Regal der Toten

Es gibt Geschichten, die man sich ausdenken möchte, um dann zu erkennen, dass sie wahr sind. Das gleiche gilt andersherum. Eine Erinnerung, auf die man Stein und Bein schwören möchte, erweist sich als falsch. Und dann gibt es die Mischverhältnisse in verschiedenen Abstufungen. Was die Realität ist werden wir nie herausfinden, und das Geheimnis der Fiktion ist längst legendär. Ich erinnere mich an mein Leben wie an eine Geschichte, die ich gelesen habe. Es gab eine Zeit, da ich mit den Surrealisten in Paris träumte und vielleicht hatten sie, Jahrzehnte vor meiner Geburt, von mir gehört. 1990 las ich ihre Aufzeichnungen, Pamphlete und Manifeste, um zu sehen, ob ich irgendwo darin verzeichnet war. Dann aber fiel mir ein, dass ich lange vor meiner Geburt mit einem anderen Namen ausgestattet war. Zumindest hörte ich nichts von mir wie ich mich kannte. Man erwacht und steht vor einem Regal der Toten. Alles, was von ihnen übriggeblieben ist, ist das, was man aus ihren Gedanken macht.

Patrick Modiano: Die Gasse der dunklen Läden

In Patrick Modianos Erzählungen dreht sich fast alles um die Erinnerung, dieser schwer fassbaren Eigenschaft.

“Ich bin nichts” lautet dann auch der erste Satz in “Die Gasse der dunklen Läden” von 1978. In Modianos Welt bestehen wir aus unseren Erinnerungen, unserer Geschichte, den Geschichten, die wir über unser Leben konstruieren. Wenn wir uns nicht daran erinnern, wer wir sind, sind wir dann überhaupt?

Der Protagonist Guy Rolland verlor vor 15 Jahren bei einem mysteriösen Unfall sein Gedächtnis, bis ihn der Privatdetektiv Hutte bei sich eine Anstellung verschaffte.

Als Hutte sich zur Ruhe setzt und nach Nizza zieht, übernimmt Guy die Aufgabe, herauszufinden, wer er wirklich ist, denn sein augenblicklicher Name ist nur eine künstliche Identität. “Patrick Modiano: Die Gasse der dunklen Läden” weiterlesen

Die verhängnisvolle Leinwand

Die Dame von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür des berüchtigten Mansardenzimmers, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

“Es ist seltsam, Monsieur. Ich fühle mich jedes Mal … ich mag es nicht, die Ruhe dieses Raums zu stören. Es ist albern, ich weiß, aber ich erwarte ständig, dass er bewohnt ist … von ihm. Man würde meinen, dass sein Selbstmord eine Aura des Todes und der Finsternis in diesem Raum hinterlassen hätte, aber man fühlt stattdessen … seine Jugendlichkeit. Sie porträtierten ihn abscheulich in diesem lächerlichen Film. Ich stamme ursprünglich aus England und hatte keine Vorstellung von der Legende des Mannes, als ich meinen französischen Ehemann heiratete, möge er in Frieden ruhen … Die Legende dieses Mannes begann in Ihrem Heimatland Gestalt anzunehmen, als Hollywood beschloss, die erfundene Geschichte über Honoré Radin zu verfilmen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie eine Biographie über den Maler schreiben.“ “Die verhängnisvolle Leinwand” weiterlesen

Guy de Maupassant

Maupassant kümmerte sich nicht um die Ansprüche der Bourgeoisie oder um ein ordentlich geführtes Leben, das für ihn voller Fäulnis war. Ganz bewusst hat er den Schein und den Trug bürgerlicher Etikette aufgezeigt, durch seine Prosa wie durch seine Persönlichkeit. Allerdings hat ihn das auch sein Leben gekostet. 1893 starb er geistig umnachtet in seinem 43. Lebensjahr. Zu Lebzeiten genoss er den zweifelhaften Ruf, ein rücksichtsloser Verführer von Frauen zu sein, der jeden zu seinem Vorteil manipulieren konnte. War Maupassants Haltung ironisch, pessimistisch oder nur schockierend?

1850 wurde er geboren und hatte zeitlebens eine Abneigung gegen jede moralische Etikette. 1857 wurden Flaubert und Baudelaire vor Gericht gestellt, weil sie den öffentlichen Anstand durch Bücher wie “Madame Bovary” und “Die Blumen des Bösen”  beschädigt hatten. Flaubert nahm den jungen Maupassant später unter seine Fittiche und ermutigte ihn in der sanften Kunst des bürgerlichen Betragens. Sie besuchten ein Bordell, und der junge Guy, völlig sexbesessen, brauchte keine weiteren Zusprüche. Flaubert – der sich für alle Gedanken züchtigte, die ihn von der Muse ablenken könnten – versuchte, seinen Freund zurückzuhalten, aber endlose Ratschläge über die klösterliche Rolle des Künstlers stießen bei  Maupassant auf taube Ohren. “Guy de Maupassant” weiterlesen

China Miéville: Die letzten Tage von Neu-Paris

Es wurde behauptet, dass Miévilles “Perdido Street Station” die Regeln der Fantasy verändert haben soll, obwohl bis heute nicht erkenntlich ist, was damit gemeint sein könnte. Dieser Anspruch wird von einigen Fans gestützt, andere Leser aber eher deprimieren oder langweilen. Es kommt darauf an, welchen Standpunkt man gegenüber dieser Art der Fantasy einnimmt. Miéville beschreibt sich selbst als “Geek” und sagt, dass Geeks in der Lage seien, ihre Kräfte für Gut und Böse einzusetzen. Nun, das können auch Nicht-Geeks.

Bei “Die letzten Tage von Neu-Paris” handelt es sich um Fantasy, auch wenn viele Begriffe kursieren mögen, um solche Texte zu beschreiben; allerdings um Fantasy, die ihre Reinheit mit Fakten verfälscht. Neu-Paris gibt es außer in der Fantasie des Autors natürlich nicht, der sich hier vom Surrealismus hat inspirieren lassen, beziehungsweise von einer surrealistischen Revolution, die außer in der Kunstwelt nie richtig in Gang kam. Die surrealistischen Maler waren interessant, originell, ungewöhnlich, einige ihrer Werke verstörend, einige davon albern – die meisten davon angenehm dekorativ und amüsant, unabhängig ihrer Absichten. Miévilles Roman ist ähnlich. Er hat den Surrealismus und seine Verbindungen zum Okkulten gewissenhaft erforscht. Miévilles Panorama ist lebendig, seine Prosa klar, manchmal elegant. “China Miéville: Die letzten Tage von Neu-Paris” weiterlesen

Kai Meyer: Das zweite Gesicht

Die Jahrhundertwende als künstlerischer Ausdruck

Die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert war aus künstlerischer Sicht eine der fruchtbarsten und interessantesten überhaupt, und eine der letzten Keimquellen der deutschen Phantastik. Motive der Spätromantik wurden hier mit modernen Facetten versehen und ein roter Faden dieser literarischen Entwicklung war eindeutig zu erkennen. Doch der Aufbruch war nicht nur ein literarischer, sondern ein gesamtkünstlerischer und auch gesellschaftlicher. Deutschland war weltweit die Hochburg des neuen und aufregenden Mediums Film, und das Berlin der 20er Jahre neben Paris die Welthauptstadt der Kultur. Die Freizügigkeit dieser Ära stand den Hippies der 60er Jahre in nichts nach und ist mit heutigen Maßstäben nicht mehr zu erfassen. Und hinter allem stand die Lust am Okkulten, am Verborgenen. Der Spiritismus hatte bereits seit Jahrzehnten Hochkonjunktur, was viele Historiker sich als Gegenbewegung zur explodierenden Macht der Industrialisierung erklären. Ähnliches hatte es zu Zeiten der Aufklärung gegeben, als die Romantiker wie zum Trotz die Nachtseite der Natur aus dem Hut zauberten. Musik, Literatur, Tanz, Film … der Expressionismus war das Ding der Stunde, starker Ausdruck und subjektives Erleben waren erwünscht. Die Themen Krieg, Verfall, Angst und Weltuntergang trieben starke stilistische und thematische Blüten. “Kai Meyer: Das zweite Gesicht” weiterlesen

Jazzuela

Liegt zwar auf meinem Plattenspieler, ist aber eine hübsch aufgemachte CD.

“Jazzuela ist meine bescheidene Hommage an Julio Cortázar”, schreibt Pilar Peyrats 2001 im Epilog seines Booklets zur CD, das eine echte Perle ist, weil sie durch die Arbeit von Julio Cortázar im Allgemeinen und detailliert durch die Kapitel von Rayuela führt – allerdings leider nur auf Spanisch und Französisch (Deutsch ist als Kultursprache ohnehin fast nirgendwo mehr anzutreffen – natürlich zurecht). Peyrat extrahiert hier Gespräche, Erklärungen, Kommentare und Apostillen rund um die Musik, die von den Protagonisten gehört wird. Die CD selbst enthält 21 Tracks (19, die in Rayuela vorkommen, und 2, die aus anderen Arbeiten Cortázars stammen). Rayuela (das in Frankreich “Marelle” genannt wird, zu lesen und Jazzuela zu hören, bedeutet, in eine Welt erstaunlicher Orte und magischer Klänge einzutauchen, die von Orchestern und Interpreten wie Duke Ellington, Louis Armstrong, Frank Trumbauer, Kansas City Six oder The Chocolate Dandies, der Stimme von Bessie Smith, Bill Big Bronzys Gitarre, Gillespies Trompete, Coleman Hawkins’ Saxophon und Eral Hines’ magischem Klavier aufsteigen.

Als Julio Cortázar 1951 beschließt, nach Paris zu reisen, um dort zu bleiben, beherrscht die Jazzmusik die kleinen Clubs, die eher als Höhlen am linken Seineufer zu bezeichnen sind. Die großen amerikanischen Persönlichkeiten des Genres spielen hier ihre besten Improvisationen für eine kleine Gruppe bedingungsloser Liebhaber und wohnen in kleinen Hotels in der Nachbarschaft, darunter das legendäre La Louisiane, in dessen Zimmern sie tagsüber schlafen, Abenteuer mit Pariser Intellektuellen und der Bourgeoisie erleben (noch heute bietet La Louisiane in der Rue de Seine den Touristen, meist Amerikaner, die die Geschichte des Hotels und des Jazz kennen, sehr günstige Zimmer mit minimalem Komfort – sie haben nicht einmal einen Fernseher – sind aber sehr gemütlich).

Ich war jetzt schon seit über zehn Jahren nicht mehr da, was vor allem daran liegt, daß ich nicht mehr reise, Jazzuela aber, da sich nun endlich auch in meiner Sammlung habe, gemahnt mich, diese Praxis noch einmal zu überdenken.

Julio Cortázar

“Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?”

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer fassbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: “Dieses Buch besteht aus vielen Büchern”, schreibt Cortázar, “aber vor allem aus zwei Büchern.” Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: “Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.” Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben? “Julio Cortázar” weiterlesen

Der Geburtstag der Friederike 2

Von wahrer Bedeutung fand sie das, was die Bauernmädchen hier veranstalten würden. Heute vielleicht schon. Bei Hofe wurde unter die Kleider geschaut; pralle Früchte zeigte nur das Land. (Arkadia liegt, auf unserer Weltkugel daheim, etwa 1741 km südöstlich von Paris; in der Phantasie ist Arkadia überall.)

Da drüben räubert jemand tageslichtscheu aus dem Küchenflügel, ungelegen geknöpft, ein missglücktes Schauspiel aller Heimlichkeit – (die Speisen müssen auch immer durch den Garten spalieren, was den Vorteil hat, dass keiner unangemeldet nachsehen kommt, was die Küchenkobolde für Hexentaten unterm/aufm Tisch veranstalten : bar=pedes im Pudding passiert scho’Mahl, wenn man so unkommod auf dem Tisch genommen wird!) – schlitternd auf Gekrös’, das ansonsten aus den Fenstern baumelt, auchMahl die Schwerkraft nutzt.

Schinkenklopfen : ein Spiel für kraftstrotzende Backen und einer eleganten Hand beim Versuch, die Poularde schneller einzumürben als der Nacktarschige ein Glas Wein verkosten kann! : Ernst Buguslaw Wobeser! Diese Hofschranze, die ihren weißgepuderten Schwanz, die fettigen Finger obendrein, in jede Öffnung steckt; ein dämmerungsaktiver Buntmarder, der die angekündigte Sonne verschlafen will, an den Fingern suckelnd, den angetrockneten Traubenmatsch ablutschend einschläft.

Die üppig hinunter zu Tisch triefenden Rinnsale ausgestülpter inkompetenter Lippen (und auch Wildbart). Besteckfinger greifen abgekühltes Kochgut Kran Schaufel zwick zwack Wein Bier Kelch Steingut, überschwänglich berankt dicker süßer Blätter, lutherisch lüstern platscht plantscht das Fußbad (Kamillenschaum, Lavendelwasser) die Knochen fallen wo die Hunde lappend Boden suchen züngeln um das Hühnerbein.

Von außen fand man sich gleich in der Welt Carl Gontards wieder, aber die Spiegelscherbenkabinette im Innern waren doch ganz und gar ähnlich vorzüglich wie in der Schlossanlage zu Bayreuth, die man in den ausgewogensten Verhältnissen vorfindet : ein feines, zartes Relief der Gliederung. All das würde sich die Natur eines Tages wieder holen, Busch und Baum, aufsteigend in Fontänen von Strahlen und Strahlenfiguren.

Sie hatte im Traum etwas Orphisches gelesen: »Oh meine liebliche jüngere Schwester! Die Länder, die wir beide gemacht haben, sind noch nicht vollendet. Kehre also zurück!«

Und sie, die Schwesterbraut, antwortet: »Es ist wirklich bedauerlich, dass Ihr nicht früher gekommen seid, denn ich habe bereits von der Nahrung der Unterwelt gegessen.«

Sollte sie jemals ein Schloss ihr Eigen nennen, würde sie es ›Fantaisie‹ nennen; ›Schloss Fantaisie‹. À la longue sollte ihr das gestattet sein. (In Donndorf bei den Kyffhäusern wird sie’s finden und dort Blütenteppiche weben.)

Dann tauchte, wo sie sich gerade zum Pudern aufraffen wollte, diese Person auf, die eine Aura wie ein Geist um sich herum drapiert spazieren führte, ganz adrett gekleidet, aber mit den merkwürdigsten Verzierungen. Nicht wie ein Bauernbursche, aber auch niemand, der sich so bei Hofe sehen lassen konnte : die Arme frei wie ein Ausmister. Ganz durchscheinend näherte er sich, schien zu staunen, als wisse er gar nicht, wo er sich befand.

»Gehört das alles Ihnen?«, sagte er, deutete auf den Gebäudekomplex. ›Von Robbie Schumann zu den Crossroads‹ stand auf seinem Oberkleid mit den abgetrennten Ärmeln. Sollte sie ihn ohrfeigen? Durfte sie sich derart ansprechen lassen von einem Gogue?

»Wie heißt du?«, fragte sie ihn barsch, denn die Situation kam ihr nicht geheuer vor.

»Adam. Aber Sie können mich anders nennen!«

Und wie er spricht, gehört er zum Küchenpersonal; aber wie durchscheinend er ist!

»Solltest du nicht bei der Arbeit sein?«

»Ich arbeite doch noch nicht!«

Er kicherte, er lachte sie aus.

»Ich liege in meinem Bett und schlafe. Gar nicht weit von hier.« Er drehte den Kopf eulenhaft in alle Richtungen, deutete dann zum Jagdgarten hin. »Dort oben an der Eger. Nicht eine einzige Hütte!«

Wenn nur jetzt jemand käme, das Gespenst des Morgens von ihr zu nehmen, denn ganz sicher erkannte sie die Umgebung durch ihn hindurch. Schließlich fragte sie ihn nach seinen Absichten.

»Herausfinden, wo ich lebe. Aber Sie sind neu in meinem Traum!«

Burschen jagten beritten durch die Gänseschar, hackten nach den aufgereckt-aufgeregten Hälsen, die fliegenden Köpfe beschrieben perfekte Parabeln, wurden in den Achselgewölben gesammelt. Rotes Lärmen zementierte die Schau der juvenilen Schweinerei, markierte den Schlachtplatz für die Bauerndirnen, die sich etwas abseits bereits angifteten, während sie noch damit beschäftigt waren, sich jene Kränze aufzusetzen, die sie sich in Augenblicken wieder herunterreißen würden.

Der Gänsehüter, ein Jüngelchen von blassem Hager, hasste diesen Tag, aber an Rache war noch nicht zu denken, also wendete er sich ab, stopfe Margeritenknospen in seine Ohren, bemüht, nicht zu erbrechen.

Das schönste Mädchen der Stadt wurde prächtig aufgeputzt, man legte ihm ein niedliches Knäblein in den Arm und setzte beide auf einen kostbar aufgeschirrten Esel. Die Glocken läuteten und mit großem Pomp wurde die Messe gelesen. Der Eingang, das Kyrie, das Gloria und das Credo wurden jedoch mit dem Ruf des Esels beendet.

Jetzt gingen sich die Maiden an; die eine versuchte, das Gesicht einer anderen zwischen die Hinterbacken zu nehmen, der Kranz fiel von selbst aus dem nassen Kopfgestrüpp. Sie teilten sich platschende Hiebe, grunzende Knietritte und Stampfer ins Abdominale. Wasserfontänen sprotzten Gansfedern auf, die sich im Puls des Furientanzes verhakten oder einfach auf’s Gekrön setzten. Wieder fiel eine in die angerichtete Pfütze und wurde von Zweien gepackt, die selbst über die Gefallene hinweg krakten. Der Spaß war freilich, ihr im Gesicht zu sitzen, der Anderen vielleicht mit einem Knacken die Nase zu brechen, was beiden nicht gelang. ›A mock heroic poem‹ auch hinter deren Rücken, wo man schon Einer die Haut zerkratze, um sie auf einen Balken zu schnallen, um sie also restlos aufgebracht dem Adel darzubieten. Nun war diese keine Diana, unterm Adel kein Aktaion zu finden; der Fleischbeschau blieb ungesühnt, diente nur dem einen Zweck, sich Demut zu erzwingen. Wo alles sich in Fetzen reißt, wo alles übereinander fällt. Nur ein kurzes mörderisches Spiel.

Oskar Matzerath (Der Blechtrommler)

Auf einer oberflächlichen Ebene erzählt Die Blechtrommel die Geschichte von Oskar Matzerath, einem eingesperrten Wahnsinnigen, Zwerg aus eigenem Willen, Paranoiker, Besitzer übernatürlicher Gaben, rachsüchtiges Genie, gefallener Engel, Miniaturtyrann, obsessiver Trommler des titelgebenden Instruments. Oskar ist all das und nichts davon; der ultimative unzuverlässige Erzähler.

Als der junge Grass Ende der 1950er Jahre in Paris anfing, sein extravagantes Schelmenstück zu schreiben, studierte er gerade Bildhauerei und Grafik und war zum Steinmetz ausgebildet worden. Mit diesen Künsten beschlagen wollte er sich den verschiedenen Versionen der deutschen Geschichte stellen, die ihm beigebracht worden waren und die er bis dahin gelebt hatten. Die Blechtrommel kombiniert Historisches, Horrorgeschichte, Burleske, Komik und satirische Fabel mit lebendigen, subversiven Bildern. Stilistisch ist der Roman Lichtjahre von den stattlichen Erzählungen Thomas Manns entfernt, der 1929, zwei Jahre nach der Geburt von Grass, den Nobelpreis gewonnen hatte.

Die Blechtrommel löste sich zweifellos von der gewaltigen Präsenz Manns. Grass zieht es in seinem Roman stattdessen zu den wilden, organischen Wortbildern, die den Magischen Realismus des Kubaners Alejo Carpentier prägten. Grass wiederum hatte dann seinerseits einen großen Einfluss auf Salman Rushdies 1981 mit dem Booker Prize versehenen Mitternachtskinder.

Oskars Odyssee

Einige Menschen finden Zuflucht nur in einem Irrenhaus. Von seinem weiß emaillierten Krankenhausbett aus, unter dem wachsamen, wenn auch verwirrten Auge von Bruno, seiner Pflegekraft, macht sich Oskar Matzerath mit Hilfe eines Familienfotoalbums auf den Weg, um nicht nur seine Geschichte, sondern auch die seines Landes zu erzählen. Dabei entscheidet er sich zwischen einem Wechsel der Erzählperspektive zwischen erster Person und dritter Person. Trommeln ist seine Art, sich von seiner Familie und den Ereignissen um ihn herum zu lösen. Er zertrümmert jede neue Trommel, und der Ersatz lässt einige Tage auf sich warten. So entfaltet sich der Wahnsinn der Geschichte; so bedrückend schildert er die Realität, der er zu entkommen beabsichtigt.

Wenn er auf den ersten Seiten dieser wütenden, schwindelerregenden und erdigen Tour de Force sagt: “Das Bettgitter möchte ich erhöhen lassen, damit mir niemand mehr zu nahe tritt”, ist das keine Überraschung. Hier haben wir einen Roman, der aus dem Erbe eines barbarischen Krieges entstanden ist. Die Blechtrommel hat alle erzählerischen Regeln gebrochen und ein paar weitere erfunden.

Oskars Odyssee beginnt, als er an seinem dritten Geburtstag die Kellertreppe “hinunterfällt”, und sich entschließt, von nun an nicht mehr zu wachsen. Stattdessen will er von nun an unerbittlich trommeln und das Glas mit seiner Stimme zersingen. Seine Geschichte aber beginnt einige Jahre früher, noch bevor er geboren wurde.

In der Tat liegen seine Wurzeln in der Vorstellung, die er von seiner Mutter hat. An einem Montagnachmittag fabuliert er ihre Entstehung durch seine Großmutter Anna, die damit beschäftigt ist, Kartoffeln auf einem kaschubischen Feld zu sammeln. Sie hält an, um ein paar davon zu rösten und macht ein kleines Feuer. Nach einer Weile beschließt sie, eine zu probieren und schaut “mit gerundetem Blick über geblähten, Rauch und Oktoberluft ansaugenden Nasenlöchern über das Feld zum nahen Horizont und den einteilenden Telegrafenstangen und dem knappen oberen Drittel des Ziegeleischornsteines”.

Anna beobachtet, wie sich eine Verfolgungsjagd vor ihr entfaltet. Sie versteckt den Flüchtigen unter ihren vielen Röcken, genauer gesagt vieren davon, und lotst die Polizei auf eine falsche Fährte. Obwohl nicht gerade eine Liebesgeschichte, wird Joseph Koljaiczek, der sich unter den Röcken versteckt, der Vater von Oskars Mutter Agnes. Aber Oskar lässt mit dem Flair eines wahren Geschichtenerzählers die Fakten tanzen: “Anna Bronski, meine Großmutter, wechselte noch unterm Schwarz der nämlichen Nacht ihren Namen: ließ sich also mit Hilfe eines freigiebig mit Sakramenten umgehenden Priesters zur Anna Koljaiczek machen und folgte dem Joseph, wenn nicht nach Ägypten, so doch in die Provinzhauptstadt an der Mottlau, wo Joseph Arbeit als Flößer und einstweilen Ruhe vor der Gendarmerie fand.”

Die Stadt an der Mündung der Mottlau ist natürlich keine Geringere als Grass’ Geburtsort Danzig. Oskar und Grass spielen durchgehend metafiktionale Spiele; keiner von beiden kann jemals einem Exkurs widerstehen – die meisten davon sind signifikant. Es werden Geschichten erzählt. Die Charaktere wandern rein und raus. Manchmal sterben sie, manchmal nicht.

Die wahnwitzige Erzählung

Die Erzählung rast überschwänglich und selbstbewusst mit einer schieren Körperlichkeit der Sprache dahin, mit ihren rollenden Phrasen, Nebenbemerkungen, einem originell-rhythmischen Einsatz von Wiederholungen, märchenhaften Motiven und einer Fülle von Sprachwitzen.

Obwohl er großzügig mit den Details von allem umgeht, was vor ihm geschah, entschuldigt sich Oskar nicht für sein besonderes Interesse an seiner Geschichte, da er darauf brennt, den Beginn seiner Existenz zu verkünden. Er trommelt weiter, und seine Geschichte wird schnell kompliziert, als seine Mutter den Lebensmittelhändler Alfred Matzerath heiratet, aber ihre Romanze mit ihrem Cousin Jan wieder aufnimmt und Oskar mit zwei Vätern zurücklässt. Jan ist der Romantiker, aber Alfred kann kochen. Oskar ist ein lakonischer Erzähler, mit einem Auge für Details:

“Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen”.

In Oskar hat Grass einen Zeugen, dessen Geschichte in der Kindheit beginnt. Als Baby war er bereits vollkommen. “Ich war eines dieser hellhörigen Säuglinge, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur bestätigen muss.” Er konnte hören, wie seine Mutter ihre Enttäuschung darüber, dass er kein “kleines Mädchen” war, mit einer Bemerkung milderte, die sich als ironisch erweisen sollte:

“Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen.”

Von Geburt an hatte Oskar die Fähigkeit, Dinge außerhalb des natürlichen Bereichs der menschlichen Sinne wahrzunehmen. Seine Blechtrommel kommentiert symbolisch das Blechohr (Trommelfell) einer apathischen Bevölkerung und seine Fähigkeit, Stimmen zu hören, die außerhalb der Reichweite der gewöhnlichen Wahrnehmung liegen. So unangenehm es auch ist, Oskar hört die authentischen Geräusche seiner Welt, Vergangenheit und Gegenwart, und versucht so, die grausamen Wahrheiten festzuhalten, denen eine kriegsgeschädigte Nation widersteht.

Der junge Oskar ist ein trotziges Individuum, offen für Abenteuer, insbesondere für sexuelle Eskapaden. Das Komische verwandelt sich oft ins Groteske, wenn etwa ein Ausflug am Karfreitag zum Kauf von Aalen führt. Die Szene beinhaltet das ekelhafte Schauspiel, wie ein Pferdekopf, randvoll mit Aalen aus der Ostsee gezogen wird. Bald darauf stirbt Oskars hübsche Mutter und wird im Roman zur “armen Mama”. Ihr Tod ist der erste von vielen.

Während des gesamten Romans beschäftigt sich Oskar in ziemlich grafisch dargestellten Sexszenen mit einer Reihe von Frauen. Er begibt sich auf eine Tournee mit Bebras Zirkusgruppe und beobachtet, wie Roswitha, seine Geliebte, stirbt, von einer verirrten Granate getötet, und das alles, weil er sich weigerte, ihren Morgenkaffee zu holen.

Das neue Wachstum

Es geht munter weiter in dieser Burleske, bis Oskar von einem Stein am Kopf getroffen wird und wieder wächst. Er setzt sich für Künstler ein, wird Jazzmusiker, findet Ruhm. Aber immer ist er auf der Suche nach etwas: Liebe? Sicherheit? Antworten?

Danzig, zwischen Deutschland und Polen gefangen, ist Oskars tragischer Spielplatz. Die Geschichte ist dicht, eine Achterbahnfahrt; Oskar ist sowohl Monster als auch tragischer Held. Vor allem ist er ein Zeuge, wütend und verzweifelt. Zum Abschluss des Romans sagt Oskar: “Mir gehen jetzt die Worte aus, aber ich muss noch darüber nachdenken, was Oskar nach seiner unvermeidlichen Entlassung aus der psychiatrischen Einrichtung tun wird. Heiraten? Ledigbleiben? Auswandern? Modellstehen? Steinbruch kaufen? Jünger sammeln? Sekte gründen?”

Man hat sich oft nach dem Symbol für das zwanzigste Jahrhundert gefragt; Oskar ist dieses Symbol, mehr noch: er ist nicht nur das Symbol des zwanzigsten Jahrhunderts, er IST das zwanzigste Jahrhundert. Gleichzeitig ist es einer der wenigen phantastischen Romane eines deutschen Autors von Weltrang. Und für alle, die nicht lesen können: der Film ist auch nicht schlecht.