Die Veranda

Das phantastische Leben in der alten Spinnerei

Schlagwort: sterne (Seite 1 von 2)

Ungesehene Winkel

Sandsteinburg #17

Frühlingserwachen mit entferntem Honiggeruch, Kaffee weht schillernd durch den Flur, Schafscheiße ganz sanft im Rachen, prägnante Wolle, Pulloverpollen, der blühende Garten, tempus fugit. Aber er kann das Jetzt riechen, zumindest eine Femtosekunde lang, sogar die Linzer Torte von letzter Woche, deren Krumen im wasserblauen Kunstfaser-Flokati keimen. Und wer weiß: eines Tages hängen vielleicht Kuchen-Nüsse an den jungen Trieben, die Sonne Österreichs.

Alles rinnt den Bach hinunter & eigentlich wäre sie fast ersoffen, wenn nicht ein Lastwagen sie herausgezogen hätte, als schon der Sumpf derart nach ihr gierte, sie schlammdreckig zu machen wünschte (die Kleider klebten an ihrem Portemonnaie & außerdem unter ihrer Haut, durch die Poren drückten sich Moose, Schleimsand, Kraut, die Augen riesengroß / schwarz / rund: oxidierte Schädeldecke, von Fell voll; silbriger Bewuchs des Doppel=Balkons, die Stelzen ruderten quick, mit halber Kraft voraus. Der Lastwagen beschleunigte sauerstoffgegräßig, sie fasste die Anhängerkupplung; voller Schmiere das starke steife Stück. Zwischen ihren Fingern glibschte das Maschinenöl, spritzte ihr Reste ins Gesicht, der Auspuff föhnte ihr Haar zu einer ehernen Skulptur nach hinten. Als sie dann auf der Straße lag, keuchte das dunkle, fordernde Loch.

Autos hupten in langsamer Vorbeifahrt. Sie gehörte niemandem, sie gehörte jetzt niemandem.

Das Aufblitzen der Scheinwerfer eines sich nähernder Knudson-Taunus fräst für kurze Zeit einen gespenstischen Schein in die Nacht. Die Häuser entlang der Schlossstraße wirken wie übriggebliebene Kulissen aus Alain Resnais ›Letztes Jahr in Marienbad‹, wo die Komposition stets wichtiger ist als die Aktion, die Sinneseindrücke persönlicher als die Interpretation. Ansaugen, Verdichten, Arbeiten, Ausstoßen. Ein Schattenregister.

Gitternetz der Beobachtung: verschwunden ist das, was die Pupille nicht streift, ein ungesehener Winkel, möglicherweise ein Scheunentor, ein Stein unter der Brücke, ein Grashalm im Wasser neben dem eigenen Gesicht.

Etwas, das nicht getan wurde, das nie getan wurde, schleppt sich durch die Straßen, wird vielleicht von fremden Gezeiten geträumt, wird vielleicht im späteren Verlauf erinnert, kann nicht aus seiner Zelle entkommen, bleibt in der Wahrscheinlichkeit stecken, in einem falschen Hals, nur eine Gräte der Historie.

Hungrige witternde Rehe stehen unter geschlossenen Kronendächern und ein Fuchs schnürt unruhig um das Dorf, selbst Teil der Low-Key-Beleuchtung, ausgelöst durch versprengt herumeilende Himmelskörper. Die Zeit hat sich aus den Dörfern in die Städte zurückgezogen, in die großen, ruhelosen Metropolen, zu Neonlichtern, zu Fassaden, die pausenlos Reklame ausspeien wie Wahrsager. Die Städte sind ohne ein Jenseits, sind nur Gegenwart, Rotation und Umschlag, hingegen ist in den Dörfern die Zeit entschlafen. In all dieser Zeitlosigkeit aber funkeln bereitwillig Sterne über Schlaf und Traum und reinigen die Skulpturen menschlicher Behausung.

Es gab einen Sturm (1)

Sandsteinburg #3

Der Wetterbericht hat den Sturm nicht angekündigt, der sich zunächst über Mülleimer hermacht, wie ein zorniges Kind Zweige von den Bäumen der Al­leen bricht und die herabstürzenden Tropfen in jeden Winkel wirbelt. Wer in den Betten liegt, wird durch das Trommeln gegen die Fensterscheiben und geschlossenen Fensterläden dazu ermuntert, sich tiefer in den Schlummer zu begeben. Niemand wagt sich um diese Zeit freiwillig nach draußen. Wie es aussieht, wird es einen neuen Tag nicht geben.

Es beginnt mit einer jähen Wolke, unangenehm schwarz und quälend wie ein böser Gedanke. Und ebenso plötzlich entlädt sich diese Wolke, die pumpend die leuchtenden Sterne verdeckt. Capella in der Konstellation Fuhrmann, Pollux in den Zwillingen, Prokyon im Kleinen Hund. Das bedrohli­che Massiv hat unscheinbar begonnen, als cumulus humilis, nicht zu unter­scheiden von einem Papiertaschentuch, das von einem Hochhausbalkon ge­worfen trudelnd in der Tiefe den Wind zu reiten versucht, unbeachtet von je­nen, die ab und zu zwinkernd den Kopf in den knirschenden Nacken legen, um zu erkennen, was da oben vor sich geht.

Als kondensierter Atem zieht das Wölkchen einer Herde halbstarker Ge­witterwolken nach, verliert dann jegliche Spur von ihnen und bebt seinem persönlichen Bestimmungsort entgegen. Einmal nur gebraucht zu werden, den Himmel zu verdunkeln, elektrische Ladung auf sich zu ziehen, um damit Tonnen von Regenwasser auszulösen, das ist der Traum eines jeden heran­wachsenden Nebelknäuels, Teil des angeblichen Zufalls, der sich im Kupfer­kessel der Troposphäre zusammenbraut.

Wird das Wölkchen nicht bereits besungen? Mit jedem ›dum-di-dum‹ er­klingt sein Name, der zur Gänze ›Dumdidum Wisch‹ lautet. Die Wolke ist ein­deutig zu jung, um sich noch an Goethe zu erinnern, der sich auf der Luisen­burg in den Granit verliebt hatte. Allzu kurz währt ein dunstiges Leben, nur wenige, die als gewaltiges Gewitter ihre Karriere beenden, bringen es über­haupt zu Ruhm: Galveston, Betsy, Inez, Beulah.

Die cumulus humilis genießt die gegenwärtig stattfindende Konvektion. Thermische Energie kitzelt sie so lange, bis sie die Grenzschicht der Tropo­sphäre durchstößt. In der Folge werden ganze fünf Häuser allein in Schwar­zenhammer abgedeckt. Zaunlatten fliegen wie olympische Speere durch die Luft. Konrad Hartlings Taubenschlag, der neben der gewaltigen Linde auf ei­nem phallusähnlichen Pfahl in ein hölzernes Miniaturschlösschen mündet, das wohl das gleich gegenüber zu bestaunende, echte Jagdschloss verstörend ungenau nachbilden sollte, wird aus seinem Betonsockel gefetzt. Eine Woche später hat er es wieder aufgebaut, aber keines der dort heimischen Tiere kehrt je zurück.

Bei Hendelhammer, wo die Nordufer der Eger steil abfallen, rutscht ein ganzer Hang ab. Auf den nach Süden gewandten Ackerflächen, die haupt­sächlich aus verwitterten Granitporphyr bestehen, findet der aggressive Wind seine passende Munition in Form von Felsbrocken unterschiedlichster Größe, die er im Vorbeistürmen aufklaubt und gegen Hauswände wirft. Etli­che Scheiben bersten unter den zeternden Elementen. Die Hauptzerstörungs­linie befindet sich jedoch parallel zur Schlossstraße, die sich von Thierstein kommend an der Hohen Mühle vorbei wie eine träge Schlange durch Schwar­zenhammer windet, dort zur Egerstraße wird, und dann durch den Selber Forst, am dortigen Schausteinbruch vorbei, direkt in die Porzellanstadt Selb hinein führt.

Der Ort wirkt friedlich, aber leer. Die Kulisse steht seit Jahrzehnten un­verändert. Wenn es je ein Geisterdorf gegeben hat, dann ist es Schwarzen­hammer, zu unwichtig, um erneuert und restauriert zu werden. Aufrechter­halten durch die Erinnerung der Fortgegangenen und der Toten, die ihre Energien hier zurückließen. Die Koffer des Lebens, das sie führten. Sie kön­nen zurückkehren, wenn ihre Häuser noch stehen, wenn es einen Gegen­stand gibt, mit dem sie verschmolzen sind. Sie benötigen ihre Nachfahren nicht, keinen trauernden Verstand, der sie nicht loslässt. Der Körper ist stets nur die Flasche des Geistes. Was sie brauchen, ist das Tableau, eine Anord­nung von Bauwerken, Straßen, Gassen und Wegen. Wie bei einem Tresorzah­lenschloss können dann die Korridore geöffnet werden, Zeitenunabhängig, in beide Richtungen begehbar.

Die Vergangenheit sitzt gerne in ihrem alten Lehnstuhl, um das Treiben zu beobachten, das sich um die Zukunft dreht, um das Ausweiten von Raum durch Bewegung. Kindheiten tauchen auf, nachtbehemdet, wie ein Schock, nicht nur wie eine Brise. Die Nacht ist ein lebendiges Beben, die Buntspechte holzen und rattern mit ihren Schnabeläxten tief in die Bäume hinein, die so­fort damit beginnen, ihre Nadel fallen zu lassen.

Johanna sieht die Wolke laut poltrig anrollen, die Schönheit der Zerstö­rung im Gepäck, erblickt den Zauber sich entladender Blitze. Ihr Strickzeug ruht auf dem Donington-Polstersessel mit Tartanmuster im Eck, das dort den Embryo eines Pullovers aufspießt. Auge in Auge mit der Spiegelung, die noch von einem abgerissenen Giebel reflektiert wird und ihr kurz zulächelt, um dann mit nicht wenig Getöse von der Linde abzuprallen und zerschmettert liegen zu bleiben, bemerkt sie als Erste das Fehlen des Taubenschlags.

Trotz fehlender Unterspannbahn, schadhafter Blecharbeiten an Gesim­sen und Kehlen, trotz versotteter Schornsteinköpfe, dem Schädlingsbefall im nicht gedämmten Dachstuhl, den Rissen im Putz, dem Schädlingsbefall an den Holzbalkendecken, den schadhaften Holzdielen, den feuchten Kellerwän­den und der aufsteigenden Feuchte durch eine fehlende Abdichtung, durch schadhafte Zinnabdeckungen an den hervorstehenden Fassadenteilen, den angefaulten Balkenauflegern der Geschossdecken, den Holzbalkendecken mit ungenügendem Schallschutz, dem schadhaften Innenputz, der direkten Schallübertragung durch die Treppen, den abgeplatzten Betondecken im massiven Keller mit der zu geringen Deckenhöhe, gibt sie sich unbekümmert.

Nichts rinnt so schön von dannen wie flüssige Nacht, nichts ist stärker als ein wilder Traum, der wahr wird. Johanna wendet sich ab, sieht kurz nach, ob ihr Mann noch atmet, und legt sich dann auf ihr eigens dafür herge­richtetes Kanapee. Sie hat zu viel erlebt, um sich noch einen Gesichtsaus­druck zu gönnen, der Erstaunen ausdrückt.

Abwasser gurgelt penetrant durch marode Rohre, verborgen im Fleisch der Hauswände, eine Welt zugekleisterter Löcher, versteckter Eingeweide. Ein erster Traum, ein zweiter Traum in diesem. Das Geräusch sterbender Mäuse, ihre Kadaver in den Rinnstein gespült, freigelegt von der Ebbe böse funkelnder Straßen, die überall hinführen, nicht aber zu einem Ziel.

Die Herberge

Es war warm. Der Himmel lose von Wolken. Zeit und Sonnenstand nachvollziehbar durch den Dauerhupton einer sich hinziehenden Hertzfrequenz, die sich zuvor durch ein alarmierendes, immer wiederkehrendes Aufheulen angekündigt, sich dann aber nach einigen Sekunden in einen asystolen Mantel verwandelt hatte, der sich nun über die ganze Stadt als Mittagssirene ausbreitete. Eine kleine Stadt muss es gewesen sein, jedenfalls fühlte sie sich klein an, als ich auf dieser Straße stand. Links von mir erhob sich eine große Mauer, die sich bis zum Horizont hinzog. Hinter ihr lag ein weites Feld mit runden Fabrikschloten, emporragende Säulen, die ihre Rauchladungen fortwährend wie niemals versiegende Geysire ausstießen. Riesenhafte Schwaden, die den Himmel durchzogen. Die aussahen, wie die zu Rauch gewordenen, sich wandelnden Seelen Verstorbener, die von den unzähligen Schäften aus der Erde befördert über die Stadt hinwegwanderten.
Kein Mensch war zu sehen, es gab nur eine Aneinanderreihung von schlichten Fachwerkhäusern zu meiner Rechten, die für das Auge ebenso endlos verlief wie die Mauer zu meiner Linken. Ich wusste nicht genau, weshalb ich hier war. Wusste nur, in welches Haus ich einkehren sollte. Es war ein Haus, das sich von den anderen Häusern äußerlich nicht sonderlich unterschied. Ich hatte nichts dabei, obwohl ich davon ausging, ich würde hier einige Zeit verweilen. Als ich es betrat, fand ich nichts weiter vor als eine kleine, vor mir liegende schmale Treppe, die offenbar ins Dachgeschoss hinaufführte. Die Stufen knarzten. Eine jede mit ihrem eigenen Ton. Auf der letzten angekommen, schritt ich einen ebenso schmalen Flur entlang, der zu einer mitternachtsblauen Tür führte, in die ein Auge mit einem gesenkten Lid eingelassen war. Darunter war ein goldenes Schild angebracht auf dem die feinziselierte Zeile stand:

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Sterne, bar aus Tod

Das Rot abruesten?
Erst du! Abarten, so
boese. Du. Starrt an
uns rote Bastarde!
Tust so aenderbar,
erbst es. Aorta und
ausartendes Brot.
Tabustern, da Eros
abtrat. So erde uns!

Skriptferne Saltcat

Nackte Spalterfrist:
Nacktpflasterstier.

Kastratene PC-Flirts.
Flickst Sterne apart.

Staatsk(as)erne : Flirt: pc.
Startfackelsprinte.

Sankt-Flirt-Carpet, es
alpe! Teststirn. Frack.

Nacktes sparte Flirt.

Flatterne Sparticks.
Apfelne Starttricks.

Liebe E.,

wie jedes Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten wirst du mir wieder eine Orchidee schenken. Ich hatte dich eigentlich schon einmal gebeten das zu lassen aber du hörst ja nicht auf mich. Jetzt habe ich derlei viele, dass ich sie schon nicht mehr zählen kann.

Was du jedoch noch nicht weißt: schon seit Weltweilen wohne ich in einem gläsernen Gewächshaus, mitten im Raum der Abendsonne, schreibe, schlafe darin. Befestigt an einem Abhang im Norden, befestigt an Aiga. In luftiger Hüfthöhe. Eine permanente Wärmezufuhr ist durch sie gewährleistet. Der Pflanzen wegen. (Also her mit der nächsten. Ich komme dich besuchen.) Unter meinen Füßen, da auch der Boden aus Glas, liegt Ymir in ihrem tiefen Nabel, dem man jeden Morgen seine kompakte Göttin, eine Kuh, herunterlässt, damit er von ihr trinken kann. Wir sind hier an diesem Ort schon recht weit oben, liebe E.. Die Kinder, die hier das Licht der Welt erblicken, ihr Lachen, das ich manchmal aus der Tiefe vernehme, hallt in den Bergen immer noch lange nach, bis sie recht schnell das Spielen lassen und von Aiga hinab ins Tal wandern, um dort sesshaft zu werden.

Sei gegrüßt, Kind der Berge! Die Zeit vergeht hier anders.

Um mich herum sind weitere Berge, zu meiner Linken, denn ich schreibe ihr, Aiga, zugewandt, ist ein Tunnel eröffnet worden. Auch eine asphaltierte Straße gibt es längst. Unterschiedlichste Karosserien, wie sie offenbar vom Band der Zeit fahren, kommen hier durch, wollen nach oben, zu irgendeinem Kreuz, das dort aufgestellt wurde. Nur wenn es Nacht ist, ist es ganz beruhigt, da man die Auffahrt sperrt. So ist es vereinbart. Dann stehe ich manchmal im Tunnel. Sehe zwei riesige Vögel im massiven Zustand wie Kosmen, inmitten ihrer Musik, wunderschön aufeinanderzugleiten. In anderen Nächten höre ich sie nur, ozeanisch, durch ein Schnabelrohr, das in mein Glashaus mündet. Dann sind am Himmel die Sterne besonders hell. Denn auch das Dach ist gläsern, wie du dir denken kannst.

Daher danke, liebe E., im Voraus und auch für all die Jahre zuvor.

A., dein 4. Kind

Unter Vorbehalt

Es ist gar nicht so sehr der Rede Wert, aber wir haben beschlossen, die Artikel-Frequenz im Phantastikon drastisch zu reduzieren. Der Arbeitsaufwand ist immens und steht in keinem Verhältnis mehr. Das fällt gerade jetzt ins Gewicht, da Albera ein Intensivlektorat zur Miskatonic Avenue durchführt, für die wir kurz vor Torschluss auch noch die Zusage von Kenneth Goldman bekommen haben. Einzig Jeff Jacobson hat sich nicht gemeldet, was gegenwärtig aber kein Beinbruch ist. Mit W. H. Pugmire bin ich sogar soweit, dass ich sein Okay habe, alle Texte von ihm zu übersetzen, was irgendwann zu einer eigenen Sammlung führen könnte. Thomas Ligotti hätte, wie er mir mitteilte, sehr gerne sein Teatro Grottesco wieder in deutscher Sprache zur Verfügung – und zwar nicht nur in abgespeckter Form; aber das kann ich natürlich nicht leisten. Trotzdem haben wir schon weitere Ausgaben zumindest angedacht. Ob das machbar ist, steht in den Sternen, vor allem, weil ich gerade vor Abschluss meiner eigenen Storysammlung Die Straße Malheur – Letzte Horrorstorys stehe. Aufgrund ihrer artifiziellen Sprache jetzt schon ein Ladenhüter, aber in der Avenue vielleicht noch am ehesten machbar. Daraus wird ‘Der Gehenkte’ nun doch als Coda in der Miskatonic Avenue Band 1 erscheinen, obwohl ich das gar nicht wollte.

Albera meint, ich solle nicht allein nur andere featuren, sondern mich auch um meinen Krempel kümmern. So sei es. Aber immer unter Vorbehalt, den ich mir gegenüber habe. Aber sie als Göttin muss es ja wissen.

Thomas Ligottis Tankstellen-Jahrmärkte (Gas Station Carnivals)

Ungewöhnlich innerhalb einer seiner Erzählungen zweimal lachen zu müssen. Das hatte ich nicht erwartet. Doch so erging es mir mit der Kurzgeschichte Tankstellen-Jahrmärkte (im Englischen: Gas Station Carnivals), die aus der Sammlung ‘The Nightmare Factory’ (1996) stammt. Und so konnte ich mich recht schnell entscheiden, mit welcher phantastischen Schauderphantasie Ligottis ich hier zuerst ins Feld ziehen würde.

 

‘Prince of Dark Fantasy’

Thomas Ligotti, der 1953 in Detroit, Michigan, USA, geboren wurde, gilt längst als Meister der ‘Dunklen Phantastik’ oder des ‘Pure Horror’. Mehrfach ausgezeichnet, ist es unmöglich, sein Werk einem einzelnen Genre zuzuweisen. Zu groß ist seine stilistische Bandbreite, zu artifiziell sein Schreiben, zu dräuend die Philosophie, die eine Psyche formt und hervorbringt, die seinen Erzählungen den Nährboden bereitet, was in dem 2010 erschienenem Sachbuch The Conspiracy Against the Human Race kulminierte.

Von Poe und Lovecraft beeinflusst, zählen auch Autoren wie Vladimir Nabokov, Franz Kafka, Thomas Bernhard und Bruno Schulz u.a. zu den von ihm hoch geschätzten. Nicht massentauglich, ging Ligotti eigene Wege, dem Horror eine Wiege zu erschreiben, die tief in einer conditio (in-)humana wurzelt, die wir in dieser Gewaltigkeit schon bei Lovecraft finden, und doch, anders als jener, ohne ein kosmisches Götterpantheon auskommt, das den Horror erst implementiert. Bei ihm ist es das Übernatürliche als solches, sind es kosmische Kräfte, die ins Bewusstsein des Individuums, des Protagonisten strömen, die ihm das ihn Umgebende instandsetzen. Die innere Welt wird nach außen gestülpt. Während die äußere wiederum mächtig auf die innere einwirkt: eine hoch psychosomatische sich gegenseitig durchdringende und gestaltende Verstoffwechslung von Individuum und seiner Umwelt. Äußere Zustände inkarnieren die seelischen und wieder umkehrt uswusf.. Dabei sind es Puppen, Marionetten und Harlequins, die als Unheilsbringer bei Ligotti fungieren.

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