Tontafelkalender / Julmond / Sonnentag 19

Was manchmal als Gedicht beginnt, kann leicht zu Prosa werden, dann sogar zu einer kurzen Erzählung. So ging es mit “Der Gehenkte”, das aus dem GrammaTau-Gedicht “Aurelia” entstand und von Gerard de Nerval handelt. Manchmal entwerfe ich jene Bilder, die in die Unendlichkeit ragen, dazu gehörte in diesem Fall eine alte Pariser Laterne, an der sich der Dichter erhängte, das Manuskript der Aurelia in seiner Rocktasche. Ich werde diese Geschichte eines Tages noch einsprechen, gerade weil sie nur in der Miskatonic Avenue erschienen ist. In kleinen Anthologien hätte ich durchaus die Möglichkeit, noch weiter zu veröffentlichen, aber ich habe mich dagegen entschieden und Anfragen erst einmal abgelehnt. Meine Arbeit passt nicht zu den Arbeiten anderer, wie ja leicht zu erkennen ist.

Wie es aussieht, bin ich mit Albera am 24ten in Heidelberg, dem geheiligten Ort, den wir beide noch nie zusammen betreten haben. Albera hat dort studiert, nachdem ich schon fast wieder weg war. So verpassten wir uns damals, als es mir noch darum ging, ein Gebäude für die “Lärmende Akademie” zu finden. Wie wir heute wissen, scheiterte das alles kläglich. Scheitern ist eine sehr interessante Erfahrung, die ich fast zur Perfektion gebracht habe, aber eben noch nicht ganz, denn manches scheint mir auch zu gelingen.

Ich muss jetzt diese Kasperiaden=Lektüre von “Shakespeares Labyrinth” zu Ende bringen. Eine Wurst von einem Roman. Und ich brauche natürlich ein anderes Kalendersystem, auch wenn mir die Idee mit den Tontafeln behagt.

13:31

Ich weiß nicht genau, wie man das schafft, in zwei Welten herumzuhängen und so zu tun, als wäre es eine. Mir ist nicht ganz klar, wie man entkommen kann, man müsste sich vielleicht radikal zurückziehen, aber gar nichts mitbekommen birgt eine andere Gefahr, die nämlich, dass man nicht mehr weiß, woher das Unheil rührt und wie nahe es schon ist. Man kann nur alles von sich halten, wenn man die Augen trotz des grellen Scheißlichts halbwegs offen hält.

Elizabeth Kostova: Der Historiker

Der in Schäßburg (wo man heute noch sein Geburtshaus besichtigen kann) geborene Vlad Tepes war bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende. Über seine Grausamkeiten kursieren im Westen die unterschiedlichsten Geschichten (während im Osten ganz andere Variationen kursieren), und nicht zuletzt lieferte er einen Teil der Blaupause zu Bram Stokers “Dracula”. Aufzeichnungen vermuten sein erstes Grab in der Kirche des Klosters einer Insel im Snagov-See. Als man es öffnete, fand man es allerdings leer. Das passt als Grundlage für den Vampirmythos recht gut ins Bild, denn wenn er nicht in seinem Grab liegt, könnte das durchaus bedeuten, dass er noch lebt. In Elizabeth Kostovas vielgerühmten Roman tut er das tatsächlich.

Wenn jemand in der heutigen Zeit zehn Jahre an einem Roman über Dracula schreibt, kann das nur bedeuten, dass sich da jemand in etwas verliert, dem man kaum mehr etwas Neues abgewinnen kann. Zumindest muss das von außen so aussehen. Wir reden hier nicht über einen fast schon alltäglich gewordenen Fantasy-Zyklus über Vampire, sondern über ein ambitioniertes Werk, das seinen Namen “Der Historiker” nicht umsonst trägt. Genau aus diesem Grund musste Kostova so lange recherchieren und schreiben. Das Ergebnis ist erstaunlich und weit entfernt von Teenager-Romanzen und bissigen Horror-Tropen. Wenn auf dem Umschlag zu lesen ist: Der Roman gibt einen vielschichtigen Einblick in 500 Jahre südosteuropäische Geschichte, dann ist das keineswegs gelogen. Kostova geht als Romanautorin exakt so vor, wie ein Historiker das tun würde. Natürlich schlüpft sie dabei in die Rolle ihrer 16-Jährigen Protagonistin, die namenlos bleibt (bis auf einen einzigen Hinweis, der leicht zu überlesen ist), und selbst Historikerin, aber auch Tochter eines Historikers und einer Anthropologin ist.

Während wir in diese ungeheuerliche Geschichte eintauchen, sind wir viel auf Reisen, während ihr Paul (ihr Vater) von der Erkenntnis seines unheilvollen Erbes erzählt, immer in Sorge, die Tochter könnte ebenfalls darin verwickelt werden, was sie längst schon ist. Diese Reiseberichte sind enzyklopädisch. Kostovas Beschreibungen der Sehenswürdigkeiten, Geräusche, der eigentümlichen Gerüche und der einzigartigen Köstlichkeiten sind derart stark, dass sie durchaus auch abschreckend wirken können. Allerdings wäre die dunkle, unheimliche Atmosphäre ohne diese Zutaten vielleicht zeitgemäßer, aber weniger erstaunlich.

Während dieser Reisen schlägt wieder und wieder die Dunkelheit zu, und zwar in einer Art und Weise, die viel erschreckender ist als die meisten plakativ zur Schau gestellten Entwürfe einschlägiger Schriftsteller des Genres.

Es ist wohltuend, ein Buch über kultivierte Menschen zu lesen. Das schwingt in diesem Buch nicht aufgesetzt und beiläufig mit, es ist sozusagen das Fleisch all dieser Einblicke. Das mag manchen Lesern zu langatmig vorkommen – tatsächlich las ich davon, dass die Autorin durch ihr akribisch ausformuliertes Setting etwaige Spannungsbögen zunichte mache – jedoch ist Spannungsliteratur (ohnehin ein unschönes Wort) hier nicht das Prädikat. Es geht vielmehr um das Interessante, aus dem der Effekt entstehen kann, und dazu braucht es Tiefe, die ein Spannungsroman nun einmal nicht hat. Offenbarungen und Enthüllungen gibt es reichlich in diesem Roman, der eben nicht nur tief, sondern auch breit angelegt ist. Statt Aktion gibt es hier Aktivitäten, und auch wenn es Vampire gibt, so sind sie alles anderes als Pulp-Gestalten, sondern so glaubhaft eingebettet, dass zwischen der faktischen Historie, die ohnehin sehr interessant ist, und dem Mythos kein Unterschied mehr besteht, was zeigt, dass es immer noch vom Talent des Autors abhängt, wie eine Geschichte wahrgenommen werden kann.

Die verschiedenen Einzelinstanzen sind eine Reminiszenz an Bram Stokers “Dracula”, der ja auch mehrere Stimmen vereint, um die Geschichte vorzutragen. Es sind hauptsächlich Briefe und Dokumente, durch die sich die Erzählung entblättert, und es gibt Rückblicke, die der Vater seiner Tochter nach und nach enthüllt und die sein Leben als jungen Historiker beleuchten, der ein normales akademisches Leben führte, bis sein Professor und Mentor Rossi eines Tages spurlos verschwindet, was ihn auf eine epische Suche führt – der Suche nach Dracula.

Die Autorin sagte über ihr Buch, sie habe gerade Mal eine Tasse Blut vergossen; dafür aber zeigt sie die Stärke der Stille exakt auf. Die Gespräche scheinen mehr geflüstert als gesprochen zu werden, in denen es dann aber zu großen Erkenntnissen kommt. Überall scheinen schattenhafte Gestalten zu lauern, und niemand will belauscht werden. Ein Teil der Handlung findet hinter dem Eisernen Vorhang statt, und diese ist gespickt mit einer gewissen Paranoia, die zu der des grundsätzlichen Rätsels – nämlich wo sich das Grab von Vlad, dem Pfähler befindet – hinzu kommt.

“Der Historiker” ist eine große Liebesgeschichte, eine Geschichte über eine Vater-Tochter-Beziehung, eine wunderbare Erzählung über die Geschichte selbst und exotische Orte in Europa, eine saubere Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart im Dracula-Mythos. Als scholastisches Rätsel findet ein Großteil der Handlung in Bibliotheken, Archiven und Privatstuben statt.

Von Elizabeth Kostova gibt es gegenwärtig zwei weitere Romane und an einem anderen arbeitet sie gerade. Wie sie selbst sagt, wird dieser das Thema der Schauerromantik aufgreifen, aber auch eine Detektivgeschichte enthalten. Bleibt ihre Neigung für historische Settings konstant, kann das nur Gutes bedeuten.

Neu in der Sammlung (3)

Bildrechte der Cover, von links nach rechts: Knaur; Moewig; Bastei

Lisa Tuttle – Das Böse wartet auf dich, Sarah (Moewig)
Die besten Horror-Stories (Knaur)
Spuk-Roman Nr. 1 – Der Fluch der Totenmaske

Lisa Tuttle, die eigentlich für ihre hervorragenden Science Fiction bekannt ist, hat auch einen starken Hang zur Phantastik. Gelesen habe ich davon bisher noch nichts, aber da mir ohnehin eine Komplettierung der Moewig Phantastica vorschwebt, ist das nur noch eine Frage der Zeit. Sie wird ja auch immer wieder in Bezug auf die New Weird genannt.

Der Spuk-Roman von Bastei (hier die Nr. 1 vom Januar 1979) ist eigentlich die einzige Gothic Novel-Reihe, die es je in Heftform gab. Nicht zu vergleichen mit dem Geheimnis-Roman, der hauptsächlich in das heutige Mode-Genre “Romantasy” passen würde. 1985 – im Zuge des Seriensterbens – wurde die Reihe eingestellt. Zu Beginn gab es viele Übersetzungen, bis der Anteil deutscher Autoren immer mehr zunahm und schließlich komplett von ihnen übernommen wurde. Gleichzeitig ging damit auch der schleichende Niedergang der Reihe einher.

Die besten Horrorstories ist als Buch ein Pfund, und eine der besten Anthologien modernen Horrors, entstanden in einer Phase, da es vor vorzüglichen Horror-Anthologien geradezu wimmelte. Selbstverständlich ist auch hier eine Story von Sterphen King enthalten, das ging auch zur Hochzeit werbetechnisch gar nicht anders.

Neu in der Sammlung (2)

Meine Suche nach antiquarischen Heften und Büchern der Phantastik ist im Grunde eine genauso unendliche Geschichte, als würde ich immer nur das Neueste erstehen wollen. Da gibt es zwar einige Dinge, die vorgemerkt sind, aber Priorität hat das Vergessene. Nicht immer stößt man dabei auf Perlen, aber manchmal reicht auch das Skurrile, um in die Sammlung aufgenommen zu werden.

Zunächst ist heute natürlich Dienstag. Das bedeutet, ich habe den neuen Dorian Hunter (29) und den neuen Gespenster-Krimi (26) am Kiosk besorgt. Das ist immer mit einem kleinen Spaziergang verbunden, den ich in meine Rundreise einbaue, denn das DHL-Paket musste ich ganz wo anders abholen. Der Rest kam mit der Post. Und das hier sind die aktuellen Neuankömmlinge:

John Crawford – Der Geistehügel (Vampir Horror-Roman Band 1)
Phantastische Literatur – Gespensterbuch 1 (Bastei-Lübbe)
H.R. Wakefield – Der Triumph des Todes und andere Gespenstergeschichten (Bibliothek des Hauses Usher)
Mary Hottinger (Hg.) Horror – Klassische und moderne Horrorgeschichten (Diogenes)
Lars Dangel (Hg.) – Das sterbende Bild (Privatdruck)
Dorian Hunter 29 – Die Schöne und die Bestie
Gespenster-Krimi Neuauflage 26 – Der Unheimliche vom Todesschloss

Die absolute Besonderheit, sprich: der wahre Schatz ist natürlich das Hardcover, das Lars Dangel im Privatdruck herausgegeben hat.

Streng limitiert, mit Unterschrift des Herausgebers und der Illustratorin, nummeriert. Ich habe die Nummer 14 bekommen. Nicht nur ist das Buch atemberaubend schön und liebevoll aufgemacht, es rechtfertigt auch den stolzen Preis von 55 Euro (inklusive versichertem Versand). Um das Buch zu bekommen, musste man es schriftlich bei Lars persönlich bestellen. Und zwar mit der POST und ncht elektronisch. Es ist fast klar, dass Sammler der Phantastik ein etwas verschrobenes Völkchen sind, das zu großen Teilen noch auf das Analoge schwört. Man bekam dann die Rechnung, die es zu überweisen galt. Ich hatte die ganze Zeit etwas Bammel, kein Buch mehr zu bekommen (es erschien bereits im April), aber das war unbegründet.

Ein Liebhaberstück, von einem Liebhaber herausgegeben. Ein absolutes Highlight mit seltenen Geschichten.

Illustriert von Angelika Pillous

 

China Miéville: Die letzten Tage von Neu-Paris

Es wurde behauptet, dass Miévilles “Perdido Street Station” die Regeln der Fantasy verändert haben soll, obwohl bis heute nicht erkenntlich ist, was damit gemeint sein könnte. Dieser Anspruch wird von einigen Fans gestützt, andere Leser aber eher deprimieren oder langweilen. Es kommt darauf an, welchen Standpunkt man gegenüber dieser Art der Fantasy einnimmt. Miéville beschreibt sich selbst als “Geek” und sagt, dass Geeks in der Lage seien, ihre Kräfte für Gut und Böse einzusetzen. Nun, das können auch Nicht-Geeks.

Bei “Die letzten Tage von Neu-Paris” handelt es sich um Fantasy, auch wenn viele Begriffe kursieren mögen, um solche Texte zu beschreiben; allerdings um Fantasy, die ihre Reinheit mit Fakten verfälscht. Neu-Paris gibt es außer in der Fantasie des Autors natürlich nicht, der sich hier vom Surrealismus hat inspirieren lassen, beziehungsweise von einer surrealistischen Revolution, die außer in der Kunstwelt nie richtig in Gang kam. Die surrealistischen Maler waren interessant, originell, ungewöhnlich, einige ihrer Werke verstörend, einige davon albern – die meisten davon angenehm dekorativ und amüsant, unabhängig ihrer Absichten. Miévilles Roman ist ähnlich. Er hat den Surrealismus und seine Verbindungen zum Okkulten gewissenhaft erforscht. Miévilles Panorama ist lebendig, seine Prosa klar, manchmal elegant.

Der Roman ist angesiedelt in Marseille 1941 und “Neu-Paris” 1950. Der Abschnitt in Marseille hat seine Wurzeln in der historischen Realität, wenn auch nicht allzu sehr. Ein amerikanischer Ingenieur und Schüler des selbsternannten Diabolisten Aleister Crowley trifft auf eine anti-nazistische Gruppe von Surrealisten, darunter André Breton. Das Ergebnis dieser Begegnung ist fantastisch explosiv und führte uns ins Jahr 1950, nach Neu-Paris.

Hier geht der Krieg zwischen den Nazis und dem französischen Widerstand weiter, in einer Stadt, die halb zerstört ist von der S-Bombe. Diese hat auch Kreaturen, Manifestationen und andere Monster, die den wildesten Halluzinationen surrealistischer Kunstwerke entspringen, befreit. Die ziehen nun bedrohlich und zerstörerisch durch die Ruinen der Stadt.

Der junger Widerstandskämpfer Thibaut, von dem (wie es scheint) der Autor Jahre später sein Wissen über diese halluzinogene Zeit, diesen unendlichen Kampf zwischen den Nazis und dem Widerstand, erwarb, wird zu dem, was man als den Helden des Romans bezeichnen kann. Er führt den Kampf zusammen mit Sam – einem amerikanischen Mädchen -, einem Fotografen, der eine Reportage über die zerstörte Stadt macht, fort. Dazu gesellt sich eine seltsame Gestalt, die als “köstlicher Leichnam” bezeichnet wird.

Inzwischen sind die “Kräfte der Hölle” entfesselt, obwohl nie klar wird, was damit gemeint ist. Es mag sein, dass der Autor an die Idee von George Steiner denkt, die besagt, dass der europäische Geist die Idee der Hölle jahrhundertelang von Dichtern und Malern in einem Jenseits verortete, während die Nazis die Hölle auf der Erde, im realen Leben geschaffen haben, sie seien sozusagen der zur Geschichte gewordene Mythos, die bewusste Verwirklichung einer dämonischen Tradition.

Enthusiasten der Fantasy Miévilles werden wahrscheinlich die Abschnitte im Neu-Paris des Romans bezaubernd finden; sie sind erfinderisch und einige Passagen sogar bewundernswert lebendig. Prosaischere Leser fragen vielleicht “Was soll das alles?”, und werden keine Antwort auf ihre Frage bekommen. Bei aller Fantasie und allem Witz – es gibt Beispiele für beides – scheint Miéville mit diesem Roman den Einwand nicht entkräften zu können, der vor allem auf die spekulative Literatur anzuwenden ist, nämlich, dass man nur, weil man alles tun kann, es nicht auch geschehen lassen muss. Wenn ein Autor es nämlich versäumt, die Bedeutung zu bestimmen, ist er nur an einem aufwändigen Spiel beteiligt. Und nichts anderes ist hier der Fall. Der Roman ist clever, aber unbefriedigend. Nichts darin ist wirklich wichtig, auch wenn andere Rezensenten das anders sehen.

Miéville hat 23 Seiten Notizen hinzugefügt, die die Quellen für seine Bilder aus der surrealistischen Kunst und Literatur enthalten. Dies sind Belege für die Arbeit, die in die Entstehung seines Buches eingeflossen ist. Sie zeigen seine Ernsthaftigkeit und Intelligenz und sind äußerst interessant. Tatsächlich sind sie interessanter als die etwa 180 Seiten, die ihnen vorausgehen. Man sollte hinzufügen, dass sie auch hilfreich sind, so sehr, dass den Lesern geraten werden könnte, sie zuerst zu lesen, um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, worum es in dem Roman oder der Novelle geht. Aber das ist natürlich selbst schon eine scharfe Kritik an diesem Buch.

Kai Meyer: Das zweite Gesicht

Die Jahrhundertwende als künstlerischer Ausdruck

Die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert war aus künstlerischer Sicht eine der fruchtbarsten und interessantesten überhaupt, und eine der letzten Keimquellen der deutschen Phantastik. Motive der Spätromantik wurden hier mit modernen Facetten versehen und ein roter Faden dieser literarischen Entwicklung war eindeutig zu erkennen. Doch der Aufbruch war nicht nur ein literarischer, sondern ein gesamtkünstlerischer und auch gesellschaftlicher. Deutschland war weltweit die Hochburg des neuen und aufregenden Mediums Film, und das Berlin der 20er Jahre neben Paris die Welthauptstadt der Kultur. Die Freizügigkeit dieser Ära stand den Hippies der 60er Jahre in nichts nach und ist mit heutigen Maßstäben nicht mehr zu erfassen. Und hinter allem stand die Lust am Okkulten, am Verborgenen. Der Spiritismus hatte bereits seit Jahrzehnten Hochkonjunktur, was viele Historiker sich als Gegenbewegung zur explodierenden Macht der Industrialisierung erklären. Ähnliches hatte es zu Zeiten der Aufklärung gegeben, als die Romantiker wie zum Trotz die Nachtseite der Natur aus dem Hut zauberten. Musik, Literatur, Tanz, Film … der Expressionismus war das Ding der Stunde, starker Ausdruck und subjektives Erleben waren erwünscht. Die Themen Krieg, Verfall, Angst und Weltuntergang trieben starke stilistische und thematische Blüten.

Kai Meyer hat sich mit dieser düsteren, aber auch kreativen Epoche beschäftigt. Neben historischen Figuren, die hier erwähnt werden (Alfred Kubin, Fritz Lang, Ernst Lubitsch, Bernhard Goetzke usw.), die das deutsche Filmschaffen als Realität dokumentieren, gelingt es Meyer, seine fiktiven Figuren so geschickt zu platzieren, dass man das eine kaum vom anderen Unterscheiden kann. Während zum Beispiel Augusto Cruz in seinem Roman  “Nach Mitternacht” die Fakten nimmt und daraus einen dunklen Thriller spinnt, macht Kai Meyer das genau umgekehrt. Er nimmt seine fiktive Geschichte und garniert sie mit geschichtlichen Ereignissen. Das Ergebnis ist genauso effizient.

Das Prinzip der Zwillinge

Chiara Mondschein reißt von Meißen nach Berlin, um ihre Schwester Jula Mondschein zu Grabe zu tragen, die sie seit sieben Jahren nicht mehr gesehen hat und von der sie mittlerweile nicht mehr viel weiß. In der Zwischenzeit ist diese nämlich zu einem gefeierten Star der Stummfilm-Ära geworden. Dabei ist unklar, warum sie sich umgebracht hat. Eigentlich will Chiara nur die Formalitäten der Bestattung hinter sich bringen und wieder abreisen. Dabei trifft sie auf Felix Masken, Autor und Produzent, der Jula als Mentor diente. Der bietet Chiara an, den unvollendeten Film “Der Fall des Hauses Usher”, in dem ihre Schwester agierte, dann aber das Handtuch warf, fertigzustellen, da die Ähnlichkeit der beiden frappant ist. Außerdem könnte der Film den in Misskredit geratenen Felix Masken rehabilitieren. Seit der Katastrophe beim Dreh zu Medusa, wo etliche Komparsen jämmerlich verbrannten, und der nie fertiggestellt wurde, steht es mit seinem Ruf nämlich nicht zum Besten.

Diese Idee ist natürlich selbst schon melodramatisch. Die tote Schwester wäre dann in einigen Szenen zu sehen, während die jüngere Schwester den Film beendet. Poe, für den der Tod einer jungen Frau die höchste Form der Poesie darstellte, wäre wahrscheinlich entzückt gewesen, hätte er zu seiner Zeit schon etwas über das Prinzip des Films gewusst. Chiara, die alles andere als eine Diva oder gar Schauspielerin ist, nimmt nach einigem Zögern das Angebot an, denn auch wenn sie vorgibt, Jula zu hassen, weil sie die fünf Jahre jüngere Chiara und ihren Vater allein gelassen hat, um in Saus und Braus zu leben, ist sie doch neugierig geworden. Die tote Schwester schwebt in all ihren bekannten und unbekannten Facetten um sie herum, schaut Chiara in einen Spiegel, sieht sie weniger sich selbst als Jula, von der sie doch so wenig zu wissen scheint. Möglicherweise kommt sie Julas Beweggründen für ihr Leben und ihren Tod niemals näher, als wenn sie in ihre Fußstapfen tritt.

Die erste wirkliche Verfilmung des Stoffes um Poes berühmte Geschichte erfolgte erst 1927. Daran beteiligt war der mexikanische Surrealist und Filmemacher Luis Buñuel, aber Kai Meyers Felix Masken hätte durchaus das Recht gehabt, noch früher dran zu sein, vor allem, wenn man bedenkt, dass Alfred Kubin die Kulisse des Films erschaffen hätte. Die Zutaten, die Meyer hier versammelt und durchmischt, sind derart gut in den historischen Fluss eingewirkt, dass man sich manchmal die Augen reibt und denkt: So hätte es durchaus sein können.

Kai Meyer fängt die extremen Verhältnisse an den Sets der damaligen Zeit genauso beklemmend ein, wie sie gewesen sein müssen, als man noch nichts von Arbeits- oder Brandschutz wusste, als Statisten noch für einen Teller Suppe von der Straße geholt wurden und quasi vogelfrei waren.

Die spiritistische Mode

Die erste Spiritismuswelle, die durch die Kulturzentren Europas ging, hatte ihren Ursprung bereits 1849. Begünstigt durch Katastrophen wie den ersten Weltkrieg erlebte das Sprechen mit den Toten jedoch im frühen 20. Jahrhundert einen enormen Aufwind. Es gab wohl keine Schicht, die diese denkwürdige Praxis nicht in der ein oder anderen Form umsetzte. Chiara Mondschein macht während ihrer Entwicklung von der Landpomeranze zur Diva, die sie niemals sein wollte, selbstverständlich ebenfalls einschlägige Erlebnisse. Nun kann man ihre Versuche, mit ihrer Schwester Kontakt aufzunehmen, allerdings nicht als harmlos bezeichnen. Gerade die Episode im Scheunenviertel, das von Meyer mit historischer Akkuratesse gezeichnet wird, ist äußerst beklemmend geschildert. Man spürt die Gefahr förmlich aus den Seiten springen. Möglicherweise mag der Leser die erste Hälfte des Buches als lediglich historischen Abriss einstufen, herausragend und detailreich vorgetragen, aber spätestens hier wird klar, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist und dass Meyer nicht beabsichtigt, nur herumzuplänkeln. Er lässt Chiara nach und nach scheinbar den Verstand verlieren. Es ist unklar, ob Chiara zunehmend merkwürdige Dinge halluziniert, oder ob sie diese immer bedrohlicher werdenden Dinge wirklich erlebt, ob es sich nun um drogengeschwängerte Orgien in Berliner Prominentenlokalen handelt, oder um Stimmen in ihrem Kopf, den zunehmenden Verfolgungswahn. Stets fühlt sie sich mit ihrer toten Schwester konfrontiert, der man unter anderem auch einen Fluch angedichtet hat – Julas Fluch – der für einige Unfälle in den Filmateliers verantwortlich gemacht wird und jetzt auf sie überzugreifen scheint.

Hinzu kommt die rätselhafte Operationsnarbe an ihrem Bauch, die auch ihr ermordeter Schauspielkollege hatte. Zunächst sah es so aus, als hätte sie diesen Eingriff nach einem kleinen Autounfall tatsächlich gebraucht. Mehr und mehr verdichten sich jedoch auch hier die merkwürdigen Spuren. Als Sahnehäubchen gibt es da noch die Villa ihrer Schwester, die Chiara überhaupt nicht beziehen wollte, die aber auch niemand kaufte, so dass sie schließlich doch noch einzog. Und damit wird die Überschneidung zwischen ihr und Jula perfekt. Es ist beinahe das Prinzip von Zwillingen, die – auch wenn sie getrennt von einander sind – frappierend viel Ähnlichkeiten in ihrer Lebensführung aufweisen. Hier ist diese tragisch, sie ist dunkel und rätselhaft. Doch die Wahrheit ist eine andere. Es scheint, als wäre die Schwestern-Thematik nur die Vorstufe zum Doppelgänger-Motiv, das seit der Romantik eines der beliebtesten in der Phantastischen Literatur war. Und tatsächlich gleitet Chiara immer tiefer in einen Wahnsinn, der allerdings nicht der ihre ist. Dabei spielt die Theosophie und Nietzsches Übermensch keine geringe Rolle. Die Harmlosigkeit pseudophilosophischer Kreise beginnt hier umzuschlagen und zu einer perfiden Tatsache zu werden.

Das Doppelgänger-Motiv

In der Literatur ist ein Doppelgänger meist als Zwilling, Schatten oder das lebendige Spiegelbild eines Protagonisten gekennzeichnet. Das Motiv bezieht sich auf eine Figur, die dem Protagonisten physisch ähnelt und auch den gleichen Namen haben kann. Mehrere Arten von Doppelgängern sind in der Weltliteratur zu finden. Er kann die Form eines bösen Zwillings annehmen, der der tatsächlichen Person nicht bekannt ist, und der dadurch einige Verwirrung stiften kann. Manchmal ist ein Doppelgänger das vergangene oder zukünftige Selbst einer Person.

Betrachten wir das Motiv in “Das zweite Gesicht”, dann finden wir Echos von verschiedenen Doppelgänger-Verwicklungen. Das Motiv beginnt mit den beiden Schwestern und entwickelt sich später zu einem wirklichen Problem, wo es zu den echten Doppelgängern kommt. Allerdings geht es hier nicht um einen bösen Zwilling oder ein gar dämonisches zweites Selbst, sondern um einen Missbrauch der Originale. Das zu vertiefen, steht mir hier nicht an, ich würde der Erzählung einiges von ihren Höhepunkten nehmen.

Das Buch ist hervorragend ausbalanciert und erstaunlich gut geschrieben. Darüber sollte man eigentlich kein Wort verlieren müssen, aber es ist beileibe keine Selbstverständlichkeit. Hier sitzen die Details an den richtigen Stellen, die Sprache trägt wie ein Luftkissen, so dass man sich darüber keine Gedanken machen muss und sich voll und ganz auf die Geschichte konzentrieren kann.

Die überarbeitete Hardcover-Ausgabe bei Blitz ist leider vergriffen, aber es ist nicht schwer an eine der Taschenbuchausgaben zu gelangen. Im überbordenden Œvre Kai Meyers nimmt dieser Roman sicher noch einmal eine besondere Stelle ein. Mir selbst ist kaum ein Autor bekannt, der historische Settings derart gekonnt und atmosphärisch mit einer phantastischen Handlung verwebt, so dass ein einziger – nahezu perfekter Guss – daraus entsteht. Das macht ihn zu einem der wenigen deutschen Autoren mit Weltniveau.

Robert Aickman

Robert Aickman ist selbst in seinem Heimatland England ein vergessener Autor. Der 1914 geborene und 1981 an Krebs gestorbene Schriftsteller ist für Peter Straub der “tiefgründigste Verfasser” von Horrorstories des 20. Jahrhunderts. Eine Leserschaft, die ihn über den Kultstatus hinaus brachte, fand er zu seinen Lebzeiten nicht. Der  renommierte britische Verlag Faber & Faber hat das zu Aickmans Hundertsten Geburtstag 2014 geändert und veröffentlichte eine Sammlung seiner lang nicht mehr in Druck befindlichen Erzählungen.

48 strange stories, wie er seine Geschichten selbst nannte, sind von ihm bekannt. Für seine “Pages from a Young Girl’s Journal” bekam er 1975 den World Fantasy Award.

Um Aickman zu verstehen, muss man viel Aickman lesen. Laird Barron sagte, dass dies Arbeit bedeute. Man kehrt zu seinen Geschichten zurück, sucht nach einem Zugang, einer Nahtstelle oder dem versteckten Haken. Und sobald man ihn glaubt, gefunden zu haben, wird man später, wenn man wieder zu diesen Geschichten zurückkehrt, bemerken, daß sich alles verändert und verschoben hat. Aickman ist einer jener raren Autoren, die einen Virus im Gehirn hinterlassen. Mit diesem Autor zu interagieren, bedeutet, eine Art der Quantenverschränkung zu erleben. Seine Geschichten nehmen das Unterbewusstsein und mutieren es in einer Weise wie es die Aufgabe transgressiver Literatur ist.

Aickman assistierte seinem Vater in dessen Architekturbüro, bevor er 1944 seine eigene Firma gründete. 1951 veröffentlichte er ein Buch mit Kurzgeschichten zusammen mit seiner Sekretärin Elizabeth Howard, zu dem er drei Erzählungen beitrug.

Strange Stories

1964 wurde seine erste eigene Sammlung veröffentlicht, “Dark Entries”. Zu seinen Lebzeiten erblickten weitere fünf Bände das Licht der Welt, sowie ein Roman und eine Autobiographie. Zwischen 1964 und 1972 war er als Herausgeber der ersten acht Bände der Serie “Fontana Book of Great Ghost Stories” tätig.  Posthum wurde eine letzte Sammlung, ein Roman und der zweite Teil seiner Autobiographie veröffentlicht. Seine besten strange stories wurden in dem Band “The Wine Dark Sea” (1988) und “The Unsettled Dust” (1990) veröffentlicht.

Aickmans Großvater war der viktorianische Schriftsteller Richard Marsh, der 1897 seinen Besteller mit “The Beetle” hatte (dt. “Der Skarabäus”), der sogar Bram Stokers Dracula auf die Plätze verwies.

In deutscher Übersetzung ist es natürlich noch schwieriger, etwas von Aickman zu finden, aber nicht aussichtslos. So sollte man nach “Glockengeläut” sowie “Schlaflos” aus DuMonts Bibliothek des Phantastischen suchen.

Aickmann war ein kultivierter Ästhet und befasste sich mit Ängsten, die auch jene Kafkas gewesen sein könnten, in einem präzisen, etwas erhöhten Stil, als ob er hinter einem Schleier der Gelehrsamkeit stünde, von wo aus er den Leser anspricht. Aber Aickman gehörte zu einer späteren Generation und war freier, so dass er die wirbelnden Ströme der Sexualität tiefer in seinen eindringlichen Geschichten einarbeiten konnte. So behält auch der Titel seines Buches “Dark Entries” etwas von der finsteren Doppeldeutigkeit des Nachtaktiven und Obszönen.

In Aickmans Geschichten wird niemals die vorrangige Natur des Merkwürdigen enttarnt, das seine Figuren belauert. Zur Hälfte sind diese an ihrem eigenen Untergang mitbeteiligt, wenn sie mit schlafwandlerischer Sicherheit ins Unbekannte gezogen werden wie in einen Traum.

Aickmans ‘seltsame Geschichten’ sind Geheimnisse ohne Lösung, jede endet mit einer wehmütigen Note über unsere zweifelhaften, unzulänglichen Kenntnisse, über die Mehrdeutigkeit der Wirklichkeit.

Marvin Keye schrieb in seinem Vorwort zur Anthologie “Masterpieces of Terror and the Supernatural”, die er herausgab, dass er zunächst zögerte, die Geschichte “The Hospice” (dt. “Das Hospiz”) in die Sammlung aufzunehmen, weil er nicht herauszufinden im Stande war, was sie aussagen wolle.

Die exemplarische Geschichte

“Glockengeläut” beginnt dann auch mit dieser exemplarischen Geschichte. Die beiden Bände der Bibliothek des Phantastischen, die einst bei DuMont erschienen, haben wir Frank Rainer Scheck zu verdanken, und auch wenn es zu Beginn der 90er üblich war, eine Mischung aus mehreren Originalveröffentlichungen zu präsentieren – was aus heutiger Sicht ein Ärgernis ist – können wir uns glücklich schätzen, überhaupt zwei schmale Bände in Übersetzung vorliegen zu haben, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein deutscher Verlag jemals wieder etwas von Aickman veröffentlicht, tendiert schändlicherweise gegen Null.

“Das Hospiz” ist wohl eine von Aickmans wichtigsten Geschichten. Auf relativ wenigen Seiten legt er Fragen des Übergangs, der Identität und des Handelns auf den Tisch. Die Veränderlichkeit der Wahrnehmung, das dünne Furnier von Loyalität und Sicherheit. Aickmans Arbeit stellt oft eine wichtige These der ganzen unheimlichen Literatur vor: Das Leben ist viel seltsamer, als wir annehmen. Er fragt oft, was wissen wir eigentlich? Die Antwort kann nur immer die gleiche sein: Nichts, und möglicherweise noch weniger.

Man liest diese Geschichte sechs oder sieben Mal (vielleicht auch öfter), und kommt immer noch nicht dahinter. Das aber ist genau das, was sie beabsichtigt. Die besten Geschichten sind jene, die ins Unterbewusstsein kriechen und flüstern und rätselhaft bleiben. Sie führen uns in die Dunkelheit und lassen uns dort allein. Vielleicht finden wir wieder heraus, vielleicht auch nicht. Viele Geschichten von Kafka funktionieren so, viele von Cortàzar tun es ebenfalls – und natürlich die meisten von Aickman. Aber Aickman ist keineswegs ein Avantgardist, der krude Rätsel für seine Leser zusammenspinnt. Das Hospiz ist in einer einfachen Sprache gehalten, fast flach, mit einem Minimum an Erschütterung und Bewegung: Ein Reisender verirrt sich auf einer Straße irgendwo in den West Midlands, kommt durch eine Siedlung, die aussieht wie im 19. Jahrhundert, mit hohen Bäumen und einsamen Häusern, sieht das Hinweisschild, das gutes Essen und andere Annehmlichkeiten verspricht, außerdem hat er fast kein Benzin mehr. Zu allem Überfluss wird er auch noch von etwas, das eine Katze gewesen sein könnte, ins Bein gebissen, als er kurz aussteigt, um sich grob zu orientieren. Diese Biss, der sich vielleicht entzünden könnte, spielt im weiteren Verlauf nur die Rolle, dass er da ist und schmerzt. Das ist die erste Irreführung der Erwartungshaltung.

Im Hospiz wird er freundlich aufgenommen und kommt gerade richtig, um am Abendessen teilzunehmen. Die Schilderungen und Geschehnisse sind immer nur knapp neben einer gewohnten und erwarteten Reaktion, einer bekannten und nachvollziehbaren Szenerie, aber sie treffen niemals das Bekannte, das jemals Erlebte.

Ihm wird also das Essen in mehren Gängen serviert, die exorbitant sind, gewaltig und unbezwingbar – und damit beginnt ein merkwürdiger Reigen, der sich zwar niemals ins Groteske zieht, aber einiges aus der Atmosphäre des Theater des Absurden schöpft.

Sexualisierte Metafiktion

Ein weiteres Beispiel einer Geschichte, die ihre Kraft durch das Wiederlesen erst entfaltet, ist “Ravissante” (französisch für bezaubernd oder hinreißend). Gleichzeitig ist diese faszinierende Erzählung eine von Aickmans Ungewöhnlichsten, die durchaus ins Perverse abdriftet. Der für Aickman typische introvertierte Erzähler macht auf einer Cocktailparty die Bekanntschaft eines Malers. Ein spröder und unnahbarer Mann, in seinem Auftreten eher enttäuschend, aber ein Maler mit einer gewissen Ausdruckskraft. Seine Frau ist noch kühler und uninteressanter, nur die Karikatur einer Frau, die fast nie etwas sagt. Der Maler stirbt und hinterlässt dem Erzähler sein gesamtes künstlerisches Schaffen, von dem er nur ein Gemälde und einen Stapel Briefe und Schriften behält. Was er nicht nimmt, wird von der Witwe verbrannt.

Die eigentliche Erzählung beginnt, als der Erzähler eines dieser Papiere liest, das den Aufenthalt des Malers in Belgien dokumentiert. Der Inhalt bezeugt den Besuch bei der steinalten Witwe eines symbolistischen Malers. Es ist offensichtlich, dass dieses Haus, in dem Madame A. lebt, auf einer anderen Realitätsebene existiert. Die Witwe selbst ist herrisch, das Haus schwach beleuchtet, und die Realität scheint einen unangenehmen, fließenden oder verschwommenen Aspekt anzunehmen. Madames Ausführungen sind merkwürdig und beklemmend, und als auch noch ein geisterhafter Pudel mit Spinnenbeinen durch den Raum streift, zieht Aickman die Schrauben des Unheimlichen an.

Der Aufenthalt des Malers wird von Mal zu Mal bizarrer und erreicht seinen befremdlichen Höhepunkt, als Madame ihn einlädt, die Kleidung von Crysothème, der abwesenden Stieftochter, zu berühren und zu untersuchen, indem sie ihm Befehle gibt, darauf zu knien, darauf zu treten und die Wäsche zu küssen. Der Maler gehorcht jedem dieser unmöglichen Schritte. Diese psychosexuelle, fetischistische  Auseinandersetzung mit Chrysothèmes Kleidung gipfelt in der Einladung, eine Truhe voller Unterwäsche zu öffnen. Wiederum, sowohl von Madames Befehlen als auch von seinem eigenen Drang getrieben, gehorcht er und erklärt, dass der Duft berauschend war. Verloren in dieser Träumerei, vergisst er die Zeit, bis er bemerkt, dass ihm kalt ist und er seinen Geruchssinn verloren hat. Als er auch noch ein Bild an der Wand entdeckt, das er selbst gemalt hat, hat er genug und flieht aus dem Haus. Auf dem Weg nach draußen folgt ihm die Madame mit einer Schere und fleht ihn an, ihr eine Haarlocke als Souvenir zu geben.

Die Geschichte endet mit der Erosion des Glaubens an eine materielle Realität. Aickman listet diffuse Symbole und Manifestationen auf, die er auch in der Erzählung verwendet. Der Maler zweifelt an allem, was er bei Madame erlebt hat und ruft damit auch die Zweifel des Lesers hervor. Die mögliche Erklärung für all dies ist die klassische freudsche Trinität von Ich, Über-Ich und Es; mehr oder weniger tritt der Maler in die Substanz seines eigenen Bewusstseins ein, wörtlich und bildlich. Das entspricht Aickmans Vorstellung von einer gelungenen Gespenstergeschichte, nämlich dass der Autor das Unterbewusstsein für poetische Zwecke nutzen sollte. Dennoch befriedigt diese Erklärung – wie bei vielen Aickman-Geschichten – nicht, oder genauer: Aickmans Geschichten gehen über dieses vereinfachte System hinaus.

Der umgekehrte Succubus

Das Thema, das sich durch “Ravissante” zieht, ist das des Künstlers, der sich von seinen eigenen kreativen Prozessen entfremdet fühlt. Der fragliche Maler glaubt, dass sein Werk von “jemand anderem” stammt. Das wäre dann ein Beispiel für Inspiration als Besitz. Betrachtet man die Geschichte unter diesem Aspekt, wird sie metafiktional. Unser Maler kommt durch einen schattigen und fleischigen ontologischen Tunnel zu einem Haus, der seinen eigenen Geist repräsentiert. Dort wird er an die Quelle seiner eigenen Inspiration herangeführt. Der Muse selbst kann er allerdings nicht persönlich begegnen. An diesem Punkt ist er von dieser Quelle auf eine ziemlich unheimliche, onanistische Weise besessen. Obwohl es sich um einen Besitz handelt, der durch gebrauchte Gegenstände vermittelt wird – nämlich durch Kleidung, die auf seltsame Art und Weise als Substitut benutzt wird – handelt es sich nach wie vor um einen fruchtbaren Besitz. Chrysothème ist nicht so sehr ein Sukkubus, der Energie entzieht, sondern – paradoxerweise – ein weiblicher Inkubus, der Energie liefert. Sie ist ein abwesender Inkubus, aber dennoch ein Inkubus.

Diese beiden Beispiele sind unvollständig in ihrer kurzen Analyse, die im Grunde nur dazu dienlich ist, sich der Faszination von Aickmans strange stories auszuliefern, sie so rar auf uns gekommen sind und die mehr Aufmerksamkeit verdienen, weil sie zur Basis jeden Verständnisses über die moderne Weird Fiction gehören, ohne deren Kenntnis ein schrecklich großer Teil für immer fehlen wird.

Notizen zur Weird Fiction

Es gibt viele kluge Aufsätze über das, was Weird Fiction eigentlich ist, und trotzdem kursieren weiterhin widersprüchliche , ergänzende und unterschiedliche Aussagen. Das ist jedoch ein Umstand, der nicht allein auf dieses phantastische Subgenre zutrifft. Mit Etiketten und Begriffen ist es grundsätzlich ein schwieriges Unterfangen. Das geht in diesem Fall sogar so weit, dass man Weird Fiction nicht selten als Synonym für die ganze Phantastische Literatur benutzt, oder dass der Begriff, wie es China Mievielle bevorzugt, für die gesamte Fantasy-Literatur herhalten muss (man darf hier anmerken, dass in den englischsprachigen Ländern die gesamte spekulative Literatur oft und gerne als Fantasy bezeichnet wird). Das bedeutet, dass sowohl Science Fiction, Fantasy und Horror Weird Fiction sein können, es aber nur dann wirklich sind, wenn eine weitere Zutat vorhanden ist. Aber um welche handelt es sich?

Eine beklemmende Atmosphäre, die nicht durch ein kathartisches Element in ihr Gegenteil verkehrt wird, eine rätselhafte Stimmung, die nicht aufgelöst wird, ein Grauen, das wie ein Damoklesschwert durch die Zeilen wabert, ein abenteuerliches Setting, das geheimnisvolle Zutaten enthält, die Nichtigkeit des Menschen angesichts des Kosmos – das sind nur einige Möglichkeiten, wie eine Weird Tale daherkommen kann. Leider finden wir genau diese Kriterien durchaus auch in der Mainstream-Literatur. Ehrlicher Weise müsste man sagen: es gibt nichts anderes als die Weird Fiction selbst, die sie definiert, denn jeder literaturtheoretische Hebel hat bisher das Feld nur eingrenzen können. Fest steht eigentlich nur, dass eine Weird Tale immer mit dem Übernatürlichen verquickt ist. Aber auch hier steckt das Missverständnis im Wort Natur. Nehmen wir Natur für die Gesamtheit des Seins, dann gibt es das Übernatürliche nicht, betrachten wir sie als einen Aspekt der Wirklichkeit, wird uns der Wirklichkeitsbegriff einen Strick drehen.

Psychische Auffälligkeiten, besonders abstoßende und ekelerregende Darstellungen sind möglicherweise grauenhaft, aber nicht unheimlich im Sinne von Weird. Kurz gesagt: das Schweigen der Lämmer, American Psycho usw. mögen der Horrorliteratur zugerechnet werden, aber nicht der unheimlichen Literatur, die – und es scheint, als hätte ich das unterschlagen – einer der Hauptmerkmale der Weird Fiction ist. Das Unheimliche. Tatsächlich wird weird oft in dieser Konnotation übersetzt. Das ist nicht falsch, aber eben auch nicht richtig. Wenn Köpfe abgehackt werden, gefoltert und verstümmelt wird, ist das abscheulich, aber es ist nicht unheimlich. Es gehört zu unserer Realität, wie abnorm sie sich auch zeigen mag. Gegen Gewaltdarstellungen kann man abstumpfen, gegen das Unheimliche nicht.

Eine der ersten Horrorgeschichten der deutschen Literatur, Ludwig Tiecks Der blonde Eckbert, ist zugleich ein Paradebeispiel für Weird Fiction, auch wenn sie (aus gutem Grund) der Schauerliteratur der Romantik zugerechnet und als Märchen behandelt wird. Und natürlich hatte die deutsche Romantik einigen Einfluss auf die Horrorstory, die zum ersten Mal in Vollendung mit Poe auftauchte. Horror und seine unendlichen Gestalten gibt es, seitdem wir Menschen uns Geschichten erzählen, er ist in der ganzen Weltliteratur zu finden, aber vor Poe gab es diesbezüglich kaum etwas, was für einen ernsthaften Liebhaber der Weird Fiction von elementarer Bedeutung ist, und es ist nicht vermessen zu sagen, dass mit diesem Genius die moderne Literatur überhaupt beginnt.