Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: pferd (Seite 1 von 3)

Die Engelmacherin

Sandsteinburg #34

Oben am Kriegerdenkmal; erste Liaison mit einer, die im Damensattel ritt. Aufgespartes Pfläumchen, Wald und Pavillon zum tratschen, Hirsche zum schießen, alles kräftig begatten, jedes zweite Kind stirbt, alle Damen ran an den Halm, den Born aufgesperrt! Das kleine Ding durchlaucht.

»Ich sehe, Ihr seid gekommen!«

(Ja, was sonst, der einzige Spaß, etwas Verpothenes & Empörendes zu tun!) Wie würde das edle Ding auf eine Tüte Gummibären reagieren?

»Ich habe Euch Blumen mitgebracht!«

Dafür gibt sie nicht ihre Hand.

Das ungewaschene Bein hinaufschnuppern, mit der Nase in den Röcken verheddert verenden –

(Der Galan sieht aus wie ein Räuber!)

»Euch wächst noch nicht einmal Gesichtshaar!« Aber er hat einen feisten Händedruck, man merkt’s, wenn er rund herum die abgebundenen Taille tastet. Die Romanze beginnt mit der Neugier, das Aufsatteln ist ein Akt der Wonne, bei dem sie schreit wie ein abgestochenes Ferkel. (Wer braucht schon Hände!) Die Blumen fest in der Hand, Knöchel blank, der Rohling hechelt den Gestank des rohen Fleisches in ihr rosafarbenes Loch, garniert mit kleinen weißen Zähnchen, und zwischen den Beinen brennt der Scheiterhaufen und riecht auch noch nach Brandbeschleuniger.

Da geht sie : Au!, den Hain und Au!, das Pferd, flennt wie ein Rohrspatz, wie mit dem Kleid, den Röcken einen Stallboden aufgewischt. Die Kloaken der Jungstuten, das werden die urbanen Verhältnisse später notwendig machen, müssten betreut werden, hier ist nicht jeder Edelmann, da wird sich schon mal bedient, da wird sich hergegeben, wer soll’s denn richten, wenn nicht der Pfiffikus des Waldes?

»Ich habe Euch nun ein für allemal durchlaucht!«

(Das büßt er, der Knecht!)

Am Heuschuppen schnuppern; getraut er sich denn zurück nach dieser Szenerie? Das Hubertusrudel wird’s verbreiten, flüsternd : Das kleinste Dämelchen ist vom Pferd gefallen, hat sich an seltener Stelle verwundet, wie der Zufall es will. Rumtreiben, rumtreiben; da sind doch nur Holzfäller und kaiserliche Pilzpflücker am Werk! (– und Pferdeauf und -absattler!)

Gar nicht so wie in den getürkten Geschichtsbüchern, wer von wem abstammt, Blickwinkel der Heraldik, so manch einer unter schöner Ornamentik dahingerafft, Blutleer, aber die Zeit war wer im Gegensatz zu allen Blödeleien der Moderne. Sowas wie Hosenbeine kaufen, keinen Rock tragen, etepeteten (anstatt trompeten), höfeln oder dienern, kratzbuckeln, und dann im Heu die dreckigen Gedanken der Mahlzeit der Pferde beigemischt!

»Das will ich jetzt aber genau wissen, dir läuft die Ehre die Beine runter, versickert in Fetzen! Im Grunde müsste man dich ersäufen oder alles verschweigen; doch das würfe Fragen auf, wenn du mit gespreizten Beinen die Decke anstarrtest, die Hecksen dir die Frucht aus dem Leib pellten. Da soll jemand auf den Umfang achten, die Zofen alles abschnüren!« – das enge Ding noch enger, die Libertines am gaffen, die Engelmacherin mit der brüllenden Kutsche eingefahren und begastet, als wäre sie nicht die, die dann ihre Tränke aus dem Tuch pult, von Welt gewandet, wie eine Schirmherrin schwarzer Künste.

Ersäufen oder verschweigen!

Während sie tatsächlich Risse und Speckflecke zählt, Stricknadeln in ihr pfuschen. Die berechtigte Frage, »Wieso denn?«, auf den bebenden Lippen. Hubertuston!

Der Hirsch, der ihr zwinkert, tot oder anderweitig beschäftigt, die Leber in einem Zwack herausgedampft und redlich getilgt, je nach Stand, frisches Blut, Organ aus dem Leib, die Frucht in der Kälte ein Klumpen blutiger Dotter, dampfend der Geist an der Speckdecke haftet, Formen choreografiert. Jemand betritt den Raum und ahnt es nicht, da kniet doch tatsächlich eine Vettel?

»Ich habe Euch Blumen mitgebracht!« (– oder allerlei Beeren, die ich fand.)

»Stellen Sie’s ab, und sagen Sie mal, tickt die Uhr da?«

Es gab einen Sturm (5)

Sandsteinburg #7

Da war diese Erscheinungen im Wald. Das konnte man vielleicht abtun. Man musste nicht alles glauben, solange man nicht selbst davon betroffen war. Aber es sprach sich herum. Ein Jux, sagte man, ein geschmackloser obendrein, aber nicht gar so geschmacklos, wie uns verkaufen zu wollen, dass da jemand auf dem Mond gelandet wäre, sagte man. Da kann man gar nicht hin, das kann man technisch gar nicht bewältigen, sagte man. Wo doch gar nicht einmal feststeht, ob es den Mond überhaupt gibt. Natürlich gibt es den Mond, was ist denn in dich gefahren? Man sieht ihn doch da oben! Ja, aber vielleicht ist das nur eine Täuschung, eine Luftspiegelung. Wie in einem Kabinett auf dem Wiesenfest; du denkst, du weißt, woʼs langgeht, du hast doch Augen im Kopf, und dann knallst du gegen die Scheibe! Du hast Recht, ich knalle auch immer gegen die Scheibe, aber die Russen waren doch auch schon oben! Also, ich glaube an die Russen. Ach ja? Du kannst ja mal rüber gehen, wirst schon sehen, wie sie dich empfangen! Und der Mond ist mal groß, mal klein, ist euch das noch nicht aufgefallen? Groß und dann wieder klein. Man hat doch, ich schwörʼs, diese runden Türme entdeckt, in welchen der Vollmond jeden Monat gegossen wird, um dann mit einem großen Katapult in den Himmel geworfen zu werden. Der Mond erkaltet unter der Erde, wird fest in den Tiefen, wird zu Basalt und Eisen.

»Ihr mit euren blödsinnigen Geschichten«, sagt Konrad, an dessen Ober­lippe stets ein Tropfen darauf wartet, im Gewirr seines Schnurrbarts unter­zutauchen. »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, es liegt am Bier, vielleicht war im Felsenkeller der Scherdels was nicht in Ordnung.«

»Es liegt höchstens an zu wenig davon!« Trinklein hantiert mit der Flie­genklatsche, obwohl es gar keine Fliegen gibt, um damit anzudeuten, er be­nötigt mehr von diesem goldenen Saft, oder die Langeweile wird ihn augen­blicklich auffressen.

»Was! Hat der schon wieder zehn! Joe, du bist ein Loch!«, sagt Ludwig und mischt das Kartenspiel neu. Das letzte Spiel hatte er mit Schneider ge­wonnen.

»Ich bin also ein Loch, ja? Und was ist mit Carlos?«

»Carlos ist der Weißenstädter See!«, sagt der Postler, den alle nur unter diesem Namen kennen, weil er nach dem Krieg die erste Poststelle in Schwar­zenhammer betrieben hatte. Sein Bauch, der aussieht wie ein Medizinball im Pullunder, wippt bei jedem Wort auf und nieder.

Was sieht er, der Mond? Den alten und vor allem runden Postler, der nachts, wenn er sich alleine wähnt, mit seiner Kirschtorte spricht, die er sich wie ein Haustier hält, das er mit Sahne, so denkt er, mästet, und dabei einen unförmigen Batzen Schmand hinterlässt, unter dem die Kuvertüre ihre makellose Oberfläche einbüßt, abstrus, abstrus, aber deshalb nicht weniger wahr. Seine Tochter kommt ihn jeden Tag pflegen, die Wäsche waschen, das Essen kochen, das Schnäuzchen abwischen … aber nachts, da hält er Zwiege­spräch mit Tortenguss und Sahnesteif.

Ludwig eröffnet das Spiel: Grün. Zehn tiefgrüne Blätter ranken sich aus einem rotweißgelben Mittelstrunk. Fünflinks. Fünfrechts. Oh ja, Carlos hält im Gasthof zum Egertal den Rekord über 30 Seidel Bier. Der Rekord reicht in die Zeit zurück, als nichts als Flüssigkeit in der Luft lag, jeden Willen er­weichte, und doch das ganze Goldblut der Welt war. Carlos kam gerade von einer seiner sehr langen Wanderungen, bei denen er Vogelgesänge studierte und ansonsten ordentlich Strecke machte, zurück. Diese Wanderung hatte ihn wie folgt des Weges geführt: Vom Bahnhof Schwarzenhammer aus be­gleitete er die Straße nach Selb, bog dann nach einem halben Kilometer links ein und ging den Weg nach Heidelheim, um dann nach rechts zur Steinselb, die am Großen Kornberg der Tiefe entsprang, das Steinbächlein, Hirtenbäch­lein und Gemeindebächlein aufnahm, abzuzweigen. Am ›Ewigen Rauschen‹ kam er vorbei, am ›Hohenstein‹ und den dortigen Dachshöhlen, an der Ruine ›Schlösslein‹ auf dem Tannenberg. Er schritt durch Hochwald nach Norden aus, folgte der Steinselb aufwärts und gelangte über den Breiten Berg nach Oberweißenbach, ging zum Basaltkegel Weißenhöhe und betrachtete lange von dort aus den Kornberg, bevor er wieder zurücklief, durstig, lechzend, ah­nungslos, und zu einem legendären Gelage ansetzte. Fünfzehn Liter sind eine Menge, die einem Pferd zur Ehre gereicht hätte. Aber Carlos hatte das Glück oder das Fatum, auf einem Platz zu sitzen, der an Außergewöhnlichkeit keine Wünsche offen ließ, zumindest was die geomantischen Daten betraf. Der Stuhl, auf dem er saß, stand exakt auf dem Omphalos, dem Mittelpunkt der Welt. Betrachtet man den Kiesgarten, in dem vereinzelt Löwenzahngewächse und Disteln sprießen, den Bretterschupfen am anderen Ende der zwergenhaft niedrigen Eingangstür der Gaststätte, kann man verstehen, warum nie je­mand auf den Gedanken kam, das Weltzentrum genau hier zu vermuten. We­der Carlos, wenn er es noch einmal wissen wollte, noch ein anderer Zecher fanden sich je in der Lage, sich auch nur in die Nähe dieser Masse zu süffeln, was daran lag, dass der unscheinbare, ächzende Gartenstuhl mit seiner abge­plautzten Farbe nie wieder an genau dieser Stelle stand, oder, wenn doch, der darauf sitzende Gast gar nicht auf die Idee kam, sich mit einem Scherdel-Fass zu messen.

»Warum nimmt eigentlich niemand die Wäsche von diesem Strauch da oben fort?« Joe Trinklein ist ein aufmerksamer Bewunderer dieser Installati­on, die direkt neben einem Waldweg, der hoch zum Rondell führt, bestaunt werden kann.

»Warum tust du es nicht?« Der Postler spielt Eichel und sticht seine Mit­spieler damit aus.

»Wer immer auch die Wäsche abnimmt, könnte Gefahr laufen, für den Täter gehalten zu werden, das ist doch klar«, sagt Ludwig.

»Für welchen Täter denn? Es ist nicht verboten, Damenwäsche an einen Vogelbeerstrauch zu hängen, vorausgesetzt natürlich, die Wäsche hat nichts dagegen.«

»Meine Güte, Joe«, sagt Konrad, »der Wäsche ist das völlig wurscht, aber dem Mädel vielleicht nicht, dem die Garderobe gehört.«

»Oder dem Scherzbold«, sagt Ludwig.

Die Tischrunde sieht ihn fragend an.

»Na, irgendwer hat die Wäsche dort zum Spaß hingehängt, damit Kerle, wie Joe einer ist, sich den Kopf darüber zerbrechen«, erläutert er, schon ganz glasig von der schlechten Luft im Schankraum. »Mach doch mal ein Fenster auf, Konny!«

»Ich weiß nicht«, sagt Joe in Richtung seines Bierglases, »die hängt jetzt schon sehr lange da. Jeder weiß davon.«

»Und? Hast du sie dir schon genauer angeschaut?« Der Postler spielt die Schellen-Sau, wirft dabei sein Glas um, alles über die Karten, in den Aschen­becher hinein. Das Gespräch wendet sich wieder dem Mond zu, aber Joe – Joe nimmt sich in diesem Augenblick vor, bei der nächsten sich bietenden Gele­genheit zum Wäschebusch zu gehen, nimmt sich vor, zu tun, was er bisher nie getan hatte: nach Spuren zu fahnden. Der Mond ist ihm völlig egal.

Iden

Tags, vor mir : 1 Gutschein für eine Allgäuer Brauer-Mahlzeit, ein­malig für das ausgewiesene Tagesgericht & ein kleines Allgäuer Brauhaus Bier zum Jubiläumspreis von 6 Euro. Wenn man hingeht, gerät man in eine Schnellküche, in einen Bauernaufstand des Brot­es, der Gerste. Lange dauern Worte, wie lange können sie blei­ben ? haben sie Malsachen dabei ? einen Schlafanzug ? Die Stim­mung ein Brüten. Sehr gerne würde ich mir begegnen wollen, zu­fällig natürlich, straß=ecks, dunkeltrüb (eine sich verjüngende Gasse zweigt ab.

Borges ist sich begegnet in los libros y las noches von 1999. Der Film steckt mir im Videorekorder, der noch bei meinem Gerümpel in der Schweiz liegt, die Hülle habe ich hier, im Keller, im Restezu­ber. Beinahe wäre ich nach Buenos Aires gegangen, aber das hätte mir genausowenig eingebracht wie damals Mexiko. Oder Paz’ Su­che nach einer Mitte, die schwer zu finden, schwer zu halten ist. Im Grunde habe ich es versucht, sage ich mir. Ich bin daran interes­siert, mich aufzulösen, mich hinfortzuschwingen, aber nirgendwo steht der Horst.

Als es noch die Erde gab und nicht das Produkt der Kunst (Kunst­produkt und Kunstwerk sind nicht identisch) als vor 6333 Jahren die letzten Traktoren in den Scheunen standen, ihnen stellt man nicht einfach Milch hin, damit sie zu schnurren begin­nen, da ge­schah dies : süßes Geflecht deiner äußeren Rinde / vom Mond be­schienen Tannin / die lockere Hand fällt der Rebe zum Trotz wurzelwärts. Von der Durach ins Schwarze Meer über Wei­dach – Iller – Donau, diesen Weg gingen wir heute nicht, die al­ten Traktoren wurden gebaut als es noch Land gab, sie sind ähn­lich wie das Pferd an den Kräutern interessiert.

Omphalos

GrammaTau #36

Es gab einen Tanz im Gesicht, aber
die Rache war ein Ballspiel am Abend.

Der rechte Arm wird ihm Taub wenn der
Frühling beginnt, so nimmt
überhand, was restlos ausverkauft erscheint.

Ein Wald, seine Bäume, Stafette der
oberen drei Bolzen, lose am Ärmel hängend,
nicht gerade voreingenommen, was die
folgende muntere Talfahrt betrifft.

Immer dann, wenn er Blumen pflückte, sah
eine Kuh in der Wohnung nach dem Rechten.
Die Bezahlung blieb asbsurd gering, fand
sich in Ahnungen bestätigt, in Trauben
gespiegelt, schließlich in Zinn gegossen.

Das Wort des Einen gegen das Wort
eines anderen Einen : so sollte es niemals
wieder sein, doch war das nichts, was
sich kontrollieren ließ. War das der Grund
für die Fälschungen der Daten, vielleicht
der Geburt, wie sie in diesem geheimnisvollen
Brief (jedoch ohne Unterschrift) nachzuspielen
war? Die Weinlese begann, begleitet von
Hindernissen, die aus der Nachbarstadt
herbeigeschafft wurden. Der Ertrag ging an
eine von Rentnern betriebene Metzgerei.

Sie wickelte Mäntel in Pullover, stopfte
Hemden in Socken. Nur so konnte er
aufgehalten werden – er und sein Pferd,
das einem Pony glich, zumindest aber einem
berühmten Hund, der Schneebälle aß. Was
daran ordinär sein sollte, fand man nie heraus.

Sie schloss die Scheune ab und legte das
Feuer in einem Beet, verbrannte aber nicht
vollständig. Ihren Kürschnerhandschuh fand man
zuletzt mit einem Honigdocht stranguliert auf.
Er röchelte noch, ein Stück vom Frieden hing
ihm an den Lefzen, ungeachtet dessen, wessen
Frieden es war. Das Mindeste, das man jetzt
noch tun konnte, war es, eine Wärmflasche
zu baden, wenn man sie nur aus dem richtigen
Stoff gefertigt fand. Man sah in Zigarren
Kisten nach, denn dort sollte das Klima
besonders mild sein. Ob und warum, derlei
Fragen beschäftigten ihn noch lange.

Ludwig Tieck / Der blonde Eckbert

Verlag Hofenberg, Berlin 2016

Wir sollten sie kennen, die erste deutsche Horrorgeschichte, sollten verstehen, warum sie es ist, und weshalb sie viele andere Autoren und ihre Geschichten, die folgten, beeinflusste. Wir sollten wissen, was an diesem urdeutschen Horror das Eigene und Unheimliche ist, um was für ein Gespür es sich handelt, das sich im Laufe der Jahrhunderte hierzulande innerhalb der schreibenden Zunft weitestgehend verflüchtigt hat. Es ist ein Bewusstsein, das die Denk- und Arbeitsweise von C. G. Jung und Sigmund Freud wesentlich mitbestimmte, ein Bewusstsein, das wieder erwachen will, im Gedenken einer vergangenen Kultur, die ihre mystische Natur lobpreiste, die, anstelle von Verstand und Logik, das Gefühl, die Sehnsucht und die Liebe des Menschen in den Vordergrund stellte.

Bereits 1796 in “Märchen aus dem Phantasus” zum ersten Mal veröffentlicht, erschien Der blonde Eckbert nur ein Jahr später in der von Ludwig Tieck selbst herausgegebenen Sammlung “Volksmährchen” erneut. Wie viele der Geschichten, die bereits im “Phantasus” erschienen waren und von ihm überarbeitet wurden. Tieck, der sich, neben dem Berliner und Heidelberger Kreis, auch dem Jenaer Kreis der Frühromantiker anschloss, agierte damals noch unter dem Pseudonym Peter Leberecht. Als Kunstmärchen wird es uns vorgestellt und nicht selten sogar als das Werk gehandelt, das den Beginn der Romantik einläutete.

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Kitty Moffert

Der Strand strömte, einem Zigeuner gleich,
Der ins Wasser gefallen, hinüber zur Insel
Der Mahagoni-Bäume, ruderte sandglitzernd
Mit grobporigen Armen, und wir ersetzten
Ihn gegen den Windacker
Ohne Almosen überhaupt erst zu fordern.

Es sah so aus, als lebten noch einige dieser
Bischofskröten, die nur wenn es donnerte aus
Den Erdritzen stakten, Goldhemd, Storchenstiefel an,
Aus einem Pamphlet rezitierend

			die Stimme Zahngurgeln.

Die Majuskeln bestanden aus Bluturin,
Eine andere Tünche kannte der Verfasser nicht
Beim Namen, stolpernd über Hasenschlingen (man
Sieht ihn Tag für Tag im Zittergras
Verschwinden, das Generationen von Rennfahrern
Ernährt).

	Ein aufgetrenstes Pferd,
Eine Harpune auf einem Schlitten.
Was siehst du da?
	Die bescheidene Frage tauchte
Unwillkürlich auf, eine Sonne auf Halbmast
In einer nie mehr wiederkehrenden Bildmischung,
Stumme Sequenz, Schwenk und ab.

Der Ruhm ist ohnehin ein Akt der Näherinnen
				sprunghafte Nadel
				angefaßt,
Ein überaus heißer Kuchen zerkaut 
Den Pansen, gibt sich mehrere Minuten
Zeit,
	Rennt O-Beinig über die Brooklyn-Bridge,
Auch wenn es nur so aussieht, weil dein 
Teller das Licht so komisch filtert, unsere

Großherzigen Lampen noch nicht erfunden sind.
Beinahe hätte ich's vergessen,
Wie heißt die Dame eigentlich?

"Kitty Moffert"

Morgenstimmung zu Hofe

 

Getösewärts hintersattelt : ein Pferd in Hufschellen und am Trog, wo sonst nur Säue ihre Schläuche lassen – dreht meinend die Mähne (wie auch das Köpfgen) dem entgegen, der da aus der Türe tröpfelt und den Hosengurt noch gar nicht eingehackelt hat : erst 1 – der Fuß; dann 2 – sein Knie; der Schuh, noch gestern im Morast versunken, zeigt seine ungereinigte (aber angehärtete) Seele.
– Schau, wie ich Dir gleich Dein Brot schmier’! Und schmier’ gleich alles aus den Lüften mit. Nichts Bestelltes, mußt Du wissen, vielmehr Zufälligkeiten, die von oben herunterrieseln, sich sodann überall festsetzen – auch in Deinem schönen Schweif, den Du den Fliegen offerierst; aber jetzt das Brot –
Die ‘maledeite Mallezeit am Schweinebad (woraus sie auch mit Schaufeln essen, wie wir es uns nicht wagen würden).

Das hölzerne Pferd und die Phantastik

(noch ohne 1. Stock)

Im Mondschein lief ich die Dorfstraße entlang. Lief bis an ihr Ende. War wieder hier. Sprang über den Zaun neben dem Eingang, lief durchs Rosenbeet und streunte über den Hof. Abermals, die zwei hölzernen Torflügel waren weit aufgeklappt, stand die Scheune offen, die zweimal so hoch war wie das Haus, in dem wir gerade schliefen. Auch die kleine Tür, dem Tor gegenüberliegend, durch die man sie verließ und so in den Garten gelangte, war geöffnet worden. Hinter dem Garten lag ein Acker, hinter dem Acker der Wald. Wieder saß mein Urgroßvater betrunken auf dem hölzernen Pferd schaukelnd versunken vor ihr : so floss aus ihr Nacht in den Hof.

Frauen in schwarzen Kleidern krochen wendig über den Flur, versuchten, angelockt vom knarzenden Klang, in unsere Scheune zu gelangen, die unserem Haus direkt gegenüber stand. Ich wusste, er ritt dem Wald entgegen: schaukelte schneller, schneller und schneller, dass sie, die Krochen, kommen mögen. Da schoss meine Urgroßmutter wie ein aufgeschrecktes Biest im Nachtkleid: weiß wie ihr wehendes Haar, furios wie eine Lichtscheuche, aus dem Haus und über ihn hinweg, sie zu schließen.

So sah ich es noch einmal. Sah es, als sah ich es zum ersten Mal. Mein zartes Alter ließ mich ihn damals nicht fragen: 

Wieso reitest du das Pferd so doll?

 
So oft hat er es versucht. So oft war seine Liebesmüh’ ihr gegenüber vergeblich.

Und so blasst diese Erinnerung nun auch vor meinem inneren Auge. Wird schwarz und schwärzer.

Es fließt nun immer Nacht auf diesen Hof, ihn zu dunkeln, die Torflügel stets weit offen, das hölzerne Pferd zu schaukeln, auf dem er jedes Mal saß, wenn er betrunken war, in dessen Mähne und Schweif noch Waldkletten hängen. So war ich noch einmal hier: es zu sehen. Und lausche bis heute bang einem letzten Knarzen.

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