Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: spuk

Das Spukhaus

Seit der Antike bereichern Geisterhäuser unsere Vorstellungskraft: knarrende Treppen, zuschlagende Türen, flüsternde Stimmen, raschelnde Geräusche, zerbrechende Vasen, gurgelndes Pfeifen, klopfende Zweige am Fenster, huschende schwarze Katzen, klagende Hunde sausen schon ziemlich lange durch die Gänge unserer kollektiv erträumten Behausungen. In jedem Kulturkreis erzählt man sich Geschichten darüber, denn selbst, wenn wir uns zuhause und in Sicherheit wähnen, erkennen wir tief in uns an, dass es dort Dinge geben könnte, die nach uns greifen.

Spukhäuser stellen einen faszinierenden psychologischen Raum dar und erschrecken uns aus sehr ursprünglichen und tief verwurzelten Gründen. Auf einer Ebene verkörpern sie Freuds Konzept des “Unheimlichen”, in dem ein solcher Raum “seinen Terror nicht von etwas Fremdem oder Unbekanntem ableitet, sondern – im Gegenteil – von etwas Fremdem, das unsere Bemühungen, sich von ihm zu trennen, vereitelt”.

weiterlesen

Dort beim Hexenkraut

 

… unter meinem Bild, unter deinem Bild – denn ich habe dir das Bild erzählt – liegt die Farbe, herausgelaufen aus dem Rahmen, der nicht mehr faßt, was in ihm hin und her schwappte, vor der Zeit den Pinsel tränkte, der dann nur noch aufgenommen werden –

der Pinsel, der dann, von Fingern aufgerappelt, über die Gebirgszüge fährt, Stufen und Gefälle einfügt und Lücken hinterläßt, Lücken wie diese.

Die Pinsel sind Lehm.

Die Pinsel sind Lehm.

Einst kannte ich mein Gesicht, nicht aber seinen Umfang, ich kannte auch die Farbe meiner Augen, insofern sei gesagt, daß ich durchaus einmal daran glaubte, die Welt sei erschaffen und sie beträte mich durch meine Poren, doch –

Gerüchte ziehen durch das Land. Bodennah kriecht der feuchte Dunst, der von den Zungen platscht, über die Felder, und damit verderben sie dem Morgen die Sonne. Die Waldlaubsänger sib-sirren in den frisch mit Tau bezogenen Baumbetten mit dem Zwielicht um die Wette, flappen um ihre Koje herum, bringen ihre Hymnen den Würmern dar, den großen Ernährern, die aus der Erde ragen, dem Humus, dem Sand.

Do lunch or be lunch.

Eine Stunde vor Sonnenaufgang tragen die Arien der Rotkehlchen weit, aber erst als um 5 Uhr 40 die Stare erwachen, spottet dieses Opernhaus mit seinem tiefblau beginnenden Himmel allen menschlichen Tuns.

Was durch die Lüfte zieht, sich regt, verweht, wird Geschichte werden, die Worte faulender Gestank, der, langsamer als die Federvagabunden, den Wind findet, alles in seiner Reichweite vertreibt, was nicht mehr zur Nacht gehören will. Traumtentakel ziehen sich in die Büsche zurück, hinterlassen nur unangenehm nässende Spuren, ein Ektoplasma, zusammengefallen durch das tägliche Vergessen. Der Morgen beginnt sein Ritual, badet sich in den explodierenden Farben.

In dieser Zeit, einer Zeit, an die wir jetzt denken, tritt Nebel aus der Erde, steht auf dem Land herum und wartet auf die endgültige Pracht der Sonne, die zwar schon ihre leuchtenden Arme über den Kohlwald ausstreckt, aber noch nicht in das Herz der Nebelbank hinein greift. Geisterhaft keckern die Stimmen der Kinder von der groben Steinbrücke, brechen sich an den Gebäuden entlang der Schlossstraße und kehren lallend zurück.

Achtet auf den Widder!

Die Eger gurgelt in ihrem dunklen Flussbett, im Nebel schwanken Gliedmaßen, auf der Wiese stehen Schatten. Es sind die Schafe, die schüchtern Gras rupfen vor der hölzernen Wand, hinter der sie ihr Nachtlager wissen. Die Tore sind seit den frühen Morgenstunden geschlossen.

Achtet auf den Widder!

Wollköpfe schnellen lauschend in die Höhe, schwarze Münder blöken. Die Kinderschar lacht, löst sich auf wie eine weitere gespenstische Erscheinung. Die Steinbrücke ist wieder leer. Als sich der Nebel verzogen hat, steht das Dorf wie ein beginnender Tagtraum still und wartend an seinem Platz. Trügerisch. Denn die Geisterkinder könnten jederzeit wiederkehren. Ich glaube, dass wir uns selbst dort lachen hörten, nur sprachen wir nie darüber. Einer dieser Augenblicke, als wir über die Steinbrücke der Eger tollten, musste einen Abdruck hinterlassen haben, der sich dann zu einem Spuk manifestierte. Wir hatten alle unser altes Leben gelassen, wo es war, nur erinnerte sich niemand mehr daran. Nur eine unbedeutende Turbulenz in Zeit und Raum, die uns selbst für alles andere sensibilisierte. Die Steine nämlich vergessen nichts. Ihre Erinnerungen fließen langsam wie ihre ganze mineralische Existenz. Geduld macht sie unsterblich. Wenn der Dunst an ihnen reibt, erklären sie sich bereit, flüchtige ikonische Gedanken abzusondern. Sie sind die Archivare der Zeit. Und manchmal lassen sie ein geflüstertes Wort entkommen, noch öfter aber ein schallendes Echo, dem man besser nicht folgt. Keine Heiterkeit findet sich dort, wo es endet.

Wie täuscht uns das Leben, wenn neben der strauchigen süßen Himbeere der Kadaver eines Eichhörnchens liegt, wenn schnurrend die Katze im Stroh auf ihren Mäuseleichen thront. Wie täuscht uns das Leben, weil wir uns gerne täuschen lassen. Vergessen ist der große Sturm des letzten Winters, der doch so viel von der Ruhe der Ansässigen gefressen hat. Wenn sie sich daran erinnern, tun sie das mit einem Schaudern. Gerüchte werden zu beglaubigten Geschichten, die mit eigenen sonderbaren Erfahrungen ausgeschmückt den Abend retten können; und Sonderbares hat hier jeder schon erlebt.

Hier ist alles waldphantastisch eingbrünnt. Kaiserhammer ist das Zentrum eines alten Jagdsterns, bei dem im Verlauf mehrerer Tage das Wild dem auf freier Fläche aufgebauten Laufft zugetrieben und mit neu gespannten Netzen und Feuern am Entweichen gehindert wurde. Beim abschließenden Abjagen wurde das Wild in den Laufft hinein getrieben, in dessen Mitte die fürstliche Jagdgesellschaft auf ihre Beute wartete.

Von den Baumheeren geht keine Gefahr aus, wohl aber von dem, was zwischen den Schatten geht. Ein Reh, aus baldiger Nacht verirrt, mit Durst im braunen Fell, will den Tau von Halmen lecken und sieht sich – schon erschossen – um. Das Blei zerfetzt den schönen Athletenhals und wirbelt warmes Blut auf die erlahmten Wimpern. Unter den Schuhen des nahenden Jägers wird es finster und nass und schwer und klamm. Der Herbst hält seinen Atem an, kurz bleibt die Stille haften, bleibt verlockend tot.

Sefchen, altes, geiles, rotes, dreckiges Sefchen; tanz du doch noch einmal um den Galgenbaum, tanz du doch noch einmal den Staub auf, Gewitter deiner Knöchelchen, Sohlen, Fersen, tanz du doch noch einmal ›Rock hoch‹, zeig, wo die Seife endete! Der Ruf durch den Nebel von Krähen beheizt, verschlungen führt der Weg vorbei an den knatschenden Eichen, an gekrüppelten Ästen, an der gesammelten Pest der Altstraße. Wind wurmt über die Teiche, die Flüsse – des Scharfrichters Tochter ist schön wie jede Gespielin des Verderbens. Wer sie tanzen sieht, wird je zurückkehren, rasten am gemiedenen Ort, seinen Blick über den Alraunenacker schicken. Es kommt mir so vor, als befände sich das Fegefeuer nicht weit, als ginge ich durch Niemandsland, als warte dahinter der Erdschlund, gurgelndes Magma!

 

Die unheimliche Kraft der Schauerliteratur

Von Leonora Carrington bis Haruki Murakami : unterschiedlichsten Autoren erschließen das Universelle, das sie im Bizarren finden.

von Jeff Vandermeer / übersetzt von Michael Perkampus

In Clive Barkers Geschichte Im Bergland: Agonie der Städte von 1984, die im ersten Band des Buch des Blutes nachzulesen ist,  wird beschrieben, wie sich die Bürger von konkurrierenden Dörfern zu riesigen menschlichen Figuren verbinden, groß wie Hochhäuser, um so aufeinander getürmt einen blutigen Krieg in abgelegenen Tälern zu führen.

In Georg Heyms Geschichte Die Sektion, “zittert der Tote leise vor Seligkeit”. Diese Geschichte enthüllt eine Form verborgenen Lebens.

Die zeitgenössische finnische Schriftstellerin Leena Krohn erzählt in ihrem Briefroman Tainaron von einem Besuch in einer Stadt, die vom Licht ihrer Bewohner beleuchtet wird: intelligenten Insekten.

Der Titelheld von Haruki Murakamis Wilde Schafsjagd, ein Mann, selbst förmlich aus Eis, verändert sich auf subtile aber kraftvolle Art und Weise während einer Reise durch ein gefrorenes Land.

Dies ist das Reich des Unheimlichen, manchmal Schauerliteratur genannt, oder einfach Phantastische Literatur. (Anm. des Übersetzers: Im angelsächsichen Sprachraum gibt es den Begriff der Phantastischen Literatur genauso wenig wie sich “Weird Fiction” adäquat ins Deutsche übersetzen lässt). Ein Land ohne Grenze, das sich in einem Zwischenraum befindet. Es schimmert und glitzert in so unterschiedlichen Quellen wie in den Arbeiten von Helen Oyeyemi, in Teilen in Deborah Levys Roman Beautiful Mutants, den Geschichten von Jamiaca Kincaid, die mit dem Etikett “New Gothic” versehen sind, und, nachvollziehbarer, in den dunklen Minen von Moria und den Todessümpfen in J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe.

Es gibt da eine gewichtige Kraft innerhalb dieser Art von Erzählung, die uns durch die Präsentation eines dunklen Mysteriums fern unseres Verstehens fasziniert, und dadurch unser Unterbewusstsein fesselt. Genau wie im richtigen Leben, wo die Dinge nicht immer einen Sinn ergeben, liefern diese Erzählungen nicht immer das, was wir erwarten. In diesem dadurch entstehenden Freiraum entdecken wir einige der mächtigsten Aussagen über das, was es bedeutet, menschlich oder unmenschlich zu sein.

Ich dachte, ich würde die Welt des Unheimlichen, der surrealen Erzählung verstehen. Das war lange bevor ich mit meiner Frau Ann zusammen 2010 die Anthologie “The Weird” herausgab. Ich glaubte zu wissen, weil die Arbeit an diesem 1000-Seiten-Wälzer, der hundert Jahre abdeckt, mehr als vier Millionen Wörter der Lektüre erforderte. Aber ich wusste eben nichts.

Diese Erfahrung hat mich grundlegend verändert. In einer Weise, die ich jetzt erst beginne, zu verstehen.

Für einen Schriftsteller hält die Zusammenstellung einer Anthologie mehrere Lektionen bereit. Er lernt von den Geschichten selbst, aber auch aus dem Leben derer, die sie geschrieben haben, sowie aus dem Prozess, wie diese Geschichten zustande kamen. Die Informationen, die man sammelt, scheinen mehr mit einer Intelligenzleistung zu tun zu haben, weil man ähnlich wie ein Detektiv versucht, einen unerklärbaren Fall zu lösen. Nachlassberge abbauen; obskure Geschichten sind schwer aufzufinden; Autoren, durch das Leben, die Vergangenheit verletzt, sind gute Täuscher. Zu erfahren, dass ein Nachlassverwalter im Koma liegt und erst sterben oder gesunden muss, bevor die Rechte für einen Nachdruck gewährt werden können, bedeutet, das Kafkaeske in dem zu entdecken, was man eigentlich als langweiliges Vertragsgeschäft erwartet. In Erwägung zu ziehen, einen Freund aus einem mexikanischen Zirkus auf dem Rücken eines Pferdes entlang der Küste zu Leonora Carringtons1 Haus reiten zu lassen, um sich die Rechte an ihren Geschichten zu sichern – man fragt sich hierbei unweigerlich, ob das Weltbild des Autors, dessen Arbeit man begehrt, den Redaktionsprozess zu bestimmen begonnen hat.

Das Geheimnis beginnt eine Leuchtkraft aus versteckten Verknüpfungen und Anspielungen, verwoben mit literarischer Resonanz, zu entwickeln, um einen größeren, tieferen Sinn der Komplexität unserer Welt aufzuzeigen. Falsche Ansichten über einen Schriftstellers und seiner Arbeit sind unvermeidbar und können sogar klärend sein. Abgelenkt von Angela Carters Aufsätzen fand ich die gleiche wütende Intelligenz und den Sinn für Humor, der auch den Texten und Phrasen ihres erzählerischen Werks innewohnt. Aus diesem Grund kann ich die eine Sache nicht von der anderen trennen; ich will es auch gar nicht. Manchmal muss man das Leben in seiner Gesamtheit betrachten, man braucht das Ganze.

Falsche Ansichten über einen Schriftstellers und seiner Arbeit sind unvermeidbar und können sogar klärend sein.

Viele Dichter des Unheimlichen, vor allem jene vor unserer modernen, ultra-professionellen Zeit, waren in der Tat sehr seltsame Zeitgenossen, und manchmal sogar richtiggehende künstlerische Außenseiter. Die Geschichten, die man sich über sie erzählt, sind voller Exzentrizität, Verrufenheit oder Tragödien. Der große belgische Schriftsteller Jean Ray, wegen Veruntreuung verurteilt, nutzte seinen Aufenthalt im Gefängnis Stint gleich zu zwei seiner großen Geschichten. Die Gasse der Finsternis und Der Mainzer Psalter. Der Österreichische Schriftsteller und Maler Alfred Kubin, dessen 1909 erschienener Roman Die andere Seite von einer Stadt in Zentralasien handelt, die sich an der Grenze zwischen Realem und Nicht-Realem auflöst, war zeit eines Lebens geprägt vom Hass gegen seinen Vater und auch von den Nachwirkungen einer frühen Verführung durch eine ältere Frau. Sogar Franz Kafka wurde, um diesen biederen Vergleich anzubringen, von seinem Freund Max Brod als “schüchterne mondblaue Maus mit Menschenaugen” beschrieben.

Zu viele einzigartige, an den Rand gedrängte Schriftsteller begingen Selbstmord, starben verarmt, starben allein, starben besessen oder waren einfach nur am falschen Ort zur falschen Zeit. Der große polnische Dichter Bruno Schulz wurde während des II. Weltkriegs auf der Straße erschossen, nicht ohne uns zwei dünne Ausgaben bemerkenswerter, traumartiger Geschichten über eine mythologisierte Kindheit zu hinterlassen. Eine davon – Das Sanatorium zur Sanduhr – handelt von einem Leben nach dem Tod, das die Vergangenheit zurückzugewinnen versucht. So schließt sich der Kreis. Bodensatz, der sich irgendwo in der eigenen Geschichte manifestiert. Biografische Hintergründe sind von der Fiktion nicht mehr zu trennen … und doch ist die rote Linie klar erkennbar: sie markiert den wahren Spuk der Geister.

Es gibt freundlichere Geschichten, klar. Wie kann ich, zum Beispiel den phantasmagorischen Roman Der Palmweintrinker des Nigerianischen Schriftstellers Amos Tutuola (erschienen 1952) im Angesicht des eMail-Verkehrs mit seinem Sohn Yinka Tutuola wiederlesen, ohne diese Arbeit etwas differenzierter zu betrachten? Der Sohn berichtet in Anekdoten von der Zufriedenheit des Geschichtenerzählers, so dass die Arbeit seines Vaters fast in etwas Fröhliches verwandelt wird … selbst als man vierhundert toten Babies auf der Straße begegnet, die sich hinauf in den Wanst eines Ungeheuers winden, oder dem Skelett, das sich in einen “vollständigen Gentleman” verwandelt, indem es sich einen Körper aus zusammengeklaubten Teilen zusammenbaut.

Manchmal fühlt es sich an, als ob jemand – oder etwas aus dem Text heraus den Leser anstarrt.

Das Makabere hängt oft mit dunklem Humor zusammen, eine Tatsache, die umso einleuchtender wird, desto mehr Zeit man mit dem Lesen von unheimlichen Erzählungen verbringt. Man gewöhnt sich an die Dunkelheit dort, findet in ihr eine Art Freund, und sogar (zumindest für eine gewisse Zeit) eine gewisse Geborgenheit. Sobald man diesen Punkt erreicht hat, findet sich eine Steigerung von Lust und Schauder in der gruseligen Erkundung des Unbekannten. Die Legionen von fleischfressenden “Hasenartigen” in Leonora Carringtons surrealer Erzählung von 1942 Weiße Kaninchen sind nicht nur zutiefst beunruhigend, sondern auch völlig absurd. Mit der fixierenden Genauigkeit eines Juweliers verfährt Julio Cortázar in der Geschichte um den Axolotl (1956), den ein Mann in einem Pariser Aquarium beobachtet. Das ist ein Genuß für alle, die daran interessiert sind, wie sich das Spirituelle anhand von spezifischen Details in einer Erzählung offenbart. Und auch das Ende, das die Rolle des Beobachters und des Beobachteten invertiert, ist tiefgründig und beunruhigend.

Robert Aickmans mustergültige Erzählung von 1975, Das Hospiz, ist entsetzlich in seiner übergreifenden Absicht, aber auch frech in der Beschreibung eines absurden Abendessens, bei dem die Gäste an ihren Tischen festgekettet sind; und später wird eine Peinlichkeit geschildert, die aus Missverständnissen über Schlafangelegenheiten besteht – und die uns selbst nicht unbekannt vorkommen.

Manchmal fühlt es sich an, als ob jemand oder etwas aus dem Text heraus den Leser anstarrt. In Ryunosuke Akutagawas Meisterwerk von 1918, Die Qualen der Hölle, ist es das einfache Verschütten von Flüssigkeit, die sich am Boden die Form einer Schlange sucht, die nach ihrer unheimlichen Bedeutung befragt werden muss.

Mehr als einmal wurde ich an die Aussage des Naturforschers Richard Jeffries aus dem 19. Jahrhundert erinnert: “Für mich ist alles Übernatürlich.” Auch Thomas Ligottis Erzählung The Town Manager aus dem Jahr 2003, mit den kryptischen Nachrichten des Stadtmanagers, der nie gesehen wird, ruft nicht nur die verschrobene Anerkennung einer absurden Bürokratie hervor, sondern auch den mehr modernen Schrecken des Ausspioniertwerdens, das innerhalb eines banalen Kontextes am besten funktioniert.

Wir mögen es, zu glauben, wir verstünden das Universum.

Einfluss steigt sehr leicht aus Buchseiten heraus, zusammen mit dem Gefühl, beobachtet zu werden. Keine entdeckerischen Kunststücke oder Vertiefung in die Materie sind notwendig, um festzustellen, dass sich Elemente aus Kafkas In der Strafkolonie jahrzehnte später in Geschichten wie The Winding Sheet von William Sansom oder The Brotherhood of Mutilation 2 manifestierten.

Ich bekam also das Gefühl, teilweise begünstigt durch die wechselseitige Ansteckung durch die Suche nach dem Unbekannten, dass überall in der Welt Enklaven existieren, die nie etwas voneinander gehört hatten – Autoren, die sich gegenseitig nie gelesen haben können – und die dennoch über Jahrzehnte und eine beträchtliche Entfernung hinweg miteinander kommuniziert hatten, im Nachthimmel die gleichen fremdartigen Konstellationen sahen, die gleiche überirdische Musik hörten: einen wunderbaren Chor, bestehend aus einzigartigen und doch miteinander verflochtenen Vorstellungen, Visionen und Gespenstern.

In solchen Momenten fragt man sich als Schriftsteller und Redakteur wohl, ob man selbst Erzählungen erfindet oder sich lediglich wie durch einen Kanal bei dem bedient, was längst schon da ist.

Wir mögen es, zu glauben, wir verstünden unser Universum. Ich kam weg von dieser Lesart durch mein Gespür für unheimliche Literatur als kraftvollen Weg, auf dem sich die Entfernung und die Allgemeingültigkeit mit der Negation dieser Idee auseinandersetzt.

Es gibt so viele Widersprüche, in denen wir uns als Menschen befinden – versunken in einer Kultur moderner Technologie, des “Fortschritts”, der doch als primitiv anzusehen ist, im Angesicht dessen, wie zum Beispiel Pflanzen Quantenmechanik während der Photosynthese nutzen.

Eine solches Leseerlebnis ist demütigend; als Mensch, aber auch als Schriftsteller.

In unserer Zeit, in der wir glauben, wir seien älter als wir sind, ist es reinigend, auf die Suche zu gehen und Geschichten zu erzählen, die nicht versuchen, das Unlogische, das Widersprüchliche, und auch das Instinktive, mit dem in Einklang zu bringen, wie wir Menschen die Welt wahrnehmen, sondern diese Elemente als einen Weg herausstellen, der uns zeigt, wer wir wirklich sind. Widerborstig. Unbeherrscht. Abergläubisch. Absurd. In Abhängigkeit mit tausend destabilisierenden Ängsten und Hoffnungen.

In Michael Bernanos kaum gewürdigten Meisterwerk von 1960, The Other Side of the Mountain, sind die Figuren schiffbrüchig an der Küste eines fremden Landes mit feindlichen Pflanzen und Artefakten, die sie zu zerstören drohen. Trotzdem versuchen sie, im Angesicht eines immerwährenden Unbekannten, immer weiter zu machen. Sie senken ihren Blick nicht, und ihre Bizarrerien sind Launen einer rohen Menschheit. Pathos, der ihnen nichts hilft, aber sie aufwühlt und mit seltsamen Stolz erfüllt.

Ein solches Leseerlebnis ist demütigend; es demütigt nicht nur den Menschen sondern auch den Schriftsteller. Es neigt dazu, dir jeglichen Impuls zu nehmen, der nicht zum Wesentlichen führt. Er setzt nicht den Wunsch in dich, gut zu sein oder groß, wohl aber ein kleines bisschen wahrhaftig, wahrhaftig gegenüber den Grundlagen der Welt und der Anstrengung, diese Welt zu verstehen. Dieser Impuls wird durch die Erkenntnis, dass wir nie alles über unsere Welt wissen können, oder sogar nicht einmal das meiste von ihr, vergütet – und dieser scheinbare Mangel ist in Wirklichkeit eine Stärke.

 

Anmerkungen des Übersetzers:

1 Leonora Carrington war eine Surrealistin, die einst mit Max Ernst zusammen in einem Bauernhof lebte. Sie floh von Paris nach New York und lebte bis zu ihrem Tod in Mexiko. Ihre Geschichten sind ganz im surrealistischen Stil traumhaft, wundersam, bizarr, sowie eindringlich.

2 von den beiden genannten Autoren wurde nichts ins Deutsche übersetzt

Niemand betritt das Haus des Gestern

Dechiffriertes Bild : immer zur selben Zeit, ein Spuk am simulierten Tag, ein Winkel ist Schatten genug. Den Blick darauf zu richten oder den Blick nicht darauf zu richten, die Augen abwenden oder heimlich eine unmögliche Position einnehmen. Etwas Ungewöhnliches tun, das alles, bevor die Zeit abgelaufen ist. Der Instinkt eines weiteren unsinnigen Tages entvölkert alle Verpflichtungen, vielleicht mit Wasser in den Ohren oder einem Okular auf der Nase, hin und her gehen ohne Ziel, nur hin und her wogen, in Gedanken an das letzte Erlebnis ohne Körper, mit den Schafen Gras rupfen und mit einer Katze zusammen aus einer Regenpfütze trinken.

Diejenigen, die stehen bleiben, unterbrechen sich, begegnen ihren ungesehenen Winkeln. Die Verrücktheit ist ein fremder nasser Schoß, die einzige Rettung für den Gaumen, der das Dorf beherbergt, der Laden wird gleich schließen, niemand betritt das Haus von gestern oder wiederholt seine Worte.

Robert Johnson – Crossroads

Die größte Mythe der Musikgeschichte stammt aus dem Blues. Unter den Delta-Blues-Musikern der 30er und 40er Jahre sind einige der wichtigsten und doch schwer faßbaren Figuren aufzufinden. Unabhängig davon, ob man jemals Robert Johnsons musikalisches Vermächtnis gehört hat, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, daß man zumindest diejenigen kennt, auf die er einen gewaltigen Einfluß ausübte: Led Zeppelin, The Doors, Eric Clapton und unzählige andere.

Er starb mit 27 und begründete damit eine andere Legende: den Club der 27er, dem so illustre Persönlichkeiten wie Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix oder Amy Winehouse angehören. Die Ursache seines Todes sowie die Lage seines Grabes sind unbekannt, über sein Leben ist so gut wie nichts bekannt – es gibt allenfalls einige Anekdoten von Musikern, die mit ihm spielten, als er das Land durchstriff – aber es existieren zumindest drei Fotografien von ihm. Es kommt also einem Wunder gleich, daß gerade Robert Johnson den Mittelpunkt des größten Mythos der gesamten musikalischen Landschaft bildet.

Die Legende besagt, daß der junge und verarmte Robert, der auf einer Mississippi-Plantage wohnte, seine eine wahre Sehnsucht entdeckte: ein Meister des Blues zu sein. Leider war er damals ein mittelmäßiger Musiker. Eine dunkle Gestalt, die von seine Notlage hörte, empfahl ihm, mit seiner Gitarre um Mitternacht zu den Dockery Plantation Crossroads zu gehen. Allerdings mußte es eine mondlose Nacht sein. Dort traf Johnson an der Kreuzung den Teufel in Gestalt eines großen schwarzen Mannes, dem er die Gitarre gab und der ihm damit eine wahre Spukmusik um die Ohren blies. Als der Mann die Gitarre an Robert zurückgab, fand dieser heraus, daß er die volle Beherrschung über das Instruments hatte. Natürlich zum allseits bekannten Preis, denn den Teufel bezahlt man stets mit seiner Seele.

Bei solchen Legenden ist es ungemein schwierig, eine Quelle auszumachen, aber es ist wahrscheinlich, daß sich die Geschichte bildete, als Roberts Talent und Musikalität innerhalb kürzester Zeit zu einer Meisterschaft avancierte, die sich niemand erklären konnte. Von seinem plötzlichen und scheinbar unerklärlichen Fortschritt verstört, begannen die Einheimischen zu behaupten, er müsse seine Seele an den Teufel verkauft haben. Es ist aber möglich, daß Robert Johnson von den Einheimischen bereits als eine verdammte Seele mit einer Tendenz zum Makaberen angesehen wurde. Außerdem ist bekannt, dass Johnson und seine Freunde häufig spät in der Nacht auf Friedhöfen spielten, vermutlich weil es dort still war und sie wußten, daß sie dort von niemandem belästigt wurden. Die geheimnisvollen Umstände von Roberts Tod spielen natürlich ebenfalls jenen in die Hände, die an den Crossroads-Mythos glauben.

In der “Sandsteinburg” nehmen die Lines des Textes eines der vielen Grundmotive ein

Kaskade (Bildsturm hypnotischer Interferenz)

 

a, Kaskade 

Es gab einen Kreis und den habe ich 
ununterbrochen im Kreis 
den ich brach 
nachgezeichnet, weil ich 
das Ende suchte, von 
einem möglichen Ende in meiner 
Hand an dir 
nachgezeichnetes Schiff 
deiner Brüste wie der Lippen 

Alle Wölbungen deines Körpers 
brachen sich unter mir 
wie Wellen eines letzten Zorns 
wiederholt mit meiner 
Stimme, die das Ende sang (O-la-mond O-la-mond... das sang sie...) 

b, Kaskadeur 

Da deine Hand Da meine Hand (ohne Finger, mit Finger, ohne Finger) 
Komm Geh 
Komm Geh 
Kommher Gehfort 
Kommherüber Gehfortan 

Küß mich auf die Hand doch nicht 

Speichelevokation ist 
Neutronenschwangerschaft es 
nachdem der Schaft wirklich 
pflaumenspaltend wahr? 
spermt und samt 
den Keim erniedrigt 

Hingefiedert dortgebettet, obendrob der Mond ein Ball 

Kaskade aus 
Kaskade plätschert 
strömt und speit und spotzt und schäumt 
Speichelinvokation 
Protonenhemd 
Finger rennen um die Hand 
zu fingern 
verlieren den Ring 
des Traumas im Traum 

Verletzter -lächelter Hundespuk um Mitternacht 
Gebäum an Wäldern 
Gebräu an Saugtitten im Napf des Gummikaleidoskops 

Hirnasche regnet aus dem Feuer unseres Herzens 
Der Drache speit Vergangenheit 
Die Erde speit Kastanien 

Komm schlaf noch einmal ein 
Ich drehe die digitalen Zeiger in den Wind 
der von oben gestoben 
storniert sich nicht bewegt 
durch das Gefälle 
meines Geistes 
Durch meterdicken Kabelbrei 
wünschen die Knie zu schleichen 

Hin und her und tick und tack 

„Wo bist du gewesen?“ ruft mein Plünderstab 

Ich verbiete mir den Mund mit Stahlgittern 
Ich handschelle meine Lippen 
Ich zerzunge 
Ich kümmere mich und wümmere 
und räkele mich zu Boden 
wie ein Kleeblatt auf Asphalt 

Die Welt liegt hinter einem Schlüsselloch in meinem Denken 

(Ein Schmetterling wirbelt ins Bild, er hat „Ende der Kaskade“ auf seine Lippen tätowiert) 

Felisberto Hernández – Die Frau, die mir gleicht

Jeder, der sich mit phantastischer Literatur beschäftigt, kennt die großen Borges und Cortázar, weil die beiden Argentinier die Phantastik in die höchsten Höhen der Weltliteratur geführt haben. Überhaupt ist die hispanische Welt geprägt von der magischen Realität, von der die Europäer seit der Romantik keinen blassen Schimmer mehr haben. Selbst der französische Surrealismus wurde in Lateinamerika transformiert und literarisch, zB. von Octavio Paz, zu einem Nobelpreiskandidaten gemacht. Oft sind es aber die Außenseiter, die Kultstatus erreichen. So verhält es sich mit Felisberto Hernández. In Deutschland ist eine Sammlung mit Erzählungen erhältlich, 2006 bei Suhrkamp erschienen und nach wie vor zu beziehen.

Das Leben eines Schriftstellers fern des Mainstreams ist in der Regel nicht zu beneiden. Talentiert, originell, von erfolgreicheren Schriftstellern bewundert und von der Öffentlichkeit ignoriert, plagen sie sich in ihrer Vergessenheit ab, sterben unbemerkt und geraten, wenn sie Glück haben, durch Irrwege wieder in Druck. Herman Melville ist vielleicht der berühmteste Nutznießer einer solchen Behandlung, die auch Nathanael West oder Henry Green geholfen hat.

Felisberto Hernández (1902 – 1964) hatte nicht so viel Glück. Er übte einen großen Einfluss auf Gabriel Garcia Marquez aus und wurde von Julio Cortázar und Italo Calvino bewundert, aber das brachte ihm nicht viel ein.

Hernández wurde in Uruguay geboren und verdiente seinen Lebensunterhalt am Klavier, spielte in Stummfilmkinos und Konzerthallen. Viermal war er verheiratet und jede seiner Frauen wurde es Leid, ihn durchzuziehen. Mit der gleichen Glücklosigkeit wie seine Ehen war seine literarische Arbeit behaftet. 1947 kam es zu seiner einzigen kommerziellen Veröffentlichung: Niemand zündet die Lampe an. Das verkaufte sich natürlich nicht. Erst 1983 erschien in Mexiko eine dreibändige Werkausgabe, und erst 1993 gab es eine englische Übersetzung (Piano Stories). Weil es aber die Öffentlichkeit immer noch nicht interessierte, verschwanden die Bücher wieder in der Versenkung. 2006 kam die deutsche Übersetzung, eine große Resonanz blieb freilich aus. In Amerika wurde eine Neuauflage 2008 gewagt, und wie es aussieht, mit dem bisher größten Erfolg.

Liest man die Geschichten, wird sofort klar, warum das gewöhnliche Lesevieh nichts damit anzufangen weiß. Es gibt wohl weder in Amerika (Nord wie Süd), noch in Europa etwas, mit dem sich diese Texte vergleichen lassen, meist von einem namenlosen Ich-Erzähler vorgetragen, besessen von an sich toten Dingen oder fremden Häusern. Die Geschichten verfolgen keinen anderen Zweck als das eigene Vergnügen, L’art pour l’art.

In dem Essay Falsche Erklärung meiner Geschichten sagt Hernández: “Meine Geschichten folgen keiner logischen Struktur. Selbst jenes Bewußtsein, das unentwegt über sie wacht, ist mir unbekannt.” Das Setting der Geschichten ist in den meisten Fällen gespenstisch. Da gibt es geheimnisvolle Frauen, verfallene Häuser in einer isolierten und ritualisierten Atmosphäre, und trotzdem erfüllen sie niemals das plumpe Klischee einer Gespenstergeschichte, stehen der Dekadenz wesentlich näher als dem Spuk. Die toten Dinge in den Geschichten sind meistens eben doch lebendig, zum Bersten gefüllt mit Blut und Begehren. Es ist genau dieser Umgang mit den Objekten, der Hernández so einzigartig macht. Die Struktur dieser Prosa folgt dem Empfinden eines Traumes. Nicht als bekäme man ihn erzählt, sondern als durchlebe man ihn selbst.

Die längere Erzählung Die Hortensien ist das unbestreitbare Meisterwerk der Kollektion, und wohl das stärkste Argument dafür, warum diese Sammlung in jede Bibliothek des Phantastischen gehört, ohne Ausnahme, ohne Ausrede.

Einerseits gespenstisch, andererseits pervers, steht ein verheiratetes Ehepaar im Vordergrund – vor allem aber die Sammlung lebensgroßer Puppen des Ehemanns, von denen eine ganz genauso aussieht wie seine Frau. Die Mischung aus Eifersucht, Morbidität, Schabernack und ungesundem Verhalten treibt die Geschichte an und erzeugt eine der stärksten surrealen Empfindungen, die beim Lesen überhaupt entstehen können.

Wenige der anderen Erzählungen haben eine solche emotionale Wirkung. Die geheimnisvollen Szenarien halten den Leser zwar bei der Stange, lösen aber keine stärkere Reaktion aus, wie man das etwa von Cortázar gewohnt ist.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén