Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: phantastik (Seite 1 von 5)

Die Phantome des Franz Hellens

Von Franz Hellens ist heute kaum noch mehr als dieses traurige Gemälde zu finden, das Modigliani gemalt hat, der als Künstler bekannter ist als sein Modell. 1881 in Brüssel geboren, und für den Dienst an der Waffe für untauglich befunden, ließ er den ersten Weltkrieg in Nizza vorbeiziehen, wo er auch Modigliani begegnete, und seiner zukünftigen Frau Maria Marcovna. In einem späteren Buch voller Aufsätze und Erinnerungen mit dem Titel Geheime Dokumente, erzählt Hellens, wie Modiglini das Portrait in ein paar wenigen Stunden aufs Papier geschleudert hatte, während, unterbrochen von gelegentlichen Spaziergängen an der frischen Luft, drei Liter Wein durch seine Kehle rannen. Hellens und Maria waren von dem Portrait nicht begeistert. Er beschreibt seinen Eindruck in einer seiner besten Geschichten, Der Hellseher:

„… es war lebendig, lebhaft; ‘es sprach’, wie manche Kenner sagen würden. Aber es hatte wirklich keine Ähnlichkeit.
Es muss gesagt werden, dass der Maler nicht für einen einzigen Augenblick daran dachte, dem Gesicht, das er vor sich hatte, zu schmeicheln. Es war seltsam in die Länge gezogen; das Oval des Gesichts derart zu strecken hebt ohne Zweifel eine charaktervolle Schlankheit hervor, einen Charakter aber, der nicht dem meinen entspricht. Außerdem hatte er die Schultern völlig weggelassen, so dass das wenige, das auf dem Portrait vom Körper zu sehen ist, noch weiter zum Fehlen des Volumens beiträgt, wie es nicht von dem, der ihm saß, stammen konnte. Letztlich sind die wenigen Falten, die damals bereits mein Gesicht zierten, übertrieben dargestellt worden. Das Portrait atmet eine geistige und körperliche Erschöpfung, gerechtfertigt durch das schwierige Leben, das ich bis dahin gelebt hatte. Trotz allem war ich am meisten von diesem jugendlichen, sogar kindlichen Ausdruck beeindruckt, genauso unverhältnismäßig und paradox wie der Rest, der sich aus der absichtlichen Fragilität der Konstruktion ergibt. Da war auch noch etwas anderes, das ich allerdings nicht erklären konnte.“

Hellens war ein großer, knochiger Mann mit großen, redseligen Augen, der etwas an Jeremy Irons erinnert, die Ebenen seines Gesichts waren Hager. Jahre später fand Hellens, dass das Portrait seinem jüngsten Sohn Serge wie aus dem Gesicht geschnitten war, und das war die Grundlage seiner Erzählung aus der Sammlung von 1941, Nouvelles réalités fantastiques [Neue Fantastische Realitäten].

Franz Hellens ist neben Jean Ray und Thomas Owen einer der drei Namen der (un)heiligen Dreifaltigkeit der Belgischen Phantastik. Vervollständigt wird das Pantheon durch zwei Schriftsteller, die sich ihren Ruhm in anderen literarischen Gefilden erwarben, die aber jeweils einen beachtlichen Beitrag zum Genre lieferten: der Symbolist und Dramatiker Michel de Ghelderode mit Sortilèges [Verwünschungen], und der Dichter Marcel Thiry mit Les nouvelles du grand possible [Größtmögliche Geschichten].

Im Gegensatz zu Ray und Owen führte Hellens das Phantastische weg vom Horror, hin in Richtung des Magischen Realismus. Seine frühen Arbeiten wurden als leuchtende Beispiele der „echten Phantastik“ gefeiert, und sie entschieden seine ästhetische Richtung: zunächst in der erzählenden Literatur, und später in seinem Leben durch Essays, in denen er, mit wenig Erfolg, versuchte, eine Theorie der Phantastik zu entwickeln. Die „echte Phantastik“ ist ein unsicheres Konzept und hat nicht zuletzt teilweise ihre klassischen Momente verloren. Sie kann sich noch nach einer klassischen phantastischen Erzählung anhören, die den Rahmen einer Realität nimmt, in die dann das Unerklärliche hereinbricht und somit Verunsicherung auslöst. Für Hellens aber war die Phantastik ein spezifischeres Konzept, eine „ungewöhnlich Brechung alltäglicher Realität“, die Realität wurde desorientiert und verschoben zurückgelassen. Statt eines weit hergeholten Ansatzes ging es ihm darum, die Realität bis an die Grenzen des Bekannten und Glaubhaften zu treiben, um die „Erweiterung der Realität bis hin zum noch Vorstellbaren.“

Zu dieser Zeit waren Träume und Vorstellungskraft der neueste psychologisch Stand innerer Grenzen. Hellens Streben nach einer „inneren Phantastik“, die das „Ergebnis einer lyrischen Seele … essentielle Poesie“ sein sollte, zeichnete den Kult des Ästhetischen der Surrealisten bereits vor, ihre Erkundung des Geheimnisvollen, Verborgenen, und ihre Verehrung für die befreienden Kraft der Fantasie. Er bevorzugte sanftere Emotionen als den Schrecken, bevorzugte das Eindringliche gegenüber dem Eingedrungenen, und auf diese Weise bereitete er den Weg für spätere Autoren, die das Phantastische dazu nutzten, vergessenen Reichen nachzutrauern, wie Georges-Olivier Châteaureynaud und André Hardellet. Wenn der Tod durch Hellens fiktionale Landschaft streift, dann ist das weniger beängstigend als vielmehr „ein besserer Ort“, oder zumindest ein weit entfernter und ironischer Tod. Hellens ist am grundsätzlichen Charakter des Unheimlichen, an seinem etymologischen Sinn interessiert: an den Wendungen und Launen des Schicksals.

Wenn man Hellens heute liest, dann blickt man in eine sehr frühe Phase des Genres. Seine Themen sind ziemlich klassisch: Doppelgänger, Wiedergeburt, das verfluchte Objekt, Gedankenlesen, Totenbeschwörung. Wenn phantastische Erzählungen zu Beginn die Musen anrufen, dann ist es immer eine Sache des Glaubens, und wie in Geschichten aus alter Zeit, scheut sich Hellens nicht, die seinen mit ermahnenden Sätzen zu beginnen:

„Es gibt Zeiten im Leben eines Menschen oder einer Nation, in denen das Wundersame – oder das Außergewöhnliche, wenn Sie so wollen – für eine Weile zum Gesetz wird, das erstaunlicherweise auch die meisten empirisch Denkenden annehmen.“

„Wir finden im einfachsten und gewöhnlichsten Leben eines Menschen, wenn wir diesen beobachten wollten, von einem Augenblick zum anderen, sehr außergewöhnliche Umstände vor, wo seine Sinne überfordert sind und sein Bewusstsein eine befremdliche Richtungsänderung erfährt, sich in unentwirrbaren Fantasien verliert.“

1964 gewann Hellens den Grand Prix for French Literature für nichtfranzösische Schriftsteller. In einem Interview von 1971 sagte kein geringerer als Vladimir Nabokov, der bekannt war für seine ausgeprägten Meinungen (und der Robbe-Grillet für den besten Schriftsteller seiner Zeit hielt):

„Es ist eine Schande, dass Franz Hellens weniger gelesen wird als der grauenhafte Monsieur Camus und der sogar noch schrecklichere Sartre.“

Julio Cortázar (Studien zur Phantastik)

“Was nützt ein Schriftsteller, wenn er die Literatur nicht zerstören kann?”

Die Frage stammt aus Julio Cortázars Roman Rayuela aus dem Jahr 1963, dem dichten, schwer fassbaren und raffinierten Meisterwerk, das gleichzeitig ein hochmodernes Spiel  um das eigene Abenteuer ist. Es enthält eine einführende Anweisungstabelle: “Dieses Buch besteht aus vielen Büchern”, schreibt Cortázar, “aber vor allem aus zwei Büchern.” Die erste Version wird traditionell von Kapitel eins an durchgelesen, die zweite Version beginnt bei Kapitel dreiundsiebzig und schlängelt sich durch eine nichtlineare Sequenz. Beide Lesemodi folgen dem weltmüden Antihelden Horacio Oliveira, Cortázars Protagonist, der von den lauen Gewissheiten des bürgerlichen Lebens enttäuscht ist und dessen metaphysische Erkundungen das Gerüst einer wogenden, höchst komischen Existenzkapriole bilden. Cortázar sagte lakonisch: “Ich bin auf der Seite der Fragen geblieben.” Aber es war der formale Wagemut des Romans – seine verzweigten Wege -, der auf die hartnäckigste und persönlichste Anfrage des argentinischen Autors hinwies: Warum sollte es nur eine Realität geben?

Die verbindende Durchgangslinie im Werk Cortázars ist das Beharren  auf der Elastizität der literarischen Kunst, um damit das einzufangen, was er als flüchtige, umstrittene und immer fließende Realität sah. Irgendwann sagte Cortázar: “Ich hatte ein Gefühl der Vertrautheit gegenüber dem Fantastischen, weil es mir so akzeptabel und echt erschien, wie die Tatsache, um acht Uhr abends Suppe zu essen”. Das Fantastische ist also ein Mittel, um die Flachheit des weithin Akzeptierten oder nur Prosaischen zu verlassen. Das Gefühl wird so zu einem Refrain. Für Cortázar, wie für seine Schöpfung Horacio, war die freudlose Verengung der gelebten Möglichkeit eine Verschwörung der großeren Falschheit, die er “die vorgefertigte, vorfabrizierte Welt” nannte.

Während Cortázar nicht explizit erklärt, was er damit meinte, suggeriert seine Arbeit ein tiefes Misstrauen gegenüber der Alltäglichkeit des Lebens, einen Verdacht, dass es sich um eine Lähmung handelt, die sich als beruhigende Routine ausgibt. “Es kam mir vor wie eine Art mentaler Rülpser”, sagt Horacio in einem der langen inneren Monologe von Rayuela, “dass dieses ganze A B C meines Lebens ein schmerzhaftes Stück Dummheit war, weil es allein auf der Wahl dessen basierte, was man Nicht-Verhalten nennen könnte, anstatt Verhalten”. Anderswo schreibt Cortázar mit ähnlichen Bedenken: “Wie es weh tut, einen Löffel abzulehnen, nein zu einer Tür zu sagen, alles zu leugnen, was die Gewohnheit zu einer angemessenen Geschmeidigkeit geschleckt hat”.

Für den Ableger der literarischen Moderne, den so genannten lateinamerikanischen Boom, in dem Cortázar in seiner Blütezeit der 1960er Jahre eine entscheidende Rolle spielte, kam eine radikale Neubewertung der Wirklichkeit auf. Der Boom, der unter anderem die überragenden Werke von Gabriel García Márquez, Carlos Fuentes und José Lezama Lima umfasste, half, die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Fantastischen zu durchbrechen. Cortázar selbst brachte eine Art kosmopolitischen Kubismus in den Roman, in dem Zeit, Ort, Sprache, ja sogar der wörtliche Text selbst zu Orten der Auseinandersetzung, Teilnahme und des Spiels wurden. Die Read-as-you-like-Anweisungen von Rayuela (“Der Leser darf das, was folgt, mit reinem Gewissen ignorieren”) sollten nicht als bloße Spielkunst oder avantgardistische Haltung verstanden werden, sondern sie stellten sich aktiv gegen einen literarischen Realismus, der nicht mehr den fragmentierten Texturen des modernen Lebens entsprach.

“Wenn man an die Grenzen des Ausdrucks stößt”, sagt er in einem Vortrag, “beginnt ein Gebiet, in dem alles möglich und alles ungewiss ist.” In Cortázars Worten haben wir dann Eden erreicht: den ultimativen Zustand der Gnade.

Eine Bilanz, von Thomas Owen

Übersetzt von Michael Perkampus. Im Original erschienen in der Weird Fiction Review. Eingeleitet von Edward Gauvin.

Belgier sind große Spaßmacher und Betrüger. Und das durch alle Gesellschaftsformen hindurch. Passenderweise war die Gründerfigur der frankophonen belgischen Literatur der folkloristische Schelm Thyl Ulenspiegel, wie er in Charles de Costers epischem Werk Die Mär von Eulenspiegel und Lamme Goedzak und ihren heroischen, ergötzlichen und rühmlichen Abenteuern in Flandern und anderen Ländern auftaucht. Die eine Hälfte Französisch, die andere Hälfte Flämisch (mit einem Funken Niederländisch und Deutsch); belastet mit einem entzweiten, aber kämpferischen Selbstwertgefühl; seit Jahrhunderten das Schlachtfeld Europas, leidend unter schnell aufeinanderfolgenden Besatzungsmächten, die ohnehin durcheinander geratene Identität zusätzlich durch das durchs Land trampelnder Armeen getrübt, reagierte Belgien auf die Fragen der Identität mit Extravaganz und den Launen der Fantasie.

Resignation, Selbstironie, und Ironie, stellt der Historiker Jacob Roel fest, wurden zur Überlebensstrategie, entwickelt, um den harten Fakten des Lebens etwas entgegen setzen zu können. Belgier haben die Exzentrik zu einem nationalen Charakterzug erhoben. C’est belge kann alles bedeuten: von hirnlos bis bizarr. Der Königspalast in Brüssel verfügt über einen Raum, dessen Decke komplett mit Hunderttausenden winziger Rückenpanzer eines in Thailand beheimateten Käfers dekoriert ist. Der Titel: Himmel der Lust.

So hat auch der belgische Fabulismus eine finstere Vornehmheit, bestehend aus einem anspruchsvollen, gewählten Ton, verbunden mit einem Gefühl von Unheil und – manchmal – Angst. Im Gegensatz zu den wilderen Franzosen ziehen es die belgischen Autoren vor, die tagtäglichen Heimlichkeiten zu Gunsten eines sorgfältigen Realismus zu untergraben, der die phantastischen Elemente um so fesselnder und aufwühlender erscheinen lässt. Mit bescheidenem Witz entwickelten die Belgier eine Nationalliteratur der Träume.

Eine Sache, die eine Gemeinschaft als solche definiert, ist es, Lügengeschichten übereinander zu erzählen. Das verleiht vielen Texten eine fast mündliche Unzuverlässigkeit. In Thomas Owens Kurzgeschichte The Bernkastel Cemetery ist einer der Protagonisten Owens Zeitgenosse und Mentor Jean Ray. Aber es ist nicht der Jean Ray, der berühmt ist für seine übernatürlichen Geschichten: es ist ein Jean Ray, der auftritt wie eine Mischung aus Indiana Jones, Pater Damian und Robert Langdon, Abenteurer, Exorzist und Gelehrter in okkulten Dingen. In einem der zahlreichen Essays taucht Ray sogar als Tarantelzähmer auf. Ray war überhaupt eine populäre Figur in den Büchern aller seiner Freunde. Die folgende Generation hat diese Tradition aufrecht erhalten: Thomas Owen geistert – eine höfliche und unheimliche Erscheinung – durch die Werke von Anne Richter und Nadine Monfils, die von leicht fantastisch bis markerschütternd reichen.

Thomas Owen (1910 – 2002) ist einer der Namen, die regelmäßig zusammen mit Jean Ray als eine Säule der belgischen Phantastik genannt wird. Sein richtiger Name war Gérald Bertot, seines Zeichens Strafverteidiger, Kunstkritiker, Krimiautor und Manager einer Müllerei. Unter seinem Pseudonym verfasste er mehr als 300 Geschichten und verpasste darin der Horrorerzählung Wirtschaftlichkeit und Reinheit. Seine beunruhigenden Erzählungen wurden oft mit Edgar Poe und Dino Buzzati verglichen. Es gibt eine Beständigkeit der Weltsicht in Owens Werk: die existentielle Angst, die Thomas Ligotti auf einem Klappentext richtigerweise als “den Alptraum, lebendig zu sein” bezeichnet.

Eine Bilanz
von Thomas Owen

Was ich am wenigsten an Lovecraft mag ist seine Liebe zu Katzen. Was mich am meisten verblüfft, ist seine Fähigkeit, zu träumen, sich Dinge vorzustellen, zu erfinden, seine Visionen, seine Vorahnung von der Unendlichkeit des Universums, und sein Gefühl für Angst, Terror und Panik vor dem unergründlichen Unbekannten, das er erriet, suchte, bewahrte, wie es sich der menschlichen Wahrnehmung offenbart, wie es stets entgleitet, wenn wir versuchen, in dessen Nähe zu kommen, formlos, gallertartig, erschreckend …

Was mich begeistert, ist die verbale Seite seines Deliriums, Wortreich, von Grund auf neu geschmiedet für die Schönheit dieser Worte Klänge, der beschwörenden Kraft ihrer klangvollen Architektur. Nyarlathotep, Inquanok, in Kadath … Oder gleichzeitig in Babylon, unter den Chickasha-Indianern, und in ferner Sternzeit. Was mich amüsiert ist, dass ich seinem Randolph Carter in Oklahoma begegnete; ich reiste mit ihm den ganzen Weg nach New Orleans. Und dieser Randolph Carter schien lediglich eines dieser Pflanzengehirne zu sein, zukünftiger Bewohner eines radioaktiven Kometen, obwohl sein äußeres Erscheinungsbild dem eines wohlhabenden Bauern glich, der sich frech an seinem Hinterteil kratzt und nichts anderes im Schilde führt als im French Quarter, am Ufer des Mississippi die riesigen Brüste von Rita Alexander zu betrachten, auch bekannt als Champagner-Mädchen oder Miss Goldfinger …

“Sie tragen einen berühmten Namen,” sagte ich diesem einfachen, unprätentiösen Mann, dessen Frau Rezepte für die Arcadia Post verfasste.

“Ich bin dieser berühmte Mann,” sagte er, auf einem Zahnstocher kauend. “Sohn von Edmund Carter, dem Hexenmeister – aus Salem, natürlich,” lächelte er.” Und Urahn von Pickman Carter, der in zweihundert Jahren die mongolischen Horden nach Ozeanien zurückdrängen wird.”

Bei solchen Worten aus seinem Munde schüttelte es mich vor Erstaunen.

“Lovecraft?” fragte ich ihn, von leidenschaftlichen Emotionen heimgesucht. “Hat das irgendeine Bedeutung für Sie?”

Der Mann senkte seinen Blick und schien für einen Moment lang zu meditieren. Dann sagte er mit leiser Stimme: “Hören Sie gut zu. Er erzählte mir (ihm oder Ward Phillips Warren oder sogar beiden) folgendes: ‘Carter, bei der Liebe Gottes, legen Sie den Stein zurück und retten Sie sich selbst, wenn Sie können! Sofort! Lassen Sie alles stehen und liegen und hauen Sie ab! Das ist ihre einzige Chance! Tun Sie, was ich sage und fragen Sie nicht nach dem Grund!'”

Das rührte an eine Erinnerung, die tief in mir verborgen war; der Mann wusste davon und spielte mit meiner Furcht. Bei Brennan, wo wir ein flambiertes Papa Brûlot mit feinstem St. John-Rum zu uns nahmen, beugte er sich über den Tisch und artikulierte klar und deutlich jede Silbe, als er sagte: “Neugierde! Unzumutbare Schriftsteller! Warum trachten sie danach, verstehen zu wollen? Warum wollen sie das festhalten, was vergänglich ist? Howard Phillips starb dafür, dass es ihn in die Nähe der ultimativen Leere gezogen hatte, wo Azatoth, Dämonsultan, sein Kauderwelsch zornig in die Dunkelheit speit.”

Eine Welle aus Ungeduld und Verzweiflung erfasste ihn. Er stieß das Glas Eiswasser um, das man gerade erst vor ihn hingestellt hatte.

“Dummkopf!” rief er. “Er ist tot!”

Er stand auf und taumelte aus dem Zimmer, was traurige Blicke der Verwunderung nach sich zog. Ich blieb, wo ich war, erstarrt in teilnahmsloser Würde. Ein schwarzer Kellner brachte ein weiteres Glas mit Eiswasser.

Erstveröffentlichung in Cahiers de l’Herne, No. 12. Die Nummer war Lovecraft gewidmet, 1984.

Thomas Ligotti

“Wenn das Leben kein Traum ist, macht nichts mehr einen Sinn.”
– Nachwort zu Die Sekte des Idioten

Thomas Ligotti

Thomas Ligotti, von einem Fan fotographiert. Per Mail erzählte mir Thomas, dass er selbst keine Kamera besitze. Ab und zu kämen jedoch Fans, um ihn zu besuchen. So käme er zu den winigen Bildern, die es von ihm gibt.

Als im Jahre 1992 als letzter der von Frank Rainer Scheck herausgegebenen Bände bei DuMont Die Sekte des Idioten erschien, war so etwas wie Stille im Universum. Es handelte sich dabei um ein völlig neuartiges, bis dahin nie gekanntes Gewebe dunkler Phantastik. Der Autor: Thomas Ligotti, von dem man in Deutschland bis dahin noch nichts gehört hatte.

Heute gilt Thomas Ligotti unter Connoisseurs unbestritten als der herausragendste Horror-Autor unserer Zeit. Viele sprechen von einem “neuen Poe”, was die stilistische und atmosphärische Einzigartigkeit betrifft. Diese anspruchsvolle Einzigartigkeit führt allerdings so weit, dass er nach wie vor relativ unbekannt geblieben ist, weil er sich dem Mainstream in jeder Hinsicht verweigert und aus ihm kaum ein Unterhaltungsschreiberling gemacht werden kann. Wie man es dreht und wendet: Ligotti ist ein Literat von Weltrang, einer von sieben lebenden Autoren, die von Penguin Books in den Stand eines Klassikers erhoben wurden. Kurios ist die Situation also allemal.

Ligotti benötigt noch nicht einmal Blut oder Leichen, um die Schraube durchdrehen zu lassen (um die weltberühmte Novelle von Henry James zu bemühen), ihm gelingt es, von Anfang an eine bizarre und zutiefst beängstigende Atmosphäre zu erzeugen, indem er mit philosophischen und psychologischen Versatzstücken arbeitet, die sich tief in die Seele zu bohren wissen.

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Erotik im literarischen Horror

American Horror Story © FX

Der Sexus bestimmt unser Handeln.

Das jedenfalls nehme ich stark an, entspringt meiner Wahrnehmung, die ich habe, blicke ich mich um, beobachte ich, wie Wesen und Dinge auf mich wirken. Was mit mir und ihnen geschieht, interagiere ich, empfange ich – ganz nüchtern formuliert – Informationen, die mir meine Umwelt bietet, weil ich ihr meine anbot und versendete. Meine Umwelt. Eine Welt um mich herum. Eine, in der ich jemand anderem Umwelt bin. In der mir der Andere Umwelt ist. Und das in aller Pluralität.

Der Andere. Die Anderen. Das Andere. Das Unbekannte, das mich konfrontiert.

Das im Dunkeln Liegende. Zu Erforschende. Nicht selten Angst machende. Der Horror in der Welt. Der Horror in mir. Die Fähigkeit zur Furcht, die uns angeboren ist. Die im Laufe unseres Lebens, über ein kollektives Gedächtnis hinaus und sich doch aus diesem speisend, die verschiedensten Gestalten und Formen annehmen kann, die in unserem Handeln ihren Ausdruck findet. Sich gar in unserer Erscheinung, unseren Verhaltensweisen, ganz allgemein in Codes niederschlägt. Nicht zuletzt in den Künsten. Wie z.B. der Literatur, die dem Horror und der Erotik ganz eigene Zweige und Nischen gönnt. Eros (Amor) und Psyche. Wie sie in der griechischen Mythologie beschrieben sind. Und im Grunde von nichts anderem erzählen als vom Resultat der Trennung des Kugelmenschen in Mann und Frau. In zwei sich Suchende, die sich wieder vervollkommnen und erkennen wollen. Zwei Körper, die sich zwar wesentlich aber doch nicht so wesentlich unterscheiden, als dass sie nicht auch als ein Gleiches zu verstehen sind. So könnte z.B. der Penis des Mannes auch als ausgestülpte Vagina gesehen werden.

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Grab in Baltimore

Zwei amerikanische Städte reißen sich um das Poe’sche Erbe. Da ist zum einen natürlich Richmond, das Poe als seine Heimat bezeichnete. Allerdings ist es Baltimore, wo sein Leben begann und endete. Geboren wurde er, während seine Eltern, die beide Schauspieler waren, in Boston unterwegs waren, seine Familienwurzeln sind jedoch fest mit Baltimore verwachsen – und hier ruhen seine sterblichen Überreste.

Es war Baltimore, in dem er Zuflucht suchte, als er mit seinem Pflegevater John Allan im Clinch lag und sich genötigt sah, dessen Haus zu verlassen.

Hier traf er auf seine künftige Frau, Virginia Eliza Clemm. Hier machte er seine ersten Schritte in Richtung desssen, was man als seine Karriere für die nächsten 17 Jahre bezeichnen kann. Vielleicht ist es ganz aufschlussreich, dass er, nach seinem Geburtsort befragt, Boston verleugnete und stattdessen Baltimore beanspruchte.

Sein Grab liegt in lot 27 im Westminster Burying Ground (Fayette und Green Streets).

Die Anthologie – Start der Subskription

Gestern wurde dann der Probedruck geliefert, mit dem wir nun in die Subskription gehen können. Viele meiner amerikanischen Freunde sind darin vertreten (darunter der große Thomas Ligotti und W. H. Pugmire, der, wie er mir sagte, deutsche Vorfahren habe). Klassiker habe ich aufgenommen und natürlich auch in der deutschen Phantastik-Szene gegrast. Abgesehen davon ist Alberas erste und großartige Short Story darin enthalten und meine eigene – in Gedenken an Gerard de Nerval.)

Über ein halbes Jahr haben wir für diesen Privatdruck nun investiert, begonnen mit meinen Übersetzungen und dem absolut von Michael Liberatore auf den Punkt gebrachtem Cover.

Bestellt wird seit gestern ebenfalls bereits prächtig. Wir haben nichts zu meckern.

Jedediah Berry / Das Handbuch für Detektive

Borges lobte an der Detektivgeschichte dass sie „in einer Epoche der Unordnung eine gewisse Ordnung aufrechterhalten kann“. Dieser Gedanke wird im Handbuch für Detektive von Jedediah Berry spielerisch und surrealistisch umgesetzt. Berry ist bei uns ein Unbekannter, in Amerika kennt man ihn als stellvertretenden Redakteur eines kleinen Verlags, der sich mit Phantastik sehr gut auskennt. Seine Kurzgeschichten fanden nicht selten den stürmischen Beifall der Kritiker. Das Handbuch allerdings ist sein Debüt. 2009 geschrieben, erschien es erstaunlicher Weise 2010 bereits bei uns. In diesem Roman ist die Detektivarbeit mehr als ein Job, sie verkörpert einen geordneten Zugang zum Leben. Rätsel müssen gelöst werden, um Wahrheit und Illusion voneinander zu trennen. Sogar die Verbrecher scheinen sich hauptsächlich für das Verbrechen als Mission, als Kunstform, als Mittel zur Beeinflussung der Welt zu interessieren. Ihre Anführer sind Magier, Meister der Verkleidung, Illusionisten. Der Konflikt zwischen Detektiven und Kriminellen ist ein Aufeinanderprallen philosophischer Positionen, ein metaphysischer Kampf um die Vorherrschaft.

Unser Held ist Charles Unwin, freundlicher Aktenschreiber von Detective Travis Sivart. Er arbeitet bei der Agentur, einem Monolith der Seriosität, der seine Stadt schützt, indem er fest gegen das kriminelle Element steht. Unwin ist ein sanfter, bescheidener Kerl und nie ohne Regenschirm (es regnet immer in der Stadt). Er zeichnet sich vor allem durch die Organisation und Katalogisierung von Akten aus, die er in seiner Funktion komfortabel und zufriedenstellend erledigt. Aber als Detective Sivart verschwindet, wird Unwin unerwartet zum Detektiv befördert und als Agent ins Feld geworfen. Da er völlig ungeeignet für den Job ist, protestiert er gegen seine Beförderung, aber als er wegen Mordes verdächtigt wird, muss er den Hinweisen folgen, um herauszufinden, was vor sich geht. Als er widerwillig anfängt, Fragen zu stellen, stellt er fest, dass viele Fakten in Detective Sivarts Akten falsch dargestellt sind. Bald taucht er aus seinem Schlummer auf und versinkt in Rätseln. In der sich verdichtenden Handlung findet er Beweise, die sich nicht nur auf den vorliegenden Fall beziehen, sondern auch auf Geheimnisse, die alles untergraben könnten, was er für wahr hält.

Unwins anfänglicher Ansatz bei seinen Ermittlugen ist der eines Sekretärs: Er versucht mechanisch, das zu tun, was er denkt, was von ihm erwartet wird, sortiert die Fakten und blufft sich durch eine Reihe merkwürdiger Entdeckungen. Seine Verwandlung in einen Agenten beginnt, als er ein Exemplar des Handbuchs für Detektive – die Bibel der Agentur über Theorie und Praxis der Detektivarbeit – öffnet und seinen ersten Ratschlag liest (unter der Überschrift “Kriminalfall, Erste Schritte”):

Der unerfahrende Agent, der auf ein paar erste vielversprechende Spuren stößt, wird wahrscheinlich den Drang verspüren, ihnen so direkt zu folgen wie möglich. Doch ein Kriminalfall ist wie ein dunkles Zimmer, in dem ihn alles erwarten könnte. In diesem Stadium des Falles wissen Ihre Gegner mehr als Sie – genau das macht sie erst zu ihren Gegnern. Deshalb ist es von höchster Bedeutng, dass Sie mit Vorsicht und Raffinesse vorgehen, besonders zu Beginn Ihrer Arbeit. Jede andere Vorgehensweise wäre gleichbedeutend mit einer Kapitulation; dann könnten Sie auch gleich Ihre Taschen ausleeren, eine Lampe über Ihrem Kopf anschalten und sich eine große Zielscheibe auf die Brust malen.

Auch für die Leser dieses Romans ist es ein guter Ratschlag, anders vorzugehen. Die Erzählung treibt uns nicht vorwärts, der Eroberung entgegen, sondern zieht uns langsam tiefer in eine geheimnisvolle Welt. Die Grenzen zwischen Realismus und Traumbildern sind verschwommen. Die Zeit, in der die Ereignisse stattfinden, wird nie genau festgelegt, obwohl die Geschichte durchweg eine vage Atmosphäre des frühen zwanzigsten Jahrhunderts aufrechterhält. Und doch fühlt sich das Buch frisch und modern, ja sogar experimentell an. Es ist ein Roman, der Vergleiche mit anderen Romanen provoziert, weil es so schwierig ist, ohne einen einzigen Bezugspunkt auszukommen, was aber auch einfach daranliegt, dass das Handbuch für Detektive eine einzigartige Schöpfung ist, die selbstbewusst in ihrer genre-synthetisierenden Originalität konstruiert wurde.

Trotz dieser interessanten Eigenschaften muss man sich an die Erzählweise erst einmal gewöhnen. Die Handlung wird schnell unüberschaubar und halluzinatorisch, so dass es alles andere als leicht ist, ihr zu folgen. Die manierierte, schwach altertümelnde Prosa erscheint zunächst übermäßig raffiniert; Leichen türmen sich auf, und doch fühlt sich ein großer Teil der Handlung seltsam blutleer an, dem Traum näher als einer greifbaren Form.

Im Jahr 1924 schrieb André Breton im ersten Manifest des Surrealismus von seinem Versuch, das Bewusstsein zu erweitern und eine Überrealität zu finden, indem er die Assoziationsmöglichkeiten des unbewussten Geistes erforschte.

In Berrys Roman wird ein ähnlicher Begriff zu praktischen Zwecken von Detektiven der Agentur verwendet, indem sie in der Lage sind, verdächtige Personen in ihren Träumen auszuspionieren und dadurch Hinweise zu entdecken, die das Unbewusste über ihre Verbrechen preisgeben kann. Während Unwin diese Überwachungsmethode benutzt, um Hinweisen zu folgen, driftet die Geschichte mehr und mehr ins Surreale ab. Merkwürdigerweise taucht Unwin immer mehr in die Traumwelt ein und wird dadurch lebendiger und wacher als jemals zuvor in seinem Leben. Als wir ihm zum ersten Mal begegnen ist Unwin weit vom Modell eines hartgesottenen Detektivs entfernt, ist sanftmütig und bescheiden, so zugeknöpft und vorsichtig, dass es schwierig ist, ihn zu fassen. Während er sich jedoch bemüht, seine Gegner zu verstehen, beginnt er damit, seine eigenen Instinkte zu entwickeln. Von diesem Augenblick an fließt Leben in die Geschichte ein.

In ähnlicher Weise wird die Überlagerung von präziser, schicker Prosa in einem bizarren Kontext hypnotisch. Die Präzision von Unwins Perspektive verleiht jeder Szene einen Realismus, der ständig untergraben wird. Die Geschichte geht nie in blosse Merkwürdigkeiten über, sondern bleibt in der unerbittlichen Traumlogik ihrer Welt verankert. Sie erreicht und verunsichert den Leser auf unbewusster Ebene. Science-Fiction-Fans sprechen gerne über den “Sense of Wonder“, der sich aus der Begegnung mit neuen Konzepten und Kreationen ergibt, hier aber wird das heikle Gefühl dargestellt, das entsteht, wenn etwas Vertrautes völlig fremd erscheint: ein Gefühl des Mysteriums. Nehmen wir zum Beispiel diese Szene, als Unwin bemerkt, dass man ihn ausspioniert:

“Er versucht sich zu konzentrieren”, sagte der Mann am Telefon.
Unwin legte das Handbuch weg und erhob sich von seinem Stuhl. Er hatte sich nicht verhört. Der Mann mit dem blonden Bart sprach Unwins Gedanken laut aus. Seine Hände zitterten bei dem Gedanken; er hatte angefangen zu schwitzen. Die Männer am Tresen fuhren erneut herum und sahen dabei zu, wie Unwin in den hinteren Teil des Raumes ging und dem Mann auf die Schuter tippte.
Der Mann mit dem blonden Spitzbart blickte auf. In seinen hervorquellenden Augen war zu lesen, dass er zu Handgreiflichkeiten bereit war. “Such dir ein anderes Telefon”, zischte er. “Ich war zuerst hier.”
“Haben Sie gerade über mich geredet?”, fragte Unwin.
Der Mann sagte in den Hörer: “Er will wissen, ob ich gerade über ihn geredet habe.” Er lauschte, nickte, nickte noch einmal und sagte dann zu Unwin: “Nein, ich habe nicht über Sie geredet.”
Unwin wurde von einer schrecklichen Panik ergriffen.

The Tin Can Forest, © 50 Watt

Kurz gesagt, Berry hat einen Roman mit der sinnlich herausfordernden Wirkung eines Magritte-Gemäldes zusammengestellt, und jedes Element der Geschichte arbeitet zusammen, um diesen Effekt zu erzeugen. Es ist Unwins empfängliche, ungeformte Eigenschaft, die es ihm erlaubt, die Landschaft als eine Art luzider Träumer zu durchqueren und Informationen vorurteilsfrei so zu sichten, wie sie ihm zufliegen, ohne sich zu sehr in dem zu verzetteln, was er weiß, und vielleicht fälschlicherweise für wahr hält. Er setzt seinen klaren, methodischen Ansatz fort, auch wenn die Realität um ihn herum dekonstruiert wird. Damit ist es folgerichtig, dass die Geschichte in dem Tempo voranschreitet, in dem sie das tut, denn es liegt in der Natur dieses Buches, dass es den Leser nicht mit Gefühlen, Aktionen oder schillernden Bildern bombardiert. Hier ist das Geschichtenerzählen das Gegenteil von Bombast, es lädt in eine stilvolle Welt ein, und es gibt hier nur spärlich Hinweise. Es ist eher ein stimmungsvolles Buch, in dessen Atmosphäre man versinken und sich fortspüen lassen kann. Und es dringt in das Gemüt.

Das Handbuch für Detektive ist glänzende surreale Kunst und zweifellos auch ein gutes Stück altmodischer Detektiverzählung, wo alles miteinder verbunden ist und dem Leser die Befriedigung eines zu entziffernden Rätsels geboten wird, in dem ineinander greifende Teile zu einem logischen Ganzen zusammengefügt werden. Doch etwas Größeres verweilt hinter den einzelnen Rätseln, die Unwin erforscht: Ein Mysterium, fremd und unbekannt.
Unwin wird an einer Stelle als “akribischer Träumer” beschrieben, und dieses elegante, komplizierte, ehrgeizige Buch hinterlässt das Gefühl, dass es eine wunderbare Sache ist, ein akribischer Träumer zu sein.

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