Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu “Echos aus dem Hades”

Die Frage, ob ich den Horror gefunden habe oder ob der Horror mich gefunden hat, ist eine sehr langlebige, und trotz vieler Überlegungen bin ich einer endgültigen Antwort nicht näher gekommen. Vielleicht gibt es keine. So oder so hat sich der Horror zweifellos schon früh und mit unauslöschlicher Macht in meine Welt eingeschlichen.

Mein Name ist Richard Gavin. Ich bin ein kanadischer Autor von Horrorromanen mit übersinnlichem Gehalt, und obwohl dies seit fast zwei Jahrzehnten meine Berufung ist, reicht meine Beziehung zum Horror noch weiter zurück, bis in meine prägenden Jahre. Ich hielt es für das Beste, diese ersten Ausgabe von “Echos aus dem Hades” erst einmal als eine Art Einführung vor diesem Hintergrund und einen Ausblick auf solche Themen zu verwenden.

Eine meiner ersten Erinnerungen an Filme ist Tod Brownings Version von Dracula aus dem Jahre 1931. Ich habe ihn damals im Nachmittagsfernsehen gesehen. Der Film hat mich unmittelbar und stark beeinflusst. Monster und das Makabere wurden schnell zu einer Konstante in meinem Leben. Und im Gegensatz zu so vielen Leidenschaften, die in der Kindheit zum Vorschein kommen, verlor der Horror für mich nie seinen Glanz. “Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu “Echos aus dem Hades”” weiterlesen

Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher

Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstückchen (und natürlich auch innerhalb des kriminalistischen Dramas, das hier keine allzu große Rolle spielt), und obwohl ihre Sprache präzise ist, ist sie nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und sie kommt fast ohne Metaphorik auf Satzebene aus. Würden ihre Figuren nicht in einem konstanten psychologischen Extrem agieren, könnte man sie als flach bezeichnen.

Und diese Figuren sind wahrlich schwer, wenn nicht unmöglich zu mögen. Graham Greene nennt die Autorin in seinem Vorwort “die Schriftstellerin der Beklemmung”; studiert man diese Geschichten näher, erkennt man sie als ein Beispiel dafür, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist zwar keine tiefgründige Beobachtung, aber ihre unsicheren, beleidigenden, affektierten, unbequemen, elenden, ängstlichen, grausamen Charaktere kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder auch nicht, meist beim Töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich durch ihre Erlebnisse nicht. Highsmiths Kurzgeschichten trotzen James Joyces Erwartung an die Erleuchtung:  Die Menschen verhalten sich schlecht und es kommt nicht zu einer Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebungen in der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Erhöhung der eingefassten Fähigkeit hinausläuft. So wie etwa ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung führt als zu einer Rehabilitation. “Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher” weiterlesen

TF Episode #4: Nighttrain – Nachtschatten

Der 1. September 2019 war ein Festtag für alle Liebhaber der Weird Fiction und der Essenz der Horrorliteratur. Tobias Reckermann gab in seinem Imprint Nighttrain eine ungeheuer wichtige Anthologie heraus, die als Reminiszenz an Thomas Ligotti zu verstehen ist. Gleichzeitig war das die Gelegenheit für mich, etwas über den Einfluss Ligottis und die hier versammelten Autoren zu sprechen.

Da ich selbst übersetze und weiß, was das für eine Arbeit ist, darf auch die Leistung von Christian Veit Eschenfelder nicht unterschlagen werden, genau sowenig aber die grandiose Coverillustration von Jörg Vogeltanz.

Das Buch könnt ihr als Taschenbuch oder eBook hier beziehen.

Natürlich habt ihr auch wieder die Gelegenheit, das Skript für den Podcast nachzulesen, das ich euch auf meiner Webseite zur Verfügung stelle.

Nighttrain: Nachtschatten (Hrsg. Tobias Reckermann)

Natürlich werde ich keine Besprechung eines Buches anbieten, in dem ich selbst vertreten bin, obwohl ich es könnte. Schweigen aber will ich auch nicht, denn diese Veröffentlichung bedeutet mir mehr als viele der bisherigen. Oftmals bin ich nur dabeigewesen, mit den meisten Autoren neben mir konnte ich mich beim besten Willen nicht vergleichen. Das liegt nicht an den Autoren, sondern an mir. Ich habe eine völlig andere Auffassung von Literatur, der Notwendigkeit zu schreiben, dem Leben selbst. Hier bekommt der Leser natürlich auch “nur” eine Anthologie geboten, aber diese hier ist anders. Nicht nur dass sie ein Thema hat – das haben viele, wenn nicht gar alle in gewisser Weise -, sondern dass sie eine Verneigung vor Thomas Ligotti bedeutet. Nicht im Sinne einer Anbiederung und eines stilistischen Nacheiferns, dazu sind die hier versammelten Autoren nicht berufen, sondern in ihrer Haltung.

Man darf nicht vergessen, dass die hiesige phantastische Literatur nach Angerhubers Verstummen quasi nicht mehr vorhanden ist, zumindest nicht in der Qualität, wie sie fast ausschließlich in Amerika zu finden ist. Das wäre weiter kein Problem, wenn die besten Autoren wenigstens übersetzt würden. Aber weder Matt Cardin, D.H. Watt oder John R. Padgett wurden diesbezüglich berücksichtigt. Und das sind nur jene, die in dieser Anthologie auftauchen, die wir Tobias Reckermann zu verdanken haben, selbst Autor und Herausgeber vieler Kleinode, die unsere Wüste des Phantastischen zehn Jahre lang bereichert haben.

Als Frank Festa im Jahre 2014 ankündigte, Ligottis erzählerisches Werk in Gänze veröffentlichen zu wollen, löste das in mir positives Erstaunen aus, das aber nach der Veröffentlichung des Bandes “Grimscribe – Sein Leben und Werk” gleich wieder realistische Züge annahm, als dieses Vorhaben aufgrund der entsetzlichen Verkaufszahlen eingestellt wurde. Ligotti, einer von vier lebenden Autoren, die von Penguin als Klassiker eingestuft werden und somit zum Kanon amerikanischer Literatur gehören, scheint unseren lieben Lesern etwas zu herausfordernd zu sein. Gegenstand weltweiter Symposien zur Weird Fiction, gnadenlos und großartig auch als philosophischer Essayist, ist diese Ignoranz nur eines von vielen beschämenden Zeugnissen unserer kulturellen Abgeschlagenheit oder auch Geistlosigkeit. Doch es gibt auch die andere Seite, die wenigen, die aus hochwertiger Horror- und phantastischer Literatur äußerste Genüsse für sich zu ziehen imstande sind. Es mögen in unserem Land nicht viele sein, aber ich glaube, für all diejenigen ist ein Buch wie dieses gedacht.

Der Einfluss Ligottis

In einer Zeit des Wiedererstarkens der Erzählungen H.P. Lovecrafts erkennt man den Trend: Die einen haben groteskerweise nur Cthulhu im Kopf, als ginge es in Lovecrafts Schriften tatsächlich darum; während Akademiker ihn an den Beginn moderner Philosophie, namentlich des Nihilismus, setzen. Interessant ist das deshalb, weil der Nihilismus das eigentliche verbindende Glied zwischen Ligotti und Lovecraft ist. Bereits in seiner ersten Geschichte “The Last Feast of Harlequin”, die noch nach Lovecrafts Muster gestaltet ist, zeigt Ligotti seine ganze Stärke. Man könnte auch sagen, diese Erzählung sei eine der besten Geschichten, die Lovecraft nie geschrieben hat. Literarisch und atmosphärisch ausgewogen ist hier zwar das Vorbild noch zu erahnen, aber eben auch schon der ganze Ligotti enthalten. In all seinen folgenden Stories ist der Effekt immer der gleiche: ein vollständiges Eintauchen in eine feindliche, verzerrte und düstere Landschaft, die ohne den geringsten Schimmer auskommt. In Ligottis Händen erscheint die Menschheit schwach, unvorbereitet gegenüber jenen Kräften, die sich an den Rändern von Realität und Bewußtsein herumtreiben. Damit geht er weit über seine Vorläufer hinaus, vor allem verlässt er eindeutig den Boden der gewöhnlichen Horrorliteratur und nähert sich dem Expressionismus eines Franz Kafka oder Bruno Schulz und natürlich auch dem Surrealismus. Das ist genau der Boden, auf dem heutige Autoren – wie sie eben auch in dieser Anthologie vorhanden sind – stehen.

Eddie M. Angerhuber war die erste Übersetzerin des Meisters. In den 90er Jahren hatte die Phantastik auch im deutschsprachigen Raum noch ihre goldenen Zeiten und nahezu jeder Verlag hatte seine eigene Phantastik-Reihe, selbst der Kunstbuch und Kalenderverlag DuMont, der heute, das sei fairerweise hinzugefügt, auch andere Bücher im Angebot hat. 1992 erschien dort der letzte von Rainer Scheck herausgegebene Band “Die Sekte des Idioten” von Thomas Ligotti, einem Autor, von dem man in Deutschland zu dieser Zeit noch nie etwas gehört hatte. Eddie M. Angerhuber als Übersetzerin war schon allein deshalb ein Glücksfall, weil sie mit Ligotti in Kontakt stand und sich als eine der wenigen Schriftstellerinnen ebenfalls an diesem völlig neuartigen Ton versuchte. Das gelang ihr sogar so gut, dass sie über die Jahre als “deutscher Ligotti” bezeichnet wurde. Allerdings hatte Angerhuber ihren eigenen Stil entwickelt, der zwar von der intensiven Auseinandersetzung mit diesem aufregenden Autor geprägt dennoch ganz eigene Wege einschlug. Tatsächlich wird Angerhuber auch in amerikanischen Kreisen rund um Ligotti gefeiert, was wirklich nicht viele deutsche Autoren von sich behaupten können.

Über Matt Cardin sagt Ligotti: “Matt Cardins Horrorgeschichten sind echt: Werke, die sich der Erforschung dessen widmen, was unwiderruflich seltsam und schrecklich ist an der menschlichen Existenz.” Damit könnte er natürlich auch sich selbst bezeichnet habe. Tatsächlich ist Matt Cardin der offensichtlichste Vertreter ligott’scher Prägung in diesem Band. In vielen intensiven Gesprächen hat sich Cardin mit Ligotti auseinandergesetzt. Siebzehn dieser Interviews sind in seinem Buch “Born to Fear” zusammengefasst, einem wichtigen Eckpfeiler der Ligotti-Forschung.

Er ist Gründer, Herausgeber und Autor des Blogs “The Teeming Brain“, in dem es über Religion, Horror, Kreativität, Bewusstsein, Apokalypse und das Seltsame und Unheimliche in der Schnittmenge zwischen Kunst, Massenmedien, Psychologie, Bildung, Wissenschaft, Technologie, Politik, Ökologie, Wirtschaft und Gesellschaft im Allgemeinen geht, alles Themen, die den Horror ins Unermessliche steigern können.

Durch Matt Cardin wurde ich selbst auf Ligotti aufmerksam, als er mir erlaubte, eines seiner Interviews zu übersetzen. Auch der Kontakt mit Ligotti selbst kam so zustande, und von ihm wäre sicher ebenfalls eine Erzählung in dieser Sammlung wünschenswert gewesen, leider hatte er sich in der Phase der Entstehung nicht mehr gemeldet, was immer ein Zeichen dafür ist, dass es ihm nicht besonders gut geht. Wer seine Leidensgeschichte kennt, wird das verstehen.

In Jon Padgett haben wir ebenfalls ein wichtigen Vertreter des Ligotti-Kosmos. Nicht nur ist er der Gründer der Plattform “Thomas Ligotti Online“, er war für viele seiner Prosaarbeiten auch dessen erster Verleger. Wie bei allen anderen Autoren dieser Sammlung, gehört auch Padgett zum besten, was die zeitgenössische Weird Fiction zu bieten hat. Neben Matt Cardin als Mitherausgeber des wohl besten Horrormagazins der Welt – Vastarian – eine Quelle kritischer Studien und kreativer Reaktionen auf das Werk von Thomas Ligotti, erreicht er so ziemlich jeden Autor dieser Welt, der sich ernsthaft mit Horrorliteratur auseinandersetzt. Interessant am Vastarian ist nicht zuletzt die Beachtung solcher Autoren wie Thomas Bernhardt, Bruno Schulz, Vladimir Nabokov, Arthur Schopenhauer und Cioran, die viele wohl gar nicht mit der pessimistischen Horrorliteratur in Verbindung bringen dürften. Allerdings sind das unter anderem jene Autoren, die Ligotti selbst als bevorzugte Inspirationsquelle genannt hat. Kennt man deren Werke, verwundert das allerdings nicht und zieht vielmehr die Linie zwischen literarischem Horror und dem, was der Mainstream darunter versteht. Ein weiteres Merkmal von Vastarian ist die Einbindung poetischer Arbeiten, zum Beispiel von Charles Baudelaire und Paul Valery. Überhaupt ist in der modernen Horrorliteratur immer schon der Symbolismus genannter Dichter und Edgar Allan Poes eine der wichtigsten Herangehensweisen gewesen, der ja direkt zum Surrealismus und dem Theater des Absurden führt.

Padgetts Werk erforscht das Geheimnis menschlichen Leidens, die Qual der persönlichen Existenz und die furchterregenden Mittel, mit denen jemand sich von beidem Erlösung verschafft. Mit Themen, die an Shirley Jackson, Thomas Ligotti und Bruno Schulz erinnern, aber mit einer auffallend einzigartigen Vision, festigt Padgett seinen Ruf unter den besten des Genres.

D.P. Watt gehört mit seinem einzigartigen und faszinierenden Werk ebenfalls zu den besten seiner Zunft, und wie jeder gute Autor scheut er sich nicht, Grenzen zu überschreiten. Seine Arbeit bietet dann auch ein weites Themenspektrum, das sich von Fotographie über das Theater bis hin zur Philosophie erstreckt und dabei Elemente aus allen Bereichen, vom Magischen Realismus bis zur Dark Fantasy verwendet.

Bekannt – wenn auch nicht bei uns – ist er für seinen “phantasmagorischen Imperativ”, ein Manifest, bei dem man sich einen ethischen Imperativ vorzustellen hat, der von Veränderungen und Wundern angetrieben wird, und nicht von der universellen Replikation, die man in Kants kategorischem Imperativ findet. Um ein moralisches Leitprinzip handelt es sich dabei freilich nicht, sondern um eine notwendige Offenheit für Unsicherheit und Imagination. In den meisten seiner Werke findet sich die in der Weird Fiction allgemein bekannte Dichotomie. Da gibt es einerseits die Vorstellung, dass die Welt dem reinen Zufall unterliegt, dass sie seltsam und unerklärlich ist, und andererseits gibt es eine Art von Gerechtigkeit, bei der die eigenen Handlungen zu einer Schuld führen, die zurückgezahlt werden muss. Watt sieht die Literatur als eine Umgebung des Forschens und Experimentierens, in der Autor wie Leser die Fantasie nutzen können, um Bewusstseinsformen zu untersuchen. Von einer einfachen Nachbildung der Welt hält auch er freilich nichts.

Ich selbst durfte ebenfalls eine Geschichte zu dieser herrlichen und wichtigen Reminiszenz beitragen, aber inwiefern bin auch ich von Ligotti beeinflußt? Es gibt Annäherungen und Distanzen, aber seit ich mich 2014 intensiv mit seiner Philosophie beschäftigte, hat er mir doch beigebracht, mein jahrzehntelanges Experimentieren in eine gewisse Richtung zu lenken, die vorher allerhöchstens latent vorhanden war. Selbstverständlich ist meine Sprache eine andere, aber die Problemstellungen sind ähnlich, und das waren sie schon immer. Während Ligotti allerdings von Lovecraft aus startete und sich mehr und mehr der philosophischen Essayistik annäherte, bleibt mein Ausgangspunkt der Surrealismus und das Phänomen der Wahrnehmung, das ich mit Sprache umkreise.

Tobias Reckermann hat mit dieser Sammlung einen wichtigen Vorstoß gewagt. Wenn es in dieser Welt gerecht zuginge, müsste das Büchlein in aller Munde sein und stilprägend wirken. Aber so einfach ist das nicht.

Lars von Triers Antichrist

Von der Ökumenischen Jury, die von den internationalen Filmorganisationen der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird, mit einem Anti-Preis versehen, und auch sonst nicht zu kurz gekommen, was Buhrufe, Gelächter und negative Kritiken wie diese >>> des Tagesspiegels betrifft.

Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Das zentrale Thema von Lars von Trier ist, wie zumeist, die Angst des Menschen. Der Mensch, das Individuum, das – obgleich wir längst nicht mehr im Mittelalter leben und uns selbstüberschätzend als endgültig aufgeklärt begreifen – sich scheinbar sicher in den Händen eines Humanismus wähnen darf, der sich mit dem Wissens- und Erkenntnisfortschritt dekoriert, ihn auch postuliert, aber nicht anwendet, also nur behauptet: und somit in keiner Weise als ein solcher Humanismus zu begreifen ist. “Lars von Triers Antichrist” weiterlesen

Die Notwendigkeit des Horrors

Obwohl meine Eltern vielleicht leugnen würden, dass ihre kleine Tochter sich Filme wie Der Exorist, Omen und viele von Stephen Kings adaptierten Büchern (Cujo, Carrie, Christine) überhaupt ansehen durfte, wurden Bilder und Szenen aus diesen Filmen wie die schlimmsten Alpträume unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Und ich bekam sofort Alpträume, nachdem ich diese und andere Horrorfilme gesehen hatte: den tollwütiger-Hund-Alptraum, den Dämonenkind-Alptraum, den Vögel-greifen-an-Alptraum, den Mädchen-läuft-Blut-das-Gesicht-hinunter-Alptraum. Man sollte meinen, dass solche Erfahrungen mich schon früh vom Horror abgehalten hätten, denn wer hat schon gerne so viel Angst, dass sie einen in Träumen verfolgt wie Freddy Krueger?

Aber als ich meine Einflüsse als Schriftstellerin zurückverfolgte, war ich ein wenig überrascht, zu entdecken, dass Schrecken ein dauerhaftes Grundnahrungsmittel meines kreativen Lebens darstellte. Obwohl ich hauptsächlich Science Fiction und Fantasy veröffentlichte (dank einer frühen Liebe zu Star Wars und den Chroniken von Narnia, die bis heute andauert), waren die Bücher meiner Kindheit und meiner Jugend im Suspense- und Horrorgenre, als auch in der Romantik zu verorten. Ich wuchs aus der Romantik heraus, genoss aber den Schrecken als Erwachsene noch immer. Außerdem hat sich mein Fokus auf das Genre nicht stark verändert. Ich war nie den Slasherfilmen oder irgendeiner Art von Gore verfallen, aber Geistergeschichten und psychologischer Horror im Hitchcock-Stil? Das liebe ich noch immer, und ich vermute, einer der Schlüssel dazu liegt in der Vorstellung, dass Horror teile des Gehirns stimuliert, die für Problemlösung verantwortlich sind. 2010 führte Dr. Thomas Straube eine Hirnscan-Forschung durch, bei der vierzig Probanden bedrohliche und neutrale Szenen aus Gruselfilmen betrachteten, und die Ergebnisse zeigten Aktivitäten in den weniger offensichtlichen Regionen des Gehirns: dem visuellen Kortex, dem insularen Kortex (wo die Selbstwahrnehmung liegt), dem Thalamus und dem dorsalen medialen präkontinentalen Kortex. Letzterer ist mit Lebensplanung und Problemlösung verbunden. “Die Notwendigkeit des Horrors” weiterlesen

Die Fantasie als Prozess der Betrachtung

Das Wort Fantasie (Fantasy) wird in der Psychologie meist als „Produktionskraft des Bewusstseins, die Fähigkeit, sich Dinge auszudenken“ und weiter als „Ersatzbefriedigung, indem das durch den Alltag beschädigte Selbstbewußtsein durch Tagträume und Utopien ausgeglichen wird“ oder „imaginäre Wahrnehmung oder Erinnerung und damit Täuschung“ bezeichnet. Diese Definitionen stellen ein Hindernis zwischen Realität und Begehren dar und definieren die Fantasie als Vermittler. „Fantasie“ und seine vielen Ableitungen gehen auf das griechische Wort „Phantasia“ zurück, was wörtlich übersetzt „sichtbar machen“ bedeutet. Widersprüchliche Definitionen ergeben sich aus der unterschiedlichen modernen Verwendung des Wortes Fantasy und seines Gegenstücks, der Phantasie, die sich aus dem deutschen Wort „Fantasie“ (im Sinne von „die Welt der Phantasie, ihre Inhalte und die schöpferische Tätigkeit, die sie belebt“) ableitet (Laplanche, Urphantasie). Trotz ihres identischen Klangs und ihrer Etymologie wird die letztere in der Regel eher in der psychoanalytischen Diskussion verwendet, die erstere beispielsweise in Diskussionen über Ästhetik und Medien. 1948 schlug Susan Isaacs in ihrem Artikel “The Nature and Function of Phantasy” vor, „die beiden alternativen Schreibweisen Phantasie und Fantasie (Fantasy) zu verwenden, um „bewusste Tagträume, Fiktionen und so weiter“ bzw. „den primären Inhalt unbewusster mentaler Prozesse“ zu bezeichnen. Issacs’ Absicht bei der Unterscheidung der beiden Begriffe war es, die Kohärenz mit Freuds Gedanken zu wahren (Freud ist einer der grundlegenden Autoren zum Thema Fantasy in der Psychoanalyse). Freud benutzte natürlich das deutsche Wort ‘Phantasie’, und es bleibt eine Debatte darüber, wie man sein Wort entweder als Phantasie oder als Fantasie (Fantasy) übersetzen kann, um willkürliche Interpretationen zu vermeiden. Im modernen amerikanischen Sprachgebrauch ist die „Fantasy“ (Fantasie) jedoch viel stärker verbreitet und spiegelt beide Definitionen wider.

Um den Begriff der Fantasy und ihre Rolle in verschiedenen Medien (wie Literatur, Film, Malerei, Theater und Internet) zu verstehen, ist es wichtig, zunächst einmal zu untersuchen, wie er in der Psychologie verstanden wird. Die klinische Zusammenfassung des Wortes „Fantasy (Fantasie) (oder Phantasie)“, wie es in „Die Sprache der Psychoanalyse“ heißt, ist „[eine] imaginäre Szene, in der das Subjekt ein Protagonist ist, der die Erfüllung eines Wunsches (in der letzten Analyse ein unbewusster Wunsch) in einer Weise darstellt, die mehr oder weniger durch Abwehrprozesse verzerrt wird“). Diese Definition basiert auf der Analyse von Freuds Arbeit. Freuds Schriften unterstützen die Verwendung des Begriffs Fantasy, indem sie eine Unterscheidung zwischen Imagination und Realität (oder Wahrnehmung) hervorrufen. Diese Bezugsachse zwingt dazu, die Fantasy (Fantasie) als eine illusorische Produktion zu betrachten, die nicht „aufrechterhalten werden kann, wenn sie mit einer korrekten Wahrnehmung der Realität konfrontiert wird“. Freud stellt die innere Welt, die zur Befriedigung durch Illusion neigt, der äußeren Welt gegenüber, die als Realität oder Vermittlung des Wahrgenommenen verstanden wird. Um den Freudschen Begriff der Fantasy richtig zu verstehen, muss man auf verschiedenen Ebenen unterscheiden. Fantasien sind Tagträume, Episoden, Romanzen oder Fiktionen, die man im Wachzustand erschafft und erzählt. Unbewusste Fantasy scheint unterschwellig und nicht unbedingt reflexiv, sondern eng mit Tagträumen verwandt zu sein. Alternativ schlägt Freud in Die Traumdeutung vor, dass bestimmte unbewusste Fantasien mit unbewussten Wünschen verbunden sind. Die Fantasie stellt daher für Freud einen einzigartigen Brennpunkt dar, an dem es möglich ist, den Übergang oder die Vermittlung zwischen „den verschiedenen psychischen Systemen in vitro zu beobachten – den Mechanismus oder die Repression oder die Rückkehr der Unterdrückten in Aktion“. Die Dualität der Fantasy wird daher sowohl als organisierte, bewusste Gedanken der Imagination als auch als unbewusste Gedanken erkannt. Der Ursprung der Fantasie entscheidet also über ihre Kategorie.

Sehnsucht und Fantasie scheinen eng miteinander verbunden zu sein. Das Verlangen hat seinen Ursprung in der Erfahrung der Zufriedenheit. Wie Freud analysierte, ist die Fantasie selbst ein Vermittler zwischen dem Subjekt und seinen Wünschen und der Verneinung des Handelns nach seinen Wünschen in der Realität.

Unter Philosophen wird der Begriff Fantasie oft nur im Zusammenhang mit der Imagination untersucht. Albertus Magnus betrachtete die Imagination als „die Quelle der Bilder und die Phantasie als die aktive Kraft, die sie betreibt“ (Princeton Encyclopedia of Poetry and Poetics). Reynolds betrachtet Imagination mit Genie und Fantasie mit Geschmack. Fantasie wird im Verhältnis zur Imagination (als der höhere, umfassendere Begriff) als der niedrigere, eingeschränktere Begriff definiert.

In der heutigen Gesellschaft und den Medien wird der Begriff Fantasie oft als Teilmenge und untergeordnete Möglichkeit der Imagination betrachtet. Die Fantasy ist ein eigenes Genre, in Film, Fernsehen, Theater und Literatur, aber sie wird allgemein als eine niedrigere, perversere und ungefilterte Reflexion der Realität in der Kunst angesehen. Diese Klassenunterscheidung, wenn man so will, ist zum großen Teil auf die Waren- und Kapitalismuskultur zurückzuführen, die das Genre der Fantasy in diesen unterschiedlichen Medien unterstützt. Denken Sie zum Beispiel an die vielen Beispiele der „Fantasy-Architektur“. Restaurants wie das Rainforest Café und Medieval Times verlassen sich auf das Bedürfnis der Menschen, zu konsumieren und ihren Wunsch, sich außerhalb der Realität zu bewegen, in einen Amazonas-Regenwald und nicht auf ihren Esszimmertisch. In „Fantasy Island: The Dialectic of Narcissism“ argumentiert Michael Budd, dass viele Fernsehprogramme zum Beispiel nach menschlichen Wünschen handeln, um ein Publikum für Werbespots zu produzieren. Indem sie sich selbst als Therapie darstellt, erzeugt die Warenkultur Unzufriedenheit durch die Falschheit ihrer Versprechen und erzeugt eine „Dialektik der Eindämmung und des Überflusses“. Er schreibt weiter, dass „die von der Kulturindustrie hergestellten Fantasien nicht nur nicht in der Lage sind, die wirklichen übermäßigen Wünsche der Menschen einzudämmen, sondern sie produzieren auch in dem Maße, wie sie in ihrer Anziehungskraft erfolgreich sind – mehr Abhängigkeit und damit mehr Exzesse und Frustrationen“. Wie Freud und der psychoanalytische Blick auf die Fantasie ist auch die moderne mediale Repräsentation des Genres Fantasy tief verwurzelt in der Fantasie als Begehren, einer Flucht aus der Realität durch eine imaginäre Szene, die die Erfüllung eines Wunsches darstellt. Es ist jedoch wichtig, die private oder individuelle Erfahrung der Fantasie im Kopf, die durch Psychologie und Freud verstanden wird, von der repräsentierten Fantasy in Kunst und Massenmedien zu unterscheiden, die im Wesentlichen eine kollektive Erfahrung ist.

Das Medium Film ermöglicht eine gelungene Kreation der dargestellten Fantasie in ihrer Fähigkeit, durch die Manipulation von Zeit und Raum mit Schnitt und Spezialeffekten ein physikalisches Universum zu erschaffen. Die private Erfahrung der Fantasy in Prosaerzählungen mag der Fantasie Raum lassen, aber der Film schafft die Fantasien unserer Imaginationen. Das „Complete Film Dictionary“ folgt Freuds Vorbild, wenn es feststellt, dass „Fantasy-Filme als Projektionen menschlicher Ängste und Wünsche gesehen werden, als objektivierte Situationen, in denen sowohl unbewusste als auch bewusste Ängste des Publikums Befreiung und Befriedigung finden…. aber alle Fantasy-Filme befriedigen das allgegenwärtige Kind in uns durch Magie und Wunder“. Die Hauptkategorie des Fantasy-Films lässt sich in verschiedene Genres oder Untergruppen des Films einteilen (die aus früheren Medien wie Literatur und Theater stammen): Science Fiction (Star Wars), Horror (Frankenstein), romantische Märchen (Beauty and the Beast) und Musicals (Chicago).

Odilon Redon, Chimère (Monstre fantastique), 1883

Für den Dramatiker und Regisseur Anton Artaud ist der Einsatz der Fantasie, oder des Phantastischen, im Kino und Theater in Verbindung mit dem Surrealismus zu sehen. Die Surrealisten sind der Ansicht, dass der Rationalismus keine genaue Kenntnis des Realen liefern kann, da er die Realität auf die Grenzen der Logik beschränkt. Die surrealistische Bewegung suchte daher nach neuen Kriterien, um die Realität zu definieren. André Breton drückt diese Begriffe im Zweiten Manifest des Surrealismus so aus: „Alles führt uns zu der Annahme, dass es einen bestimmten Punkt im Geist gibt, von dem aus Leben und Tod, das Reale und das Imaginäre, die Vergangenheit und die Zukunft, das Kommunizierbare und das Nicht-Kommunizierbare,…. nicht mehr als widersprüchlich wahrgenommen werden. Und es ist vergeblich, dass man im Surrealismus ein anderes Motiv sucht als die Hoffnung, diesen Punkt zu bestimmen“. Die Fantasie und das Phantastische spielen daher eine wichtige Rolle in der Arbeit der Surrealisten, sowohl als Inspirationsquelle als auch als Ausdrucksmittel. Zu Odilon Redons Gemälde „Chimère“ bemerkte Paul Gauguin, dass er nicht sah, „in welchem Sinne Redon Monster schafft“. Sie sind imaginäre Wesen. Er ist ein Träumer, ein Mann der Fantasie. Hässlichkeit – eine brennende Frage, die der Prüfstein unserer modernen Kunst und ihrer Kritik ist“. In diesem Sinne wird das Medium der Malerei genutzt, um Fantasie und Imagination zu vermitteln, oft durch surrealistische Techniken, die neue Fragen und Theorien in der Kunst generieren. Artaud betrachtet in „Das Theater und sein Double“ sowohl das Theater als auch das Kino als Fluchtweg für die Imagination, indem er ihre Suggestionskraft nutzt, um eine Befreiung aller dunklen Kräfte unseres Denkprozesses zu bewirken. In seinen zahlreichen Stücken wie „Die Cenci“ will er die „Geheimnisse, die in unserem Bewusstsein verborgen liegen“, darstellen, indem er einem hilft, sich selbst und seine Umwelt besser kennenzulernen. Eskapismus ist oft ein Begriff, der die Tätigkeit der Fantasie beschreibt, aber auch ein Prozess, der einen der eigenen Realität und dem Verständnis der Welt näher bringt.

Mit dem Internet ist Eskapismus sowohl im individuellen als auch im kollektiven Sinne möglich. Durch Chat-Räume, Cybersex, Fantasy-Sport-Ligen und virtuelles Spielen kann ein Individuum seine Wünsche in einer gemeinsamen, aber anonymen Welt privat erfüllen. In „The Plague of Fantasies“ rekonstruiert Slavoj Zizek den psychoanalytischen Begriff der Fantasie und erforscht anhand zahlreicher Beispiele wie Virtual Reality und Cybersex das Verhältnis von Fantasie und Ideologie und wie die Fantasie den Genuss belebt und vor seinen Exzessen schützt. Für Zizek ist der Cyberspace ein Schlüsselsymptom unseres ideologischen Zustandes, der durch den „neo-gnostischen Wunsch gekennzeichnet ist, den eigenen Körper zu verlassen und in einen rein spirituellen Bereich einzutreten“. Das Internet bietet ein Medium für eine private/öffentliche Flucht, wo jede Kommunikation anonym und im Gegensatz zur Realität steht, wo die Fantasie sowohl die anregende als auch die vermittelnde Handlung übernimmt; wo die private und die gemeinschaftliche, die psychoanalytische und die künstlerische Definition kollidieren.

Die Verwendung der Fantasy als Genre in den Künsten stützt sich konsequent auf das ursprüngliche psychoanalytische Verständnis des Begriffs, wie er von Freud betrachtet wird, und nutzt es bis zu einem gewissen Grad aus. Der vermittelnde Faktor der Fantasy in den Künsten ermöglicht es dem Betrachter, sich durch den Prozess der Betrachtung der Fantasie in den Medien und nicht im Kopf mit seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen in der Realität zu verbinden.

Die Fantasie als Prozess der Betrachtung

Das Wort Fantasie (Fantasy) wird in der Psychologie meist als „Produktionskraft des Bewusstseins, die Fähigkeit, sich Dinge auszudenken“ und weiter als „Ersatzbefriedigung, indem das durch den Alltag beschädigte Selbstbewußtsein durch Tagträume und Utopien ausgeglichen wird“ oder „imaginäre Wahrnehmung oder Erinnerung und damit Täuschung“ bezeichnet. Diese Definitionen stellen ein Hindernis zwischen Realität und Begehren dar und definieren die Fantasie als Vermittler. „Fantasie“ und seine vielen Ableitungen gehen auf das griechische Wort „Phantasia“ zurück, was wörtlich übersetzt „sichtbar machen“ bedeutet. Widersprüchliche Definitionen ergeben sich aus der unterschiedlichen modernen Verwendung des Wortes Fantasy und seines Gegenstücks, der Phantasie, die sich aus dem deutschen Wort „Fantasie“ (im Sinne von „die Welt der Phantasie, ihre Inhalte und die schöpferische Tätigkeit, die sie belebt“) ableitet (Laplanche, Urphantasie). Trotz ihres identischen Klangs und ihrer Etymologie wird die letztere in der Regel eher in der psychoanalytischen Diskussion verwendet, die erstere beispielsweise in Diskussionen über Ästhetik und Medien. 1948 schlug Susan Isaacs in ihrem Artikel “The Nature and Function of Phantasy” vor, „die beiden alternativen Schreibweisen Phantasie und Fantasie (Fantasy) zu verwenden, um „bewusste Tagträume, Fiktionen und so weiter“ bzw. „den primären Inhalt unbewusster mentaler Prozesse“ zu bezeichnen (318). Issacs’ Absicht bei der Unterscheidung der beiden Begriffe war es, die Kohärenz mit Freuds Gedanken zu wahren (Freud ist einer der grundlegenden Autoren zum Thema Fantasie in der Psychoanalyse). Freud benutzte natürlich das deutsche Wort ‘Phantasie’, und es bleibt eine Debatte darüber, wie man sein Wort entweder als Phantasie oder als Fantasie (Fantasy) übersetzen kann, um willkürliche Interpretationen zu vermeiden. Im modernen amerikanischen Sprachgebrauch ist die „Fantasy“ (Fantasie) jedoch viel stärker verbreitet und spiegelt beide Definitionen wider. “Die Fantasie als Prozess der Betrachtung” weiterlesen

Tod & Horror

https://phantastikon.de/der-vampir-im-laufe-der-geschichte/Wir lernen den Tod.

Wir werden durch Symbole, Rituale, Religionen, Sprache und Kunst gelehrt. Unsere gesellschaftliche Sicht der Sterblichkeit verschiebt sich immer dann, wenn sich in unserer Kultur Veränderungen vollziehen. Zum größten Teil, zumindest in der westlichen Gesellschaft, fürchten wir den Tod und versuchen ihn irgendwie zu besiegen, um Unsterblichkeit zu erlangen.

Die Notwendigkeit, den Tod zu besiegen, war stets ein Hauptimpuls der Menschheit. Vielleicht versuchen wir, Unsterblichkeit über die biologische Schiene zu erreichen, indem wir durch unsere Elternschaft versuchen, eine genetische Kontinuität zu erlangen. Ein anderer Weg, auf dem Menschen versucht haben, den Tod zu besiegen, ist durch Kreativität und Erfindungsgabe. Indem wir etwas machen, das über unsere Lebenszeit hinausgeht, versuchen wir die Unsterblichkeit zu finden. Dramatische oder bildende Kunst, Musik, Literatur, Gedanken; neue Wege, der Menschheit zu dienen, ermöglichen dem Schöpfer ein gewisses Maß an Leben jenseits des Grabes.

Wir suchen auch irgendeine Form des ewigen Lebens durch die Religion zu erreichen: eine Wiedergeburt, eine Auferstehung, eine Metamorphose, eine Art von Leben nach dem Tod. Religion in der Vergangenheit bot Trost, aber sie erzeugte auch Ängste, die zu gesellschaftlichen Kontrollen wurden. Lebe ich ein gutes Leben? Werde ich zur Hölle verdammt? Steht mir nach dem Tod ein Urteil bevor? Die Schaffung von Werten und Moral war ein Ergebnis dieser Annahme, dass ein Leben jenseits der Gegenwart irgendwie von den Handlungen oder Überzeugungen im eigenen Leben abhing.

Der Respekt, den wir den Toten entgegenbringen, ist ein anderer Weg, die Sterblichkeit zu besiegen. Die ersten nachweisbaren Zeichen der Zivilisation und der Anerkennung des Lebenszyklus waren die Art und Weise, wie WIR unsere Toten bestatteten. In der Tat basiert das, was wir heute über die Vergangenheit wissen, in der Regel auf Grabbeigaben und Artefakten, die mit den Toten bestattet wurden.

Friedhof bedeutet “Schlafplatz”. Denkmäler und Grabsteine ​​sind ebenfalls eine Möglichkeit, das Vergessen zu vermeiden. Die einfachen Grabsteine ​​und das Vorherrschen des Schädelsymbols in den frühen puritanischen Grabmälern spiegelten das Beharren des Puritaners wieder, dass die “Endzeit” nahe war und zeigten die Verachtung für eine garantiert temporäre Welt.

Im neunzehnten Jahrhundert wich die grimmige theologische Konzentration auf eine zum Untergang verurteilte Welt mit wenig Aussicht auf den Himmel schließlich einer weniger pessimistischen Form des Christentums. Es wurde Hoffnung auf ein besseres Leben in einem jenseitigen “gelobten Land” angeboten, wo man mit denjenigen wieder vereint werden konnte, die man vorher verloren hatte. Auch kam es zu einem soziologischen Wandel durch die neuen Wissenschaften der Psychiatrie und Psychologie und sogar der Kriminologie, so dass man glaubte, dass die Menschen reformiert oder zum Besseren verändert werden könnten. Auf Friedhöfen wurde dieser neue Optimismus durch süße, geflügelte Putten, tröstende Engeln, verzierte Gräber und den milden Grabinschriften jenes Jahrhunderts widergespiegelt. Der Tod selbst schien durch das Versprechen eines Lebens jenseits des Grabes weniger abschreckend zu sein.

Unsere modernen parkähnlichen Friedhöfe nehmen hier ihren Anfang als angenehme Orte innerhalb der städtischen Grenzen für die Lebenden, die so unter den Toten spazieren können, um über ein mögliches Wiedersehen nachzudenken. Tod und Trauer wurden im neunzehnten Jahrhundert häufig etwas romantisiert. In einer Zeit, als die Säuglings- und Kindersterblichkeit extrem hoch war, konnte dies ein beruhigender Gedanke sein.

Die Totenacker waren nicht länger an einen privaten ländlichen Familienfriedhof oder an das heilige Gelände der Kirche gebunden. Jede Person konnte an diesem neuen Ort der Ruhe begraben werden. Wenn sie wollten, konnten sie mit ihren Nachbarn oder Feuerwehrleuten oder Veteranen oder solchen, die die gleiche ethnische Herkunft hatten, begraben werden. Wenn man an das Leben nach dem Tod glaubte, konnte man sich auf einen Tag konzentrieren, an dem Gläubige aus dem Grab gerufen wurden. Der Gedanke war tröstlich, zu denken, man würde eines Tages selbst aus dem Grab gerufen. Die Religion war immer noch einflussreich, aber die städtischen gesellschaftlichen Bindungen koexistierten mit ihr. Ein weiterer ganz praktischer Einfluss war der erhöhte Platzbedarf durch verschiedene Krankheiten, die in nur kurzer Zeit Tausende auslöschten. Anfangs waren diese “Friedens-Höfe” vollgestopft mit gotischem Marmor und sogar kleinen Mausoleen. Aber schließlich ersetzten die schlichten einheitlichen Grabsteine ​​der Moderne das Individuelle und Dekorative. Sie spiegeln unsere gegenwärtige Betonung der Rationalität und unsere bürokratische Zeit wider.

Heute hat die Religion kein Monopol mehr auf den Tod – Gesetz und Medizin haben das übernommen. Durch Gesetzestexte können die Toten durch Vermächtnisse und Testamente unnatürliche Macht über die Lebenden ausüben. Der Tod ist kein natürlicher Teil des Lebens mehr. Unser Leben wurde erweitert und verlängert. Wir sterben nicht mehr zu Hause bei Verwandten, sondern in Institutionen, in die uns die moderne Wissenschaft versetzt hat. Wir fürchten den verlangsamten Akt des Sterbens in diesen Tagen vielleicht mehr als den Tod selbst. Jetzt sind es die Alten, die annehmbar und unter wenig Kummer sterben, und der Tod wird nicht mehr als nützlich erachtet. Einst kam der Tod vor allem über die Jungen und die Schwachen; jetzt ist es das junge, unerfüllte Leben, das man, wenn es verkürzt wird, betrauert.

Im Horror haben wir uns immer schon mit den Toten und mit dem negativen emotionalen Terror der Unsterblichkeit beschäftigt. Die meisten unserer Archetypen sind symbolische Darstellungen des Lebens jenseits der Realität und jenseits eines tröstlichen Lebens nach dem Tod. Gespenster sind hier meist die gestörten Geister der Toten; Zombies sind die lebenden Toten; Vampire sind ein Triumph der Unsterblichkeit – und auch ihr Fluch. Unsere Monster – wahre, verwandelte und menschliche – sind erschreckend, weil sie den vorzeitigen Tod bringen. Wir personifizieren das, was uns am Tod ängstigt: dass das nächste Leben schrecklicher sein könnte als das gegenwärtige; dass die Toten uns als Beute betrachten und dass all unsere Religion und Vernunft dies nicht verhindern kann; dass es böse Mächte gibt, die den Tod benutzen, einen Tod, der gewalttätig und unnatürlich ist; selbst wenn wir unsterblich sein sollten, werden wir ewig Leiden.

In den Vereinigten Staaten sind wir fasziniert von einem gewaltsamen, gefährlichen Tod, ja, vom Tod selbst – genau wie wir von der Erotik fasziniert sind. Das erwächst aus der Zurückhaltung in unserer Kultur, sich öffentlich mit diesen Themen zu befassen. Das, was wir leugnen, ist immer verführerisch. Es wurde beobachtet, dass, wenn Sex von den Gefühlen, der Liebe und der Zuneigung getrennt wird, pornografisch und daher reizvoll wird, es sich ebenso mit dem Tod verhält: auch er wird dadurch pornografisch, wenn er sich von der natürlichen Emotion der Trauer getrennt zeigt. Vielleicht ist es die angloamerikanische Prüderie gegenüber Sex und Tod, die den Horror in der Kultur so populär macht.

Wir behandeln diese Themen im modernen Horror ständig. Wir verführen den Leser und Betrachter dazu, Angst zu haben, indem wir ihn dazu nötigen, darüber nachzudenken, welche Annehmlichkeiten wir doch gefunden haben, um mit dem Tod fertig zu werden.

Das Trickster-Phänomen in “Mein Name ist Nobody”

Viele, die den Film heute noch mögen, verbinden Kindheitserinnerungen damit. Ein späterer Einstieg ist logischerweise möglich, wird aber von einer ganz anderen Sehgewohnheit dominiert. Als Hybrid zwischen Komödie und melancholischen Abgesang auf das ganze Westerngenre ist „Nobody“ jedoch einzigartig und hat mehr Tiefgang, als man das oberflächlich betrachtet vielleicht vermutet.

Ende der 60er Jahre war das Westerngenre, dem der Italowestern noch einmal eine neue Nuance zuführte, im Niedergang begriffen. Mit dem Duo Spencer/Hill entstand der sogenannte Prügelwestern, der den Klamauk und die Persiflage im Sinn hatte und dadurch dem Genre mit den Trinità-Filmen (Originaltitel der Spencer/Hill-Western) noch einmal zu mehreren Kassenschlagern verhalf. Das rief noch einmal Sergio Leone auf den Plan, der mit „Mein Name ist Nobody“ eine Reaktion auf diese Parodien des Italowesterns zeigte. Terence Hill spielt im Grunde auch bei Leone und Tonino Valerii (der in Leones Film als Regisseur genannt wird) nichts anderes als besagten Trinity, und doch funktioniert der Film völlig anders als die Komödien zusammen mit Bud Spencer. “Das Trickster-Phänomen in “Mein Name ist Nobody”” weiterlesen