In die Feder

Über das Gedicht sprechen, als könnte man es greifen, hört man an allen Ecken und Enden etwas wispern, flöten, gar tumulten, aber wieder vergessen; hört das eine nicht gern, vor allem dann, wenn es sich um deklarierte Standortbestimmungen des Gedichts handelt, wo doch eines fest steht: das Gedicht wird niemals einen Standort beziehen, niemals festsitzen in der Pfanne menschlichen Ermessens; das Gedicht will stets alles sein und ist eben nicht der Wort gewordene Moment, mit Zement wie eine Mauer hochgezogen.

Ich selbst habe mich bisher zurückhalten können, und das, obwohl ich mich a, als Lyriker verstehe (und ich muss betonen, dass ich in meiner Arbeit keinen generischen Unterschied zwischen Lyrik und Prosa mache), und b, zu allen möglichen Aspekten der Literatur bereits Aussagen getroffen habe. Ich habe mich unverrückbar in die Tiefe begeben und für einen kausalen Anstand, wie er vor allem in Deutschland alle Lebensbereiche durchquickt, nichts übrig. Über das Phänomen der Wahrnehmung lasse ich mich nicht selten aus, sie ist ein Bestandteil meines ganzen komplexen und labyrinthischen Schaffens geworden. Daß ich nirgendwo hingehöre stimmt nur für meine Sprache, und weil das Gedicht viel mehr mit dem Bodensatz eines Mutterwortes zu tun hat als die Prosa, sprechen wir immer auch über eine Eschatologie des Gedichts, wenn wir etwas Standort nennen wollen (in der Annahme, daß es einen Punkt gäbe, von dem sich die ganze Welt überblicken ließe).

„o tretet zu mir her, und betrachtet, was ihr fehler nennt, aus meinem standorte“ – Lessing

Daß sich ein Gedicht stets im Werden befindet, daß es sich, während es geschrieben, und sogar während es gelesen wird, noch nicht entwickelt hat, steht dem Wort schon selbst zu Gesicht; daß das Erdichten dem Schreiben identisch ist, daß es Erfindung bedeutet und das Einfassen dessen, was man aus dem immerwährenden Gedankenstrom herausreißt, deutet an, wo wir das, was ein Gedicht will, zu suchen haben. Man sieht ja gleich, daß hier jedes technische Geschwätz überflüssig ist, und daß wir dorthin kehren müssen, wo das Gedicht schließlich zu Hause ist: dort, wo etwas zur Sprache drängt, ohne Kommunikation sein zu wollen. Etwas diktiert (lat. dictare) und spricht dem Schreiber in die Feder – das schließt das Konzept völlig aus und steht hinter dem, was ein Gedicht ist, denn es ist nie das, was feststeht; die Symbole tanzen für jeden anders. Entnähmen wir dem Atlantik einen Tropfen Wasser, wer wollte herausfinden, berechnen und nachweisen, woher dieser Tropfen genau stammt, mit Länge und Breite? Selbst wenn etwas derartiges möglich sein sollte (der Versuch, die Wirklichkeit erstarren zu lassen ist ein unnützer Kraftaufwand, der schon sehr lange betrieben wird), würde man das Wogen des Meeres ignorieren, die Tatsache, daß unser gefangener Tropfen in der nächsten Sekunde bereits hundert Meilen westwärts, südwärts, egalwohinwärts sich mit einem anderen Tropfen vermählt, aufgeteilt, neu gefügt und weiter schwuppwegs geplantscht wäre? Oh ja, das würde man gerne wollen, man würde gern das Meer einfrieren, damit man Bewegung, Entwicklung und Verwicklung vermeide, damit man endlich alle Tropfen, die ein Meer enthalten kann, endgültig zu kartographieren wüsste. Für immer gültig, für den Sohn, den Enkel, den Urenkel.

Sämtliche Magie müsse aus der Wirklichkeit verschwinden gemacht werden. Und genau dann gäbe es kein Gedicht mehr. Ein Gedicht ist also auch Magie, ist Zauberspruch, Beschwörung, ist unfassbar (deshalb das groteske Gebaren der Reimer, die den Meereinfrierern die Hand reichen, damit endlich alles klar sei und die lexikalische Dichterei den Nachweis erbringe: es ist ja alles Schweiß und Fleiß, was sich da Lürick nennt, und man kann’s den Kindern mütlich neben der Mathematik unter den Brei mischen). Ah Perfido!