

Wir befanden uns nicht mehr auf dem Weg, sondern bereits mitten auf der Kreuzung. Ich blieb auf der großen Straße, aber er schlug sich ins Gebüsch. Vielleicht hätte ich ihn allzu früh geliebt, wenn wir nicht mehr oder weniger zusammen aufgewachsen wären (und ohne seine Attacken, die nicht meine Niedergeschlagenheit beabsichtigten, die nur etwas verhindern wollten, aber nicht verhindern konnten, dass wir jetzt hier zusammen saßen).

Du wirst immer Falter sein
Wehe dem Mond

»Ich erinnere mich nur, weil du es nicht vergessen hast!«

Bei den Langbooten aus Kunststoff-Harz, die in einem Lagerschuppen vor dem Teich aufgebahrt waren, fing ich mir die erste Berührung ein, die Brennhaare, die Methansäure des jähen Zorns. Aber war er es, der mich in die Brennnesseln warf, war es nicht das Land, die Luft, war es nicht etwas um ihn herum, das ihn zur Einsamkeit zwingen wollte? Er ahnte nicht, dass ich später, wenn die Zeit reif dafür war, die erste sein würde, die seine Federn zählte, die erste, die Spaß daran hatte, alles in Bewegung zu setzen.

Zunächst lag ich mit meiner Hand zufällig im Schritt halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, bewegte mich, weil ich träumte, weil mich etwas am Nacken fasste. Ich wollte etwas sagen, aber aus mir heraus kam nur Miauen. Mein Hals fühlte sich rau an, als wären dort mehrere Seile gespannt, auf denen Zugvögel meditieren. Etwas biss mir in den Nacken und erreichte die Hand in meinem Schritt, die sich nicht bewegte, die mucksmäuschenstill da lag und eingeschlafen war. Um sie zu wecken übte ich etwas Druck aus, aber mir explodierte nur mein pulsierendes Organ. Ich sah eine Sonne vor mir, die ihre Arme nach mir ausstreckte, mir war, als hätte ich diese Sonne verschluckt, denn sie befand sich in meinem Bauch und ihre Strahlen sausten mit dem Blut durch meine Adern. Ich miaute, miaute, miaute, ging tiefer in den Schlaf hinein, sah mich nackt unter Rehen stehen, aber nicht ganz nackt, denn auch ich trug ein Fell, waldbraun und sumpfig. Die Rehe nickten mir zu, ich ließ mich hinunter auf alle Viere und trank den Tau von den Grashalmen, den Blüten der Margeriten. Das Flutlicht vierteilte uns, aus der Umkleidekabine drangen ebenfalls Licht, Musik und Gelächter. Aber wir, wir befanden uns ganz alleine auf dem dörflichen Fußballplatz, wir waren Rehe. Niemand schien uns zu beachten, niemand war zu sehen. Und doch fraß uns etwas auf. Keine Bestie, wie wir sie aus Filmen kannte, davor hätten wir fortlaufen können. Es war etwas viel Schlimmeres und es bestand aus einer Traumsubstanz, die nie ganz zu begreifen war.

Man On The Silver Mountain von Rainbow kam aus den Kabinen getönt, wo es nach Lederbällen, Schweiß, Bier, und nach trockenem Holz roch.

I’m the day, I’m the day
I can show you the way
And look, I’m right beside you
I’m the night, I’m the night
I’m the dark and the light
With eyes that see inside you

Irgendwie hörte es sich bereits nach Abschied an. Adam starrte mir auf die nackten Beine, betrachtete das Muttermal, mein Australien an der Wade, klein wie Madagaskar, meine Hand zufällig im Schritt, halb auf der Seite, aber doch schon bäuchlings, während ich träumte, dass er mich am Nacken fasste und ich miaute, dass er mich biss, und ich wie ein Reh meinen Pelz abzog, um im Mondlicht zu tanzen. Blut lief an meinen Beinen herab, sah aus wie Wein, aus meinem Inneren sprudelte Wein, dort öffnete sich die rote Frucht. Ich die Rebe, das Reh, miaute auf der eingeschlafenen Hand, sah eine Sonne, explodierte in der Mitte zu einer Musik, die rief: »Myrrha, Myrrha!« Doch das war nicht der richtige Name, nicht mein Name, mein Name lautete Starstruck, Lady Starstruck, Bad Luck.

»Was tust du da, warum liegst du so lange im Bett? Brütest du etwas aus?« Die Mutter an der Tür. Wenn ich jetzt aufstehe, wird sie mein Fell entdecken, das mir über Nacht auf dem Fußballplatz gewachsen war, und das mich zu einem Opfer stilisierte.

Aber vielleicht habe ich es nur angezogen, übergestreift. Vergangenheit, in die wir niemals wieder zurückkönnen, Vergangenheit wie ein Traum. Ich betrachte mich im Jetzt und denke, dass ich nicht die Frau bin, an die ich mich erinnere, die ich durch Zufall geworden bin. Es ist eine geheimnisvolle Welt in meinem Kopf, und ich frage mich, ob wir dort immer noch sitzen und trinken und Rainbow hören, ob das bereits vor dem Urknall geschehen ist, ob dieses Zeug, das die Welt ausmacht, auf uns gewartet hat und dann in der Mitte explodiert ist; und seitdem bin ich Frau. Ich meine, nicht nur körperlich. Uns allen wurde etwas ausgetrieben damals. Kinder verschwanden. Erscheinungen tauchten auf. Das Schweigen wurde durch billige Lautstärke ersetzt. Man sprach sogar von Ritualmorden, aber das wurde nie bestätigt.

Ich war nun schon lange nicht mehr dort, es ist interessant, das Sie mich das fragen. Aber ich weiß von einer Freundin, dass Schwarzenhammer das Ebenbild einer Geisterstadt ist. Nein, ich war nicht mehr dort, seit Adam zu mir sagte: »Ich muss jetzt gehen. Myrrha, ich muss jetzt gehen!«

Mein Name ist Emma, sagte ich zu ihm. Erinnerst du dich?

Adams Tinte war die erste Tinte, die ich sah, und in mir lähmte sich ein Nerv (oder lähmte mich gar der Stift?). Ich konnte mich – festgenagelt an mein Bett – konnte mich erinnern, wie ich vom Rad flog, in die Brennnesseln, und wie ich auslief. Erst Blut, dann Tränen, dann seine Tinte, die ich in mein Hemdchen schmierte, in die Innenseite, damit niemand auf die Idee käme, zu fragen: »Was ist das?«, die Mutter nicht fragt: »Was ist das?« Denn ich lief ja aus, klebte an ihm fest, und konnte es nicht vermeiden, jeden Tag erneut durch sein Fenster zu krabbeln, um seinen ganz und gar aufrechten Stift zu berühren, mit dem Mund, mit den Füßen. Es ging alles viel zu schnell, schon stürzte ich, aber danach sagte ich: »Das kann doch nicht alles gewesen sein!«

Ich zeigte ihm meine Narben an den Beinen, kleine, beginnende Monde, neue Monde, vergehende Wunden von vor Jahren, als wir der Definition nach noch sächlich waren. Er nannte mein Muttermal: »Dein Australien an der Wade«, weswegen ich mich schämte. Ein tiefer, dunkler Impuls ließ mich jede Nacht mit ihm gehen, damit er sich ausprobieren konnte. Ich lag da und starrte an die Zimmerdecke. Nacht für Nacht brachte er mich auch wieder zurück, sobald ich alles in mir hatte. Jeden Tag wusch ich meine Kleider selbst, aber dann ertappte mich meine Mutter dabei, wie ich mein Höschen ausleckte.

»Was ist das?«

Der dunkle, tiefe Impuls.

Ich durfte Adam nicht wiedersehen, wurde in ein Internat geschickt und bekam eine andere Welt in mein Ohr geblasen, lernte die Dinge neu, blieb auch der Erinnerung fern für allezeit, die Erinnerung an die ersten Dinge, wenn keine Erwartung die Erfahrung trübt, wenn alles ohne Zutun, ohne Tatkraft, ohne Ordnung in das Leben bricht, wenn eine süße Gewalt die Ohnmacht steuert. Heute würde ich an ihm vorübergehen, heute würde ich ihn ansehen und wissen. Ich bin mir heute sicher, dass wir damals unser Leben dadurch retteten, indem wir uns gegenseitig entdeckten.

»Wo kommst du her?«

»Aus Raha.«

»Wer lebt in dieser Stadt?«

»Unverändert wir.«

Jene, die nur Sporen wittern und zur Tränke gehen, wir, die wir dort baden, die weiße Haut ausgelassen von der Sonne. Adam kennt die Nächte dieser weißen Flecken, Adam kennt das Mauerwerk ohne Putz, fünf Gärten für die Sinne. Den Garten der Hesperiden, den Garten des Alkinoos, Olymp und Asgard. Schändlich, wer sich gefangen gibt, und sei es im Namen des allgemeinen Nutzens. Er setzte all seine Erwartungen einzig in seine Ungebundenheit, in diesen Drang, sich treiben zu lassen, um allem zu begegnen, ein Drang, der eine Gemeinschaft zwischen ihm und den anderen ungebundenen Menschen herstellte, als wären sie berufen, sich plötzlich zu vereinigen, mit dem Mund, den Füßen, den Händen. Ich kannte dich in diesen Sommerstunden, dich, der mich aus den Nesseln hob, der mich im Schotter liegen sah, in meiner schwächsten Stunde, die er selbst herbeigerufen hatte.

Es gab einen Sturm (5)

Sandsteinburg #7

Da war diese Erscheinungen im Wald. Das konnte man vielleicht abtun. Man musste nicht alles glauben, solange man nicht selbst davon betroffen war. Aber es sprach sich herum. Ein Jux, sagte man, ein geschmackloser obendrein, aber nicht gar so geschmacklos, wie uns verkaufen zu wollen, dass da jemand auf dem Mond gelandet wäre, sagte man. Da kann man gar nicht hin, das kann man technisch gar nicht bewältigen, sagte man. Wo doch gar nicht einmal feststeht, ob es den Mond überhaupt gibt. Natürlich gibt es den Mond, was ist denn in dich gefahren? Man sieht ihn doch da oben! Ja, aber vielleicht ist das nur eine Täuschung, eine Luftspiegelung. Wie in einem Kabinett auf dem Wiesenfest; du denkst, du weißt, woʼs langgeht, du hast doch Augen im Kopf, und dann knallst du gegen die Scheibe! Du hast Recht, ich knalle auch immer gegen die Scheibe, aber die Russen waren doch auch schon oben! Also, ich glaube an die Russen. Ach ja? Du kannst ja mal rüber gehen, wirst schon sehen, wie sie dich empfangen! Und der Mond ist mal groß, mal klein, ist euch das noch nicht aufgefallen? Groß und dann wieder klein. Man hat doch, ich schwörʼs, diese runden Türme entdeckt, in welchen der Vollmond jeden Monat gegossen wird, um dann mit einem großen Katapult in den Himmel geworfen zu werden. Der Mond erkaltet unter der Erde, wird fest in den Tiefen, wird zu Basalt und Eisen.

»Ihr mit euren blödsinnigen Geschichten«, sagt Konrad, an dessen Ober­lippe stets ein Tropfen darauf wartet, im Gewirr seines Schnurrbarts unter­zutauchen. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es liegt am Bier, vielleicht war im Felsenkeller der Scherdels was nicht in Ordnung.«

»Es liegt höchstens an zu wenig davon!« Trinklein hantiert mit der Flie­genklatsche, obwohl es gar keine Fliegen gibt, um damit anzudeuten, er be­nötigt mehr von diesem goldenen Saft, oder die Langeweile wird ihn augen­blicklich auffressen.

»Was! Hat der schon wieder zehn! Joe, du bist ein Loch!«, sagt Ludwig und mischt das Kartenspiel neu. Das letzte Spiel hatte er mit Schneider ge­wonnen.

»Ich bin also ein Loch, ja? Und was ist mit Carlos?«

»Carlos ist der Weißenstädter See!«, sagt der Postler, den alle nur unter diesem Namen kennen, weil er nach dem Krieg die erste Poststelle in Schwar­zenhammer betrieben hatte. Sein Bauch, der aussieht wie ein Medizinball im Pullunder, wippt bei jedem Wort auf und nieder.

Was sieht er, der Mond? Den alten und vor allem runden Postler, der nachts, wenn er sich alleine wähnt, mit seiner Kirschtorte spricht, die er sich wie ein Haustier hält, das er mit Sahne, so denkt er, mästet, und dabei einen unförmigen Batzen Schmand hinterlässt, unter dem die Kuvertüre ihre makellose Oberfläche einbüßt, abstrus, abstrus, aber deshalb nicht weniger wahr. Seine Tochter kommt ihn jeden Tag pflegen, die Wäsche waschen, das Essen kochen, das Schnäuzchen abwischen … aber nachts, da hält er Zwiege­spräch mit Tortenguss und Sahnesteif.

Ludwig eröffnet das Spiel: Grün. Zehn tiefgrüne Blätter ranken sich aus einem rotweißgelben Mittelstrunk. Fünflinks. Fünfrechts. Oh ja, Carlos hält im Gasthof zum Egertal den Rekord über 30 Seidel Bier. Der Rekord reicht in die Zeit zurück, als nichts als Flüssigkeit in der Luft lag, jeden Willen er­weichte, und doch das ganze Goldblut der Welt war. Carlos kam gerade von einer seiner sehr langen Wanderungen, bei denen er Vogelgesänge studierte und ansonsten ordentlich Strecke machte, zurück. Diese Wanderung hatte ihn wie folgt des Weges geführt: Vom Bahnhof Schwarzenhammer aus be­gleitete er die Straße nach Selb, bog dann nach einem halben Kilometer links ein und ging den Weg nach Heidelheim, um dann nach rechts zur Steinselb, die am Großen Kornberg der Tiefe entsprang, das Steinbächlein, Hirtenbäch­lein und Gemeindebächlein aufnahm, abzuzweigen. Am ›Ewigen Rauschen‹ kam er vorbei, am ›Hohenstein‹ und den dortigen Dachshöhlen, an der Ruine ›Schlösslein‹ auf dem Tannenberg. Er schritt durch Hochwald nach Norden aus, folgte der Steinselb aufwärts und gelangte über den Breiten Berg nach Oberweißenbach, ging zum Basaltkegel Weißenhöhe und betrachtete lange von dort aus den Kornberg, bevor er wieder zurücklief, durstig, lechzend, ah­nungslos, und zu einem legendären Gelage ansetzte. Fünfzehn Liter sind eine Menge, die einem Pferd zur Ehre gereicht hätte. Aber Carlos hatte das Glück oder das Fatum, auf einem Platz zu sitzen, der an Außergewöhnlichkeit keine Wünsche offen ließ, zumindest was die geomantischen Daten betraf. Der Stuhl, auf dem er saß, stand exakt auf dem Omphalos, dem Mittelpunkt der Welt. Betrachtet man den Kiesgarten, in dem vereinzelt Löwenzahngewächse und Disteln sprießen, den Bretterschupfen am anderen Ende der zwergenhaft niedrigen Eingangstür der Gaststätte, kann man verstehen, warum nie je­mand auf den Gedanken kam, das Weltzentrum genau hier zu vermuten. We­der Carlos, wenn er es noch einmal wissen wollte, noch ein anderer Zecher fanden sich je in der Lage, sich auch nur in die Nähe dieser Masse zu süffeln, was daran lag, dass der unscheinbare, ächzende Gartenstuhl mit seiner abge­plautzten Farbe nie wieder an genau dieser Stelle stand, oder, wenn doch, der darauf sitzende Gast gar nicht auf die Idee kam, sich mit einem Scherdel-Fass zu messen.

»Warum nimmt eigentlich niemand die Wäsche von diesem Strauch da oben fort?« Joe Trinklein ist ein aufmerksamer Bewunderer dieser Installati­on, die direkt neben einem Waldweg, der hoch zum Rondell führt, bestaunt werden kann.

»Warum tust du es nicht?« Der Postler spielt Eichel und sticht seine Mit­spieler damit aus.

»Wer immer auch die Wäsche abnimmt, könnte Gefahr laufen, für den Täter gehalten zu werden, das ist doch klar«, sagt Ludwig.

»Für welchen Täter denn? Es ist nicht verboten, Damenwäsche an einen Vogelbeerstrauch zu hängen, vorausgesetzt natürlich, die Wäsche hat nichts dagegen.«

»Meine Güte, Joe«, sagt Konrad, »der Wäsche ist das völlig wurscht, aber dem Mädel vielleicht nicht, dem die Garderobe gehört.«

»Oder dem Scherzbold«, sagt Ludwig.

Die Tischrunde sieht ihn fragend an.

»Na, irgendwer hat die Wäsche dort zum Spaß hingehängt, damit Kerle, wie Joe einer ist, sich den Kopf darüber zerbrechen«, erläutert er, schon ganz glasig von der schlechten Luft im Schankraum. »Mach doch mal ein Fenster auf, Konny!«

»Ich weiß nicht«, sagt Joe in Richtung seines Bierglases, »die hängt jetzt schon sehr lange da. Jeder weiß davon.«

»Und? Hast du sie dir schon genauer angeschaut?« Der Postler spielt die Schellen-Sau, wirft dabei sein Glas um, alles über die Karten, in den Aschen­becher hinein. Das Gespräch wendet sich wieder dem Mond zu, aber Joe – Joe nimmt sich in diesem Augenblick vor, bei der nächsten sich bietenden Gele­genheit zum Wäschebusch zu gehen, nimmt sich vor, zu tun, was er bisher nie getan hatte: nach Spuren zu fahnden. Der Mond ist ihm völlig egal.

Iden

Tags, vor mir : 1 Gutschein für eine Allgäuer Brauer-Mahlzeit, ein­malig für das ausgewiesene Tagesgericht & ein kleines Allgäuer Brauhaus Bier zum Jubiläumspreis von 6 Euro. Wenn man hingeht, gerät man in eine Schnellküche, in einen Bauernaufstand des Brot­es, der Gerste. Lange dauern Worte, wie lange können sie blei­ben ? haben sie Malsachen dabei ? einen Schlafanzug ? Die Stim­mung ein Brüten. Sehr gerne würde ich mir begegnen wollen, zu­fällig natürlich, straß=ecks, dunkeltrüb (eine sich verjüngende Gasse zweigt ab.

Borges ist sich begegnet in los libros y las noches von 1999. Der Film steckt mir im Videorekorder, der noch bei meinem Gerümpel in der Schweiz liegt, die Hülle habe ich hier, im Keller, im Restezu­ber. Beinahe wäre ich nach Buenos Aires gegangen, aber das hätte mir genausowenig eingebracht wie damals Mexiko. Oder Paz’ Su­che nach einer Mitte, die schwer zu finden, schwer zu halten ist. Im Grunde habe ich es versucht, sage ich mir. Ich bin daran interes­siert, mich aufzulösen, mich hinfortzuschwingen, aber nirgendwo steht der Horst.

Als es noch die Erde gab und nicht das Produkt der Kunst (Kunst­produkt und Kunstwerk sind nicht identisch) als vor 6333 Jahren die letzten Traktoren in den Scheunen standen, ihnen stellt man nicht einfach Milch hin, damit sie zu schnurren begin­nen, da ge­schah dies : süßes Geflecht deiner äußeren Rinde / vom Mond be­schienen Tannin / die lockere Hand fällt der Rebe zum Trotz wurzelwärts. Von der Durach ins Schwarze Meer über Wei­dach – Iller – Donau, diesen Weg gingen wir heute nicht, die al­ten Traktoren wurden gebaut als es noch Land gab, sie sind ähn­lich wie das Pferd an den Kräutern interessiert.

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand:

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