Ich bin die Nacht – 5 –

In früheren Epochen stand die Gemeinschaft voller Ingrimm um den gezwieselten Baum herum wie um einen Scheiterhaufen, das Vieh starb, die Freunde starben, das Land verödete: »Du stinkst wie deine Sünden!«, rief man im Chor. Damals. Ein Wort, das mächtige Welten aus der Vergangenheit herbeizitiert, als hier noch die Holzknechte drahtig und zerlumpt in ihren Hütten, aus Rinde gebaut, lagerten, um den gewaltigen Bedarf an Brenn- und Bauholz zu gewährleisten. Die pumpenden Essen der Hammerwerke verschlangen dabei genauso viel fruchtiges saftiges Tann wie die Glashütten. Außerdem benötigte man Bauland in dieser nahezu lichtungsfreien, waldreichen Gegend, in der fürstlich der Hof der Jagd huldigte oder ausritt, um sich in Ekstase zu bringen durch den Klang prallender Hufen, und demzufolge in recht guter Stimmung ins Schloss zurückkehrte, ob mit oder ohne Beute. Heute handelte man das Vergehen ohne Spott ab, ließ die Muse des Prangers walten, um den Talion zu vollziehen, und der Sünder sollte es für sich allein ausmachen.

Lars von Triers Antichrist

Von der Ökumenischen Jury, die von den internationalen Filmorganisationen der katholischen und evangelischen Kirche gestellt wird, mit einem Anti-Preis versehen, und auch sonst nicht zu kurz gekommen, was Buhrufe, Gelächter und negative Kritiken wie diese >>> des Tagesspiegels betrifft.

Lars von Triers 2009 erschienenes Psychodrama, das sich dem Publikum – schaut man es unter dieser Prämisse – auch in Form einer pathologischen Studie darbietet, setzt dem Horror in ganz eigener Weise Hörner auf. Es ist nicht allein nur eine Studie, die sich die uns hier gezeigte Paarbeziehung zum Gegenstand genommen hat, um einen abnormen Verlauf nachzuzeichnen, es ist auch eine, die sich die nach und nach offenbarte und somit festgehaltene Krankheitsgenese der beiden zum Anlass nimmt, das womöglich eigentliche Thema von Interesse herauszupellen. Und zwar beim Zuschauer. Der vielleicht, wie ich es tue, nach dem Wissensstand der medizinischen Psychologie von heute fragt, vor allem aber nach ihrer Praxis und Anwendung. Eine Studie also, die sich den Patienten anschaut, der ihre heutigen Dienstleistungen in Anspruch nimmt.

Das zentrale Thema von Lars von Trier ist, wie zumeist, die Angst des Menschen. Der Mensch, das Individuum, das – obgleich wir längst nicht mehr im Mittelalter leben und uns selbstüberschätzend als endgültig aufgeklärt begreifen – sich scheinbar sicher in den Händen eines Humanismus wähnen darf, der sich mit dem Wissens- und Erkenntnisfortschritt dekoriert, ihn auch postuliert, aber nicht anwendet, also nur behauptet: und somit in keiner Weise als ein solcher Humanismus zu begreifen ist.

Die kapitalistische Diktatur, die sich das demokratische System zur absolutistischen Funktionalen auf allen Feldern zu eigen gemacht hat, entzieht dem Humanismus das Wasser, das menschliche Element, das dieser Idee innewohnt. Eine Idee, die dem Leben und den Individuen Achtung entgegenbringt, indem sie Würde und Caritas voraussetzt. Das Schutzbefohlene wird zum Wild, das den Märkten schutzlos ausgesetzt ist. In Häufung und Ausprägung von Erscheinungsformen zunehmende psychische Erkrankungen deuten darauf hin. Besonders die häufig einwegige Anwendung von therapeutischen Maßnahmen im medizinischen Sektor ist hier als begünstigender Faktor zu nennen. Ein Beispiel hierfür wäre, dass bei diversen psychischen Erkrankungen und Zuständen oft nur verhaltenstherapeutisch gearbeitet wird, ganz gleich, ob es angebracht ist oder nicht. Weitere Maßnahmen wie die der Psychoanalyse werden entweder gar nicht oder nur selten angewandt. Zu zeitaufwendig ist der Patient heute geworden, verursacht zu schnell kosten, anstatt seine Kraft den Arbeits- / den Kapitalmärkten zu Verfügung zu stellen. Jene Märkte, die sein Nichtmehrkönnen zumeist verursachen, seinen Gesundheitszustand überhaupt erst gefährden. Gewinnbringend soll er sein, in kürzester Zeit für den Arbeitsmarkt wieder “fit gemacht” werden. Wie die uns umgebenden systemisch operierenden “Apparate” funktionieren, die nichts anderes zum Ziel haben als den Menschen stets und erneut anzuschließen, da sie gar bis ins Private eines Einzelnen / von Familien greifen, zeigt dieses Meisterwerk auch demzufolge konsequent auf eine höchst private und intime Weise: der eigene Ehepartner als ausführende Instanz in den eigenen “vier Wänden”.

Die drei Bettler

Er (gespielt von Willem Dafoe) verkörpert den zur Gänze ans Systemische Angeschlossenen. Kalt, emotionslos und rational tritt er in Erscheinung. Weder der Tod seines Sohnes Nic, der, gerade erst das Laufen gelernt, eines Nachts aus dem Fenster stürzte, als die beiden miteinander schliefen, noch die Trauer, der Schmerz, die Verzweiflung seiner Frau über den Verlust ihres Kindes, entlocken ihm Emotionen und Handlungen, die wir erwarten und als adäquat begreifen würden. Er, von Berufswegen Therapeut, versucht Sie (gespielt von Charlotte Gainsbourg) zu therapieren. Rät ihr ab, vom Arzt, der sie zu Beginn betreut. Niemandem außer sich selbst traut er Können zu. Er missachtet damit, dass er ein Patienten-Therapeuten-Verhältnis eingeht, das unter keinem guten Stern stehen kann, da er ihr Mann (also co-abhängig) ist, und zugleich auch Vater des Kindes, das starb. Angesichts des traumatischen Ereignisses bräuchte er selbst einen Therapeuten. Sie hingegen, die Trauer, Schmerz und Verzweiflung empfindet und durchleidet, lässt ihn gewähren, obwohl sie ihm Arroganz und Selbstüberschätzung vorwirft, gar Ignoranz und Nichtwahrnahme.

Wir erfahren, dass sie an einer Dissertation schrieb, die sich mit dem Gynozid beschäftigt, mit der Hexen- und Frauenverfolgung im Mittelalter, für die sie sich gemeinsam mit ihrem Sohn Nic in eine in einem Wald stehenden Hütte zurückgezogen hat. Eden nennt sie diesen Ort, der ihr, so können wir spekulieren, sicher einmal ein Idyll war, der nun aber mit Angst besetzt ist, wie der Wald selbst, der uns im Film gezeigt wird. Sie erfährt ihn als bedrohlich.

Die Natur ist Satans Kirche

: eröffnet sie ihrem Mann in der Hütte des Waldes, nachdem er auf dem Dachboden die Ausbeute ihrer Nachforschungen entdeckt hat. Er, der sie in den Wald brachte, um sie in diesem zu therapieren, da sie ihn / Eden als das, was ihr Angst macht, zunächst angab.

Der Boden brennt, äußert sie ihrem Mann gegenüber, als sie durch den Wald laufen. Der Boden brennt nicht, entgegnet er und zeigt damit, dass er auf sie und ihre Wahrnehmung kein bisschen eingeht. Nicht einmal als sie daraufhin einen ihrer Schuhe auszieht und ihm zeigt, dass ihre Fußsohle an mehreren Stellen wund und offen ist. Dieser kurze Dialog ist ein exemplarisches Beispiel für die vielen Dialoge, die die beiden miteinander führen. Sie versucht ihm etwas zu sagen, er aber geht über sie hinweg. Er erscheint als der Dominantere. Sie als die Sich-Fügende. Unter Trance, als sie noch in der Bahn, auf dem Weg nach Eden sind, erzählt sie ihm unter anderem von einem großem Baumstumpf, neben dem ein schmalerer, toter, nicht mehr blühender Baum steht. Eine Metapher, die für sie und ihn stehen kann. Den Einfluss, den er auf sie hat.

Jedoch erfahren wir auch sie nicht als adäquat reagierende und handelnde Person. Einzig in ihren Wut- und Verzweiflungsausbrüchen ihm gegenüber können wir sie verstehen, in jenen, in denen sie ihm einen Spiegel seiner Verhaltensweisen vorsetzt. Ansonsten wirkt sie depressiv und psychotisch. Ihr Sexus scheint das einzige zu sein, was ihren Mann in seiner rationalen Stoik außer Gefecht zu setzen vermag. In ihrer Verzweiflung, in der sie ihn sich gegen seinen Willen nimmt, erleben wir ihn als Unterlegenen, den es stante pede reut, schwach gewesen zu sein, da er sich von ihr als Patientin verführen ließ.

Das Kammerspiel der beiden wird zunehmend psychotischer. Die große Eiche, die, sobald es stürmisch wird, ihre unzähligen Eicheln auf das Dach der Hütte prasseln lässt, dient ihr als weitere Metapher für das Leben und das Bedrohliche der Natur. Es zeigt den Aufwand, den die Natur betreibt, um Leben weiterhin zu ermöglichen. Das viele Sterben, das dazu vonnöten ist. Das Schreien der fallenden Eicheln. Das Schreien und Weinen eines Kindes, dass sie hörte, als sie mit Nic einmal allein dort war. Ein Weinen, von dem sie dachte, es wäre das ihres Sohnes.

Neben dem Fund ihres Dissertationsgegenstandes (den vielen Bildern von Hexenverfolgung, -verbrennung und -folter), findet ihr Mann auch Fotos, die sie und Nic allein in Eden zeigen. Auf allen hat sie ihm seine Schuhe falsch herum angezogen, was der Autopsiebericht ihres Kindes bestätigt, in dem es heißt, dass die Knochen der beiden Füße anormale Verformungen aufweisen.

Sie gesteht ihrem Mann, dass sie durch ihre Arbeit an der Dissertation zu der Erkenntnis kommt, dass, wenn die Natur böse ist, wie sie sie wahrnimmt, die Frau, die sie als ein Wesen der Natur begreift, ebenso böse sein muss. Folglich ist auch sie, ihre eigene Natur böse (Was wir später in einer ihrer Handlungen, in der sie sich ihre Klitoris mit einer Schere abschneidet, bestätigt finden.). Eine Erkenntnis, die er (zurecht) rigoros ablehnt.

Wir ahnen, dass wir es hier mit einer Frau zu tun haben, die nicht erst seit Kurzem medizinisch-psychologische Hilfe nötig hat, deren Krankheit zwar im Verlauf durch die nicht intakte Beziehung, durch das Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Mann befeuert wird, jedoch darin nicht zwangsläufig ihren Ursprung hat. Wir erleben nur, wie sie mit ihrer Angst, ihren Zuständen allein gelassen wird. Doch auch für ihn gilt Gleiches. Denn auch er (der für die rationale Kälte der Gesellschaft steht) ist, wie schon erwähnt, nicht nur nicht angemessen in seinen Reaktionen und Handlungen, er ist auch abhängig von ihr. Beide, wie in einer Symbiose, brauchen sich, um sich mehr und mehr ins totale Off zu schrauben.

All ihre bisherigen Ausbrüche, die Selbstverletzung auf der Toilette, der depressive (teils auch manisch anmutende) Zustand, wie auch die ans Licht tretenden “Wahrheiten” über sie und Nic, wie auch ihre “Erkenntnisse” (die Sicht der Natur / ihre Selbstsicht) lassen ihn mehr oder weniger kalt. Selbst als sie nach dem gemeinsamen Akt mit einem Holzblock auf sein Genital einschlägt und ihm einen Schleifstein ans Bein schraubt, den sie mit Hilfe einer Eisenstange befestigt, die sie ihm zuvor durch sein Bein bohrt, bleibt er nüchtern und ohne jede Emotion. Allenfalls Angst können wir als Zuschauer aufgrund dessen ausmachen, dass er sich durch den Wald schleppt, um vor ihr zu fliehen. Denn kurz zuvor hatte er sie ja sogar noch in den Arm genommen, als sie es verlangte, und das obwohl er bereits massiv von ihr in beschriebener Weise malträtiert worden war. Erst als er es schafft, das Schleifrad loszuwerden, erwürgt er sie und verbrennt sie vor der Hütte auf einem Scheiterhaufen.

Den Wald verlassend sehen wir wieder schwarz-weiß, wie zu Beginn, als wir verfolgen konnten, wie Nic durch die Wohnung lief, während die beiden miteinander schliefen, auf den Tisch, das Fensterbrett krabbelte, 3 Zinnfiguren hinunterwarf und zum Fenster hinausfiel. 3 Figuren, die Pain, Grief und Despair heißen, die für die 3 Bettler stehen, von denen sie uns später berichtet, denen er in der Gestalt dreier Tiere im Wald nacheinander begegnet: die Ricke, mit dem totgeborenen Kitz (Grief), dem Fuchs, der sich selbst zerfleischt, der sagt: Chaos regiert. (Pain), die Krähe, die von ihm getötet wird, da sie ihn im Fuchsbau durch ihre Schreie verrät (Despair), die sich ihm nach dem Tod seiner Frau als Sternbilder am Nachthimmel zeigen.

Wir erfahren, dass sie Nic sehen konnte. Erinnern uns, dass auch das Babyphon zu Beginn des Film stumm geschalten war. Wir sehen ihn durch den Wald laufen, einen Hang hinunterschauen, den unzählig viele Frauen hinaufsteigen, als wären sie von ihm befreite. All jene Frauen, denen man im Laufe der Menschheitsgeschichte Gewalt antat, Frauen, die der Hexerei bezichtigt, gefoltert und getötet wurden. Denn: wir erinnern uns, er, der seine Frau dem Feuer übergab, war nicht wie sie davon überzeugt, die Natur der Frau sei böse. Wir sehen ihn, sein zufriedenes Lächeln am Ende bestätigt es, sich als Erlöser wahrnehmend. Als einen, der diesen Wald vom vermeintlich “Bösen” entbunden hat. Als wäre er der Widersacher des Teufels. Wir sehen die Perversion unserer heutigen Zeit, das kalte, nüchterne Maß der Dinge, das den Menschen sterben lässt.

Lars von Triers Antichrist ist sicher keine leichte Kost, zugegeben, aber es ist falsch, diesen Film mit Hohn und Spott zu überziehen, ihn als frauenfeindlichen, nur die Sündenmythologie wieder auflodern lassenden zu brandmarken. Lese ich all die Diskussionen und Artikel, die sich mit ihm beschäftigen, darf ich mich nur wundern. Ich halte ihn für ein Meisterwerk.

Umberto Eco: Das Foucaultsche Pendel

Umberto Eco war mit seinem „Foucaultschen Pendel“ nicht imstande, den unfassbaren Erfolg seines Debüts, „Der Name der Rose“ zu wiederholen, was kaum verwunderlich ist, schließlich wurden von diesem Buch seinerzeit 50 Millionen Exemplare verkauft, eine ungeheuerliche Summe. Das Buch wurde verfilmt, bekam sein Videospiel und drei Brettspiele obendrein, ganz zu schweigen von Baseball-Kappen, Kaffeetassen und einer Ecke im europäischen Disney-Park. Das Foucaultsche Pendel bekam nicht einmal ein lausiges T-Shirt, dabei ist es nicht weniger brillant inszeniert wie sein Vorgänger, enthält dabei jedoch mehr historischen Prunk und philosophische Spekulationen. Und da sind wir beim Kern: das Buch ist so gut, dass es für den Massengeschmack untauglich ist. Wie beim Namen der Rose geht es in diesem Roman um Bücher und die Schwierigkeiten, die sie verursachen können.

Ecos drei Protagonisten arbeiten in der Verlagsbranche, wo ihre Bemühungen hauptsächlich auf trashigen Büchern mit verrückten okkulten Spekulationen und Verschwörungstheorien basieren. Sie empfinden nichts anderes als Verachtung für die Autoren dieser Werke, aber aus reiner Langeweile beginnen sie, ihre eigene halbgare Verschwörungstheorie zu konstruieren.

Dr. Causabon, ein Spezialist für die Tempelritter, die während der Kreuzzüge ihre große Zeit hatten, aber zu Beginn des 14. Jahrhunderts brutal ausgelöscht wurden, ist dabei die treibende Kraft.

Die meisten historischen Berichte gehen davon aus, dass die Templer nach der Hinrichtung des Großmeisters des Ordens, Jacques de Molay, der am 18. März 1314 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, nicht mehr existierten. Aber alternative Theorien deuten auf das Überleben der Templer hin, sogar bis in die Neuzeit, vielleicht unter dem Deckmantel der Freimaurerei oder einer anderen Organisation.

Causabon ist ein Gelehrter mit wenig Sympathie für die Mystiker und Spinner, die von solchen Dingen besessen sind – zumindest anfangs. Aber er findet sich bald selbst in ihren Reihen wieder. Auf halbem Weg durch das Buch beginnt er, sich selbst als eine Art intellektueller Sam Spade zu sehen. Er mietet sogar ein Büro, das einem Raymond Chandler-Roman oder Film Noir-Thriller ähnelt. Doch sein glamouröses Streben, ein Bogart mit einem Doktortitel zu sein, ist nur eine weitere Etappe auf einer Abwärtsspirale hin zu einem Verlust der intellektuellen Integrität und einer unglaublichen Leichtgläubigkeit. Mit der Zeit ist Causabon derjenige, der Spezialisten in ihren eigenen Büros aufsuchen muss … um herauszufinden, ob er nun endgültig den Verstand verloren hat.

Ein Leser, der sich mit dem Hintergrund des Autors Eco, der durch Semiotik und Literaturtheorie geprägt ist, auskennt, fragt sich, ob er nur Spaß macht – oder es vielleicht sogar auf einen heftigen epistemologischen Angriff auf die Dekonstrukteure und Kritiker, die in den letzten Jahrzehnten die Geisteswissenschaften übernommen haben, abgesehen hat. Nein, der Foucault im Titel des Romans ist nicht Michel Foucault, sondern der Physiker Léon Foucault aus dem 19. Jahrhundert, aber die Theoretikerinnen und Theoretiker der Postmoderne werden hier implizit zur Rede gestellt. Eco baut ausgefeilte Deutungsstrukturen auf, nur um sie zum Einsturz zu bringen, während das Reale und Greifbare letztendlich seinen Vorrang vor dem bloßen Begrifflichen offenbart. Eine etwas merkwürdige Wendung für einen Intellektuellen und Professor, der mit postmodernen Tendenzen eng verbunden ist und erst viel später zu einem Schriftsteller wurde (was Eco einmal mit der lapidaren Aussage: „Ich hatte Lust, einen Mönch zu töten“ erklärte).

Für einen Roman, der primär auf der Ebene von Vermutungen und Hypothesen operiert, findet Eco doch Möglichkeiten, genügend Elemente traditioneller Mysterien- und Abenteuergeschichten zu integrieren, um seine Leser tief in den Prozess einzubinden. Causabon und sein Verlagskollege Jacopo Belbo werden von einem Schriftsteller besucht, der unter dem Namen Oberst Ardenti eine phantasievolle Geschichte über ein verschlüsseltes Dokument erzählt, das der Oberst zu sichern und zu entschlüsseln vermochte. Die daraus resultierende Botschaft liefert eine Roadmap für ein großes Geheimnis, das einer Gruppe von überlebenden und im Untergrund operierenden Templern über einen Zeitraum von Hunderten von Jahren offenbart wurde und im 20. Jahrhundert seine Erfüllung finden sollte. Diese Geschichte, die leicht für die Ausgeburt eines Wahnsinnigen abgetan werden könnte, nimmt eine gewisse Glaubwürdigkeit an, als bald darauf die Polizei auftaucht und berichtet, dass Ardenti offensichtlich nach dem Treffen im Verlag in seinem Hotel ermordet wurde, und – noch rätselhafter – die Leiche verschwand, bevor die Behörden eintrafen.

Wir befinden uns jetzt auf dem Feld der spekulativen Literatur, die bei uns gerne als trivial angesehen wird, und Eco zögert noch, dieses Spiel zu spielen, signalisiert von Anfang an, dass er es dem Gelegenheitsleser nicht zu leicht machen wird. Schon in den ersten fünfzehn Seiten stützt er sich auf ein geheimnisvolles Vokabular (Hydrargyrum, Demiurgen, Proglottiden, Ogiven, Plerom etc.).

Das Buch ist allerdings zu keinem Zeitpunkt als zäh zu betrachten, obwohl Eco mit einer stupenden Bildung aufwartet. Im Verlauf dieses Romans darf der Leser ein Candomblé-Ritual in Brasilien verfolgen, durch die Kanalisation von Paris reisen und erhält eine fundierte Ausbildung über 700 Jahre finsterer Machenschaften von Geheimgesellschaften. Eco schreibt auch eine zweite Handlung in dieses arkane Spektakel hinein, die sich auf die Entscheidungen zwischen Heldentum und Feigheit konzentriert, mit dem einige Dorfbewohner in Italien in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu tun hatten. Sollte das Foucaults Pendel jemals zu einem Film werden, wird man dieses ganze Zwischenspiel wahrscheinlich auslassen. Aber der Leser täte gut daran, genau hinzuschauen, denn der fast aristotelische Fokus auf Auswahl, Verantwortung und einfache Tugenden ist keine zufällige Ergänzung des Romans, sondern eine klare Aussage des Autors über die Alternative zum dekonstruktiven, quasi-akademischen Innenfokus des Restes der Erzählung.

Umgekehrt kommt es zu einer der aufschlussreichsten Versatzstücke in dieser Geschichte, als Causabons Freundin die große Verschwörungstheorie entlarvt. Nach ein wenig Recherche präsentiert sie einen überzeugenden Fall, dass das geheime Templerdokument, mit dem alles begann, in Wiirklichkeit nur eine Einkaufsliste ist. Natürlich kann eine solche beiläufige Interpretation in einem Roman voller Intrigen und Abenteuern auf gar keinen Fall zugelassen werden, und unsere obsessiven Okkultisten und Verschwörungstheoretiker werden sich weigern, das zu akzeptieren. Dem Leser steht es frei, dies ebenfalls zu tun. Aber Umberto Eco ist kein gewöhnlicher Romanschriftsteller, und hätte er das tatsächlich so beabsichtigt, dann wäre es so, als würde er eine der großartigsten und kompliziertesten Handlungsstränge der modernen Literatur konstruieren, um dann genauso hart daran zu arbeiten, sie zu untergraben.