Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu “Echos aus dem Hades”

Die Frage, ob ich den Horror gefunden habe oder ob der Horror mich gefunden hat, ist eine sehr langlebige, und trotz vieler Überlegungen bin ich einer endgültigen Antwort nicht näher gekommen. Vielleicht gibt es keine. So oder so hat sich der Horror zweifellos schon früh und mit unauslöschlicher Macht in meine Welt eingeschlichen.

Mein Name ist Richard Gavin. Ich bin ein kanadischer Autor von Horrorromanen mit übersinnlichem Gehalt, und obwohl dies seit fast zwei Jahrzehnten meine Berufung ist, reicht meine Beziehung zum Horror noch weiter zurück, bis in meine prägenden Jahre. Ich hielt es für das Beste, diese ersten Ausgabe von “Echos aus dem Hades” erst einmal als eine Art Einführung vor diesem Hintergrund und einen Ausblick auf solche Themen zu verwenden.

Eine meiner ersten Erinnerungen an Filme ist Tod Brownings Version von Dracula aus dem Jahre 1931. Ich habe ihn damals im Nachmittagsfernsehen gesehen. Der Film hat mich unmittelbar und stark beeinflusst. Monster und das Makabere wurden schnell zu einer Konstante in meinem Leben. Und im Gegensatz zu so vielen Leidenschaften, die in der Kindheit zum Vorschein kommen, verlor der Horror für mich nie seinen Glanz. “Tiefe Schatten und lichter Schrecken: Auftakt zu “Echos aus dem Hades”” weiterlesen

Der Vampir im Laufe der Geschichte

Vampire haben eine umstrittene Geschichte. Einige behaupten, dass diese Kreaturen “so alt wie die Welt” seien. Aber neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass unser Glaube an Vampire und Untote im 18. Jahrhundert geboren wurde, als die ersten europäischen Berichte über dieses Phänomen erschienen.

Wir wissen, dass 1732 das Annus Mirabilis des Vampirs war. In diesem Jahr wurden 12 Bücher und vier Dissertationen zu diesem Thema veröffentlicht. Der Begriff “Vampir” taucht laut dem Gothic-Experten Roger Luckhurst ebenfalls in diesem Jahr zum ersten Mal auf. Aber archäologische Entdeckungen von ungewöhnlichen Bestattungen in Europa in den letzten Jahren legen nahe, dass der Glaube an Vampirismus und an Wiedergänger bereits vor 1500 die Menschen beschäftigte.

So ist beispielsweise die Leiche eines 500 Jahre alten “Vampirs” auf einem alten Friedhof in der Stadt Kamien Pomorski in Polen ausgestellt. Die 2015 entdeckte Vampirleiche wurde in der Weltpresse ausführlich beschrieben. Archäologen haben bestätigt, dass sie einen Pfahl durch ihr Bein (vermutlich um zu verhindern, dass sie ihren Sarg verlässt) und einen Stein in ihrem Mund hatte (um das Blutsaugen zu verhindern). In den Dörfern Bulgariens wurden noch ältere dieser abweichenden Bestattungen entdeckt. “Der Vampir im Laufe der Geschichte” weiterlesen

Spintisera

Zunächst war es nur seine rechte Hand, die in einem Buch verschwand,
und er dachte sich nichts dabei, da er übermüdet und unkonzentriert
las. Es musste ihm also nur so vorgekommen sein, als wäre die Hand
beim Umblättern verschwunden. Im nächsten Augenblick war alles wieder
wie gewohnt und er fühlte das raue Papier mit seinen Fingerkuppen.
Doch blieb das eigenartige Gefühl zurück, für kurz eine Reise
unternommen zu haben, und der Holzgeschmack auf seiner Zunge sprach
ebenfalls dafür, dass etwas anders war als zuvor. Plötzlich glaubte
er die Worte schmecken zu können, die er gerade gelesen hatte oder
im Begriff war noch zu lesen, er wusste, wie vergänglich die Ein-
drücke von einer festen und gelehrigen Sprache waren, und wie es im
Buch selbst aussehen musste, so beladen zu sein, so übervoll an Be-
deutung; und das alles nur wegen einer kaum zu bemessenden Zeit-
spanne, während der er sich eingebildet hatte, er griffe in den
Kern der fremden Existenz, die er bisher nur als Fetisch oder Nutz-
objekt verstand, als Medium, den den Geist in einer Trance badete,
die selbstverständlich war und darüber hinaus voller merkfähiger
Gedanken, aus der Gruft der Vergangenheit herangeweht, aus den
Nischen der Körperlosigkeit und des bloßen Einfalls. Er versuchte
es erneut, bei vollem Bewusstsein, aber das Buch, das wieder Gegen-
stand geworden war, wies seine erwartungsvoll tastende Hand zu-
rück. Die Verhältnisse waren geklärt; und er konnte zwar tun, was
immer mit einem Buch anzufangen ihm in den Sinn kam, das meta-
physische Momentum jedoch schien verloren. Während er weiter las,um
zu erahnen, welche Zaubersprüche seine Hand durch Materie gezogen
und seinen Geschmack entfacht hatte, bemerkte er, wie die Ober-
fläche des Blattes in eine Dreidimensionalität glitt und dahinter
sich Buchstaben drehten und verrenkten wie im Veitstanz. Ein gan-
zes Alphabet an dicken Bäuchen und schlanken Hälsen räkelte sich
auf einem gepflegten Rasen, zum Turnsport versammelt, bis er er-
kannte, dass es sich um Fracks und Ballkleider handelte, die um
Leiber geschlungen waren, die geschnitzten Figurinen ähnelten
Ihre Bewegungen blieben abstrakt und im Grunde nicht nachvollzieh-
bar. Außer diesem beweglichen Tableau sah er nichts, denn er
wusste ja dass er las und sich die Zeichen in seinem Schädel erst
eine merkwürdige Pläsanterie erlaubten. Auch schmeckte und roch
er wieder Holz, zu dem sich Gallussäure und Speck gesellte, denn
natürlich hatten seine unvorsichtig unsauberen Finger seit der
letzten Mahlzeit kein Handwasser gesehen und etwas Fett auf die
Kanten und den Umschlag übertragen. Doch das Atmen fiel ihm
leichter in seiner ungelüfteten Stube, denn hier stand, dass jeder,
der sich bewegte, auch etwas Luft zugefächelt bekam. Er sah, wie
die Buchstaben atmeten, wie sie groß wurden und wieder in ihre
ursprüngliche Form zurückfederten, wie sie Lerchenstimmen lauschten,
um dann die Bedeutung für ihn zu turnen, weshalb er überhaupt
wusste, dass es sich eben um diesen Vogel handelte.

Die Domäne der heißeren Zerstörung hatte das Land ergriffen, in das
er jetzt hinein trat und ihm war es, als fiele er von einem heißen
Sommermonat in ein kaltes Kneippbecken, um ihn vom Leben selbst zu
kühlen, denn als er gerade noch das Grün einer wilden Botanik durch-
streifte, war er von einer Sekunde zur nächsten der blühenden Pflanzen-
gesellschaft verloren. Noch dachte er, dass sich das Land schnell ver-
ändert haben musste, während er in Gedanken war, denn der Keim aller
Trostlosigkeit steckte in diesem abrupten Wechsel, und es wollte ihm
gar nichts nützen, dass er zunächst instinktiv zurückschreckte und
überrascht hinter sich blickte: der Eindruck blieb nämlich bestehen,
so als habe er sich mit der Vorstellung des Üppigen selbst getäuscht.
Er war wie so oft an eine Seifenblase gekettet, die von innen unzer-
störbarer anmutete als das von außen der Fall war. Diese zerstobene
Blase ließ ihn jetzt die Wahrheit erkennen und zum ersten Mal in sei-
nem Leben fragte er sich, wo er war und wie er dort hin gekommen sein
konnte. Seine Vergangenheit war ein plötzlicher Morast, bestehend aus
Winkelzügen einer unzuverlässigen Erinnerung, die ihn bedrängte und
zur Selbstbefragung nötigte, ob er sich nicht ebenfalls seine Wanderungen
eingebildet haben könnte, ob er nicht wie im Traum nur durch Fassaden
eines Gedankenpulvers gefallen war, dessen Millionen Körner ihm eine
feste Welt vorgegaukelt hatte. Womöglich war er farbenblind geworden,
oder war er es schon immer gewesen? War denn die Erinnerung überhaupt
in einer Strecke zu fassen, im Vorbeigleiten der Geschehnisse, die wie
Gebäude in Reih und Glied am Saum einer Straße aufgeknüpft standen,
einer Trabantenstadt so ähnlich wie er selbst der fernen Beschreibung
eines nur vage wahrgenommenen Tiers?

Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet

Hitchcock und Eisenbahnen gehören zusammen wie eine Lokomotive und ihr Tender. Er liebte sie, sie sind prominent in seinem Werk vorhanden, am wichtigsten jedoch in Eine Dame verschwindet. Vieles von dem, was hier passiert, kann nur auf einer Eisenbahnfahrt passieren – Passagiere, die gemeinsam durch einen Lawinensturz aufgehalten werden, unterschiedliche Klassen, die voneinander getrennt sind, Fremde, die sich begegnen, während sie unterwegs sind, ein Lokführer, der im Kreuzfeuer stirbt, ein Waggon, der auf einen Nebengleis geleitet wird, ein unerschrockener Held, der sich außerhalb eines schnell fahrenden Zugs von einem Wagen zum anderen kämpft, während andere Lokomotiven an ihm vorbeirasen, Hinweise in Form eines Namens, der durch den Dampf auf einem Fenster sichtbar wird, und ein Etikett auf einer Teepackung, das kurz an einem anderen Fenster kleben bleibt, und vor allem die erzwungene Intimität auf dieser rhythmischen Reise, die sich in ihrer eigenen Welt abspielt, unabhängig von der sich verändernden Landschaft draußen. “Alfred Hitchcock: Eine Dame verschwindet” weiterlesen

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand: “Die Herberge” weiterlesen

Tontafelkalender vom 1ten Hartung xx20, einem Mittichen

Zum Lorebuch:

Das Reisen und das Vergehen der Zeit sind große Beschäftigungen der Dichtung. Räumliche und zeitliche Bewegungen sind miteinander verbunden, wobei der Reise-Impuls eine kathartische Funktion gegen die Last der vergehenden Zeit hat. Zugleich steht das Wandern aber auch für das permanente Gefühl des Verlustes, die typisch metaphysische Angst. Doch es geht mir um eine metaphysische Ästhetik – diesen vagen Begriff, den Giorgo de Chirico prägte -, und der eine Sensibilität gegenüber jenen privilegierten Momenten der zufälligen Überschneidung von Unheimlichem und Alltäglichem meint. Im Grunde war ich immer der Auffassung, dass man sich alles in der Welt nicht nur als Rätsel vorstellen muss, sondern dass alles auch ein großes Rätsel ist. Dabei geht es nicht nur um die Fragen, die uns seit Anbeginn unseres Denkens beschäftigen, sondern gerade darum, die Rätsel der Dinge zu verstehen, die allgemein als unbedeutend angesehen werden.


Der Berg wurde es gestern nicht; wir verschanzten uns in unserer Kobe, aßen und wollten von der Außenwelt genauso wenig wissen, wie all die Jahre zuvor. Weder fühlten wir uns in der Verfassung, uns der allumfassenden Böller-Idiotie auszuliefern, noch überhaupt dazu bemüßigt, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Dieser Krawall hat etwas Entsetzliches, und die Zeit ist überreif, den Arschlöchern diesen Scheißdreck zu verbieten; der Mensch ist dümmer als zu jeder Zeit seiner Existenz, man muss wieder dahin zurückkehren, ihn zu behandeln wie das zurückgebliebene Kind, das er ist.

Tontafelkalender vom 27ten Julmond xx19, einem Fridach

Deutschlands berühmteste Ruine

Seit dem gestrigen Dunkel wieder zurück in Kempten. Geschändete Knochen und felsige Müdigkeit. Ein fertiges Tableau im Gepäck.

Am 24ten packten wir uns früh morgens von Mannheim nach Heidelberg; das verzögerte sich bereits, die Bahn fiel dann ganz aus, weil sich jemand über die Gleise in eine andere Welt empfahl. So wurden die Verbindungen erst einmal unterbrochen und wir mussten mit der Straßenbahn tuckern, die erheblich länger unterwegs war, aber ich konnte dadurch auch etwas in die Stadtplanung hinein glubschen. Tatsächlich bietet die ganze Region in diesem Dreiländereck eine höchst interessante Konstellation, die ich all die Jahre aus unbestimmten Gründen links liegen ließ, im Grunde seit ich nicht mehr reise. Diesmal gestaltete sich meine Beobachtung der modernen Wuselei als zahnlos, ich entdeckte keinerlei Angriffe auf meine Hypersinne, erst später sollte sich mein Speicher als übervoll erweisen, aber mein passiver Zustand verschärfte sich dadurch nicht.

Der Meister vor der “Blume 2000”

Das Interesse der Welt an Heidelberg ist mir stets schon verdächtig gewesen, selbst als ich noch hier lebte. Andererseits fällt es der Stadt nicht schwer, ihre Besonderheiten einträchtig nebeneinander zu präsentieren. Es war war vielleicht nicht die grandioseste Idee an einem heiligen Abend hier aufzutauchen, um stapelweise Bücher zu kaufen, wofür früher immer das Antiquariat Hatry in der Hauptstraße herhalten musste, das sich heute geschlossen präsentierte. Der Regen strömte mittlerweile beinlang die Beine lang. Nun flüchteten wir uns in eine ehemalige Kultstätte, das älteste Café Heidelbergs, das wegen seiner “Studentenküsse” berühmt wurde und seit 1902 als Konditorei Knösel geführt wurde, obwohl das Gebäude selbst viel älter ist, nämlich schon 1863 als Café geöffnet hatte, in einer Zeit also, als die romantische Schule längst dem Vormärz und dem “Realismus” gewichen war. Mir selbst macht es nichts aus, Heidelberg als Verbindungsknoten durch die Zeiten hindurch in Beschlag zu nehmen, eine Illusion aufrechtzuerhalten, denn Heidelberg war stets Wahl und selten Heimat der Dichter.

Die Strophe 8 für “Das forschende Licht blinder Augen” wurde im “Vittoria” fertig, nachdem ich 6 und 7 im “Knösel” schrieb.

Die Idee war ganz einfach: Albera hatte einst fast exakt zur selben Zeit hier studiert, als ich mit meiner Lärmenden Akademie hier aufschlug. Die Mission war ein Zentrum der dichtenden Zunft zu errichten, hierfür ein Gebäude auszuwählen und dann die nötigen Symposien zu organisieren. Wie man heute weiß, geriet alles außer Kontrolle, die Lärmende Akademie versank (nicht gar so malerisch wie die Titanic) und lebt bis zum heutigen Tag nur noch als ein weiteres Gespenst in meinem Kopf. Gemeinsam waren wir noch nie in dieser Stadt gewesen, in der ich allerdings die letzten Strophen eines neuen Tableaus (das für mich eine ganz andere Bedeutung als in der Literaturwissenschaft üblich hat) fertigstellen konnte, nachdem Albera die ersten drei nicht genug waren (womit sie recht hatte).

In Mannheim selbst, das ich keineswegs als so hässlich wie meist beschrieben wahrnahm, musste an diesem Tag zumindest noch das Barockschloss ins Bild. Ein ungünstiger Tag natürlich auch für diesen Besuch. In der Bahn spotzte das Ansageband das Wort “Schschlozz”, welches das imposante Bauwerk nur unzulänglich beschrieb, aber freilich ging es bei diesem Gespucke lediglich um die Haltestelle. Es wird ein anderer Tag nötig sein, einen Blick ins Innere zu kegeln, aber schließlich waren wir schon mal da – und der Bahnhof liegt gleich um die Ecke. Leider war ich zu dieser Zeit bereits etwas in der Kategorie unter ferner liefen zu finden und sehnte mich nach meinem obligatorischen Mittagsschlaf.

Warum wir Fantasy-Literatur brauchen

J. R. R. R. Tolkiens “Der Herr der Ringe” hat sich weltweit rund 150 Millionen Mal verkauft, was ihn zu einem der meistverkauften Romane aller Zeiten macht. Einige behaupten sogar, es sei das größte Buch des zwanzigsten Jahrhunderts. Während Tolkiens Geschichten um Mittelerde immer beliebter werden, weigern sich viele Gelehrte immer noch, sie ernst zu nehmen. Die meisten Kritiker ignorieren sie nicht nur, sondern verachten sie mit feuriger Leidenschaft. Kritiker der jüngeren Generation konzentrieren sich – vor allem, weil sie müssen – auf die vermeintlichen sozialen Probleme in Mittelerde, wie Rassismus oder Sexismus. Aber die erstaunlichsten Aussagen kommen vor allem von der älteren Generation der Literaturkritiker, die behaupten, dass Tolkiens Schreiben einfach schrecklich ist.  In der Einführung zu Harold Blooms kritischen modernen Interpretationen behauptet er, dass Tolkiens Schreibstil “steif, künstlich antiquiert und überladen” sei. Bloom ist nicht in der Lage zu verstehen, “wie ein erfahrener und reifer Leser etwa fünfzehnhundert Seiten dieses malerischen Materials aufnehmen kann”. Diese Kritik ist ebenso absurd wie komisch. Wenn überhaupt, dann ist der “Herr der Ringe” antirassistisch und antisexistisch und wunderschön geschrieben. Natürlich ist der Wert jeder Arbeit im Wesentlichen subjektiv und die Geschmäcker sind verschieden. Dennoch muss man sich fragen, was die Ursache für die verächtliche Kritik und die ungerechtfertigte Gleichgültigkeit sein könnte, auch wenn viele Aussagen zum “Herr der Ringe” völlig selbstentlarvend sind. Es wäre nicht das erste und einzige Mal, dass sich Literaturkritiker, die leider ihr Geld damit verdienen, sich als literarische Idioten darstellen. “Warum wir Fantasy-Literatur brauchen” weiterlesen

Steve Erikson: Im Reich der Sieben Städte / Im Bann der Wüste (Das Spiel der Götter 2)

Deadhouse Gates ist das zweite Buch in Steven Eriksons epischer Fantasy-Serie The Malazan Book of the Fallen. Es wurde von Blanvalet in die beiden Teile Im Reich der Sieben Städte und Im Bann der Wüste gespalten. Hier gibt es die Besprechung zum ersten Teil Die Gärten des Mondes – zu lesen; und hier das Vorgespräch zum Spiel der Götter.

Wenn es etwas gibt, das man über Steven Erikson sagen kann, dann, dass er keine Angst hat, Risiken einzugehen. Die Gärten des Mondes war ein Roman, der sich weigerte, seine Vision aufzugeben, auch wenn das bedeutet, dass viele Leser Mühe haben werden, mit ihr Schritt zu halten. Deadhouse Gates, das zweite Buch in der Serie Malazan Book of the Fallen, erfordert vom Leser ähnliche Zugeständnisse, aber es sind Zugeständnisse anderer Art. Am Ende von Die Gärten des Mondes gibt es eine ganze Menge narrativer Impulse, in in den Konflikt mit der Pannionischen Domäne führen, die aber erst im dritten Buch – Memories of Ice – aufgenommen werden. Stattdessen lässt Deadhouse Gates fast alle Charaktere aus dem ersten Buch zurück, zugunsten einer anderen Geschichte, die auf einem anderen Kontinent spielt. “Steve Erikson: Im Reich der Sieben Städte / Im Bann der Wüste (Das Spiel der Götter 2)” weiterlesen

Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser

Im Grunde ist die ganze phantastische Literatur geprägt von der kurzen Form. Hier sind die eigentlichen Meisterwerke zu finden. Viele Literaturkritiker weltweit sind davon überzeugt, dass Samanta Schweblin zu diesen Meistern gehört. Man hat die Autorin bereits in eine Reihe mit Borges und Cortázar gestellt, hat David Lynch bemüht und – fast schon konsequent – Kafka. Sicher, diese ganzen Aussagen werden vom Feuilleton getroffen und entsprechen selten der Realität (was jedem klar sein muss); man möchte den Verlagen in erster Linie Futter für ihren Umschlagtext liefern, aber auf ein paar dieser kanonischen Meister hat Schweblin als Einfluss selbst hingewiesen. “Samanta Schweblin: Sieben leere Häuser” weiterlesen