Die Veranda

Vom Leben in einer Caverna

Schlagwort: stein Seite 1 von 4

Ich bin die Nacht / Du bist der Ort (9)

Sandsteinburg #44

»Meine Fresse, was sollen wir jetzt nur machen! Wir müssen doch irgendwas unternehmen!« Erich Wendler sprang um den zu Stein erstarrten Richard Finner herum. Ludwig Pikid und Manfred Bergmann standen gemeinsam etwas abseits, denn man wusste nie, wie dieser unberechenbare Kerl reagieren würde. (Seit dem letzten Maifeuer, in das er laut brüllend seinen halben Hausrat geworfen hatte, weil keine Eier im Kartoffelsalat seiner Frau zu finden waren, blieb man lieber auf Armlänge von ihm weg. Das war das Mindeste!) Roland hatte sich nicht mehr auf die Lichtung gewagt, stand umständlich hinter einem Baum, obwohl er Bäumen im Moment nicht sehr nahe kommen mochte. Er wollte natürlich trotzdem sehen, was jetzt geschehen würde, aber eigentlich war er da, um sicher zu gehen, dass die Münze nicht irgendwo dort herumlag, wo Helmuts Überreste alles durcheinanderbrachten.

Das Odeln, wie man das Übergießen mit Jauche nannte, war bis zu diesem Tag, zu dieser Nacht, immer gut verlaufen. Es war eine dem Regelwerk entsprechende Strafe, natürlich eine Demütigung für jene, die sich gegen die Gemeinschaft versündigt hatten. War aber die Nacht an diesem Baum (und es war immer dieser Baum, es war nie ein anderer) überstanden, galt man als geläutert. Das Vergehen fand nie wieder Erwähnung, es war nicht mehr existent. Ungeschehen gemacht. Vorher jedoch wurde man an die Esche gebunden, bekam einen Kübel Gülle über den Kopf geleert und hing vierundzwanzig Stunden allein im Wald. Am Schlimmsten war die Kälte, nur am Anfang beeindruckten auch der fürchterliche Gestank und der Gedanke, dass man nicht nur in seiner eigenen Scheiße badete, sondern in der von allen. Essensreste, Blut – da war einfach alles vertreten. Es ging um die Gemeinschaft, also ging es auch um deren Produkte. Das hier war nicht mit einem Pranger zu vergleichen, man wurde nicht wie früher zur Schau gestellt und mit brennenden Scheiten traktiert, man blieb für sich allein und hatte Zeit zum Nachdenken. Die bekam man gratis obendrein. Nur im Winter verzichtete man auf die Prozedur, man sparte das Odeln auf, bis es wieder Frühling wurde – und es hatte schon einige gegeben, die sich sogar darauf freuten, einmal hier hängen zu dürfen, die temperierte Jauche auf der Haut. Die gab es, und es waren dieselben, die dabei in äußerste Erregung gerieten. Das musste anfangs sehr irritierend gewirkt haben. Irgendwann aber, da wurde man aus der Erfahrung klug, wurde das Schauspiel für eine ganz normale körperliche Reaktion gehalten. Beim Sterben, erklärte Dr. Hohenner, der einzige Arzt weit und breit, ergossen sich die Delinquenten sogar, wenn sie stranguliert wurden. Er faselte noch etwas von Alraunen, bevor er fließend zum Thema Gartenbau, vor allem zu seinen Kürbissen überging, die tatsächlich eine Größe erreichten, wie man sie nirgends noch gesehen hatte.

Der Baum wuchs aus dem Rachen Alfons Wendenschuchs, der hier begraben lag, und dem einst das Samenkorn unter die Zunge gelegt wurde. Um ihn rankten sich zu Lebzeiten nicht wenige Legenden. Eine davon besagte, dass er mit dem Teufel im Bunde stand, dem er in den einsamen und weiten Wäldern begegnet war. Andere sagten, dass er der Teufel selbst sei, der hier mit den Hammermühlen ein neues Spielzeug der Grausamkeiten erfand, dass die Schwerter, die aus seiner Schmiede kamen, bereits bei leichter Berührung der Klinge den Tod brachten. Man sagte, dass der Müller Kinheckl, der die Hammermühle, die heute als Wendenschuchs Mühle bekannt ist, zusammen mit seinen beiden Söhnen erbaut hatte. Als nun dieser Fremde auftauchte, der sich Wendenschuch nannte und eine Offerte zum Kauf der Mühle machte, lehnte Kinheckl ab. Kurz darauf geschahen diese beiden sonderbaren Unfälle mit den gewaltigen Hämmern, die Kinheckls beiden Söhnen das Leben kostete. Das erzählte man sich hier, um sich etwas zu gruseln. Schließlich war niemand dabei gewesen im Jahre 1499, als noch nicht einmal das Schloss in Kaiserhammer stand, selbst ein rätselhafter Bau, der nach außen hin nur Gleichgültigkeit verströmte.

An den Ufern der Eger entlang glühten die Essen bis tief in die Nacht – die wasserbetriebenen Hämmer rumorten wie der Höllendonner. Es musste ein Mordsspektakel gewesen sein. So konnte man sich leicht den Hades vorstellen. Wo Erze gewonnen, oder in Salinen gegraben wurde, da zog es auch die Alchimisten bald hin, die stets auf der Suche nach dem Urstoff, dem Weltgeist und den Stein der Weisen waren. Vielleicht war Alfons Wendenschuch einer von ihnen, aber wer wollte das heute noch wissen? Manchmal flüstert der Wind Zaubersprüche, die jeder schon gehört hatte, der hier längere Zeit lebte. Manche erzählten sich, der Wind gäbe in chronologischer Reihenfolge die Ereignisse wieder, wie es früher die fahrenden Sänger taten, aber die Worte seien unverständlich, weil keiner die Sprache verstand und weil der Wind an verschiedenen Orten immer nur ein Wort oder einen Satz murmelte. Wieder andere schworen, dass der Wind Namen preisgab; wenn man Pech hatte sogar den eigenen, und man erläge dann dem Gesetzt der mystischen Schmiede, die über Leben und Tod wachte.

So gab es also viele sich widerstreitende Geschichten, wie sie überall auf der Welt in den abgelegenen Regionen zu finden sind, aber eines wusste man ganz genau zu bestimmen: Hier, unter diesem Baum, der sich nach oben hin zweiteilte, und der aus der Ferne aussah wie eine übergroße Zwiesel, lag der Stammhalter der Wendenmühle.

Ungesehene Winkel

Sandsteinburg #17

Frühlingserwachen mit entferntem Honiggeruch, Kaffee weht schillernd durch den Flur, Schafscheiße ganz sanft im Rachen, prägnante Wolle, Pulloverpollen, der blühende Garten, tempus fugit. Aber er kann das Jetzt riechen, zumindest eine Femtosekunde lang, sogar die Linzer Torte von letzter Woche, deren Krumen im wasserblauen Kunstfaser-Flokati keimen. Und wer weiß: eines Tages hängen vielleicht Kuchen-Nüsse an den jungen Trieben, die Sonne Österreichs.

Alles rinnt den Bach hinunter & eigentlich wäre sie fast ersoffen, wenn nicht ein Lastwagen sie herausgezogen hätte, als schon der Sumpf derart nach ihr gierte, sie schlammdreckig zu machen wünschte (die Kleider klebten an ihrem Portemonnaie & außerdem unter ihrer Haut, durch die Poren drückten sich Moose, Schleimsand, Kraut, die Augen riesengroß / schwarz / rund: oxidierte Schädeldecke, von Fell voll; silbriger Bewuchs des Doppel=Balkons, die Stelzen ruderten quick, mit halber Kraft voraus. Der Lastwagen beschleunigte sauerstoffgegräßig, sie fasste die Anhängerkupplung; voller Schmiere das starke steife Stück. Zwischen ihren Fingern glibschte das Maschinenöl, spritzte ihr Reste ins Gesicht, der Auspuff föhnte ihr Haar zu einer ehernen Skulptur nach hinten. Als sie dann auf der Straße lag, keuchte das dunkle, fordernde Loch.

Autos hupten in langsamer Vorbeifahrt. Sie gehörte niemandem, sie gehörte jetzt niemandem.

Das Aufblitzen der Scheinwerfer eines sich nähernder Knudson-Taunus fräst für kurze Zeit einen gespenstischen Schein in die Nacht. Die Häuser entlang der Schlossstraße wirken wie übriggebliebene Kulissen aus Alain Resnais ›Letztes Jahr in Marienbad‹, wo die Komposition stets wichtiger ist als die Aktion, die Sinneseindrücke persönlicher als die Interpretation. Ansaugen, Verdichten, Arbeiten, Ausstoßen. Ein Schattenregister.

Gitternetz der Beobachtung: verschwunden ist das, was die Pupille nicht streift, ein ungesehener Winkel, möglicherweise ein Scheunentor, ein Stein unter der Brücke, ein Grashalm im Wasser neben dem eigenen Gesicht.

Etwas, das nicht getan wurde, das nie getan wurde, schleppt sich durch die Straßen, wird vielleicht von fremden Gezeiten geträumt, wird vielleicht im späteren Verlauf erinnert, kann nicht aus seiner Zelle entkommen, bleibt in der Wahrscheinlichkeit stecken, in einem falschen Hals, nur eine Gräte der Historie.

Hungrige witternde Rehe stehen unter geschlossenen Kronendächern und ein Fuchs schnürt unruhig um das Dorf, selbst Teil der Low-Key-Beleuchtung, ausgelöst durch versprengt herumeilende Himmelskörper. Die Zeit hat sich aus den Dörfern in die Städte zurückgezogen, in die großen, ruhelosen Metropolen, zu Neonlichtern, zu Fassaden, die pausenlos Reklame ausspeien wie Wahrsager. Die Städte sind ohne ein Jenseits, sind nur Gegenwart, Rotation und Umschlag, hingegen ist in den Dörfern die Zeit entschlafen. In all dieser Zeitlosigkeit aber funkeln bereitwillig Sterne über Schlaf und Traum und reinigen die Skulpturen menschlicher Behausung.

Es gab einen Sturm (4)

Sandsteinburg #6

Wie oft hatte ihn sein alter Herr dafür bestraft, wenn er ihn dabei erwischte, wie er sich versichern wollte, ob sein Hemdkragen gerichtet sei, und dabei zwei, drei Sekunden länger als dafür vorgesehen seine eventuelle Wirkung auf die Außenwelt erwog.

»Bist du ein Weibsbild?«, herrschte sein Vater ihn an, packte ihn dann am Genick wie eine junge Katze, grub seine manikürten, scharfgeschliffenen Fingernägel in seinen Hals und nötigte ihn, nachdem er sein Bildnis bereits verlassen hatte, noch einmal vor den einzigen Spiegel des ganzen Hauses, der für gewöhnlich verhangen in der Küche über dem Spülbecken in die Wand eingelassen war, nicht größer als die Handfläche eines erwachsenen Mannes. »Was siehst du?« Der Atem seines Vaters, der nach Lakritze stank, fuhr ihm ins Gesicht wie ein feuchter Wind, der stets für schlechtes Wetter sorgt. »Mich … ich sehe mich!«

Die scharfkantigen Fingernägel gruben sich tiefer in die Haut und färb­ten die Halbmonde rot, ein plötzlicher Schlag, einstudiert, choreographiert, ließ sein Jochbein erzittern. »Du siehst nicht dich! Du siehst dich verkehrt herum, ins Groteske verkehrt! Du siehst deine verdammte, deine dunkle Sei­te, die des Teufels ist! Vanitas, leerer Schein! Du glaubst, ich habe dein Ver­harren nicht bemerkt, du glaubst, du wüsstest, wie lange man einen Blick als einen Kontrollblick tarnen kann, aber ich habe es in deinem Gesicht gelesen, habe gesehen, wie dich der Hauch der Eitelkeit streifte. Schau dort niemals hinein, wenn du nicht unbedingt musst, hast du das verstanden?«

Sebastian Hohenner hatte verstanden und mied von diesem Zeitpunkt an nicht nur den Spiegel seines Elternhauses, sondern auch den in seinem Klas­senzimmer, schaute statt dessen fortan Mimi tiefer in die Augen als jemals zuvor, während die Haut an seinem Hals, den er mit einem Seidenschal ver­hüllte, brannte wie Feuer, und seine rechte Wange pochte, als säße dort sein Herz.

»Was ist mit meinen Augen?«, hatte sie schüchtern gefragt, als er sie bat, stillzusitzen, eine Weile nichts zu sagen (sie redete gewöhnlich sehr viel und sehr beherzt, vor allem, wenn die Sonne schien). Nichts ist mit deinen Au­gen, hatte er geantwortet, ich kann mich darin spiegeln, das ist alles. Sie setzte zu einer Antwort an, aber sein Finger auf ihren Lippen gebot ihr, zu schweigen, während er sie beinahe hypnotisierte. Ich kann mich ebenfalls in deinen Au­gen sehen, sagte sie dennoch, sagte es leise, so als wäre Flüstern ein Kompromiss. Dann sprach sie erst wieder, als er es ihr erlaubte, jedoch nicht mehr so fröhlich wie zuvor. Wie betäubt richtete sie ihr Haar, obwohl sich daran nichts verändert hatte. Sie fühlte sich beklommen, Sebastians Blick stach wie ein Messer auf sie ein, aber sie hatte das Gefühl, er sah nicht sie, sah nichts anderes als sich selbst.

»Habt ihr viele Spiegel zu Hause?« Auch er flüsterte jetzt, was so gar nicht zu diesem angenehm warmen Nachmittag passte.

»Nicht sehr viele, ich würde sagen, normal viele. Warum fragst du?«

Ob der Glanz in ihren Augen erlöschen würde, wenn sie starb, ob man sich wohl nur in lebenden Augen spiegeln konnte? War es nicht das, was sein Vater meinte? Dass es lästerlich war, sich in toten Dingen zu spiegeln? Liebe bedeutete ihm Härte und Disziplin, Gehorsam und Arbeit. Was, wenn sein Va­ter damals schon gewusst hätte, dass er den Wunsch hegte, Arzt zu werden, dass sein Sohn nichts von diesem in allen Belangen bösartigen Gott hielt? Er hätte ihn ganz sicher auf dem kalten Stein, den er Altar nannte, festgebunden und unter Tränen und Gebeten ausgepeitscht. Du willst also Gott lästern, du eitler, undankbarer Schweinehund! Ein Schlag und dann der nächste Schlag. Unter Tränen, immer unter Tränen und bis zur Unkenntlichkeit gestammel­ten Gebeten.

Mimi war eines Tages verschwunden. Als man sie fand, fehlten ihr die Augen, ansonsten war sie unberührt.

Im Traum sah Sebastian alle toten Menschen aufgestapelt über den Horizont der Erdscheibe schwappen und wie ausgebeinte Rinderhälften in den abyssa­len Rinnstein rutschen. Ihre Ausdünstungen verwesten die Luft, die sich in seine Lungen verirrte und seinen Körper lähmte. Sein Atem gerann und zer­fiel in tausend Stücke, die sich von ihm fortbewegten. Die Bäume schwiegen. Er hörte keine Vögel und spürte keinen Wind. Dann aber betraten fünf Tän­zer die Lichtung, auf der er stand, Engel in ihrer verkommenen Reinheit, die sich betrunken und wie von Sinnen bewegten. Ein schwarzgekleideter, dür­rer Mann mit Borkengesicht näherte sich langsam von links. In seinen Augen waren ›Rote Kobolde‹ gefangen und taxierten die Umgebung. Er beugte sich nach vorne und spuckte aus, traf einen langgestreckten Käfer, der sich zum Trocknen auf den Rücken wälzte. Lange betrachtete Sebastian die ominösen Seraphim und dann die Gestalt, die ihren Zeigefinger in die Luft streckte. So­fort begann dieser, sich in einen Ast zu verwandeln, dessen knorriges Ende Zweige auffächern ließ, die sich mit einem nahegelegenen Baum verbanden.

»Du bist eine gespaltene Person und bereicherst dich an der Grauzone, deren Ausmaße du nicht erahnst!«, sagte der Mannbaum. Dann drehte er sich um und ging geradewegs auf die tanzenden Engel zu, deren Enstase sich ins Unermessliche gesteigert hatte. Der Schaum vor ihrem Mund verklebte ihre Münder und ihre Augen waren unkenntliche weiße Schemen, worin die Pu­pillen in Intervallen zuckten. Die männlichen Tänzer hatten eine Erektion, während die weiblichen Engel rhythmisch ihr Geschlecht massierten.

Die schwarze Gestalt blieb direkt vor ihnen stehen, wartete, bis ein weib­licher Engel grunzend herangestolpert kam, und griff mit dem freien Arm, der sich sofort in einen Ast verwandelte, zu. Augenblicklich verfing sich der anvisierte Engel darin. Der schwarze Mann zog den weiblichen Engel aus dem Kreis der Tänzer, woraufhin diese wie vom Blitz getroffen zu Boden gingen. Er präsentierte ihn mit den Worten: »Sie ist der Schlüssel zu einem Gedan­ken!«

Der nackte Engel lag benommen im Moos und gurgelte und rollte abge­hackte Wörter, die sich in abgestandenen Wein verwandelten, in seinem Ra­chen, der Schaum verschwand, die Augen drehten sich nach innen, die Geis­terstunde war vorbei.

»Ich kam hier her, um mit den Bäumen zu reden, stattdessen fand ich dich«, sagte Sebastian und verschwand hinter einem Vorhang, den er sich ebenfalls nur einbildete.

Eine Bilanz, von Thomas Owen

Übersetzt von Michael Perkampus. Im Original erschienen in der Weird Fiction Review. Eingeleitet von Edward Gauvin.

Belgier sind große Spaßmacher und Betrüger. Und das durch alle Gesellschaftsformen hindurch. Passenderweise war die Gründerfigur der frankophonen belgischen Literatur der folkloristische Schelm Thyl Ulenspiegel, wie er in Charles de Costers epischem Werk Die Mär von Eulenspiegel und Lamme Goedzak und ihren heroischen, ergötzlichen und rühmlichen Abenteuern in Flandern und anderen Ländern auftaucht. Die eine Hälfte Französisch, die andere Hälfte Flämisch (mit einem Funken Niederländisch und Deutsch); belastet mit einem entzweiten, aber kämpferischen Selbstwertgefühl; seit Jahrhunderten das Schlachtfeld Europas, leidend unter schnell aufeinanderfolgenden Besatzungsmächten, die ohnehin durcheinander geratene Identität zusätzlich durch das durchs Land trampelnder Armeen getrübt, reagierte Belgien auf die Fragen der Identität mit Extravaganz und den Launen der Fantasie.

Resignation, Selbstironie, und Ironie, stellt der Historiker Jacob Roel fest, wurden zur Überlebensstrategie, entwickelt, um den harten Fakten des Lebens etwas entgegen setzen zu können. Belgier haben die Exzentrik zu einem nationalen Charakterzug erhoben. C’est belge kann alles bedeuten: von hirnlos bis bizarr. Der Königspalast in Brüssel verfügt über einen Raum, dessen Decke komplett mit Hunderttausenden winziger Rückenpanzer eines in Thailand beheimateten Käfers dekoriert ist. Der Titel: Himmel der Lust.

So hat auch der belgische Fabulismus eine finstere Vornehmheit, bestehend aus einem anspruchsvollen, gewählten Ton, verbunden mit einem Gefühl von Unheil und – manchmal – Angst. Im Gegensatz zu den wilderen Franzosen ziehen es die belgischen Autoren vor, die tagtäglichen Heimlichkeiten zu Gunsten eines sorgfältigen Realismus zu untergraben, der die phantastischen Elemente um so fesselnder und aufwühlender erscheinen lässt. Mit bescheidenem Witz entwickelten die Belgier eine Nationalliteratur der Träume.

Eine Sache, die eine Gemeinschaft als solche definiert, ist es, Lügengeschichten übereinander zu erzählen. Das verleiht vielen Texten eine fast mündliche Unzuverlässigkeit. In Thomas Owens Kurzgeschichte The Bernkastel Cemetery ist einer der Protagonisten Owens Zeitgenosse und Mentor Jean Ray. Aber es ist nicht der Jean Ray, der berühmt ist für seine übernatürlichen Geschichten: es ist ein Jean Ray, der auftritt wie eine Mischung aus Indiana Jones, Pater Damian und Robert Langdon, Abenteurer, Exorzist und Gelehrter in okkulten Dingen. In einem der zahlreichen Essays taucht Ray sogar als Tarantelzähmer auf. Ray war überhaupt eine populäre Figur in den Büchern aller seiner Freunde. Die folgende Generation hat diese Tradition aufrecht erhalten: Thomas Owen geistert – eine höfliche und unheimliche Erscheinung – durch die Werke von Anne Richter und Nadine Monfils, die von leicht fantastisch bis markerschütternd reichen.

Thomas Owen (1910 – 2002) ist einer der Namen, die regelmäßig zusammen mit Jean Ray als eine Säule der belgischen Phantastik genannt wird. Sein richtiger Name war Gérald Bertot, seines Zeichens Strafverteidiger, Kunstkritiker, Krimiautor und Manager einer Müllerei. Unter seinem Pseudonym verfasste er mehr als 300 Geschichten und verpasste darin der Horrorerzählung Wirtschaftlichkeit und Reinheit. Seine beunruhigenden Erzählungen wurden oft mit Edgar Poe und Dino Buzzati verglichen. Es gibt eine Beständigkeit der Weltsicht in Owens Werk: die existentielle Angst, die Thomas Ligotti auf einem Klappentext richtigerweise als “den Alptraum, lebendig zu sein” bezeichnet.

Eine Bilanz
von Thomas Owen

Was ich am wenigsten an Lovecraft mag ist seine Liebe zu Katzen. Was mich am meisten verblüfft, ist seine Fähigkeit, zu träumen, sich Dinge vorzustellen, zu erfinden, seine Visionen, seine Vorahnung von der Unendlichkeit des Universums, und sein Gefühl für Angst, Terror und Panik vor dem unergründlichen Unbekannten, das er erriet, suchte, bewahrte, wie es sich der menschlichen Wahrnehmung offenbart, wie es stets entgleitet, wenn wir versuchen, in dessen Nähe zu kommen, formlos, gallertartig, erschreckend …

Was mich begeistert, ist die verbale Seite seines Deliriums, Wortreich, von Grund auf neu geschmiedet für die Schönheit dieser Worte Klänge, der beschwörenden Kraft ihrer klangvollen Architektur. Nyarlathotep, Inquanok, in Kadath … Oder gleichzeitig in Babylon, unter den Chickasha-Indianern, und in ferner Sternzeit. Was mich amüsiert ist, dass ich seinem Randolph Carter in Oklahoma begegnete; ich reiste mit ihm den ganzen Weg nach New Orleans. Und dieser Randolph Carter schien lediglich eines dieser Pflanzengehirne zu sein, zukünftiger Bewohner eines radioaktiven Kometen, obwohl sein äußeres Erscheinungsbild dem eines wohlhabenden Bauern glich, der sich frech an seinem Hinterteil kratzt und nichts anderes im Schilde führt als im French Quarter, am Ufer des Mississippi die riesigen Brüste von Rita Alexander zu betrachten, auch bekannt als Champagner-Mädchen oder Miss Goldfinger …

“Sie tragen einen berühmten Namen,” sagte ich diesem einfachen, unprätentiösen Mann, dessen Frau Rezepte für die Arcadia Post verfasste.

“Ich bin dieser berühmte Mann,” sagte er, auf einem Zahnstocher kauend. “Sohn von Edmund Carter, dem Hexenmeister – aus Salem, natürlich,” lächelte er.” Und Urahn von Pickman Carter, der in zweihundert Jahren die mongolischen Horden nach Ozeanien zurückdrängen wird.”

Bei solchen Worten aus seinem Munde schüttelte es mich vor Erstaunen.

“Lovecraft?” fragte ich ihn, von leidenschaftlichen Emotionen heimgesucht. “Hat das irgendeine Bedeutung für Sie?”

Der Mann senkte seinen Blick und schien für einen Moment lang zu meditieren. Dann sagte er mit leiser Stimme: “Hören Sie gut zu. Er erzählte mir (ihm oder Ward Phillips Warren oder sogar beiden) folgendes: ‘Carter, bei der Liebe Gottes, legen Sie den Stein zurück und retten Sie sich selbst, wenn Sie können! Sofort! Lassen Sie alles stehen und liegen und hauen Sie ab! Das ist ihre einzige Chance! Tun Sie, was ich sage und fragen Sie nicht nach dem Grund!'”

Das rührte an eine Erinnerung, die tief in mir verborgen war; der Mann wusste davon und spielte mit meiner Furcht. Bei Brennan, wo wir ein flambiertes Papa Brûlot mit feinstem St. John-Rum zu uns nahmen, beugte er sich über den Tisch und artikulierte klar und deutlich jede Silbe, als er sagte: “Neugierde! Unzumutbare Schriftsteller! Warum trachten sie danach, verstehen zu wollen? Warum wollen sie das festhalten, was vergänglich ist? Howard Phillips starb dafür, dass es ihn in die Nähe der ultimativen Leere gezogen hatte, wo Azatoth, Dämonsultan, sein Kauderwelsch zornig in die Dunkelheit speit.”

Eine Welle aus Ungeduld und Verzweiflung erfasste ihn. Er stieß das Glas Eiswasser um, das man gerade erst vor ihn hingestellt hatte.

“Dummkopf!” rief er. “Er ist tot!”

Er stand auf und taumelte aus dem Zimmer, was traurige Blicke der Verwunderung nach sich zog. Ich blieb, wo ich war, erstarrt in teilnahmsloser Würde. Ein schwarzer Kellner brachte ein weiteres Glas mit Eiswasser.

Erstveröffentlichung in Cahiers de l’Herne, No. 12. Die Nummer war Lovecraft gewidmet, 1984.

Turm und Verlies

GrammaTau #40

Türme sind Türme, auch wenn dir
die elenden Verliese etwas anderes erzählen.
Schau sie dir doch an, wie sie da unten
die Erde nass halten, Brunnen bestehlen,
Wasser fangen und ihm Arges tun,
dann weißt du, wovon ich rede. Rede

ich zu viel? Stein beleidigt das Sonnenlicht.
Rede ich zu viel? Hier oben könnte das passieren,
die Luft meldet sich von ihrer Reise zurück,
behilft sich, durch Vogelschwingen sichtbar zu sein.
Die Wipfel im Gezeter um den ersten Tanz.
Als gäbe es keinen Schlund, der Höhlen imitiert.

Das zahnlose Maul, weil es nicht mehr beißt,
zersetzt die Beute zusammen mit dem Kakerlak.
Das Wimmern ist echt, es steht in den Ecken.
Die Gefallenen haben sich ein Schloss erbaut, eine
Welt an einem Nullpunkt, aber Türme sind Türme,
auch wenn dir die Verliese etwas anderes erzählen.

Return to sender

Es ist vermutlich jedem klar, dass ich einen Vogel habe, der keinen Namen hat. In diesem Sinne aber füttere ich ihn gut. Die Veranda, die auch seit 2008 so heißt, wurde kurzfristig für ein Projekt, das dann nicht zustande kam, in schneidering.de umbenant. Das Weblog war also über zweit Adressen zu erreichen. Es war lange nicht klar, ob ich überhaupt ein Interesse daran hatte, weiterhin ein literarisches Weblog zu führen. Die Antwort war und ist – im Grunde – Nein.  Aber ein Weblog, in dem alles möglich ist – das schon. Wo es keine Unterschiede zwischen Arno Schmidt, Donald Duck, David Lynch und der Rappelkiste gibt. Ein Interesse, nach außen zu dringen, habe ich immer weniger. Eine Rückkehr zur alten Adresse war deshalb schon notwendig, um einen psychologischen status quo wiederherzustellen.

Benjamin Stein, der unendlich Geduldige, auf dessen Server mein Krempel ja läuft, hat auch diesmal meinen Schnellschuss ausgemerzt, denn mit dem “Schneidering” als Begriff verbindet mich nichts, mit der “Veranda” hingegen verbindet mich alles. Der Rest bleibt sich gleich.

Mundtuch (Tische und Servietten)

Jetzt sind wir wieder beim Teich angelangt
und betrachten unsere Gesichter, durch die
Forellen schwimmen. Wenn Du hinein willst,
gehst Du hinein, wenn Dir kalt wird, schwimmst Du
zur Sonne. Deine Hülle ziert den Damm.
Eine starke Schnur verbindet die Ufer, ich finde Dich nicht mehr.

Sag, sind die Rosen angekommen? Ich nahm sie mit
aus dem Garten, dem sie Wächter waren.
Und nun, der Garten ohne sie, verwandelt sich
in Glas und Stein. Sag, sind die Briefe angekommen?
Schrieb sie auf Tische und Servietten und
hinterließ auch Deinen Namen dort.

Zu den Kanon(-)en

Schon etwas länger plage ich mich mit dem Gedanken herum, einen Kanon zu gestalten, der sich ganz der spekulativen Fiktion widmet (‘spekulative Literatur’ hörte sich vielleicht gebräuchlicher an, aber die Fiktion ist per se ein Gedankenspiel, das der Literatur voran geht, also zuerst da ist. Außerdem gehört die spekulative Fiktion zur Literatur, wie auch die Lyrik, der Comic, das Drehbuch etc. Literatur ist demnach nicht teilbar, Fiktion schon.). Ob das nun Gewäsch ist oder nicht, dachte ich zunächst an eine ungefähre Liste von 100 Büchern, die in loser Reihenfolge vorgestellt werden, bevor die Grenze dann notgedrungen überschritten wird. Auf eine Zahl wollte ich mich eigentlich nicht festlegen, dachte aber heimlich immer an die 1001-Serie der Edition Olms. Natürlich gibt es da auch die 1001 Bücher, die man gelesen haben sollte, bevor das Leben vorbei ist – da aber weigere ich mich. Zu viel davon will ich nicht lesen, zu viel davon habe ich schon gelesen und für nicht weiter wichtig befunden, zu wenig habe ich auf dieser Liste entdeckt, das nicht der Torwächter-Geschmack vorgibt, zu viele bedeutende Werke sind gar nicht vertreten. Da meine Einstellung zu vielen Dingen die natürliche Rebellion ist, dachte ich natürlich zunächst an einen Gegenkanon, was aber sinnlos ist, da kein einziger Kanon wirklich Gültigkeit über sich selbst hinaus besitzt. So auch nicht meiner, sollte er denn je entstehen.

Gegenwärtig habe ich im Phantastikon (und auch schon hier) mit der Stoffsammlung begonnen, aber 1001 Bücher werden es natürlich nicht werden. Tatsächlich bin ich der Meinung, dass es nicht mehr als 300 Bücher (oder Werke, wenn man die Zyklen miteinbezieht) gibt, die wirklich in Stein gemeißelt werden sollten, und das unabhängig vom allesbeherrschenden eigenen Geschmack. Slipstream, Fantasy, Horror, Science Fiction, Magischer Realismus … da gibt es noch eine Menge zu sichten und in vielen Belangen gilt es auch, sich mit Experten auseinanderzusetzen. Was ich seit Jahren tue. Und was bereits vor zwei Jahren zu einer rudimentären Liste der 100 besten Fantasy-Werke geführt hat, die nach hinten dann doch sehr dünn und unhaltbar wurde, weshalb ich sie wieder vom Netz nahm.

Wie mein weiteres Vorgehen diesbezüglich auch sein wird, kann es vorkommen, dass zunächst Bücher in dieser Liste auftauchen, die später wieder entfernt werden. Aber ein Echtzeit-Abenteuer hat durchaus seine Bewandnis. Man sieht die Leiden des alten Werther, wenn man so will, von einem, dem die Kugel nur das Gehirn gestreift, es aber nicht durchdrungen hat.

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