Die verhängnisvolle Leinwand

Die Dame von ehrwürdigem Alter führte ihn die alte Holztreppe nach oben, und er verspürte einen Schauder der Begeisterung, endlich hier an diesem Ort zu sein, von dem er so oft geträumt hatte. Es war nicht leicht gewesen, das Geld zusammenzusparen, das ihn den Flug nach Paris ermöglicht hatte – aber er wusste in diesem Augenblick, dass sich der ganze Aufwand gelohnt hatte. Sie erreichten den oberen Absatz und standen vor der Tür des berüchtigten Mansardenzimmers, wo die verblühte alte Dame zögerte, bevor sie den Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.

“Es ist seltsam, Monsieur. Ich fühle mich jedes Mal … ich mag es nicht, die Ruhe dieses Raums zu stören. Es ist albern, ich weiß, aber ich erwarte ständig, dass er bewohnt ist … von ihm. Man würde meinen, dass sein Selbstmord eine Aura des Todes und der Finsternis in diesem Raum hinterlassen hätte, aber man fühlt stattdessen … seine Jugendlichkeit. Sie porträtierten ihn abscheulich in diesem lächerlichen Film. Ich stamme ursprünglich aus England und hatte keine Vorstellung von der Legende des Mannes, als ich meinen französischen Ehemann heiratete, möge er in Frieden ruhen … Die Legende dieses Mannes begann in Ihrem Heimatland Gestalt anzunehmen, als Hollywood beschloss, die erfundene Geschichte über Honoré Radin zu verfilmen. Und jetzt sagen Sie mir, dass Sie eine Biographie über den Maler schreiben.“ “Die verhängnisvolle Leinwand” weiterlesen

Gertrude Atherton: Der Strid

Anmerkung des Übersetzers: The Strid ist ein echter Ort in Yorkshire und der Namensgeber der Geschichte von 1896. In der Nähe von Bolton Abbey bezeichnet er eine der Kreuzungspunkte des Flusses Wharfe. Athertons Inspiration für die Geschichte stammt von den zahlreichen Todesfällen, die sich am Strid ereignet haben, einem schmalen Abschnitt des Flusses, der aus Stromschnellen, Wasserfällen, Unterwasserfelsen, tiefen Wasserfällen im Flussbett und plötzlichen Untertrömungen besteht. Es ist einer der tödlichsten Flussabschnitte der Welt, mit einer fast 100%igen Todesrate für diejenigen, die hineinfallen.

 

Weigall, ein provinzieller und distanzierter Zeitgenosse, war früh schon der Moorhuhnjagd überdrüssig. Es kam ihm vor wie eine Parodie auf die Vorfahren, die in den Mooren und Wäldern des West Riding of Yorkshire auf der eifrigen Jagd nach Wild, das es sich zu erlegen lohnte, umhergestreift waren, wenn man sich hinter einen Lattenzaun zu stellen hatte, während die Männer seines Gastgebers die Vögel mit langen Stangen in Richtung der Gewehre trieben. Doch wenn er sich im August in England aufhielt, akzeptierte er gerne, was für die Saison geboten war und schlug seinem Gastgeber vor, doch einmal Fasane in seinen Ländereien im Süden zu schießen. Er war der Auffassung, dass die Vergnügungen des Lebens mit der gleichen Philosophie akzeptiert werden sollten wie seine Übel. “Gertrude Atherton: Der Strid” weiterlesen

Richard & Billy Chizmar: Widow’s Point

Obwohl ich den Buchheim Verlag schon länger verfolge, war es mir bisher nicht vergönnt, auf eine Veröffentlichung aus diesem Hause zuzugreifen. Das lag an meinem Leseprogramm und keineswegs an mangelnder Neugier, denn wie Olaf Buchheim überhaupt zu Büchern steht, ist im Zeitalter des Abfalls und der Lieblosigkeit ein kleines Wunder. Als ausgesprochener Liebhaber von Erzählungen, die bis zur Novellenstärke reichen, war ich natürlich auf die Cemetery Dance-Übersetzungen gespannt. Cemetery Dance Publications wurde 1988 von Richard Chizmar gegründet und gilt weithin als der weltweit führende Spezialverlag für Horror und dunkle Phantastik, also in etwa das, was Festa und Buchheim in unseren Landen abliefern. Anders als bei uns erfährt der Verlag jedoch in den USA landesweite Beachtung und jede große Tageszeitung Amerikas und Englands – angefangen von der New York Times bis hin zum Guardian – hat über das literarische Unternehmen der Nachtseite berichtet. Das erwähne ich nur, um den Kontrast zu unserer kulturellen Mentalität etwas herauszustellen. Darüber hinaus hat das Hauseigene Magazin alle wichtigen Genre-Preise gewonnen und liegt nahezu in jedem Kiosk aus. Die Zahl der Abonnenten steigen jährlich und somit findet hier ebenfalls eine Gegenbewegung zum sterbenden Print statt. Abgesehen von der Qualität ist das Besondere des Verlags, dass hier die größten und hellsten Sterne des Genres veröffentlicht wurden und werden, bevor die großen Verlagen auch nur eine Idee davon bekommen. “Richard & Billy Chizmar: Widow’s Point” weiterlesen

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand: “Die Herberge” weiterlesen

Jean Paul-Sammlung

Er ist ja neben den Grimms, Luther, Arno Schmidt und Erika Fuchs nicht nur dafür verantwortlich, dass wir einen fulminanten Wortschatz haben, sondern darüberhinaus auch noch mein Landsmann. Ich stand als Kind nicht selten vor den Toren seines Geburtshauses in Wunsiedel, und dachte mir, dass ich ebenfalls versuchen wolle, Notizbuch um Notizbuch zu füllen. Er ging nicht so weit fort wie ich und blieb in seinem Kulturkreis, während ich im Allgäu landete. Da er einer meiner Meister ist, beforsche ich neben seinem Werk auch die unterschiedlichen Biografien, allein schon, weil die Zeit, in der sich sein Leben entfaltete, meine Wahl-Zeit ist. Darüber lässt sich ein andermal mehr räsonieren. Wenn man sammelt, ist man nie auch nur annähernd komplett (ich könnte jetzt noch auf die Pappbände von J.G. Cotta gehen), aber inhaltlich ausgewogen. So wie Arno Schmidts Schreibmaschine hätte ich natürlich noch gern sein Tintenfass. Aber es reicht vielleicht, wenn ich eines Tages dieses Rezept nachbaue, um es in einen Flakon zu tun.

Von den unterschiedlichen Biographien sei vermeldet, dass sie tatsächlich sehr unterschiedlich sind. Mein Lieblingsstück ist noch immer das Buch von Günther de Bruyn, während mir Beatrix Langner die schlechteste Figur zu machen scheint. Das hat gar nichts mit den Fakten zu tun, denn da ist Langner wahrlich sensationell ausgerüstet, sondern mit dem Stil. Das ist zB. etwas, das ich an Safranski (Schopenhauer, Hoffmann, Romantik, Schiller, Hölderlin …) sehr schätze, der eine meiner Lieblingsepochen derart plastisch heraufbeschwören kann, dass man ein idealistisches Lesevergnügen verspürt. De Bruyn ist da ganz nah dran, dicht gefolgt von Helmut Pfotenhauer.

Interessanterweise erfährt man in keiner der mir vorliegenden Biographien etwas von der Bedeutung, die Jean Pauls Werk auf Robert Schumann ausübte, eine Tatsache, die in musikwissenschaftlichen Kreisen längst als selbstverständlich anerkannt wird. Schumann selbst spielte auf diesen Einfluss mehrfach an: Er verglich Jean Paul mit Schubert und Beethoven, zwei seiner musikalischen Helden, und bestand darauf, dass er von seinem Lieblingsautor mehr über den Kontrapunkt gelernt habe als von seinem Kompositionslehrer Heinrich Dorn. Es ist überraschend, dass dem Verhältnis zwischen Jean Paul und Schumann so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, vor allem wenn man das jüngste Interesse der Wissenschaftler an den Querströmungen zwischen Musik und Literatur des 19. Jahrhunderts betrachtet.

Jean Paul nimmt in der deutschen Literatur eine Sonderstellung ein, das hat er ungefähr mit Arno Schmidt gemeinsam, wenn auch in einem ganz anderen Kontext. Geschätzt von einigen, mit Desinteresse gestraft von anderen, nannte August Wilhelm Schlegel seine Romane “Selbstgespräche”, an denen er den Leser teilhaben ließ – in dieser Hinsicht sind sie sicher eine Übertreibung dessen, was Laurence Sterne im Tristram Shandy begonnen hatte. Jean Paul spielte ständig mit einer Vielzahl von witzigen und bizarren Ideen; seine Werke sind geprägt von wilden Metaphoriken sowie von abschweifenden, manchmal labyrinthischen Handlungssträngen. In ihnen vermischte er Reflexionen mit poetischen und philosophischen Kommentaren; neben witziger Ironie gibt es plötzlich bittere Satire und milden Humor, neben nüchternem Realismus kommt es zu verklärenden, oft ironisch gebrochene Idyllen.

Es gibt ein interessantes Tintenrezept von ihm, das ich noch gerne hier anführe (man kann es eh nicht nachbauen, wie es da steht):

“Weinessig – / Nach Abkühlung / Galläpfel nicht zu klar / Auch Gummi nicht / Auch Vitriol nicht / ZugußDinte.”

Ödmarken der Dunkelheit

Die Städte sind Wunden, eine ist so gut wie die andere. Sie bluten nicht, sie verwesen. Niemand ist imstande, sich vor den Fängern zu schützen. Der Geruch ist unbeschreiblich.

Aus den Trümmern herauslugen : rechts eine Anhäufung aus Staub, sieht aus wie Vogelsand, darin winden sich noch Mauerreste, die Straße ist nur eine zerhackte, schwärende Schlange, vor langem schon gestorben. Sie stutzt, verzögert den Schritt, sieht ihn aber nicht im Schatten des Mauerwerks stehen.

Der Wanderer versucht, leise zu sein. In dieser Welt ist alles still, wenn es nicht gleich tost. Er kommt einen Schritt aus der zerfetzten Häuserecke heraus, hellblau ihr Kleid, ihre Schürze vielleicht weiß, alt, wie gefunden, von den Toten gespendet, ihre honigblonden Haare drängeln sich in ihr Gesicht. Sie entledigen sich von selbst dem Zopfband (nicht zuverlässig gebunden, die Eile …)

Sie stutzt erneut, bleibt vorsichtig aus gutem Grund.

Von Ferne : Rufen. Ein weiteres Haus stürzt ein.

Sie tauchen nebeneinander in die Gasse, der Himmel ein grässlicher Ozean, aufgesperrter Schlund mit Zähnen, Schilder quietschen, rostige Rinnsale öden aus geplatzten Leitungen, Reste.

Wir sehen die Gespenster nicht, weil unser Überleben nicht davon abhängt, sie zu sehen. Außerhalb unserer Subjektivität spielt die Welt ihr eigenes Spiel, wahrgenommen nur von wenigen, die es sich leisten können, die Welt zu erfahren, wie sie unabhängig von unserer Naivität existiert.

Er hilft ihr mit dem Kleid, die Strümpfe schön dreckig, um sie herum weitläufiges Dunkel. Wir träumen die Welt, sie ist so flüssig; denken uns Schulen im Schlick. Das Land erkriechen, vor Räubern fliehen, sich paaren, Nahrung suchen. Nichts hat sich verändert, nur der Ozean will uns nicht zurück. Wir tun uns zusammen zu Familien, die eigene Urzellenbrut.

Dort, wo er sie verließ, wie die Blumen das Meer nicht berühren, schob er sich während des Schlafes über die nachtgrünen Wiesen, eine sanftblaue Stille verdeckte den Rand des Waldes. Er schwebte über die Telefonmasten hinweg, sah das Hängemanöver der Leitungen, die Drähte randvoll mit Stimmen, Bescheidsagungen, manchmaligem Schweigen, nur Atmen. Er geht ihr nach durch eine Sonnenscharte. Hier ist alles eingerissen, ein wimmernder Mund unter Fäulnis begraben. Er breitet aus, was er hat, eingewickelt in ein windiges Tuch : Margarine, etwas ranzig an den Seiten, aber auf einem Butterbrotpapier, Kipf Brot; wenn man die Rinde wegschneidet, eßbar; ohne Schimmel, aber hart, in Kornkaffee eingelegt : lecker; paar Gläser Jagdwurst und Schweinskopfsülze, eingemacht für die Ewigkeit, die sie ja jetzt gerade zu erdulden haben. Die Nacht zittert, die Metallblanken werfen Mond.

Der Wanderer sah sich immer gern die alten Filme an : Tarantula, Westworld. Diese Frisuren und Farben und alle rauchen. Gemessen an den Sternen sind wir nichts, aber Sterne sind wir ja selbst. Unsere Umlaufbahn ist das Verderben. Er träumte die Seele über die Dächer, über die Masten der Telefonleitungen, ein Glaspalast der schlafende Körper, der weiß, daß sein Erbauer schläft. Sie schluckt einen schweren Brocken Sulz, wischt sich den Mund mit dem Ärmel ab.

Das ist nur ein Spiel, eine Theateraufführung. Leben bedeutet, in eine fremdartige Geisteskammer einzudringen, deren Fußboden das Spielbrett ist, auf dem wir ein unvermeidliches, unbekanntes Spiel gegen einen wechselnden und bisweilen grauenerregenden Gegner spielen. Von einem schlimmen Regen in einen schlimmen Sonnenschein, in der Wüste der Durst, im Bett die Wanzen, in der Stadt der Beton, alles, was wir einäschern, neu bauen.

Es gibt sie, diese merkwürdigen Orte, Ödmarken der Dunkelheit und der Kälte, die wie ein fauliges Geschwür unvermittelt in einer Landschaft auftauchen, dieser alles von ihrer Schönheit rauben. Starke Bilder, das sind wiederkehrende Bilder, Wiederholung liegt in der Natur, ohne daß sich das Wiederholte jemals gleicht.

In der Symbolik der Mythen ist die Einheit sowie die Wiederholung enthalten. Wir müssen also alles durchspielen können, aber das gelingt uns nicht, uns fehlt die Zeit. Nach dem Hunger, dem Durst, dem Dach über dem Kopf: die Suche nach dem Tod.

Die Luft tobt, Schall bricht sich. Sie beleckt das Butterbrotpapier unbeeindruckt.

Ich habe dich gesehen, auf dem Bauernhof heute morgen. Du bist gegangen, als ich ankam. Wo wärst du hingegangen, wenn ich dich nicht aufgehalten hätte?

Ich wäre gelaufen, soweit es eben geht. Blut schmeckt manchmal besser als Wasser, es schmeckt besser als Milch. Es fühlt sich an, nun … als könne man die Welt wirklich in sieben Tagen erbauen.

Jemand schreit um sein Leben, aber dann erstirbt die Stimme schon blubbernd, das Licht senkt sich herab. O Fortuna! Es zieht sie zu einem großen Spalt im Mauerwerk, um die Fänger von oben zu betrachten.

Der Elvegust

Der Wetterbericht hat den Sturm nicht angekündigt, der sich zunächst über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Alleen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt. Wer in den Betten liegt, wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und geschlossenen Fensterläden dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben. Niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen. Wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben.

Es beginnt mit einer jähen Wolke, unangenehm schwarz und quälend wie ein böser Gedanke. Und ebenso plötzlich entlädt sich diese Wolke, die pumpend die leuchtenden Sterne verdeckt. Capella in der Konstellation Fuhrmann, Pollux in den Zwillingen, Prokyon im Kleinen Hund. Das bedrohliche Massiv hat unscheinbar begonnen, als cumulus humilis, nicht zu unterscheiden von einem Papiertaschentuch, das von einem Hochhausbalkon geworfen trudelnd in der Tiefe den Wind zu reiten versucht, unbeachtet von jenen, die ab und zu zwinkernd den Kopf in den knirschenden Nacken legen, um zu erkennen, was da oben vor sich geht.

Als kondensierter Atem zieht das Wölkchen einer Herde halbstarker Gewitterwolken nach, verliert dann jegliche Spur von ihnen und bebt seinem persönlichen Bestimmungsort entgegen. Einmal nur gebraucht zu werden, den Himmel zu verdunkeln, elektrische Ladung auf sich zu ziehen, um damit Tonnen von Regenwasser auszulösen, das ist der Traum eines jeden heranwachsenden Nebelknäuels, Teil des angeblichen Zufalls, der sich im Kupferkessel der Troposphäre zusammenbraut. Wird das Wölkchen nicht bereits besungen? Mit jedem ›dum-di-dum‹ erklingt sein Name, der zur Gänze ›Dumdidum Wisch‹ lautet. Die Wolke ist eindeutig zu jung, um sich noch an Goethe zu erinnern, der sich auf der Luisenburg in den Granit verliebt hatte. Allzu kurz währt ein dunstiges Leben, nur wenige, die als gewaltiges Gewitter ihre Karriere beenden, bringen es überhaupt zu Ruhm : Galveston, Betsy, Inez, Beulah.

Die cumulus humilis genießt die gegenwärtig stattfindende Konvektion. Thermische Energie kitzelt sie so lange, bis sie vor Lachen, das keiner Heiterkeit entspringt, die Grenzschicht der Troposphäre durchstößt. In der Folge werden ganze fünf Häuser allein in Schwarzenhammer abgedeckt. Zaunlatten fliegen wie olympische Speere durch die Luft. Konrad Hartlings Taubenschlag, der neben der gewaltigen Linde auf einem phallusähnlichen Pfahl in ein hölzernes Miniaturschlößchen mündet, das wohl das gleich gegenüber zu bestaunende, echte Jagdschloss verstörend ungenau nachbilden sollte, wird aus seinem Betonsockel gefetzt. Eine Woche später hat er es wieder aufgebaut, aber keines der dort heimischen Tiere kehrt je zurück.

Bei Hendelhammer, wo die Nordufer der Eger steil abfallen, rutscht ein ganzer Hang ab. Auf den nach Süden gewandten Ackerflächen, die hauptsächlich aus verwitterten Granitporphyr bestehen, findet der aggressive Wind seine passende Munition in Form von Felsbrocken unterschiedlichster Größe, die er im Vorbeistürmen aufklaubt und gegen Hauswände wirft. Etliche Scheiben bersten unter den zeternden Elementen. Die Hauptzerstörungslinie befindet sich jedoch parallel zur Schlossstraße, die sich von Thierstein kommend an der Hohen Mühle vorbei wie eine träge Schlange durch Kaiser- und Schwarzenhammer windet, dort zur Egerstraße wird, und dann durch den Selber Forst, am dortigen Schausteinbruch vorbei, direkt in die Porzellanstadt Selb hinein führt.

Der Ort wirkt friedlich aber leer. Die Kulisse steht seit Jahrzehnten unverändert. Wenn es je ein Geisterdorf gegeben hat, dann ist es Schwarzenhammer, zu unwichtig, um erneuert und restauriert zu werden. Aufrechterhalten durch die Erinnerung der Fortgegangenen und der Toten, die ihre Energien hier zurückließen. Die Koffer des Lebens, das sie führten. Sie können zurückkehren, wenn ihre Häuser noch stehen, wenn es einen Gegenstand gibt, mit dem sie verschmolzen sind. Sie benötigen ihre Nachfahren nicht, keinen trauernden Verstand, der sie nicht loslässt. Der Körper ist stets nur die Flasche des Geistes. Was sie brauchen, ist das Tableau, eine Anordnung von Bauwerken, Straßen, Gassen und Wegen. Wie bei einem Tresorzahlenschloss können dann die Korridore geöffnet werden, Zeitenunabhängig, in beide Richtungen begehbar.

Die Vergangenheit sitzt gerne in ihrem alten Lehnstuhl, um das Treiben zu beobachten, das sich um die Zukunft dreht, um das Ausweiten von Raum durch Bewegung. Kindheiten tauchen auf, nachtbehemdet, wie ein Schock, nicht nur wie eine Brise. Die Nacht ist ein lebendiges Wesen, die Buntspechte holzen und rattern mit ihren Schnabeläxten tief in die Bäume hinein, die sofort damit beginnen, ihre Nadeln fallen zu lassen.

Johanna Specht sieht die Wolke laut poltrig anrollen, die Schönheit der Zerstörung im Gepäck, erblickt den Zauber sich entladender Blitze. Ihr Strickzeug ruht auf dem Donington-Polstersessel mit Tartanmuster im Eck, das dort den Embryo eines Pullovers aufspießt. Auge in Auge mit der Spiegelung, die noch von einem abgerissenen Giebel reflektiert wird und ihr kurz zulächelt, um dann mit nicht wenig Getöse von der Linde abzuprallen und zerschmettert liegen zu bleiben, bemerkt sie als Erste das Fehlen des Taubenschlags.

Trotz fehlender Unterspannbahn, schadhafter Blecharbeiten an Gesimsen und Kehlen, trotz versotteter Schornsteinköpfe, dem Schädlingsbefall im nicht gedämmten Dachstuhl, den Rissen im Putz, dem Schädlingsbefall an den Holzbalkendecken, den schadhaften Holzdielen, den feuchten Kellerwänden und der aufsteigenden Feuchte durch eine fehlende Abdichtung, durch schadhafte Zinnabdeckungen an den hervorstehenden Fassadenteilen, den angefaulten Balkenauflegern der Geschoßdecken, den Holzbalkendecken mit ungenügendem Schallschutz, dem schadhaften Innenputz, der direkten Schallübertragung durch die Treppen, den abgeplatzten Betondecken im massiven Keller mit der zu geringen Deckenhöhe, gibt sie sich unbekümmert.

Nichts rinnt so schön von dannen wie flüssige Nacht, nichts erwacht vorzüglicher als ein wilder Traum. Johanna wendet sich ab, sieht kurz nach, ob ihr Mann noch atmet, und legt sich dann auf ihr eigens dafür hergerichtetes Kanapee. Sie hat zu viel erlebt, um sich noch einen Gesichtsausdruck zu gönnen, der Erstaunen ausdrückt.

Ungesehene Winkel

Das Aufblitzen der Scheinwerfer eines sich nähernden Knudson-Taunus fräst für kurze Zeit einen gespenstischen Schein in die Nacht. Die Häuser entlang der Schlossstraße wirken wie übriggebliebene Kulissen aus Alain Resnais ›Letztes Jahr in Marienbad‹, wo die Komposition stets wichtiger ist als die Aktion, die Sinneseindrücke persönlicher als die Interpretation. Ansaugen, Verdichten, Arbeiten, Ausstoßen. Ein Schattenregister.

Gitternetz der Beobachtung : verschwunden ist das, was die Pupille nicht streift, ein Winkel (nie gesehen), möglicherweise ein Scheunentor, ein Stein unter der Brücke, ein Grashalm im Wasser neben dem eigenen Gesicht.

Etwas, das nicht getan wurde, das nie getan wurde, schleppt sich durch die Straßen, wird vielleicht von fremden Gezeiten geträumt, wird vielleicht im späteren Verlauf erinnert, kann nicht aus seiner Zelle entkommen, bleibt in der Wahrscheinlichkeit stecken, in einem falschen Hals, nur eine Gräte der Historie.

Dechiffriertes Bild : immer zur selben Zeit, ein Spuk am simulierten Tag, ein Winkel ist Schatten genug. Den Blick darauf zu richten oder den Blick nicht darauf zu richten, die Augen abwenden oder heimlich eine unmögliche Position einnehmen. Etwas Ungewöhnliches tun, das alles, bevor die Zeit abgelaufen ist. Der Instinkt eines weiteren unsinnigen Tages entvölkert alle Verpflichtungen, vielleicht mit Wasser in den Ohren oder einem Okular auf der Nase, hin und her gehen ohne Ziel, nur hin und her wogen, in Gedanken an das letzte Erlebnis ohne Körper, mit den Schafen Gras rupfen und mit einer Katze zusammen aus einer Regenpfütze trinken. Diejenigen, die stehen bleiben, unterbrechen sich, begegnen ihren ungesehenen Winkeln. Die Verrücktheit ist ein fremder nasser Schoß, die einzige Rettung für den Gaumen, der das Dorf beherbergt, der Laden wird gleich schließen, niemand betritt das Haus von gestern oder wiederholt seine Worte.

Hungrige witternde Rehe stehen unter geschlossenen Kronendächern und ein Fuchs schnürt unruhig um das Dorf, selbst Teil der Low-Key-Beleuchtung, ausgelöst durch versprengt herumeilende Himmelskörper. Die Zeit hat sich aus den Dörfern in die Städte zurückgezogen, in die großen, ruhelosen Metropolen, zu Neonlichtern, zu Fassaden, die pausenlos Reklame ausspeien wie Wahrsager. Die Städte sind ohne ein Jenseits, sind nur Gegenwart, Rotation und Umschlag, hingegen ist in den Dörfern die Zeit entschlafen. In all dieser Zeitlosigkeit aber funkeln bereitwillig Sterne über Schlaf und Traum und reinigen die Skulpturen menschlicher Behausung.

Schlafparalyse und die Mädchen aus “The Ring”

Ich habe fast jede Nacht Schwierigkeiten beim Einschlafen. Vor zwei Nächten war mein Gehirn überaktiv, und ich wusste, dass die nächste Schlafparalyse in die Poren meiner Haut eindrang. Ich bin es mittlerweile gewohnt. Die Taubheit. Die Hilflosigkeit, wenn es beginnt. Nach jahrelanger Erfahrung weiß ich, wie ich mich daraus befreien kann. Ich weiß, dass die Angst vorübergehend ist. Ich weiß, wie ich die Schattenhände anschreien muss, die meinen Hals packen oder sich in meine Schultern und meinen Bauch krallen. Die Welt ist während der Schlafparalyse in schwarz und weiß getaucht. Die Umgebung ist statisch und ruhig. Ich öffne meine Augen in einer grauen Dimension und weiß, dass etwas mich beobachtet und darauf wartet, meinen Körper zu ergreifen. In diesen Träumen bin ich eine Außenseiterin. Ich kann meinem physischen Körper nicht etwa mitteilen, dass mich etwas beobachtet.

Die Bilder und Stimmungen, die Hideo Nakata in Ringu und Dark Water eingefangen hat, erinnern mich an jene Landschaften, die mein Gehirn während der Schlafparalyse erzeugt. Seine Filme fühlen sich vertraut, fast nostalgisch an. Ich habe mich in diese beiden Filme verliebt, wegen der körnigen blau-gelben Atmosphäre und wegen der jungen Geister (Sadako und Mitsuko), die die Hauptfiguren verfolgen. Auch für mich gibt es in den Filmen ein kathartisches Element. Ich kann die Kinderversion von mir in diesen zwei Charakteren erkennen. Wenn ich im Alter von sieben Jahren in einen Geist verwandelt worden wäre, würde sich ein Fluch als Folge meines Todes manifestieren. Ich sage das im Scherz, aber die Wut, die als Kind in meiner Kehle saß, war erheblich. Da war ein Durcheinander aus Verwirrung und Groll in mir. Diese ganze Verachtung drückte mir Brust und Lunge zusammen. Ich wollte ein Zimmer mit der Asche eines anderen Mannes füllen. Dieser Mann hat mir ein Trauma zugefügt. Er war kein Monster. Er war nur ein einfacher Mann. Ich kann verstehen, warum Sadako einen Fluch auf das Videoband webte. Sie versuchte verzweifelt aus dem Brunnen zu klettern. Niemand kam, um sie zu retten. Ich kann verstehen, warum Mitsuko in diesem Apartmentkomplex umging. Sie wollte gefunden werden. Sie wollte, dass jemand sie pflegt, selbst nach ihrem Tod. “Schlafparalyse und die Mädchen aus “The Ring”” weiterlesen