James Bond (Die Lizenz zum Erfolg)

Jede Epoche hat ihren Bond

Ian Flemings James Bond ist eine der bekanntesten und erfolgreichsten Ikonen der modernen Populärkultur. Die Romane haben sich über 100 Millionen Mal verkauft, und das Film-Franchise ist das zweiterfolgreichste der Geschichte, nachdem es durch die Harry Potter-Reihe abgelöst wurde. Für die meisten Leser und Zuschauer ist 007 nur eine westliche Pop-Ikone. In den Romanen und Filmen gibt es jedoch tiefere Unterströmungen, Themen, Symbole und Botschaften, die als psychologische Kriegsführung und Propaganda in eingehenden semiotischen Analysen bestätigt wurden und die vor allem der Semiologe und Autor Umberto Eco akribisch untersuchte. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde Bond zum Gegenstand des akademischen Interesses und der literarischen Seriosität. “James Bond (Die Lizenz zum Erfolg)” weiterlesen

Sherlock Holmes (Das erste Fandom der Geschichte)

Sherlock Holmes ist neben Dracula jene fiktive Figur, die in der Popkultur am meisten adaptiert und inszeniert wurde. Dass der Detektiv auf der ganzen Welt bekannt ist, liegt aber nicht an den kongenialen Originalgeschichten, sondern an den unzähligen Filmen, Theaterstücken, Musicals und Comics. Fast alle Symbole und Sätze, die aus den vielen Fernseh-, Film-, Theater- und anderen grafischen Reproduktionen stammen und die heute scheinbar zum Kanon gehören – wie etwa der Deerstalker-Hut – kommen in den Texten überhaupt nicht vor. Aber während diese dazu neigen, mit der Mode zu wechseln, scheinen die Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle, die immer wieder bearbeitet werden, sich in unserem kollektiven Bewusstsein festzuhalten wie nichts vor oder nach ihnen.

Der Reichenbach-Schock

1893 stieß der Autor Sir Arthur Conan Doyle den Detektiv Sherlock Holmes von einer Klippe. Die Klippe befand sich in der Schweiz. Es sind die berühmten Reichenbachfälle, die unter ihr dahinbrausen. Aber Conan Doyle war gar nicht vor Ort, er erledigte die Drecksarbeit von seinem Haus in London aus, in dem er schrieb. “Sherlock Holmes (Das erste Fandom der Geschichte)” weiterlesen

Lord Dunsany

In dem Stück “The Laughter of the Gods” des irischen Schriftstellers Lord Dunsany (Edward Plunkett) kann man folgende Zeile lesen:
“Ein Mensch ist eine sehr kleine Sache, und die Nacht ist sehr groß und voller Wunder.”
Man wird hier sehr kurz stutzen, denn irgendwie kommt einem dieser Satz bekannt vor, und dann hat man es herausgefunden. Diese Zeile erinnert an die Anrufung der Priesterin Melisandre in George R.R. Martins Lied von Eis und Feuer: Die Nacht ist dunkel und voller Schrecken. Es gibt im Grunde keinen Zweifel daran, dass Martin mit Dunsanys Arbeit vertraut, und diese Ähnlichkeit völlig beabsichtigt ist. Martin, wie viele wahrscheinlich wissen, genießt es, gelegentliche und schräge Verweise auf Werke anderer Autoren in Ein Lied von Eis und Feuer zu platzieren. H.P. Lovecraft ist einer jener Schriftsteller, die einige solcher Hinweise von Martin bekommen haben, und dieser war definitiv ein Anhänger Lord Dunsanys. “Lord Dunsany” weiterlesen

Primo & Secondo

Ich verstehe zumindest so viel, das ich zwei Leben habe. Eines, in dem ich mir regelmäßig Blut abnehmen lasse; und eines, in dem ich nur über Bedeutungen, Wahrnehmungen und Symbole nachdenke. Das “blutig” genannte Leben ist auch eines der Ernährung. Sind die Königsberger Klopse etwas anderes als Ricardo Piglias Kurzformen? Ist der Milchkefir, den ich seit präterpropter zwei Monaten anrichte etwas anderes als die Carl Barks-Sammlung? Und was hat das mit meinem Blut zu tun? — Die Suche nach Ursächlichkeit auf der einen Seite, die Lust am Widersinn auf der anderen. Chaos und Ordnung. Ich hätte schon Medizin studieren müssen, um mich zumindest ein wenig zu verstehen. Aber ich halte mir lieber einen Arzt. Früher waren es Hunde, Katzen …

Robert W.Chambers: Der König in Gelb

Die Sammlung seltsamer Jugendstil-Geschichten des amerikanischen Autors Robert W.Chambers blieb nahezu für ein ganzes Jahrhundert ein ungelesenes Buch. Die erste Hälfte des Buches besteht aus vier unheimlichen Geschichten, die, außer der losen Verbindung des Königs in Gelb, nichts miteinander zu tun haben.

Der König in Gelb ist ein Buch, das jeden, der es liest, in den Wahnsinn treibt. Chambers’ Sammlung war für damalige Verhältnisse seiner Zeit weit voraus. Sie ist einer der ersten literarischen Metatexte, einer Form, die bei so verschiedenen Autoren wie Franz Kafka, H.P. Lovecraft und Vladimir Nabokov Verwendung fand. Das Spiel mit Andeutungen, der literarische Isis-Schleier wurde hier geboren. Im letzten Jahr (2014), wurde dieses Buch, das zum Zentrum der HBO-Serie “True Detective” avancierte, an die Spitze der Amazon-Bestsellerlisten katapultiert. Aber auch in dieser ersten Staffel bleibt der König in Gelb ebenso ungesehen wie im Buch. Aufreizend angedeutet zwar, aber nie aufgedeckt. “Robert W.Chambers: Der König in Gelb” weiterlesen

Warum ich ein Phantast geworden

Vielleicht ist es das Dilemma der Geburt, das die Perspektive ein für alle Mal verändert, nachdem wir vorher nichts als Wärme kennengelernt haben, die sich um unseren Körper schmiegt, den wir noch gar nicht kennen und zu diesem Zeitpunkt auch nicht kennen wollen. Uns genügt das mütterliche Meer, in dem wir endlos träumen, bis eines Tages die Vertreibung eingeleitet wird. Das erklärt uns später die Sage von Eden, aber kein Apfel war daran schuld – Erkenntins ist doch eher ein hartes Brot. Das aber nehmen wir mit: dass etwas anders war. Vordem. Natürlich ist das vormundane Träumen eines, das die Konflikte des Ereignisses nicht kennt, denn es bedingt den Verlust, um überhaupt etwas suchen zu wollen. Dabei kann es sich nur um die Gänze des Universums handeln und um den Tod, in dem wir schlummernd lagen. Denn als wir noch nicht geboren waren, was wussten wir da vom Leben? Von des Lebens Entropie? Vom grundsätzlichen Vergehen des Seins? Vom Werden und genommen werden? Als ich noch zu jung war, um meine Seele strikt in meinem Körper zu halten, da schwebte ich über dem Dorf, in dem alle schlafend lagen und erfuhr die Grenze, die ich nicht überschreiten durfte durch ein Gefühl, das sich meiner bemächtigte, wenn ich den Waldrand im Nordosten erreichte. In diesem Stadium fragte ich mich nicht, was dahinter liegen könnte, denn obwohl sich alles genauso ausnahm wie ich es auch tagsüber kannte – abgesehen davon, dass ich es von oben betrachtete – wusste ich, dass es nicht der Weg in meine Geburtsstadt Selb sein konnte, der sich unter mir durch den Forst schlängelte und üppige Steinformationen links und rechts liegen ließ.

Erfahrungen wie diese ließen mich in späteren Jahren die Literatur durchforsten, um ähnliche Phänomene aus einer gewissen Sicherheit heraus und den Umgang damit zu erfahren. Denn vielleicht wäre ein anderer ja schon dort gewesen. Ich glaube, das ist der Scheideweg zwischen der Blindheit, die in jeglicher Religion lauert, und der gedanklichen Freiheit, die in der spekulativen Literatur zu finden ist. Die Philosophie ist der Mittler zwischen beidem. Anders aber als in sachbezogenen Texten weist die Fiktion ein Element auf, das für mich den wirklichen Kern einer Tatsache herausbildet: das Entstehen von Welten ist nur durch das Erzählen möglich. Wovon nicht zu sprechen ist, davon haben wir keine Vorstellung. Wo unsere Sprache endet, dort endet unser Horizont.

Die Imago, die Erinnerung, das Phantasma – sind für den Menschen nicht nur nicht minder wirklich als die ›wirklichen Verhältnisse‹, sie sind zugleich beweglicher, transportabler, schneller und können ihn deshalb in der Zeit vor und zurück versetzen.
Phantasie und Gedächtnis sind Vision und Erinnerung. Diese können die Wirklichkeit ersetzen.

Erst im Angesicht des Phantastischen, wenn die Vernunft ihre Kontrollmacht verliert, vermag sich die tiefste Empfindung des Seins zu äußern, eine Empfindung, die im Rahmen der ›wirklichen Welt‹ nicht hervortreten kann und die keinen anderen Ausweg findet, als dem ewigen Reiz der Symbole und der Mythen zu erliegen.

Robert Aickmann

Robert Aickman ist selbst in seinem Heimatland England ein vergessener Autor. Der 1914 geborene und 1981 an Krebs gestorbene Schriftsteller ist für Peter Straub der “tiefgründigste Verfasser” von Horrorstories des 20. Jahrhunderts. Eine Leserschaft, die ihn über den Kultstatus hinaus brachte, fand er zu seinen Lebzeiten nicht. Der  renommierte britische Verlag Faber & Faber hat das zu Aickmans Hundertsten Geburtstag 2014 geändert und veröffentlichte eine Sammlung seiner lang nicht mehr in Druck befindlichen Erzählungen.

48 strange stories, wie er seine Geschichten selbst nannte, sind von ihm bekannt. Für seine “Pages from a Young Girl’s Journal” bekam er 1975 den World Fantasy Award.

Um Aickman zu verstehen, muss man viel Aickman lesen. Laird Barron sagte, dass dies Arbeit bedeute. Man kehrt zu seinen Geschichten zurück, sucht nach einem Zugang, einer Nahtstelle oder dem versteckten Haken. Und sobald man ihn glaubt, gefunden zu haben, wird man später, wenn man wieder zu diesen Geschichten zurückkehrt, bemerken, daß sich alles verändert und verschoben hat. Aickman ist einer jener raren Autoren, die einen Virus im Gehirn hinterlassen. Mit diesem Autor zu interagieren, bedeutet, eine Art der Quantenverschränkung zu erleben. Seine Geschichten nehmen das Unterbewusstsein und mutieren es in einer Weise wie es die Aufgabe transgressiver Literatur ist. “Robert Aickmann” weiterlesen

Tod & Horror

https://phantastikon.de/der-vampir-im-laufe-der-geschichte/Wir lernen den Tod.

Wir werden durch Symbole, Rituale, Religionen, Sprache und Kunst gelehrt. Unsere gesellschaftliche Sicht der Sterblichkeit verschiebt sich immer dann, wenn sich in unserer Kultur Veränderungen vollziehen. Zum größten Teil, zumindest in der westlichen Gesellschaft, fürchten wir den Tod und versuchen ihn irgendwie zu besiegen, um Unsterblichkeit zu erlangen.

Die Notwendigkeit, den Tod zu besiegen, war stets ein Hauptimpuls der Menschheit. Vielleicht versuchen wir, Unsterblichkeit über die biologische Schiene zu erreichen, indem wir durch unsere Elternschaft versuchen, eine genetische Kontinuität zu erlangen. Ein anderer Weg, auf dem Menschen versucht haben, den Tod zu besiegen, ist durch Kreativität und Erfindungsgabe. Indem wir etwas machen, das über unsere Lebenszeit hinausgeht, versuchen wir die Unsterblichkeit zu finden. Dramatische oder bildende Kunst, Musik, Literatur, Gedanken; neue Wege, der Menschheit zu dienen, ermöglichen dem Schöpfer ein gewisses Maß an Leben jenseits des Grabes.

Wir suchen auch irgendeine Form des ewigen Lebens durch die Religion zu erreichen: eine Wiedergeburt, eine Auferstehung, eine Metamorphose, eine Art von Leben nach dem Tod. Religion in der Vergangenheit bot Trost, aber sie erzeugte auch Ängste, die zu gesellschaftlichen Kontrollen wurden. Lebe ich ein gutes Leben? Werde ich zur Hölle verdammt? Steht mir nach dem Tod ein Urteil bevor? Die Schaffung von Werten und Moral war ein Ergebnis dieser Annahme, dass ein Leben jenseits der Gegenwart irgendwie von den Handlungen oder Überzeugungen im eigenen Leben abhing.

Der Respekt, den wir den Toten entgegenbringen, ist ein anderer Weg, die Sterblichkeit zu besiegen. Die ersten nachweisbaren Zeichen der Zivilisation und der Anerkennung des Lebenszyklus waren die Art und Weise, wie WIR unsere Toten bestatteten. In der Tat basiert das, was wir heute über die Vergangenheit wissen, in der Regel auf Grabbeigaben und Artefakten, die mit den Toten bestattet wurden.

Friedhof bedeutet “Schlafplatz”. Denkmäler und Grabsteine ​​sind ebenfalls eine Möglichkeit, das Vergessen zu vermeiden. Die einfachen Grabsteine ​​und das Vorherrschen des Schädelsymbols in den frühen puritanischen Grabmälern spiegelten das Beharren des Puritaners wieder, dass die “Endzeit” nahe war und zeigten die Verachtung für eine garantiert temporäre Welt.

Im neunzehnten Jahrhundert wich die grimmige theologische Konzentration auf eine zum Untergang verurteilte Welt mit wenig Aussicht auf den Himmel schließlich einer weniger pessimistischen Form des Christentums. Es wurde Hoffnung auf ein besseres Leben in einem jenseitigen “gelobten Land” angeboten, wo man mit denjenigen wieder vereint werden konnte, die man vorher verloren hatte. Auch kam es zu einem soziologischen Wandel durch die neuen Wissenschaften der Psychiatrie und Psychologie und sogar der Kriminologie, so dass man glaubte, dass die Menschen reformiert oder zum Besseren verändert werden könnten. Auf Friedhöfen wurde dieser neue Optimismus durch süße, geflügelte Putten, tröstende Engeln, verzierte Gräber und den milden Grabinschriften jenes Jahrhunderts widergespiegelt. Der Tod selbst schien durch das Versprechen eines Lebens jenseits des Grabes weniger abschreckend zu sein.

Unsere modernen parkähnlichen Friedhöfe nehmen hier ihren Anfang als angenehme Orte innerhalb der städtischen Grenzen für die Lebenden, die so unter den Toten spazieren können, um über ein mögliches Wiedersehen nachzudenken. Tod und Trauer wurden im neunzehnten Jahrhundert häufig etwas romantisiert. In einer Zeit, als die Säuglings- und Kindersterblichkeit extrem hoch war, konnte dies ein beruhigender Gedanke sein.

Die Totenacker waren nicht länger an einen privaten ländlichen Familienfriedhof oder an das heilige Gelände der Kirche gebunden. Jede Person konnte an diesem neuen Ort der Ruhe begraben werden. Wenn sie wollten, konnten sie mit ihren Nachbarn oder Feuerwehrleuten oder Veteranen oder solchen, die die gleiche ethnische Herkunft hatten, begraben werden. Wenn man an das Leben nach dem Tod glaubte, konnte man sich auf einen Tag konzentrieren, an dem Gläubige aus dem Grab gerufen wurden. Der Gedanke war tröstlich, zu denken, man würde eines Tages selbst aus dem Grab gerufen. Die Religion war immer noch einflussreich, aber die städtischen gesellschaftlichen Bindungen koexistierten mit ihr. Ein weiterer ganz praktischer Einfluss war der erhöhte Platzbedarf durch verschiedene Krankheiten, die in nur kurzer Zeit Tausende auslöschten. Anfangs waren diese “Friedens-Höfe” vollgestopft mit gotischem Marmor und sogar kleinen Mausoleen. Aber schließlich ersetzten die schlichten einheitlichen Grabsteine ​​der Moderne das Individuelle und Dekorative. Sie spiegeln unsere gegenwärtige Betonung der Rationalität und unsere bürokratische Zeit wider.

Heute hat die Religion kein Monopol mehr auf den Tod – Gesetz und Medizin haben das übernommen. Durch Gesetzestexte können die Toten durch Vermächtnisse und Testamente unnatürliche Macht über die Lebenden ausüben. Der Tod ist kein natürlicher Teil des Lebens mehr. Unser Leben wurde erweitert und verlängert. Wir sterben nicht mehr zu Hause bei Verwandten, sondern in Institutionen, in die uns die moderne Wissenschaft versetzt hat. Wir fürchten den verlangsamten Akt des Sterbens in diesen Tagen vielleicht mehr als den Tod selbst. Jetzt sind es die Alten, die annehmbar und unter wenig Kummer sterben, und der Tod wird nicht mehr als nützlich erachtet. Einst kam der Tod vor allem über die Jungen und die Schwachen; jetzt ist es das junge, unerfüllte Leben, das man, wenn es verkürzt wird, betrauert.

Im Horror haben wir uns immer schon mit den Toten und mit dem negativen emotionalen Terror der Unsterblichkeit beschäftigt. Die meisten unserer Archetypen sind symbolische Darstellungen des Lebens jenseits der Realität und jenseits eines tröstlichen Lebens nach dem Tod. Gespenster sind hier meist die gestörten Geister der Toten; Zombies sind die lebenden Toten; Vampire sind ein Triumph der Unsterblichkeit – und auch ihr Fluch. Unsere Monster – wahre, verwandelte und menschliche – sind erschreckend, weil sie den vorzeitigen Tod bringen. Wir personifizieren das, was uns am Tod ängstigt: dass das nächste Leben schrecklicher sein könnte als das gegenwärtige; dass die Toten uns als Beute betrachten und dass all unsere Religion und Vernunft dies nicht verhindern kann; dass es böse Mächte gibt, die den Tod benutzen, einen Tod, der gewalttätig und unnatürlich ist; selbst wenn wir unsterblich sein sollten, werden wir ewig Leiden.

In den Vereinigten Staaten sind wir fasziniert von einem gewaltsamen, gefährlichen Tod, ja, vom Tod selbst – genau wie wir von der Erotik fasziniert sind. Das erwächst aus der Zurückhaltung in unserer Kultur, sich öffentlich mit diesen Themen zu befassen. Das, was wir leugnen, ist immer verführerisch. Es wurde beobachtet, dass, wenn Sex von den Gefühlen, der Liebe und der Zuneigung getrennt wird, pornografisch und daher reizvoll wird, es sich ebenso mit dem Tod verhält: auch er wird dadurch pornografisch, wenn er sich von der natürlichen Emotion der Trauer getrennt zeigt. Vielleicht ist es die angloamerikanische Prüderie gegenüber Sex und Tod, die den Horror in der Kultur so populär macht.

Wir behandeln diese Themen im modernen Horror ständig. Wir verführen den Leser und Betrachter dazu, Angst zu haben, indem wir ihn dazu nötigen, darüber nachzudenken, welche Annehmlichkeiten wir doch gefunden haben, um mit dem Tod fertig zu werden.

Laß uns schön zueinander sein

Es ist das neue Gesicht des Immensen, das strahlend über Luna wacht. Ein Großer Strom reicht uns nicht mehr bis zum Hals, hat uns gebeten, Landunter zu tauchen. Werke entstehen unter Einsatz des Lebens oder des guten Rufs. Ein guter Ruf wie dieser: Laß uns schön zueinander sein. Was bedeuten uns die Wechselgänge des Morgens in der Kammer der Lust? Was bedeutet die Bedeutung fernab der möglichen Worte? Adam und Eva, der Ackerboden und die Belebte, sind Symbole, die es gilt, neu aus nassem Lehm zu formen. Kann nicht sprechen ohne zu sprechen, kann nicht atmen, ohne zu atmen, kann nicht berühren, ohne die physikalische Grenze zu überschreiten, kann mich nicht daran erinnern, jemals nicht für diese Woche gelebt zu haben, die – längst angelegt: wann? – wie der Garten der Hesperiden perlte und sich im eigenen Abglanz suhlte, bewacht von Ladon, der sich längst der ausgestreckten Hand ergab, glänzend, tropfend vom goldensilbernen Tau der Körperquellen. Der Urgrund aller Geburt, den ersten Worten ein Gesang: Laß uns schön zueinander sein. Das Lied der unendlichen Strophen. Unser Atem ist sich des Odems bewußt, unser Odem ist Selket, die atmen läßt, unsere Hände sind geschlossen um das, was sich im Innern befindet, das Zentrum nämlich des Leuchtkörpers, arretiert und doch nicht fest.

 

In die Feder

Über das Gedicht sprechen, als könnte man es greifen, hört man an allen Ecken und Enden etwas wispern, flöten, gar tumulten, aber wieder vergessen; hört das eine nicht gern, vor allem dann, wenn es sich um deklarierte Standortbestimmungen des Gedichts handelt, wo doch eines fest steht: das Gedicht wird niemals einen Standort beziehen, niemals festsitzen in der Pfanne menschlichen Ermessens; das Gedicht will stets alles sein und ist eben nicht der Wort gewordene Moment, mit Zement wie eine Mauer hochgezogen.

Ich selbst habe mich bisher zurückhalten können, und das, obwohl ich mich a, als Lyriker verstehe (und ich muss betonen, dass ich in meiner Arbeit keinen generischen Unterschied zwischen Lyrik und Prosa mache), und b, zu allen möglichen Aspekten der Literatur bereits Aussagen getroffen habe. Ich habe mich unverrückbar in die Tiefe begeben und für einen kausalen Anstand, wie er vor allem in Deutschland alle Lebensbereiche durchquickt, nichts übrig. Über das Phänomen der Wahrnehmung lasse ich mich nicht selten aus, sie ist ein Bestandteil meines ganzen komplexen und labyrinthischen Schaffens geworden. Daß ich nirgendwo hingehöre stimmt nur für meine Sprache, und weil das Gedicht viel mehr mit dem Bodensatz eines Mutterwortes zu tun hat als die Prosa, sprechen wir immer auch über eine Eschatologie des Gedichts, wenn wir etwas Standort nennen wollen (in der Annahme, daß es einen Punkt gäbe, von dem sich die ganze Welt überblicken ließe).

„o tretet zu mir her, und betrachtet, was ihr fehler nennt, aus meinem standorte“ – Lessing

Daß sich ein Gedicht stets im Werden befindet, daß es sich, während es geschrieben, und sogar während es gelesen wird, noch nicht entwickelt hat, steht dem Wort schon selbst zu Gesicht; daß das Erdichten dem Schreiben identisch ist, daß es Erfindung bedeutet und das Einfassen dessen, was man aus dem immerwährenden Gedankenstrom herausreißt, deutet an, wo wir das, was ein Gedicht will, zu suchen haben. Man sieht ja gleich, daß hier jedes technische Geschwätz überflüssig ist, und daß wir dorthin kehren müssen, wo das Gedicht schließlich zu Hause ist: dort, wo etwas zur Sprache drängt, ohne Kommunikation sein zu wollen. Etwas diktiert (lat. dictare) und spricht dem Schreiber in die Feder – das schließt das Konzept völlig aus und steht hinter dem, was ein Gedicht ist, denn es ist nie das, was feststeht; die Symbole tanzen für jeden anders. Entnähmen wir dem Atlantik einen Tropfen Wasser, wer wollte herausfinden, berechnen und nachweisen, woher dieser Tropfen genau stammt, mit Länge und Breite? Selbst wenn etwas derartiges möglich sein sollte (der Versuch, die Wirklichkeit erstarren zu lassen ist ein unnützer Kraftaufwand, der schon sehr lange betrieben wird), würde man das Wogen des Meeres ignorieren, die Tatsache, daß unser gefangener Tropfen in der nächsten Sekunde bereits hundert Meilen westwärts, südwärts, egalwohinwärts sich mit einem anderen Tropfen vermählt, aufgeteilt, neu gefügt und weiter schwuppwegs geplantscht wäre? Oh ja, das würde man gerne wollen, man würde gern das Meer einfrieren, damit man Bewegung, Entwicklung und Verwicklung vermeide, damit man endlich alle Tropfen, die ein Meer enthalten kann, endgültig zu kartographieren wüsste. Für immer gültig, für den Sohn, den Enkel, den Urenkel.

Sämtliche Magie müsse aus der Wirklichkeit verschwinden gemacht werden. Und genau dann gäbe es kein Gedicht mehr. Ein Gedicht ist also auch Magie, ist Zauberspruch, Beschwörung, ist unfassbar (deshalb das groteske Gebaren der Reimer, die den Meereinfrierern die Hand reichen, damit endlich alles klar sei und die lexikalische Dichterei den Nachweis erbringe: es ist ja alles Schweiß und Fleiß, was sich da Lürick nennt, und man kann’s den Kindern mütlich neben der Mathematik unter den Brei mischen). Ah Perfido!