TF Episode #4: Nighttrain – Nachtschatten

Der 1. September 2019 war ein Festtag für alle Liebhaber der Weird Fiction und der Essenz der Horrorliteratur. Tobias Reckermann gab in seinem Imprint Nighttrain eine ungeheuer wichtige Anthologie heraus, die als Reminiszenz an Thomas Ligotti zu verstehen ist. Gleichzeitig war das die Gelegenheit für mich, etwas über den Einfluss Ligottis und die hier versammelten Autoren zu sprechen.

Da ich selbst übersetze und weiß, was das für eine Arbeit ist, darf auch die Leistung von Christian Veit Eschenfelder nicht unterschlagen werden, genau sowenig aber die grandiose Coverillustration von Jörg Vogeltanz.

Das Buch könnt ihr als Taschenbuch oder eBook hier beziehen.

Natürlich habt ihr auch wieder die Gelegenheit, das Skript für den Podcast nachzulesen, das ich euch auf meiner Webseite zur Verfügung stelle.

Neu in der Sammlung (1)

Heute sind neu angekommen:

Mary Hottinger (Hg.): Gespenster / Mehr Gespenster
Lady Cinthia Asquith (Hg.): Schrecksekunden
Jaquelin Visick (Hg.): Gespenstergeschichten aus London
Peter Hasining (Hg.): Die Damen des Bösen

Die Sammlungen stammen alle aus den 70er Jahren (bis auf “Gespenster”, das bereits 1956 bei Diogenes erschien; hier habe ich allerdings den Nachdruck von 1982).

In letzter Zeit versuche ich, alte Anthologien zu finden. Die klassische Gespenstergeschichte ist heute kaum mehr weit verbreitet. Durch diese Anthologien aber kommt man an seltene Stücke, die sonst nirgendwo erschienen sind. Während die moderne Horrorliteratur immer mehr in Richtung Nihilismus und/oder Gewalt abdriftet, die nur einen schlechten Stil zu kaschieren sucht, sind hier noch echte Perlen der Weird Fiction und der Schauerliteratur vertreten.

Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, dass sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewusstsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermessliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, dass es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen.

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, dass die Welt dem reinen Zufall unterliegt, dass sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muss. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewusstseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müsste das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal. “Thomas Ligotti” weiterlesen

Lovecrafts “übernatürlicher” Erfolg

“Ich hege keine trügerischen Hoffnungen gegenüber dem heiklen Zustand meiner Erzählungen, und ich erwarte nicht, ein ernsthafter Konkurrent der von mir bevorzugten Autoren unheimlicher Literatur zu sein”, schrieb Lovecraft 1933 in seinem autobiographischen Essay “Some Notes on a Nonentity”. Er fügte hinzu: “Das einzige, das ich zugunsten meiner Arbeit ins Feld führen kann, ist ihre Aufrichtigkeit.” “Lovecrafts “übernatürlicher” Erfolg” weiterlesen

Die agonale Kraft

Jetzt also kann ich mich in den sprachmächtigen u. detaillierten Roman von Alan Pauls – Die Vergangenheit – begeben, ein kleines Ausweichen von Roberto Bolaños Gesamtwerk; Casas Fabian und Eduardo Halfon sind bereits auf dem Weg (und mit etwas Verzögerung Carlos Busqueds Unter dieser furchterregenden Sonne). Sätze studieren, der Poesie auf die Schliche kommen, ohne sie in eine Theorie zu packen, was ja der Tod der Poesie selbst ist. Aus Lateinamerika war ich nie weg, auch wenn ich zwischenzeitlich interessiert daran war, was die Amerikaner so treiben, hier vornehmlich Ashberys Gedichte (“Mädchen auf der Flucht” – eine unfassbare Zusammenstellung des Unbegreiflichen). Europa? Nö. Wenn, dann Enrique Vila-Matas. Ansonsten bleibt hier nur das Alte, das man ja ohnehin kennt. Trotzdem nützt es nichts, zu sagen: so ist es eben. Ich frage mich also, woran liegt das? Das ist aber so unergründlich wie die Liebe selbst. Ich glaube, es ist der Nihilismus, gegen den man sich sträubt, und der mit Leben beantwortet werden muss.

Erfolg ist Verrat, Scheitern die agonale Kraft.

Las ich vor kurzem über Bolaños Wilde Detektive.

Wird es mich erschrecken?

Das scheint die Gretchenfrage in Sachen Horror zu sein. Wenn du dir den neuesten Film über Geister oder Serienkiller angesehen hast, einen weiteren Horror-Roman gelesen hast, oder eine gruselige Geschichte irgendwo im Netz gefunden hast, ist das die erste Frage, mit der du möglicherweise konfrontiert wirst. In diesem ewigen Kampf, die Bedeutung dieses riesigen und oft widersprüchlichen Feldes namens Horror zu finden, werden wohl die meisten Schriftsteller “Es soll dich erschrecken” als Arbeitsformel ausgeben.

Szene aus “Crimson Peak”

Vor noch gar nicht so langer Zeit stritten sich Fans und Kritiker darüber, ob oder ob nicht Guillermo del Toros Huldigung an das Gothic-Romance-Genre Crimson Peak als Horrorfilm durchgehen sollte. Die Hauptmeinungen gehen dahin, dass der Film nicht besonders unheimlich ist, stattdessen aber verzweifelt versucht, unheimlich zu wirken. Das bringt uns zum Thema zurück, zur Idee nämlich, dass all das, was Horror vielleicht sonst noch sein mag, er versuchen sollte, dich zu erschrecken. Daran wird er sich wohl messen lassen müssen: ob es im gelingt, und wenn ja, wie gut er da macht.

Selbst wenn wir akzeptieren, dass die Definition von Horror die ist, zu erschrecken, gibt es eine Menge unterschiedliche Arten der Furcht und verschiedene Möglichkeiten, Angst zu haben. Wenn jemand fragt, ob etwas erschreckend ist, ist das Thema meist der übliche “Jump-Scare”, der in den meisten populären Hollywood-Horror-Produktionen angewandt wird, wo plötzlich jemand aus dem Gebüsch springt und “Buh!” ruft. Aber auch wenn das die offensichtlichste Variante des Erschreckens ist, ist das bestimmt nicht die einzige.  Es gibt wesentlich intelligentere Ängste, die in der Literatur und im Film vorkommen, angefangen vom kosmischen Nihilismus eines Lovecraft, Ligotti, und Barron bis hin zum “gefälligen Terror” eines M.R. James und E.F. Benson. Filme wie John Carpenters Das Ding kombinieren den körperlichen Horror mit der Paranoia einer existentiellen Angst. Selbst Crimson Peak, wenn auch nicht besonders erschreckend, trägt eine schwere Fracht aus Zwangsläufigkeit und Verfall.

Szene aus “Texas Chainsaw Massacre”

Die extreme Schwierigkeit, die jeden Versuch, den Horror zu definieren, begleitet, ist genau auch der Grund, warum er so gut funktioniert, und ein Argument, warum wir ihn lieben. Horror gedeiht an den Rändern von jedem anderen Genre, dort, wo auf der Karte steht: Unbekanntes Gebiet. Das ist der Grund, warum Gremlins nicht in der selben Liga wie Texas Chainsaw Massacre spielt, aber dennoch dorthin verweist. Horror bedeutet Unterschiedliches für unterschiedliche Leute, jeder hat seine eigenen Interessen und Obsessionen, seine eigenen Schwächen und Vorlieben. Für die einen ist Horror die Frage, wie sie sich erschrecken werden und wie gut es den Machern gelingt, während für andere Horror eine Reihe von Maßstäben und Traditionen ist, etwas, das unsere Fantasie auf die Sprünge hilft, und wo die Rechnung nicht immer aufgeht.

Den Horror jedoch auf all das herunterzubrechen, was uns ängstigt, würde uns jedoch einige der besten Arbeiten des Genres vorenthalten. Horror ist nämlich vieles mehr, unter anderem Schönheit, Unbegreiflichkeit, Humor und Hoffnung – das Erschrecken ist nur ein Trick, der aus dem Ärmel geschüttelt wird.

Als ich damit begann, Geschichten zu veröffentlichen, haderte ich mit dem Begriff “Horror-Schriftsteller”, vor allem, weil ich diese Geschichten nicht geschrieben hatte, um andere Leute zu erschrecken. Allenfalls strebte ich einen angenehmen Schauder an, wie man ihn etwa bei M.R. James finden kann, diese kleine kalte Raupe, die dir über den Rücken krabbelt. Meistens bin ich an den Metaphern und der Atmosphäre des Horrors interessiert, dem Phänomen des Übersinnlichen oder des Unheimlichen. Beängstigend zu sein ist weniger mein Ding. Also rückte ich davon ab, mich selbst als Horror-Schriftsteller zu betrachten, obwohl Horror das Genre ist, das ich am meisten liebe, und das ich am häufigsten lese.

Ich mag alle Spielarten des Horrors, aber einige meiner Favoriten sind Vintage-Horrorfilme. Diese knarrenden Streifen aus den 30ern und 40ern, die Monster von Universal, den Gothic Horror der Hammer-Studios, die Arbeiten von William Castle, die Panikfilme der 50er, Roger Corman und Vincent Price, die mit ihrenlosen Adaptionen Poe auf lebendiges Technicolor bannten. Sind das gute Filme? Absolut! Sind sie erschreckend? Nun, vielleicht nicht für uns in der Gegenwart, nicht mehr. Müssen sie das sein? Verdammt, nein!

Wenn ich schreibe oder anderweitig Horror konsumiere, halte ich Ausschau nach etwas, das “Türen zu Licht und Schatten aufstößt, und uns etwas entdecken lässt, das sonst im Verborgenen bliebe”, wie es Joe R. Lansdale einmal auf den Punkt brachte. Das ist der Grund, warum ich über Monster und Geister schreibe, über Dinge, die vielleicht gar nicht existieren.

Dinge, die mich wirklich erschrecken, interessieren mich nicht wirklich. Sie sind banal, langweilig, und alltäglich. Denn wie die meisten Leute habe ich Versagensängste, Angst vor finanzieller Not, davor, krank zu werden, meine Lieben zu verlieren. Es gibt wirklich schreckliche Dinge im Leben, die dein Herz nicht im Hals schlagen lassen; sie drücken nur deine Stimmung nach unten, Tag für Tag. Sie begraben dich unter Steinen, immer einen nach dem anderen. Einer davon wäre nichts, aber alle zusammen  drücken dir die Luft aus der Lunge, so dass jeder Atemzug zur puren Qual wird. Das sind die Dinge, die mich erschrecken, aber ich bin mir verdammt sicher, dass ich darüber nicht schreiben will. Ich schreibe lieber über Monster.

Die Nachtwachen des Bonaventura

Wir wissen nicht, wer der geheimnisvolle Verfasser war, der 1804 unter dem Pseudonym Bonaventura seine Nachtwachen in dem kleinen sächsischen Ort Penig veröffentlichte und damit eine Perle der “Schwarzen Romantik” hinterließ. Warum das Werk schlussendlich August Klingemann zugesprochen wurde, stützt sich vornehmlich auf zwei Indizien. Da wäre erstens ein Tagebucheintrag, neben dem ein Werkverzeichnis aufgeführt zu lesen ist. Die Nachtwachen sind dort vermerkt. Das zweite Indiz stützt sich auf einen Vergleich mit dem Grundwortschatz der anderen Werke Klingemanns, der eine verblüffende Übereinstimmung mit den Nachtwachen erkennen lässt. Hingegen muss gesagt werden, dass es auch andere Argumente gibt, die gegen die Autorenschaft sprechen. Zuvorderst, dass es sich bei den Nachtwachen um ein kunstanschauliches Bekenntnis handelt, um ein parodistisches Spiel mit derart hohem Anspruch, wie man es in den Werken Klingemanns sonst nirgends antrifft.

Wir können allerdings sagen, dass es dem Werk selbst gut zu Gesicht steht, ein Mysterium um die Urheberschaft zu weben. Nahezu jeder damals bekannte Autor wurde des Werkes bereits verdächtigt, allen voran der Naturphilosoph Schelling, der nicht selten seine lyrischen Beiträge mit ‘Bonaventura’ unterzeichnete. Auch dessen Ehefrau Caroline wurde als Autorin genannt; es wurde auf Parallelen mit den Werken E.T.A Hoffmanns, Brentanos und auch auf Achim von Arnim hingewiesen. Ob es sich zuletzt gar um eine Gemeinschaftsproduktion handelte, wie es der Theorie der Romantik durchaus entsprochen hätte? Friedrich Schlegel und Novalis sprachen doch recht unmissverständlich von einer ‘Symphilosophie’, einer ‘Sympoesie’ und schließlich von einem ‘absoluten Buch’.

Im Bonaventura treffen wir auf das Irrenhaus Welt und die Aufforderung zum Nihilismus. Hier also treten wir in die wirkliche Nacht hinaus, nicht ohne in dieser Satire eingerahmt so manches zu erkennen, was wir heute nicht anders formulieren. Im Grunde hat sich nichts in eine andere Richtung entwickelt, die Possenspiele der Menschheit wiederholen sich unentwegt und es endet alles im Nichts. Das Konstruktionsprinzip besteht bereits hier aus einem Labyrinth der Formen- und Perspektivenvielfalt, die nicht mehr auf eine Kausalität oder Finalität abzielen, sondern in einer Arabeskentechnik die zerlegten Handlungsteile darbieten, wie es weit über die Romantik hinaus bis in unsere Tage hinein anzutreffen ist. Um so erstaunlicher, dass die Nachtwachen niemals den Rang als ein Klassiker der Moderne behaupten konnten, der ihnen durchaus zusteht.

Der Nihilismus des Rust Cohle

Es gibt Filme und Serien, die pumpen die Erwartungshaltung von Beginn an über jeden erwartbaren Horizont. Die meisten ambitionierten Werke – und das trifft ebenso auf Literatur zu – scheitern, wenn sie scheitern, am Ende. True Detective 1 scheitert nicht wirklich, aber die letzte Folge der Mini-Serie hält der unglaublichen Dichte nicht stand, was wirklich schade ist, denn bis dahin hat man nicht weniger als das Beste, was eine Mystery-Serie überhaupt aufs Parkett bringen kann vor Augen. Nicht weniger als eine Sensation. Die Storyline, die sich an das moderne Erzählen durch Verschachtelung hält, die erzeugte, dichte Atmosphäre, die Wahl der Musik, sowie die fabelhafte Leistung der beiden Hauptdarsteller (Woody Harrelson, Matthew McConaughey) sind in der Summe nicht weniger als perfekt. “Der Nihilismus des Rust Cohle” weiterlesen