Tontafelkalender vom 14ten Hartung xx20, einem Zistag (mit Piglias ‘Letztem Leser’)

So erstaunlich es sich anhört, habe ich eine irrationale Angst davor, Bücher könnte es eines Tages nicht mehr geben und diese Möglichkeit käme noch zu meinen Lebzeiten zum Tragen. Das mag vielleicht ein Grund für meine Besessenheit sein: kaum habe ich ein Buch in meine Sammlung integriert, fehlt mir ein anderes schmerzlich. Und das geht immer so fort. Als Leser hat man immer zu wenig Bücher, auch wenn man eines Tages so viel hat, sie nie und nimmer alle lesen zu können. Doch das spielt keine Rolle und kann nur der Einwand eines Nichtlesers sein, denn manchmal besteht die Aufgabe eines Lesers gerade darin, nur zwischen den Büchern zu verweilen und nicht zu lesen. Es gibt keine andere Möglichkeit, das Universum zu uns einzuladen; sobald wir in den Nachthimmel sehen, zieht es sich zurück. Nur in einer Bibliothek offenbart es sich, wie das Leben, das man sucht, aber nur noch in der Erinnerung findet, einer Erinnerung, die sich nicht zuletzt aus Gelesenem speist.

Die interessante Frage ist die nach den Büchern, die gerade nicht da sind. So wenig wie man alles lesen kann, das je geschrieben wurde, so wenig kann man alle Bücher besitzen. Sollte man es überhaupt versuchen? Welche Bücher fehlen wirklich? Und welche Beziehung hat ein Leser zu eben jenen Büchern, die er nicht liest? Obwohl sich diese Fragen nach einer Willkür erkundigen wollen, ist eine Lektüre niemals beliebig. Als Leser folgt man Verweisen innerhalb der Unendlichkeit, und wieder sind wir bei der Metapher des Lebens angelangt, das so individuell ist wie der Weg durch dieses Labyrinth. Nur ist das Leben tatsächlich eine Metapher, die Lektüre ist es nicht, sie ist ein unerschließbares Rätsel, größer als das Rätsel unserer selbst. Bücher nämlich, die nicht da sind, die zerstört wurden, nie besessen wurden, sind in jenen mitenthalten, die man gelesen hat oder lesen wird.

Piglia schreibt: “In diesem von Büchern gesättigten Universum, wo alles schon geschrieben wurde, kann man nur wiederlesen, das Alte auf neue Weise lesen.”

Und das bedeutet schließlich die Freiheit im Umgang mit dem Text, bedeutet, dass jede Leseerfahrung alleine gemacht wird, angepasst an die eigenen Bedürfnisse. Der Minotaurus, den wir finden, ist ein persönlicher; indem sich alles wiederholt, wiederholt sich nichts. Es ist ein völlig eigenes Genre, Bücher über Bücher oder das Lesen zu schreiben. In der argentinischen Literatur ist diese Reflexion sehr ausgeprägt und alle diesbezüglichen Spuren führen zu Borges und von ihm wieder sternförmig (oder arachnoid) weg.


Gestern ging es dann doch nicht mehr zum Copy-Shop. Ich musste noch auf die Antwort des Anwalts warten, den Albera in Sachen des Phantastikons kontaktierte (was kein offizielles Mandat bedeutete, aber dennoch einiges zur Klärung beitrug). Heute aber ist einmal das zu erledigen, zum anderen aber will ich mir Papierformen ansehen und die Broschur besprechen, die aus Alberas Gedichtband Hexenwerch gemacht werden soll. Das ist immer die Frage, die mich selbst umtreibt: Zwar habe ich mein “Mummenschanz in großen Hallen” bei epubli drucken lassen (und heute erst kam die Bestätigung über die Versendung), aber das soll und kann nicht zur Regel werden. Eine Selbstherausgabe ist unter allen Umständen abzulehnen und nur in Ausnahmefällen eine Option, Texte in geringer Zahl zugänglich zu machen. Da empfiehlt sich gerade die Broschur, die ohne jeglichen Markt auskommt, damit dreivier Leute damit versorgt werden können. Und es versteht sich von selbst, dass die meisten Texte, die hier auf der Veranda aufschlagen, weder für den Markt noch für die Masse gedacht sind. Auch der “Mummenschanz” ist es eigentlich nicht, aber es ist primär eine Frage der Ordnung. Im Buch gesammelt habe ich eine bessere Übersicht als im steten Durcheinander meiner Manuskripte – und Fließtexte auf der Maschine (für mich käme nur eine solche Broschur infrage, die einem Faksimile gleicht), sind mir gegenwärtig nicht wünschenswert, weil ich dann das Format und das Volumen ändern müsste.

Tontafelkalender vom 11ten Hartung xx20, einem Sonnabend

So sehe ich es als wesentlich an, meine Emanzipation von der Epoche, in der ich lebe, voranzutreiben. Das beginnt bei Ritualen, die nicht mitgemacht werden (so besaß ich z.B. noch niemals ein Funktelefon. Versuche, das Festnetz analog zu halten, scheiterten jedoch, bzw. würden einen Adapter erfordern, der in keinem Verhältnis zum Gefühl der Wählscheibe steht). Man wird schnell zum Technikverweigerer, was in meinem Fall gar nicht so ist, aber ich vergesse nicht, dass alles nur Werkzeug ist, nichts anderes als ein Hammer, mit dem man einen Nagel in die Wand treibt). Es geht also weniger um Technik als um Haltung.


Man liest eine Menge Unfug im Netz, wenn der Unfug jedoch bezahlt wird, ist es ein Ärgernis:

Edgar Allan Poe war der erste Autor, der auf die Idee kam, einen Krimi zu schreiben und zu veröffentlichen. Und tatsächlich erfüllte bereits dieser erste Roman mit dem Titel „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ aus dem Jahr 1841 ein zentrales Merkmal der Noir Krimis: die Stilisierung der Nacht als Symbol der finsteren Seite der menschlichen Seele.

Warum ärgere ich mich über solche Sachen? Weil man von einer, die für ein “Literatur- und Kulturmagazin” schreibt, erwarten kann, dass sie das, über was sie schließlich Auskunft gibt, begreift. Und man muss kein großer Vogel sein, um zu wissen, das Poes “Doppelmord” kein Roman ist, sondern zum einen eine Kurzgeschichte und zur engeren Klassifikation eine Detektivgeschichte, noch genauer: eine Tale of Raticination. Natürlich skizziert Poe hier Elemente, die zukünftige Schriftsteller weiterentwickeln würden, aber primär stellte Poe hier die Methode zur Debatte. Poe stellt während der gesamten Geschichte Hinweise zur Verfügung und bietet dem Leser damit die Möglichkeit, das Rätsel zu lösen. Das Noir-Genre hingegen setzt auf ganz andere Elemente und lässt sich auf Cornell Woolrich zurückführen. Benötigt man einen Proto-Noir-Stoff, schlägt man bei James M. Cains nach. Tatsächlich beherrscht diese Gattung ein ausgeprägter Sinn für Protagonisten, die oft Opfer oder Täter sind, selbstzerstörerisch, mit einem Hang zur Gewalt. Die Dunkelheit allein kann kein Grund dafür sein, Poe dafür verantwortlich zu machen.


Prosa wie ein Dichter behandeln, aber nie das innere Geleit verlieren.


Ich wollte mir darüber klar werden, was ein Leser überhaupt ist, denn ich bin davon überzeugt, dass der Schriftsteller nur in eine andere Form des Lesens verwickelt ist. Ohne das Lesen gibt es kein Schreiben. Um herauszufinden, was es mit dem Lesen auf sich hat, konsultiere ich oft Borges, in diesem Falle aber Ricardo Piglia, von dem bereits einige wenige Absätze genügen, um herauszufinden, warum man überhaupt lesen möchte. “Der letzte Leser”: Die Frage “Was ist ein Leser?” ist daher letzten Endes die Frage nach der Literatur.”


Um zehn (und nach einem wirklich miesen Film), kam Albera auf die Idee, meine “Blitz-Muffins”, die ich unbedingt noch backen wollte, M.U.F.O.s zu taufen, weil ich keine Backformen habe und – allein gelassen auf Backpapier – könnten sie zerlaufen und aussehen wie fliegende Untertassen; es wurde dann aber nur ein einziger MUFO, weil ich das wenigelchen Teig in einen kleinen Topf pfropfte und buk.

Obwohl der Tisch

Lesetechnisch bleibe ich weiter bei Ricardo Piglia, “Ins Weiße zielen” und “Falscher Name” (letzteres ist mir in der Schweiz abhanden gekommen. Und danach dann den Erzählband “Der Himmel” von Nona Fernández, deren Kurzroman “Die Toten im trüben Wasser des Mapocho” mir bereits genau jenes Gefühl verschaffte, auf dem ich in jeder Literatur auf der Suche bin. Weil sich das zeit- und länderspezifisch nicht umreißen lässt (außer in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, da finde und suche ich auch nichts), ist das ein schwieriger Prozess, der nicht durch eine Verschlagwortung abgekürzt werden kann. Von äußerster Wichtigkeit ist das, was Massimo Bontempelli 1927 eine “nouvelle atmosphère” genannt hat, abgeleitet von einem Denken in Bildern, das kein Verhältnis zur linear geordneten Zeitvorstellung kennt. Gerade in Europa ist das Denken in eine eklatante Katastrophe geraten, mit dem die tiefen Schichten der Wirklichkeit schon lange nicht mehr erfasst werden können.

Obwohl der Tisch, an dem ich schreibe, regelmäßig wie ein Stall abgesprüht und ausgemistet wird, bleibt der kardinale Saustall stets die Konstante. Um 11 der letzte Arzttermin für diesen und nächsten Monat, zur Feier gab es einen zementartigen Quarkkuchen, der die Speiseröhre in einen gut betonierten Abwasserkanal verwandelt.

Ricardo Piglia: Munk

Ricardo Piglia war ein fleißiger Leser, der gegen das Lesen als Freizeitaktivität eingestellt war. In seinem Buch “Der letzte Leser” feiert er nicht die Geschwindigkeit des Lesens, die sogar in manchen Schulen für gut befunden wird, sondern die Langsamkeit. Im Epilog zitiert er eine Zeile Wittgensteins: “In der Philosophie ist der Gewinner des Rennens derjenige, der am langsamsten laufen kann. Oder: derjenige, der zuletzt dort ankommt.” Piglia nannte scharfsichtige Leser ” Privatdetektive “, zu Ehren seiner Besessenheit von Detektivgeschichten, dem Stil also, den er für die meisten seiner Werke selbst anwandt. Er berief sich oft auf ein Foto von Borges, der mit dreißig Jahren erblindete. Als Direktor der argentinischen Nationalbibliothek hielt er auf diesem Foto ein Buch ein paar Zentimeter vor seine Nase und kommentierte das Bild so: “Ich bin jetzt ein Leser von Seiten, die meine Augen nicht sehen können.” Piglia schreibt: “Ein Leser ist auch einer, der die Dinge falsch liest, sie verzerrt, und irritierend wahrnimmt.” Für ihn war es entscheidend, idiosynkratisch gegen den Strom zu lesen.

Wie jeder ehrgeizige Schriftsteller, der in den siebziger und achtziger Jahren schrieb, verstand er die besondere Last und Gabe, im Schatten von Jorge Luis Borges zu arbeiten – dem Meister, der, wie ein argentinischer Kritiker sagte, “größer als die argentinische Literatur” ist. In einer vier Jahrzehnte andauernden Karriere, in der er zu einer der markantesten literarischen Stimmen Lateinamerikas wurde, schrieb er oft über vertriebene Einzelgänger, gescheiterte Genies, überzeugende Paranoiker und Verschwörer.

Der Name seines Alter Egos Emilio Renzi, den er in einer Reihe seiner Bücher auftreten lässt, ist nicht beliebig gewählt. Piglias Geburtsname nämlich lautete Ricardo Emilio Piglia Renzi. Noch sein erstes Buch erschien unter diesem Namen. Und natürlich taucht er auch in diesem hier auf: Munk.

“Sie wissen, dass sich dort draußen kein Mensch für Literatur interessiert und sie die letzten Verbliebenen Hüter einer glorreichen, in die Krise geratenen Tradition sind.”

Ricardo Piglia

Man liest Bücher, um etwas über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Ein Buch, in dem das nicht zur Disposition steht, taugt nicht wirklich viel. Nun ist es die Lateinamerikanische Literatur ganz allgemein, in der man vor allem etwas über Zerrissenheit lernen kann. Die Europäer – allen voran die Französische und Englische Literatur waren dem Kontinent literarischer Kulturbringer. Heute, da es in Europa keine nennenswerte Kultur mehr gibt, wendet man sich – wie auch hierzulande – Amerika zu. Die beiden Amerikas sind von oben bis unten mit Zerrissenheit und Kunst voll, Europa ist nur noch ein Relikt der Vergangenheit. Das Interessante ist, dass die Hispanistik zur Romanistik gehört, wie das Französische auch. Borges bevorzugte die Englische Literatur als Lesequelle, und die USA sind hauptsächlich ein Literaturvolk geworden, weil sich Autoren wie Poe, Mark Twain und Whitman emanzipieren wollten und mussten. Von Poe stammt der Symbolismus, der in Frankreich vor dem Surrealismus Großes bewirkte, und der literarische Surrealismus wiederum fand in Lateinamerika seine Blüte. Das alles hat erst einmal gar nichts mit Ricardo Piglias Roman zu tun, der im Original “El camino de Ida”, also etwa: Idas Weg lautet.

Es war sein letzter Roman, Piglia starb im Januar 2017 in Buenos Aires, nachdem er über zwanzig Jahre in den USA gelebt hatte. Es bleibt nicht aus, das dieser Aufenthalt ebenso abfärbte wie bei den früheren Autoren, die bevorzugt in Frankreich lebten (bei Borges waren es die Schweiz und Spanien). In der Post-Borges-Ära war Piglia der berühmteste Argentinier. In MUNK erfahren wir viel über die Literatur selbst, was nicht verwundert, denn der Autor lehrte, wie sein Protagonist auch, als Professor Literatur. Wie schon Borges, Cortázar und Roberto Bolaño liebte auch Piglia seinen literarischen Fundus und schrieb ihn hier Emilio Renzi auf den Leib, der von Buenos Aires nach New York geht, um an der elitären Taylor Universität ein Seminar über W.H. Hudson zu leiten, einem englischen Schriftsteller, den seinerzeit Joseph Conrad sehr bewundert hatte, und der einige Zeit in Argentinien lebte. Eingeladen worden war Renzi von der schönen und hochintelligenten Professorin Ida Brown.

ist gerade geschieden und denkt, dass die Distanz und der Aufenthalt an einem seltsamen Ort, an dem ihn kaum jemand kennt, ihm helfen kann, sein Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Aber sein Plan fällt sofort auseinander: In seiner ersten Nacht wird er durch einen seltsamen Anruf verunsichert. Dann, angetrieben von einem Anfall von Leidenschaft, beginnt er mit Ida eine heimliche, unvergessliche Romanze. Kleine, verdächtige Vorfälle und seltsame Missverständnisse gipfeln mit dem tragischen Tod der Professorin durch einen unerklärlichen Autounfall, der ein beunruhigendes Detail offenbart: Idas Hand ist verbrannt und das scheint sie mit einer Reihe Leuten der akademischen Welt gemeinsam zu haben.

Das FBI ermittelt und zunächst wird der Fall zu den Akten gelegt, weil er wie ein Unfall aussieht. War es wirklich ein Unfall? Das FBI vermutet, dass sie durchaus auch eine Komplizin des Briefbombers gewesen sein könnte. Und hier kommt eigentlich der Titel ins Spiel (sic!), denn “Ida” bedeutet “Weg ohne Wiederkehr”. Piglia lässt Renzi hier in den Keller der Paranoia hinab, denn freilich ist er zunächst einmal verdächtig und lernt die Gemeinsamkeiten der Argentinischen Junta und der Amerikanischen Ermittler kennen. Viele der herausragenden Lateinamerikanischen Bücher bieten diesen doppelten Boden einer ungewissen Realität. Damit spiele ich natürlich auf den Magischen Realismus an. Tatsächlich aber ist das Kafkaeske allgegenwärtig. Hier in Form  des Dekans D’Amato, dem ausgesprochenen Melville-Kenner, der sich einen lebenden weißen Hai im Keller hält. Oder die Vorstellung, dass Finnegans Wake gerne von Philosophen und Mathematikern gelesen wird. Mathematiker seien affektierte, gelangweilte Menschen, deren Kreativität meist vor dem fünfundzwanzigsten Lebensjahr versiegt. Die meiste Zeit vertreiben sie sich mit der Lektüre von Joyce.

Der Unabomber

Es ist etwas merkwürdig, dass die teuerste und aufwendigste Verbrecherjagd in der Geschichte der USA heute etwas in Vergessenheit geraten ist. Gemeint ist der Fall Ted Kaczynski, einem der genialsten Mathematiker seiner Zeit. Verwiesen sei hier auf die Dokumentation von Lutz Dammbeck.

Das Besondere an Piglias Buch (bei ihm heißt der Bomber “Munk”) ist jedoch nicht das Umweben dieser Geschichte, sondern die explosive Sprengkraft der Literatur, die wohl nur deshalb unterschätzt wird, weil sie die meisten Menschen entweder als Mainstream-Unterhaltung oder als intellektuelles Konstrukt vergangener Tage interpretieren, wohl gerade, weil kaum mehr ersichtlich ist, dass Sprache das einzige ist, was uns wirklich vom Tier unterscheidet. Im Guten wie im Schlechten, der Mensch und seine Umwelt sind nur das Konstrukt seiner Sprache; wo seine Sprache endet, endet sein Horizont.