Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: nacht Seite 1 von 16

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (12)

Sandsteinburg #47

Aus der ganzen Umgebung hatten sie ausgediente Möbel herbeigeschafft und quasi vor Finners Haustür aufgestapelt. Das war die Rückseite des Hauses, das vier großangelegte Betriebswohnungen beinhaltete. Das ganze Anwesen, inklusive der Katzenscheißefabrik gehörte eigentlich zum Granitwerk Vates, das etwa einen Kilometer Luftlinie von hier wie eine Steinwüste vor sich hin vibrierte. Die in aller Welt gebrochenen Rohblöcke gelangen auf verschiedenen Transportwegen zur Weiterverarbeitung in das Fichtelgebirge, aber die Grundlage der gigantischen Anlage bildete das Granitvorkommen in den Gebieten Waldstein und Kösseine. Adams Großvater gravierte dort Namen in die Grabsteine, und sein Vater Ludwig war einer der Fahrer. Die Netzsch Kunststoff GmbH hatte die abgelegenen Gebäude gekauft und zog dort einen Teil ihres eigenen Imperiums auf. So kam es, dass sich sogar Franzosen manchmal hierher verirrten, die alle ganz scharf auf Polyester waren. Es war das Material der Zukunft: Leicht bei einer hohen Festigkeit, resistent gegenüber vielen Chemikalien.

Das Feuer, das hier am 30. April entfacht wurde, konnte man bis nach Hebanz hinüber leuchten sehen. Zwischen Wendenschuchs Mühle und der namensgebenden Gemeinde befand sich Schwemmland, das die über die Ufer getretene Eger hier angelegt hatte. Labiate und Stechginster wuchsen hier, und die Heuschrecken ratterten durch den Abend. The Night has a thousand eyes von Bobby Vee drang aus einem entfernten Radiogerät, begleitet vom Geschepper der Teller und der keifenden Stimme Marlieses, mit der sie ihre Töchter anwies, die Salate nach draußen zu tragen. Die Bierbänke aus dem Schuppen standen um wackelnde Holztische herum, und rechts des Scheiterhaufens, auf dessen Gipfel man eine Stoffpuppe befestigt hatte, lagen Bierflaschen in Wannen, mit Eis bedeckt, in einer kleineren Hütte, die über und über mit Kronkorken zugenagelt war. Lumpi, der Hund, der ein Leben ohne Kette nicht kannte, bellte schrill und heiser und unablässig. Sein braunweißer Schwanz ragte wie eine vergammelte Banane krumm nach oben. Sobald es dunkel geworden war, kamen die Leute aus der Umgebung, die kein eigenes Feuer hatten. Willi Kaländer mit seiner Tochter Emma, Richard Langer, der Schiffsschrauben aus Harz und Kunststoff fabrizierte und dafür eine geheime Formel entwickelt hatte, hinter der die Firma Netzsch wie der Teufel hinter der armen Seele her war, kam mit seiner Tochter Michaela, einer Schulfreundin Adams – und sogar der Herold, der neben den Kaländers aus Schwarzenhammer wohl die meisten Schafe besaß, und bei dem sie alle ihre Eier holten, ließ sich kurz blicken. Viele brachten Bier mit, sprachen über ihre Arbeit bei Netzsch, Vates oder dem Sägewerk. Ida und Silke saßen in geblümten Sommerkleidchen da und starrten aus glasigen Augen heraus das gerade entfachte Feuer an. Beide hatten sie zerschundene Knie, blaue Flecke zierten die dünnen Oberarme. Helmut und Roland saßen etwas abseits hinter einem Gebüsch und betrachteten die verschwindenden Sonnenstrahlen auf der erst jüngst gestohlenen Goldmünze.

»Weißt du, in der Tschechei fragt dich niemand, wer du bist«, sagte Helmut und ließ die Dublone von der rechten in die linke Handfläche gleiten, die beide bereits überaus schwielig waren. Roland machte ein verdrießliches Gesicht. Er konnte nicht aufhören, daran zu denken, was geschehen würde, wenn ihr Diebstahl ans Tageslicht käme. Sein Vater war zwar keineswegs so brutal wie Richard oder Ludwig – man konnte seinen Schlägen meist ausweichen, wenn man sich etwas konzentrierte, denn es ging Erich nicht darum, zu treffen. Er musste sich nur irgendwie abreagieren, war wegen seiner schlampigen Frau frustriert, die das Wort Haushalt zwar kannte, aber im Tablettennebel nicht wahrnahm, dass ihre Wohnung mit dem Schandloch der Finners wetteiferte. Nun, man sollte nicht schlecht über seine Mutter denken – und das tat Roland auch nicht. Ihm war es völlig egal, wie es aussah. Er versuchte, sich so wenig wie möglich im Haus aufzuhalten.

Aber wenn das mit der Münze herauskommt, wird er mich treffen wollen, dachte er.

»Wer wird so eine Münze denn kaufen?«

»Ein Juwelier natürlich. Gibt’s auch bei den Kommis. Wir fahren mit dem Zug nach Schirnding und latschen dort irgendwo über die Grenze.«

Roland zuckte mit den Schultern. Ihm gefiel das alles nicht. Es hörte sich so an, als habe Helmut etwas nicht bedacht. Etwas Entscheidendes. »Lass uns zurück zum Feuer gehen, die Hexe wird gleich brennen, und ich habe Hunger.« Er stand auf, seine Knie knackten wie das Reisig, das von den Flammen erfasst wurde. Helmut erhob sich ebenfalls. »Bier?«, fragte er, und als Roland ihn dämlich anblickte, erklärte er ihm, dass er Bier abgezwackt habe. »Das schütten wir uns rein, wenn alle schon betrunken sind, dann riecht keiner mehr was.« Er lächelte humorlos. »Jetzt hörʼ schon auf, dir Sorgen zu machen. Wir warten mit der Münze, bis es richtig Sommer ist. Sagen wir August.«

Roland nickte, aber er wusste, dass er im August noch mehr Angst haben würde, denn dann gäbe es keine Ausreden mehr.

Als sie das Maifeuer fast erreicht hatten, hörten sie plötzlich den Tumult losbrechen. Richard schrie Marliese an, dass sie die Eier im Kartoffelsalat vergessen habe und dass sie zu blöd sei, um überhaupt etwas richtig zu machen.

Sie blieben stehen und sahen Richard mit den Händen herumfuchteln. Es wirkte fast wie ein Schattentanz, wie er da hin und her sprang. Gesichter glühten, vom Feuer beschienen. Von den Körpern war nichts zu sehen. Das Feuer erreichte in diesem Augenblick die Hosenbeine der Puppe, die auch einen ausgedienten Besen verpasst bekommen hatte. Das war gewöhnlich der Augenblick, wo sich alle erhoben und sich Glück wünschten, ähnlich wie an Silvester. Diesmal war das Schauspiel ein anderes. Richard packte Marliese an den Haaren und schüttelte sie daran hin und her, als wäre sie selbst nur eine Puppe. Ida und Silke begannen zu weinen und klammerten sich aneinander. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann sprangen auf, bereit einzugreifen – blieben aber dann stehen, als Marliese, plötzlich losgelassen, mit dem Hosenboden in den Dreck plumpste. Richard machte einen großen Schritt über sie hinweg und verschwand brüllend im Haus. Sebastiana half Marliese, die sich den Kopf hielt und etwas Unverständliches murmelte, auf eine Bank. »Ist alles in Ordnung?«

Ludwig musterte seine Frau, wie sie auf Marliese einredete.

»Es war ja nichts«, sagte sie, immer noch leicht benommen.

Die Hexe kreischte, die Flammen hatten sie jetzt ganz und gar eingehüllt. »Ich verfluche euch!«, rief sie vom Gipfel des Scheiterhaufens herab. »Sieben mal sieben Jahre soll …«

»Wir gehen da jetzt besser nicht hin«, flüsterte Helmut. Roland konnte sich ohnehin nicht bewegen. Er sah die Puppe, die wie eine menschliche Fackel aussah, in die Mitte des Feuerkegels abrutschen. Der blaue Rauch ließ die Augen tränen und wirkte wie ein verschleiernder Nebel. Die kurze Ruhephase – keiner sprach in diesem Augenblick ein Wort – wirkte umso geisterhafter, weil man die beiden Finner-Mädchen leise wimmern hören konnte. Im Haus krachte es, und dann kam Richard mit einem ganzen Arm voll Kleider aus der Türöffnung gestürzt und warf sie in die Flammen. Unterwegs verlor er einige hellbraune Strumpfhosen und einen BH, in den man Melonen hätte einpacken können.

»Der spinnt!«, sagte Helmut und es klang fasziniert. »Das sind die Klamotten meiner Mutter.«

Richard holte noch zweimal etwas aus der Wohnung. Schuhe, einen Stuhl, an dessen Lehne eine Stoffjacke hing, sowie zwei Wollmützen, bevor er sich beruhigen ließ, sich auf eine Bank setzte und stumm in das Feuer starrte. »Keine Eier«, murmelte er. »Wo gibt’s denn so was, dass ein Kartoffelsalat keine Eier enthält?«

Die Nacht duldet die Helligkeit des Feuers, sie duldet Kerzenschein und den Mond, denn dies sind die Lichter, die sie nicht zu durchdringen vermögen, die nicht gegen sie eifern. Ganz im Gegenteil bekränzen sie ihre unerbittliche Allgegenwart und beleuchten ihre Gestalt, die erst dadurch Formen bekommt. Was immer in der Nacht verborgen liegt, von ihr gefördert wird, ist nicht dazu angetan, von einem gesunden Geist geschaut zu werden, hat kein Interesse an der gewöhnlichen Schönheit, die von Apollon beschützt wird.

Aus der Eger krochen Schatten zum glimmenden Feuer hin, aus dem Schwemmland glitten seine Brüder durch Disteln und Lupinen und erstickten die noch seicht züngelnden restlichen Flämmchen. Von oben sah das glimmende Holz aus wie eine glühende gigantische Stadt. Adam hörte, in seinem Bett liegend, die lange Kette des goldbraunen Spitzmischlings Lumpi rasseln, und dann die Schaufeln, wie sie Sand und Erde über die Glut warfen. Aber nicht ein einziger Schatten wurde damit begraben. Körperlose Stimmen besuchten ihn. Da draußen stimmte irgendwas nicht. Und es sollte sich bewahrheiten.

»Wie geht es dir?«, fragte er seinen Bruder, der unter ihm im Etagenbett lag. Adam bekam keine Antwort. Claus hatte sich längst schon in den Schlaf gezappelt, hielt die Stoffwindel zusammengeknüllt an seine Wange. »Ich habe einen Wolf gesehen«, sagte er in die Dunkelheit hinein. Er hätte es nicht gesagt, wenn er gehört worden wäre. »Aber es war auch irgendwie kein Wolf.«

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (11)

Sandsteinburg #46

Thamyris, dem die Musen in einem Wettstreit, den er verlor, die Leier zerbrachen und das Augenlicht nahmen : das ist mehr als Influenca, weil man früher an den Einfluss der Sternkonstallation auf den Ausbruch der Epidemie glaubte, und jetzt ist die Katastrophe (unsere Welt) ein Ergebnis des Wissens, das expansiv ist, und nicht konservierend wie der Mythos.

Etwa eine Stunde später hatten sie Helmuts Leiche in kleine Stücke zersägt und mit der Karre zur Jauchegrube gebracht. Richard durchtrennte alle großen Knochen, bis sie ein handliches Format besaßen, und zerkleinerte auch den Schädel, bevor er alles in das Loch warf. Die Augen hatte Dr. Hohenner fachmännisch aus den Höhlen gepult und in einem Weckglas aus Marlieses Bestand in seine Praxis nach Hebanz mitgenommen.

»Und es waren doch die Wölfe!«, beharrte Finner, als sich die Männer der Umgebung in der Scheune hinter Richard Langers Lager, randvoll mit Schiffskörpern aus Polyester, am Abend versammelt hatten. »Es geht schon wieder los.«

Der Boden war übersät mit Teppichflicken, die verschüttetes Bier ausdünsteten. Abgebrochene Geweihe klagten, an die Wand geschraubt, gegen die Jagd nach Trophäen. Darunter, auf einem halbhohen Wandschrank mit teilweise abgelöstem Furnier, stand ein mittelgroßer Hamsterkäfig, in dem die weiße Ratte Fridolin hin und her raste, die Ludwig in seiner Küche hinter dem Spülstein gefangen hatte. Sie war groß wie eine Katze, ihre glühenden blassroten Augen, die eher orangefarben in die Scheune blickten, zeugten von einer bestialischen Intelligenz. Fridolin schien geeignet, das Wappentier eines Mörders zu werden, wenn es irgendwo einen gegeben hätte. Oder waren sie jetzt alle Mörder?

Schaler Hopfensaft tropfte unablässig durch angetrockneten grauen Schaum aus einem Holzhahn, der in einem Aluminiumfass steckte, auf dem in roter Schrift EKU stand. Die Hütte war eingerichtet worden, um Freitagabends den Schafkopf, ein Kartenspiel, zu beherbergen, und um dreckige Zoten über die von unzähligen Hintern abgeriebenen Bierbänke kriechen zu lassen. Manchmal fütterte Adam Fridolin, der ihn anstierte wie eine verhexte Gottheit das wohl auch getan hätte.

»Hier ist es still«, flüsterte Adam der Ratte zu und hielt ihr ein Wiener Würstchen hin. »Ich habe von Sachen geträumt, die dir sicherlich gefallen hätten.«

Fridolin nickte: »Ich weiß. Ich war in diesen Träumen dabei. In einer anderen Gestalt zwar, aber ich war da. «

»Du würdest mir den Finger abbeißen, wenn es mir einfiele, dich zu berühren, richtig?«

»Ja, das würde ich. Es tut mir Leid, dass ich dir nichts anderes sagen kann.«

»Du beißt die Hand, die dich füttert, könnte man sagen.«

»Könnte man sagen. Das ist ganz einfach. Du kannst mich am Leben halten oder nicht. Deine Entscheidung. Aber du solltest dir im Klaren sein, dass ich ein Killer bleibe, was immer auch geschieht. Das bedeutet auch, dass ich meinen eigenen Tod in Kauf nehmen muss.«

»Weißt du, wer Helmut umgebracht hat?«

Fridolin warf ihm noch einen bedauernden Blick zu und verzog sich dann majestätisch in einen Berg aus Sägespänen, in den er sich eingrub.

Richard Finners Kopf glänzte wie eine geölte Melone, und nicht sein Mund sprach die Worte aus, sondern sein Schnurrbart.

»Wie kommst du darauf, dass es Wölfe waren? Ich glaube, mittlerweile dürfte jedem klar sein, dass dein Sohn abgeschlachtet wurde.« Ludwig war die ganze Sache unangenehm. Er hasste Finner regelrecht und wäre froh darüber gewesen, wenn er von hier für immer verschwunden wäre, mitsamt seinem Stall. Jeder wusste, dass die auf der Rückseite des Wohnklotzes lebten wie die Schweine. Die Gelegenheit war nie besser gewesen als jetzt. Nur hingen sie, was diese Sache betraf, gemeinsam drin.

»Hier gibt’s keine Wölfe«, sagte Bergmann. »Und dass dein Sohn jetzt in seine Einzelteile zerlegt in der Scheiße schwimmt, wirst du sowieso nicht mit Wölfen erklären können. Das war eine saudumme Idee. Was will Hohenner eigentlich mit den Augen?«

»Woher soll ich das wissen!«

Die Nacht kicherte, denn die Nacht kichert immer.

»Jemand hat ihn umgebracht. Das war nicht zu übersehen«, sagte Ludwig. »Das Problem dabei ist, dass wir alle nicht nachgedacht haben. Ihr glaubt doch nicht, dass wir das einfach so vertuschen können!«

»Es war schon nicht richtig, ihn dort festzubinden. Wegen so einer Kleinigkeit, meine ich …« Ludwig wirkte beschämt.

»Kleinigkeit?!« Finners Kopf sah aus wie ein Feuerball mit Augen. »Er wollte, dass Adam sein Ding in Idas Arsch steckt!«

Ludwig wollte gerade sagen, dass darin schon ganz andere Dinge gesteckt hatten, aber er hielt den Mund. Das letzte, das sie jetzt gebrauchen konnten, war ein Streit, der aus den Fugen geriet. Er dachte an das letzte Maifeuer zurück.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (10)

Sandsteinburg #45

Richard beachtete den vor Nervosität tänzelnden Roland nicht, als er einen einzigen Satz zwischen seinen strichartigen Lippen zerquetschte. »Das warʼs«, sagte er, als wäre eine langfristige Arbeit nun endlich erledigt. Dann stapfte er in seinen gumpelnden Gummistiefel, in die er die Röhren seiner braunen Latzhose gesteckt hatte, auf den Wendenschuch-Baum zu, drehte sich zu den anderen um, die sich nicht rührten und nur beobachteten, wie der Fliegenschwarm um seinen Kopf herum brauste und sich Richard Finner dadurch in den Beelzebock verwandelte. Ein von Schwärmen umgarnter Georges Gurdjieff (die Ähnlichkeit nämlich war nicht zu leugnen). Er befahl Erich, den Doktor zu holen, und das ein bisschen plötzlich, wandte sich dann seinem toten Sohn zu und achtete darauf, nicht auf das Gekröse zu treten. Dann zückte er ein Messer, das er in einer Lederscheide an seinem Gürtel hängen hatte und schnitt das Seil durch. »Und bring auch eine Schubkarre mit!«

Statt vornüber zu kippen, rutsche Helmuts sterbliche Hülle ein Stück am Stamm hinunter und fiel dann zur Seite. Mittlerweile sah die Leiche aus wie eine Strohpuppe, wie sie immer im Mai vor dem Haus verbrannt wurde. Erich rauschte wütend davon, aber er widersprach nicht. Obwohl es nicht seine Angelegenheit war, stand ihm nicht der Sinn danach, eine Diskussion zu entfachen. Nicht in dieser beschissenen Situation, denn es gab da ein Geheimnis zwischen ihm und diesem Teufel, der den Honigpott besaß, aus dem er sich selbst schon bedient hatte. Er wollte nicht riskieren, dass er mit unterging, falls das alles einmal herauskommen sollte. Aber noch weniger wollte er riskieren, nicht mehr davon naschen zu dürfen.

Trotzdem fand er eine Möglichkeit, seine Wut auf sich selbst zu mindern. Er entdeckte Roland, der immer noch hinter diesem Baum vor dem Trampelpfad stand und begierig jedes Detail in sich aufnahm, ging schnaubend auf ihn zu und schlug noch im Gehen mit der Faust ins Gesicht. Die ganzen zwölf Lebensjahre wichen aus Rolands Augen, als seine Nase in einem Feuerball explodierte und er zu Boden ging. »Du kommst mit!«, knirschte er, hielt aber nicht eine Sekunde inne, sondern marschierte den gewundenen Weg hinunter zur kasernenartigen Anlage, in der sie alle lebten. Roland rappelte sich auf und torkelte schniefend hinter seinem Vater her. Durch die Nase atmen war von jetzt an erst einmal vorbei. Gar nicht auszudenken, wenn das mit der Münze …

Etwa zwei Stunden später tauchte Dr. Sebastian Hohenner mit einer Ledertasche auf. Der Hemdkragen schnürte in seinen wuchernden Hals hinein. Er blickte verdrießlich, als er ganz allgemein fragte, was hier eigentlich los sei. Manfred war unten am Feldweg geblieben, um zu verhindern, dass es noch mehr Zeugen gab. »Das waren die Wölfe«, erläuterte ihm Finner das Gemetzel. Hohenner blickte sich erst einmal um, wobei sein Blick an keinem bestimmten Ort verharrte. »Aha!«, sagte er. »Wurden sie gesehen, diese Wölfe?« Darauf antwortete niemand. »Was glauben Sie also, was ich hier mache? Haben Sie die Polizei verständigt?«

Als wieder niemand antwortete, fuhr er fort: »Das habe ich mir gedacht.«

»Wir wollten erst sehen, was Sie dazu sagen.« Richard kratzte sich am Kinn und blickte dann zur Fliegeninvasion hinüber.

Die aus dem Gesicht ragenden Augenbrauen Hohenners sprengten nach oben. »Was haben Sie hier eigentlich veranstaltet? Am Telefon sagte man mir, es hätte einen Unfall gegeben, aber das da drüben sieht mir nicht nach einem Unfall aus. Soll ich es mir wirklich ansehen, was meinen Sie?«

»Vielleicht können Sie ja den Totenschein ausstellen.« Richard begleitete den Arzt, dem sein wütender Blick angeboren schien, zur Esche, an der das Blut jetzt braun und festgebacken war. Der Gestank stand wie unter einer Käseglocke, aber niemand reagierte darauf. Einige Meter vor Helmuts Überresten entfernt blieben die beiden Männer stehen. »Was zum Henker?«

Richard zuckte zusammen. »Das müssen die Wölfe gewesen sein!«, sagte er und wirkte dabei nicht wenig debil.

»Das … scheint mir etwas abwegig, und ich glaube, Sie wissen das auch!«

Im Hintergrund nutzte Roland die Gelegenheit, den Boden abzusuchen. Niemand achtete auf ihn.

»Sehen Sie die Rostblättchen?« Der Arzt ging in die Hocke, zog einen Gummihandschuh aus der Tasche seines Wollsakkos und fuhr mit den Fingern an den Rändern der Bauchwunde herum. Richard sah ihn düster an.

»Wie kommen Sie denn auf Wölfe?«

»Wer sollte so eine Verrücktheit sonst veranstaltet haben?«

»Erstens gibt’s hier keine Wölfe mehr, und schon gar nicht im Sommer, zweitens hantieren Wölfe nicht mit einer Säge herum, und drittens holen sich Wölfe nur etwas, wenn sie Hunger haben. Wer immer das hier getan hat, dem ging es nicht um Nahrungsaufnahme.«

Im Traum ist alles Gegenwart. Jedes Erwachen zieht fürchterliche Konsequenzen nach sich. Die Elemente des Traumes pressen sich zu einem verschwindenden Punkt zusammen, drücken von innen gegen die Augäpfel, bevor sie, von Blutkörperchen aufgegriffen, in den Verdauungstrakt befördert werden, als wolle sich der Körper augenblicklich von aller Illusion befreien, so gering sie auch immer scheinen mag. Es sind nur Bruchteile von Sekunden, die darüber entscheiden, wo und wie man aufwachen wird, langgestreckt oder kauernd. Jede Nacht verändert die Struktur des Denkens.

»Gut, von mir aus, aber die Bisse … «

»Stammen von menschlichen Zähnen. Und die Zunge …« Hohenner fingerte in der Mundhöhle herum, gefüllt mit gestocktem Blut, als wäre Helmut an Schokoladenpudding erstickt. »Die hat jemand abgeschnitten und vermutlich mitgenommen, oder haben Sie irgendwo eine Zunge gefunden?« Hohenner erhob sich, wedelte ein paar Fliegen aus seinem Gesicht, und sagte laut, dass es auch Ludwig mitbekommen konnte: »Meine Herren, das hier ist ein Tatort. Ich kann hier keinen Totenschein ausstellen. Der junge Mann wurde ermordet. Will mir jemand erklären, was diese Seile zu bedeuten haben?«

Es stank nach Senf, Mosterd, Moutarde, Mustard, den man in Dijon nicht mit Essig sondern mit unreifen Trauben bespritzt, den pubertären Reben, die aufgrund ihres Quotienten die Aufnahmekriterien zum Wein nicht erfüllen können.

Richard tat sich schwer damit, von einem alten Ritual zu sprechen, von dem er selbst nicht genug wusste, das sich aber im Laufe der Zeit als praktisch erwiesen hatte, auch wenn man es kaum mehr nutzte. Die Zeiten der Moderne rückten immer näher und würden bald eine tote Erde hinterlassen haben, die niemand mehr düngt. »Das hier ist unser Sühnebaum, Hohenner! Hier regeln wir unsere häuslichen Angelegenheiten.«

Der Arzt starrte Richard verblüfft an. »Aber das sind keine häuslichen Angelegenheiten mehr! Damit haben Sie jetzt ein Problem, bei dem ich Sie nicht unterstützen kann. Ich kenne derartige Geschichten natürlich. Wir sind hier sehr weit vom Schuss, wie wir alle wissen. In Hebanz hat vor Kurzem eine Mutter ihren Sohn mit der Zunge an der Tischplatte festgenagelt, weil der sich nachts aus dem Haus schlich, um Zigaretten zu rauchen, die er ihr gestohlen hatte. Ich habe ihn verarztet. Schwamm drüber. Aber das hier ist etwas völlig anderes. Das ist Ihnen doch klar?«

»Wenn Sie es nicht ausplaudern …« Der Satz war kaum zu hören, so leise kam er aus Richards Mund. Manch gefährlicher Ton bahnt sich sanft seinen Weg.

»Was?«

Richard fuchtelte in einer hilflosen Geste mit den Händen in der Luft herum, als wolle er ein Bild dort malen. »Sie sind hier, weil wir dachten, Sie würden sich um die Angelegenheit kümmern, und zwar ohne dass wir hier bei Stahlnetz landen. Einen Totenschein wollen wir von Ihnen, in dem steht, dass mein Sohn von Wölfen angefallen wurde.«

Hohenner sah ihn an, als hätte er völlig den Verstand verloren. Dann sagte er gefasst: »Selbst wenn es so wäre, wie Sie es wollen, müssten wir die Polizei verständigen. Bei jedem Todesfall übrigens, der einige Zweifel aufwirft. Herrgott, wissen Sie das denn nicht?« Dann warf er seine grimmigen Blicke auf Ludwig. »Und Sie? Sie wissen das auch nicht?«

»Wir werden die Sache regeln. Aber wir müssen es auf unsere Weise tun«, sagte Ludwig.

»Und was war mit dem Sturm 1971!« Richard verschluckte sich fast an diesem nahezu brutal herausgespuckten Satz. »Ramelow und dieser andere Kerl?«

Der Arzt sah überrascht von einem zum anderen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden Fälle etwas miteinander zu tun haben.«

»Laut Frankenpost Sie haben damals gesagt, es handle sich um die Bissspuren eines Wolfes.«

Hohenner seufzte, Luft ging durch seinen Körper. »Ich habe damals gesagt, es handle sich um ein Tier mit einer enormen Bisskraft, und das …« Er deutete hinter sich, »war verdammt noch mal kein Wolf.«

»Sie wissen, wie viele Menschen in den letzten Jahren einfach verschwunden sind.« Richard wechselte offensichtlich das Thema. »Ich meine, interessiert das überhaupt jemanden? Das hier ist schlimm. Sehr schlimm. Aber wir regeln das eben auf unsere Weise.«

Hohenner sah ein paar Minuten nachdenklich drein, hielt sein Kinn mit der rechten Hand fest und stakte, scheinbar tief in sich versunken, auf der Lichtung herum. Richard und Ludwig sahen sich an. Es war kaum zu merken, dass sich die beiden Männer spinnefeind waren. Der Arzt blieb abrupt stehen, richtete sich auf, klatschte in die Hände und sagte: »Also gut. Ich will die Augen!«

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (9)

Sandsteinburg #44

»Meine Fresse, was sollen wir jetzt nur machen! Wir müssen doch irgendwas unternehmen!« Erich Wendler sprang um den zu Stein erstarrten Richard Finner herum. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann standen gemeinsam etwas abseits, denn man wusste nie, wie dieser unberechenbare Kerl reagieren würde. (Seit dem letzten Maifeuer, in das er laut brüllend seinen halben Hausrat geworfen hatte, weil keine Eier im Kartoffelsalat seiner Frau zu finden waren, blieb man lieber auf Armlänge von ihm weg. Das war das Mindeste!) Roland hatte sich nicht mehr auf die Lichtung gewagt, stand umständlich hinter einem Baum, obwohl er Bäumen im Moment nicht sehr nahe kommen mochte. Er wollte natürlich trotzdem sehen, was jetzt geschehen würde, aber eigentlich war er da, um sicher zu gehen, dass die Münze nicht irgendwo dort herumlag, wo Helmuts Überreste alles durcheinanderbrachten.

Das Odeln, wie man das Übergießen mit Jauche nannte, war bis zu diesem Tag, zu dieser Nacht, immer gut verlaufen. Es war eine dem Regelwerk entsprechende Strafe, natürlich eine Demütigung für jene, die sich gegen die Gemeinschaft versündigt hatten. War aber die Nacht an diesem Baum (und es war immer dieser Baum, es war nie ein anderer) überstanden, galt man als geläutert. Das Vergehen fand nie wieder Erwähnung, es war nicht mehr existent. Ungeschehen gemacht. Vorher jedoch wurde man an die Esche gebunden, bekam einen Kübel Gülle über den Kopf geleert und hing vierundzwanzig Stunden allein im Wald. Am Schlimmsten war die Kälte, nur am Anfang beeindruckten auch der fürchterliche Gestank und der Gedanke, dass man nicht nur in seiner eigenen Scheiße badete, sondern in der von allen. Essensreste, Blut – da war einfach alles vertreten. Es ging um die Gemeinschaft, also ging es auch um deren Produkte. Das hier war nicht mit einem Pranger zu vergleichen, man wurde nicht wie früher zur Schau gestellt und mit brennenden Scheiten traktiert, man blieb für sich allein und hatte Zeit zum Nachdenken. Die bekam man gratis obendrein. Nur im Winter verzichtete man auf die Prozedur, man sparte das Odeln auf, bis es wieder Frühling wurde – und es hatte schon einige gegeben, die sich sogar darauf freuten, einmal hier hängen zu dürfen, die temperierte Jauche auf der Haut. Die gab es, und es waren dieselben, die dabei in äußerste Erregung gerieten. Das musste anfangs sehr irritierend gewirkt haben. Irgendwann aber, da wurde man aus der Erfahrung klug, wurde das Schauspiel für eine ganz normale körperliche Reaktion gehalten. Beim Sterben, erklärte Dr. Hohenner, der einzige Arzt weit und breit, ergossen sich die Delinquenten sogar, wenn sie stranguliert wurden. Er faselte noch etwas von Alraunen, bevor er fließend zum Thema Gartenbau, vor allem zu seinen Kürbissen überging, die tatsächlich eine Größe erreichten, wie man sie nirgends noch gesehen hatte.

Der Baum wuchs aus dem Rachen Alfons Wendenschuchs, der hier begraben lag, und dem einst das Samenkorn unter die Zunge gelegt wurde. Um ihn rankten sich zu Lebzeiten nicht wenige Legenden. Eine davon besagte, dass er mit dem Teufel im Bunde stand, dem er in den einsamen und weiten Wäldern begegnet war. Andere sagten, dass er der Teufel selbst sei, der hier mit den Hammermühlen ein neues Spielzeug der Grausamkeiten erfand, dass die Schwerter, die aus seiner Schmiede kamen, bereits bei leichter Berührung der Klinge den Tod brachten. Man sagte, dass der Müller Kinheckl, der die Hammermühle, die heute als Wendenschuchs Mühle bekannt ist, zusammen mit seinen beiden Söhnen erbaut hatte. Als nun dieser Fremde auftauchte, der sich Wendenschuch nannte und eine Offerte zum Kauf der Mühle machte, lehnte Kinheckl ab. Kurz darauf geschahen diese beiden sonderbaren Unfälle mit den gewaltigen Hämmern, die Kinheckls beiden Söhnen das Leben kostete. Das erzählte man sich hier, um sich etwas zu gruseln. Schließlich war niemand dabei gewesen im Jahre 1499, als noch nicht einmal das Schloss in Kaiserhammer stand, selbst ein rätselhafter Bau, der nach außen hin nur Gleichgültigkeit verströmte.

An den Ufern der Eger entlang glühten die Essen bis tief in die Nacht – die wasserbetriebenen Hämmer rumorten wie der Höllendonner. Es musste ein Mordsspektakel gewesen sein. So konnte man sich leicht den Hades vorstellen. Wo Erze gewonnen, oder in Salinen gegraben wurde, da zog es auch die Alchimisten bald hin, die stets auf der Suche nach dem Urstoff, dem Weltgeist und den Stein der Weisen waren. Vielleicht war Alfons Wendenschuch einer von ihnen, aber wer wollte das heute noch wissen? Manchmal flüstert der Wind Zaubersprüche, die jeder schon gehört hatte, der hier längere Zeit lebte. Manche erzählten sich, der Wind gäbe in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse wieder, wie es früher die fahrenden Sänger taten, aber die Worte seien unverständlich, weil keiner die Sprache verstand und weil der Wind an verschiedenen Orten immer nur ein Wort oder einen Satz murmelte. Wieder andere schworen, dass der Wind Namen preisgab; wenn man Pech hatte sogar den eigenen, und man erläge dann dem Gesetzt der mystischen Schmiede, die über Leben und Tod wachte.

So gab es also viele sich widerstreitende Geschichten, wie sie überall auf der Welt in den abgelegenen Regionen zu finden sind, aber eines wusste man ganz genau zu bestimmen: Hier, unter diesem Baum, der sich nach oben hin zweiteilte, und der aus der Ferne aussah wie eine übergroße Zwiesel, lag der Stammhalter der Wendenmühle.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (8)

Sandsteinbuzrg #43

Roland hatte sie Helmut schließlich ohne viel Federlesens überlassen. Er war froh, sie los zu sein. Jetzt fühlte er sich frei von Schuld. Das Gold verätzte nicht mehr seine Handflächen, zog nicht mehr wie ein schweres Gewicht an seiner Hose, wenn er es in der Tasche stecken hatte. Die Münze besaß ein merkwürdiges Eigenleben, das stand fest. Sie war nicht einfach nur aus Edelmetall, nicht nur alt, sondern mindestens genauso verräterisch.

»Wir werden herausfinden, was sie Wert ist. Wir gehen rüber in die Tschechei, da interessiert es niemanden, wer wir sind – und dort können wir die Kohle auch gleich ausgeben.« Helmut schielte den Louis d̟ʼOr mit wässrigen Augen an, dann steckte er ihn ein und trug ihn von diesem Zeitpunkt an auch immer bei sich. Manchmal holten sie ihn hervor, wenn sie im Gebüsch in Leuthenforst herumsaßen und Bier tranken.

»Wann gehen wir rüber?«, fragte Roland, denn er würde erst wirklich Ruhe finden, wenn das Ding ein für alle Mal verschwunden war. Er hatte merkwürdige Gefühle, wenn er die Münze berührte, Schlaglichter seiner Urängste, die seine Glieder unkontrolliert zittern ließen, Bilder von Leichenhänden, die ihm den Mund zuhielten, ihn unter Wasser zogen. Er sah hetzende, geifernde Wölfe, die aber aussahen wie … wie …

»Bald. Aber jetzt sollten wir erst Ida und Adam holen.« Er steckte den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger. Als Roland nicht gleich verstand, erklärte er ihm, dass es ein Mords Spaß wäre, wenn sie Adam dazu bringen könnten, mit Ida … »Na, du verstehst schon!«

»Mit deiner Schwester?« Roland ließ sein Gesicht fallen.

»Klar. Und wir schauen zu. Wahrscheinlich müssen wir sie festhalten, und rumschreien wird sie auch, wie ich sie kenne.« Helmut sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, als plane er ein gewöhnliches Picknick.

»Wird sie nicht petzen?«

»Wem denn?« Helmut grinste reptilienhaft. Dass Richard Finner die beiden Mädchen selbst eingeritten hatte, vermutete zwar jeder, aber so richtig wissen wollte es keiner. Außer Helmut. Aber der machte immer nur Witze darüber, so dass man sich nie sicher sein konnte, was stimmte und was nicht. »Außerdem ist Petzen gefährlich. Niemand findet die Zeit, ständig auf sie aufzupassen. Und du weißt ja, wie das mit der Rache ist.«

Roland schüttelte den Kopf. »Nö. Weiß ich nicht.«

»Komm schon!« Helmut schlug Roland so fest auf den Rücken, dass ihm fast die Speiseröhre aus der Brust brach. »Rache ist Blutwurst!«, brüllte er.

Die Münze, die Roland in der Hosentasche vermutete, war nicht da. Er nestelte in den vier Taschen der Jeans herum, begann wieder von vorne, riss sie in die Höhe und schüttelte sie. Eine andere Möglichkeit, danach zu suchen, gab es nicht. Da waren nur noch das blaue T-Shirt und die Lederstiefel, die nach Jauche rochen. Er drehte sie vorsichtshalber dennoch um. Nichts kam zum Vorschein außer ein paar Tannennadeln.

Und jetzt setzte die Panik ein. Sie breitete sich in seinen Adern aus und versorgte die Muskulatur mit Gift. Roland glaubte für einen Moment, ersticken zu müssen. Der Gestank fauchte wie eine mit Sauerstoff gefütterte Feuersbrunst über ihn hinweg, der Fliegenschwarm kam direkt aus seinem Kopf, seine Ohren bildeten die Tore des Abyssus, des Hades, der Unterwelt. Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust, rollte über seine trockenen Lippen und wurde augenblicklich von den schwarzen Boten der Verwesung befallen. Ein zweites, tieferes Stöhnen versteckte sich in seinen Nebenhöhlen, blieb dort hängen wie ein Kaninchen in einem zu engen Bau. Ein Fuchs überquerte aufgeregt die Lichtung. Aber auch er schlug einen respektvollen Bogen um das entsetzlich tote Fleisch. Roland hörte Stimmen, aber er konnte sich erst wieder bewegen, als er den durchdringenden Schrei einer Frau vernahm.

Lucki hockte im Gebüsch und lutsche an seinem Daumen. Das hatte er sich eigentlich schon abgewöhnt, jetzt fing er wieder damit an. Marliese war weitergegangen wie eine Traumwandlerin, jammerte und schrie in einem Ton, der sich dazu eignete, die Vögel vom Himmel zu holen. Roland erwartete jeden Augenblick das Prasseln gefiederter Körper. Marliese blieb in gebührendem Abstand vor der Leiche ihres Sohnes stehen, biss sich in die Faust und wankte. Roland fragte sich, ob sie auf ihn losgehen würde, aber sie bemerkte ihn nicht einmal. Stattdessen bohrten sich ihre Blicke in den geöffneten Leib und verharrten dort anstelle der Organe. In ihren Träumen würde sie, solange sie lebte, dieses schimmernde schwarze Loch sehen, manchmal würde sie darin schlafen und Blut weinen.

Die Nacht kann auch der Retter sein, der es gut meint, wenn wir zu viel gesehen haben. Dann verbirgt sie, was wir an Schrecken nicht verkraften. Jetzt kam die Nacht über Marliese, der es weder gelang, ihre Töchter vor der männlichen Wucht zu bewahren noch ihrem Sohn dieses archaische Ereignis zu ersparen. Sie fiel vornüber wie eine Statue, mit dem Gesicht auf den weichen Waldboden, der ihr dennoch einige Prellungen beibrachte. Umständlich kam Lucki, mit beiden Armen rudernd, aus dem Gebüsch, warf sich zuerst neben sie und dann auf sie. Tränen spritzten weit aus seinem Gesicht. Die Ohnmacht seiner Mutter ließ ihn sich wie rasend gebärden. An seinem toten Bruder ängstigte ihn nur die Szenerie im blutigen Garten Getsemani.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (7)

Sandsteinburg #42

1813 empfing August Wilhelm Schlegel, der ruhmreiche Übersetzer Dantes und Shakespeares, eine Münze von Germaine, der Madame von Staël, als er sie von Göteborg nach London begleitete, weil er sich, zunächst ohne Erfolg, einige Hoffnungen auf den rustikalen Leib der Baronesse gemacht hatte. Es hätte ja durchaus sein können, dass Germaine, die nicht wenige ihrer Kinder im Lotterbett empfangen hatte, mit ihm, der sonst wohl kaum je eine Gelegenheit bekommen würde, etwas anderes als schattige Zeichnungen eines Boudoir zu betrachten, ein Schäferstündchen abzuhalten.

Die Herrin des Jahrhunderts, wie sie von ihren Bewunderern genannt wurde, hätte ihm doch ganz gut für eine Liaison gestanden. Er wusste nicht, dass Madame de Staël ihn tatsächlich gerne in ihrer Nähe hatte, allerdings weil sie ihn für ihr Buch brauchte, das sie über Deutschland schreiben wollte. Sie hielt Schlegel für einen typischen deutschen Professor, als Liebhaber eher für unattraktiv, pedantisch, empfindlich, aber für bieder und treu. Er durfte ihren Roman ›Corinne ou l’italie‹ rezensieren und mit ihren Freunden und ihrer Familie in einem rosaroten Schlösschen im schweizerischen Coppet ihren Sekretär geben. Zu seiner Ausstattung gehörte ein großzügiges Salär, mit dem er seine frühromantischen Freunde unterstützte. Die kleinen Luftküsse, die der etwas schwerfällige August hier und da parat hielt, wurden von der Baronesse jedoch geflissentlich ignoriert. Dann aber geschah etwas bis dahin Unverhofftes. Obwohl Madame de Staël ihrer Libertinage ausgiebig frönte und gleichzeitig Augusts Avancen stets freundlich, aber nicht ohne kleinste Schmähungen, zurückwies, bekam sie eines Abends einen Korb von einem ihrer Liebhaber. Außer sich vor Zorn rauschte sie durch sämtliche ihrer üppig bestückten Schlafzimmer und brachte die Betten, die von den Mägden hübsch zugerichtet waren, voller Wut in Unordnung. Ob nun die Kränkung ihr an sich robustes Wesen oder ihre Libido betraf, spielte dabei keine wirkliche Rolle. Ihr fehlte schlicht die Anerkennung und Bewunderung für einen Tag, nämlich für den gegenwärtigen. Freilich hatte sie solche Tage schon erlebt und nicht selten aus Mangel den Pferdeknecht ins Heu gezwungen, der dann – selbstverständlich in lyrischer Sprache – ihre Brüste zu besingen hatte. Allerdings lag das Problem auf der Hand: Pferdeknechte und Lyrik waren selten befreundet, vielmehr hätte diesem Berufsbild angestanden, ein Gedicht zu fluchen statt zu singen. Trotzdem hatte besagter Knecht die Stirn besessen, ihr ins Gesicht zu sagen, sie gäbe die Milch der Heilgen Johanna. Und mit religiöser Kopulation wollte sie nichts zu tun haben. Sie kannte des Teufels Küche nur zu genau.

Als sie mit dem Schnauben ihrer Wut plötzlich in Augusts Kammer stand und ihn anstarrte, als hätte sie ihn noch nie gesehen, war der Schriftsteller wohl derart beeindruckt von ihrer Erscheinung, dass er durch Zufall das richtige Gesicht aufsetzte. Wie das nämlich mit Gesichtern so ist, erblicken wir sie zuerst. Die Madame war heißblütig genug (sie wollte ja eigentlich nur das Bett auch in diesem Zimmer zerwühlen), um das erstarrte Staunen fälschlich für Ehrfurcht zu halten, genau das, wonach sie sich jetzt sehnte. Schon einige Tage später befanden sie sich auf Hoher See.

»Denk dir, mein lieber August, diese Münze beherbergt nicht nur das feinste Gold, darin schwelgt auch noch das Blut des Prägers, der sich bei der Fertigung an der Rändelmaschine verletzte, unachtsam, weil ihm sein Liebchen davongelaufen war, um sich in die Arme eines weniger angesehenen Bürgers – eines Bänkelsängers mit einer riesigen Laute – zu werfen. Ein romantischer Stoff wie dieser steht keinem anderen so zu Gesicht wie dir. Und weil du mich in dieser unschicklichen Situation so schicklich behandelt hast, sei dir dein Salär, das du so stattlich von mir empfängst, mit diesem Louis dʼOr noch einmal aufgewertet. Allerdings unter der Bedingung, dass du diese Geschichte im Trüben lässt!«

»Blut?«

»Nun, es ist ein Gerücht. Aber auch wenn es keines wäre: solange die Geschichte erzählt wird, existiert auch deren Wahrheit. In unseren Salinen von Salins-les-Bains fließt übrigens mehr Blut in die Sole als irgendwo in eine Münze, falls dich das beruhigt. Aber ich meinte keineswegs das Blut in der Dublone, das du für immer verschweigen sollst, sondern unsere Bettgeschichte!«

In Schlegels sofort einsatzbereiter Vision stand der Balancier, bei dem der Oberstempel durch einen Gewindespindel auf- und abgeführt wurde, mit seinem doppelarmigen Hebeln, mitten im dampfigen Raum, gleich neben dem der Kesselflicker und den Goldschmieden, ein stinkendes Allerlei aus Metall ringsherum. Als ob der Teufel gleich sichtbar werden würde, verschanzte sich ein mickriges Männlein, das offenbar keine Pause haben wollte. Es hielt den Unterstempel in der Spindelpresse fest und das Gold nagte an seinem Finger, zog ihm die Rillen ab.

»Vielleicht istʼs aber deshalb geschehen, weil die Toten und deshalb tote Dinge sich mit dem Blute stärken wollen«, sagte August zu sich. »Was hat denn so ein Flan davon, sich das Blut eines Knechtes zu erstanzen? Die Münze wirkt als spiritus antiepilepticus, viel wichtiger aber bei ihm als antipodacricus, und wenn erʼs versuchen will, dann reibe er sich die entflammten Stellen!

Was verwandelt sich in einer rechten Alchimistenküche nicht alles in Gold: Getreide, Spreu, Hobelspäne, Pferdemist, grünes Laub, Flachs, Lilien, Steine, Scherben, Kirschensteine, Eierschalen, Klicker, Schnaken, Schafmistkügelchen …«

Die Münze, die Germaine ihm gab, geriet kurz danach in die Hände von August Wilhelms nicht minder berühmten Bruder Friedrich, der sie unbedingt für einen Katalog, den er herausgab, zeichnen wollte. Statt sie jedoch seinem Bruder zurückzugeben, gelangte sie zu Ludwig Tieck – die Gründe sind mehr als verschleiert – dem genialen Übersetzer des Don Quixote und Verfasser des erschreckenden blonden Eckbert, einer der ersten Horrorgeschichten überhaupt. Ob das bereits mit dem eingesperrten Blut in der Dublone zusammenhing?

Kurz vor seinem Tod reiste Tieck zum letzten Mal nach Schwarzenhammer, wollte das Leuchtmoos und das berühmte Felsenlabyrinth bei Alexandersbad wiedersehen, wo er in seinen jungen Jahren gemeinsam mit Wilhelm Heinrich Wackenroder die ›Mondbeglänzte Zaubernacht‹ und andere Merkwürdigkeiten erlebt hatte und die geheimnisvolle Landschaft bestaunte. Er nächtigte erneut im Küchenflügel des ehemaligen Jagdschlosses, das der Familie Hardenberg gehörte und das sein Freund Novalis nur ein einziges Mal besucht hatte, bevor er seiner jungen Braut in den Tod folgte. Diese wertvolle Dublone blieb, als Tieck abreiste, auf dem Nachttisch liegen. Ob sie dort vergessen oder absichtlich zurückgelassen wurde, wird für immer im dichten Nebel der Geschichte verbleiben müssen. Wir sehen sie nicht, die Person, die sich aus eben diesem Nebel schält, sie erscheint uns wie ein Schatten, und auch unsere Phantasie wird kaum ausreichen, ihr ein Antlitz zu verpassen. Wir erkennen lediglich an ihrer Kleidung die zu dieser Zeit übliche Tracht eines Hausmädchens.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (6)

Sandsteinburg #41

Pollenstaub, trügerisch wie alles, was den Menschen umgibt, schwebte durch die Luft, Schicht um Schicht. Spechte polterten schneller als ihr Echo. Kreischende Waldeslust. Roland rechnete jeden Augenblick damit, dass mehrere Leute wie in einem Hammer-Film auf die Lichtung stapfen würden, mit Mistgabeln bewehrt – aber es blieb still. Jetzt, da auch Lucki nicht mehr an seiner Seite war, und er allein den zerfetzten Überresten da am Baum gegenüberstand, wäre er am liebsten selbst schleunigst weggerannt. Was, wenn hier noch jemand lauerte? Mensch oder Tier – wer das hier angerichtet hatte, besaß keinen Respekt vor der Beschaulichkeit. Roland erbrach sich auf den Waldboden, während er auf Helmuts Kleiderhaufen zuging, der, eben weil fein säuberlich zusammengelegt, überhaupt nicht ins Bild passte, das satte chaotische Grün zu einer irritierenden Farbe werden ließ. Der kurz aufbegehrende Wind brachte eine Nachricht aus der Hölle vorbei und Roland atmete sie ein:

»Jetzt bin ich in dir und du bist in mir.«

»Hör auf zu reden!« Roland keuchte und ging auf die Knie, um zu seinem halbverdauten Frühstück noch etwas Gallensaft hinzuzufügen. »Okay.« Seine Augen tränten. Noch bevor er wieder auf die Beine kam, waren die Fliegen da. Sie bestanden aus Nacht, sie verkörperten das, was von der Nacht am Tage übrigbleibt und ihn zu zersetzten trachtet. Es half nichts. Er musste die Münze zurückholen, die sie seinem Vater gestohlen hatten. Erst dann würde er das Ereignis von einer anderen Seite betrachten können, dann würde er sich überlegen können, was Sterblichkeit bedeutete.

»Lass mich sie aufbewahren!« Helmut stand die Gier ins Gesicht geschrieben, Johann Caspar Lavater hätte das sofort erkannt. »Bei mir wird sie niemand suchen.« Für Roland aber schwebte die Verantwortung, die der Ältere mit dieser Aussage übernahm, wie ein abgedimmter Heiligenschein über dem Antlitz des Freundes. »Was glaubst du, wie viel sie Wert ist?«

Rolands Vater selbst kannte die Herkunft des 2-Louis-dʼOr-Stücks von 1789 zu keiner Zeit, und sie wäre ihm auch vollkommen uninteressant erschienen. Wichtig war ihm der Goldgehalt. »Die Münze ist so viel Wert, dass die Zahl nicht in meinen Mund passt«, tönte er, wenn das Gespräch einmal auf die Dublone kam, was sehr selten geschah. Woher er sie hatte, erwähnte er nicht ein einziges Mal. Auch nicht, was er damit anstellen wollte. Roland vermutete jedoch, dass seine Familie aus dieser dunklen Dachwohnung herausgekommen wäre, wenn sein Vater das gewollt hätte, wenn er dieses blinkende Goldstück nicht nur in einer Schublade vergraben würde, zusammen mit kaputten Taschenuhren, falschem Schmuck, abgebrochenen Bleistiften und Pfeifenkörpern. Und das lag nicht am Goldgehalt, der sich möglicherweise zu 180 Mark summiert hätte. Bei der Münze handelte es sich um eine Blutmünze, mit ihr hielt man den Lebenssaft einer vergangenen Zeit in den Händen. Was das aber bedeutete, wusste niemand.

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (5)

Sandsteinburg #40

Der Jüngere hatte nicht nur physisch zu Helmut aufgesehen, langhaarig, schmutzig, es hatte Roland auch nicht sehr bekümmert, dass Helmut, das Denk- und Sprachrohr, gern ein anderes Rohr in seinen Mund steckte, während Roland ihm Äste in sein Zweitloch, wie er es nannte, stecken sollte, Zweigerl am Astl, Astl am Ast; Helmut sah dabei wie ein Beamter auf seine Armbanduhr, sachliche, aufgeräumte Geräusche von sich gebend, ein Experiment im Schatten der Jugend, man nimmt, was man bekommen kann. Aus Meidlin machten sie sich nichts, prahlten sie sich gegenseitig vor (auch wenn das nicht stimmte und nur ihr Ungeschick und Unverständnis dem anderen Geschlecht gegenüber kaschieren sollte). Was waren das für Wesen?

»Die sind nicht zu verstehen, und zu allem Unglück beginnen sie, schrecklich zu bluten, wenn man ihnen etwas zwischen den Beinen herumfummelt, wo es nichts sonst zu finden gibt. Scharm-Lippen, versteht du?«

Roland hatte das noch nicht gesehen, aber er vertraute Helmut, wenn er von seinen jüngeren Schwestern sprach, wie ihnen ständig die Wunde wieder aufriss und sogar nachts das Bett mit Blut tränkte, die sich dann einen Lappen in die Unterhose legte, oder eine von Luckis alten Baumwollwindeln. Ihre Väter würden sich der Sache annehmen, sagte er – und meinte damit auch Rolands alten Meister, der sich häufig bei den Finners herumtrieb, um sich die Sache mit dem Blut anzusehen. Einmal hatte Roland Helmut gefragt, ob er das nicht auch einmal sehen dürfe, aber Helmut ließ gynäkophobisch keinen Zweifel daran, dass er sich vor seinen Schwestern ekelte und er unmöglich mit jemandem befreundet sein konnte, der sich dafür ernsthaft interessierte.

Es war einmal ein guter Tag, um baden zu gehen, die Sonne brannte das Blau aus dem Himmel heraus, grillte die wenigen Schäfchen, die da oben herumlungerten und sich nicht von der Stelle bewegten. Auf dem Feld hinter der Fabrik, wo die ruinenhaften und gespenstischen Wasserbassins mit all den ertrunkenen Ratten standen, ratterte der Unimog des Schäfers Herold (seinen wirklichen Namen hörte man nie) über die trockenen Stoppeln und wendete das Heu, dessen Geruch wie Getreidedunst über Wendenschuchs Mühle lag. Die Vögel kreischten und tschilpten heute besonders laut. Die Nacht schien keinen Einfluss auf diese gleißend hellen Sommertage zu haben, an denen selbst die Schatten wie helle Oasen wirkten. Aber sie war da. Sie beobachtete. Sie spähte aus Kellern, hockte in versteckten Winkeln der Dachkammern, der Brutstätte von Spinnen und Käfern herum, lauernd und aufmerksam.

Adam stand am alten Apfelbaum, den Unimog, in dem er oft mit über die Felder fuhr, hatte er verpasst, als Roland, Helmut und Lucki hinter dem langgezogenen, leichengelben Hausklotz hervorkamen.

»Kommst du mit?«, rief Helmut schon von weitem. (Es wäre ein Leichtes gewesen, die Stimme als lauernd zu erkennen, nur: wie will man angemessen reagieren, wenn der ganze Kosmos speit?)

Der Badeweiher: eigentlich kein zum Plantschen angelegter Tümpel, sondern einer der drei Fischteiche der Kaländers, ein richtiges Biotop mit meterhohem Schlamm, Libellen, die unentwegt über die Spiegelfläche propellerten, mit Fröschen und natürlich mit schleimigen Fischen: Karpfen und Hechte. Man musste sich überwinden, vom seichten Rand aus ins Wasser zu gleiten, loste die zu opfernde Extremität aus, wedelte Entengrütze und Wasserläufer plantschend hinfort, aber war man erst einmal drin, war das Wasser schlammig frisch und ölig angenehm. Richtig warm wurde es allerdings nicht einmal im Hochsommer. Die anderen Teiche kamen erst gar nicht in Frage. Man hätte sich selbst bis zu den Knien (und noch weiter) im Morast versenkt, bevor man dem Wasser auch nur nahe gekommen wäre. Außerdem lauerten Hände im Schlamm, die einen nicht mehr los ließen. Grünblaue, aufgedunsene Finger mit langen Krallen. Der Schlamm war ja überhaupt die eigentliche Bestie, ein Torwächter zu noch tieferen Regionen. Wer wusste schon, was sich wirklich in der Erde abspielte? Nichts kam hier ohne Geschichten aus. Die einen nannten das Wesen, das hier herumschlich, und dem die zahlreichen Schlammhände am Grund der Fischteiche gehörten, den ›Hägelmoo‹ oder den ›Nachtkrapp‹. Das war die mystische Variante, die auf den Geschichten vom Schwarzen Mann beruhte, die den Kindern erzählt wurden, wenn sie nicht schlafen wollten. Ganz abgesehen davon, dass man im Turnunterricht ein gleichnamiges Spiel spielte. Ein wildes Durcheinander, bei dem manche sich in der Menge versteckten, um nicht erwischt zu werden. Es gab jene, die den Schwarzen Mann neckten, ihn mit Grimassen aufforderten, sich an ihnen zu versuchen. War der Fänger ein guter Fänger, ließ er sich von nichts und niemandem beeindrucken, hatte sich sein Ziel schon bevor das Spiel begann ausgesucht, und jagte nur den Einen, egal, ob er sich versteckte oder ihn herausfordern wollte. Nur der Eine war wichtig – und den würde er hetzten, bis er ihn hatte.

Die andere Geschichte nannte sich die vom ›Schnackelhupfer‹, und die entstammte keiner archaischen Resteverwertung. Vielleicht war sie einst wesentlich harmloser als das Märchen vom Hägelmoo gewesen, zumindest aber war sie realer. Und sie spielte um den Badeweiher herum. Nackt, nur mit Gummistiefeln an den weißen dürren Beinen, hieß es, tanzte dort ein alter, ekelhafter Schmerbauch herum, sobald sich Kinder sehen ließen, knetete seinen riesengroßen Sack und schlenkerte sein Gemächt durch die Luft. Er meckerte wie ein Ziegenbock und roch wie verdorbene saure Sahne. Aber wirklich gesehen hatte ihn niemand – und das war das Schlimmste an der Geschichte. Es blieb der eigenen Phantasie überlassen, was aus ihm geworden war und wo er jetzt wohl stecken mochte.

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