Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet

Hitchcock und Eisenbahnen gehören zusammen wie eine Lokomotive und ihr Tender. Er liebte sie, sie sind prominent in seinem Werk vorhanden, am wichtigsten jedoch in Eine Dame verschwindet. Vieles von dem, was hier passiert, kann nur auf einer Eisenbahnfahrt passieren – Passagiere, die gemeinsam durch einen Lawinensturz aufgehalten werden, unterschiedliche Klassen, die voneinander getrennt sind, Fremde, die sich begegnen, während sie unterwegs sind, ein Lokführer, der im Kreuzfeuer stirbt, ein Waggon, der auf einen Nebengleis geleitet wird, ein unerschrockener Held, der sich außerhalb eines schnell fahrenden Zugs von einem Wagen zum anderen kämpft, während andere Lokomotiven an ihm vorbeirasen, Hinweise in Form eines Namens, der durch den Dampf auf einem Fenster sichtbar wird, und ein Etikett auf einer Teepackung, das kurz an einem anderen Fenster kleben bleibt, und vor allem die erzwungene Intimität auf dieser rhythmischen Reise, die sich in ihrer eigenen Welt abspielt, unabhängig von der sich verändernden Landschaft draußen. “Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet” weiterlesen

T. E. D. Klein – Botschafter des Grauens und der Romantik

1.

QUAL DES SCHREIBENS

Die gesammelten Widersprüche des T. E . D. Klein

 Wenn es in der zeitgenössischen Literatur einen Autor gibt, der sich dem Schreiben durch puren Masochismus verbunden fühlt und sich in seiner Qual trotzdem wegweisende Werke abringt, dann ist das wohl T. E. D. Klein, der Autor eines bemerkenswert schmalen aber wahrlich nicht unbedeutenden Œuvres.
„Ich bin einer dieser Leute, die alles tun würden, um dem Schreiben auszuweichen. Alles!”1,  sagt er. „Ich finde das Schreiben von Fiktion irrsinnig hart. Ich denke, ich bin ein extrem guter Lektor für anderer Leute Werke, […] aber es ist eine entsetzlich harte Arbeit für mich, irgendetwas Eigenes zu produzieren.“2
In einem Zeitraum (wir sprechen von mehr als 25 Jahren), in dem Stephen King ein ganzes Hochregallager mit seinen Büchern füllen kann, hat T. E. D. Klein einen Roman (The Ceremonies), fünf längere Erzählungen bzw. Novellen („The Events at Poroth Farm“, „Petey“, „Black Man With a Horn“, „Children of the Kingdom“ und „Nadelman’s God“) und etwas Kleinzeug (ein paar Kurzgeschichten, Essays und Rezensionen) zustande gebracht. Warum das so ist, erklärt er Carl T. Ford, dem Herausgeber des britischen Fanzines Dagon wie folgt:

Ich lese schnell, viel zu schnell und schreibe viel zu wenig und viel zu langsam. Ich bin ein Zeitschriften-Junkie, und ich kann Stunden glücklich damit verbringen, mich durch einen Berg von Zeitschriften zu lesen. Ich unterbreche nur mal kurz, um ein paar Artikel herauszuschnippeln, die es wert sind, sie zu behalten oder einem Freund zu schicken. Du würdest entsetzt sein, wenn du sehen würdest, was ich jede Woche über in der Post habe: Literatur-Magazine, Finanz-Magazine, regionale Magazine, politische Magazine jeglicher Färbung3, Reise, Humor, Wissenschaft, Film, sogar Magazine über Postkartensammeln und Fliegen (was ich beides nur in meiner Phantasie tue).4

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Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand: “Die Herberge” weiterlesen

Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)

Wie viele herausragenden Ikonen ist auch Huckleberry Finn eine zutiefst amerikanische. Die Zeiten, in denen man die Figur halbwegs auch bei uns verstehen konnte, sind anscheinend vorbei, und doch führen seine Spuren durch die gesamte Kultur der westlichen Welt. Seine ursprüngliche Wildheit und Seltsamkeit mag Huck im Laufe der Zeit wohl verloren haben, er hat der heutigen Zeit jedoch mehr zu sagen, als man vermutet.

Ein Jahrhundert voller Filme, Cartoons, Comics, versteckter und weniger versteckter Anleihen in Romanen, sagten vor allem eines aus: wie frei und unschuldig die Kindheit früher war. Aber es gab auch im viktorianischen Amerika Banden, Schulschießereien und die Ängste der Eltern, dass ihre Kinder der gewalttätigen Popkultur ausgeliefert sind. Mark Twain schrieb über all das. Für heutige Eltern, die sich um ihre Kinder und deren Kontakt zu dekadenten Medien sorgen, sich über die Natur oder eine standardisierte Bildung Gedanken machen, ist Huck Finn kein Rückfall in eine unschuldigere Zeit, sondern erinnert sie nur daran, dass die gleichen Debatten seit mehr als einem Jahrhundert stattfinden.

Würde man Mark Twain sagen können, dass sich sein Buch im 20. Jahrhundert 20 Millionen Mal verkaufen würde, würde er sich wahrscheinlich freuen. In den USA war das Buch allerdings Schullektüre, und das hätte ihm weniger behagt. Ganz im Gegenteil brachte er seinen eigenen Kindern das Lesen bei, indem er ihnen verbot, Bücher zu lesen. Damit machte er sie zu einem begehrten und geheimnisvollen Objekt. Huck Finn sollte nie ein staubiger Klassiker werden, und das ist er ja auch nur zum Teil, denn die ganze zeitgenössische Jugendliteratur, angefangen von Harry Potter, wäre ohne Twain gar nicht denkbar. “Huckleberry Finn (Der Philosoph in der Tonne)” weiterlesen

Tontafelkalender vom 1ten Hartung xx20, einem Mittichen

Zum Lorebuch:

Das Reisen und das Vergehen der Zeit sind große Beschäftigungen der Dichtung. Räumliche und zeitliche Bewegungen sind miteinander verbunden, wobei der Reise-Impuls eine kathartische Funktion gegen die Last der vergehenden Zeit hat. Zugleich steht das Wandern aber auch für das permanente Gefühl des Verlustes, die typisch metaphysische Angst. Doch es geht mir um eine metaphysische Ästhetik – diesen vagen Begriff, den Giorgo de Chirico prägte -, und der eine Sensibilität gegenüber jenen privilegierten Momenten der zufälligen Überschneidung von Unheimlichem und Alltäglichem meint. Im Grunde war ich immer der Auffassung, dass man sich alles in der Welt nicht nur als Rätsel vorstellen muss, sondern dass alles auch ein großes Rätsel ist. Dabei geht es nicht nur um die Fragen, die uns seit Anbeginn unseres Denkens beschäftigen, sondern gerade darum, die Rätsel der Dinge zu verstehen, die allgemein als unbedeutend angesehen werden.


Der Berg wurde es gestern nicht; wir verschanzten uns in unserer Kobe, aßen und wollten von der Außenwelt genauso wenig wissen, wie all die Jahre zuvor. Weder fühlten wir uns in der Verfassung, uns der allumfassenden Böller-Idiotie auszuliefern, noch überhaupt dazu bemüßigt, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Dieser Krawall hat etwas Entsetzliches, und die Zeit ist überreif, den Arschlöchern diesen Scheißdreck zu verbieten; der Mensch ist dümmer als zu jeder Zeit seiner Existenz, man muss wieder dahin zurückkehren, ihn zu behandeln wie das zurückgebliebene Kind, das er ist.

Tontafelkalender vom 27ten Julmond xx19, einem Fridach

Deutschlands berühmteste Ruine

Seit dem gestrigen Dunkel wieder zurück in Kempten. Geschändete Knochen und felsige Müdigkeit. Ein fertiges Tableau im Gepäck.

Am 24ten packten wir uns früh morgens von Mannheim nach Heidelberg; das verzögerte sich bereits, die Bahn fiel dann ganz aus, weil sich jemand über die Gleise in eine andere Welt empfahl. So wurden die Verbindungen erst einmal unterbrochen und wir mussten mit der Straßenbahn tuckern, die erheblich länger unterwegs war, aber ich konnte dadurch auch etwas in die Stadtplanung hinein glubschen. Tatsächlich bietet die ganze Region in diesem Dreiländereck eine höchst interessante Konstellation, die ich all die Jahre aus unbestimmten Gründen links liegen ließ, im Grunde seit ich nicht mehr reise. Diesmal gestaltete sich meine Beobachtung der modernen Wuselei als zahnlos, ich entdeckte keinerlei Angriffe auf meine Hypersinne, erst später sollte sich mein Speicher als übervoll erweisen, aber mein passiver Zustand verschärfte sich dadurch nicht.

Der Meister vor der “Blume 2000”

Das Interesse der Welt an Heidelberg ist mir stets schon verdächtig gewesen, selbst als ich noch hier lebte. Andererseits fällt es der Stadt nicht schwer, ihre Besonderheiten einträchtig nebeneinander zu präsentieren. Es war war vielleicht nicht die grandioseste Idee an einem heiligen Abend hier aufzutauchen, um stapelweise Bücher zu kaufen, wofür früher immer das Antiquariat Hatry in der Hauptstraße herhalten musste, das sich heute geschlossen präsentierte. Der Regen strömte mittlerweile beinlang die Beine lang. Nun flüchteten wir uns in eine ehemalige Kultstätte, das älteste Café Heidelbergs, das wegen seiner “Studentenküsse” berühmt wurde und seit 1902 als Konditorei Knösel geführt wurde, obwohl das Gebäude selbst viel älter ist, nämlich schon 1863 als Café geöffnet hatte, in einer Zeit also, als die romantische Schule längst dem Vormärz und dem “Realismus” gewichen war. Mir selbst macht es nichts aus, Heidelberg als Verbindungsknoten durch die Zeiten hindurch in Beschlag zu nehmen, eine Illusion aufrechtzuerhalten, denn Heidelberg war stets Wahl und selten Heimat der Dichter.

Die Strophe 8 für “Das forschende Licht blinder Augen” wurde im “Vittoria” fertig, nachdem ich 6 und 7 im “Knösel” schrieb.

Die Idee war ganz einfach: Albera hatte einst fast exakt zur selben Zeit hier studiert, als ich mit meiner Lärmenden Akademie hier aufschlug. Die Mission war ein Zentrum der dichtenden Zunft zu errichten, hierfür ein Gebäude auszuwählen und dann die nötigen Symposien zu organisieren. Wie man heute weiß, geriet alles außer Kontrolle, die Lärmende Akademie versank (nicht gar so malerisch wie die Titanic) und lebt bis zum heutigen Tag nur noch als ein weiteres Gespenst in meinem Kopf. Gemeinsam waren wir noch nie in dieser Stadt gewesen, in der ich allerdings die letzten Strophen eines neuen Tableaus (das für mich eine ganz andere Bedeutung als in der Literaturwissenschaft üblich hat) fertigstellen konnte, nachdem Albera die ersten drei nicht genug waren (womit sie recht hatte).

In Mannheim selbst, das ich keineswegs als so hässlich wie meist beschrieben wahrnahm, musste an diesem Tag zumindest noch das Barockschloss ins Bild. Ein ungünstiger Tag natürlich auch für diesen Besuch. In der Bahn spotzte das Ansageband das Wort “Schschlozz”, welches das imposante Bauwerk nur unzulänglich beschrieb, aber freilich ging es bei diesem Gespucke lediglich um die Haltestelle. Es wird ein anderer Tag nötig sein, einen Blick ins Innere zu kegeln, aber schließlich waren wir schon mal da – und der Bahnhof liegt gleich um die Ecke. Leider war ich zu dieser Zeit bereits etwas in der Kategorie unter ferner liefen zu finden und sehnte mich nach meinem obligatorischen Mittagsschlaf.

Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. R. Tolkiens “Der Herr der Ringe” hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich ist.  In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil “steif, künstlich antiquiert und überladen” sei. Bloom ist nicht in der Lage zu verstehen, “wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann”. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der “Herr der Ringe” antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum “Herr der Ringe” völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass sich Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen.

Natürlich gibt es eine Art Realismus-Lobby, die durchaus mit jener der Tabak- uns Zuckerlobby zu vergleichen ist (was die unfassbare Verlogenheit betrifft). Betrachtet man, wann der “Realismus” begonnen hat, die literarische Welt zu übernehmen, trifft man unweigerlich auf die Modernisten und die Generation der Jahrhundertwende um 1900. Dort wurde eine Literaturkritik etabliert, die auf ihre Weise ein unansehnliches kleines Monster ist. In dieser Schule für Fantasielosigkeit wird nichts außerhalb der verschiedenen Formen des “Realismus” ernst genommen. Universitäten haben Generationen von Studenten gelehrt, Genres zu meiden (es sei denn, sie wurden vor 1900 geschrieben und / oder als Magischer Realismus bezeichnet).

Aber “Realismus” ist eine sehr junge und kleine Bewegung. Vor dem achtzehnten Jahrhundert war Genre-Literatur noch nicht von der “ernsten” Literatur getrennt. Was macht also diese Art zu schreiben nach 1900 weniger bedeutend als ihre Vorgänger? Die Antwort kann nur lauten: Dünkel. Denn der literarische Wert eines Werkes kann gar nicht davon abhängen, zu welchem marktstrategischen Genre es gerechnet wird. Vielleicht verstehen diese Kritiker einfach nicht, wie man Fantasy liest. Und, wenn sie nicht verstehen, wie man Genre-Literatur liest, mit welcher Autorität können sie dann zum Beispiel den “Herrn der Ringe” kritisieren? Welche Autorität besitzen sie überhaupt?

Die Allegorie-Besessenheit der Kritiker kann eine der offensichtlichen Fallstricke sein, da Fantasy-Literatur – zumindest nach Tolkien – niemals auf diese Weise gelesen werden sollte. Im Vorwort zur zweiten Ausgabe von “Der Herr der Ringe” schreibt Tolkien:

Ich habe eine Abneigung gegen Allegorien in all ihren Erscheinungsformen, und zwar schon immer, seit ich alt und wachsam genug war, um ihr Vorhandensein zu entdecken. Ich bevorzuge viel mehr eine Geschichte, wahr oder erfunden, mit ihrer vielfältigen Anwendbarkeit auf das Denken und Erleben der Leser. Ich glaube, viele Leute verwechseln “Anwendbarkeit“ mit „Allegorie“; aber die eine ist der Freiheit des Lesers überlassen, die andere wird ihm von der Absicht des Verfassers aufgezwungen.

Natürlich ist es nicht falsch, jene Teile in Märchen zu finden, die auf unser eigenes individuelles Leben anwendbar sind: das ist eines der größten Merkmale an ihnen. Aber Harold Blooms Behauptung, dass der “Herr der Ringe” ein “riesiges Zeitzeugnis” über den Zweiten Weltkrieg sei, ist Unsinn. Einfach ausgedrückt geht es hier um einen Hobbit und seine Gefährten und ihre Reise, einen Ring zu zerstören. Tolkien schrieb keine Allegorie. Alles, was aus der Geschichte herausgelesen wird, liegt am Leser selbst. Zwar beeinflusste das Leben in beiden Weltkriegen Tolkiens Ideologie, und diese Ideologie fand ihren Weg in seine Arbeit – aber beim Schreiben seiner Bücher hatte Tolkien keine politische Absicht. Er wollte nur ein Märchen erschaffen.

Warum also ruft der “Herr der Ringe” so starke Einwände der Kritiker hervor? Möglicherweise ist die Frage zu konkret. Vielleicht ist es das Genre der Märchen, das Kritiker verabscheuen, nicht den “Herr der Ringe” selbst. Kritiker erheben die gleichen Einwände gegen andere moderne Fantasy-Werke, die große Anerkennung finden. In einer Rezension zu Harry Potter schreibt Bloom:

“Sich gegen Harry Potter zu erheben, bedeutet, sich Hamlet als Vorbild zu nehmen, der seine Waffen ergriff, um gegen ein Meer aus Schwierigkeiten anzutreten. Wer immer sich gegen dieses Meer erhebt, wird es nicht bereuen. Das Harry-Potter-Phänomen wird zweifellos noch einige Zeit weitergehen, so war es auch bei J. R. R .R. Tolkien, und dann verebben.”

Dies stammt aus einer Rezension zu “Harry Potter und der Stein der Weisen”, dem ersten Buch der Serie, und wurde 2007 geschrieben, während der Roman selbst zehn Jahre zuvor erschienen ist. Doch 22 Jahre nach der Veröffentlichung ist Harry Potter immer noch so groß wie eh und je, wenn nicht sogar größer. Es stellt sich die Frage, was Bloom von Amazons Plänen für eine neue “Herr der Ringe”-Serie hält (65 Jahre nach der Veröffentlichung sind nirgendwo Ermüdungserscheinungen des Publikums zu sehen). Diese quatschigen Aussagen führen also nirgendwo hin. Märchen werden nicht verschwinden, weil wir sie brauchen.

Es ist kein Zufall, dass das Fantasy-Genre zu den Anfängen der Literatur zurückgeführt werden kann. Wir brauchen die Helden, das Abenteuer, die Ungeheuer, die Magie. Die Erforschung dieser Aspekte der Fantasie ist eine großartige Möglichkeit, Einblicke in die Bedeutung des Menschseins zu gewinnen. Kritiker lieben es, Fantasy anzugreifen, weil sie keine ernsthafte Literatur sei, schließlich wäre Realismus die eigentliche menschliche Erfahrung. In Wahrheit ist es aber so, dass Fantasy-Literatur nicht nur die eigentliche menschliche Erfahrung umfasst, sondern dass sie auch besser ist als jede “realistische” Literatur. In seinem Essay “Hamlet und seine Probleme” skizziert T. S. Eliot seine Theorie einer objektiven Wechselwirkung:

“Die einzige Möglichkeit, Emotionen in Form von Kunst auszudrücken, besteht darin, ein “objektives Korrelat” zu finden.”

Mit anderen Worten: eine Reihe von Objekten, eine Situation, eine Kette von Ereignissen, sollen die Grundlage einer gewünschten Emotion sein, so dass, wenn die äußeren Fakten, die in einer sensorischen Erfahrung enden müssen, gegeben sind, die Emotion sofort hervorgerufen wird.

Sag uns nicht, wie du dich fühlst – zeig uns, wie du dich fühlst. Das ist ein Grund, warum das Erzählen von Geschichten so wichtig ist. Es ist nicht so, dass der “Realismus” das objektive Korrelat nicht ebenfalls auf schöne Weise integrieren kann, aber wie könnte man unsere Angst vor der Tiefe besser zeigen als durch Tolkiens Wächter im Wasser, unsere Angst vor dem Tod durch die Ringgeister, oder unsere Angst vor dem Wald durch den Düsterwald? Diese Bilder sind so viel stärker als alles, was der “Realismus” produzieren kann, denn der “Realismus” wird in vielen Fällen durch seine eigenen Grenzen gezwungen, sich mit Abstraktionen zu befassen, während die Fantasy uns konkrete Bilder von Emotionen liefert, die sonst nicht so anschaulich dargestellt werden könnten. Die Fantasy erlaubt es uns auch, unsere Wachsamkeit zu verringern, was es einfacher macht, ansonsten schwierige Themen zu verstehen und neue Perspektiven einzunehmen. Vielleicht sind die neuen Erkenntnisse über uns selbst, die wir aus der Fantasy-Literatur gewinnen, für Kritiker zu schwer zu akzeptieren. Die Leute geben normalerweise nicht gerne zu, dass sie sich irren. Und ob sie sich nun darüber bewusst sind oder nicht – das ist der Grund, warum sie Fantasy-Literatur meiden. Sie haben Angst davor, was sie durch die Lektüre über sich selbst herausfinden könnten. Die anthropozentrische Natur des “Realismus” macht uns zu Opfern und Helden unserer Realität, während die Fantasy uns zwingt, uns mit den Monstern in uns selbst auseinanderzusetzen. Das können Kritiker nicht akzeptieren. Viele können das nicht. Aber Wahrheit ist wichtiger als irgendwelche Befindlichkeiten.

Die Fantasy erinnert uns nicht nur an das, was wir sind, sie erinnert uns auch an das, was wir einmal waren. Die Industrialisierung unserer heutigen Welt hat uns von der Verbindung mit der Natur getrennt, die wir früher hatten. Ursula K. Le Guin brachte dies in einem ihrer Essays wunderbar zum Ausdruck:

“Die Felder und Wälder, die Dörfer und Pfade gehörten einst genau so zu uns, wie wir zu ihnen gehörten. Das ist die Wahrheit des nicht-industriellen Umfelds vieler Fantasy-Werke. Sie erinnern uns an das, was wir angefangen haben zu leugnen, woraus wir uns selbst verbannt haben.”

Tiere waren für uns einmal mehr als nur Fleisch, Schädlinge oder Haustiere: sie waren Mitgeschöpfe, Begleiter, Gleichgestellte … Was die Fantasy im Gegensatz zum realistischen Roman kann, ist, das Nichtmenschliche als Wesentliches miteinzuschließen.

Das ist möglicherweise ein weiterer Grund, warum Kritiker die Fantasy-Literatur diskreditieren. Die Fantasy ist in ihrer Grundlage nicht anthropozentrisch. Wir haben hier nicht das Sagen.

Die Idee des Fortschritts geht davon aus, dass sie für die Verbesserung des menschlichen Zustandes unerlässlich ist, aber es kann genau das Gegenteil sein. Die Auswirkungen einer solchen Philosophie ist eine narzisstische, materialistische und rücksichtslose Menschheit, die sich immer mehr von ihren natürlichen Wurzeln entfernt. Es ist kein Zufall, dass der “Realismus” während der industriellen Revolution die Rolle des primären literarischen Modus übernommen hat. Vielleicht sind wir zu geistlos geworden, um in kindlichen Märchen einen Sinn zu finden. Aber, während wir vor diesen kindlichen Themen von Hoffnung, Heldentum, Magie und Göttlichkeit davonlaufen, sind wir immer weniger geneigt, uns um irgendjemand oder irgendetwas anderes als uns selbst zu kümmern. Wir sind egoistisch geworden. Wir bauen uns auf, nur um andere niederzureißen; wir verschmutzen unsere Ozeane und zerstören unsere Wälder. Wir trennen uns von der Natur, mit der wir in Harmonie leben sollten. Vielleicht ist es also die Schuld der Gesellschaft, dass Kritiker den “Herrn der Ringe” und andere fantastische Literaturen meiden. Wir brauchen keine Magie, wir haben Wissenschaft. Wir sind unsere eigenen Helden, die für uns selbst da sind. Aber mit unserem industriellen Fortschrittswahn scheinen wir nichts zu erreichen: Wir leben in einer Welt der Gier, des Hasses und des ständigen Krieges. Möglicherweise ist das einer der Gründe, warum wir die Märchen und ihre Bedeutung aufgeben und völlig ignorieren. Das mag wie ein riesiger Sprung erscheinen, aber vielleicht können wir die Moral nur durch das Erzählen von Geschichten und aus der Magie der fantastischen Literatur lernen.

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen.

Meiner Ansicht nach wäre es dennoch besser gewesen, Schweblins eigenen Ton herauszustellen, ihre Eigenheit, ihr Können, tatsächlich ihre Meisterschaft. Ihren Charakteren passieren Dinge, gegen die sie nichts tun können. Sie verstehen nicht, was um sie herum vor sich geht oder wie sie aus dieser Situation herauskommen, in der sie sich befinden, denn es gelingt ihnen fast nie. Schweblin zeigt in der Tat einen gewissen Pessimismus auf, was unsere Fähigkeit betrifft, unser eigenes Leben zu kontrollieren. Vielleicht ist das gemeint. Das und die präzise und klare Struktur ihrer Texte, die völlig ohne Verzierungen daherkommen. Was Schweblin wirklich tut, ist, das Seltsame und Unheimliche an menschlichen Beziehungen herauszuarbeiten.

Ich denke, eine Geschichte beginnt immer mit etwas wirklich Ungewöhnlichem. Normalität ist eine große Lüge, eine der schmerzhaftesten Lügen, mit denen wir konfrontiert werden. Wir versuchen Tag für Tag, normal zu sein, aber Normalität ist eine Illusion. Es gibt eine Kluft zwischen zwei Menschen, aber niemanden, der diesen Raum einnimmt. Er ist leer. Wenn man eine Beziehung zu den Menschen um sich herum aufnimmt, dann entsteht diese Verbindung nicht aufgrund der guten Momente. Man baut diese Verbindung über Trauer und Vergebung auf, über die Akzeptanz, dass der andere wirklich anders ist als man selbst. Die Idee der Normalität trennt uns. (Schweblin im Pen Transmissions Magazine)

Sieben leere Häuser

In den Geschichten ihres dritten Buches gibt es hinter der angespannten und leicht melancholischen Atmosphäre, den Charakteren, die durch Räume wandern (in Vororten, Städten, Hintergärten von Häusern, Wohnungen, U-Bahnen, Krankenhäusern, Aufzügen), ein größeres Narrativ, das langsam konfiguriert, was einst als Kosmovision bezeichnet wurde und was wir heute etwas zurückhaltender als Ahnung oder Impuls identifizieren können: In Schweblins Geschichten kann alles passieren.

Samanta Schweblin hat eine klassische Vorstellung des Geschichtenerzählens. Sie hat in mehreren Interviews gesagt, dass sie bei ihrem Ausgangspunkt an Intensität oder gar Angst und Unerbittlichkeit denkt. Es gäbe eine Art Zaubertrick in der Gattung der Kurzgeschichte. Diese Vorstellung korrespondiert nicht nur mit den kanonischen Traditionen der Meister des phantastischen Genres, sondern auch mit der Theorie über die literarische Form, die Edgar Allan Poe mit seinem Urteil über den Effekt der Kurzgeschichte mit fast mathematischer Präzision aufgezeigt hat. Schweblin hat auf ihre Einflüsse hingewiesen: Franz Kafka, Ray Bradbury, Cortázar. Sie nimmt den narrativen Ton Kafkas, der mit völliger Natürlichkeit etwas erzählt, das schmutzig, schrecklich, oder einfach nur traurig sein mag; sie bewundert den unbändigen Optimismus Bradburys; und wie Cortázar betont sie die unaufhörliche Suche nach neuen Wegen des Erzählens.

Das krönende Beispiel für diese Einstellung zur Kurzgeschichte in dieser Sammlung ist “Ein Mann ohne Glück”. Die Erzählung wurde 2012 mit dem Juan-Rulfo-Preis ausgezeichnet und ist ein kristallklares Modell seiner Art. In ihr findet man Spannung und Geheimnis, spielerischen Geist und strukturelle Strenge, Wahrhaftigkeit, Seltsamkeit und ein vollendetes Ende, mit einem kleinen Mädchen, das ein Stück Papier schluckt, auf das ihr mysteriöser Begleiter seinen geheimen Namen geschrieben hat, den sie schweigend wiederholt, damit “sie ihn nie vergessen würde”.

In der Geschichte dieses kleinen Mädchens und eines Mannes, die sich zufällig in einem Wartezimmer eines Krankenhauses treffen, und er ihr am Ende ein neues Paar Unterhosen kauft, weil sie Geburtstag hat – und aus vielerlei anderen Gründen – steckt all das, was Schweblin als Schriftstellerin interessiert: Missverständnisse, unterschiedlich einsame Menschen, die sich in ihrer Entfremdung begegnen, Familiengeschichten und Hysterien, kleine Übertretungen, etwas exzentrische Charaktere, die Liebe zum Detail in Bezug auf die schwarzen Unterhosen, die sie stehlen. Die Geschichte ist in ihrer Zirkularität fast zu perfekt und wurde in die Originalfassung des Buches nicht aufgenommen, weil es keine Geschichte mit einem Haus ist. Allerdings wurde Schweblin gebeten, sie aufzunehmen, weil sie damit zwei Preise gewonnen hatte.

Die zweite Geschichte des Bandes, “Meine Eltern und meine Kinder” behandelt ein ziemlich merkwürdiges Ereignis. Erzähler und Protagonist ist hier Javier, der die Ereignisse so wiedergibt, als ob er sie selbst nicht ganz verstanden hätte. Diese Perspektive bringt die Dichotomie zwischen Kindern und Erwachsenen zur Geltung. Javiers Eltern, etwas senil, haben sich ausgezogen und springen wie spielerische Kinder nackt im Garten umher. Seine Ex-Frau Marga stellt ihm Charly, ihren neuen Freund, vor; die Spannung wächst. Und etwas passiert: Die Kinder verschwinden. Das Trio sucht nach Kindern und Großeltern. Marga verliert die Kontrolle und greift Javier an; Charly trennt sie voneinander, und wir Leser wissen, dass wir eigentlich vom Haupträtsel abgelenkt werden: Ist das ein Spiel oder ein schrecklicher Unfall? Die Polizei kommt und während sie mit dem Auto nach den vermissten Personen entlang der Straße suchen, entdeckt Javier die Wahrheit.  Auch die dritte Geschichte,”Es passiert immer wieder in diesem Haus”, ist von seltsamen Ritualen geprägt. Die Erzählerin spürt das Klopfen an der Tür wie Hammerschläge gegen ihren Kopf. Die Zutaten sind: das Paar nebenan, ein totes Kind, er traurig und resigniert, sie scheinbar gewalttätig wirft die Kleider ihres toten Sohnes immer wieder in den Garten der Erzählerin, die sich fragt, ob nun der Mann oder die Frau hinter dieser Tat steckt. Das andere Paar besteht aus der Erzählerin und ihrem Sohn, dem Vernünftigen, der sagt: “Die sind komplett durchgeknallt”, der damit droht, die Kleider zu verbrennen, wenn sie das nächste Mal in den Garten geworfen werden. In diesem Buch ist Gewalt immer als vager Schimmer präsent, eine Finte, die manchmal zu einer tieferen Verbindung führt.

In “Die Höhlenatmung” ist die Protagonistin wieder Teil eines älteren Paares. Hier finden wir alle Zutaten von Schweblins literarischem System: Geister (ein toter Junge, der der kranken Lola erscheint, ersetzt metaphorisch ihren eigenen Sohn, tot wie in “Es passiert immer wieder in diesem Haus”), Räume, die andere Dimensionen zu enthalten scheinen (das Haus nebenan, in das die ärmlichen neuen Nachbarn ziehen, Lolas Garten, in dem sich der Nachbarsjunge immer mit ihrem Mann traf, der Graben, in dem sie den toten Körper des Jungen finden), rätselhafte und bedeutsame Details (das Kakaopulver, das zur Besessenheit Lolas wird, ihre kontinuierliche Zusammenstellung von Kisten, Lolas Listen:  “Sich auf den Tod konzentrieren. Er ist tot. Die Frau von nebenan ist gefährlich. Wenn du dich nicht erinnerst, warte, warte ab”).

Wir sehen alles durch die Augen der alten Frau, die ihr Unwohlsein hinauszieht, damit sich ihr Mann schuldig fühlt, bis er vor ihr stirbt: “Er hatte sie mit dem Haus und den Kisten allein gelassen. Er war für immer gegangen, nach allem, was sie für ihn getan hatte.” Hier liegt das Herz der Geschichte, getragen von ihrer höhlenartigen Atmung.

Die Geschichten aus diesem und anderen Büchern Schweblins scheinen oft Alpträume im Text zu materialisieren, das ist auch der Fall in den abschließenden Geschichte “Weggehen”. Fast wie ein Kurzfilm erzählt, sehen wir in der ersten Einstellung ein Paar mit der weiblichen Erzählerin, die ihre Wohnung mit nassen Haaren und Pantoffeln verlässt. “Ich habe keine Schlüssel, sage ich zu mir, und ich bin mir nicht sicher, ob mich das beunruhigt. Ich bin nackt unter dem Bademantel.” Jeder, der in einem Mehrfamilienhaus wohnt, weiß, dass der Aufzug ein unvermeidlicher Treffpunkt ist. Die Frau trifft dort einen Mann, der ein Teil des Gebäudes zu sein scheint, jemanden, der dort etwas tut. Was folgt, ist eine Komplizenschaft, die durch den rätselhaften Satz des Mannes – “meine Frau wird mich umbringen” – und eine Reise im Auto in Buenos Aires auf der Calle Corrientes mit langsamer Geschwindigkeit gekennzeichnet ist. Wie in den Fällen von “Es geschieht immer wieder in diesem Haus” und “Ein Mann ohne Glück” wird die Verbindung zwischen zwei seltsamen, aber nicht voneinander entfremdeten Wesen in konspirativen Dialogen subtil umrissen, um sich dann aufzulösen. Es ist kein Zufall – nichts ist es jemals bei Schweblin -, dass der Mann behauptet, ein “Eskapist” in einer Geschichte zu sein, deren Protagonistin das Ziel, das sie selbst verfolgt, nicht erreicht.

Die erste Geschichte des Bandes, “Nichts von all dem” beginnt gleich bedeutungsvoll:

“Wir haben uns verfahren”, sagt meine Mutter.”

Dieser Verlust ist wörtlich und metaphorisch zu verstehen, denn die richtungslose Mutter gehört keinem Ort an und zieht deshalb ihre Tochter in die Invasion (das Leitmotiv des Bandes) fremder Räume hinein, zuerst im Auto, indem sie “einen doppelten Halbkreis aus Schlamm” zeichnet, und dann außerhalb davon zu Fuß in jene teuren Häuser eindringt, die nicht wie ihre sind, die von Bäumen umgeben sind, die weißen Marmor und luxuriöse Räume haben.

Wie in “Die Höhlenatmung” ist der Unterschied in der sozialen Schicht spürbar: “Wo bekommt man all diese Dinge her? . . Es macht mich so traurig, dass ich sterben möchte.”

Aber in diesem Fall ist der Kontrast mit dem Humor der Verwechslung und des Absurden überzogen, gekrönt durch das Bild der Mutter, die mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich des fremden Hauptschlafzimmers liegt. Die Tochter-Erzählerin, ihre verärgerte Komplizin, tritt an die Stelle des verantwortlichen und vernünftigen Erwachsenen: “Was zum Teufel machen wir in den Häusern anderer Leute?” fragt sie, und dann ein wenig später, “Was zum Teufel hast du in diesen Häusern verloren?” Das Ende erinnert in seiner Konfrontation an das von “Die Höhlenatmung”, aber was in Erinnerung bleibt, ist das Bild der Mutter, die die Zuckerdose, die sie gestohlen hat, im Garten ihres eigenen Hauses begräbt.

“Vierzig Quadratzentimeter” wiederum inszeniert ein komplexes Schema von kleinen Geschichten, die sich kaum miteinander verbinden: die Geschichte der Schwiegermutter der Protagonistin, Marianos Frau, und den Verkauf ihres Eherings; die Geschichte der Abreise nach Spanien und der Rückkehr der Jüngsten nach Buenos Aires, die Geschichte der Beziehung zwischen Schwiegertochter und Schwiegermutter, die Geschichte der Begegnung mit dem mysteriösen Bettler in der U-Bahnstation und die Geschichte der Aspirinpackung. Die Geschichte ist eine Reise und ein Abenteuer von jemandem, der, wie alle Charaktere des Buches, verloren ist und sich an etwas klammert: in diesem Fall, wie Lola, an einer Reihe von Kisten, die eine bereits veraltete Identität enthalten. Die Offenbarung kommt nicht durch die Anekdote, sondern durch Nachdenken: Die Schwiegermutter erklärt, dass sie, nachdem sie ihren Ring verkauft hat, an einer Bushaltestelle auf einer Bank saß und nichts tat. Sie verstand, dass sie auf vierzig Quadratzentimetern saß “und dass das der einzige Raum war, den ihr Körper auf dieser Welt einnahm”. Und so kann die Protagonistin auf der Karte, die sie dem Bettler zeigt, ihre eigene Adresse nicht finden.

Auf den ersten Blick sind die Häuser dieses Buches nicht leer. Vielmehr sind sie voller Objekte. Die Leere von “Sieben leere Häuser” ist eine andere: Das langsam und unvermeidlich zusammenbrechende Haus ist die innere Wohnstätte. Es ist die Welt der Erwachsenen, die uns konditioniert und antreibt, und angesichts dieser Welt leisten wir eine Art Widerstand, um nicht in resignierte Häuslichkeit zu fallen. Zwar ist das Samanta Schweblins am wenigsten phantastisches Buch, aber wir müssen Wege finden, um aus den einfachen und platten Kategorien zu entkommen. Anders können wir ihr Werk nicht beschreiben. Wichtiger ist es, von einer eigenen Syntax zu sprechen, die von der Wirkung des Exils und vielleicht einem gewissen Wunder vor der Existenz besessen ist.

Montsegur in Prosa

In dieser Nacht wird sie das Leben verlassen, es wird ihnen aus den Höhlen gerissen, die unter ihren Gärten lagen.
Der Teer des Harzbaumes, die Pechtröge der Hölle entsprangen hier. Aufgrund der wenigen Zeit, die den Verteidigern zur Verfügung stand, war es noch stark terpentinhaltig und somit dünnflüssig, auch ging das Brennholz zur Neige. Man schaffte bereits die Linnenkleidung heran, zunächst das, was man nicht am Leibe trug. Als aller Brennstoff verbraucht war, legte man schließlich Hand an sich und rieb, da man nun nackt zu kämpfen bereit war, die Muskeln aber in der Kälte nicht starr werden durften, den Körper mit dem nicht mehr wehrfähigen, bereits in den Gießpfannen angetrockneten Resten des Pechs ein. Auch deshalb ging das Gerücht durch die Jahrhunderte, die Mohren hätten den Heiligen Gral entführt. Wahr ist hingegen, daß er an diesem denkwürdigen Tag, dem 16. März 1244, das Castrum Montsegur verließ und nie mehr gefunden werden konnte. Sechs von pechschwarzer Gestalt wagten sich hinaus in die Mördergrube aus Piken, Schwertern, Rammböcken, den Katapulten der königlichen Armee, entkamen ungesehen, weil die Nacht sie als die ihren erkannte, ihnen anbot, von nun an Schatten zu sein, aber Schatten bleiben zu müssen. Tief ins Blut taucht ein Zahn, betrinkt sich, gerinnt Blut im Castrum Montsegur. Aus dem Burggraben kriecht ein schwarzes Reptil, nimmt die legendäre Schale für immer in seinen Magen, während die Katharer auf dem Feld des Vorgebirges brennen. Und die Sonne verdunkelt sich und auch die Nebel werden schwarz. Die Register der Orgelpfeifen werden später erfunden und später verstummen. Das Blut hat die Möglichkeit genutzt, sich mit dem edelsten der Metalle zu verbinden und ein neues Element sickert durchs Geröll, der Reptilienhain verschwindet geschützt vom Aschefall. Nur wenige Gewänder blähen sich auf und stoßen gegen den Wind. Kein Körper ziert die Nahten, die im Hitzewall zerschmelzen. Die Vortex-Reise hat begonnen.

Die nackten Ufer des Strandes

An den nackten Ufern, festgestampfter Sand und nass, stehe ich und rufe dich: Komm!
Du willst ankern, aber nirgendwo ist das Land fest genug, nirgendwo ist die Zeit stabil, eine Lücke, wo wir stehen. Fische erhüpfen sich kristallene Insekten, die Wasseroberfläche kocht. Ein Huhn ohne Kopf, vom Hunger der Menschen gerichtet, flappt gegen die Sonne, eine Mücke im Licht. Der Wille ist ein letztes Aufbäumen, der Kopf auf dem Hackstock döst. Ein Huhn, ein Ikarus, ein Sonnenstrahl. Der Kopf liegt auf dem Hackstock und döst, aber sein Körper flattert nach Süden, fällt über einer Holzwippe zu Boden. Sie zieht ihre karierten Strümpfe über ihre weiße Haut, trägt nichts mehr außer ihrem Flaum, der sich im Wind, der das Huhn noch einige Meter durch die Lüfte wirft, aufrichtet. Angelruten stecken fest in der Erde. Komm! Mit dem Blut werden wir uns reinigen von der Reise, die hier endet. Ich halte die Axt, die uns stützen wird.