Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: ritual (Page 1 of 2)

Es gab einen Sturm (10)

Sandsteinburg #12

Als der Abend, laut wie selten, in die Nacht geglitten war, mummte sich Anna etwas mehr ein als sonst, wenn sie in die Waschküche hinunter stapfte, den Wäschekorb fest an die Brust gedrückt. Hermann schnarchte, als gurgele er seine Zunge, als würde er sie gleich verschlucken; und vielleicht wird ihm das eines Tages widerfahren, wir sind in einem Alter, da passieren solche Dinge. Ich komme aus der Waschküche mit abgewetzten Handrücken und da wird er liegen, die Lippen blau. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken, ihren Mann als Leiche im Bett vorzufinden, hielt es für wahrscheinlicher, vor allem aber freundlicher von ihm, wenn er während einer seiner Wanderungen, die er mit regem Fleiß betrieb, zusammenbrechen würde. »Sei so nett, ja?«, flüs­terte sie, schüttelte ihren Mann an der Schulter, der daraufhin zu schmatzen begann und eine andere, stillere Schlafposition einnahm.

Gab es denn keine Waschmaschine im Haus? Doch, die gab es, aber Anna würde einen Teufel tun, sich das Ritual des Lebens aus den Händen nehmen zu lassen. Sie wollte ihren Donnerstag in der dampfenden Hölle zelebrieren, außerdem glaubte sie nicht daran, dass diese Maschinen die nötigen 95° er­reichen konnten. Stattdessen dampft der Trog im kalten Keller, vernebelt den ansonsten düsteren Raum, der im Lichte einer nackten Glühbirne seine ganze pragmatische Hässlichkeit zur Schau stellt, ohne sich auch nur ein bisschen zu schämen.

Anna Schikowski steht in einer Dampfwolke und schiebt die Schmutzwä­sche mit Hilfe eines Stockes durch die Seifenlauge. Wie Freunde kommen die Nebelfetzen dicht an ihr Gesicht heran, ein wenig Wärme bekommt sie ab, ihre Wangen röten sich. Analog zu diesem Dampfbad trennt sich Dumdidum Wisch in dieser Phase gerade vom Hauptsturm, erkundet unerschlossenes Gebiet. Wie kann ich meine Bewusstsein mit der dampfenden Masse teilen, wie kann ich grundlos wüten, nur um dem Zufall zu gefallen?

Dumdidum spürt, was ein selbstbewusster Wind spürt, wenn er seine luftigen Kapriolen schlägt, Capricen vorbereitet, wie ein Schlossgespenst lacht. So ein Wind kann sich von den Hauswänden prallen lassen, sich rau­schend in dichten Zweigen verfangen, dem Zugriff der Tannenzweige, bereits wieder entkommen, eine Pfütze aus ihrem Bett treiben, den Kaminen Töne entlocken, die vom tiefen Heulen bis hin zu Regenrinnenpfeifen eine ganze Klaviatur enthielt. Jede noch so kleine Fuge wird zu einer Laufgasse für den stolzen Dandy. Mit der Heizungsluft wird jedes Windchen schnell in jeden Raum geschleudert und kann dort nach Herzenslust toben, bevor ihm die Puste ausgeht und die stocksteife, alte Luft – hört, hört – den jungen kataba­tischen Elvegust zur Ruhe bringt.

 Wenn der Wind mich zeichnet: ein Netz aus Küssen, konturlos zunächst,
von der Hand gelesen – dann wissen wir, was der Wein uns sagt.
In früher Morgennähe, still, die eigenen Augen senken sich in ein Gefühl.
Die Lippen spiegeln deine Vorsicht, schmecken Lust, die in der Ferne vergeht.
Dein Kummer regt sich und beugt sich hin zu mir.

Ich spüre im wilden Wind das Zeichen, wache auf; und mehr noch ist es nicht.
Ich spüre da im wilden Wind das Fallen schwerer Lider.
Der Tanz der Stunden war Berührung, schlug sich los und schlief für sich,
                                                                                               um sich nicht hinzugeben.


Du lachst, damit man dein Gefühl nicht kenne, und gehst,
damit man keine Schwere an dir finde.
Schon bist du fort und hast die Hände mitgenommen,
die ich küssen wollte, bevor es deine Lippen traf.

Ich war selbst so steif wie du, als könnte ich nicht fassen,
dass es Zeit für uns alleine gab. Zwei, die sich nicht suchten,
zwei, die sich nicht fanden – und nur die Wände
ihrer Herzen renovieren wollten.

Du lässt Sehnsucht zerplatzen, die geschützt
von frischer rosa Haut nicht für die Ewigkeit –
Ich will ein Imperium der Liebe, ich will
an deinen Lenden mich erhitzen, komm näher!
Über mir ist Schweigen. Keiner spricht.

Die Welt ist aus ungezählten Sprüngen geworden
und rudert in die Ruhe der verschlossenen Lippen,
der ankernden Zunge. Kein Schall in mir, nur Atem.

Dumdidum Wisch aber schlüpft durch die offenstehende Tür, hebt die Schür­ze der Weibsperson, der Rock bläht sich auf wie eine Glocke, scheint zu zö­gern, weiß nicht, wohin er eigentlich will, und bläst schließlich durch die Textilwand, die Fuge, besagte Laufgasse. Anna lässt ihren Atem über die Stimmbänder grollen, aus ihrem Mund fährt ein Laut der Überraschung. Der Stock platscht in den Bottich, sie aber richtet sich auf und fährt sich mit bei­den Händen über die Hüften, die gar nicht so ausladend sind, wie das zu ver­muten steht, wenn man von einer ehemaligen Bäuerin spricht, die im Keller hantiert und Wäsche stampft.

Dumdidum sammelt seine Manneskraft, stiebt ihr in beide Höhlen, hach, Anna findet sich jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben komplett ausgefüllt, stolpert über den Waschzuber und schlägt der Länge nach hin, verletzt sich ihr Kinn, während der Wind sie beinahe zum Bersten bringt.

Mit ihren Händen fuchtelt sie hinter sich und vor sich herum, um zu er­tasten, was da vor sich geht, jauchzt auf, jodelt fast, als ihr durch den Druck und den Dehnungsschmerz zwei Orgasmen hintereinander über die Lippen kommen, Liebeswasser und Urin ihrem Unterleib entwischen, ein windum­toster Wasserfall im Kleinen. So bleibt sie mit gespreizten Beinen auf dem Bo­den liegen; ihr Bedürfnis, etwas zu lecken, zu beißen, an etwas zu lutschen, ist groß. Ihr Hinterteil zuckt und windet sich, reckt sich dem Nichts entge­gen. Wonnige Fürze entfleuchen ihrem Bauch und auch vorne-unten blub­bert es, wenn ihre Schamlippen schnalzen. Sie glaubt, über dem Waschkü­chenboden zu schweben, obwohl ihr Gesicht frontal aufliegt. Oooch, komm! Oho, du! Ist das jetzt Ekstase? Dächer fahren auseinander, Scheiben bersten, Schneegebirge entstehen, vergehen, ist das jetzt … ?

So plötzlich wie der Anfall gekommen ist, ebben die Turbulenzen auch wieder ab. Alles in allem währte die Séance höchstens drei Minuten, bevor sich der Wind aus ihrem Körper, dann auf demselben Weg, den er hereinge­kommen war, verabschiedete. Anna lag schnaufend und ziemlich einge­weicht noch einige Zeit auf dem kalten Steinboden, was aber keine Folgen für ihre Gesundheit haben sollte. Sie sah nach der Tür, die sich langsam hin und her bewegte. Aus der Ferne hörte sie Sirenen näher kommen, ihr Herzschlag beruhigte sich etwas, aber sie zitterte am ganzen Leib. Natürlich glaubte sie nicht, dass sie gerade von einem Windstoß verführt worden war, sie hegte den Verdacht, ihrem ersten Nervenzusammenbruch beigewohnt zu haben.

H. P. Lovecrafts “Die Ratten im Gemäuer”

“The Rats in the Walls” von M. Fresner

Zwischen Ende August und Anfang September 1923 soll Lovecraft diese Erzählung geschrieben haben, denn schon am vierten September vermerkt er, laut Joshi, in einem Brief die Fertigstellung dieser. Die Erzählung selbst beginnt mit einem ähnlichen Datum, nämlich dem 16. Juli des Jahres 1923. Der Gegenwartsbezug, ein, wie sich später herausstellte, Markenzeichen des Autors. Es sei “[…] das historisch komplexeste und zugleich aktuellste erzählerische Werk […]; das Lovecraft zu diesem Zeitpunkt zu Papier gebracht hatte.”, schreibt sein treuester Experte in “H. P. Lovecraft – Leben und Werk” des Weiteren, sie sei eine seiner “[…] Erzählungen, in der er am erfolgreichsten an die überlieferten Muster des Schauerromans anknüpft, wobei er allerdings dessen Standardmotive – das alte Schloss mit der verborgenen Kammer, die Spuklegende, die sich als wahr erweist – weiterentwickelt und modernisiert. Auf die grundlegende Prämisse der Erzählung – dass es möglich ist, den Gang der Evolution rückwärts zu durchschreiten – konnte letztlich nur jemand verfallen, dem die darwinsche Theorie in Fleisch und Blut übergegangen war.”

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Dort beim Hexenkraut

 

… unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr faßt, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterläßt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang, ich kannte auch die Farbe meiner Augen, insofern sei gesagt, daß ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen und sie beträte mich durch meine Poren, doch –

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Sonne. Die Waldlaubsänger sib-sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Do lunch or be lunch.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns.

Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will. Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den explodierenden Farben.

In dieser Zeit, einer Zeit, an die wir jetzt denken, tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die endgültige Pracht der Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße und kehren lallend zurück.

Achtet auf den Widder!

Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flussbett, im Nebel schwanken Gliedmaßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore sind seit den frühen Morgenstunden geschlossen.

Achtet auf den Widder!

Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Trügerisch. Denn die Geisterkinder könnten jederzeit wiederkehren. Ich glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten, nur sprachen wir nie darüber. Einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, musste einen Abdruck hinterlassen haben, der sich dann zu einem Spuk manifestierte. Wir hatten alle unser altes Leben gelassen, wo es war, nur erinnerte sich niemand mehr daran. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wie täuscht uns das Leben, wenn neben der strauchigen süßen Himbeere der Kadaver eines Eichhörnchens liegt, wenn schnurrend die Katze im Stroh auf ihren Mäuseleichen thront. Wie täuscht uns das Leben, weil wir uns gerne täuschen lassen. Vergessen ist der große Sturm des letzten Winters, der doch so viel von der Ruhe der Ansässigen gefressen hat. Wenn sie sich daran erinnern, tun sie das mit einem Schaudern. Gerüchte werden zu beglaubigten Geschichten, die mit eigenen sonderbaren Erfahrungen ausgeschmückt den Abend retten können; und Sonderbares hat hier jeder schon erlebt.

Hier ist alles waldphantastisch eingbrünnt. Kaiserhammer ist das Zentrum eines alten Jagdsterns, bei dem im Verlauf mehrerer Tage das Wild dem auf freier Fläche aufgebauten Laufft zugetrieben und mit neu gespannten Netzen und Feuern am Entweichen gehindert wurde. Beim abschließenden Abjagen wurde das Wild in den Laufft hinein getrieben, in dessen Mitte die fürstliche Jagdgesellschaft auf ihre Beute wartete.

Von den Baumheeren geht keine Gefahr aus, wohl aber von dem, was zwischen den Schatten geht. Ein Reh, aus baldiger Nacht verirrt, mit Durst im braunen Fell, will den Tau von Halmen lecken und sieht sich – schon erschossen – um. Das Blei zerfetzt den schönen Athletenhals und wirbelt warmes Blut auf die erlahmten Wimpern. Unter den Schuhen des nahenden Jägers wird es finster und nass und schwer und klamm. Der Herbst hält seinen Atem an, kurz bleibt die Stille haften, bleibt verlockend tot.

Sefchen, altes, geiles, rotes, dreckiges Sefchen; tanz du doch noch einmal um den Galgenbaum, tanz du doch noch einmal den Staub auf, Gewitter deiner Knöchelchen, Sohlen, Fersen, tanz du doch noch einmal ›Rock hoch‹, zeig, wo die Seife endete! Der Ruf durch den Nebel von Krähen beheizt, verschlungen führt der Weg vorbei an den knatschenden Eichen, an gekrüppelten Ästen, an der gesammelten Pest der Altstraße. Wind wurmt über die Teiche, die Flüsse – des Scharfrichters Tochter ist schön wie jede Gespielin des Verderbens. Wer sie tanzen sieht, wird je zurückkehren, rasten am gemiedenen Ort, seinen Blick über den Alraunenacker schicken. Es kommt mir so vor, als befände sich das Fegefeuer nicht weit, als ginge ich durch Niemandsland, als warte dahinter der Erdschlund, gurgelndes Magma!

 

Umberto Eco / Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco war mit seinem „Foucaultschen Pendel“ nicht imstande, den unfassbaren Erfolg seines Debüts, „Der Name der Rose“ zu wiederholen, was kaum verwunderlich ist, schließlich wurden von diesem Buch seinerzeit 50 Millionen Exemplare verkauft, eine ungeheuerliche Summe. Das Buch wurde verfilmt, bekam sein Videospiel und drei Brettspiele obendrein, ganz zu schweigen von Baseball-Kappen, Kaffeetassen und einer Ecke im europäischen Disney-Park. Das Foucaultsche Pendel bekam nicht einmal ein lausiges T-Shirt, dabei ist es nicht weniger brillant inszeniert wie sein Vorgänger, enthält dabei jedoch mehr historischen Prunk und philosophische Spekulationen. Und da sind wir beim Kern: das Buch ist so gut, dass es für den Massengeschmack untauglich ist. Wie beim Namen der Rose geht es in diesem Roman um Bücher und die Schwierigkeiten, die sie verursachen können.

Ecos drei Protagonisten arbeiten in der Verlagsbranche, wo ihre Bemühungen hauptsächlich auf trashigen Büchern mit verrückten okkulten Spekulationen und Verschwörungstheorien basieren. Sie empfinden nichts anderes als Verachtung für die Autoren dieser Werke, aber aus reiner Langeweile beginnen sie, ihre eigene halbgaren Verschwörungstheorie zu konstruieren.

Dr. Causabon, ein Spezialist für die Tempelritter, die während der Kreuzzüge ihre große Zeit hatten, aber zu Beginn des 14. Jahrhunderts brutal ausgelöscht wurden, ist dabei die treibende Kraft.

Die meisten historischen Berichte gehen davon aus, dass die Templer nach der Hinrichtung des Großmeisters des Ordens, Jacques de Molay, der am 18. März 1314 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, nicht mehr existierten. Aber alternative Theorien deuten auf das Überleben der Templer hin, sogar bis in die Neuzeit, vielleicht unter dem Deckmantel der Freimaurerei oder einer anderen Organisation.

Das Foucaultsche Pendel

Causabon ist ein Gelehrter mit wenig Sympathie für die Mystiker und Spinner, die von solchen Dingen besessen sind – zumindest anfangs. Aber er findet sich bald selbst in ihren Reihen wieder. Auf halbem Weg durch das Buch beginnt er, sich selbst als eine Art intellektueller Sam Spade zu sehen. Er mietet sogar ein Büro, das einem Raymond Chandler-Roman oder Film Noir-Thriller ähnelt. Doch sein glamouröses Streben, ein Bogart mit einem Doktortitel zu sein, ist nur eine weitere Etappe auf einer Abwärtsspirale hin zu einem Verlust der intellektuellen Integrität und einer unglaublichen Leichtgläubigkeit. Mit der Zeit ist Causabon derjenige, der Spezialisten in ihren eigenen Büros aufsuchen muss … um herauszufinden, ob er nun endgültig den Verstand verloren hat.

Ein Leser, der sich mit dem Hintergrund des Autors Eco, der durch Semiotik und Literaturtheorie geprägt ist, auskennt, fragt sich, ob er nur Spaß macht – oder es vielleicht sogar auf einen heftigen epistemologischen Angriff auf die Dekonstrukteure und Kritiker, die in den letzten Jahrzehnten die Geisteswissenschaften übernommen haben, abgesehen hat. Nein, der Foucault im Titel des Romans ist nicht Michel Foucault, sondern der Physiker Léon Foucault aus dem 19. Jahrhundert, aber die Theoretikerinnen und Theoretiker der Postmoderne werden hier implizit zur Rede gestellt. Eco baut ausgefeilte Deutungsstrukturen auf, nur um sie zum Einsturz zu bringen, während das Reale und Greifbare letztendlich seinen Vorrang vor dem bloßen Begrifflichen offenbart. Eine etwas merkwürdige Wendung für einen Intellektuellen und Professor, der mit postmodernen Tendenzen eng verbunden ist und erst viel später zu einem Schriftsteller wurde (was Eco einmal mit der lapidaren Aussage: „Ich hatte Lust, einen Mönch zu töten“ erklärte).

Für einen Roman, der primär auf der Ebene von Vermutungen und Hypothesen operiert, findet Eco doch Möglichkeiten, genügend Elemente traditioneller Mysterien- und Abenteuergeschichten zu integrieren, um seine Leser tief in den Prozess einzubinden. Causabon und sein Verlagskollege Jacopo Belbo werden von einem Schriftsteller besucht, der unter dem Namen Oberst Ardenti eine phantasievolle Geschichte über ein verschlüsseltes Dokument erzählt, das der Oberst zu sichern und zu entschlüsseln vermochte. Die daraus resultierende Botschaft liefert eine Roadmap für ein großes Geheimnis, das einer Gruppe von überlebenden und im Untergrund operierenden Templern über einen Zeitraum von Hunderten von Jahren offenbart wurde und im 20. Jahrhundert seine Erfüllung finden sollte. Diese Geschichte, die leicht für die Ausgeburt eines Wahnsinnigen abgetan werden könnte, nimmt eine gewisse Glaubwürdigkeit an, als bald darauf die Polizei auftaucht und berichtet, dass Ardenti offensichtlich nach dem Treffen im Verlag in seinem Hotel ermordet wurde, und – noch rätselhafter – die Leiche verschwand, bevor die Behörden eintrafen.

Wir befinden uns jetzt auf dem Feld der spekulativen Literatur, die bei uns gerne als trivial angesehen wird, und Eco zögert noch, dieses Spiel zu spielen, signalisiert von Anfang an, dass er es dem Gelegenheitsleser nicht zu leicht machen wird. Schon in den ersten fünfzehn Seiten stützt er sich auf ein geheimnisvolles Vokabular (Hydrargyrum, Demiurgen, Proglottiden, Ogiven, Plerom etc.).

Das Buch ist allerdings zu keinem Zeitpunkt als zäh zu betrachten, obwohl Eco mit einer stupenden Bildung aufwartet. Im Verlauf dieses Romans darf der Leser ein Candomblé-Ritual in Brasilien verfolgen, durch die Kanalisation von Paris reisen und erhält eine fundierte Ausbildung über 700 Jahre finsterer Machenschaften von Geheimgesellschaften. Eco schreibt auch eine zweite Handlung in dieses arkane Spektakel hinein, die sich auf die Entscheidungen zwischen Heldentum und Feigheit konzentriert, mit dem einige Dorfbewohner in Italien in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu tun hatten. Sollte das Foucaults Pendel jemals zu einem Film werden, wird man dieses ganze Zwischenspiel wahrscheinlich auslassen. Aber der Leser täte gut daran, genau hinzuschauen, denn der fast aristotelische Fokus auf Auswahl, Verantwortung und einfache Tugenden ist keine zufällige Ergänzung des Romans, sondern eine klare Aussage des Autors über die Alternative zum dekonstruktiven, quasi-akademischen Innenfokus des Restes der Erzählung.

Umgekehrt kommt es zu einer der aufschlussreichsten Versatzstücke in dieser Geschichte, als Causabons Freundin die große Verschwörungstheorie entlarvt. Nach ein wenig Recherche präsentiert sie einen überzeugenden Fall, dass das geheime Templerdokument, mit dem alles begann, in Wiirklichkeit nur eine Einkaufsliste ist. Natürlich kann eine solche beiläufige Interpretation in einem Roman voller Intrigen und Abenteuern auf gar keinen Fall zugelassen werden, und unsere obsessiven Okkultisten und Verschwörungstheoretiker werden sich weigern, das zu akzeptieren. Dem Leser steht es frei, dies ebenfalls zu tun. Aber Umberto Eco ist kein gewöhnlicher Romanschriftsteller, und hätte er das tatsächlich so beabsichtigt, dann wäre es so, als würde er eine der großartigsten und kompliziertesten Handlungsstränge der modernen Literatur konstruieren, um dann genauso hart daran zu arbeiten, sie zu untergraben.

Der Wert liegt in der Absicht

Schriftsteller neigen – ähnlich wie Seefahrer – zu einem gewissen Aberglauben; nicht selten ritualisierten sie den Schreibprozeß selbst. Es ist natürlich nicht so, daß jene, die ein anderes Schreibgerät als die Schreibmaschine nutzen, nur Müll produzieren, aber es fällt ihnen leichter. Das scheint allerdings nicht wichtig zu sein, da sich ohnehin ein kultureller Paradigmenwechsel vollzogen hat, so daß man heute eher belächelt wird, wenn man schreibt, wie man schreiben muß, um wirklich zu schreiben: mit Hand und Maschine. Die Auflösung der Sprachfähigkeit ist nicht nur ein Phänomen, das den “normalen” Menschen betrifft, das nämlich ist nicht tragisch. Die Literatur aber kann Sprachunfähigkeit nur in geringem Maße ertragen. Dort aber tummeln sich jene, die sich kaum mehr mit Sprache beschäftigen, die nicht über Sprache nachdenken und Wortgewalt für schlechtes Wetter halten. Der Computer ist bequem, und er reizt zu unablässigem Durchfall. Fester Stuhl war gestern, so wie die Schreibmaschine. Da unsere heutige Welt ohnehin nur aus Durchfall besteht, fällt man natürlich auf, wenn man einer der wenigen ist, die vernünftig scheißen. Texte entstehen in Kooperation mit dem Medium, das man wählt. Es ist kaum wahrscheinlich, daß ein geschwätziger Roman von 1000 Seiten je in Stein gemeißelt werden wird. Es geht mehr um Konzentration als um Ausbreitung, auch wenn sich viele verdichtete Elemente in ihrer Summe ebenfalls ausbreiten. Der Wert liegt in der Absicht.

Ich bin aber auch ein Landschafter, ich kann ohne Wald und Erde nicht. So richtig ins Leben hinein kam ich deshalb auch nie. Ich hätte wieder und wieder ins Fichtelgebirge zurückkehren können und habe es nicht getan. Eine Großstadt wäre mir völliger Fuck. Als Wohnort wohlgemerkt. Denn eine Stadt ist nicht zum wohnen da, sondern ein Klo, daneben ein Würstchenstand, daneben der Strich, ein Ansammlung, ein Museum der Geisteskrankheit. Faszinierend wie ein Zoo, den man mit Fressi-Fressi in der Hand gerne mal besucht, eine Freak-Show, durch die man tappt, um die fette Frau mit dem Bart zu sehen, oder die siamesischen Zwillinge, die ein Liedchen singen. Zweistimmig. Prima. Abends aber wieder nach Hause, den Kopf schütteln: was es nicht alles gibt! Freilich ist es interessant, aus dem Fenster zu schauen, wie jemand kostenlos abgestochen wird. Man bekommt nur nicht ganz mit, was da gesprochen wird, soweit ist die Technik noch nicht. Und es passiert eben nicht jedes Mal was, man muß dauernd in Bewegung sein.

Viele Zeiten sind’s, das muß gesagt werden. Oft war’s, als bliebe die Zeit stecken; diesmal nicht, diesmal macht sie einen ihrer berühmten Quantensprünge. Das Weltgeschehen? Geht mir saftig am Arsch vorbei. Mich betrifft die Menschheit nur im Kleinen. In unserer kapitalistisch-faschistischen Gesellschaft ist nur Widerstand oder Flucht möglich. Im Widerstand komme ich zu nichts, in der Flucht fehlt das geeignete Territorium. Also anders: irgendwie überleben. Versuchen, nicht drauf zu gehen. (Und wenn man drauf ginge, wär’s nun auch keine große Sache, weil es große Sachen kaum noch gibt, außer die eigenen, die wirklich groß sein können, dann größer sind als irgendwas außerhalb).

Das Labyrinth

Das Labyrinth ist ein Zeichen, das viele verschiedene Zeichen in sich birgt. In einer Fülle komplexer Darstellungen und Deutungsmöglichkeiten führt es hin und her, biegt immer wieder ab und führt schließlich zur Mitte. Eine der Bedeutungen des Labyrinths ist, daß alles, was existiert, sich niemals schlußendlich festlegen läßt.

Das frühgeschichtliche Labyrinth, das man bei Ausgrabungen eines Palastes in Pylos in Griechenland fand, hat einen kreuzungsfreien und vorgegebenen Weg, der auf verschlungenen Pfaden sicher zum Ziel und wieder hinaus führt. Man kann durchaus davon ausgehen, daß das Labyrinth mit Initiationsriten, erotischen Hochzeitsspielen und Tod-Wiederkehr-Mysterien in engem Zusammenhang steht, denn die ältesten Zeichnungen sind nahe an Kultanlagen plaziert.

In der Ilias wird ein Pendeltanz im Zusammenhang mit einem Herbstritual beschrieben. Tanzvorstellungen sind auch auf alten Tonkrügen zu sehen, die hier einen Kranich- oder Jungferntanz abbilden.

Schlegel führte 1798 die Arabeske in die Literatur ein und verband damit die Vorstellung märchenhafter Phantastik, ironischer Leichtigkeit und überquellender Fülle, von Poe wissen wir, daß er in seinen Geschichten vom Arabesken den Akzent auf eine groteske Verzerrung der Welt zum Dämonischen legte. Besehen wir uns die Ornamentik einer arabesken Darstellung, fällt es uns sehr leicht, darin ein Labyrinth zu erkennen. Denken wir uns ebenfalls eine Wüste als Labyrinth und: eine Bibliothek. Die besten Dichter waren labyrinthische Schreiber, die stets mehr wagten, als bornierte Beschreibungen in die Welt der Unterhaltung zu liefern. Ein Labyrinth unterhält nicht, sondern bietet nicht weniger als den Zusammenhang des ganzen Universums.

Und es wird erzählt von einem Weibe, das sich hat ihre Schamlippen ritzen lassen, so daß darauf, auf ihrer zarten Haut, ein Schmetterling zu sehen war und dieses Weib wohnt im Hause der Labrys, das umgeben von schweren Steinpfeilern die Doppelaxt in ihren Händen hält. Das Haus ist in der ganzen Welt als Labrynthios bekannt.

Steve Earle – Meet Me in The Alleyway

Vor einem Jahr

Ich habe gestern in mir herumgestochert und herumgeforscht, aber nichts gefunden. Der Bahnhof, an den ich dachte, ist mir oft ein flüchtiges Thema, in meiner Erzählung Martraum (Sandsteinburg) sogar ein großes Symbol, das mir aber auch keine andere Wahl lässt. Mit einem Bahnhof beginnt die Geschichte, die sich nicht schließen lässt, mit einem Bahnhof beginnt die Geschichte in der Mitte.

Die Furcht, so lange schon gewesen zu sein, ein Gleichnis zu finden, ein Gleiches, ein Entsetzen dieser Ferne, die näher rückt, oder die Nähe, die hinaus führt, fragil über die Weichen schleicht, über donnerndes Eisen. Ein anderes Ankommen ist kein Ritual. Sarina Mira erinnerte mich gestern indirekt an das große Feuerwerk der Lärmenden Akademie vor zehn Jahren. Es ist kaum fasslich, aber vielleicht war mir gestern so greinerlich zu Mute, weil sich etwas längst Vergessenes gejährt hat. Ich vermute, dass ich mich vor zehn Jahren hier habe sitzen sehen, ein erbärmliches Schauspiel, und mein emotionaler Beinahezusammenbruch der von vor zehn Jahren war und nicht der gestrige. Ich hatte noch versucht, mich wieder etwas in den Griff zu bekommen, indem ich mir Milch (die aus war) und – natürlich – Haferflocken (wären wohl heute aus gegangen) besorgen ging. Das Forum (es ist ja eigentlich eine Mall hier um die Ecke) war voller Menschen, die Mädchen im Dirndl, die Burschen in allen möglichen Lederhosen (es ist ja auch noch Festwoche in Kempten), und ich, verwildert wie ein Zeitgenosse Dürers, torkelte durch die Hallen (ich finde in ganz Kempten kein gelbes Hemd, aber ich brauche unbedingt ein gelbes Hemd!). Irgendwas war mit meinen Augen nicht in Ordnung, meine Brille übertrug stellenweise nicht die richtigen Informationen. Im Markt dann gelang es mir kaum, auf den Beinen zu bleiben, nicht aus Schwäche, ganz und gar nicht, mein Kreislauf war nur etwas durcheinander. Wenn man mich sieht, will man ohnehin gleich den Sicherheitsdienst rufen, entspannt sich aber, wenn ich Milch und Haferflocken aufs Band lege. Gut.

Dann heute Steve Earle; eine völlig andere Atmosphäre als etwa der Train Song. Aber auch diese Wahl als Soundtrack zur Sandsteinburg ist nicht unbegründet.

I had a melancholy malady
Went to see the doctor and the doctor say
Too bad, nothin' he could do
He knew a man in Louisiana if I’m willin' to pay
Laid my money on the barrelhead

Man behind the bar began to shimmy and shake
Can't lie, I reckoned I was dead
When he picked my money up and I heard him say
Meet me in the alleyway minute to midnight
Don't be late, meet me in the alleyway
Better come runnin' the spirits won't wait
Thirteen tiger teeth in my talisman
St. John the Conqueror and a black cat bone
Been seen walkin' with the guardians
Now I’m in the alley and I’m all alone
Can't run, can't hide from destiny
Knew this day was callin' nearly all of my life
Been done ain't the only boy from Tennessee
To carve his name in cypress with a jawbone knife

So you wanna be the king of America
Say you wanna know the oracle's mind
Say you wanna see the Marquesses of Mardi Gras
dancin' with the devil at the end of the line

“Money on the Barrelhead” (in der ersten Zeile) bedeutet hier Barzahlung. Der Song strotzt vor Anspielungen auf den New Orleans-Kult, Mardi Gras (offiziell als Karneval gehandelt) und das teuflische Treiben. Und auch hier transportiert die musikalisch geschaffene Atmosphäre perfekt den Text. Earle lässt mir hier die Möglichkeit, eines meiner Lieblingsthemen zu verfolgen, das Faustische Prinzip.

Felisberto Hernández – Die Frau, die mir gleicht

Jeder, der sich mit phantastischer Literatur beschäftigt, kennt die großen Borges und Cortázar, weil die beiden Argentinier die Phantastik in die höchsten Höhen der Weltliteratur geführt haben. Überhaupt ist die hispanische Welt geprägt von der magischen Realität, von der die Europäer seit der Romantik keinen blassen Schimmer mehr haben. Selbst der französische Surrealismus wurde in Lateinamerika transformiert und literarisch, zB. von Octavio Paz, zu einem Nobelpreiskandidaten gemacht. Oft sind es aber die Außenseiter, die Kultstatus erreichen. So verhält es sich mit Felisberto Hernández. In Deutschland ist eine Sammlung mit Erzählungen erhältlich, 2006 bei Suhrkamp erschienen und nach wie vor zu beziehen.

Das Leben eines Schriftstellers fern des Mainstreams ist in der Regel nicht zu beneiden. Talentiert, originell, von erfolgreicheren Schriftstellern bewundert und von der Öffentlichkeit ignoriert, plagen sie sich in ihrer Vergessenheit ab, sterben unbemerkt und geraten, wenn sie Glück haben, durch Irrwege wieder in Druck. Herman Melville ist vielleicht der berühmteste Nutznießer einer solchen Behandlung, die auch Nathanael West oder Henry Green geholfen hat.

Felisberto Hernández (1902 – 1964) hatte nicht so viel Glück. Er übte einen großen Einfluss auf Gabriel Garcia Marquez aus und wurde von Julio Cortázar und Italo Calvino bewundert, aber das brachte ihm nicht viel ein.

Hernández wurde in Uruguay geboren und verdiente seinen Lebensunterhalt am Klavier, spielte in Stummfilmkinos und Konzerthallen. Viermal war er verheiratet und jede seiner Frauen wurde es Leid, ihn durchzuziehen. Mit der gleichen Glücklosigkeit wie seine Ehen war seine literarische Arbeit behaftet. 1947 kam es zu seiner einzigen kommerziellen Veröffentlichung: Niemand zündet die Lampe an. Das verkaufte sich natürlich nicht. Erst 1983 erschien in Mexiko eine dreibändige Werkausgabe, und erst 1993 gab es eine englische Übersetzung (Piano Stories). Weil es aber die Öffentlichkeit immer noch nicht interessierte, verschwanden die Bücher wieder in der Versenkung. 2006 kam die deutsche Übersetzung, eine große Resonanz blieb freilich aus. In Amerika wurde eine Neuauflage 2008 gewagt, und wie es aussieht, mit dem bisher größten Erfolg.

Liest man die Geschichten, wird sofort klar, warum das gewöhnliche Lesevieh nichts damit anzufangen weiß. Es gibt wohl weder in Amerika (Nord wie Süd), noch in Europa etwas, mit dem sich diese Texte vergleichen lassen, meist von einem namenlosen Ich-Erzähler vorgetragen, besessen von an sich toten Dingen oder fremden Häusern. Die Geschichten verfolgen keinen anderen Zweck als das eigene Vergnügen, L’art pour l’art.

In dem Essay Falsche Erklärung meiner Geschichten sagt Hernández: “Meine Geschichten folgen keiner logischen Struktur. Selbst jenes Bewußtsein, das unentwegt über sie wacht, ist mir unbekannt.” Das Setting der Geschichten ist in den meisten Fällen gespenstisch. Da gibt es geheimnisvolle Frauen, verfallene Häuser in einer isolierten und ritualisierten Atmosphäre, und trotzdem erfüllen sie niemals das plumpe Klischee einer Gespenstergeschichte, stehen der Dekadenz wesentlich näher als dem Spuk. Die toten Dinge in den Geschichten sind meistens eben doch lebendig, zum Bersten gefüllt mit Blut und Begehren. Es ist genau dieser Umgang mit den Objekten, der Hernández so einzigartig macht. Die Struktur dieser Prosa folgt dem Empfinden eines Traumes. Nicht als bekäme man ihn erzählt, sondern als durchlebe man ihn selbst.

Die längere Erzählung Die Hortensien ist das unbestreitbare Meisterwerk der Kollektion, und wohl das stärkste Argument dafür, warum diese Sammlung in jede Bibliothek des Phantastischen gehört, ohne Ausnahme, ohne Ausrede.

Einerseits gespenstisch, andererseits pervers, steht ein verheiratetes Ehepaar im Vordergrund – vor allem aber die Sammlung lebensgroßer Puppen des Ehemanns, von denen eine ganz genauso aussieht wie seine Frau. Die Mischung aus Eifersucht, Morbidität, Schabernack und ungesundem Verhalten treibt die Geschichte an und erzeugt eine der stärksten surrealen Empfindungen, die beim Lesen überhaupt entstehen können.

Wenige der anderen Erzählungen haben eine solche emotionale Wirkung. Die geheimnisvollen Szenarien halten den Leser zwar bei der Stange, lösen aber keine stärkere Reaktion aus, wie man das etwa von Cortázar gewohnt ist.

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