In geisterhafter Isolation

Ich schaute nach innen und sah nichts als Phantome, aufgewühlte Erscheinungen, die Verderbnis um meine Seele schnürten. Ich hatte nichts dagegen, denn ich war der ungeschickten Menschheit und ihrer ungehobelten Welt gegenüber müde geworden, wo sie in freudigem Wahn unter einer verlöschenden Sonne tanzten. Ich fühlte nichts als Verachtung für ihre geistlose Ausgelassenheit, mit der sie meine Unzufriedenheit schalten. Ich fühlte mich einzig mit meinen Phantomen verbunden, die um mein Herz herum kreisten und diesem Organ ein tödliches Klopfen beibrachten. Folglich ruhe ich hier, in dieser einsamen und flachen Vertiefung in der Erde, weit entfernt von den Langweilern und ihren Halluzinationen der Freude, ihrem Gekreische armseliger Euphorie, die leuchtenden Augen voller strahlender Dummheit. Ich sank tiefer in die verständige Erde und in ihre diskrete Umarmung, schloss meine Augen vor einem blassen irdischen Licht, um nach innen zu blicken, wo meine Phantome sich in Aufruhr befanden; und ich sah nicht weg, als sie mich mit ihren besorgten Pfoten berührten und mir dabei halfen, mit ihrem Tanz und seinem unirdischen Rhythmus zu verschmelzen, wobei mein sterbliches Herz eine weitere Verlangsamung erfuhr, ein älteres Klopfen, das hinter meinen Augen pulsierte und sie lehrte, sich ein verschleiertes Reich vorzustellen, in dem die Träume krank gewachsen sind. Diese Krankheit, die zum Tode führt, zersetzte mich, und als Phantomteilchen schwebte ich aufwärts in Richtung des nächtlichen Abgrunds; und dann setzte ich mich wieder zusammen und meine Füße fanden sicheren Halt auf der soliden Oberfläche der Friedhofsmauer, auf der ich durch die Nebel der kargen Dämmerung ging, und durch einen dünnen Nebelschleier erblickte ich einen Dämonenstern mit einem Namen, den ich einst kannte, der aber nun vergessen ist – deshalb konnte ich ihn nicht anrufen. “In geisterhafter Isolation” weiterlesen

Gertrude Atherton: Der Strid

Anmerkung des Übersetzers: The Strid ist ein echter Ort in Yorkshire und der Namensgeber der Geschichte von 1896. In der Nähe von Bolton Abbey bezeichnet er eine der Kreuzungspunkte des Flusses Wharfe. Athertons Inspiration für die Geschichte stammt von den zahlreichen Todesfällen, die sich am Strid ereignet haben, einem schmalen Abschnitt des Flusses, der aus Stromschnellen, Wasserfällen, Unterwasserfelsen, tiefen Wasserfällen im Flussbett und plötzlichen Untertrömungen besteht. Es ist einer der tödlichsten Flussabschnitte der Welt, mit einer fast 100%igen Todesrate für diejenigen, die hineinfallen.

 

Weigall, ein provinzieller und distanzierter Zeitgenosse, war früh schon der Moorhuhnjagd überdrüssig. Es kam ihm vor wie eine Parodie auf die Vorfahren, die in den Mooren und Wäldern des West Riding of Yorkshire auf der eifrigen Jagd nach Wild, das es sich zu erlegen lohnte, umhergestreift waren, wenn man sich hinter einen Lattenzaun zu stellen hatte, während die Männer seines Gastgebers die Vögel mit langen Stangen in Richtung der Gewehre trieben. Doch wenn er sich im August in England aufhielt, akzeptierte er gerne, was für die Saison geboten war und schlug seinem Gastgeber vor, doch einmal Fasane in seinen Ländereien im Süden zu schießen. Er war der Auffassung, dass die Vergnügungen des Lebens mit der gleichen Philosophie akzeptiert werden sollten wie seine Übel. “Gertrude Atherton: Der Strid” weiterlesen

Octavio Paz

Der mexikanische Autor Octavio Paz genoss weltweit einen Ruf als Meisterpoet und Essayist. Obwohl Mexiko in Paz’ bekanntestem Buch “Das Labyrinth der Einsamkeit” eine wichtige Rolle spielt, ist sein Werk in Wirklichkeit international. Der berühmte Kritiker Manuel Duran war der Auffassung, dass Paz’ Erforschung der mexikanischen Existenzwerte es ihm erlaubt, eine Tür zum Verständnis anderer Länder und Kulturen zu öffnen und damit Leser unterschiedlicher Herkunft anspricht. “Was als eine langsame, fast mikroskopische Untersuchung des Selbst und einer einzigen kulturellen Tradition begann, weitete sich unerwartet aus”, so Duran weiter, “und wurde universell, ohne seine Einzigartigkeit zu opfern”. Paz gewann 1990 den Nobelpreis und starb acht Jahre später im Alter von 84 Jahren. Sein Tod wurde als das Ende einer Ära für Mexiko betrauert. In einem Nachruf heißt es: “Paz’ literarische Karriere half, die moderne Poesie und die mexikanische Persönlichkeit zu definieren.”

Paz wurde 1914 in der Nähe von Mexiko-Stadt in eine prominente Familie mit Verbindungen zur politischen, kulturellen und militärischen Elite Mexikos geboren. Sein Vater diente als Assistent Emiliano Zapatas, dem Führer einer Volksrevolution im Jahr 1911. Viele Zapatisten wurden ins Exil gezwungen, als ihr Führer einige Jahre später ermordet wurde, und die Familie Paz zog für eine Zeit lang nach Los Angeles, Kalifornien. Zurück in Mexico City verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation der Familie, aber als Teenager hatte Paz zunehmend mit seinem Gedichten und Kurzgeschichten Erfolg in lokalen Publikationen. Sein erster Gedichtband, Luna silvestre, erschien 1933. Während seines Jurastudiums zog es Paz jedoch in die linke Politik. Als er einige seiner Werke an den berühmten chilenischen Dichter Pablo Neruda schickte, gab der Senior-Schriftsteller eine positive Kritik ab und ermutigte Paz, an einem Kongress linksdenkender Schriftsteller in Spanien teilzunehmen. “Octavio Paz” weiterlesen

Angela Carter: Schwarze Venus

Traurig; so traurig die rosig-rauchigen, mauve-rauchigen Abende im Spätherbst, traurig genug, um einem das Herz zu brechen. Die Sonne verläßt den Himmel in Leichentüchern von bunten Wolken; die Qual erobert die Stadt, ein Gefühl bitterster Reue, eine Sehnsucht nach nie Gekanntem, die Qual des endenden Jahres, der untröstlichen Zeit. Im Amerika nennt man den Herbst the fall, was an den Fall Adams denken läßt, als müßte das fatale Drama des urzeitlichen Obstdiebstahles wiederkehren und immer wiederkehren, in regelmäßigem Zyklus, zu einer Jahreszeit, wo die Schuljungen die Obstgärten plündern, damit im alltäglichen Bilde ein Kind, irgendeines, jedes, sichtbar wird, das vor der Wahl zwischen Tugend und Erkenntnis immer die Erkenntnis wählt, immer den schweren Weg. Obwohl sie die Bedeutung des Wortes “Reue” nicht kennt, seufzt die Frau auf, ohne besonderen Grund.

Weiche Nebelwirbel dringen in die Gasse ein, steigen wie der Atem eines erschöpften Geistes aus dem trägen Fluß auf, sickern durch die Ritzen der Fensterrahmen, daß die Umrisse ihrer hohen, einsamen Wohnung wanken und verschwimmen. An solchen Abenden sieht man alles so, als wollten einem die Augen gleich mit Tränen übergehen.

Angela Carters dritte Sammlung erschien bei uns im Jahre 1990, fünfzehn Jahre später als das Original. “Angela Carter: Schwarze Venus” weiterlesen

Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher

Patricia Highsmith bewegt sich ziemlich sicher in ihren psychologischen Kabinettstückchen (und natürlich auch innerhalb des kriminalistischen Dramas, das hier keine allzu große Rolle spielt), und obwohl ihre Sprache präzise ist, ist sie nicht gerade lyrisch. Sie berichtet, anstatt zu beschreiben, und sie kommt fast ohne Metaphorik auf Satzebene aus. Würden ihre Figuren nicht in einem konstanten psychologischen Extrem agieren, könnte man sie als flach bezeichnen.

Und diese Figuren sind wahrlich schwer, wenn nicht unmöglich zu mögen. Graham Greene nennt die Autorin in seinem Vorwort “die Schriftstellerin der Beklemmung”; studiert man diese Geschichten näher, erkennt man sie als ein Beispiel dafür, wie die weniger angenehmen menschlichen Eigenschaften – wie der Impuls zur Grausamkeit – wichtige Verbindungspunkte zwischen der Figur und dem Leser sein können. Das ist zwar keine tiefgründige Beobachtung, aber ihre unsicheren, beleidigenden, affektierten, unbequemen, elenden, ängstlichen, grausamen Charaktere kommen nie über diese Eigenschaften hinaus. Sie haben Erfolg oder auch nicht, meist beim Töten oder getötet werden, aber sie entwickeln sich durch ihre Erlebnisse nicht. Highsmiths Kurzgeschichten trotzen James Joyces Erwartung an die Erleuchtung:  Die Menschen verhalten sich schlecht und es kommt nicht zu einer Veränderung ihres Charakters. Keine Verschiebungen in der Wahrnehmung, keine Wunder der Gnade. Man könnte sagen, dass für Highsmith die Veränderung des Charakters in der Regel auf eine Erhöhung der eingefassten Fähigkeit hinausläuft. So wie etwa ein Gefängnisaufenthalt eher zu einer fortgeschrittenen kriminellen Ausbildung führt als zu einer Rehabilitation. “Patricia Highsmith: Der Schneckenforscher” weiterlesen

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand: “Die Herberge” weiterlesen

Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche

Cocktail für eine Leiche ist einer der mutigsten Filme, die Alfred Hitchcock je drehte. Hier verwandelt der Meister des “Suspense” ein kleines Spannungsstück in einen ganzen Spielfilm, und zeigt uns die Kehrseite der Thriller, mit denen er sich einen Namen machte. Mord wickelt sich in vielen Filmen mehr über das Motiv als über die Konsequenz ab. Die bösen Jungs planen ihr Verbrechen und sind viel Interessanter, bevor sie ihre Tat bereuen. Cocktail für eine Leiche verwirft diese Formel, lehnt sich an eine wirkliche (und besonders kaltherzige) Geschichte an und macht sich über deren Nachwirkung lustig.

Der Film ist der dunkle Schatten von Das Fenster zum Hof, den Hitchcock sechs Jahre später drehen sollte. Auch hier sehen wir James Steward in der Hauptrolle und auch hier spielt sich die Handlung in einem kleinen städtischen Apartment ab. In diesem späteren Film ist unser (und Stewards) Voyeurismus moralisch gerechtfertigt. Wir glauben, einen Mord beobachtet zu haben, sind uns dessen aber nicht sicher. Die einzige Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden, ruht in der weiteren Beobachtung der Szenerie. In Cocktail für eine Leiche wissen wir ganz genau, welchem kranken Geschehen wir da zusehen, die einzige Frage ist, wie lange wir es aushalten.

Es beginnt mit einem Mord und endet mit einem Pistolenschuss, der die Polizei auf den Plan ruft. Was dazwischen geschieht, wird in fast quälender Echtzeit gezeigt. “Alfred Hitchcock: Cocktail für eine Leiche” weiterlesen

Die nackten Ufer des Strandes

An den nackten Ufern, festgestampfter Sand und nass, stehe ich und rufe dich: Komm!
Du willst ankern, aber nirgendwo ist das Land fest genug, nirgendwo ist die Zeit stabil, eine Lücke, wo wir stehen. Fische erhüpfen sich kristallene Insekten, die Wasseroberfläche kocht. Ein Huhn ohne Kopf, vom Hunger der Menschen gerichtet, flappt gegen die Sonne, eine Mücke im Licht. Der Wille ist ein letztes Aufbäumen, der Kopf auf dem Hackstock döst. Ein Huhn, ein Ikarus, ein Sonnenstrahl. Der Kopf liegt auf dem Hackstock und döst, aber sein Körper flattert nach Süden, fällt über einer Holzwippe zu Boden. Sie zieht ihre karierten Strümpfe über ihre weiße Haut, trägt nichts mehr außer ihrem Flaum, der sich im Wind, der das Huhn noch einige Meter durch die Lüfte wirft, aufrichtet. Angelruten stecken fest in der Erde. Komm! Mit dem Blut werden wir uns reinigen von der Reise, die hier endet. Ich halte die Axt, die uns stützen wird.

Bei Dichters

(c) bei Dichters

M: Liebholdeste, würde es dir etwas Unmögliches bedeuten, mir Hinweise darauf zu geben, wo ich meine Schtrumfhose hingetan habe? Du weißt, meine Nächte. Du weißt, meine Tage …

A: War es nicht meine Bubenblaue, die du dir tagein tagaus, zum Memorieren von Weite, über deine Puttenbeine streiftest? An der du zogst und zupftest, bis sie dir wie ein zweites Schlangenhäutlein passte?

M: Es war doch eher die Violettisierte, die sich manchmal wie von selbst durch unsere Kemenate bewegt, als wären tausend Geister drin, die über den Rücken dann, nachdem sie das Ärschelein passiert, ins Stammhirn vordringen. Ja, ich bin mir sicher: diese war’s!

A: Ach … so war das! Du hast wieder zu tief in meine Schublade geschaut, dich vom Spuk der Stöffchen bezirzen lassen. Da siehst du’s! Software is tight. Wahrscheinlich waren’s deine Blutgeister. Die heilig sanguinischen, die dir durch die Kompression deiner Venen, beschleunigt ins Stammhirn schossen, um dort ihr Unwesen zu treiben. Denn ziehst du über deine Blaustrümpfigkeit eine Rote, ergibt das ein violettes Unterleibstreiben.

M: Schnuckel=Bunny, deine Weisheit treibt mir von dir hergeleitete Farbe ins Gesicht, das sich gar nicht aufhellen will, wenn ich weiterhin hier über den Fußboden schnorchle, weiterhin nicht weiß, wo ich noch suchen soll, denn alle Staubwinkel, Maikäferschubladen, Wurzelschränke habe ich schon durchforstet, aber außer viel Tinte nichts gefunden, das meine Nacktheit adäquat vor den Augen der Ungeheuerlichen verdeckt.

A: Soso, mein Puttchen! Du seelstrippst, schnorchelst durch den Lyrenteppich der Muse, die dich küsst, durchmisst bei Tag das Licht der Sonne im Raum, durchmisst das der Mondin bei Nacht, forderst von Panoptes deinen Pfauentanz zu erblicken. Du ergießt dich in diese und jene Ecke unserer Kemenate, bis du nicht mehr weißt, wohin du noch spritzsprießen sollst. Und wunderst dich, dass nun in unserem Gemach so viele Augäpfel schweben? Du kannst dir all meine Stöffchen, Gewänder und Kleider zu deinem Pelz werden lassen. Doch bleibst du den Ungeheuern, die du riefst, immer nackt. Los, trau dich und pfaue! Darin bist du mir bloß und liebend.

Ich bin die Nacht – 2 –

Die Siedlung war bereits auf den Beinen, man brühte sich Kaffee, der samt und sonders aus dem Tante-Emma-Laden der Familie Burges aus Kaiserhammer stammte, man schüttelte die Nacht wie einen Anzug aus, der noch eine Weile halten sollte. Wie die Stämme Nordamerikas den Büffelherden, so folgten sie hier den Fabriken, und hier waren sie nun alle gelandet. Früher waren es die großen Hammerwerke, die alle in Brot und Lohn brachten, die Glas- und Pechhütten, heute hieß die Zauberformel Kunststoff und Granit.

Freudig stürzten sich übermütige Vögel durch die Fliegenwolken, die große Löcher in den Himmel rissen. Nur die Aura irritierte die gefiederten Jäger etwas, so als wäre hier mit dem Magnetismus etwas nicht in Ordnung, so als kündigte sich ein Beben an. Der Hunger aber war stärker. Noch war er das.

Das jüngste Kind der Finners schielte durch seine Brille und watete durch den Schlick der Reifenspuren. Richard Finner glaubte nicht, dass er sein Vater war, was ihn kaum weiter störte, die beiden Mädchen waren ja ebenfalls nicht von ihm. Patchwork, das wird man später dazu sagen, aber noch waren sie dem Sprachgebrauch nach ein Haufen Zigeuner. Weil die Not auch eine Tugend hat, prahlte Richard mit seinem Nomadenleben, wo immer er konnte. Von wo sie wirklich abstammten, wusste er nicht, er betonte nur immer wieder, dass er unter einem Kettenkarussell zur Welt gekommen war und deshalb oft von herumwirbelnden Sesseln träumte, zumindest wenn er viel intus hatte. Dass er seinen Beruf mit Schiffsschaukelbremser angab, tat sein Übriges. Um seine Frau hatte er sich einst geprügelt, sie war der Gewinn eines Kampfes gewesen, der auf einem Schrottplatz stattgefunden hatte. An Ort und stelle wurden sie von einem Pastor getraut, der normalerweise nur Hundekämpfen beiwohnte und ansonsten Ford-Motoren segnete. Für eine Kiste Bier riss er sich jedoch zusammen und brachte sogar eine anständige Litanei zustande.

Wie ein Zirkusensemble waren sie einst hier aufgeschlagen. Grummeln, Brummeln, wie die Vorhut einer Invasion, stark motorisiert, drauf und dran, die Felder, die Äcker (die ganze Landschaft) im Flug zu nehmen. Dabei handelte es sich bei den brechenden Echos, die zwischen den Gebäuden und den heruntergekommenen Betriebswohnungen kein Reißaus fanden, um die Laute eines Ford Transit, der die Einfahrt hinauf durch den Staub marschierte; knatternd töffte und meckerte der nur von einem Draht festgehaltene Auspuff, die Lichtmaschine, die am helllichten Tage sämtliche Scheinwerfer auforgeln ließ, eben auch jene vier, die sich auf dem Dach befanden, ratterte, als müsse vor dem Blechmonstrum Nebel zerfetzt werden, um die Spur zu halten.

»Ich denke, das ist es«, sagte jemand, aber niemand stieg aus. Der Motor hörte auf zu prasseln und die Lichter hörten auf, mit der Sonne zu flirten, die heute garantiert 33° abarbeitete.

»Aber das hier ist nicht unten, unten ist auf der anderen Seite, das hier ist oben. So hat’s geheißen: unten; erst rauf, dann runter, unten ist der Eingang.«

»Halt lieber die Fresse! Halt lieber deine Fresse!«

Erneut begann der Höllenlärm aufzubranden, der Bus stotterte rückwärts und warf Kieselsteine nach vorne. In der Zwischenzeit nahm Bernhardt Langer seine Pfeife, führte sie durch den grauen Wald, der seinen Mund wie ein mystisches Gewässer umgab, zur Lippenmuskulatur und verließ seine Werkstatt, weil er durch die halbblinden Scheiben erkennen konnte, dass dem Wendemanöver im Hof nur in geringem Maße zu trauen war.

Der Auspuff des Ford und die Pfeife des Erfinders verständigten sich durch Rauchwölkchen, hatten angebandelt und mussten doch wieder auseinandergehen, als nämlich der Bus die akkurate Einfahrt rechts neben dem Wohnhaus doch noch fand und in kleinen Schritten auf den Sumpf zufuhr. Er sah, wie der Transit im Morast steckenblieb, den die letzte Überschwemmung hier angelegt hatte, und beobachtete weiter, wie ein hagerer Kerl mit mächtigem Schnauzbart, eine Frau, deren Oberarme sich weiß und lasch zur Erde neigten, zwei gleich große Mädchen, die an ihren Lippen sogen, und zwei unterschiedlich alte Jungen ausstiegen, der eine strohblond und klein, der andere gebeugt wie ein Fragezeichen und ebenso dürr wie sein vermeintlicher Vater, nachgerade in sich kauernd. Die Haustür fanden sie unverschlossen vor, der Schlüssel steckte, aber das konnte Langer nicht mehr sehen, und so zog diese Tatsache nur als eine nicht wahrgenommene Vermutung an ihm vorbei. Kein Mensch machte sich hier draußen die Mühe, jemanden zu empfangen. Während sie also ein paar Taschen aus dem Bus hievten, versank der langsam im Schlamm, die Räder waren schon kaum mehr zu sehen. Langer kehrte dorthin zurück, wo es nach Polyesterharz, Epoxidharz und Glasfilamentgewebe roch, weil er frische Luft ohnehin nicht lange ertrug.